lange daran gedacht , das Schloß und den Freiherrn zu verlassen . Es widerstrebte ihrem Ehrgefühle , Opfer anzunehmen , sobald man anfangen konnte , sie als solche zu empfinden , es widerstrebte noch mehr ihrer Neigung , an dem Krankenlager einer Sterbenden langsam schleichende Tage hinzuleben und in dem freiherrlichen Schlosse die unvermeidliche Einsamkeit des Trauerjahres über sich zu nehmen . Das glänzende Turin , das Leben an dem üppigen Hofe von Savoyen , der Einfluß einer Stellung , wie sie ihr geboten ward , konnten sie nicht schwanken lassen über das , was ihr zu thun oblag , und den Freiherrn mit erkünstelter Unbefangenheit bei seinem Worte nehmend , sagte sie : Ich wußte , daß Sie mich billigen , daß Ihre selbstlose Freundschaft mir den Schritt , der mich so viel Ueberwindung kostet , nicht erschweren würde , und - sagte sie mit einem neuen Seufzer - vielleicht bin ich so glücklich , Sie , mein theurer Freund , in meiner neuen Heimath wiederzusehen , wenn der Schlag gefallen sein wird , der Sie bedroht , wenn es Ihnen zu schwer fallen sollte , hier in dem verwaisten Hause zu verweilen ! Der Freiherr antwortete ihr nicht . Sie erhob sich , trat in den Tempel und sagte , ihr Tuch an ihre Augen drückend : Wie mich es gestern erschütterte , als Sie ahnungslos mich Angedenken an die werthen Menschen vertheilen ließen , die ich Alle nun nicht wiedersehen werde , denn der Befehl der Königin bedrängt mich und bindet mich zugleich ! Sie haben zu befehlen , Herzogin ! versicherte der Freiherr . Sie lächelte . Morgen gehe ich noch nicht , auch übermorgen nicht ! Er sagte ihr , daß er jeden Tag ihrer Anwesenheit als einen Gewinn betrachten würde , aber sein Ton war kalt , und schweigend traten sie den Heimweg an . Die bevorstehende Abreise der Herzogin setzte in der ganzen Herrschaft Alles in Erstaunen . Der Freiherr versuchte nicht , sie zu halten , sie fühlte jetzt kein Verlangen mehr , zu bleiben . Als Adam davon hörte , nickte er traurig mit dem Kopfe . Wenn ein Haus den Einsturz droht , sagte er , gehen die klugen Ratten hinaus ! Der Freiherr ließ es der Herzogin an keiner Bequemlichkeit fehlen . Er war sich das nach seinem Empfinden schuldig . Für den vierten Tag wurden die Pferde bereit gehalten und vorausgeschickt , und ehe die letzten Kränze des Freundschaftsfestes auf der Margarethen-Höhe abgenommen waren , hatte die Herzogin das Schloß und die Gegend verlassen . Es trat damit eine große Lücke in des Freiherrn Leben ein . Er hatte ihr durch eine lange Reihe von Jahren seine Freundschaft , sein Vertrauen geschenkt , sie hatte ihn beschäftigt , ihn gefesselt und bestimmt ; nun war er völlig auf sich selber angewiesen , und er hatte Niemanden , dem er bekennen durfte , was er fühlte , was ihn kränkte . Er wußte , daß der Caplan die Entfernung der Herzogin stets gewünscht , daß Angelika sie heiß ersehnt hatte , und Angelika konnte ihr Lager nicht mehr verlassen . Wie hätte er auch daran denken dürfen , ihr , die er mit so viel Härte von sich gewiesen , der die Herzogin so schweres Leid gebracht , es einzugestehen , daß und wie sehr er diese vermisse ! Schweigend , in sich zurückgezogen ließ er die Tage an sich vorübergehen , und sie brachten keinen erfreulichen Wechsel mit sich . Er hatte Verdrießlichkeiten mit den Behörden , auf den Gütern wuchsen die Widersetzlichkeiten . Die Einweihung der Kirche , ihre Dotirung , die Einführung und Einrichtung der Kirchenbeamten , das Fest auf der Margarethen-Höhe und die Abreise der Herzogin hatten viele Ausgaben verursacht . Sie waren nach der Weise des Freiherrn alle unerläßlich gewesen , aber sie hatten doch seinen Baarvorrath weit überstiegen und er war aufs Neue genöthigt worden , Geld gegen Wechsel aufzunehmen . Wie das Jahr zu sinken begann , sanken die Kräfte Angelika ' s mit ihm . In guten Stunden trug man sie auf die Terrasse hinaus ; der Pfarrer , die treue Marianne , ihr Sohn durften sie wenig verlassen . Die Sorge für Renatus beschäftigte sie ganz und gar . Erziehen Sie ihn zur strengen Zucht ! beschwor sie den Pfarrer ; machen Sie , daß er in seinem Herzen , in seinem Geiste die Richtschnur finde , die ihn hindert , von dem Pfade der Ehre und der Tugend abzuweichen ; machen Sie , daß er unnachsichtig gegen seine Neigungen werde , daß sein Gewissen unbestechlich von seinen Leidenschaften sei ! - Sie sprach es nicht aus , daß sie wünsche , er möge seinem Vater und ihrem Bruder nicht ähnlich werden , aber es war unschwer zu ersehen , wohin ihre Plane für die Erziehung ihres Sohnes gingen , und der Pfarrer verstand sie wohl . Als die Ernte vollendet war , zog der Amtmann von der Herrschaft ab . Es war große Betrübniß unter den Leuten , und auch dem Freiherrn ging es heimlich nahe . Adam hingegen hatte das Scheiden mit Ungeduld erwartet . Sein Haus in Marienau stand wohlgefügt , die Hochzeit seiner Schwester sollte es einweihen , und er hatte jetzt bereits im Stillen sein Auge auf eines Gutsbesitzers hübsche Tochter fallen lassen , die ihm ein Ersatz für Eva zu werden versprach . Im Herbste schaltete der neue Amtmann mit seiner großen Familie in dem Hause , das die Steinerts über ein Jahrhundert inne gehabt hatten . Da er nicht des Landes , sondern aus einem fernen Theile Deutschlands gekommen war , hatte er ohne Weiteres die Meinung wider sich . Er hielt es , wie der Freiherr , mit einem strengen Regiment , und ein solches mußte er auch üben , wenn er die Verheißungen wahr zu machen dachte , mit denen er den Freiherrn für sich eingenommen . Der Herbst war ungewöhnlich hell und mild , das Jahr schien lächelnd verscheiden zu wollen , und lächelnd fand man eines Morgens die Baronin auf ihrem Lager liegend . Sanft lächelnd , Amanda ' s Rosenkranz , der sie nie verlassen , in ihrer Hand , war sie wie unter dem Eindrucke eines milden Traumes eingeschlafen . Es war auch ein heller , klarer Herbstmorgen , an welchem man die Leiche der Schloßherrin zu ihrer Ruhestätte in der neuen , von ihr gelobten Kirche führte . Von nah und fern war der benachbarte Adel herbeigekommen , ihr das letzte Geleite nach der prächtigen Familiengruft zu geben . Der erste Reif lag auf dem Rasenplatze vor dem Schlosse und auf dem Kirchhofe , als der von sechs Pferden gezogene Leichenwagen sie überschritt . Wie weiße Rosen hingen die leicht geballten Flocken des Rauhreifs in den Tannenbäumen des Kirchhofes . Die Freifrau Angelika von Arten-Richten war die Erste des jetzt lebenden Geschlechtes , welche zu den Ahnen ihres Mannes in die Gruft herniederstieg , die Erste , welche dieses Weges ging . Der Traum , den sie am Morgen der Kirchweihe geträumt , fand seine Erfüllung . Sie war die Erste , über deren Asche der Pfarrer ihrer Kirche die Seelenmesse las . Als die Beerdigung vorüber war und die Fremden das Haus verlassen hatten , befanden der Freiherr und der Pfarrer sich allein in dem Wohnzimmer der verstorbenen Baronin . Der Freiherr , in tiefer Trauerkleidung , ging langsam auf und nieder . Er trat an das eine , er trat an das andere Fenster . Die weithin sich erstreckenden gradlinigen Hecken von Buxbaum , die scharf zugespitzten Obelisken und Taxus-Pyramiden hatten auch in diesem Herbste durch die späte Jahreszeit noch nichts von ihrer Farbe und Form verloren . Am Ende des Gartens hoben sich die Bäume des sogenannten Bosquets empor , majestätische Kiefern , deren braunrothe Stämme wie die Pinien breite , grüne Kronen trugen , und prächtige Eichen , noch voll von ihrem üppigen und jetzt goldgelb gefärbten Laube . Sie waren immer noch gewachsen . In dem Kamine brannte ein helles Feuer . Sein Schein streifte bald die Portraits der freiherrlichen Eltern , bald die schönen Bilder Amanda ' s und Angelika ' s , die an den Wänden hingen . Dann wieder beleuchtete er die antiken Statuen der Venus und des Amor , die in den Ecken des Zimmers standen . Eine Erinnerung zuckte in dem Freiherrn auf . Ein schöner Herbsttag wie dieser war es , sprach er , indem er vor dem Pfarrer stehen blieb , der traurig an dem Kamine saß , ein Tag wie dieser war es , an dem wir einst diese beiden Statuen hier aufgestellt haben ! Und wieder , wie damals , stehen wir hier allein ! Ich habe auch daran gedacht , entgegnete der Pfarrer , während der Freiherr abermals umherzugehen begann , bis er wieder vor dem Pfarrer stehen blieb . Was ist seitdem geschehen ! Welche Umwälzungen hat die Zeit gebracht , die Welt erfahren , und ich selber , was habe ich erlitten und erlebt ! - Er setzte sich nieder und fuhr sich mit der Hand über die Augen . Aber er schien sich dessen wie einer Schwäche zu schämen , denn er erhob sich augenblicklich wieder , und dem Pfarrer die Hand reichend , sprach er : Und doch muß man sich sagen , was ich damals erstrebte , ist erreicht , und mehr als das ! In Renatus wächst mir der Erbe meines Hauses , der Erhalter unseres Geschlechtes gesund empor . Ich habe meinem Hause und unserer Kirche hier in der Gegend eine schöne , eine erhabene Zukunft gesichert . Arbeiten Sie mit mir gemeinsam daran , mein Freund , daß mein Geschlecht in meinem Sohne einen würdigen Vertreter und unsere Kirche hier zu Lande die Verbreitung finde , welche sie gewinnen muß , um dem aufrührerischen Geiste , um dem thörichten Verlangen nach Freiheit zu begegnen , die jetzt die Zeit beherrschen . Der Einzelne muß dem Leben seinen Tribut bezahlen , das Blut und der Sinn des wahren Adels erben sich fort ! Und wenn auch ich einst die dunkle Straße gegangen sein werde , auf der wir heute unsere theure Todte zu geleiten hatten , wird der Name derer von Arten fortleben von Geschlecht zu Geschlecht . Lassen Sie uns darauf hoffen , versetzte der Pfarrer ; denn Sie haben Ihr Andenken mit unserer Kirche , mit der Verbreitung des allein selig machenden Glaubens in unserer Provinz verbunden , und wie die Zeit auch in ihrem Wechsel kreist , der Geist unserer Kirche ist unwandelbar und wenigstens ihr Bestehen ist dauernd ! Von der Kirche herüber ertönte bei der hereinbrechenden Dämmerung der Gruß , welcher , aus der fernen Vorzeit die Geschlechter der Menschen überlebend , allabendlich durch die katholische Christenheit erklingt . Die Glocken läuteten das Ave Maria . Der Freiherr und der Pfarrer bekreuzten sich beide . Es war still in dem Gemache . Die Nacht sank nieder , ohne daß sie es gewahrten . Sie hofften in ihrem Herzen auf ein ewiges Bestehen dessen , was ihnen werth und heilig war , und vergaßen , daß es nichts Dauerndes giebt , daß Alles sich wandelt und vergeht . Zweite Abtheilung Der Emporkömmling Erstes Buch Erstes Capitel Eine Reihe von Jahren war entschwunden , seit man die Leiche der Baronin von Arten in dem Erbbegräbnisse der neuen katholischen Kirche in Rothenfeld zur Ruhe bestattet hatte , und schwere , blutige Zeiten waren seitdem über die Erde hingegangen . Aus dem schöpferischen Chaos der französischen Revolution hatte sich die finstere , gewaltige Gestalt Napoleon ' s des Ersten emporgehoben , dessen unersättlicher Ehrgeiz die Kriegsfackel über Europa schwang , während Zerstörung , Blut und Thränen den Weg bezeichneten , den sein Fuß von Sieg zu Sieg , von Eroberung zu Eroberung fortschreitend betrat . Vom fernsten Westen Europa ' s bis hin an Deutschlands und Preußens östliche Grenzen waren die Wogen des Krieges , das Bestehende umgestaltend oder verschlingend , über die Länder gerollt . Staaten waren untergegangen , Könige und Fürsten entthront , neue Reiche gebildet und neue Herrscher und Könige ernannt worden . Im Schlosse wie in der Hütte hatte man die überall nachzitternde Kraft der ungeheuren Bewegung empfunden , und wie die Verhältnisse der Länder und ihrer Beherrscher sich geändert , so hatten sich mit diesen Wandlungen auch im Gesammtleben der Menschen wie in den einzelnen Ständen und in ihren Beziehungen zu einander große Veränderungen zugetragen . Von jener Freiheit , welche die Franzosen zu erringen gewünscht , als sie den Thron der Bourbonen gestürzt , die Republik erklärt , den König und die Königin hingerichtet und das Blut derjenigen vergossen hatten , welche sie als Feinde der Freiheit betrachteten , war ihnen unter der tyrannischen Herrschaft ihres ersten Kaisers nichts mehr übrig geblieben ; aber die in der Revolution zur Geltung gekommene Erkenntniß der menschlichen und bürgerlichen Gleichheit hatte in den Geistern eine zu tiefe Wurzel geschlagen , um so schnell wie die politische Freiheit vernichtet werden zu können . Der Zauber , welcher die alten adeligen Geschlechter umgeben , war in jener Zeit für das scharfe Auge des Bürgerstandes in Frankreich erloschen , und weder die von Napoleon ernannten Fürsten und Herzoge , noch jener Theil des alten französischen Adels , der sich an den Thron des neuen Kaisers herandrängte , weil er im Dienen , gleichviel , wem er diente , seinen Vortheil und seine Ehre fand , waren dazu angethan , die frühere Geltung des Adels wieder zu erzeugen . Von einer abtrennenden Gliederung der Staatsangehörigen in drei Stände konnte ebenfalls nicht wohl die Rede sein , nachdem der sogenannte dritte Stand das Ruder des Staates jahrelang in seinen Händen gehabt hatte und seit der Sohn eines corsicanischen Advokaten der Welt Gesetze vorschrieb . Die Verehrung des angestammten historischen Adels war in eine Verehrung der Macht übergegangen , und wenn damit der sittliche Gehalt der Menschen und der Zeit auch nicht eigentlich gehoben wurde , so waren der Verehrung doch weitere Grenzen gesteckt , seit dem Verehrenden sich die Aussicht eröffnete , auf den mannigfachsten Wegen sich selbst zu einem Machthaber und damit zu einem Gegenstande der Verehrung zu erheben . Das militärische Genie , der Gelehrte , der Künstler , der Gewerbtreibende fanden dabei gleichmäßig ihre Rechnung , und was für Napoleon in den Herzen des Volkes , das er unterjochte , dessen Steuerkräfte er übermäßig in Anspruch nahm und dessen Söhne er unaufhörlich zur Schlachtbank führte , am allermeisten sprach , das war die Erinnerung , wie er selber aus den Reihen des Bürgerstandes hervorgegangen , Kinder des Volkes zu Königen und Fürsten erhoben hatte , und wie er in seiner Person die Verkörperung dessen darstellte , was der Ehrgeiz des Genies zu erreichen wünschen mußte und jetzt zu erreichen hoffen konnte . Eben so groß als der Wechsel der Zustände , der sich in Frankreich innerlich und äußerlich ereignet , war die Wandlung gewesen , welche sich in Deutschland durch die Nachwirkung jener ungeheuren französischen Revolution im Bewußtsein und in der Empfindungsweise der Menschen vollzogen hatte . Seit mehr als anderthalb hundert Jahren blind der Bewunderung des französischen Geistes , knechtisch der Nachahmung französischer Sitte und Mode unterthan , war schon vor dem Beginne der französischen Revolution mit dem Auftreten Lessing ' s , Goethe ' s und Schiller ' s der Mahnruf an die Deutschen ergangen , sich ihrer eigenen Macht und Bedeutung , sich ihrer eigenen Abstammung und Größe zu erinnern ; und was die Kraft , was die befreiende Erhabenheit dieser Heroen begonnen , das vollendete die napoleonische Tyrannei , deren eiserne Schwere sich stärker und stärker auf Deutschland herabsenkte . In Blut und Thränen , unter dem Drucke der Fremdherrschaft , in der willkürlich über ihm verhängten Zersplitterung , in der Knechtschaft und in den Banden Napoleon ' s war Deutschland frei geworden von jener französischen Sclaverei , zu welcher es sich so lange selbst verdammt hatte . Französische Sprache , französische Mode und französische Sitten waren dem vor der Revolution flüchtig gewordenen Adel entgegen gekommen , wo immer er sich in Deutschland hingewendet . Eine Begeisterung für die in Frankreich durchgesetzte Neugestaltung der Staatsverhältnisse hatte von vielen Seiten die ersten republikanischen Siege der Neu- diesseit des Rheines begrüßt ; aber auch diese Zeiten waren vorübergegangen . Der deutsche Geist war zum Selbstgefühl erwacht ; an dem Hasse gegen den Uebermuth der fremden Vergewaltiger hatte sich die lange niedergehaltene Liebe für die Muttersprache und für das gemeinsame Vaterland entzündet . Ueberall , wo deutsche Herzen schlugen , wo deutsche Hände die Saat auf den Feldern des Landes ausstreuten und deutscher Fleiß sich in Gewerb und Handel bewegte , hatte man das Unheil der französischen Herrschaft zu tragen . Die Kriegszüge , welche sich vom fernen Westen und vom Süden Europa ' s bis an die östlichsten und nördlichsten Grenzen Deutschlands ausdehnten , sie hatten überall Noth und Elend im Gefolge gehabt , aber eben die gemeinsame Noth hatte die Menschen näher zusammengeführt . Die Vernichtung , die Entbehrung äußerer Güter hatte erkennen gelehrt , was Jeder in sich selbst besitze und welche Quellen der Erhebung und des tröstenden Genusses dem Menschen aus der Beschäftigung mit dem Gedanken erwachsen können ; und wie es bei solch völliger Umgestaltung der Verhältnisse nicht anders zu erwarten war , hatte eine neue Vertheilung des allgemeinen Vermögens sich vorbereitet und war theilweise schon ausgeführt . Das Geld war selten geworden und im Werthe gestiegen . Wer Geld besaß , konnte viel damit erwerben , wer Geld bedurfte , mußte es unverhältnißmäßig hoch bezahlen ; während also das Vermögen des Kaufmannes in den Städten mitunter in überraschenden Verhältnissen emporstieg , ward der Wohlstand des Landmannes , des Gutsbesitzers eben so oft verringert oder gar vernichtet , wo die großen Heeresmassen des Eroberers sich über die Länder wälzten . Preußen vor allen anderen Ländern hatte die Gewalt der Ereignisse fühlen müssen . Erst nach mehrjährigem Aufenthalte in den fernen Ostsee-Provinzen war der flüchtig gewordene König wieder mit seiner Familie in seine Hauptstadt zurückgekehrt ; aber die ganz zerstückelte Monarchie stand nichts desto weniger thatsächlich noch völlig in Napoleon ' s Gewalt . Die ungeheure Kriegsschuld , die von Napoleon verhängte Continentalsperre , wie die durch ganz Europa , so weit es ihm gehorchte , angeordneten großen Rüstungen brachten Noth und Drangsale aller Art hervor , indeß sie hinderten die Völker nicht , zur Selbsterkenntniß zu erwachen . Der König wie jener bessere Theil des Adels , der das Unglück der Jahre achtzehnhundert und sechs und achtzehnhundert und sieben nicht mit herbeigeführt und sich fern gehalten hatte von der Erniedrigung vor dem Eroberer , vor Allen aber der gebildete Bürgerstand hatten begreifen gelernt , was Jedem im Einzelnen fehle , was Allen gemeinsam Noth thue , und die Besten des Landes , Männer so wie Frauen , hatten sich vereinigt , um durch Selbsterziehung und Selbsterhebung jene allgemeine Auferbauung zu beginnen , deren Unerläßlichkeit Jedweder ahnte oder empfand . Eben in jener Zeit , im Herbste des Jahres achtzehnhundert und elf , saßen in Berlin in dem Gartensaale eines großen Hauses zwei Frauenzimmer bei einander . Die Thüren des Gemaches standen offen , obschon ein großes Feuer in dem Kamine brannte , dessen Flamme mit ihrem flackernden Scheine bald die chinesischen Malereien an den noch von der Sonne beschienenen Wänden , bald die wunderlichen , langgeschwänzten Vogelbilder an der Decke beleuchtete , über die sich schon der Schatten des Abends auszubreiten anfing . Es mußten reiche Leute sein , denen dieses Haus gehörte , denn es standen lauter silberne Theegeräthschaften auf dem Tische , und das Silber war jetzt schwer besteuert ; auch der Thee selbst war durch die Continentalsperre zu einem sehr kostbaren Luxus-Artikel geworden . Das jüngere der beiden Frauenzimmer , ein eben erst der Kindheit entwachsenes Mädchen , mit dem Zubereiten des Thee ' s beschäftigt , setzte behutsam einen kleinen Schirm von chinesischem Lack zum Schutze gegen den Luftzug vor die Flamme , die unter dem Theekessel brannte , als die Aeltere einen Strauß von Herbstblumen , den sie eben gebunden , aus der Hand legte und sich von ihrem Sitze erhob . Komm ' , mein Kind , sagte sie , wir wollen die Blumen nach dem Denkmal tragen . Sie schlug bei den Worten einen der unter dem Directorium in Mode gekommenen türkischen Shawls um ihre Schultern , reichte dem jungen Mädchen eine Pelerine zu gleichem Zwecke hin , und während dieses sich an den Arm der älteren Freundin hing , gingen sie über den Mittelweg des großen Gartens nach einer Gruppe von Bäumen , aus deren Schatten , von üppigem Gebüsch umwuchert , eine mäßig hohe Sandsteinsäule hervorsah . Die Vase , welche sie trug , hatte die Inschrift : » Den Hingegangenen , « und so lange die Jahreszeit ihrem Garten Grün und Blumen verlieh , unterließ es die Besitzerin desselben niemals , das kleine Monument mit frischem Strauße zu schmücken . Fräulein Esther von Arten , denn es war der Garten des ehemaligen von Arten ' schen Hauses in der Residenz , in welchem die Frauenzimmer sich ergingen , Fräulein Esther hatte das Denkmal einst in dem schönen Sinne einer gefühlvollen Zeit errichten lassen , um sich alltäglich ihrer Todten zu erinnern . Nun war sie gleichfalls schon lange hingegangen , auch die schöne Baronin Angelika von Arten , welche nach ihr dieses Haus besessen , deckte seit Jahren und Jahren das Grab ; aber ihr Andenken lebte in aller ihrer Anmuth und Güte in dem Herzen ihrer Freundin Seba fort , und es war dieser eine Genugthuung , die Liebespflicht zu üben , welche Angelika einst über sich genommen , nachdem sich ihre Scheu vor dem Andenken an Fräulein Esther in liebende Erinnerung umgewandelt . Hatten doch auch Seba und ihr Vater den Hingang einer ihnen theuren Person zu beklagen , da durch eine plötzliche Krankheit ihnen die Mutter bald nach der Uebersiedelung in die Residenz und in dieses Haus entrissen worden war . Allabendlich , wenn die Sonne zu sinken begann , pflegte Seba den frischen Strauß auf das Denkmal zu legen , und ihre junge Gefährtin ließ es sich dann nicht nehmen , die Blumen des vorigen Tages in den Strom zu werfen , der langsam an dem unteren Theile des Gartens hinfloß und langsam den welken Strauß mit sich davon trug , bis das ihm folgende Auge ihn nicht mehr ersah . Auch heute wendeten die Frauen sich wieder dem festen Kieswege zu , der das Ufer bildete und von dem man über den Fluß hinweg die schönen Bäume eines auf der anderen Seite des Wassers gelegenen Gartens vor sich hatte , die eben jetzt im Sonnenuntergange erglühten . Wenn der Vater nicht bald hinauskommt , wird er es heute nicht sehen , wie die Bäume drüben ihr flammendes Lichtbad genießen , sagte Seba . Seit den zwölf Jahren , die wir hier in diesem Hause leben , bin ich dieses Schauspiels noch nicht satt geworden , und selbst auf Reisen entbehre ich den Anblick . Auf Reisen ? wiederholte das junge Mädchen kopfschüttelnd ; nein , da habe ich niemals oder doch nur selten hierher gedacht . Da hat man ja Anderes , Neues zu betrachten . Ja , wenn man jung ist , meinte die ältere Freundin , und das Neue uns noch reizt . Indeß , und es mag das vielleicht wie manches Andere in einer gewissen Abgeschlossenheit und Beschränkung meines Wesens begründet sein , fügte sie halb wie zu sich selber sprechend hinzu , mir offenbaren sich die Schönheiten der Natur , der Wechsel der Tageszeiten , der Jahreszeiten , des Lichtes und der Luft am deutlichsten und schönsten gerade an den Gegenständen , welche meine Neugier gar nicht reizen , sondern die mir in allen Einzelheiten recht vertraut sind . Ein Sonnenuntergang am Niagara würde mich sicherlich weniger erfreuen , als der Anblick , den ich hier genieße . Das Licht auf eben diesen Bäumen , denen ich die belebende Wärme gönne und wünsche , weil ich sehe , wie sie sich mit jedem Jahre neu belauben , wie sie wachsend immer mächtiger werden , entzückt mich wie das freudige Lächeln auf einem bekannten und geliebten Antlitze . Was könnte mir auch die strahlendste Freude einer fremden Schönheit gelten gegen die Zufriedenheit in Deinen guten Augen ? Und doch möchte ich schön sein ! rief das junge Mädchen lebhaft aus . Seine Gefährtin blickte es freundlich an . Kennst Du nicht die Worte , Davide , die wir neulich in dem » Landprediger von Wakefield « gemeinsam lasen : Schön ist , wer schön handelt ? Da mußt Du also sehr schön gehandelt haben ! entgegnete das junge Mädchen , ganz vergnügt über die Logik , welche sein liebevolles Herz ihm plötzlich eingab . Thörichtes Kind ! entgegnete Seba , dem Schmeichelworte des Mädchens wehrend , das Seba ' s Hand an seine Lippen drückte und von ihr mit einer Umarmung belohnt ward , ehe sie ihm den Auftrag gab , nach dem Hause zu gehen , um nachzuhören , wo der Vater gar so lange weile . Als Davide sich entfernte , blickte Seba ihr mit lächelndem Behagen nach , denn Davide war ihre Cousine und ihr Pflegekind , und es war eine Lust , diese junge , schlanke Gestalt zu betrachten , wie sie sich mit unbewußter Anmuth so leicht und schnell bewegte . Eben an jenem verhängnißvollen Tage , an welchem Seba einst im Beisein der alten Gräfin Berka und Angelika ' s mit dem Grafen Eberhard zusammengetroffen und in der furchtbarsten Aufregung in ihr Vaterhaus zurückgekehrt war , hatte ein Brief ihren Eltern die Kunde gebracht , daß eine verwittwete Schwester ihrer Mutter auf den Tod liege und nach derselben verlange , um dieser ihr einziges Kind zu übergeben . Noch an demselben Abende war Madame Flies in Seba ' s Begleitung aufgebrochen , und vierundzwanzig Stunden später hatten sie an dem Bette der Sterbenden gestanden . Nimm mich ! hatte die kleine , kaum dreijährige Davide , wie alle Kinder , von der Schönheit angezogen , ausgerufen , als Seba an das Krankenlager herangetreten war ; und wie einst Paul sie in der Stunde schwerer Seelenpein dem Leben und der Hoffnung durch seinen liebevoll besorgten Zuruf wiedergewonnen , so hatte das Zutrauen eines Kindes sie zum zweiten Male aus der Dumpfheit des Schmerzes wachgerufen , in welche die bittere Erfahrung sie versenkt hatte , daß es Selbstbefriedigungen und Siege giebt , an denen man zu Grunde gehen kann . Laß mir das Kind ! hatte Seba gebeten , als die Sterbende es der Schwester übergeben wollte . Laß es mein Kind sein , Tante - es soll gut , es soll besser und glücklicher werden , als ich ! hatte sie leise hinzugefügt , und von dem Herzen der sterbenden Mutter hatte sie Davide an ihr Herz genommen . Von dem Tage ab hatte Seba ' s Leben einen Halt gewonnen . Sie hatte sich , seit Paul verschwunden und trotz aller Nachforschungen nicht zu finden gewesen war , wenn ihre Thätigkeit nicht , wie in der Krankheit der Baronin , durch einen augenblicklichen Liebesdienst in Anspruch genommen ward , sehr überflüssig in der Welt gefühlt , und in der Entmuthigung eines verletzten und hoffnungslosen Herzens auch nicht daran gedacht , einst in ihrer eigenen Entwicklung und Selbstvollendung Trost zu suchen ; denn liebevolle Seelen leisten ihr Höchstes nur im Hinblicke auf die Gegenstände ihrer Liebe . Nun war das plötzlich anders geworden . Sie hatte jetzt ein festes Ziel gehabt , sie hatte sich , da der Mensch , je hülfsbedürftiger und rathloser er sich fühlt , um so lieber an eine höhere Hülfe oder an geheimnißvolle Zeichen glaubt , die Vorstellung gebildet , daß das Schicksal sie ausersehen habe , die Mutter der Verwaisten zu sein , daß es ihr , wie einst Paul , so jetzt Davide zugewiesen habe , und mit dem Augenblicke , in welchem sie die Sorge für dieses Kind über sich genommen , war auch die Hoffnung , daß der ihr so theure Knabe , wie Angelika es prophezeit , noch wiederkehren könne , wiederkehren werde , obschon alle Spur von ihm verloren blieb , auf ' s Neue in ihr rege geworden . Die Uebersiedlung in die Residenz war dem Lebensplane zu Hülfe gekommen , den Seba sich vorgezeichnet hatte . Auf alle die Vorrechte und Ansprüche verzichtend , welche ihre noch immer jugendliche Schönheit der Fünfundzwanzigjährigen gaben , hatte sie angefangen , ihre Kenntnisse zu prüfen , und sie oberflächlich gefunden . Alles , was sie gelernt , war ihr ungründlich , ihr ganzes Denken und Thun unzusammenhängend erschienen . Sie hatte also von Grund auf neu zu lernen , sie hatte in ernsterer Weise zu denken begonnen , weil sie in sich das geistige Capital erwerben und ansammeln wollte , von dessen Zinsen ihr Pflegekind sein tägliches Leben haben sollte ; und da sich demjenigen , der genau weiß , was er will , und sich dabei in seinem Wollen zu beschränken weiß , das ihm Nöthige fast wie von selber bietet , so hatte das ernste Bemühen des schönen , geistbegabten Mädchens ihm die Theilnahme bedeutender Männer und Frauen zugewandt , und bei dem Reichthume und der Gastfreiheit ihrer Eltern hatte Seba sich in der Lage befunden , diesen ihr werthen Bekannten an jedem Tage in ihrem Vaterhause einen Versammlungspunkt und einen herzlichen Empfang bereiten zu können . Das war zu jener Zeit , in welcher der Krieg und die Fremdherrschaft die meisten Familien zu großen Einschränkungen und Entbehrungen nöthigten , nichts Gewöhnliches gewesen . Man hatte das sich Darbietende gern benutzt , und seit im Beginne des Jahrhunderts Madame Flies gestorben war , hatte Seba als Hausfrau in dem alten von Arten ' schen Hause geschaltet , bis sie allmählich zu dem geistigen Mittelpunkte eines Kreises geworden war , der , wie es zu jener Zeit , in welcher die gemeinsame