Hitze draußen in der glühenden Ebene werden ihre großen Leiber schlecht ertragen : schlechter den Hunger : am schlechtesten den Durst . - Denn der Germane muß saufen , wenn er nicht schnarcht oder prügelt . Nun braucht man nur ihren vorsichtigen König noch ein wenig einzuschüchtern . Sage Belisar meinen Gruß : und mein Dank für sein Schwert sei mein Rat : Er solle noch heute den gefürchteten Johannes mit achttausend Mann durch das Picenum gegen Ravenna schicken : die flaminische Straße ist frei und wird wenig gedeckt sein : denn Witichis hat die Besetzungen aller Festungen hierher gezogen : und leichter gewinnen wir jetzt Ravenna , als die Barbaren Rom . Sowie aber der König Ravenna , seinen allerletzten Hort , bedroht sieht , wird er eilen , ihn um jeden Preis zu retten . Er wird sein Heer hinwegziehen von diesen uneinnehmbaren Mauern und wieder der Verfolgte statt des Verfolgers sein . « - » Cethegus , « sprach Prokop aufspringend , » du bist ein großer Feldherr . « - » Nur nebenbei , Prokopius ! geh jetzt und grüße mir den großen Sieger Belisar . « Fünfzehntes Kapitel . An dem letzten Tage des Waffenstillstandes konnte Cethegus bereits wieder auf den Wällen des Grabmals Hadrians erscheinen , wo ihn seine Legionare und Isaurier mit lautem Zuruf begrüßten . Sein erster Gang war zu dem Grabmal des Kallistratos ; er legte auf die schwarze Marmorplatte einen Kranz von Lorbeern und von Rosen nieder . Während er von hier aus die Verstärkung der Befestigungen anordnete , brachte ihm Syphax ein Schreiben von Mataswintha . Es lautete lakonisch genug : » Mach ' bald ein Ende . Nicht länger kann ich den Jammer ansehn . Die Bestattung von vierzigtausend Männern meines Volks hat mir die Brust zerrissen . Die Klagelieder schienen alle mich anzuklagen . Währt das noch länger , so erlieg ' ich . Der Hunger wütet furchtbar in dem Lager . Ihre letzte Hoffnung ist eine große Zufuhr von Getreide und Vieh , die aus Südgallien unter Segel ist . An den nächsten Calenden wird sie auf der Höhe von Portus erwartet . Handle danach - aber mach ' rasch ein Ende . « » Triumph , « sprach der Präfekt , » die Belagerung ist aus . Unsre kleine Flotte lag bisher fast müßig zu Populonium . Jetzt soll sie Arbeit finden . Diese Königin ist die Erinnys der Barbaren . « Und er ging selbst zu Belisar , der ihn mit edler Großheit empfing . - In derselben Nacht , der letzten der Waffenruhe , zog Johannes zum pincianischen Tore hinaus , dann links nach der flaminischen Straße schwenkend . Ravenna war sein Ziel . Und eilende Boten flogen zur See mit raschen Segeln nach Populonium , wo sich ein kleines römisches Geschwader gesammelt hatte . Der Kampf um die Stadt ruhte , trotz Ablauf des Waffenstillstands , fast ganz . Eine Woche darauf etwa , machte der König , der sein Schmerzenslager zum erstenmal verließ , in Begleitung seiner Freunde den ersten Gang durch die Zelte . Drei von den sieben vormals menschenwimmelnden Lagern waren völlig verödet und aufgegeben : auch die übrigen vier waren nur noch spärlich bevölkert . Todmüde , ohne Klage , aber auch ohne Hoffnung , lagen die abgemagerten Gestalten , von Hunger und Fieber verzehrt , vor ihren Zelten . Kein Zuruf , kein Gruß erfreute den wackern König auf seinem schmerzensreichen Gang : kaum daß sie die müden Augen aufschlugen bei dem Schall der nahenden Schritte . Aus dem Innern der Zelte drang das laute Stöhnen der Kranken , der Sterbenden , die den Wunden , dem Mangel , den Seuchen erlagen . Kaum fand man die hinlängliche Zahl von Gesunden , die nötigsten Posten zu beziehen . Die Wachen schleppten die Speere hinter sich her , zu matt , sie aufrecht oder auf der Schulter zu tragen . Die Heerführer kamen an die Schanzen vor dem aurelischen Tor ; im Wallgraben lag ein junger Schütz und kaute an dem bittern Gras . Hildebad rief ihm zu : » Beim Hammer ! Gunthamund , was ist das ? deine Sehne ist ja gesprungen , was ziehst du keine andre auf ? « - » Kann nicht , Herr , die Sehne sprang gestern bei meinem letzten Schuß . Und ich und die drei Bursche neben mir , wir haben die Kraft nicht , eine neue aufzuziehen . « Hildebad gab ihm einen Trunk aus seiner Lederflasche : » Hast du auf einen Römer geschossen ? « - » O nein , Herr , « sagte der Mann , » eine Ratte nagte dort an der Leiche . Ich traf sie glücklich und wir teilten sie zu viert . « » Iffaswinth , wo ist dein Oheim Iffamer ? « fragte der König . » Tot , Herr . « » Er fiel hinter dir , als er dich hinwegtrug . Vor dem verfluchten Marmorgrab . « » Und dein Vater Iffamuth ? « - » Auch tot . Er vertrug ' s nicht mehr , das giftige Wasser aus den Pfützen . Der Durst , König , brennt noch heißer als der Hunger . Und es will ja nicht regnen aus diesem bleiernen Himmel . « » Ihr seid alle aus dem Athesistal ? « » Ja , Herr König , vom Iffinger Berg . O welch ' köstlich Quellwasser dort daheim ! « Teja sah in einiger Entfernung einen andern Krieger aus seiner Sturmhaube trinken . Seine Züge verfinsterten sich noch mehr . » He , du , Arulf ! « rief er ihm zu , » du scheinst nicht Durst zu leiden ? « - » Nein , ich trinke oft , « sprach der Mann . » Was trinkst du ? « - » Das Blut von den Wunden der Frischgefallnen . Anfangs ekelt ' s sehr : aber man gewöhnt ' s in der Verzweiflung . « Schaudernd schritt Witichis weiter . » Schick ' all meinen Wein ins Lager , Hildebad . Die Wachen sollen ihn teilen . « - » All ' deinen Wein ? O König , mein Schenkamt ist gar leicht geworden . Du hast noch anderthalb Krüge . Und Hildebrand , dein Arzt , sprach , du sollst dich stärken . « » Und wer stärkt diese , Hildebad ? Die Not macht sie zu wilden Tieren ! « » Komm mit nach Hause , « mahnte Totila , des Königs Mantel ergreifend . » Hier ist nicht gut sein . « Im Zelt des Königs angelangt , setzten sich die Freunde schweigend um den schönen Marmortisch , der auf goldnen Gefäßen steinhartes verschimmeltes Brot aufwies und wenige Stücke Fleisch . » Es war das letzte Pferd aus den königlichen Ställen , « sagte Hildebad , - » bis auf Boreas . « - » Boreas wird nicht geschlachtet ! - mein Weib , mein Kind sind auf seinem Rücken gesessen . « Und er stützte das müde Haupt auf die beiden Hände : eine neue schwere Pause trat ein . » Freunde , « hob er endlich an , » das geht nicht länger also . Unser Volk verdirbt vor diesen Mauern . Mein Entschluß ist schwer und schmerzlich gereift - . « » Sprich ' s noch nicht aus , o König ! « rief Hildebad . » In wenig Tagen trifft Graf Odoswinth von Cremona ein mit der Flotte : und wir schwelgen in allem Guten . « » Er ist noch nicht da ! « sprach Teja . » Und unser Verlust an Menschen , so schwer er ist , « ermutigte Totila , » wird er nicht durch frische Mannschaft ersetzt , wenn Graf Ulithis von Urbinum eintrifft , mit den Besatzungen , die der König aus den Festen von Ravenna bis Rom weggezogen hat , unsre leeren Zelte zu füllen ? « » Auch Ulithis ist noch nicht da , « sprach Teja . » Er soll noch in Picenum stehen . Und kommt er glücklich an , so wird der Mangel im Lager noch größer . « » Doch auch die Römerstadt muß fasten ! « meinte Hildebad , das harte Brot mit der Faust auf dem Steintisch zerschlagend . » Laß sehn , wer ' s länger aushält ! « » Oft hab ' ich ' s überdacht in schweren Tagen und schlummerlosen Nächten , « fuhr der König langsam fort . » Warum ? warum das alles so kommen mußte ? Nach bestem Gewissen hab ' ich immer wieder Recht und Unrecht abgewogen , zwischen unsern Feinden und uns : und ich kann ' s nicht anders finden , als daß Recht und Treue auf unsrer Seite stehen . Und wahrlich , an Kraft und Mut haben wir ' s nicht fehlen lassen . « » Du am wenigsten , « sagte Totila . » Und an keinem schwersten Opfer ! « seufzte der König . » Und wenn nun doch , wie wir alle sagen , ein Gott im Himmel waltet , gerecht und gut und allgewaltig , warum läßt er all dies ungeheure , unverdiente Elend zu ? Warum müssen wir erliegen vor Byzanz ? « » Wir dürfen aber nicht erliegen , « schrie Hildebad . » Ich habe nie viel gegrübelt über unsern Herrgott . Aber wenn er das geschehen ließe , müßte man Sturm laufen gegen den Himmel und ihm seinen Thron mit Keulen zerschlagen . « » Lästre nicht , mein Bruder ! « sprach Totila . » Und du , mein edler König , Mut und Vertrauen . Ja , es waltet ein gerechter Gott dort über den Sternen . Drum muß zuletzt die gute Sache siegen . Mut , mein Witichis , und Hoffnung , bis ans Ende . « Aber der Tiefgebeugte schüttelte das Haupt . » Ich gestehe es euch , ich habe aus diesem Irrsal , aus den schrecklichen Zweifeln an Gottes Gerechtigkeit , nur einen Ausweg gefunden . Es kann nicht sein , daß wir all dies schuldlos leiden . Und da unsres Volkes Sache zweifellos gerecht , so muß verborgne Schuld an mir , an eurem König haften . Wiederholt , erzählen unsre Lieder aus der Heidenzeit , hat sich ein König für sein Volk selbst den Göttern geopfert , wenn Unsieg , Seuche , Mißwachs jahrelang den Stamm verfolgte . Er hat die verborgne Schuld auf sich genommen , die auf den Volksgenossen zu lasten schien und sie durch Tod gebüßt , oder indem er ohne die Krone ins Elend ging , ein friedloser Landflüchtiger . - Laßt mich die Krone abtun von diesem Haupt ohne Glück noch Stern . Wählt einen andern , dem Gott nicht zürnt : wählt Totila , oder - « » Das Wundfieber faselt noch aus dir ! « unterbrach ihn der alte Waffenmeister . » Du mit Schuld beladen ! du , der Treueste von uns allen ! Nein , ich will ' s euch sagen , ihr Kinder allzujunger Tage , die ihr der Väter alte Kraft mit der Väter altem Glauben verloren habt und nun keinen Trost wißt für eure Herzen . Mich erbarmt eurer Reden ohne Zuversicht . « - Und seine grauen Augen leuchteten in seltnem Glanze über die Freunde hin . » Alles , was hier auf Erden erfreut und schmerzt , ist kaum der Freude noch des Schmerzes wert . Nur auf eines kommt es hier unten an : ein treuer Mann gewesen sein , kein Neiding , und den Schlachttod sterben , nicht den Strohtod . Den treuen Helden aber tragen die Walküren aus dem blutigen Feld auf roten Wolken hinauf in Odhins Saal , wo die Einheriar mit vollen Bechern ihn begrüßen . Dann reitet er alltäglich mit ihnen hinaus zu Jagd und Waffenspiel beim Morgenlicht und wieder herein zu Trunk und Skaldensang in goldner Halle beim Abendlicht . Und schöne Schildjungfrauen kosen mit den Jungen : und weise Vorzeitrunen raunen wir Alten mit den alten Helden der Vorzeit . Und ich werde sie alle wiederfinden , die starken Gesellen meiner Jugend , den kühnen Winithar und Herrn Waltharis von Aquitanien und Guntharis , den Burgunden . Und schauen werd ' ich auch ihn , dessen Anblick ich lange begehrt : Herrn Beowulf , den Geaten , und aus grauen Urtagen den Cherusken , der zuerst die Römer schlug , von dem noch die Sänger der Sachsen singen und sagen . Und wieder trag ' ich Schild und Speer meinem Herrn , dem König mit den Adleraugen . Und so leben wir fort in alle Ewigkeit in Licht und heller Freude , vergessen der Erde hier unten und alles ihres Wehs . « » Ein schön Gedicht , alter Heide , « lächelte Totila . » Wenn uns aber das nicht mehr tröstet für wirkliches , herznagendes Leid ? Sprich du doch auch , Teja , du finstrer Gast . Was ist dein Gedanke bei diesen unsern Leiden ? Nie fehlt uns dein Schwert : was versagst du dein Wort ? Was schweigt dein tröstender Harfenschlag , du liederkundiger Sänger ? « » Mein Wort , « sagte Teja aufstehend , » mein Wort und Gedanke wäre euch vielleicht schwerer zu tragen als all ' dies Leid . Laß mich noch schweigen , mein sonnenheller Totila . Vielleicht kommt noch der Tag , da ich dir Antwort gebe . Vielleicht auch zur Harfe spiele , wenn dann noch eine Saite daran hält . « Und er schritt aus dem Zelte . Denn draußen in dem Lager hatte sich ein wirrer , rätselhafter Lärm von rufenden , fragenden Stimmen erhoben . Die Freunde sahen ihm schweigend nach . » Ich weiß wohl , was er denkt , « sagte der alte Hildebrand endlich . » Denn ich kenne ihn vom Knaben auf : Er ist nicht wie andre . Auch im Nordland denken manche so , die nicht an Thor und Odhin glauben , sondern nur an die Not und ihre eigene Kraft und Stärke . Es ist fast zu schwer für ein Menschenherz . Und glücklich , - glücklich macht es nicht , wie er zu denken . Mich wundert , daß er singt und Harfe schlägt dabei . « Da riß Teja , wieder eintretend , die Zeltvorhänge auf : sein Antlitz war noch bleicher als zuvor : seine dunkeln Augen blitzten : aber seine Stimme war ruhig wie sonst , da er sprach : » Brich das Lager ab , König Witichis . Unsre Schiffe sind bei Ostia in der Feinde Hand gefallen . Sie haben Graf Odoswinths Kopf ins Lager geschickt . Und sie lassen auf den Wällen Roms , vor den Augen unsrer Wachen , von den gefangenen Goten die erbeuteten Rinder schlachten . Große Verstärkungen aus Byzanz unter Valerian und Euthalius : Hunnen , Sclavenen und Anten , hat eine segelreiche Flotte aus Byzanz in den Tiber geführt . Denn der blutige Johannes hat das Picenum durchzogen ... « - » Und Graf Ulithis ? « » Er hat Ulithis geschlagen und getötet , Ancona und Ariminum genommen . Und - « » Ist das noch nicht alles ? « rief der König . » Nein , Witichis ! Eile tut not ! Er bedroht Ravenna : er steht nur noch wenige Meilen von der Stadt . « Sechzehntes Kapitel . Am Tage nach dem Eintreffen dieser für die Goten so verhängnisvollen Nachrichten hatte Witichis die Belagerung Roms aufgegeben und sein tief entmutigtes Heer aus den vier noch übrigen Lagern herausgezogen . Ein volles Jahr und neun Tage hatte die Einschließung gewährt . So viel Mut und Kraft , so viele Anstrengungen und Opfer waren vergeblich gewesen . Schweigend zogen die Goten an den stolzen Wällen vorüber , an denen ihr Glück und ihre Macht zerschellt waren . Schweigend trugen sie die höhnenden Worte , die Römer und » Romäer « ( Byzantiner ) ihnen von den sichern Zinnen herab zuriefen . Ihr Zorn und ihre Trauer waren zu groß , um durch solchen Spott getroffen zu werden . Aber als Belisars Reiterei , aus dem pincianischen Tore brechend , die Abziehenden verfolgen wollte , wurde sie grimmig zurückgewiesen . Denn Graf Teja führte die gotische Nachhut . So zog das Heer von Rom auf der flaminischen Straße durch Picenum in raschen Märschen ( obwohl den von den Feinden besetzten Plätzen Narnia , Spoletium und Perusium ausgewichen werden mußte ) nach Ravenna , wo Witichis zur rechten Zeit eintraf , die gefährliche Stimmung der Bevölkerung , die auf die Kunde von dem Unglück der Barbaren schon mit dem drohenden Johannes in geheime Verhandlungen getreten war , zu unterdrücken . Johannes zog sich bei der Annäherung der Goten in seine letzte wichtige Eroberung Ariminum zurück . In Ancona lag Konon , der Nauarch Belisars , mit den thrakischen Speerträgern und mit Kriegsschiffen . Der König führte aber keineswegs sein ganzes , von der Belagerung Roms aufgebrochenes Heer nach Ravenna , sondern hatte unterwegs viele Mannschaften in Festungen verteilt . Eine Tausendschaft ließ er unter Gibimer in Clusium in Tuscien , eine andre in Urbs Vetus unter Albila , eine halbe in Tudertum unter Wulfgis : in Auximum vier Tausendschaften unter Graf Wisand , dem tapfern Bandalarius : in Urbinum zwei unter Morra : in Caesena und Monsferetrus je eine halbe . Hildebrand entsandte er nach Verona , Totila nach Tarvisium und Teja nach Ticinum , da auch der Nordosten der Halbinsel durch byzantinische , von Istrien aus drohende Truppen gefährdet wurde . Er tat dies übrigens noch aus andern Gründen . Einmal , um Belisar auf dem Wege nach Ravenna aufzuhalten . Dann , um im Fall einer Einschließung nicht wieder sobald durch die große Stärke des Heeres dem Mangel ausgesetzt zu sein . Und endlich , um für den nämlichen Fall die Belagerer auch vom Rücken , und zwar von mehreren Seiten her beunruhigen zu können . Sein Plan war zunächst , die seinem Hauptstützpunkt Ravenna drohende Gefahr abzuwenden , und sich mit seinen zerrütteten Streitkräften auf die Verteidigung zu beschränken , bis fremde Hilfstruppen , langobardische und fränkische , die er erwartete , ihn in den Stand setzen wurden , wieder das offne Feld zu halten . Aber die Hoffnung , Belisar auf seinem Wege nach Ravenna durch diese gotischen Burgen hinzuhalten , erfüllte sich nicht . Er begnügte sich , sie durch beobachtende Truppen einzuschließen , und zog ohne weiteres gegen die Hauptstadt und den letzten bedeutenden Waffenplatz der Goten . » Habe ich das Herz zum Tode getroffen , « sagte er , » werden sich die geballten Fäuste von selbst öffnen . « * * * Und so dehnten sich alsbald um die Königsstadt Theoderichs in weit gestrecktem Bogen die Zelte der Byzantiner , an allen drei Landseiten , von der Hafenstadt Classis an bis zu den Kanälen und Zweigarmen des Padus , die im Westen besonders die Verteidigung der Festungslinien bildeten . Zwar hatte die alte , vornehme Stadt damals schon viel verloren von dem Schimmer , in dem sie seit zwei Jahrhunderten fast strahlte als Residenz der Imperatoren : und auch das letzte Abendrot , das die glorreiche Regierung Theoderichs über sie gebreitet , war seit dem Ausbruch des Krieges verschwunden . Aber gleichwohl . Welche andern Eindruck muß damals die immer noch volkreiche , dem heutigen Venedig gleichende Wasserstadt gemacht haben als heute , wo es den Wandrer aus den ausgestorbnen Straßen , den leeren Plätzen , den einsam schweigenden Basiliken nicht minder melancholisch anhaucht als draußen , vor den Mauern der Stadt , wo sich weithin die öde Sumpflandschaft der Padusniederungen dehnt , bis sie in den Schlamm des weit zurückgetretenen Meeres auslaufen . Wo einst in der Hafenstadt Classis zu Wasser und zu Lande geschäftiges Leben wogte , wo die stolzen Trieren der kaiserlichen Adriaflotte tief schaukelnd sich wiegten , da liegen jetzt sumpfige Wiesen , in deren hohem Schilf und Riedgras verwilderte Büffel grasen ; versumpft die Straßen , versandet der Hafen , verschollen das Volk , das hier freudig geherrscht : - nur ein riesiger runder Turm aus der Gotenzeit steht noch neben der allein erhaltnen , einsamen Basilika San Apollinare in Classe fuori , die , von Witichis begonnen , von Justinian vollendet , nun eine Stunde fern von aller Menschenwohnung auf der sumpfigen Ebene trauernd ragt . Die starke Seefestung galt für uneinnehmbar : darum hatten sie seit dem Sinken ihrer Macht , und der wachsenden Gefährdung Italiens durch die Barbaren , die Kaiser zur Residenz gewählt . Die Südostseite deckte das damals noch bis an und in ihre und der Hafenstadt Mauern spülende Meer . Und um alle drei Landseiten hatten Natur und Kunst ein labyrinthisches Netz von Kanälen , Gräben und Sümpfen des vielarmigen Padus gesponnen , in welchem sich der Belagerer rettungslos verstricken mußte . Und diese Mauern ! noch jetzt erfüllen ihre gewaltigen Reste mit Staunen ; ihre ungeheure Dicke und - weniger ihre Höhe als - die Anzahl von starken Rundtürmen , die von ihren Zinnen noch heute aufsteigen , trotzten vor der Erfindung der Feuerwaffe jedem Sturm , jedem gewaltsamen Angriff . Nur durch Aushungerung hatte nach fast vierjährigem Widerstand der große Theoderich diese letzte Zuflucht Odoakars bezwungen . Vergebens hatte Belisar versucht , gleich nach seiner Ankunft die Stadt mit Sturm zu nehmen . Kräftig ward sein Angriff abgewiesen , und die Belagerer mußten sich begnügen , die Festung enge zu umschließen und , wie einst der Gotenkönig , durch Mangel zur Übergabe zu nötigen . Dem aber konnte Witichis getrost entgegensehn . Denn er hatte mit der Vorsicht , die ihm eigen , in diesem seinem Hauptbollwerk , schon vor dem Aufbruch nach Rom , Vorräte aller Art , namentlich aber Getreide , in außerordentlicher Menge in besonders von ihm ( mit Benutzung und in den Räumen des ungeheuren Marmorzirkus des Theodosius ) erbauten Kornspeichern von Holzgezimmer aufgehäuft . Diese ausgedehnten Holzbauten , gerade gegenüber dem Palast und der Basilika Sancti Apollinaris , waren des Königs Stolz , Freude und Trost . Nur weniges von diesen Nahrungsmitteln hatte man durch das von den Feinden durchstreifte Land nach dem Lager vor Rom führen können : und bei einiger Sparsamkeit reichten diese Magazine ohne Zweifel für die Bevölkerung und das nicht mehr zahlreiche Heer leicht noch zwei und drei Monate aus . Bis dahin aber war das Eintreffen eines fränkischen Hilfsheeres infolge der aufs neue angeknüpften Verhandlungen sicher zu erwarten . Und dieser Entsatz mußte notwendig die Aufhebung der Belagerung herbeiführen . Dies wußten - oder ahnten doch - Belisar und Cethegus so gut wie Witichis : und rastlos spähten sie nach allen Seiten , ein Mittel zu finden , den Fall der Stadt zu beschleunigen . Der Präfekt suchte natürlich vor allem seine geheime Verbindung mit der Gotenkönigin zu diesem Zwecke zu benutzen . Aber einmal war der Verkehr mit ihr jetzt sehr erschwert , da die Goten alle Ausgänge der Stadt sorgfältig überwachten . Und dann schien auch Mataswintha wesentlich verändert und keineswegs mehr so bereit und willfährig , sich als Werkzeug gebrauchen zu lassen , wie ehedem . Sie hatte eine rasche Vernichtung oder Demütigung des Königs erwartet . Das lange Hinzögern ermüdete sie : und zugleich hatten die großen Leiden ihres Volkes in Kampf und Hunger und Krankheit angefangen , sie zu erschüttern . Dazu kam endlich , daß die traurige Verwandlung in dem sonst so kräftigen und gesundfreudigen Wesen des Königs , der stille , aber tiefe und finstre Gram , der über seiner Seele lag , mächtig an ihrem Herzen rüttelte . Wenn sie auch mit der ganzen Ungerechtigkeit des Schmerzes , mit dem bittern Stolz gekränkter Liebe ihn verklagte , daß er ihr Herz verworfen und doch , um der Krone willen , mit Gewalt ihre Hand erzwungen hatte , und wenn sie ihn dafür auch mit der ganzen leidenschaftlichen Glut ihres Wesens zu hassen glaubte und zum Teil auch wirklich haßte , so war doch dieser Haß nur umgeschlagene Liebe . Und als sie ihn nun von dem schweren Unglück der gotischen Waffen , von dem Fehlschlagen all ' seiner Pläne - an dem ihr heimtückischer Verrat so großen Anteil trug , - tief , bis zur krankhaft-schwermütigen Verfinsterung des Geistes , zu marternder Selbstpeinigung niedergebeugt sah , so wirkte dieser Anblick gewaltig auf ihre aus Härte und Glut seltsam gemischte Natur . Sie hätte im Augenblick des schmerzlichen Zornes mit Entzücken sein Blut fließen sehen . Aber mondenlang ihn mit bohrendem Gram sich selbst zerstören sehen , - das ertrug sie nicht . Zu dieser weichern Stimmung trug aber endlich wesentlich bei , daß sie seit der Ankunft in Ravenna auch eine Veränderung in des Königs Benehmen gegen sie selbst bemerkt zu haben glaubte . Spuren von Reue , dachte sie , von Reue über die Gewaltsamkeit , mit welcher er in ihr Leben eingegriffen hatte . Und weil sich in diesem Glauben ihr hartes , schroffes Auftreten bei den selten und immer nur vor Dritten erfolgenden Begegnungen unwillkürlich gemildert hatte , erblickte Witichis hierin einen erfreulichen Schritt des Entgegenkommens , den er stillschweigend ebenfalls mit freundlicheren Formen anerkannte und lohnte . Grund genug für Mataswinthens beweglich flutende Gedanken , die Anträge des Präfekten , selbst wenn diese manchmal noch durch des klugen Mauren Vermittelung an sie gelangten , abzuweisen . Doch hatte der Präfekt aus dieser Quelle schon während des Zuges gegen Ravenna erfahren , was später auch sonst bekannt wurde , daß die Goten Hilfe von den Franken erwarteten . Unverzüglich hatte er deshalb seine alten Verbindungen mit den Vornehmen und Großen , die an den Höfen zu Mettis ( Metz ) , Aurelianum ( Orleans ) und Suessianum ( Soissons ) im Namen der merowingischen Schattenkönige herrschten , wieder angeknüpft , um die Franken , deren damals sprichwörtlich gewordne Falschheit gute Aussicht auf Gelingen solcher Versuche gewährte , von dem gotischen Bündnis wieder abzuziehen . Und als die Sache durch diese Freunde gehörig vorbereitet war , hatte er an König Theudebald , der zu Mettis Hof hielt , selbst geschrieben und ihn dringend gewarnt , bei einer so verlornen Sache , wie die gotische seit dem Scheitern der Belagerung Roms offenbar geworden , sich zu beteiligen . Diesen Brief hatten reiche Geschenke an seinen alten Freund , den Majordomus des schwachen Königs , begleitet : und sehnlich erwartete der Präfekt von Tag zu Tag die Antwort auf denselben : um so sehnlicher , als das veränderte Benehmen Mataswinthens die Hoffnung auf raschere Überwältigung der Goten abgeschnitten hatte . Die Antwort kam , gleichzeitig mit einem kaiserlichen Schreiben aus Byzanz , an einem für die Helden in und außer Ravenna gleich verhängnisvollen Tage . Siebzehntes Kapitel . Hildebad , ungeduldig über das lange Müßigliegen , hatte aus der ihm zu besonderer Obhut anvertrauten Porta Faventina mit Tagesanbruch einen heftigen Ausfall auf das byzantinische Lager gemacht , anfangs in ungestümem Anlauf rasche Vorteile errungen , einen Teil der Belagerungswerkzeuge verbrannt und ringsum Schrecken verbreitet . Er hätte unfehlbar noch viel größern Schaden angerichtet , wenn nicht der rasch herbeieilende Belisar an diesem Tage all ' seine Feldherrnschaft und all ' sein Heldentum zugleich entfaltet hätte . Ohne Helm und Harnisch , wie er vom Lager aufgesprungen , hatte er sich zuerst seinen eignen fliehenden Vorposten , dann den gotischen Verfolgern entgegengeworfen und durch äußerste persönliche Anstrengung und Aufopferung das Gefecht zum Stehen gebracht . Darauf aber hatte er seine beiden Flanken so geschickt verwendet , daß Hildebads Rückzug ernstlich bedroht war und die Goten , um nicht abgeschnitten zu werden , all ' ihre errungenen Vorteile aufgeben und schleunigst in die Stadt zurückeilen mußten . Cethegus , der mit seinen Isauriern vor der Porta Honoriana lag und zur Hilfe herbeikam , fand das Treffen schon beendet und konnte nicht umhin , nachher Belisar in seinem Zelte aufzusuchen und ihm , als Feldherrn wie als Krieger , seine Anerkennung auszusprechen , ein Lob , das Antonina begierig einsog . » Wirklich , Belisarius , « schloß der Präfekt , » Kaiser Justinian kann dir das nicht vergelten . « » Da sprichst du wahr , « antwortete Belisar stolz : » er vergilt mir nur durch seine Freundschaft . Für seinen Feldherrnstab könnte ich nicht tun , was ich für ihn schon getan habe und noch immer tue . Ich tu ' s , weil ich ihn wirklich liebe . Denn er ist ein großer Mann mit allen seinen Schwächen . Wenn er nur Eins noch lernte : mir vertrauen . Aber getrost : - er wird ' s noch lernen . « Da kam Prokop und brachte einen Brief von Byzanz , der soeben von einem kaiserlichen Gesandten überbracht worden . Mit freudestrahlendem Antlitz sprang Belisar , aller Müdigkeit vergessen , vom Polster auf , küßte die purpurnen Schnüre , durchschnitt sie dann mit dem Dolch und öffnete das Schreiben mit den Worten : » Von meinem Herrn und Kaiser selbst ! Ah , nun wird er mir die Leibwächter senden und den lang geschuldeten Sold , den ich erwarte , und das vorgeschossene Gold . « Und er begann zu lesen . Aufmerksam beobachteten ihn Antonina , Prokop und Cethegus : seine Züge verfinsterten sich mehr und mehr : seine breite Brust fing an , sich wie in schwerem Krampf zu heben : die beiden Hände , mit welchen er das Schreiben hielt , zitterten . Besorgt trat Antonina heran : aber ehe sie fragen konnte , stieß Belisar einen dumpfen Schrei der Wut aus , schleuderte das kaiserliche Schreiben auf die Erde und stürzte außer sich aus dem Gezelt , eilend ; folgte ihm seine Gattin . » Jetzt darf ihm nur Antonina vor die Augen , « sagte Prokop , den Brief aufhebend . » Laß sehn : wohl wieder ein Stücklein kaiserlichen Dankes , « - und er las : » Der Eingang ist Redensart , wie gewöhnlich - aha , jetzt kommt es besser : Wir können gleichwohl nicht verhehlen , daß