Körbchen voll schöner Äpfel und Trauben auf den Tisch gestellt . Sie tat es nun einmal nicht anders ! Käthi war mit dieser Einrichtung äußerst einverstanden und die Zeit verging ihr sehr schnell . Sie hatte kaum den dritten Apfel verzehrt , als Ernestine mit Leonhardt eintrat . Beide waren stillbewegt . Beide hatten rotgeweinte Augen . Käthchen wollte hinaus , um Walter zu rufen , wie er befohlen . „ „ Bleib , Käthchen , “ sagte Ernestine , „ ich will selbst mit Herrn Leonhardt hinaufgehen und sehen , ob und was er gearbeitet . “ „ Ach Gott , das gnädige Fräulein wollen sich doch nicht in die Dachkammer bemühen ? “ „ Liebe Frau Leonhardt , “ sagte Ernestine mit trübem Lächeln , „ mein Weg geht von nun an wohl nur noch durch Dachkammern . “ Und sie nahm Leonhardts Arm und überließ die alte Frau ihrer Verwunderung . Walter sprang wie von Glut übergössen von seinem Sessel empor , als Ernestine mit seinem Vater eintrat . „ O mein Gott — Sie kommen zu mir ? “ rief er : „ Sind Sie es denn , oder ist es die verkörperte Wissenschaft , die sich meines Strebens erbarmen will und zu mir niedersteigt , um mir zu helfen ? “ „ Walter , Sie beschämen mich , “ sagte Ernestine . „ Ich Sie beschämen ? “ rief der schwärmerische junge Mann . „ Sie , den Inbegriff aller Größe , aller Geistesherrlichkeit , vor dem ich nur ein Schüler , ein Bettler bin ? “ „ Walter , sprechen Sie nicht so mit mir . Sie wissen nicht , was Sie tun ! Ich habe mich unter vielen Schmerzen bescheiden gelernt , habe mich zu der Demut meines Geschlechtes zurückgerungen nach manchem blutigen Sieg über mich selbst — aber noch bin ich schwach und solche Worte könnten leicht den kaum bewältigten Ehrgeiz wieder wecken . Sie meinen es gut , Walter , aber ich darf an der Grenze meines verlassenen Reichs keine Stimme mehr hören , die mich zurückruft in die alte geliebte Geistes-Heimat . Ich komme , um Abschied zu nehmen , Walter . Ihr Vater wird Ihnen sagen , warum und wohin ich gehe ! “ „ O , Fräulein Ernestine , “ klagte Walter , „ Sie wollen fort und , wie es scheint , auch der Wissenschaft entsagen ? “ „ Ich muß entsagen , Walter , und wenn auch vielleicht nicht der Wissenschaft , so doch der Forschung . Ich muß durch mein Wissen mein Leben fristen und das kann ja eine Frau in unserer Zeit nur als Lehrerin . Ich werde mich begnügen müssen , in einem Mädcheninstitut vor einem Auditorium von — Kindern meine Vorlesungen zu halten . Die Männer wollen nun einmal kein Weib zum Professor — und der Mann — will keinen Professor zum Weib ! So oder so bin ich unmöglich , die Welt ist anders als ich träumte , sie hat keinen Raum für das Streben einer Frau , und um mir ihn zu schaffen , dazu bin ich zu schwach . “ „ Schade , schade ! “ sprach Walter , „ wenn solch eine Frau sich erst Raum erkämpfen muß . Auf Händen sollte man sie tragen , auf ein Piedestal stellen , und war ’ s nur um der erhabenen Schönheit eines solchen Geistes in solchem Leibe willen ! “ Leonhardt zupfte den leidenschaftlichen Sprecher am Ärmel . „ Nein , Vater , ich will reden , ich will dem Zorn Luft machen , der schon lange in mir gährt , dem Zorn über die Engherzigkeit , die solch eine Erscheinung , statt die Majestät der Menschennatur in ihr zu verehren , zum schnöden Kampfe ums Dasein verdammt . “ Ernestine verhüllte das Gesicht mit beiden Händen , ein schwerer Seufzer rang sich aus ihrer Brust . Leonhardt schüttelte mißbilligend das Haupt gegen seinen Sohn : „ Es ist nicht gut , Walter , einem Men ­ schen , der entsagen muß , die Entsagung schwer zu machen . Ernestine ist und wird immer groß sein — und in der Bescheidung , die sie sich jetzt auferlegt , am größten . Wir , Walter , können die Welt nicht anders machen und Ernestine ist ein Weib — sie muß sich fügen . “ „ Ja , fügen ! “ wiederholte Ernestine und man hörte deutlich , wie sie in neu ausbrechender Qual die Zähne übereinander biß . „ Fräulein Ernestine , “ flehte Walter , „ verzeihen Sie mir , daß ich Sie erregt und kaum Begrabenes aufgerüttelt habe . Das war gut gemeint , denn mit welchem Schmerz ich Sie aus dem Bereiche scheiden sehe , in dem ich heimisch werden will , das kann ich Ihnen nicht sagen . Es ist mir zu Mute wie dem Künstler , den seine Muse verläßt , wie dem gläubigen Schwärmer , dem seine Heilige den Rücken wendet . “ „ Walter , “ sprach Ernestine gefaßt , aber mit gehobener Brust : „ In Ihren Worten liegt eine schwere — und , wie ich hoffe , letzte Versuchung . Ich will sie bestehen , und wenn Sie älter sind , dann werden Sie erst begreifen , wie ich es konnte . Sie sind eben noch sehr jung , Walter , ich weiß , wie man da denkt und fühlt , es ist ja nicht so lange her , daß ich es auch war , eigentlich kaum sechs Wochen ! Ich bin in der kurzen Frist um sechs Jahre gealtert und betrachte mich selbst und die Menschen mit andern Augen , denn ich kämpfe jetzt , wie Sie sagen , einfach den Kampf ums Dasein ! “ Sie näherte sich einem Büchergestell , auf das ihr gegenüber soeben schräge Sonnenstrahlen fielen . „ Ja , mein alter Darwin — Dein erlauchter Name glänzt mir noch einmal entgegen — jetzt erst verstehe ich Dich ganz und ahne etwas von dem hehren Grabesfrieden Deiner Lehre ! “ Sie reichte Walter unter Tränen die Hand : „ Ihnen danke ich , daß Sie mir noch für einen Augenblick die Genugtuung gewährten , mich als < < große Frau > > zu empfinden . Es war ein schmerzliches , aber doch ein Glück ! “ Walter betrachtete sie mit Begeisterung : „ O glauben Sie mir , die Wissenschaft , nach der ich strebe , wird mir immer in Ihnen verkörpert bleiben , wird immer nur Ihre Züge tragen . Und wenn etwas aus mir wird , — dann haben Sie es aus mir gemacht . Wie Sie mir äußerlich die Utensilien liehen , ohne die ich meine Studien nie fortsetzen gekonnt hätte , so streuten Sie mit Ihrem schöpferischen Geist tausend Gedankenkeime in mir aus , die , wie ich hoffe , mit der Zeit zur Reife kommen sollen , und Ihr Beispiel lehrte mich das Glück der Arbeit erst erkennen . Wer soviel für einen Menschen getan , der darf sich dreist als das empfinden , was Sie mir ewig bleiben werden : eine Vorsehung . “ „ Walter , dies Wort aus einem Munde , der berufen ist , die Wahrheit zu verkünden , wie selten einer — dieses Wort lohnt ein ganzes Leben der Mühe ! — Sie haben eine große Zukunft , Walter ; wenn ich denken darf , daß ich in meiner Art etwas dazu beigetragen , Sie Ihrer Bestimmung näher zu bringen , dann will ich getrost herniedersteigen aus meiner geträumten Höhe , denn dann habe ich nicht umsonst gearbeitet und gestrebt ! — Ich muß nun fort . “ Sie sah sich im Zimmer um , wo ihr Blick hinfiel , lag und stand einer ihrer Apparate , sie faltete die Hände : „ Diese Sachen , Walter , bewahren Sie mir treulich auf — vielleicht kommt einmal der Augenblick , wo ich sie zurückverlange “ — sie kämpfte eine Träne hinunter — sie wußte , daß dieser Augenblick nie kommen werde : „ Bis dahin , “ fuhr sie fort , „ betrachten Sie Alles als Ihr Eigentum . “ — Ihre Augen ruhten wehmütig auf den Gegenständen , die so lange ihre einzige Freude , die treuen Gefährten ihres Fleißes waren . „ So fahrt denn hin ! Ich entlasse Euch , Ihr dienenden Geister , die in jenen Geräten hausen und mir bald die Sterne nahe brachten , bald das Innere der Erde vor mir auftaten , ich kann Euch nicht mehr brauchen , denn ich muß zurück in die Prosa der Alltäglichkeit ! Ich muß werden wie die Andern , — der Zauber ist aus , ich bin nicht wissend , nicht sehend mehr ! “ Sie verließ geräuschlos das Zimmer . Walter warf sich Leonhardt , der ihr folgen wollte , in die Arme . „ Du weinst , mein Sohn ? “ „ O , Vater , ich weiß selbst nicht warum . “ „ Ich verstehe Dich , mein Sohn : Du weinst um die verlorene Poesie des Lebens . Wem von uns wäre in seiner Jugend eine solche Träne erspart gewesen ? ! “ Eine Viertelstunde später flog der Wagen mit Ernestine und Gretchen durch das Dorf dem Schlosse zu und noch lange stand der alte Leonhardt unter der Haustür und lauschte dem sich entfernenden Rollen der Räder , da er dem Wagen nicht nachblicken konnte . Ernestine saß in sich gekehrt , schmerzversunken da . Plötzlich klopfte sie dem Kutscher , er hielt die Pferde an . Sie waren vor der Kirche angelangt . „ Bleib hier und erwarte mich , “ befahl sie Gretchen , „ ich will einen Augenblick da hineintreten . “ Sie stieg hinaus und näherte sich der Tür . Diese war nur angelehnt . Ihre Hand zögerte beim Öffnen . Was trieb sie so unwiderstehlich in die kleine , armselige Dorfkirche ? Die Erinnerung ! — Wie ein gemalter Vorhang , so schoben sich vor dieser engen Pforte die Erlebnisse , Gedanken und Gefühle der letzten zwölf Jahre zurück . Und es war wieder die Kirchtür in ihrer nördlichen Heimat , vor der sie stand zagend und verlangend , ein zweifelndes , verzweifelndes Kind . „ Tritt hinein und lerne Dich beugen , “ sprach es in ihr wie damals . Und sie trat leise und schüchtern ein . Es war leer und still darin , denn es war Werktag und die Leute an der Arbeit . Die Wege zwischen den Stühlen waren mit grünem Buchs bestreut vom letzten Feiertage her und starker Weihrauchduft erfüllte den Raum . Durch die gemalten Fenster warf die Sonne bunte Lichter auf ein Marienbild . Eine aufgestörte Schwalbe , die den Sommer durch in dem Bogen der Kuppel genistet hatte , flog kreisend über Ernestinens Haupt hin , wie die Taube des heiligen Geistes . Ernestine schritt langsam an den stummen Beichtstühlen vorüber , wo so manches schwere Herz sich in brünstigen Bekenntnissen entlastet und Vergebung im Namen des Herrn empfing . Ernestine dachte mitleidig der Umwege , auf denen die irrende Seele hier zu Gott gelangen will . „ Geradeaus zu ihm ! “ rief es in ihr . Sie eilte rascher weiter auf dem weichen , grünen Boden dem Altar zu . War es derselbe , wo sie vor zwölf Jahren gekniet und geweint ? Ob er es war — ob nicht — es war derselbe Gott , dessen Abbild hier wie dort von seinem Kreuze herabblickte und ihre Seele rührte wie einst ! Sie stand vor ihm wie einst und sah , daß sie nur einen Kreislauf vollzogen , daß sie da wieder angekommen , von wo sie vor zwölf Jahren ausgegangen war . Und sie breitete die Arme aus und warf sich auf die Knie nieder : „ Vater , “ rief sie , „ ich kehre zurück , nimm mich auf ! “ Sechstes Kapitel „ Ums tägliche Brot ! “ „ Daß es auch gerade ein so harter Winter werden mußte , “ sagte Ernestine zu sich selbst und sah brütend durch die blinden Scheiben des kleinen Fensters , an dem sie saß , auf die nahen Dächer der Hofgebäude , die ihre Aussicht bildeten . Sie lagen voll Schnee , auch das äußere Gesims war weiß . Ernestine kauerte sich zusammen und wickelte die Hände in die baumwollene Schürze , die sie trug . „ Nun , ich wollte ja Alles kennen , warum nicht auch die Not , den Hunger , die Kälte — diese großen Feinde , mit denen das Menschengeschlecht zu ringen hat ? Ich hätte soviel über die Enthaltsamkeit philosophiert , da ich noch in der warmen Stube am gedeckten Tische saß — und sollte nun verzagen ? Nein , der muß erst geboren werden , der mich um Hilfe rufen hört . “ Sie stand auf und ging festen Schrittes in dem engen Raum auf und nieder . Es war eine finstere Mansarde , eine Art Küche , wenigstens stand ein Kochofen und ein Schrankchen mit etwas Geschirr darin . Der Boden war mit Steinen gepflastert . Ernestine fror an den Füßen . „ Was mag die Uhr sein ? “ dachte sie . „ Der Briefträger muß doch bald kommen . Es ist schrecklich , so ganz ohne Zeiteinteilung leben zu müssen . “ Sie horchte , ob sie keine Kirchenuhr schlagen höre . Sie trat zu dem Zweck an das Fenster und ihr Auge irrte über die weißen Dächer hin nach einer ferne aufragenden Turmspitze . Nicht einmal die Sonne war zu sehen durch die dichte Schneeluft . Es war ein echter Wintertag . Geradeüber hauchte ein kleiner Junge runde Gucklöcher in die gefrorenen Scheiben und ein paar blaue Kinderaugen lugten hindurch zu ihr herüber . Sie nickte ihm , sie kannte den herzigen Nachbarsbuben gar wohl . Das Köpfchen hinter den aufgetauten Löchern nickte gleichfalls . Sie dachte an den kleinen Kay und an ihre nordischen Winter.118 — Da fing der Schnee vor dem Fenster sich an zu heben , wie eine weiße Wolke . Er verschleierte ihr den Ausblick , er formte sich allmählich zu einer menschlichen Gestalt , er bildete ein weites , wallendes Kleid ; da begann zu funkeln und zu glitzern wie von silbergefaßten Diamanten übersät und ein Schleier wehte in den Lüften von gefrorenen Spinnenfäden gewoben . Unter dem Schleier aber schaute ein weißes Antlitz zu ihr herein , mit starren durchsichtigen Augen wie von Kristall und ein Diadem von Eistropfen glänzte auf dem schönen Haupte , das waren die Tränen Aller , die in Schnee und Eis umkamen , seit die Welt besteht und aller der Armen , die hungern und frieren zur Winterszeit ; ein Diadem , wie es reicher an Perlen kein Monarch der Erde aufzuweisen hat . Einen Schild trug die mächtige Gestalt in der Hand , das war eine der Eisschollen , an denen die unzähligen Schiffe der Forscher scheiterten , die sich hinaufgewagt zum Nordpol in das unwirtliche Reich der Schneekönigin . Mit der andern Hand aber führte sie den kleinen Knaben von drüben , denn es gelüstete sie nach ein paar roten Korallen zu ihrem farblosen Ge ­ schmeide , nach ein paar Tropfen warmen Herzblutes . Das war die Schneekönigin aus den Märchenträumen von Ernestinens Kindheit . Aber sie war noch majestätischer , noch finsterer , als damals , und sie sprach eine andere Sprache zu ihr : „ Ich kenne Dich , Du hast mich nie so gefürchtet wie jetzt , da Dich kein warmes Dach , keine feste Mauer mehr vor meinem kalten Atem schützt . Aber ich tu ’ Dir kein Leid , denn Du gehörst zu Denen , die an die Zukunft meines Reiches glauben , die da wissen , daß es sich in tausend und aber tausend Jahren über die ganze Erde verbreiten wird , wenn all ’ die kreisende Kraft umgesetzt und alles Leben in ein anderes umgelebt ist ! Ja , dann ist meine Zeit da — dann ist Ruhe , ewige Eisesruhe hier unten und ich lache der alten , ausgebrannten Sonne , wenn sie da oben hängen wird , eine verglühte Kohle und mich beneiden um den Schimmer meiner diamantenen Palläste , die sie nun nicht mehr schmelzen kann . “ So sprach die Schneekönigin zu der sinnenden Gelehrten und ein stiller Schmerz legte sich wie ein kalter Reif um ihr Herz , der Schmerz um das Ende alles Seins hienieden , der Schmerz um das „ jüngste Gericht einer ewigen Eiszeit , “ wie du Bois sagt . Die Schneekönigin war verschwunden und der kleine Kay mit ihr . Ein dichtes Schneegestöber verhüllte den Weg , den sie nahm . Langsam und schwach , als wären sie eingefroren , und könnten nur schwer lostauen , fielen zwölf Schlage von der Turmglocke hernieder . Ernestine hörte es nicht . Sie saß gebeugten Hauptes am Fenster . Da war es , als riefe die Stimme der entschwundenen Schneekönigin zu ihr herab : „ Tu ’ die Augen auf und siehe ! “ Und Ernestine schlug die Augen auf und sah — sah über Billionen Jahre hinaus . — Da stand die verglühende , licht- und kraftlose Sonne am Himmel , wie eine blutige Scheibe ; die dichten , niederhängenden Wolken waren mit schmutzigem Rot angehaucht und trübe Dämmerung lag über der kalten Erde . Auf der starren Rinde krochen nur noch wenige elende , vertierte Geschöpfe zwischen unwirtlichen Schollen umher und suchten ihr Dasein von den spärlichen Resten einer verkümmerten Vegetation zu fristen . Ernestine wandte schwermütig den Blick ab von dem unsäglich trostlosen Bilde . Aber wieder mußte sie schauen , wie ihr befohlen war . — Wieder zogen Jahrtausende an ihr vorüber . Und immer dunkler wurde es und immer kälter . Die rote Scheibe verblaßte und alle Farbe mit ihr . Ernestine sah Alles nur noch Grau in Grau . Müde vom vergeblichen Kampf hauchte das letzte organische Leben den Todesseufzer aus und legte sich nieder zur ewigen Rast . — Da war es endlich Nacht . Der Erdball drehte sich noch immer in blinder Gesetzlichkeit um die verkohlte Masse , die ihm einst Sonne war . Doch das nächtige Firmament war klar und wolkenlos , denn der abgestorbenen Erde entstiegen keine Dünste mehr , die sich verdichten und den Strahl der Sterne hemmen konnten . Und Ernestine sah bei ihrem Schein die tote Erde mit ihren unermeßlichen Bergen und Tälern von Eis , den gefrorenen Flüssen und Meeren — und der ewigen Stille und Ruhe , ein riesiges Grabmal alles Lebens . — „ Aber wo , wie , in welcher Gestalt regen sich nun die verwandelten Kräfte dieser verbrauchten Welt , “ fragte Ernestine , „ denn verloren geht ja nichts im All ? ! “ „ Ach Du lieber Gott , da sitzt sie in der kalten Küche und träumt , “ ertönte plötzlich eine frische , helle Stimme . „ Kein Feuer auf dem Herd , keine Suppe gekocht — oder doch ? Ja , aber wie : ganz verbrannt ! Gute Ernestine , was hast Du denn wieder gemacht ? “ Ernestine war aufgesprungen und starrte die Sprecherin an , als käme sie aus einer andern Welt . Gretchen , denn diese war es , legte ein paar Schulbücher weg , die es unter dem Arm hatte , warf Kapuze und Mantel ab und machte sich über den verwahrlosten Suppentopf her . „ Richtig , da hast Du zuerst ein furchtbares Feuer angezündet und Dich dann nicht mehr darum gekümmert . Die Brühe ist nicht abgeschäumt , das Rindfleisch angebrannt und doch noch halb roh . Du hast seit wenigstens einer Stunde nichts mehr nachgelegt . “ „ Ach , es ist aber auch schlimm , daß wir noch meine Uhr verkaufen mußten , “ entschuldigte sich Ernestine . „ Nun weiß ich gar nicht mehr , wie ich daran bin . “ „ Ach geh , “ schalt Gretchen , „ Du siehst doch , ob die Suppe kocht oder nicht , und ob das Feuer brennt oder nicht . Dazu brauchst Du keine Uhr ! Wenn man recht will , geht Alles ! Du hast mir oft genug bewiesen , daß Du schon ganz ordentlich kochen kannst , wenn Du Dir Mühe gibst . Aber man kann Dir nicht einmal Suppe und Rindfleisch anvertrauen , weil Du Alles vergißt , wenn Dir was durch den Kopf geht . “ „ Gretchen , sei nicht böse , “ bat Ernestine . „ Ach ’ s ist ja wahr , nun ist wieder das liebe , sauer verdiente Gut verdorben , wir haben keinen Groschen mehr im Haus und ich bekomme morgen erst mein Stundengeld . “ Gretchen traten vor Unmut die Tränen in die Augen : „ Es ist mir ja mehr um Dich als um mich , — ich bin stark und brauche kein Fleisch , — aber Du , Du hättest doch an Dich denken sollen , wenn nicht an mich ! “ Ernestine sah verlegen bald in die Kasserole bald auf Gretchen . „ Du hast Recht , “ sagte sie , „ es ist erbärmlich von mir , nicht einmal dafür zu sorgen , daß Du armes Kind , wenn Du ermüdet von dem schweren Tagewerk heimkehrst , womit Du Deinen und meinen Unterhalt bestreitest , einen warmen , genießbaren Bissen findest . Ich bin wirklich ein recht unnützes Geschöpf . “ Gretchen war durch diese Entschuldigung schnell versöhnt , sie lachte schon wieder und schlang ihre Arme um Ernestinens Hals : „ Ach meine schöne , große , geistvolle Schwester , ich bin recht häßlich , Dich zu schelten . Da steht sie nun , diese königliche Ernestine und bittet um Verzeihung wie ein armes Aschenbrödel wegen einer verbrannten Suppe . Beruhige Dich , meine Seele , Du weißt es nicht , wie rührend , wie verehrungswürdig Du mir in dieser Demut erscheinst . Schau , niederknien möcht ’ ich vor Dir , wenn Du ’ s nur leiden wolltest . “ Sie drückte einen Kuß auf Ernestinens Lippen : „ Ach Gott , das arme , verlegene , bekümmerte Gesichtchen . Glaub , süße Ernestine , den Anblick dieses Gesichtchens gebe ich nicht her um alle Mahlzeiten der Welt , “ und sie brach in ein reizendes , kindliches Lachen aus . Ernestine umschlang sie : „ Du verziehst mich , “ sagte sie weich . „ O nein , das muß ich mir sehr verbitten , “ rief Gretchen , „ ich erziehe Dich . Aber nun ist genug geschwatzt . Gehandelt muß werden und zwar rasch , denn ich muß um zwei Uhr wieder in meine Schule . Nüchtern können wir heute nicht bleiben . Das Fleisch müssen wir für heute Abend ausheben , es wird bis zwei Uhr nicht mehr gar . Es hilft nichts , wir müssen uns einen Eierkuchen erlauben . “ „ Aber den laß mich machen , “ rief Ernestine , „ setze Dich ruhig hin und raste , denn Du bist ermüdet . “ „ O , Dich soll ich ihn machen lassen ? “ fragte Gretchen . „ Das wäre schön , wenn Du ihn auch noch verdirbst , dann haben wir gar nichts mehr zu essen , denn sieh “ — sie zog die Mehlschublade auf , „ wir haben gerade noch Mehl für einen einzigen Eierkuchen , „ entrönne dieser kraftlos meinen Händen , ich hätte keinen zweiten zu versenden , “ sagt Schiller . “ „ Gretchen , “ bat Ernestine , „ ich verderbe ihn gewiß nicht , ich möchte so gerne meine Ehre vor Dir herstellen , laß mich ’ s nur versuchen . “ „ Liebste , beste Ernestine , “ klagte Gretchen , „ glaub mir nur , zum Experimentieren reicht es nicht mehr bei uns . So lange wir noch Geld hatten , kam es mir auf ein verpfuschtes Gericht mehr oder weniger gewiß nicht an , aber jetzt müssen wir jeden Groschen zusammenhalten , es geht nicht anders . “ Und dabei rührte sie die Eier ein und Ernestine beeilte sich , Holz nachzulegen . „ Laß das nur , “ rief Gretchen , „ wenn Du etwas tun willst , so mach den Salat an , wir haben noch ein Köpfchen Endivien dort im Korbe , aber spute Dich , denn der Eierkuchen ist gleich fertig . “ Ernestine schickte sich an , so schnell sie konnte , den Salat zu waschen und zu schneiden , sie wollte doch auch etwas tun . Plötzlich hörte Gretchen , die mit der Pfanne am Herde stand , einen leisen Ausruf des Schreckens und als sie sich umwendete , sah sie Ernestinen in größter Bestürzung mit der Ölflasche vor dem Salat . „ Was hast Du denn gemacht , “ rief Gretchen und eilte herbei . „ Du wirst Dich doch nicht in der Flasche vergriffen haben ? “ Sie roch an dem Salat und schlug die Hände zusammen : „ Ei , du grundgütiger Himmel , sie hat richtig das Petroleum erwischt ! Was fangen wir an ? Nun können wir heute Abend im Finstern sitzen , der Wochenvorrat ist erschöpft ! Schade um den schönen Salat und das schöne Petroleum , jedes an sich so wertvoll , aber Beides zusammen ganz unbrauchbar ! Gute Ernestine , jetzt fordere aber auch nicht mehr , daß ich Dich heute in der Küche lasse , Du hast nun einmal einen Unglückstag . “ Sie band ihr mit komischem Pathos die Küchenschürze ab . „ Ich entkleide Dich hiermit feierlich Deiner Würde . Du hast Dich heute nicht wert gezeigt , dieses Ornat zu tragen , geh in das Zimmer und warte dort ruhig , bis ich den Eierkuchen bringe . “ Damit schob sie Ernestine zur Tür hinaus . Als sie zu ihr hineinkam , fand sie Ernestine mit rot geweinten Augen über einer Handarbeit sitzend . „ Schätzchen , “ sagte sie , „ ich glaube gar , Du weinst , das wäre noch schöner , wegen einer solchen Kleinigkeit ! Sieh mal , ich muß doch ein wenig genau mit Dir sein , Du lernst mir ja sonst nie sparen und auf die Dinge achten . Ernestinchen , bist Du mir böse , weil ich Dich schalt ? Geh , das war ja doch nur Scherz . “ „ Wie könnte ich Dir zürnen , Dir ! Über mich selbst weine ich , weil ich zu gar nichts auf der Welt nütze bin ! Wenn ich Dich , Du Engel , nicht hätte , was würde denn aus mir ? Kein Kind von acht Jahren kann unbeholfener und ungeschickter sein als ich . Wer hätte die Geduld mit mir , die Du treues Herz mit mir hast ? Denkst Du denn , solch ein Gefühl sei nicht niederdrückend ? Seit den zwei Monaten , wo meine Baarschaft zu Ende ist , ernährst Du mich mit schwerer , redlicher Arbeit und ich kann nichts dafür tun , als unser kleines Mittagsmahl bereiten , während Du im Institut bist — aber selbst das gelingt mir nicht einmal ! Es ist eine Schande ! Die kompliziertesten chemischen Mischungen habe ich gemacht und sollte keine gute Suppe kochen können ? Die größten Schwierigkeiten habe ich überwunden und sollte einer so ge ­ ringfügigen Aufgabe nicht gewachsen sein ? Nein , das darf nicht so fortgehen . Ich verspreche Dir , ich will mich von heute an zusammen nehmen und Du sollst nicht mehr fasten müssen , wenn Du aus der Schule kommst . “ „ Ach , liebe Ernestine . Ich glaube nicht , daß Du diese Sachen je ganz lernst , Du bist eben zu groß zu solchen Dingen , “ meinte Gretchen . „ Das wäre eine schöne Größe , “ erwiderte Ernestine , „ die das Kleine nicht zu vollbringen vermöchte , wo es Not tut ! Mich hat stets das Schwere gereizt und seit ich sehe , wie schwer diese Kleinigkeiten sind — reizt es mich , auch sie zu können . “ Gretchen zerschnitt den Eierkuchen und nötigte Ernestine zu speisen : „ Tu nur die Arbeit weg , das Essen wird ja ganz kalt ! “ Ernestine faltete einen Rock zusammen , an dem sie nähte : „ Es geht mir doch noch gar nicht von der Hand . Hätte ich das alte Kleid lieber nicht zertrennt ! “ „ Ei , so konntest Du ’ s ja nicht mehr tragen , mit dem versengten Blatt . Aber ich will Dir heute Abend helfen . Ich bin Schuld , daß Du Dich verbranntest , warum ließ ich Dich einheizen ? Da ist es nicht mehr als billig , daß ich den Schaden gut machen helfe . — Aber Ernestine , Du genießt ja nichts ? “ „ Ich kann nicht , Du weißt , die dicken Eierkuchen bringe ich nicht hinunter . Hättest Du ’ s nur mich bereiten lassen , ich hätte zwei aus dem Teige gemacht . “ Gretchen lachte hell auf : „ Da , nun ist ’ s ihr wieder nicht recht — und sie hätte es viel besser gekonnt ! Na , warte nur , übermorgen ist Sonntag , da bin ich zu Haus und Du kannst unter meiner Aufsicht kochen , wie Du magst . Du willst auch einen Sonntagsspaß haben , nicht wahr ? “ „ Ach Gretchen , ich muß so oft an die Staatsrätin denken , wie sie mich lehren wollte , Bohnen schneiden , und ich das so tief unter meiner Würde fand ! Damals verstand ich sie nicht — jetzt habe ich sie verstehen gelernt ! “ Sie sah trübe sinnend vor sich hin . Gretchen beobachtete kopfschüttelnd den Rest auf Ernestinens Teller : „ Du Kostverächterin Du , was gibt man Dir denn nun wieder zu essen ? Es ist auch ein Unglück , daß Du einen so verwöhnten Gaumen hast und Dir das Zehnte