in Versuchung fällst : der Geist , hoffe ich , ist willig , aber das Fleisch , sehe ich , ist schwach . Jede Stunde werde ich für dich beten ! Der deine , St. John . « » Mein Geist , « entgegnete meine Seele , » will das thun , was recht ist , und mein Fleisch , hoffe ich , ist stark genug , den Willen des Himmels zu vollbringen , wenn ich erst einmal jenen Willen deutlich erkannt habe . Auf jeden Fall wird es stark genug sein , zu suchen – zu fragen – einen Ausweg aus dieser Wolke des Zweifels zu suchen und das Tageslicht der Gewißheit zu finden . « Wir hatten den ersten Juni ; aber der Morgen war kalt und wolkig , der Regen schlug hart an meine Fenster , Ich hörte wie die Hausthür geöffnet wurde , und St. John hinausging . Als ich zum Fenster hinausblickte , sah ich , wie er durch den Garten ging . Er nahm den Weg über das nebelige Moorland in der Richtung von Whitcroß – dort mußte er den Postwagen treffen . » In wenigen Stunden werde ich dir auf jener Spur folgen , Vetter , « dachte ich , » auch ich muß in Whitcroß einen Postwagen erwarten . Auch ich muß Menschen in England aufsuchen und sehen , bevor ich es für immer verlasse . « Bis zum Frühstück waren es noch zwei Stunden . Die Zwischenzeit füllte ich damit aus , daß ich leise in meinem Zimmer auf- und abging und über die Vision nachdachte , welche meinen Plänen ihre gegenwärtige Richtung gegeben hatte . Ich rief mir jene seltsame innere Empfindung ins Gedächtnis zurück , denn ich war imstande , sie mit all ihrer unbeschreiblichen Wundersamkeit zurückzurufen . Ich erinnerte mich der Stimme , die ich vernommen ; wiederum fragte ich , woher sie gekommen sein könne , doch vergeblich wie zuvor . Sie schien in mir gewesen – nicht in der äußeren Welt . Ich fragte , ob es ein bloßer nervöser Eindruck gewesen – eine Täuschung ? Ich konnte weder begreifen noch glauben , es war mehr wie eine Inspiration gewesen . Die wundersame Erschütterung meiner Sinne war gekommen wie das Erdbeben , welches die Grundvesten von Paulus ' Gefängnis erschütterte ; sie hatte die Thore der Zelle meiner Seele geöffnet und ihre Ketten gelöst – sie hatte sie aus ihrem Schlafe geweckt , aus welchem sie zitternd , lauschend , voll Entsetzen aufgefahren ; dann schlug dreimal ein vibrierender Schrei an mein ängstliches Ohr ; ich hatte ihn in meinem bebenden Herzen vernommen , in meiner erregten Seele , die weder fürchteten noch zagten , sondern voll Freude jauchzten über den Erfolg einer einzigen Anstrengung , die sie unabhängig von der Last des Fleisches hatten machen dürfen . » Ehe viele Tage vergangen sind , « sagte ich , als ich mit meinem Sinnen zu Ende war , » werde ich etwas wissen von ihm , dessen Stimme mich gestern abend zu rufen schien . Briefe haben sich als unwirksam erwiesen – jetzt tritt persönliche Nachfrage an ihre Stelle . « Beim Frühstück verkündete ich Diana und Mary , daß ich eine Reise antreten würde und wenigstens vier Tage abwesend sein könne . » Allein , Jane ? « fragten sie . » Ja , es ist , um Auskunft über eine Person zu bekommen , über welche ich seit längerer Zeit in Unruhe schwebe . « Sie hätten mir erwidern können , was sie ohne Zweifel auch dachten , daß sie geglaubt , ich habe außer ihnen keine Freunde ; denn dessen hatte ich sie ja in der That auch oft versichert ; aber in ihrem echten , natürlichen Zartgefühl enthielten sie sich jeder Bemerkung ; nur Diana fragte mich , ob ich mich denn auch wohl genug fühle , um reisen zu können . Ich sähe seit einiger Zeit so leidend und blaß aus . Ich entgegnete ihr , daß ich nicht krank sei ; daß nur eine bestimmte Seelenangst über mich gekommen sei , welche ich auch bald zu verscheuchen hoffe . Es war leicht , meine weiteren Vorbereitungen zu treffen , denn ich wurde weder mit Fragen noch mit Vermutungen gequält . Nachdem ich ihnen einmal gesagt , daß ich meine Pläne für den Augenblick nicht näher erklären könne , fanden sie sich ruhig und gütig in das Schweigen , mit welchem ich sie zur Ausführung brachte ; sie gewährten mir das Privilegium einer Entschließung , das ich unter den gleichen Umständen auch ihnen gewährt haben würde . Es war drei Uhr nachmittags als ich Moor-House verließ und bald nach vier Uhr stand ich am Fuße des Wegweisers von Whitcroß , die Ankunft der Postkutsche erwartend , die mich nach dem fernen Thornfield führen sollte . Bei der Stille auf jenen einsamen Straßen und öden Hügeln hörte ich schon in weiter Entfernung das Rollen ihrer Räder . Es war derselbe Wagen , dem ich auf derselben Stelle an einem Sommerabend entstiegen war – hoffnungslos , einsam , lebensmüde ! Er hielt an , als ich ihm ein Zeichen gab . Ich stieg ein – ohne gezwungen zu sein , für die Bequemlichkeit dieses Fortschaffungsmittels mein ganzes Vermögen wie damals hinzugeben . Als ich mich noch einmal wieder auf dem Wege nach Thornfield befand , war mir zu Mute wie der heimkehrenden Brieftaube . Es war eine Reise von sechsunddreißig Stunden . An einem Dienstag Nachmittag war ich von Whitcroß abgefahren , und es war früh am Morgen des folgenden Donnerstags , als die Postkutsche anhielt , um die Pferde vor einem Wirtshause an der Landstraße zu tränken . Diese Schenke lag inmitten einer Scenerie , deren grüne Hecken und weite Felder und niedrige , bewaldete Hügel meinem Auge begegneten , wie die Züge eines einstmal geliebten Angesichts . Wie milde waren diese Züge , wie sanft diese Farben im Vergleich mit der herben , öden , nordischen Moorlandschaft von Morton ! – Ja , diese Landschaft kannte ich ; jetzt mußte ich dem Ziel meiner Reise nahe sein ! » Wie weit ist Thornfield noch von hier ? « fragte ich den Hausknecht . » Gerade noch zwei Meilen , Madam , wenn Sie den Weg über die Felder nehmen wollen . « » Meine Reise ist nun zu Ende , « dachte ich in meinem Sinne . Ich stieg aus dem Postwagen , übertrug die Sorge für mein Gepäck dem Hausknecht , daß er es aufbewahre , bis es abgeholt würde ; bezahlte den Fahrpreis , gab dem Postillon ein Trinkgeld und ging . Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne fielen auf das Schild des Wirtshauses , und ich las in vergoldeten Buchstaben die Inschrift : » Zum Wappenschilde der Rochesters « . Mein Herz pochte heftig ; ich war also schon auf dem Grund und Boden meines Herrn . Dann stand es plötzlich still , denn nun kam mir der Gedanke : » Dein Herr und Gebieter selbst mag jenseit des brittischen Kanals sein ! Was weißt du ! Und dann , wenn er in Thornfield-Hall ist , dem du entgegeneilst – wer ist außerdem noch dort ? Seine wahnsinnige Gattin ! Und du hast nichts mit ihm zu schaffen ; du darfst nicht mit ihm sprechen , dich nicht in seine Nähe wagen . All deine Mühe und Anstrengung sind umsonst gewesen – es wäre besser , wenn du nicht weitergingst , « sprach eine warnende , mahnende Stimme . » Bitte die Leute in der Schenke um Auskunft ; sie können dir alles sagen , was du zu wissen brauchst , sie können all deine Zweifel mit einem Worte lösen . Geh hin zu jenem Manne und frag , ob Mr. Rochester daheim ist . « Der Rat war vernünftig , und doch konnte ich es nicht über mich gewinnen , danach zu handeln . Ich fürchtete eine Antwort , die mich in Verzweiflung treiben würde . Den Zweifel verlängern hieß die Hoffnung verlängern . Ich mußte die Halle noch einmal unter dem Strahl ihres Sterns wiedersehen . Dort vor mir lag der Fußpfad . Das waren dieselben Felder , durch welche ich am Morgen meiner Flucht von Thornfield gelaufen war , blind , taub , wahnsinnig , mit einer rachsüchtigen Wut , die mich peitschte und verfolgte im Herzen . Ehe ich noch wohl wußte , welche Richtung ich am besten einschlüge , war ich schon mitten zwischen den Feldern . Wie schnell ich ging ! Wie ich zuweilen sogar lief ! Wie ich vorwärts blickte , um die ersten Wipfel des wohlbekannten Parks zu erspähen ! Mit welchem Gefühl ich einzelne Bäume bewillkommte , die ich kannte : liebgewordene Aussichten auf Wiesen und Hügel ! Endlich erhoben der Park und das Gehölz sich vor mir . Düster lag der Krähenhorst da : ein lautes Krächzen unterbrach die Stille des Morgens . Ein seltsames Entzücken kam über mich : ich eilte vorwärts . Noch ein Feld zu durchkreuzen – einer gewundenen Heckengasse nachzugehen – und da lagen die Mauern des Hofes , die Wirtschaftsgebäude . Das Haus selbst war noch hinter dem Krähenhorst verborgen . » Zuerst will ich es an der Vorderseite wiedersehen , « beschloß ich , » wo die kühnen Zinnen sofort einen erhabenen Eindruck auf das Auge machen , und wo ich das Fenster meines Herrn sehen kann . Vielleicht steht er an demselben – er pflegt früh aufzustehen . Vielleicht ergeht er sich jetzt auch im Obstgarten , oder auf der Terrasse vor dem Hause . Wenn ich ihn nur erblicken könnte ! Nur für einen Augenblick ! Wahrlich , wenn das wäre – könnte ich so wahnsinnig sein , zu ihm zu laufen ? Ich kann es nicht sagen – ich bin meiner nicht sicher . Und wenn ich es thäte – was weiter ? Gott segne ihn ! – Was weiter ? Wem geschähe ein Unrecht damit , wenn ich noch einmal für einen kurzen Augenblick die Lebenswonne kostete , die sein Blick in meine Adern gießt ? – Ich bin wahnsinnig ! Ich phantasiere ! Vielleicht sieht er in diesem Moment die Sonne von einem Gipfel der Pyrenäen oder auf der stillen Südsee aufgehen . « Ich war an der niederen Mauer des Obstgartens entlang gegangen , – jetzt wandte ich mich um die Ecke ; gerade hier war eine Pforte , welche auf die Wiese hinausging zwischen zwei steinernen Pfeilern , welche von großen Steinkugeln gekrönt waren . Hinter einem Pfeiler hervor würde ich ruhig auf die volle Front des Herrenhauses blicken können . Mit großer Vorsicht streckte ich meinen Kopf vor , weil ich mich vergewissern wollte , ob die Vorhänge der Schlafzimmerfenster bereits zur Seite gezogen seien . Von diesem geschützten Standpunkt aus beherrschte ich sowohl die lange Vorderseite , wie die Fensterreihen und die Zinnen . Vielleicht beobachteten mich die Krähen , welche ruhig durch die blauen Lüfte über mir segelten . Ich möchte wissen , was sie dachten ! Sie müssen mich für sehr besorgt und scheu im Anfang , und dann nach und nach für sehr kühn und unbekümmert gehalten haben . Ein flüchtiger Blick – dann ein langes Hinstarren ; nun ein Verlassen meines Winkels und ein Gang hinaus auf die Wiese . Darauf ein plötzliches Innehalten gerade vor der Front des Hauses , und ein kühner , langer Blick in jener Richtung . » Welche affektierte Scheu im Anfang ! « mögen die alten Raben gefragt haben und » welche dumme Dreistigkeit jetzt ? « » Höre eine Erklärung , Leser ! « Ein Liebender findet seine Geliebte auf einer moosigen Bank eingeschlafen ; er wünscht einen Blick auf ihr süßes Gesicht zu thun , ohne sie zu wecken . Leise schleicht er über das Gras , besorgt ein Geräusch zu machen ; er hält inne – glaubend , daß sie eine Bewegung gemacht hat . Nicht um eine Welt möchte er von ihr gesehen sein : er zieht sich zurück . Alles ist still ; er nähert sich ihr wiederum , er beugt sich über sie , ein luftiger Schleier ist über sie gebreitet ; er hebt ihn auf , beugt sich tiefer hinab ; jetzt genießen seine Augen die Vision der Schönheit im voraus – der warmen , blühenden , lieblichen , ruhenden Schönheit . Wie flüchtig war ihr erster Blick ! Aber wie starr sie jetzt sind ! Wie er zusammenschrickt ! Wie er jetzt plötzlich und stürmisch die ganze Gestalt , die er vor einem kurzen Augenblick nicht mit einem einzigen Finger zu berühren wagte , mit beiden Armen umschlingt ! Wie laut er einen Namen ruft , seine Last wieder sinken läßt und sie wild anstarrt ! So packt und schreit und starrt er , weil er nicht länger zu fürchten braucht , die Geliebte durch einen Schrei , den er ausstößt , durch eine Bewegung , die er macht , zu wecken . Er glaubte , daß sie ruhig und friedlich schliefe – aber sie ist kalt und tot ! Mit zitternder Freude hatte ich den Blick auf ein stattliches Haus gerichtet : ich sah nur von Rauch geschwärzte Ruinen . Es war nicht mehr nötig , mich hinter einem Thorpfeiler zusammen zu kauern ! scheu nach den Fenstern der Schlafzimmer emporzublicken , aus Furcht , daß es beginnen könne sich hinter denselben zu regen ! Es war nicht mehr nötig , dem Öffnen und Schließen von Thüren zu lauschen – mir einzubilden , daß ich menschliche Tritte auf der Terrasse oder den Kieswegen vernähme . Der Garten , der Park waren niedergetreten und verwüstet ; das Portal gähnte mir in fürchterlicher Leere entgegen . Die Vorderseite des Hauses war so , wie ich sie einst im Traum gesehen , nur eine hohle Mauer , hoch und zerbrechlich aussehend , hier und da durch leere Fensterhöhlen unterbrochen . Kein Dach , keine Zinnen , keine Schornsteine – alles war in Trümmer gefallen . Und überall herrschte die Ruhe des Todes , die Stille einer öden Wildnis ! Kein Wunder , daß auf Briefe , welche an Personen hierher gerichtet gewesen , niemals eine Antwort gekommen war ; ebensogut hätte man Episteln nach dem Grabgewölbe einer Kirche senden können . Die rauchige Schwärze sagte mir , welchem Schicksal das Herrenhaus zum Opfer gefallen – durch Feuersbrunst war es vernichtet . Wie aber war diese entstanden ? Welche Geschichte knüpfte sich an dieses Unglück ? Welcher Verlust war außer dem von Mörtel und Marmor und Holz noch zu beklagen ? Waren auch Menschenleben zerstört sowohl wie Eigentum ? Und wenn – wessen Leben war zu beklagen ? Furchtbare Frage ! Hier war niemand , der mir hätte Antwort geben können . Kein Laut ! kein stummes Zeichen ! Als ich zwischen den geborstenen Mauern und dem zerstörten Inneren des Hauses umher wanderte , wurde es mir klar , daß das unglückselige Ereignis nicht jüngeren Datums sein könne . Es schien mir , daß durch den hohlen Thorbogen bereits der Schnee eines Winters geweht sei ; eisiger Winterregen war durch die leeren Fensterhöhlen gedrungen , denn zwischen den Trümmerhaufen zerstörten Hausrats schoß schon die Vegetation eines Frühlings empor ; hier und dort wucherte Gras und Unkraut gar üppig zwischen den Steinen und herabgestürzten Balken . Und oh ! wo war inzwischen der unglückliche Besitzer dieser Ruine ? In welchem Lande ? Unter welchen Verhältnissen ? Unwillkürlich wanderten meine Blicke zu dem altersgrauen Kirchturm dicht hinter dem großen Einfahrtsthor , und ich fragte : Liegt er neben Damer de Nochester und teilt mit ihm die Ruhe seines engen Marmorhauses ? « Und doch mußte ich irgendwo Antwort auf diese Fragen erhalten . Nirgends konnte ich eine solche erhalten als in dem Wirtshause und dorthin begab ich mich denn nach einiger Zeit zurück . Der Wirt selbst brachte mir das bestellte Frühstück ins Wohnzimmer . Ich bat ihn , die Thür zu schließen und Platz zu nehmen . Nachdem er dies gethan , wußte ich aber kaum , wie ich beginnen sollte , ein solches Entsetzen empfand ich vor den möglichen Antworten , Und doch hatte das Schauspiel des Grauens , welches ich soeben verlassen , mich schon auf eine jammervolle Geschichte vorbereitet . Der Wirt war ein anständig aussehender Mann in mittleren Jahren . » Sie kennen Thornfield-Hall natürlich ? « gelang es mir endlich hervorzubringen . » Ja , Madam , ich habe mich dort einmal aufgehalten . « » In der That ? « Aber nicht zu meiner Zeit , dachte ich , denn mir bist du ein Fremder . » Ich war der Kellermeister des verstorbenen Mr. Rochester . « Des verstorbenen ! Mit voller Wucht war der Schlag auf mich gefallen , dem ich solange ausgewichen war . » Des verstorbenen ! « stieß ich endlich mühsam hervor . » Ist er denn tot ? « » Ich meine den Vater des jetzigen Mr. Edward , « erklärte er . Ich atmete wieder auf . Mein Blut begann wieder zu cirkulieren . Diese Worte hatten mir doch die Gewißheit gegeben , daß Mr. Edward – mein Mr. Rochester ( Gott segne ihn , wo er auch sein mochte ! ) am Leben war , kurzum , daß er der » jetzige Herr « war . Belebende Worte ! Mir war , als könne ich alles mit anhören , was jetzt noch kommen sollte – wie furchtbar die Enthüllungen auch sein mochten . Jetzt war ich verhältnismäßig wieder ruhig geworden . Er lag nicht im Grabe ! Nun hätte ich es ertragen , wenn man mir erzählt hatte , daß er auf den Antipoden sei . » Wohnt Mr. Rochester jetzt auch in Thornfield-Hall ? « fragte ich , obgleich ich im voraus wußte , welcher Art die Antwort sein müsse . Ich wünschte aber eine direkte Frage in Bezug auf seinen Aufenthalt zu vermeiden . » Nein , Madam , ach nein ! Dort wohnt jetzt niemand . Ich vermute , daß Sie in dieser Gegend fremd sind , sonst würden Sie wissen , was sich im vorigen Herbst zugetragen hat ; – Thornfield-Hall ist nur noch eine Ruine , gerade um die Erntezeit brannte es gänzlich ab . Ein furchtbares Unglück ! solch eine ungeheure Menge wertvollen Eigentums zerstört . Von den Möbeln konnte fast nichts gerettet werden . Das Feuer brach mitten in der Nacht aus , und ehe die Spritzen von Millcote ankamen , war das ganze Gebäude ein Flammenmeer . Es war ein grauenhafter Anblick . Ich war selbst dabei . « » Mitten in der Nacht ! « murmelte ich . Ja , das war die verhängnisvolle Stunde für Thornfield ! » Weiß man , wie es entstanden ist ? « fragte ich . » Man vermutete es , Madam , man vermutete es . In der That , ich könnte wohl sagen , daß es ohne Zweifel festgestellt ist . Vielleicht wissen Sie nicht , « fuhr er fort , indem er seinen Stuhl näher an den Tisch rückte und im Flüsterton sprach , » daß eine Dame , – eine – eine Wahnsinnige im Hause eingesperrt war ? « » Ich habe etwas darüber gehört . « » Sie war unter sehr strenger Bewachung , Madam ; ja , viele Jahre hindurch wußten die Leute nicht einmal etwas Bestimmtes über ihr Dasein . Niemand sah sie ; nur durch das Gerücht wußte man , daß irgend jemand im Herrenhause verborgen gehalten werde , es war jedoch schwer zu vermuten , wer oder was es sei . Sie sagten , Mr. Edward habe sie aus der Fremde mitgebracht , und viele glaubten , sie sei nur seine Geliebte gewesen . Aber vor ungefähr einem Jahre passierte etwas Sonderbares – etwas sehr Sonderbares . « Ich fürchtete jetzt meine eigene Geschichte mit anhören zu müssen . Deshalb versuchte ich , ihn zur Hauptsache zurückzuführen . » Und diese Dame ? « » Diese Dame , Madam , erwies sich als Mr. Rochesters Gattin ! Diese Entdeckung wurde auf die seltsamste Weise herbeigeführt . Im Herrenhause war ein junges Mädchen , die Gouvernante , und Mr. Rochester – » Aber das Feuer ? « unterbrach ich ihn . » Das kommt gleich , Madam – und Mr. Rochester verliebte sich in sie . Die Dienstboten sagten , daß sie in ihrem ganzen Leben keinen so verliebten Menschen gesehen hätten wie ihn . Beständig war er hinter ihr her . Sie pflegten ihm aufzupassen – Sie wissen , Madam , Dienstboten thun das nun einmal – und er hielt mehr von ihr als von irgend etwas Anderem auf der Welt , Außer ihm fand jedoch niemand sie hübsch . Sie war ein kleines unbedeutendes Ding , sagten sie , fast wie ein Kind . Ich selbst habe sie nie gesehen , aber Leah , das Stubenmädchen , hat mir von ihr erzählt . Leah hat sie sehr lieb gehabt , Mr. Rochester war ungefähr vierzig Jahre alt , und diese Gouvernante noch nicht zwanzig . Und Sie wissen wohl , wenn Leute in seinen Jahren sich in junge Mädchen verlieben , so sind sie oft wie behext . Nun also kurz und gut , er wollte sie heiraten . « » Diesen Teil der Geschichte können Sie mir ja ein andermal erzählen , « sagte ich , » aber ich habe einen ganz besonderen Grund , weshalb ich die Geschichte der Feuersbrunst hören möchte . Vermutete man denn , daß diese Wahnsinnige – Mrs. – Mrs. Rochester die Hand dabei im Spiel hatte ? « » Sie haben es getroffen , Madam ; es ist ganz bestimmt , daß sie , und keine andere , als sie , das Haus angezündet hat . Sie hatte ein Weib , das sie bewachen sollte , Mrs. Poole mit Namen , eine ganz geschickte Person in ihrer Art , und ganz vertrauenswürdig ; aber sie hatte einen Fehler – einen Fehler , den beinahe alle alten Weiber und Krankenwärterinnen haben , sie hielt sich eine eigene Brantweinflasche und nahm dann und wann einen Tropfen über den Durst . Es ist verzeihlich , denn sie hatte ein schweres Leben ; aber dennoch war es gefährlich ; denn wenn Mrs. Poole nach ihrem Brantwein fest eingeschlafen war , so nahm die wahnsinnige Frau , die so listig und verschlagen war wie eine Hexe , ihr den Schlüssel aus der Tasche , schlich aus der Thür und wanderte im Hause umher und richtete alles Unheil , das ihr in den Kopf kam , an . Die Leute sagen , daß sie ihren eigenen Gatten beinahe einmal in seinem Bette verbrannt hat ; aber ich weiß nicht , ob das wahr ist . Jedoch an diesem Abend steckte sie zuerst die Vorhänge in dem Zimmer , welches dem ihren zunächst lag , an ; und dann kroch sie hinunter in das erste Stockwerk und schlich sich in das Zimmer , das einst der Gouvernante gehört hatte – ( es war , als hätte sie eine Ahnung von dem gehabt , was sich zugetragen , und haßte das arme Mädchen nun ) – und zündete dort das Bett an . Zum Glück schlief niemand darin . Die Gouvernante war zwei Monate früher fortgelaufen ; und obgleich Mr. Rochester sie suchte , als wenn sie das kostbarste Juwel auf Erden gewesen , so konnte er doch nicht ein einziges Wort über sie erfahren . Und nun wurde er wild – ganz wild in seinem Ungemach . Er war niemals ein heftiger Mann gewesen ; nachdem er sie aber verloren hatte , wurde er geradezu gefährlich . Er wollte ganz allein sein . Die Haushälterin , Mrs. Fairfax , schickte er weit fort zu ihren Verwandten ; aber er handelte anständig , denn er hat ihr für ihr ganzes Leben eine hübsche Jahresrente ausgesetzt . Aber sie verdiente es auch , denn sie war eine herzensgute Frau . Miß Adele , seine Mündel , die ebenfalls im Hause war , wurde in ein Institut geschickt . Er brach jeden Verkehr mit den benachbarten Edelleuten ab und lebte im Herrenhause wie ein Eremit . « » Was ! er hat England nicht verlassen ? « » England verlassen ? Gott segne Sie , nein ! Er ist nicht mehr über die Schwelle des Hauses gekommen , ausgenommen bei Nacht , wenn er wie ein Geist im Park und im Obstgarten umherlief und tobte als wäre er von Sinnen . Und meiner Meinung nach war er das auch . Denn Sie konnten keinen lustigeren , kühneren , frischeren Herrn als ihn sehen , bevor das kleine Ding von Gouvernante ihm in den Weg kam . Er war weder ein Spieler , noch ein Trinker ; er kümmerte sich nicht um die Pferdegeschichten , wie soviele es thun . Er war auch nicht besonders schön ; aber er hatte Mut und einen festen Willen , wie ihn nur jemals ein Mann besaß . Sehen Sie , ich habe ihn seit seinen Knabenjahren gekannt , und was mich anbetrifft , so habe ich oft gewünscht , Miß Eyre wäre im tiefsten Meer ertrunken , ehe sie nach Thornfield-Hall kam . « » Mr. Rochester war also zu Hause , als das Feuer ausbrach ? « » Ja , gewiß war er das ; und er ging hinauf in die Dachkammern , als oben und unten schon alles brannte , und rettete die Dienerschaft aus ihren Betten und half ihnen selbst hinunter , und dann ging er noch einmal zurück , um seine wahnsinnige Gattin aus ihrer Zelle zu holen . Da riefen sie ihm zu , daß sie auf dem Dache stehe ; und da stand sie auch und schlug mit den Armen um sich , oben auf den Zinnen , und dabei schrie sie , daß man sie eine Meile weit gehört hat . Ich habe sie mit meinen eigenen Augen und Ohren gesehen und gehört . Sie war eine große , starke Frau und hatte langes , schwarzes Haar , wir sahen es im Winde flattern , während die Flammen schon an ihr empor schlugen . Ich sah es , und noch viele andere haben es gesehen , wie Mr. Rochestcr durch das Oberlicht auf das Dach stieg ; wir hörten ihn rufen : Bertha ! Bertha ! Wir sahen , wie er sich ihr näherte ; und da , Madam , stieß sie einen furchtbaren Schrei aus , that einen Sprung – und im nächsten Augenblick lag sie zerschmettert auf der Steinrampe der Terrasse . « » Tot ? « » Tot ? Ah , so tot wie die Steine , auf denen ihr Gehirn und ihr Blut verspritzt waren . « » Großer Gott ! « » Das mögen Sie wohl sagen , Madam , es war fürchterlich ! « Er schauderte . » Und dann ? « fragte ich . » Nun Madam , dann brannte das Haus bis auf den Grund nieder ; es stehen nur noch einige Mauerreste . « » Sind noch mehr Menschenleben verloren ? « » Nein . Aber es wäre vielleicht besser gewesen ! « » Was wollen Sie damit sagen ? « » Armer Mr. Edward ! « rief er aus , » daß ich das noch würde erleben müssen , hatte ich nicht gedacht . Einige sagen , das sei die gerechte Strafe , weil er seine erste Heirat geheim gehalten und eine zweite Frau nehmen wollte , während die erste noch lebte . Aber mir thut er doch von Herzen leid . « » Aber Sie sagten ja , daß er lebt ! « rief ich aus . » Ja , ja , er lebt . Aber manche meinen , daß es besser für ihn , wenn er tot wäre . « » Weshalb ? Wie ? « Das Blut erstarrte mir fast in den Adern . » Wo ist er ? « fragte ich . » Ist er in England ? « » Ja , ja , er ist in England ; er kann ja gar nicht von England fort ; er sitzt hier fest ! « Welche Todesqual für mich ! Und dieser Mann schien entschlossen , sie nach Möglichkeit zu verlängern . » Er ist stockblind , « sagte er endlich . » Ja , ja . er ist stockblind , der arme Mr. Edward . « Ich hatte Schlimmeres befürchtet . Ich hatte gefürchtet , baß er wahnsinnig geworden . Dann nahm ich all meine Kraft zusammen und fragte , wie dies Unglück geschehen . » Sein eigner Mut war Schuld daran und wenn man so will , seine Gutherzigkeit , Madam ; er wollte das Haus nicht eher verlassen , als bis jeder vor ihm hinausgeschafft war . Als er dann endlich die große Treppe hinunterkam , nachdem Mrs. Rochester sich von den Zinnen herabgestürzt hatte , da gab es einen großen Krach – und alles brach zusammen . Er wurde zwar lebend unter den Ruinen hervorgezogen , aber schwer verletzt ; ein Balken war so gefallen , daß er ihn teilweise geschützt hatte ; aber ein Auge war ihm ausgeschlagen und eine Hand so vollständig zerschmettert , daß Mr. Carter , der Wundarzt , sie sofort amputieren mußte . Das andere Auge war sehr entzündet und er verlor auch auf diesem die Sehkraft . Jetzt ist er ganz hilflos , – ganz hilflos , in der That , blind und ein Krüppel . « » Wo ist er ? Wo wohnt er jetzt ? « » In Ferndean , in einem Herrenhause auf einem seiner Landgüter , dreißig Meilen von hier . Ein öder , trauriger Aufenthalt . « » Wer ist bei ihm ? « » Der alte John und sein Weib . Er wollte sonst niemanden um sich dulden . Sie sagen , er sei ganz gebrochen . « » Haben Sie irgend einen Wagen ? « » Wir haben eine Chaise , Madam , eine sehr schöne Chaise . « » Lassen Sie