vergleicht ! » Schriftstellerrepublik « - ja wohl ! Aber jede Republik hat ihren Präsidenten und es giebt ebensowenig eine Gleichheit der Geister , wie der socialen Bedingungen . Die Litteraten unter sich wollen auch gar keine Republik , sondern Anarchie , wo jeder naseweise Reporter sich als stimmberechtigt neben dem Dichter fühlt und jeder Zaunkönig den Adler » Kollege « schimpft . Eine Republik von lauter Königen - Percy , Prinz Heinz , Falstaff und seine Rekruten in Reih und Glied nebeneinander . Diese Disciplinlosigkeit schadet unendlich . Denn sie bildet die auf Gegenseitigkeit arbeitende Kameraderie aus , welche das Bedeutende nur anerkennt , wenn sie selbst als bedeutend begrüßt wird . So kommt das Große nicht auf und andrerseits vergeht dem Großen die Lust , wohlwollend das Kleinere zu fördern , weil dieses sich sofort in zu hohe Kothurne unterschnallt . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - » Da kommt ja zuletzt noch was Schneidiges ! « Um eine zugige Ecke biegend , begegnete er einer alten Freundin , Adele der Chansonneuse mit dem griechisch-gemeißelten Köpfchen und dem griechischen Haarknoten , die aus einem Café Chantant in der Alexanderstraße nach Hause wanderte , pflichtschuldig der Polizeistunde 11 gehorchend . Dies freudige Wiedersehen zu begießen , nahm er sie in ein Bierlokal mit und erkundigte sich lebhaft , was denn seine alte Flamme , die Polin Wanda , mache , die sich vom » Geschäft « zu ihrem Liebhaber , einem Xylographen , zurückgezogen hatte und mit ihm wirthschaftete . » Ach Jott , die erkundigt sich immer noch nach Ihnen , ob Sie mal wieder zu uns ins Lokal kämen ; dann will sie immer alles haarklein wissen , was Sie jeredet haben . Ja , Wanda hält immer noch große Stücke auf Sie . Neulich sprachen wir noch von dem letzten Mal , wo wir uns sahen , da am Halle ' schen Thor , wo ich bekneipt war und wie Ihr Euch auf offener Straße so abküßtet . Wie ich noch sagte : Ach , die Wanda ist gar nicht so stolz ! Die nimmt alles ! Und Sie ihr nachher das Armband schickten . Und dann war ' s auf einmal mit der Liebe zu Ende . « » Ja , weil sie mich die ganze Zeit über belogen hat ! « brummte er mißmuthig . » Selbst als ihr Kerl sie eines Nachts abholte und ich sie mit ihm absegeln sah , schwor sie Stein und Bein , das sei eine Andere gewesen . « » Quatschkopf ! Warum läßt Du Dich auch so anlügen ? « Die kleine Adele schien immer noch so ausfallend wie früher . » Aber interessirt haben wir uns für Sie doch immer , wir alle Beide . Aber ich hab ' ihr immer gesagt : Heirathen thut er Dich doch nicht . Neulich waren Sie ja bei uns in der Alexanderstraße mit ' n paar Herrn . « » Ja wohl und Du hast mich gar nicht gegrüßt . « » Ich wußte ja nicht , ob Sie nicht wünschten , nicht gegrüßt zu werden . Leute in meiner untergeordneten Stellung - « Sie verzog schnippisch den Mund . » Halt den Rand , Fischerin Du Kleine ! « » Ja und dann war ich auch wüthend auf Sie , weil Sie sich so lange nicht nach mir umgesehn haben . Das heißt , ich - « sie simulirte reizende Verwirrung . » Man braucht ja keine Gefühle zu haben , aber nur so aus Freundschaft . Wir kennen uns doch nun schon sechs Jahre . Erinnern Sie sich , da auf der Treppe bei Wanda - « Sie kicherte . » Du trugst den Dolch im Gewande . - Nun , wie geht ' s sonst ? « » Schlecht . Ich weiß die Leute nicht zu nehmen . Von Leuten in meiner untergeordneten Stellung verlangt man Dummheit . Und die Dummen sind immer klüger als die Klugen . « » Hört , hört ! Sehr wahr ! « murmelte er . » Also Wanda ihr Verhälniß - « Hier erhob Adele sofort Zoll für ihre Mittheilsamkeit : » Ich möcht ' was essen , « worauf sie später kauend allerlei Interessantes zum Besten gab . Die Wanda sei ja verrückt , sich mit so ' nem jungen Menschen wie ihrem Xylographen zusammenzukoppeln , blos weil sie hoffte , Der würde sie doch noch heirathen . » Den nähme ich nicht , in Watte gewickelt und in Gold dazu ! Aber das muß man sagen , gut ist er zu Wanda und läßt nicht von ihr ! « » Dann muß er aber doch ein edler Mensch sein . Das erhöht nur meine Achtung . « Leonhart wurde nachdenklich . Ja , das war Liebe ! Nur in den unteren Regionen blühte dies Blümlein noch . Wanda mit dem vornehmen Gesicht und dem guten Herzen - hatte er sie nicht wirklich geliebt ? Als Adele mal in der Charité lag , waren sie Beide zu ihr hingewandert , um ihr Bücher und Leckereien zu bringen . War das auch nur geträumt ? Ihn durchrieselte ein trübsinniger Humor . Wie entehrend drollig , diese unfreiwillige Komik ! Was hätte die Neugier der Welt wohl darum gegeben , den berüchtigten Geistesheros hier mit zweideutigen Weibern als langjähriger Kamerad über allerlei obscure und unmögliche Verhältnisse plauschen zu hören ! Die biedre Adele , mit welcher er so manchen Scheffel Salz gegessen , wußte von ihm sonst gar nichts , wie so etwas nur in Berlin möglich ist . Fragte ihn beim Abschied ( weiß Gott woher sie diese Andeutung schöpfte ) , ob er jetzt viel mit den Wahlen zu thun habe . » Nur mit der Stich-Wahl , Kleine ! « Es schnob ein eisiger Wind . Leonhart humpelte schlaftrunken und mit Hühneraugen behaftet nach Haus . Er wohnte in der Bendlerstraße . Es wurde schon hell . Noch brannten einige verspätete Laternen . Ihr Licht sah röthlich aus , offenbar durch den umrahmenden Gegensatz des dünnen weißen Morgennebels , der über allen Bäumen hing . Auf dem Teich der sogenannten Rousseauinsel schwammen einige Schilfpflanzen hin und her in der dunklen Tiefe . Der Dichter verselte unwillkürlich , er konnte nichts dafür . Ihr liebt o , Wasserrosen , Zu schmücken die dunkle Flut , Ein Garten bleicher Blüthen Ueber der Tiefe ruht . Bis meine dunkle Seele Wollustberauscht erbebt , Ueber ihr duftend und leuchtend Meiner Lieder Fülle schwebt . Schneeiger Mondstrahl fluthet In die schneeigen Kelche hinein - Da zuckt vom Himmel hernieder Gespenstiger Wetterschein . Es wirbelt aus tückischer Tiefe Unheimlich mit dunkler Gewalt - Und alle Blumen versinken Und alles ist todt und kalt . Oben in seiner Kammer ( er wohnte natürlich nahe dem Himmel ) hatte sich ein Nachtfalter verfangen , der lärmend herumrumorte . Draußen rauschte plötzlich ein Regenguß hernieder und klopfte eintönig auf das Fensterbrett . Wie der eisige Griff des Todes schauerte es den Einsamen an , und ehe ihn der Bruder des Todes mit seinen weichen Armen umfing , quoll ihm die Frage von den bebenden Lippen : Die Astern draußen verkümmern Einsam im Regensturm . Im morschen Holzgetäfel Pocht der bohrende Wurm . Eine Motte einsam flattert , Wo die Kerze einsam loht . Wer ist hier das Leben ? Wer ist hier der Tod ? In seinen unruhigen Schlummer drängte sich ein Bild der Vergangenheit , aber in seltsamer Gestaltung , die er sich wachend nicht zu erklären vermochte . Das linke Auge lag blutroth wie eine Wunde in dem zarten Haupt . Aber mit rührender engelgleicher Geduld schwebte die zarte Gestalt hin und her , und plauderte wehmüthig freundlich . Eine unsägliche Zärtlichkeit durchströmte sein Herz , als er auf das süße liebliche Antlitz herniederschaute . Immer noch litt er an der Krankheit , sich um das Urtheil der Andern zu kümmern , während er sie doch tief verachtete . Auch schwankte seine Menschenkenntniß krankhaft hin und her . Sprach er grade mit den Leuten , so ließ er sich dupiren ; waren sie ihm ferngerückt und überdachte er ihr Wesen , so durchschaute er ihre Motive wie dünnes Glas . Andrerseits konnte er Menschen antipathisch im ersten Augenblick betrachten , um im nächsten bei seiner überzarten Gerechtigkeitsliebe , sobald dem persönlichen unangenehmen Eindruck entrückt , versöhnlich und milde zu denken . Ihm mangelte gänzlich jener letzte eingeborene Instinkt der Selbstsucht , der keine andre Rücksicht als das persönliche Interesse kennt und alles nur unter diesem Gesichtspunkt beurtheilt , fremd allen sonstigen Einflüssen . Auch seine Eitelkeit blieb immer noch zu reizbar und vergab keinem Dummkopf seine Albernheiten . Er dachte an sein Erstlingswerk , das er in frühster Jugend veröffentlichte . Darin gab es bei aller Unreife der Form schon Stellen , welche einen scharfsichtigen Kritiker mehr als überraschen , welche befremden mußten . Es klang darin , wie das unbeholfene Lallen eines großen Dichters . Wer aber unter den elenden Kritikastrirten hatte das erkannt ! Ueber die schwerfällige Form , das Aeußerliche , konnte das Verständniß der Mehrzahl kaum hinwegkommen . Das war seine erste Erfahrung gewesen und wie zahllose sollten noch folgen ! Nun hat ja freilich alles seine Vorzüge und alles seine Fehler . Es liegt also in der Natur der Sache , daß wir an unseren Sachen nur die Vorzüge , die Feinde nur die Fehler sehn . Man warf ihm vor , daß er sich zersplittere . Allein , sein umfassender Geist hatte seine Wurzeln so weit verzweigt , daß ihm Vielseitigkeit eine Lebensbedingung wurde . Vielseitigkeit ist an sich noch kein Merkmal des Genies , aber Genie im höheren Sinne ist ohne Vielseitigkeit kaum denkbar . Fortwährend verplemperte er sich und blieb selten ganz correct . Die » Correcten « sind übertünchte Gräber , deren lackirte Charakterlosigkeit alsbald sich offenbart , sobald man den Firniß ihrer » Grundsätze « abkratzt . » Wahrlich , wir sind zu jung noch ! « Diesen Macbeth ' schen Ausruf sollte sich Jeder täglich wiederholen , wenn ihn Gleichgültiges reizt . Aber zarte Sensitivität ist die Achillesferse jeder feineren Natur . Schrieb er Briefe , so gab er sich regelmäßig Blößen , weil ihm die Fleisch und Blut gewordene Verlogenheit der Andern mangelte . » Der Mann , der so seltsame Briefe schreibt , « nannte ihn Einer seiner Judasse , nachdem er lange die Vertrauensseligkeit des jovialen übersprudelnden Wahrheitsdranges ausgenutzt , und drohte Leonhart zu denunciren , weil er einen hochgestellten Staatsmann privatim verdächtigt hätte . Leonhart fand zuletzt nur eine Rettung : daß er überhaupt alle Briefschreiberei mit Unbedeutenden unterließ . Ein hoher Gedanke in seinen Werken zeigte ja sein wahres Wesen besser , als alle mündliche und schriftliche Konversation . Wer sein ganzes geistiges Vermögen in seine Schöpfungen gießt , kann zuletzt , todtmatt und mit aufgezehrten Nervensäften , für seine Correspondenz nichts mehr erübrigen . Werfen doch philiströse beschränkte Geister einem Ungewöhnlichen so leicht haltlose Unruhe vor , weil man bei ihnen unberechnende Aufrichtigkeit höchstens erzielen kann , wenn man ihre Eitelkeit verletzt ! Wie einen Schmoller sein schlechtes Gewissen zu dem Argwohn trieb , daß andere über ihn noch schlimmer dächten , als es der begründeten Wahrheit entsprach , - so litt Leonhart umgekehrt an dem Wahne , daß Andere viel freundlicher über ihn dächten , als sie thaten . Daher warf er sich selber oft vor , daß er zu hart urtheile , wenn er die selbstsüchtigen Motive der Anderen durchschaute . » Gemüth « ist meist nur ein Zeichen physischer Schwäche . Freilich , wie oft nutzt andrerseits der physisch Schwache das Mitleid der Gutmüthigen aus ! Schon hierin befand sich Leonhart in stetem Nachtheil , daß gerade er die Dinge nie persönlich , sondern objectiv auffaßte , da er allein wahre Liebe zur Muse besaß . Ist es nicht schon an sich ein gräßlicher Widerspruch , den persönlichen Freund zu tadeln und den persönlichen Feind zu loben ? ! Und dabei faselte man noch von seiner Subjectivität ! Doch galt er Vielen als ein harmloser Esel , vom weltlichen Standpunkt aus . Freilich , wer nie im weltlichen Sinne sich wie ein Verrückter gebärdete , wer nicht Stadien einer krankhaften Zerrüttung durchzumachen hatte , ein solcher Dichter möge sich der hochlöblichen Regierung als Hülfsarbeiter melden . Litt nicht selbst der junge Goethe an hochgradiger Weltunfähigkeit , an der Unmöglichkeit , das Dichterthum mit dem realen Leben zu vereinen ? Je weiter er sich von wahrer Dichterkraft entfernte , desto höher stieg sein weltliches Ansehn und seine olympische Weisheit , ein Wohlgefallen vor Gott und den Menschen . Erst der erlauchte Greis , auf den Höhen des Lebens angelangt , griff zu dem Streben seiner Jugend zurück und empfand mit abgeklärtem weihevollem Schmerz seinen » Faust « . Hätte seine robuste physische Constitution ihm aber nicht das Ausruhen einer so langen Lebensdauer zur Schöpfung seines größten Werkes gewährt , so würde er ewig als ein Abtrünniger vor uns stehen , der den Titanismus seiner Jugend nicht zu bewahren wußte . Wäre andrerseits Byron nicht so früh dahingegangen , so würde das unreife Urtheil , das nicht im » Don Juan « die Fortentwickelungskeime einer höchsten Shakespearischen Reife zu erkennen vermag , ihn nicht als fragmentarische Erscheinung betrachten . Nur Rafael und Mozart schieden in gleichem Alter als innerlich Vollendete , auch Burns lebte seine lyrische Naturanlage bei frühem Tod genügend aus , ebenso wie Schiller seine theatralische . Auch der Größte , Shakespeare , hatte wohl nichts Wesentliches mehr zu sagen , als er in der Mannheit Blüthe weggerafft wurde . Und nun daneben Marlowe und Kleist ! Ach , vielleicht gehört es mit zum Genie , in hartem Selbsterhaltungstrieb sich zu behaupten . Wer sich physisch oben erhält , bleibt Sieger . Immer wieder peinigte ihn das wirre Angstgefühl vor eingebildeten Machinationen von Schurken . Es kam so weit , daß er sich wuthknirschend am Boden wälzte . Wie Lenau stocherte er fortwährend im schwarzen Schlamm des Lebens umher und suchte nach Cholera-Baccillen . Sein Moralisiren verzärtelte ihn so , daß die bloße Betrachtung der Lebensgemeinheit ihn gradezu krank machte . So wirkt ja auch das sogenannte Ehrgefühl nur krankhaft , falls es die Verleumdung fürchtet , der ja doch niemand entgehen kann . - Durch die Reaction des berechtigten Stolzes tritt Erhabenheit ein . Statt sich in weltklugem Phlegma zu verhärten , schwang er sich über sich selbst und seine Misèren empor , indem der unbegrenzte , ungebändigte Stolz des starren Individualmenschen sich zusammenkrampfte . Aber auch diese krampfhafte Steigerung des Selbstgefühls in einsamer Selbstbetrachtung diente nur dazu , sein Nervensystem vollends zu untergraben . Er mußte sich buchstäblich in die Haare greifen und krümmte sich wie ein Wurm , weil ihn andauernd die Vorstellung verfolgte , er stürze sich aus dem Fenster eines vierten Stockwerks . Mit voller Klarheit durchlebte er den Schwindel und die Todesangst des Falls . Dann trat dafür der gräßliche Wahn ein , daß er sich vor einen Courirzug stürze . Seine hartnäckige Phantasie klammerte sich an diese Wahnvorstellung wie sonst an andere kleinliche Nörgeleien . Wie ein Krampf kam fortwährend über ihn die ekelvolle Furcht vor der Eisenbahn , diesem eisernen Ungeheuer , das über alles fortrast , über alle Blumen des Lebens . Mußte diese selbstmörderische Psychose nicht eines Tages wirklich zum Verderben führen ? Wer stets in den Abgrund starrt , und wäre er selbst schwindelfrei , stürzt endlich doch hinein . - Seine Nervenkrankheit stieg auf den höchsten Grad . Da er alles that , um sein System zu vergiften , alle Abende schimpfend in den Cafés umherstöberte , ob man ihn immer noch todtschweige , und statt zu soupiren ( sein Magen vertrug schon keine schwere Speise mehr ) Kuchen aß und fünf schwarze Cafés hinter die Binde goß , - so zerrüttete seine ungeheure Produktivität ihn vollends . » Morgen : Die Meeresbraut , Drama in 5 Akten von Xaver Graf Krastinik « stand an der Littfaßsäule . Leonhart kicherte häßlich in sich hinein . In der Nacht träumte er seltsam . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Auf der Asphodeloswiese , die besprenkelt und umwuchert von der mystisch blauen Blume , schritt er in dem Traum dahin . Ahnungsdunkle Lorbeerhaine , klassisch zugeschnittene Berge , und in geisterhafter Weiße Marmortempel ringsumher . Fernverhallend rauschten Chöre durch die wunderhellen Lüfte und als Wolke hing im Aether gar der Fries des Parthenon . Weiter ging ' s im Thal der Todten , wo wie steingewordene Psalme Münster hier gen Himmel stiegen und von Bannern schier ein Wald . Und auf einem Teiche zogen Schwäne einen Kahn von Silber . Drin zwei Männer , in den Händen Jeder einen Goldpokal . Den Pokal des heiligen Grales hat Herr Wolfram hier gefunden . Und er schlürft den Quell der Mystik , blutrothen Erlöserwein . Lächelnd spiegelt sich der Andre in dem rosigen Wein der Liebe , tausend bunte Blasen sprudelnd , in Isolde ' s Zaubertrank . Walter auch der Fiedeläre , unters Kinn den Arm gebogen , saß , von Vögelein umzwitschert , auf der moosigen Bank von Stein . Und vor einer schattenhaften Schreckgestalt posaunentönig blies ein Sturmhauch her erzklirrend hier das Nibelungenlied . Mausoloeen , Leichensteine moderten , wo durch Cypressen er fürbaß die Schritte lenkte , höllendunkle Kirchhofschlucht . Einsam saß im Seherkleide dort ein Mann an schwarzem Kreuze . Michel Angelo ' s Sibyllen schauen kaum so grimmig drein . Doch nun glitzerte die Landschaft , goldig schier wie eine Mine neugefundnen Eldorados . Sah dort drei an einem Tisch . Tranken all aus einer Kanne Malvasier und trugen modisch zugeschlitzte spanische Wämser . Einer der hieß Calderon . Und Cervantes hieß der Andre mit der abgehauenen Schwerthand . Und des Menschenherzens Meister saß , der Brite , auch dabei . Von den leidenschaftlich wilden Düften unerhörter Triebkraft noch betäubt , empfing ihn jetzo Brodem künstlicher Parfüms . Rokoko und Voltaires Witze . Lessing trägt den Zopf im Nacken , würdevoll wie eine Toga schlottrige Magistertracht . » Nein , ich gehe keinen Schritt mehr weiter in das Unnatur-land ! « Und aus Schrecken vor der Neuzeit war er jählings auch erwacht . Die Atmosphäre war schwül , tiefblaue Tinten bestrichen die bleifarbene Wand des Horizonts , es wetterleuchtete . Leonhart schritt ruhelos fürbaß durch den Grunewald , daß die Fichtennadeln , die den Weg bestreuten , unter seiner hastigen Sohle knirschten . Chaotisch wirbelten ihm Gefühle und Gedanken . An diesem Abend sollte das Drama im » Deutschen Theater « in Scene gehn , sein Drama , dem Graf Krastinik den Namen geliehn , damit auf diese Weise ein Werk des connexionslosen strebernsunkundigen Dichters an die Öffentlichkeit gelange . Ob es gefallen würde ? Und wenn , wie würden nachher das Preßgesindel und die Theatermenschen sich erbosen , sobald der schreckliche Hereinfall aufgedeckt ! Man hat sich einen Spaß erlaubt , eine Mystification ! Sie konnten gar von grobem Betrug reden , garstige Chicanen erfinden , ja den wahren und angeblichen Autor in corpore in Preß-Verschiß erklären und unmöglich machen ! Leonhart ' s Finger krampften sich auf und zu . Er fühlte , daß er zum Mörder werden könne , zum Mörder an diesen Elenden , die Gott in seinem Zorn erschuf , um das Höchste und Heiligste , die Poesie , mit ihrer stinkenden persönlichen Geschäftsmacherei zu besudeln . Eine Verschwörung von Schurken und Dummköpfen , nicht werth , auch nur den Staub von den Stiefeln eines Dichters zu lecken . Nicht Einer unter all diesen Litteraten-Strolchen , der nicht ausschließlich von seinem winzigen erbärmlichen Ich speiste , der nicht an miekriger Selbstsucht , an einer wahren Selbstbefleckung des selbstverliebten Größenwahns litt . Alle verzehrt von hirnzerfressendem Neid gegen gefürchtete Superiorität , kriechend nicht vor dem Talent , sondern vor dem Erfolg , nicht vor dem Verdienst eines Alvers , sondern vor dessen Studententriumphen und seinem » von « . Alle gleich , ob nun germanische Jüngstdeutsche mit augenverdrehender Pseudo-Stürmerei oder jüdische Jüngstdeutsche mit thatkräftiger Realitätsausnutzung , ob nun notorische Streber oder verschämte Akademiker mit angeblich reinen Idealzielen . Alle nur die Wurst nach der Speckseite werfend , alle nur bemüht ihr liebes Ich zur Geltung zu bringen , alle tief von der Wichtigkeit ihres mittelmäßigen Nichts durchdrungen , und von Uebelwollen gegen alles Uebrige beseelt . Ja , er durfte sich ' s sagen : Er war der letzte Idealist , der Letzte , der immer nur die Sache sah und nie die Person . Selbst seine Feinde mußten es zugeben . Ihm schien nur eins wichtig : das Verdienst , in welcher Gestalt auch immer . Daß er um so schonungsloser den Größenwahn der Windmacher geißelte , lag in der Natur seiner rücksichtslos herben Wahrheitsliebe . - Der Verfolgungswahn packte ihn wieder mit doppelter Gewalt und malte die verbündete Schlechtigkeit noch düsterer , als sie in Wahrheit sein mochte . Auch entschwand ihm theilweise die objective Betrachtung , die er in lichten Momenten wie kein Anderer besaß , betreffs der traurigen Nothwendigkeit dieser allgemeinen Selbstsüchtelei , da doch Jeder herbe um sein Fortkommen zu ringen hat . Von Natur sind Wenige schlecht , wenn auch kindische Eitelkeit und nörgelnder Neid nur besonders vornehmen Naturen nicht angeboren scheinen . Allein das Leben häuft soviel Koth an , durch den man hindurchwaten muß , daß die edleren Gefühle allgemach verkümmern . Gewiß blieben ja Leonhart ' s wüste Wahnvorstellungen nicht vom Thatsächlichen fern . Die Schlangen berathen sich , um den Löwen von hinten in die Ferse zu stechen . » Wir möchten so gern und an Lebensklugheit - Falschheit , wie es die Dummköpfe nennen - sind wir ihm ja allesammt überlegen . Aber ach , wenn er sich mal umdreht und mit der Tatze haut , da wächst kein Gras ! « So ist es die Feigheit der gemeinen Naturen , die allein den hochherzigen Starken vor ihrer Bosheit schützt . Es ist ein großes ethisches Gesetz , daß der schmutzige Kampf ums Dasein uns empört , sobald wir ihn losgelöst von uns selber betrachten , und daß die Perfidie der Andern die Stimme unseres eigenen Gewissens , die wahre Selbsterkenntniß , fördert . Wo man auch auf Erden seinen Pilgerstab hinsetzen mag , überall trifft man das menschliche Antlitz und seine Lügen . Lange hatte Leonhart als Correspondent eines großen Rheinischen Blattes in Paris und London gelebt . Mit düsterer Befriedigung dachte er unwillkürlich , wie wenig und oberflächlich man ihn doch kenne , wie viele Leute außerhalb Deutschands mehr von ihm wußten , als irgend einer der » guten Freunde « , die ihn umklatschten . Mit welcher ironischen Schadenfreude erfüllte ihn das prahlende Gethue mancher » Kollegen « , als ob sie mit ihm hundert Scheffel Salz gegessen hätten , während wiederum in ihm näheren Kreisen der Gesellschaft die völligste Unkenntniß seiner litterarischen Verhältnisse herrschte ! Vier ganz verschiedene » höhere Töchter « hielten sich allen Ernstes für die unglückliche Liebe seines Lebens und bewahrten daher noch nach ihrer Verheirathung ihm jenes theilnahmvolle Mitleid , das aus geschmeichelter Eitelkeit entstammt . So blieb er eben in Allem ein Räthsel und zersplittert in unendlicher Vielseitigkeit , die zu seinem Verderben ausschlug - allerdings in anderem Sinne , als einige Klugschwätzer , die es mit den Feinden Leonharts ebensowenig wie mit ihm verderben wollten , in ihrer unendlichen Schläue und Barmherzigkeit über ihn orakelt hatten . Die Subjectivität des Uebermenschen trieb ihn , gerade weil seine Natur in ihren Urquellen selbstlos und wohlwollend , zu Paroxysmen der Misanthropie . Du Spreu des Ewigen , die kaum als Dünger der Weltidee noch brauchbar ! Flüchtiger Koth , vom Sturm des Schicksals in das Nichts gewirbelt ! Du Bestie , die bübische Begierden mit kriechend feiger Heuchelei bemäntelt ! Du neid- und haßgeschwollenen Drachenbrut , Du Rattenkönig , Schlangennest der Sünde ! Mensch ! Lebend schon die Würmer Dich zernagen , sich von der Fäulniß Deines Leibes nährend , in dem die Seele lange schon verfault ! Du Blitz , der dort wie eine Zornesader aus dieser Wolkenstirne Runzel aufzuckt , o schlängle Dich als Ariadnefaden hinab zu mir ins Labyrinth der Schmerzen ! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Wie der Trieb zur Sünde im Menschenblut , so liegt im grübelnden Menschenhirn geheimnißvoll ein schrecklicher Drang , zu erproben die Selbstvernichtung . Auf die Höhe des Berggrats stelle ein Kind ! Schau , wie ' s gleich näher und näher kriecht dem drohenden Rand und Kiesel zuerst aufliest vom steinigen Boden . Die schleudert es dann in die Höhlung hinab , um am Schall zu ermessen des Abgrunds Grund , horcht ahnungsvoll , wie spät und dumpf es dröhnt aus der endlosen Tiefe . Der Mutter Vorsicht gängelndes Band zerreißt es , schleicht zum Rande sich vor , umklammert noch den Fels der Vernunft . Der scheint ein sicherer Halt ihm . Doch wie es starrt in das graue Nichts , da schwindeln ihm schaudernd Herz und Hirn , da gleitet die Hand , da wankt das Knie , gelähmt von gräßlichem Grausen . Im Instinkt der Verzweiflung stürzt es hinab . So umgarnt an der Zweifel gähnendem Schlund den Nichtseinsinnenden grübelnden Geist entschlossene Verneinung des Willens . Bis willig halb , halb magisch gedrängt , halb sinkend , halb gestoßen , er rollt durch Wahnsinn-Nebel in Todesnacht : Todesfurcht versteckt sich im Selbstmord . Dieselbe Nacht , die den irdischen Zeus , den Alexander , dem Licht geschenkt , sah frech verbrennen den Herostrat der Ephesischen Artemis Tempel . Denn in der Moira dunklem Schooß , und in des Kronos waltender Hand und in des Kroniden Waage des Rechts da liegen vereint die Loose . Das weiße Loos und das schwarze Loos , das Sein und Nichtsein , Leben und Tod , und der Trieb zum Leben , die Schaffenslust , sich paart dem Lebensekel . Die Selbstvergötterung , welche gebiert der Dämon in der Erkorenen Brust , ist nahe der Selbstverachtung gesellt in der Verlorenen Seele . Dieselbe Hore , welche gebiert den schaffensmächtigen zeugenden Geist , den Welterbauer , als Zwilling nährt den zerstörungsfrohen Vernichter . Augustus , Trajan , Vespasian , aufs Neue erbauten nach Götterbeschluß , was niedergerissen nach Götterbeschluß im Reich die Juliersprossen . Welch winzige Spanne Zeit doch trennt vom Nero den Titus ! Ja , noch mehr : in Titus ' Seele selber lag der Drachen neben dem Lamme . Ein kurzer Augenblick entschied sein wahres Wesen und schied nun ab seiner Jugend Neronisches Element von der » Wonne des Menschengeschlechtes « . So liegt das Verderben dem Heil gepaart und das Leben dem Tode im Menschengeist , und Jeder erfüllt am Ende nur seine vorgebahnte Bestimmung . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Je mehr Leonhart diesem Gedankengange folgte , desto deutlicher empfand er , bei Titus angelangt , den Begriff des Cäsarenwahnsinns , diesen Gottähnlichkeitsdünkel des Größenwahns . Wie vom Medium einer Vision inspirirt und selbst Medium geworden , fühlte er das Wesen Heliogabals in das seine hinüberrinnen . Ihm war , als spräche aus ihm selber die Seele des Götterwonnetrunkenen , zum Flammentode bereit . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Mir bahnte den Pfad der erhabene Narr , wahnwitziger Wüstheit Meister mir , Caligula mit dem thierischen Blick der übermenschlichen Frevel . Auch der großdenkende Cäsar-Apoll , die Künstlerbestie , die zum Klang des eigenen Lyraklimperns schwamm auf goldner Barke im Tiber , lotternd auf purpurnem Thalamus , weißstirnige Buhlinnen rosenbekränzt schamlos zur Seite - also zu bewundern das brennende Rom , von lebenden Fackeln entzündet : Nazarenergewürm , ans Licht gezerrt aus Katakomben , gepfählt , erwürgt , aus Kreuz genagelt , verpicht mit Stroh , und mit Naphta sodann übergossen . Dies Schauspiel weckte ihm schauerlich-schön dithyrambische Stimmung . Anschaulich entrollt , studirte er so der Sinnenwelt schrecklichste Wonnen und Schrecken . Der Erkenntniß Aganippe er schlürfte in rinnenden Zähren , triefendem Blut . Im prächtigen Mordbrand suchte er den prometheischen Funken . Feinschmecker der Psyche , Lucull des Gefühls , wie sinnig verknüpfest Du so in eins die Elemente von Gier und Grau ' n ! Verschmelzung doppelten Schauders ! Der Ueppigkeit süß entnervende Schauer mit markdurchrieselnder Ahnung der Furcht ! Dir folgend , du Aristipp-Dionys , hab ' ich herrlichen Tod mir ersonnen . Nur Schnee befreit ein erstarrtes Glied , nur Gluth erstickt der Genußsucht Gluth . Drum stürz ' ich vom Lager verzehrender Lust ins Brautbett des Todes , die Flammen . Ichtys , der Fisch , ist der Christen Symbol , das meine der Salamander , der froh im Erdpech , vulkanischer Lavaschicht der Ur-Erregungen , wühlet . Man schlendert ins Feuer den Skorpion , dann bohrt er den Stachel ins eigne Hirn : So springt mein Ekel ins Bad des Tods , nicht lökend wider den Stachel . Als Kind in frischer Ursprünglichkeit , wo die Welt eine Fabel , ein Hirtenidyll , da fühlen wir den homerischen Trieb nachbildender Weltumfassung . Doch drängt die grausame Wirklichkeit sich unablässig in ' s Innere ein durch jeden Spalt der Sinne , so gährt im Hirn ein schauerlich Chaos . Mit Selbstverhöhnung beginnen wir , mit Selbstverachtung fahren wir fort und enden , die Ohnmacht des Einzelgeist ' s , das All zu empfinden , erkennend . Drum früh dies ahnend floh ich aus Furcht zum rohen Genuß