Respekt vor jener , aber Vorsorge gegen diese . Seine Häuser kleben wie Nester an Abhängen und Hügelkanten und sein Straßenpflaster , um das schlimmste vorwegzunehmen , ist lebensgefährlich . Es weckt mit seiner hals- und wagenbrechenden Passage die Vorstellung , als wohnten nur Schmiede und Chirurgen in der Stadt , die schließlich auch leben wollen . Von Löchern ist längst keine Rede mehr ; wo dergleichen waren , sind sie zu einer rinnenartigen Vertiefung geworden , und als Friedrich Wilhelm IV. vor einer Reihe von Jahren Buckow passierte , sah sich die Kommune veranlaßt , die Hauptstraße der Stadt fußhoch mit Sand bestreuen zu lassen . Dieser Beschluß wurde aber nicht gleich gefaßt . Viele hatten vielmehr vorgeschlagen , das Pflaster zu lassen wie es sei , um den König desto eher zu einer milden Beisteuer zu bewegen , in dankbarer Erinnerung » an Rettung aus Lebensgefahr « . Aber der Vorschlag mußte freilich scheitern , weil eben niemand diese Rettung als gesichert voraussagen durfte . So wurde denn Sand gestreut und das alte Pflaster der Stadt erhalten . Für schwache Achsen ist Buckow dasselbe , was Wien für schwache Lungen ist – keiner kommt heil heraus . Buckow war einmal wohlhabend , aber das ist lange her . Im vierzehnten Jahrhundert , auch später noch , blühte hier der Hopfenbau und gab dreiunddreißig Hopfengärtnern reichliche Nahrung . Sie gewannen jährlich weit über tausend Wispel und der Buckower Hopfen war es , der dem Bernauer Bier zu seinem Ruhme half . Noch gibt es Hopfengärten in Buckow , aber ihre Bedeutung für die Stadt ist hin und die überall siegreiche Kartoffel erobert auch hier das Terrain . Kümmerlich schlägt sich die Stadt mit Spaten und Hacke durch ; Kommunalvermögen ist nicht da ; die vier Jahrmärkte werden nicht besucht und die alte Hügelkirche , mit reichem Altar und mächtigen Glocken , würde schwerlich in solcher Stattlichkeit auf die Stadt herabsehen , wenn sie vom jetzigen Buckow gebaut werden sollte . Die Buckower sind ordentliche , fleißige Leute , die sich ' s sauer werden lassen ; aber sei es , daß ihre wendisch-deutsche Blutmischung nicht ganz die richtige ist , oder daß sie ' s nicht verwinden können , vor lieber langer Zeit einmal reich gewesen zu sein , gleichviel , sie haben eine Vorliebe für ' s Prozessieren und gelegentlich auch wohl für die Selbsthilfe . Es existieren darüber viel heitre und viel traurige Geschichten . Eine Geschichte dieser Art , die lustig und traurig zugleich , spielte vor kurzem erst , als die Buckower mit ihrem » Grafen « – dem Grafen Flemming , Besitzer der Herrschaft Buckow – in Streit gerieten . Dieser Streit nahm ein paar Tage lang den Charakter an , als habe sich ein Vorgang aus dem fünfzehnten Jahrhundert in unsre Zeit hineinverirrt ; die Bürger zogen zu Felde , schlugen die gräflichen Mannen in die Flucht , nahmen Posseß vom streitigen Terrain und pflanzten ihr Banner auf dem eroberten Grund und Boden auf . Kurzum eine mittelalterliche Fehde in bester Form . Streitobjekt war ein Forst , den der Graf als seinen , die Stadt als ihren beanspruchte . Die Gerichte hatten zugunsten des Grafen entschieden , aber die Stadt schüttelte den Kopf und so geschah , was eben gemeldet . Ein Bänkelsänger , der just des Weges kam , hörte von dem kaum geschlichteten Streit und das Balladenhafte des Vorganges rasch erkennend , brachte er alles in » neue Reime aus diesem Jahr « . Ich habe das Blatt zufällig in die Hand bekommen und gebe etliche Strophen daraus . Die Bürger von Buckow saßen beim Bier , Das gab ein lärmen und streiten , Sie sprachen vom Grafen und ihrem Prozeß , Von Instanzen , ersten und zweiten . Sie wußten es alle klipp und klar , Daß der Graf die Richter bethörte Und daß der Forst , trotz erster Instanz , Von je zur Stadt gehörte . Drum ( hieß es ) hätten sie appellirt Und sie wußten aus guten Gründen , Daß über ein Kleines , in Woch oder Tag , Die Sachen ganz anders stünden . So klang es . Nur einer saß am Tisch , Der spielte mit Gabel und Teller , Und rief jetzt : » Heh ! zwei Seidel frisch , Zwei bairisch aus dem Keller . « Er leerte das aufgehobene Glas Mit einem einzigen Zuge ( Seine blinzelnden Augen tranken zugleich Aus dem stehen gebliebenen Kruge ) ; Er strich den Schaum sich aus dem Bart Und wetterte über die Tische : » He , Bürger von Buckow , was immer ihr prahlt , ' s sind alles faule Fische . Ihr habt keinen Muth ; dieweil Ihr hie Abschießt eure Pfeile und Bolzen , Läßt draußen der Graf in eurem Forst Die Tannen niederholzen . Ihr habt keinen Muth ; ich sprech es mit Scham , Ihr seid wie andre Philister ; Wer heute die Orgel spielen will , Der braucht ein tiefer Register . Ihr wißt nichts von der hohen Magie , Von dem Zauber dieser Tage , Der Zauber nennt sich fait accompli Und sein Spruch ist : thu und wage . Ihr kommet nie und nimmer zum Ziel Mit Klagen , Akten und Pakten , Es giebt nur eines , das heut hilft : Thatsachen , Griffe , Fakten . Greift zu , verschafft euch selber Recht Mit euren eig ' nen Händen , – Die Schläger des Grafen schlagen im Wald , Wohlan , ihr müßt sie pfänden . « Nun folgen sechs , acht Strophen , in denen beschrieben wird , wie alles dem Redner zujubelt , wie die Bürger sich rüsten und andern Tages wirklich ausziehen , um die » Pfändung der Gräflichen « vorzunehmen . Drei andre Strophen schildern den Zug selbst ; 14 dann endlich treten sie in den Wald . Und als sie sich nahten dem strittigen Grund – Da , vernehmbar aus dem Gehege Herklangen schon durch die stille Luft Der Holzaxt dumpfe Schläge . Der Tag war heiß , die Luft war still , Der Wald schwieg wie beklommen , Nur leise rauschten die Wipfel sich zu : » Sie sind es : die Buckower kommen . « Der Kampf ist nur kurz . Die gräflichen Holzschläger strecken die Waffen und die Sägen und Äxte werden gepfändet . Ein Hurra klingt dreimal durch den Wald . Aber der Sieg ist von keiner Dauer . Die Gräflichen verstärken sich und rücken andren Tags , unterstützt durch die ganze Polizeimacht der Kreise Barnim und Lebus , ins Feld . Die Polizei , bekanntlich ein prosaisches Institut ohne Glauben an Gespenster , hat auch kein Herz für Romantik und Mittelalter , und schickt die Buckower in sehr bestimmten Ausdrücken heim . Die Buckower sprechen noch immerzu Vom Forst und ihrem Streite ; Und doch wo das strittige Waldstück stand , Da stehen jetzt Klafter und Scheite . Und kommt ein Buckower still entlang Halb traurig und halb verbissen , Da singen die Vögel so lustig . Warum ? Die Vögel werden ' s schon wissen . Aber ich habe vielleicht zu lange schon bei den Buckowern verweilt ; wenden wir uns wieder ihrer Stadt zu . Buckow und seine Umgebungen bilden die » Märkische Schweiz « . Freilich geht es der Stadt mit diesem Namen und Anspruch nicht viel besser als mit ihrem Forst , denn Freienwalde tritt mit überlegener Miene in die Schranken und sagt : » Dieser Name ist mein . « Wo liegt denn nun aber die wirkliche Märkische Schweiz ? Wir werden uns einen Dualismus , wie auch sonst wohl , gefallen lassen müssen . Freienwalde ist immerhin eine Dame , Buckow ist eine ländliche Schönheit , die mit nacktem Fuß in den See tritt und unter Weidenzweigen ihr Haar flicht . Nun wähle jeder nach seinem Sinn . Binnen kurzem wird sich solche Wahl erleichtern . Die neuprojektierte Eisenbahn zwischen Berlin und Küstrin führt auf kürzeste Entfernung an Buckow vorüber und einmal in den Verkehr hineingezogen , wird das » Aschenputtel « von heute ihrer bevorzugten Schwester vielleicht schon morgen gefährlich werden . Buckow liegt in einem Kesseltale , dessen Sohle von einem großen See gebildet wird . Dieser See hat die Form eines abgestumpften Halbmonds , ist also bohnen- oder nierenförmig und heißt der Schermützelsee . Wir werden noch weiter von ihm hören . An der konkaven Seite des Sees , ziemlich genau an der Stelle , wo sich das hügelige Erdreich in den See hineinbuchtet , liegt die Stadt , von der aus sich in kürzester Zeit und mit leichtester Mühe die verschiedensten Ausflüge in die Umgegend ermöglichen . Alle diese Ausflüge , verschieden wie sie sind , lassen sich nichtsdestoweniger in drei ganz bestimmte Gruppen bringen : in Spazierfahrten über den See , in Besteigung des Bollersdorfer Plateaus und in Wanderungen durch die Täler und Schluchten der nach Nord und Ost hin gelegenen » Märkischen Schweiz « . Besteigen wir zunächst das Plateau . Wir wählen dazu , statt der Fahrt über den See , einen Umweg und zwar durch jene lieblichen Schluchten und Waldpartien , die von einem Bergwasser , dem Sophienfließ , durchflossen werden . Alles hat hier den mitteldeutschen Charakter . Wer den Harz , wer Thüringen und die sächsische Schweiz kennt , ist manche liebe Stunde unter gleichen Bildern und Eindrücken bergan gestiegen . Tannen und Lärchenbäume fassen zu beiden Seiten die Hügelabhänge ein , Buchen und Birken sind in das Nadelholz eingestreut , der Kuckuck ruft , der Bach plätschert und auf dem frischen Rasen , der das Wandern so leicht macht , liegen die Tannenäpfel oder spielen die Schatten und Lichter der Nachmittagssonne . So auch hier . Über die primitivsten Brücken hinweg – sechs Feldsteine quer durch den Bach – schreiten wir vom linken auf das rechte und wieder vom rechten auf das linke Ufer , bis wir , nach halbstündigem Marsche den Tann ohne Weg und Steg durchbrechend , uns plötzlich auf dem ersehnten Plateau befinden , das wir , den Windungen des Baches folgend , fast wie auf einer Wendeltreppe ohne Stufen erstiegen haben . Aber noch wissen wir es kaum , daß es ein Höhenpunkt ist , auf dem wir stehen , denn das Plateau dehnt sich bis zum Horizont hin wie eine Ebene vor uns aus und erst am Ausgang eines tiefen Ackereinschnittes , der uns einer hier und dort unterbrochenen Wand von Brombeer- und Weißdornsträuchern entgegenführte , blicken wir überrascht in eine völlig senkrechte Tiefe nieder . Zweihundert Fuß unter uns der See . Wir nehmen nun unseren Stand und haben vielleicht das schönste Landschaftsbild vor uns , das die » Märkische Schweiz « oder doch der » Kanton Buckow « aufzuweisen vermag . Links und rechts in gleicher Höhe mit uns die Raps- und Saatfelder des Plateaus , unmittelbar unter uns der blaue , leicht gekräuselte Schermützelsee , drüben am anderen Ufer , in den Schluchten verschwindend und wieder zum Vorschein kommend , die Stadt und endlich hinter derselben eine bis hoch hinauf mit jungen frischgrünen Kiefern und dunklen Schwarztannen besetzte Berglehne . Die Nachmittagssonne fällt auf die Stadt , die mit ihren roten Dächern und weißen Giebeln wie ein Bild auf dem dunklen Hintergrunde der Tannen steht , das Auge aber , wohin es auch durch die Mannigfaltigkeit des Bildes gelockt werden möge , kehrt immer wieder auf den rätselvollen See zurück , der in genau zu verfolgenden Linien unter uns liegt . Auf den rätselvollen See . Noch wissen wir es nicht , aber wir ahnen es , daß er unter anderen Schätzen auch einen Sagenschatz umschließen muß , und unser Führer , ein Buckower Fischer , der uns bis hierher schweigend geleitet , hebt jetzt an : » Dort unten liegt die alte Stadt . Drüben am anderen Ufer , wo Sie die spiegelglatte Stelle sehen , dort hat Alt-Buckow gestanden . Wir kennen die Stelle ganz genau . Von dem Eck dort , wo die Binsen hundert Schritt weit in den See hineingehen , bis hier gradüber vor uns , wo die Weiden im Wasser hängen , – so weit ging die Stadt . Ich spreche nicht von Glocken , die bei Sonnenuntergang klingen , Alt-Buckow hatte schwerlich Glocken , aber das müssen Sie schon glauben , daß wir an klaren Tagen zehn Fuß tief unterm Spiegel allerhand Pfahlwerk stehen sehen , Blockhäuser vielleicht , jedenfalls Zaun und Steg und mancher unter uns hat etwas von dem Pfahlwerk herausgeholt und ihm einen guten Platz im Hausflur gegeben . Wir denken , es ist ein Segen dabei . « Der Erzählende machte hier eine Pause , während deren er mich scharf ansah . Dann fuhr er fort : » Drüben , wo die Stadt stand , ist der See flach , wenigstens eine kurze Strecke ; hier unter uns aber ist er tief , an hundert Fuß und darüber ; hier wimmelt es auch von Fischen , aber wir haben wenig davon . Wenn wir hier Netze ziehen , so gehen die Fische tiefer , und wollen wir ihnen nach , so kommen wir in den alten Eichwald , der hier unten steht . Die Maschen zerreißen dann , die Fische schlüpfen durch und ein paar abgebrochene Zacken sind alles , was wir mit nach oben bringen . Ja , so hat sich ' s geändert . Einst war alles Berg hier , und Stadt und Wald standen zwischen hüben und drüben , wie wir beide jetzt auf dieser Höhe stehen . In einer Nacht aber war alles vorbei . Der Berg ging nach unten und der See kam herauf ! « Eine kühle Luft wehte über das Feld und ein leises Unbehagen lief mir über den Rücken . Indessen ich wußte doch nun , was es war , daß mich der Schermützel so ganz anders angeblickt hatte , wie manch anderer See , und ich warf mich nieder und streckte den Kopf über den Abgrund hinaus , wenigstens den Wunsch im Herzen , unten ein Eichenskelett bis an den Wasserspiegel heraufragen und die Fische durch seine Zackenkronen hindurchhuschen zu sehen . Ich sah es auch wirklich , aber mit dem Bewußtsein , daß es Täuschung sei . Wir traten nun den Rückweg an und plauderten über dies und das . Des Sees Sagen verließen mich nicht und begleiteten mich bis schließlich wieder daheim , wo ich in Büchern nachzuschlagen und nach der Vorgeschichte des » großen Schermützel « zu suchen begann . Was ich fand , ist das . Viele unserer märkischen Seen und seeartigen Vertiefungen sollen durch sogenannte Erdfälle entstanden sein . Man hat keine andere Erklärung . Plötzlich und unvermittelt inmitten eines Plateaus auftretend , wie das namentlich beim Schermützelsee der Fall ist , ist es nicht möglich von hereinbrechenden Wasserfluten , von Flußbett oder Strömungen zu sprechen . Es ist nichts von außen Herantretendes , was die Erklärung geben kann , es muß vielmehr ein innerlicher Vorgang , ein eminent lokaler sein . Man denkt sich die Sache so . Das Innere der Erde hat Höhlen , deren Wände und Deckengewölbe die Hand der Natur mit Kalk oder Gipsmassen umkleidet hat . Solche natürlichen Tunnel sind entweder völlig hohl und leer , oder aber mehr oder weniger mit Wasser gefüllt . Über solchem gewölbten Riesentunnel liegt Erdreich , wie viel ist gleichgültig , und auf dem Erdreich steht eine Stadt oder wächst ein Wald . So geht es durch ein Jahrtausend . Da plötzlich , sei es durch einen Ruck von unten oder durch sickernde Wasser von oben her , bricht das Tunnelgewölbe ein und wie ein Haus , das seine Balkenlage verliert , in den Keller stürzt , so fährt nun das Erdreich mit allem , was darauf wuchs und stand , in die plötzlich geöffnete Tiefe herab . War der Tunnel leer , so zeigt sich nunmehr einfach eine Vertiefung , wo sonst eine Fläche war , war der Tunnel aber umgekehrt ein riesiges übermauertes Wasserreservoir , so schlagen nun die freigewordenen Wasser über allem , was niedergefahren ist , zusammen und – ein See steht ruhig über Stadt und Wald . Eine geognostische Autorität hat die hübsche Wendung gebraucht : » daß die Natur bei der Bildung von Erdfällen nur erst selten auf frischer Tat ertappt worden sei « , ein Umstand , zu dem wir uns , so lehrreich das Gegenteil auch sein würde , im ganzen genommen zu gratulieren haben . Wär ' es anders , wären wir in der Lage , diese » Erdfälle « , wie Sternschnuppenfälle im August , regelmäßig beobachten zu können , so würde das mit Vulkanen übersäte Zentralamerika ein vergleichungsweise bequemer Aufenthalt sein . Denn was sind schließlich » Erdbeben « gegen solche » Erdfälle « , wo die Erde gleichsam sich selbst zu verschlingen beginnt . Sind übrigens die Annahmen über die Bildung mehrerer unserer größten und schönsten Seen nur halbwegs richtig , so haben die Vorbewohner der Mark von diesen » interessanten Naturerscheinungen « mehr denn zur Genüge gehabt . Der Grössinsee nicht weit von Saarmund , der Gohlitzsee im Amt Lehnin , der Gudelacksee bei Lindow und der große Paarsteiner See bei Kloster Chorin sollen durch solche Erdfälle entstanden sein , der zahlreichen , überall vorkommenden Teufelsseen ganz zu geschweigen . Wo zwischen zwei abschüssigen Hügelwänden sich plötzlich ein trichterförmiger See einklemmt , der weder Zu-noch Abfluß , wohl aber eine bedeutende Tiefe hat , da liegt immer Grund vor , einen früher oder später erfolgten » Erdfall « zu vermuten . Erzählt man aber gar die Sage von untergegangenen Dörfern und Städten , so ist es gut , dem Volksmunde zu glauben und die Zweifel zu Haus zu lassen . Ob die Glocken dann abends in der Tiefe klingen oder nicht – der ist nicht beneidenswert , der sie schlechterdings nicht zu hören vermag . Der große und kleine Tornowsee Der große und kleine Tornowsee Im Mummelsee , im dunklen See , Da blühn der Lilien viele . Schnezler Die » Märkische Schweiz « um Buckow herum ist zum großen Teil ein Besitztum der Grafen Flemming und Itzenplitz . Der Itzenplitzsche Anteil an diesem Stück schöner Natur liegt im Norden und Nordosten des großen Schermützelsees und umfaßt das Areal der Güter Bollersdorf und Pritzhagen . Von dem Bollersdorfer Plateau sprachen wir bereits im vorigen Kapitel ; ebenso von dem schönen Blick , den der abschüssige Rand desselben auf den unten liegenden Schermützelsee gestattet . Dorf Bollersdorf , dessen kleine gotische Kirche dem kahlen Plateau einen malerischen Reiz verleiht , ist ohne Bedeutung . Seine Besitzer wechselten oft . In der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts war es Eigentum des Generalleutnants von Görtzke , der , nach Ankauf des jetzt Marwitzschen Friedersdorf , auch noch Kienitz und Bollersdorf an sich brachte . Nach seinem Tode aber scheint es sofort in andere Hände übergegangen zu sein . Die schon genannte Kirche geht bis ins vierzehnte Jahrhundert zurück . Bei einem vor Jahresfrist stattgefundenen Umbau wurden in der geöffneten Gruft Särge der alten , im Lande Beeskow-Storkow begüterten Familie Löschebrand gefunden . 1763 kam Bollersdorf durch Schenkung in Besitz des Generalmajors von Lestwitz und teilte seitdem , hinsichtlich seiner Besitzverhältnisse , das Schicksal des Lestwitz-Itzenplitzschen Güterkomplexes : Friedland , Cunersdorf , Bollersdorf , Pritzhagen , dem es von da ab zugehörte . Pritzhagen liegt mehr östlich und das kupierte Terrain gestattet keinen Blick auf den Schermützelsee . Das Dorf selbst ist unbedeutend wie Bollersdorf . Viele Jahrhunderte lang besaßen es die » Rutze « oder die » von Reutze « , wie sie später genannt wurden . Schon 1375 finden sie sich , dem Landbuche nach , an dieser Stelle . Der letzte , wie es scheint , war » Junker Hans « , ein Weidmann von altem Schrot und Korn , der seine Passion mit dem Leben bezahlte . Sein Name lebt fort in der Junker Hansens » Kehle « , was in der Gebirgssprache der » Märkischen Schweiz « so viel wie Schlucht bedeutet . In Pritzhagen weiß und erzählt noch jedes Kind von dem » tollen Junker « der bei Verfolgung eines Hirsches in die » Kehle « fiel und den Hals brach . Eine Meile weiter aber weiß niemand mehr von ihm . Ein allerlokalster Ruhm . * Pritzhagen bedeutet wenig , seine Berge und Schluchten jedoch bedeuten viel , selbst seine » Kehlen « . Als einer seiner reizendsten Punkte gilt der Dachsberg , kaum eine Viertelstunde vom Dorf entfernt und mit Recht ein Lieblingsplatz aller märkischen Touristen . Auch Berliner huldigen ihm . Und das ist doch schließlich immer das Entscheidende ! Aber den Dachsberg in Ehren , in Wahrheit sind es doch seine beiden Seen , wie namentlich auch die Schlucht , die diese verbindet , was seine Schönheit ausmacht . Die beiden Seen heißen der kleine und große Tornowsee und die Schlucht heißt die » Silberkehle « . Jene blicken zu dem Berge hinauf , der seinerseits terrassenförmig ansteigt . Am Fuße der Treppe breitet sich der große Tornow aus , auf dem mittleren Absatz aber liegt der kleine Tornow , dunkel und still und in verschwiegener Tiefe . Von der Kuppe des Hügels herab überblickt man nur den kleineren See ; Baumpartien fassen ihn ein und beschränken die weitere Fernsicht . Das Terrassenförmige des Berges kommt deshalb wenig zur Erscheinung . Möglich , daß das Landschaftsbild an Reiz gewönne , wenn ein unbehindertes Auge , die Stufen der Treppen herniedersteigend , erst bei der kleineren und dann endlich tief unten bei der größeren Wasserfläche verweilen könnte . Aber auch , wie es ist , ist es schön . Der kleine Tornow ist einer jener » Teufelsseen « , denen man in der Mark , an den Abhängen der Hügel , so oft begegnet . Ihr Name bezeichnet ihren Charakter . Das Wasser ist schwarz , dunkle Baumgruppen schließen es ein , breite Teichrosenblätter bilden einen Uferkranz und die Oberfläche bleibt spiegelglatt , auch wenn der Wind durch den Wald zieht . Es ist , als hätten diese dunklen Wasser einen besonderen Zug in die Tiefe und als stünden sie fester und unbeweglicher da , als andere . 15 So ist auch der kleine Tornow einer von jenen Seen , an denen Sage und Märchen am liebsten verweilen und von Prinzessinnen erzählen , die in der Johannisnacht aus dem dunklen Wasser steigen und mit Silberrosen im Haar freundlich-traurig am Ufer sitzen . Nicht so der große Tornowsee , der fünfzig Fuß tiefer seine breite und hellere Wasserfläche am Fuß des Berges ausdehnt . Ihm schreiten wir jetzt zu . Unser Weg dahin ist die Silberkehle . Die Silberkehle führt ihren poetischen Namen daher , weil an beiden Abhängen , wo das von Moos und Humus entkleidete Erdreich sichtbar wird , eine Wand von Glimmersand zutage tritt . Dieser Glimmersand blitzt und glitzert wie Silber und liegt so fest auf , daß es möglich ist , Namen und Figuren wie in Sandstein hineinzuschneiden . Die Silberkehle hat völlig den Charakter einer Gebirgsschlucht und zeigt auf ihrem Lauf ein tiefausgehöhltes Bett mit all den Zerstörungen niederstürzender Bäche . Feldsteine , fest in den Sand gerammt , Laubholzbäume rechts und links über den Weg geworfen , Spuren von Wind und Wasser überall . Aber heute , wo wir des Weges kommen , ruht rings umher der Streit der Elemente . Wie eine Mühle am Sonntag , so liegt die Silberkehle da , das Triebrad steht still , das Wehr ist gesperrt . Erst im Frühjahr , wenn der Schnee schmilzt , oder im Sommer , wenn die Regengüsse kommen , dann wird es wieder lebendig hier . Dann jagt das Wasser zu Tale , dann ist es wieder , als schäumten und klapperten hundert Räder hier , und wieder werden neue Bäume unterhöhlt und gefällt und die eingerammten Steine wie Kiesel weiter nach unten gerissen . Wir sahen das Bild bei Herbstesstille ; nur am Fuße des Berges plätscherten ein paar Quellen . So traten wir aus der Enge der Schlucht ins Freie und blickten auf die Fläche des großen Sees . Er ist dem kleinen Tornow unähnlich , liebt das Licht wie dieser den Schatten und gewährt ein Bild heiterer Ruhe . Grün ansteigende Ufer fassen ihn ein , rote Fichtenstämme spiegeln sich und wenn erst , wie beabsichtigt , der Wasserdruck des höher gelegenen kleinen Sees benutzt sein wird , um mitten auf dem großen einen natürlichen Springbrunnen steigen zu lassen , so wird dieser Eindruck des Heiteren noch gewachsen sein . Am Ufer des großen Tornowsee erhebt sich eine Villa , ein Schweizerhaus . Der Erbauer , in Huldigung gegen den Ort , an dem er den zierlichen Bau entstehen ließ , hat ihm den Namen » Haus Tornow « gegeben . Das hat einen guten Klang . Stille weilt rundum . Es ist ein Platz für Rast und Ruhe , und wer empfände nicht die Sehnsucht danach ! Bilder schmücken die Zimmer der Villa und Wein und Blumen ranken sich an Wand und Laubengang empor . Aber der schönste Blick , den » Haus Tornow « gewährt , bleibt doch der auf den See . Ein Kahn liegt bereit und trägt uns darüber hin , leicht und glatt . Denn hier walten keine tückischen Mächte . Aus der Tiefe des » kleinen Tornow « herauf könnt ' uns eine Hand , eine Stimme vielleicht nach unten ziehen , aber das Wasser des großen Tornow , das eben in tausend Tropfen von unserm Ruder fällt , funkelt in allen Farben des Lichts . Ein Schwarm Tauben blitzt durch die Luft und ein Reh tritt aus dem Wald ans Ufer und blickt uns nach . Es weiß , es darf es . » Friede « ist die Parole am großen Tornowsee . Möglin Albrecht Daniel Thaer Albrecht Daniel Thaer Ehre jedem Heldentume , Dreimal Ehre deinem Ruhme , Aller Taten beste Tat Ist : Keime pflanzen für künftige Saat . Albrecht Daniel Thaer wurde am 14. Mai 1752 zu Celle geboren . Sein Vater , Hofmedikus ebendaselbst , stammte aus Liebenwerda in Sachsen ; seine Mutter war die Tochter des Landrentmeisters Saffe zu Celle . Seine ersten Studien machte Albrecht Thaer auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt , aber er verfuhr dabei in so unregelmäßiger Art und Weise , daß er , um ihn selbst zu zitieren , » im sechzehnten Jahre französisch und englisch sprechen konnte , aber kein Wort lateinisch verstand « . Die Lehrer ließen es eben gehen . Endlich entdeckte er sich dem Rektor des Gymnasiums , nahm Privatstunden und holte in einem einzigen Jahre alles Versäumte so völlig nach , daß er , abermals ein Jahr später , imstande war , nach Göttingen zur Universität abzugehen . Sein ganzes Wesen damals , im Gegensatz zu seinen reiferen Jahren , war genialisch und exzentrisch ; er hatte etwas Wunderkindartiges an Gaben wie an Unarten . Mit großem Eifer wandte er sich der Medizin zu und schien namentlich bestimmt , in der Chirurgie Bedeutendes zu leisten . Er verweilte tagelang , das Seziermesser in der Hand , auf dem anatomischen Saal , sah aber bei der ersten Operation , der er beiwohnte , daß er seltsamerweise wohl zum Anatomen am leblosen , aber nie und nimmer zum Chirurgen am lebendigen Organismus bestimmt sein könne , denn er fiel in Ohnmacht ; – eine Erscheinung , die sich wiederholte , sooft er den Versuch machte , die angeborene Scheu zu überwinden . Er wählte nun Pathologie , hörte Kollegia bei den berühmten Professoren Schröder und Baldinger , die beide ein ganz besonderes Vertrauen zu ihm faßten , und genoß , trotz seiner noch knabenhaften Erscheinung , ein solches Ansehen bei alt und jung , daß kein erheblicher Krankheitsfall vorkam , bei dem er nicht zu Rate gezogen worden wäre . Dies gab ihm , neben vielem Selbstgefühl , auch eine besondere Position , eine Art Mittelstellung zwischen Lehrern und Schülern . Den eigentlich studentischen Kreisen , namentlich seinen speziellen Fachgenossen wurde er immer fremder und nur Bücher , philosophische Studien und philosophische Freunde schienen ihm eines vertrauteren Umgangs wert . Unter den letzteren nahm Johann Anton Leisewitz , der Dichter des » Julius von Tarent « , den ersten Rang ein . Thaer selbst schreibt darüber : » Unsere Seelen waren in beständigem Einklang , fast hatten wir nur ein Herz . « Ihre Freundschaft wurzelte , neben den Beziehungen des Herzens , in gleichen Interessen und Bestrebungen , und wiewohl Thaer , nach unbedeutenden ersten Versuchen , die noch in seine Schulzeit fielen , die dichterische Produktion nicht als sein eigentliches Feld erkannt hatte , so war er doch , neben philosophischem Scharfblick , mit so viel ästhetischer Fühlung ausgerüstet , daß er dem dichterisch-produktiven Freunde als Kritiker hoch willkommen war . Sie lebten drei Jahre mit- und nebeneinander ; auch nachdem beide Göttingen verlassen ( 1774 ) , bestand ihr Freundschaftsverhältnis fort , und die wenigen Briefe , die , aus einer gewiß sehr lebhaften Korrespondenz zwischen den beiden , noch jetzt existieren , geben Auskunft darüber , welchen Einfluß Leisewitz dem kritischen Freunde auf seine Arbeiten gestattete . Einer dieser aufbewahrten Briefe enthält eine sehr eingehende Kritik des » Julius von Tarent « und ein aufmerksames Verfolgen des berühmten Trauerspiels in seiner gegenwärtigen Gestalt zeigt zur Genüge , wie bereitwillig die wohlmotivierten Bemerkungen Thaers von dem Freunde und Dichter benutzt worden sind . Aus dieser Zeit studentischen Zusammenlebens mit Leisewitz datieren aber noch andere Arbeiten Thaers , die ihn uns nicht nur auf kritischem , sondern auch auf produktivem Gebiete zeigen , freilich auf einem der Kritik verwandten , auf dem der philosophisch-theologischen Untersuchung . Thaer selbst schreibt über diese später in etwas veränderter Gestalt so berühmt gewordene Arbeit : » Ich erschuf mir damals – gleich wenig mit den Orthodoxen , wie mit den neuern sogenannten › Berliner Theologen ‹ einverstanden – ein selbständiges , religionsphilosophisches System und brachte es flüchtig zu Papier . Es ward wider meinen Willen abgeschrieben ,