den Tag gesehen . Er schüttelte schaudernd den Kopf und schaute auf die Mutter ; die lag starr und teilnahmlos , wie es einer erfahrenen Toten geziemt ; weder Mann noch Kinder noch Nachbaren rührten sie ; selbst das Kleine an ihrer Seite ging sie nichts an , trotzdem sie vor kurzem noch ihr Leben für dasselbe geopfert hatte . Die Kinder , welche während der Todesnot eingesperrt und vernachlässigt worden , hungerten und schrieen mitten in ihren erbärmlichen Klagen um die Mutter nach Nahrung , bis der Mann sich aufraffte und mit gelähmten Gliedern herumtastete , wo die Frau die letzte Speise mochte besorgt oder gelassen haben . Er sah sich unfreiwillig nach ihr um , als ob sie rufen müßte Dort geh hin , da steht die Milch , dort liegt das Brot , in der Mühle steckt noch der Kaffee ! Sie sagte aber nichts . Erschüttert trat ich dem Jammer näher und fragte , ob ich irgend etwas tun könne . Eine der Frauen sagte , die Ärzte hätten die sofortige Überführung nach dem Leichenhause anbefohlen ; es wäre gut , wenn die Leichen gleich in der Frühe geholt würden , allein niemand sei da , wenn der Mann nicht hingehe , die Bestellung zu machen . Ich anerbot mich , die Sache zu verrichten , und zog zehn Minuten später die Glocke an der Wachstube des Todes . Nachdem ich dem Wächter das Nötige mitgeteilt , blickte ich durch eine Glastüre in den Saal , wo sie von allen Ständen und Lebensaltern ausgestreckt lagen , wie Marktleute , die den Morgen erwarten , oder Auswanderer , die am Hafenplatz auf ihren Siebensachen schlafen . Darunter sah ich auch ein junges Mädchen auf Blumen ruhen . Die kaum erblühte Brust warf zwei blasse Schatten auf das Totenhemd ; da erinnerte ich mich dessen , was ich in dieser Nacht schon erlebt und mir vorgenommen , und eilte , voll Zweifel und Unruhe , Schrecken und Müdigkeit , den Schlaf zu finden . Derselbe war aber stürmisch bewegt und unerquicklich . Bald von den traurigen Vorgängen im Hause geweckt , bald von halbwachen Traumbildern umfangen , in denen Lebendiges und Grabfertiges , buhlende Liebesworte und Totenklagen sich unablässig vermischten , atmete ich auf , als es Tag wurde und ich wenigstens meine Gedanken sammeln konnte . Sie gerieten jedoch sofort miteinander in Streit ; denn als ich mich aufrichtete und , die Hand an der Stirne , mich besann , was eigentlich geschehen und was ich zunächst tun wollte , schwankte ich , ob ich vor den ernsten Todesschatten , die mich gewarnt , zurückweichen oder dem Liebesbild dennoch folgen solle , das mich in Gestalt der arbeitenden Armut lockte . Die Verlockung blieb siegreich ; es schien mir gerade das Beste zu sein , an dem weichen Busen eines jungen Lebens Trost und Vertrauen und mich selbst wiederzufinden , und je ernster das Gewissen warnte , in solcher Lage den Liebeshandel anzufangen und ein so bedenkliches Bündnis einzugehen , desto reichlicher flossen die Gründe des Worthaltens , der Ehre und Tapferkeit für die Ausführung des Vorsatzes . Ich beschloß sogar , das reizvolle Geschöpf schon am nächsten Abend aufzusuchen statt erst zu Ende der Woche , vorher aber den alten Trödler zu beraten , ob er mir ferner dergleichen anspruchlose Beschäftigung zuzuwenden wisse wie neulich . So schritt ich mit lebensdurstigen Augen und Lippen aus der Trauerwohnung hinweg , aus welcher schon vor Stunden die Leiche der Mutter und ihres letzten Kindes fortgebracht worden . Ich achtete nicht der verlassenen Kleinen , die bei offener Türe still an einem Häuflein saßen . Wie ich dann aus dem Hause trat und die Straße hinuntereilte , stieß ich auf einen jungen Mann , der ein hübsches Frauenzimmer am Arme führte . Beide waren wohlgekleidet in sauberer Reisetracht , augenscheinlich bemüht , eine Hausnummer zu finden , die sie auf einem Zettelchen vor sich hatten . Der Mann kam mir bekannt vor , ohne daß ich in meiner Zerstreutheit etwas dabei dachte ; indem ich aber ausweichen wollte , sah er mich genauer an und sagte in den Lauten des Heimatdialektes : » Da ist er ja ! Sind Sie nicht der Herr Heinrich Lee , den wir eben suchen ? « Erfreut und erschrocken zugleich erkannte ich einen benachbarten Handwerksmann unserer Stadt , der vor Jahren ungefähr um die gleiche Zeit mit mir in die Fremde gewandert , längst zurückgekehrt und Meister geworden , sein väterliches Geschäft übernommen und ausgedehnt hatte und jetzt auf der Hochzeitsreise begriffen war . Die machte er aber nicht ohne klügliche Nebenzwecke , da die wohlhabende Bürgerstochter , die er als Gattin am Arme führte , ihm die Mittel für alle ersprießlichen Unternehmungen zugebracht . Er richtete mir mm die Grüße meiner Mutter aus , die er zu diesem Zwecke vor der Abreise besucht hatte . Sie war mit einiger Beschämung gezwungen gewesen , dem Nachbaren zu gestehen , daß sie nicht einmal bestimmt wisse , wo ich sei oder ob ich noch am alten Orte wohne ; doch wünschte sie um so sehnlicher Nachricht zu erhalten . Ich aber war ebenso verlegen , viel nach ihr zu fragen , weil ich dadurch verriet , daß ich nichts von ihr wisse ; doch widerstand ich dem Bedürfnisse nicht lang und fragte fleißig , was mich zu erfahren verlangte . » Nun , wir sprechen noch von allem « , sagte der Landsmann , indem er mich aufmerksamer betrachtete . » Ihr habt Euch aber doch ziemlich verändert , nicht wahr , Frau ? Du hast doch den Herrn Heinrich früher auch gekannt ? « » Ich glaube mich zu erinnern , obgleich ich damals noch ein Schulkind war ! « erwiderte sie , während mir ihre ausgewachsene Fraulichkeit als vollkommen fremd erschien . Indessen fühlte ich , wie ihr Auge die geringe Pracht meines Anzuges überlief , der allerdings weder neu noch wohlgehalten war ; zum ersten Mal fühlte ich die Demütigung , schlecht gekleidet dazustehen , und noch verlegener ward ich , als der Landsmann fragte , ob wir nicht in meine Wohnung hinaufsteigen wollten ? Glücklicherweise diente mir der Todesfall zum Vorwand , daß es jetzt dort nicht wirtlich aussehe und ich selbst deswegen ausgegangen sei . » So dürfen wir Sie einladen , den Tag mit uns zuzubringen ? Wir sind schon gestern angekommen ; da hab ich aber Geschäfte besorgt . Morgen früh reisen wir weiter , so werden Sie mit uns nicht eben viel Zeit verlieren ; denn wir möchten Sie in Ihren Arbeiten keineswegs aufhalten ! « Der gute Landsmann ahnte nicht , wie schmerzlich mich diese Rede traf ; ich versicherte ihn jedoch , es habe keine Gefahr und ich sei nicht so übermäßig fleißig . Nachdem ich sodann das Reisepaar während einiger Stunden herumgeführt , ging ich mit den Leutchen in das bürgerlich bescheidene Gasthaus , in welchem sie Quartier genommen , und teilte mit ihnen das Mittagsmahl . Die langentbehrte Gewohnheit , in der Mundart des Heimatlandes und von altvertrauten Dingen zu reden , ließ mich die Gegenwart um so leichter vergessen , als eine Flasche guten Rheinweines ihren Duft verbreitete . Das ruhig freundliche Benehmen des Paares , das durch keinerlei lästige Zärtlichkeiten seinen neuen Ehestand verriet , vermehrte das Behagen , welches mich wie ein flüchtiger Sonnenblick überkam aus schwül bewegtem Wolkenhimmel . Als nun der Landsmann eine zweite Flasche bestellte und die übrigen Gäste die Wirtstafel verlassen hatten , zog sich die junge Frau in ihr Zimmer zurück , um sich ein wenig auszuruhen , wie sie sagte . Wir andern wurden um so gesprächiger , bis der gute Nachbar sich selbst unterbrach und , nach wohlgemeinten Worten suchend , begann : » Ich will es Ihnen nicht verhehlen , Herr Lee , daß Ihre Mutter sehr Ihrer Rückkunft bedarf , und ich würde Ihnen raten , so bald als möglich heimzukommen ; denn während die brave Frau den tiefsten Kummer und die Sehnsucht nach Ihnen zu verbergen sucht , sehen wir wohl , wie sie sich darin aufzehrt und Tag und Nacht nichts anderes denkt . Ich weiß nicht , ob ich mich irre , aber es will mir fast scheinen , es stehe nicht zum besten mit Ihnen , und erachte ich , daß Sie in dem Stadium sind , wo die Herren Künstler allerlei durchmachen müssen , um endlich mit stattlichem Ansehen aus dem Kampfe hervorzugehen . Allein es hat alles sein Maß ! Sie sollten eine Unterbrechung machen und einmal die Heimat wiedersehen , auch wenn Sie nicht als ein Sieger kommen . Die Dinge lassen sich da öfter von einer neuen Seite betrachten und anpacken . « Er ergriff sein Glas und stieß mit mir auf das Wohl von Heimat und Mutter an , besann sich ein weniges und fuhr fort : » Vorlaute und unverständige Weibsen und auch ebensolche Männer in unserer Stadt , wo es ruchbar geworden , daß Ihre Mutter gewisse Summen an Sie gewendet und ihr eigenes Auskommen bedeutend dadurch geschmälert hat , ließen es sich einfallen , dieselbe hinter ihrem Rücken hart zu tadeln und auch ungefragt ihr ins Gesicht zu sagen , daß sie unrecht getan und sowohl ihrem Sohne schlecht gedient als sich selbst überhoben habe . Jeder , der die Frau kennt , weiß , daß alles eher als dieses der Fall ist ; aber das unverständige Geschwätz hat sie vollends eingeschüchtert , daß sie fast mit niemand zusammenkommt und so in Einsamkeit und Selbstverleugnung dahinlebt . Sie sitzt den ganzen Tag am Fenster und spinnt ; sie spinnt jahraus und - ein , als ob sie sieben Töchter auszusteuern hätte , damit doch mittlerweile etwas angesammelt würde , wie sie sagt , und wenigstens der Sohn für sein Leben lang und für sein ganzes Haus genug Leinwand finde . Wie es scheint , glaubt sie durch diesen Vorrat weißen Tuches , das sie jedes Jahr weben läßt , Ihr Glück herbeizulocken , gleichsam wie in ein aufgespanntes Netz , damit es durch einen tüchtigen Hausstand ausgefüllt werde , wie die Gelehrten und Schriftsteller etwan durch ein Buch weißes Papier gereizt werden sollen , ein gutes Werk darauf zu schreiben , oder die Maler durch eine ausgespannte Leinwand , ein Bild darauf zu malen . « Bei diesem letztern Vergleich des wackern Redners konnte ich mich eines bittern Lächelns nicht enthalten . Das schien ihm wohl die Richtigkeit seiner Vermutungen zu bestätigen , und er fuhr fort : » Zuweilen stützt sie ausruhend den Kopf auf die Hand und blickt unverwandt in das Feld hinaus , über die Dächer weg oder in die Wolken ; wenn es aber dämmert , so läßt sie das Rad stillstehen und bleibt so im Dunkeln sitzen , ohne Licht anzuzünden , und wenn der Mond oder ein fremder Lichtstrahl auf ihr Fenster fällt , so kann man alsdann unfehlbar ihre Gestalt in demselben sehen , wie sie immer gleicherweise ins Weite schaut . Wahrhaft melancholisch aber ist es anzusehen , wenn sie die Betten sonnt ; anstatt sie mit Hilfe anderer auf unsern Platz hinzutragen , wo der große Brunnen steht , schleppt sie dieselben auf das hohe schwarze Dach Eures Hauses , breitet sie dort an der Sonnenseite aus , geht emsig auf dem abschüssigen Dache umher , ohne Schuhe zwar , aber bis an den Rand hin , klopft die Kissen und Pfühle aus , kehrt sie , schüttelt sie und hantiert so seelenallein in der Höhe unter dem offenen Himmel , daß es höchst verwegen und sonderbar anzusehen ist , zumal wenn sie innehaltend die Hand über die Augen hält und droben in der Sonne stehend nach der Ferne hinausblickt . Ich konnt es einst nicht länger ansehen von meinem Hofe aus , wo ich bei den Gesellen stand ; ich ging hinüber , stieg bis unter das Dach hinauf und hielt unter der Luke eine Anrede an sie , indem ich ihr die Gefahr ihres Tuns vorstellte . Sie lächelte aber nur und bedankte sich für die gute Meinung . Es ist daher meine Ansicht , daß Sie nach Haus reisen sollten , je eher , je lieber ! Kommen Sie gleich mit uns ! « Ich schüttelte aber den Kopf ; denn ich konnte mich nicht entschließen , meinen Schiffbruch kundzutun und so aus der Schule zu laufen . Ich gedachte das Übel allein zu verwinden und mit geklärtem Schicksal , so oder anders , zur geeigneten Zeit zurückzukehren . Mit unbestimmten Reden , in denen ich weder ein zu großes Selbstvertrauen heuchelte noch meine wirkliche Lage eingestand , behalf ich mir den übrigen Teil des Tages , bis ich am späten Abend von den Landsleuten Abschied nahm , die am frühen Morgen wegreisen wollten . Dennoch hatte das Bild der in die Ferne schauenden Mutter ein starkes Gefühl von Heimweh wachgerufen , das mich bisher nur im Schlafe besuchte . Seit ich nämlich die Phantasie und ihr angewöhntes Gestaltungsvermögen nicht mehr am Tage beschäftigte , regten sich ihre Werkleute während des Schlafes mit selbständigem Gebaren und schufen mit anscheinender Vernunft und Folgerichtigkeit ein Traumgetümmel in den glühendsten Farben und buntesten Formen . Ganz wie es wiederum jener irrsinnige Meister und erfahrene Lehrer mir vorausgesagt , sah ich nun im Traume bald die Vaterstadt , bald das Dorf auf wunderbare Weise verklärt und verändert , ohne je hineingelangen zu können , oder , wenn ich endlich dort war , mit einem plötzlichen freudelosen Erwachen . Ich durchreiste die schönsten Gegenden des Vaterlandes , die ich in Wirklichkeit nie gesehen , schaute Gebirge , Täler und Ströme mit unerhörten und doch wohlbekannten Namen , die wie Musik klangen und doch etwas Lächerliches an sich hatten . Über den Mitteilungen des Landsmannes waren mir das Mädchen Hulda von gestern abend und die heutigen Morgenpläne aus dem Gedächtnisse geschwunden ; ermüdet eilte ich den Schlaf zu suchen und verfiel auch gleich wieder dem geschäftigen Traumleben . Ich näherte mich der Stadt , worin das Vaterhaus lag , auf merkwürdigen Wegen , am Rande breiter Ströme , auf denen jede Welle einen schwimmenden Rosenstock trug , so daß das Wasser kaum durch den ziehenden Rosenwald funkelte . Am Ufer pflügte ein Landmann mit milchweißen Ochsen und goldenem Pfluge , unter deren Tritten große Kornblumen sproßten . Die Furche füllte sich mit goldenen Körnern , welcher der Bauer , indem er mit der einen Hand den Pflug lenkte , mit der anderen aufschöpfte und weithin in die Luft warf , worauf sie als ein goldener Regen auf mich niederfielen . Ich fing ihrer mit dem Hute auf , soviel ich konnte , und sah mit Vergnügen , daß sie sich in lauter goldene Schaumünzen verwandelten , auf welchen ein alter Schweizer mit langem Barte und zweihändigem Schwerte geprägt war . Ich zählte sie eifrig und konnte sie doch nicht auszählen , füllte aber alle Taschen damit ; die ich nicht mehr hineinbrachte , warf ich wieder in die Luft . Da verwandelte sich der Goldregen in einen prächtigen Goldfuchs , der wiehernd an der Erde scharrte , aus welcher dann der schönste Hafer hervorquoll , den das Pferd mutwillig verschmähte . Jedes Haferkorn war ein süßer Mandelkern , eine Rosine und ein neuer Pfennig , die zusammen in rote Seide gewickelt und mit einem Endchen Schweinsborste eingebunden waren , welches das Pferd angenehm kitzelte , als es sich darin wälzte , so daß es rief : » Der Hafer sticht mich ! « Ich jagte aber den Goldfuchs auf , bestieg ihn , da er schön gesattelt war , ritt beschaulich am Ufer hin und sah , wie der Bauersmann in die schwimmenden Rosen hineinpflügte und mit seinem Gespann darin versank . Die Rosen nahmen ein Ende , zogen sich zu dichten Scharen zusammen und schwammen in die Ferne , am Horizonte eine Röte ausbreitend ; der Fluß aber erschien jetzt als ein unermeßliches Band fließenden blauen Stahles . Der Pflug des Landmannes hatte sich inzwischen in ein Schiff verwandelt ; darin fahr derselbe , steuerte mit der goldenen Pflugschar und sang : » Das Alpenglühen rückt aus und geht um das Vaterland herum ! « Hierauf bohrte er ein Loch in den Schiffsboden ; darein steckte er das Mundstück einer Posaune , sog kräftig daran , worauf es mächtig erklang gleich einem Harsthorn und einen glänzenden Wasserstrahl ausstieß , der den herrlichsten Springbrunnen in dem fahrenden Schifflein bildete . Der Bauer nahm den Strahl , setzte sich auf den Rand des Schiffes und schmiedete auf seinen Knien und mit der rechten Faust ein mächtiges Schwert daraus , daß die Funken stoben . Als das Schwert fertig war , prüfte er dessen Schärfe an einem ausgerissenen Barthaare und überreichte es höflich sich selbst , indem er sich plötzlich in den Wilhelm Tell verwandelte , welchen jener beleibte Wirt im Tellenspiel vorgestellt hatte , zur Zeit meiner früheren Jugend . Dieser nahm das Schwert , schwang es und sang mächtig : » Heio , heio ! bin auch noch do Und immer meines Schießens froh ! Heio , heio ! die Zeit ist weit , Der Pfeil des Tellen fliegt noch heut ! Wo guckt ihr hin ? Seht ihr ihn nicht ? Dort oben tanzt er hoch im Licht ! Man weiß nicht , wo er steckenbleibt , Heio , ' s ist immer , wie man ' s treibt ! « Dann hieb der dicke Tell mit dem Schwerte von der Schiffswand , die nun eine Speckseite war , einen tüchtigen Span herunter und trat mit demselben feierlich in die Kajüte , einen Imbiß zu halten . Indessen ritt ich auf dem Goldfuchs weiter und befand mich unversehens mitten in dem Dorfe , darin der Oheim gewohnt . Ich erkannte es kaum wieder , da fast alle Häuser neu gebaut waren . Die Bewohner saßen alle hinter den hellen Fenstern um die Tische herum und aßen , und niemand blickte auf die menschenleere Straße . Dessen war ich aber höchlich froh ; denn erst jetzt entdeckte ich , daß ich auf meinem glänzenden Pferde in alten anbrüchigen Kleidern saß . Ich bestrebte mich daher , ferner ungesehen hinter das Haus des Oheims zu gelangen , das ich fast nicht finden konnte . Zuletzt erkannte ich es , wie es über und über mit Efeu bewachsen und außerdem von den alten Nußbäumen überhangen , so daß weder Stein noch Ziegel zu sehen war und nur hie und da ein handgroßes Stückchen Fensterscheibe durch das Grüne blinkte . Ich sah , daß sich etwas dahinter bewegte , konnte aber nichts Deutliches wahrnehmen . Der Garten war von einer Wildnis wuchernder Feldblumen bedeckt , aus denen die aufgeschossenen Gartengewächse baumhoch emporragten , Rosmarin und Fenchelstauden , Sonnenblumen , Kürbisse und Johannisbeeren . Schwärme wild gewordener Bienen brausten auf der Blumenwildnis umher ; im Bienenhause aber lag der alte Liebesbrief , den der Wind einst dahin getragen , verwittert und offen , ohne daß ihn die Jahre her jemand gefunden . Ich nahm ihn und wollte ihn einstecken ; da wurde er mir aus der Hand gerissen , und als ich mich umsah , huschte Judith damit lachend hinter das Bienenhaus und küßte mich dabei durch die Luft , daß ich es auf meinem Munde fühlte . Der Kuß war aber eigentlich ein Stück Apfelkuchen , welches ich begierig aß . Da es jedoch den Hunger , den ich im Schlafe empfand , nicht stillte , überlegte ich , daß ich wahrscheinlich träume und daß der Kuchen wohl von den Äpfeln herrühre , die ich einst küssend mit der Judith zusammen gegessen . Ich fand es also um so geratener , in das Haus zu gehen , wo gewiß eine Mahlzeit bereit sein würde . Ich packte einen schweren Mantelsack aus , der sich plötzlich auf dem Pferde zeigte , als ich es an den zerfallenden Gartenzaun band . Aus dem Mantelsack rollten die schönsten Kleider hervor und ein feines neues Hemde , dessen Brust mit einer Stickerei von Weinträubchen und Maiglöckchen verziert war . Wie ich aber dies Staatshemd auseinanderfaltete , wurden zweie daraus , aus den zweien vier , aus den vieren acht , kurz , eine Menge der schönsten Leibwäsche breitete sich aus , welche wieder in den Mantelsack zu schieben ich mich vergeblich abmühte . Immer wurden es mehr Hemden und Kleidungsstücke und bedeckten den Boden umher ; ich empfand die größte Angst , von meinen Verwandten bei dem sonderbaren Geschäft überrascht zu werden . In der Verzweiflung ergriff ich endlich eines von den Hemden , um es anzuziehen , und stellte mich schamhaft hinter einen Nußbaum ; allein man konnte aus dem Hause an diese Stelle sehen , und ich schlüpfte beschämt hinter einen andern , und so immer fort von einem Baume zum andern , bis ich , dicht an das Haus und in den Efeu hineingedrückt , in Verwirrung und Eile den Anzug wechselte , die schönen Kleider anzog und doch fast nicht fertig werden konnte , und als ich es endlich war , befand ich mich wieder in größter Not , wo ich das traurige Bündel der alten Kleider bergen solle . Wohin ich es auch trug , immer fiel ein zerlumptes Stück auf die Erde ; zuletzt gelang es mit saurer Mühe , das Zeug in den Bach zu werfen , wo es aber durchaus nicht weiterschwimmen wollte , sondern sich auf der gleichen Stelle gemächlich herumdrehte . Ich erwischte eine vermorschte Bohnenstange und quälte mich , die dämonischen Fetzen in die Strömung zu stoßen ; aber die Stange brach und brach immer wieder bis auf das letzte Stümpfchen . Da berührte ein Hauch meine Wangen , und Anna stand vor mir und führte mich in das Haus . Ich stieg Hand in Hand mit ihr die Treppe hinauf und trat in die Stube , wo der Oheim , die Tante , die Basen und Vettern sämtlich versammelt waren . Aufatmend sah ich mich um die alte Stube war sonntäglich geputzt und so sonnenhell , daß ich nicht begriff , wo all das Licht durch den dichten Efeu hindurch herkomme . Oheim und Tante waren in ihren besten Jahren , die Bäschen und Vettern blühender als je , der Schulmeister ebenfalls ein schöner Mann und aufgeräumt wie ein Jüngling , und Anna sah ich als Mädchen von vierzehn Jahren im rotgeblümten Kleide mit der lieblichen Halskrause . Was aber sehr sonderbar war , alle , Anna nicht ausgenommen , trugen lange irdene Pfeifen in den Händen und rauchten einen wohlriechenden Tabak , und ich desgleichen . Dabei standen sie , die Verstorbenen und die Lebendigen , keinen Augenblick still , sondern gingen mit freundlich frohen Mienen unablassig die Stube auf und nieder , hin und her , und dazwischen niedrig am Boden hin die Jagdhunde , das Reh , der zahme Marder , Falken und Tauben in friedlicher Eintracht , nur daß die Tiere den entgegengesetzten Strich der Menschen verfolgten und so ein wunderbares Gewebe durcheinanderlief . Der schwere Nußbaumtisch auf seinen gewundenen Füßen war mit einem weißen Damasttuche gedeckt und mit einem aufgerüsteten duftenden Hochzeitessen besetzt . Mir wässerte der Mund , und ich sagte zum alten Oheim : » Ei , ihr scheint euch da recht wohl sein zu lassen ! « - » Versteht sich ! « erwiderte er , und alle wiederholten : » Versteht sich ! « mit angenehm klingenden Stimmen . Plötzlich befahl der Oheim , daß man zu Tische sitze ; alle stellten die Pfeifen pyramidenweise zusammen auf den Boden , je drei und drei , wie Soldaten ihre Gewehre . Darauf schienen sie schon wieder zu vergessen , daß sie essen gewollt ; denn sie gingen zu meinem Verdrusse nach wie vor umher und fingen allmählich an zu singen : » Wir träumen , wir träumen , Wir träumen und wir säumen , Wir eilen und wir weilen , Wir weilen und wir eilen , Sind da und sind doch dort , Wir gehen bleibend fort , Wem konveniert es nicht ? Wie schön ist dies Gedicht ! Hallo , hallo ! Es lebe , was auf Erden stolziert in grüner Tracht , Die Wälder und die Felder , die Jäger und die Jagd ! « Weiber und Männer sangen mit rührender Harmonie und Lust , und das Hallo stimmte der Oheim mit gewaltiger Stimme an , daß die ganze Schar mit verstärktem Gesange darein tönte und rauschte und zugleich , blaß und blässer werdend , sich in einen wirren Nebel auflöste , während ich bitterlich weinte und schluchzte . Ich erwachte in Tränen gebadet , und auch das Kopfkissen war davon benetzt . Als ich mich mit Mühe gesammelt , war das erste , dessen ich mich erinnerte , der wohlgedeckte Tisch ; denn ich hatte nach den Eröffnungen des Landsmannes am Abend nichts mehr essen können und war erst im Schlafe wieder hungrig geworden . Wie ich nun die Gier bedachte , mit welcher ich trotz des Schmuckes der unbeherrschten Phantasie gezwungen war , schließlich immer nur von Gold und Gut , Kleidern und Essen zu träumen , brach ich über diese Erniedrigung neuerdings in Tränen aus , bis ich abermals einschlief . Siebentes Kapitel Weiterträumen In einem großen Walde fand ich mich wieder und ging auf einem wunderlichen schmalen Brettersteige , welcher sich hoch durch die liste und Baumkronen wand , eine Art endlosen hängenden Brückenbaues , indessen der bequeme Boden unten nach richtiger Traumesart unbenutzt blieb . Aber es war schön , hin abzuschauen auf den Waldgrund , da er ganz aus grünem Moose bestand , das in tiefer Dunkelheit lag . Auf dem Moose wuchsen viele einzelne sternförmige Blumen auf schwankem Stengel , und sie wendeten sich immer nach dem oben gehenden Beschauer ; bei jeder Blume stand ein kleines Erdmännchen oder Moosweiblein , das mittelst eines in goldenem Laternchen strahlenden Karfunkels die Blume beleuchtete , daß sie aus der Tiefe heraufschimmerte wie ein blauer oder roter Stern , und indem sich diese Blumengestirne , welche oft in schönen Bildern zusammenstanden , langsamer er oder schneller drehten , gingen die winzigen Leutchen mit ihren Laternchen um sie herum und lenkten sorgfältig den Lichtstrahl auf die Kelche . So sah sich das kreisende Leuchten in der Tiefe von dem hohen Balken oder Bretterwege wie ein unterirdischer Sternhimmel an , nur daß er grün war und die Sterne in allen Farben strahlten . Entzückt ging ich auf der Hängebrücke weiter und schlug mich tapfer durch die Buchen- und Eichenkronen , da ich begriff , ein so zierlicher Grund und Boden sei nicht dazu da , darauf mit Füßen zu wandeln . Manchmal kam ich in eine Föhrengruppe hinein , welche etwas lichter war ; das rote , von der Sonne durchglühte , stark duftende Holzwerk der Fichtenkronen bot einen fabelhaften Anblick und Aufenthalt , weil es wie künstlich bearbeitet , gezimmert und mit seltsamem Bildwerk verziert schien und doch ein natürliches Ästewesen war . Manchmal führte der Steg auch ganz über die Bäume hinweg unter den offenen Himmel und Sonnenschein , und ich stellte mich auf das schwanke Geländer , um zu sehen , wo es eigentlich hinausginge ; allein nichts war zu erblicken als ein endloses Meer von grünen Baumwipfeln , so weit das Auge reichte , auf dem ein heißer Sommertag flimmerte und Tausende von wilden Tauben , Hähern , Mandelkrähen , Spechten und Weihen herumschwärmten , und das Wunderbare war nur , daß man auch die allerfernsten Vögel deutlich erkannte und ihre Gestalt und Farben unterscheiden konnte . Nachdem ich mich sattsam umgeschaut , blickte ich wieder in die dunkle Tiefe , wo ich jetzt eine Felsschlucht entdeckte , die für sich allein von der Sonne erhellt war . Auf dem tiefsten Grunde lag eine kleine Wiese an einem klaren Bache ; mitten auf derselben saß auf ihrem kleinen Strohsessel meine Mutter in einem braunen Einsiedlerkleide und mit eisgrauen Haaren . Sie war alt und gebeugt , und ich konnte ungeachtet der fernen Tiefe jeden ihrer Züge genau erkennen . Mit einer grünen Rute hütete sie eine kleine Herde Silberfasanen , und wenn einer weglaufen wollte , schlug sie leise auf seine Flügel , worauf einige glänzende Federn emporschwebten und in der Sonne spielten . Am Bächlein aber stand ihr Spinnrad , das rings mit Schaufeln versehen und eigentlich ein kleines Mühlrad war und sich blitzschnell drehte . Sie spann nur mit der einen Hand den glänzenden Faden , der sich nicht auf die Spule wickelte , sondern kreuz und quer an dem Abhange herumzog und sich da sofort zu großen Flächen blendender Leinwand gestaltete . Diese stieg höher und höher heran ; plötzlich fühlte ich ein schweres Gewicht auf der Schulter und merkte , daß ich den vergessenen Mantelsack trug , der von den feinen Hemden ganz geschwollen war . Jetzt sah ich freilich , woher dieselben kamen . Während ich mich mühselig damit schleppte , entdeckte ich , daß die Fasanen alles schöne Bettstücke waren , welche die Mutter eifrig sonnte und ausklopfte . Dann raffte sie dieselben zusammen und trug sie geschäftig herum und eines ums andere in den Berg hinein . Wenn sie wieder herauskam , so schaute sie , mit der Hand über den Augen , sich um und sang leise , was ich aber deutlich vernahm : » Mein Sohn , mein Sohn , O schöner Ton ! Wann kommt er bald , Geht durch den Wald ? « Da ersah sie mich in der Höhe wie in der Luft schwebend und sehnlich zu ihr hinabblickend . Sie stieß einen lauten Freudenruf aus und huschte wie ein Geist davon über Fels und Stein , ohne zu gehen , daß sie mir immer ferner zu entschwinden drohte , während ich vergeblich rufend nacheilte und der Steg sich bog und krachte , die Baumkronen schwankten und rauschten . Da war der Wald aus , und ich sah mich auf dem Berge stehen , welcher der Heimatstadt gegenüberliegt ; aber welchen Anblick bot diese ! Der Fluß war zehnmal