Und davon war Hyazinth so fest durchdrungen , daß er jeden Blick auf sich selbst - den verzagten sowohl als den selbstgefälligen - gänzlich aus dem Auge verlor und sich hingebend versenkte in die unendliche Liebe des Gottes , der von sich gesagt hat : Er gehe als ein guter Hirt jedem verirrten Schäflein nach . War Judith gewonnen , so konnte auch Orest gerettet werden . Durch Judith ' s Seele brausten heftige Stürme . Sie hatten es so leicht und so gleichgültig genommen , sich taufen zu lassen ; so gar nicht geahnt , daß ihr innerstes Wesen dadurch erschüttert werden könne , daß ihre Auffassung von Welt und Leben , von Bestimmung und Ziel eine Veränderung erleiden würden . Und jetzt ? Sie saß unbeweglich in ihrer Causeuse , mit geschlossenen Augen , die Stirne in die aufgestützte Hand gelegt . So nahe ist mir das Göttliche , sprach sie zu sich selbst , und in das Menschliche hab ' ich mich vertieft und verloren . So weit bin ich abgeirrt von meinem Ziel . Nun verstehe ich , weshalb das Leben mir als eine Sphynx erschien , deren Räthsel ich nicht zu deuten vermochte und an dem ich mich müde riet : die göttliche Offenbarung ist der Schlüssel zu dieser Hieroglyphe . Der Abfall des ersten Menschen - die Erbsünde , welche das Ebenbild Gottes in unserer Seele verletzt - die eigene Sünde , welche es zerstörend verwüstet und dem Bösen in uns die Oberhand gibt - der gräßliche Zwiespalt zwischen der erstrebenden höheren Natur und der niederen , welche über sie triumphiert - das Erbarmen der göttlichen Liebe , die sich demütigt , um das Niedrige wieder zu sich zu erheben , die himmlischen Arzneien und himmlischen Bande in göttlich geheimnisvoller Weise bereitet , um die siechen , hinsinkenden Seelen zu heilen und zu fesseln - und die nichts begehrt , als die Gegenliebe der Geretteten - eine Liebe , die den Haß des Bösen und die Widersagung der Sünde in sich schließt , und das verwüstete Ebenbild Gottes wieder rein und klar zu machen sucht - o wie ist das verständlich , wie ist das einfach ! Wie befriedigt das alle Fragen , welche rastlos in der höheren Natur kommen und wiederkommen ; Fragen , welche sie zuweilen in den Regionen der niederen Natur sich beantworten läßt , wenn sie nicht fest an der göttlichen Offenbarung hält ; Fragen von jener furchtbaren Wichtigkeit , wie jene sind , um die sich das Menschenleben bewegt und entfaltet , ja - die Lebensfragen für jeden Menschen sind : Was ist die Liebe ? .... Was ist das Glück ? Was ist Wahrheit ? .... Klar wie der Tag wird mir das alles , wenn ich glaube , daß die göttliche Offenbarung , welche Christus vom Himmel gebracht und der katholischen Kirche zur Verkündigung und Aufbewahrung anvertraut hat , all ' diese tausend Fragen mit einer himmlischen Entschiedenheit löst , welcher die Fähigkeiten meiner höheren Natur beistimmen . Daß die niedere Widerspruch erhebt , ist ein Beweis mehr für die göttliche Wahrheit der Offenbarung : die niedere Natur fühlt sich gerichtet und zum Tode verurteilt ; sie will nicht sterben , sie wehrt sich , sie verleumdet die Offenbarung und nennt die göttliche Wahrheit - Lüge ! .... Weshalb ? .... Um das Lügengewebe der Sinnlichkeit und der Leidenschaft , welches die Wahrheit zu zerreißen trachtet , ungestört fortzuspinnen . Wollte ich mich ihr hingeben , so würde auch ich die Offenbarung verwerfen und an der Liebe Gottes , die sich in ihr kund gibt , verachtend vorüber gehen . So macht es der Unglaube . Da liegt für jeden Menschen die Gefahr , die Versuchung , die Lockung zum Abfall ; da - sein unvergänglicher Kampf ; da - der Punkt , auf dem der Weg zu beiden Schicksalen sich spaltet . - Die Zeit verging ; sie achtete es nicht . Mehrmals hatte ihr Diener an die Tür geklopft , die in den Salon führte , zum Zeichen , daß man sie zu sprechen wünsche ; sie hörte es nicht . Rasche Schritte eilten jetzt durch das Zimmer ihrer Kammerfrau ; sie bemerkte es nicht . Die Tür flog auf , der Vorhang zurück - Orest erschien auf der Schwelle und rief , als er sie ins Auge faßte : » Judith ! aber Judith , was ist geschehen ! « Und er lag zu ihren Füßen und bedeckte ihre Hände mit Küssen , um sie zu wecken aus ihrem Traum , ihrer Ohnmacht , ihrer Meditation . Er wiederholte : » Aber was ist geschehen ? was ist Ihnen widerfahren ? warum sperren Sie sich ab zu dieser Stunde , wo man gewohnt ist , Sie zu sehen ? woher diese krankhafte Blässe ? was beschäftigt Sie ? woran denken Sie ? - Sehen Sie mich an ! « rief er herrisch . Judith zog ihre Hände aus den seinen und legte sie auf seine Schultern , schaute ihn an mit dem tiefen ernsten Blick ihres dunkeln Auges und fragte : » Sind Sie ein guter Christ , Graf Orestes ? « » Wenigstens ein besserer als Sie ! « rief er . » Ich habe soeben ernsthaft daran gedacht , es zu werden und mich taufen zu lassen , damit meinerseits dasjenige geschehen sei , was unsere Verbindung beschleunigt . Da dürfen Sie sich nicht wundern , wenn ich mich in Nachsinnen versenke . Die Komödie meines Lebens hört auf - die Wahrheit beginnt . « » O daß es so weit wäre ! « rief Orest ; » daß endlich ! endlich ! der Wonnetag anbrechen , die Stunde des Glückes schlagen möge , die uns auf ewig verbindet , auf ewig in Liebe aneinander knüpft ! O Judith ! ich reibe mich auf an der Kette , die mich an ein anderes Weib fesselt , und wenn ich sie auch zerreiße , so wird es doch noch lange währen , bis ich deren Bruchstücke abgestreift habe , die ich vorderhand mit mir umherschleppen muß . Deshalb , Judith , wollen wir uns in nächster Zeit vor all ' dem Wirrwarr flüchten und in der Einsamkeit , fern von der Welt , unserer Liebe leben . Nach dem Orient wollen wir gehen , nach Damaskus ! da ist das Dasein leicht und lieblich , da verfliegt nicht die schönste Zeit im Tretrad europäischer Konvenienz und Langweil ! da wollen wir in ungestörter Ruhe das Glück genießen , nach dem wir uns schon so lange sehnen und das wir nur da finden können , wo uns keine Erinnerung an frühere Verhältnisse stört . O Judith , zu flüchtig ist die Jugend , zu kurz ist das Menschenleben , um Tag auf Tag mit nichts anderem auszufüllen , als mit der Hoffnung . « » Gerade so denke auch ich ! « entgegnete Judith . » Es muß im Dasein einen Inhalt , einen Kern , eine Wahrheit geben , welche Ersatz gewähren für die unsägliche Leere , welche die glänzendste Existenz elend macht , sobald sie eine liebelose ist . Ja , Orest , nach dem Orient wollen wir gehen und in dem paradiesesduftenden Damaskus - wie die orientalischen Dichter es nennen , in den Feenhäusern von Marmormosaik und vergoldetem Cedernholz , welche von den Reisenden so bezaubernd dargestellt werden , unter Citronenbäumen am plätschernden Springbrunnen , in süßen Gefühlen und großen Gedanken unser Leben zu seinem Ziel führen . « » O Geliebte ! « rief Orest beseligt , » laß uns fliehen , jetzt ! gleich ! O glaube mir , die verhaßte Kette wird leichter gesprengt durch einen so energischen Schritt , der zugleich eine unausfüllbare Kluft zwischen der Vergangenheit und Gegenwart reißt , als durch tausend Schritte , die wir hier unter zahllosen Hemmnissen und Störungen tun könnten . O komm ! o vertraue meiner Liebe ! « » So nahe dem Ziel - und die alte Torheit sollte uns besiegen ? « sagte Judith traurig . » Nein , Orest ! ich glaube , daß weder Ihre Empfindungen , noch Ihre Absichten hinsichtlich meiner dadurch eine Änderung erleiden würden . Aber ich kann diesen Schritt nicht tun ! Judith Miranes , die Jüdin , kann nicht den Grafen Orest Windeck auf seinen orientalischen Streifzug begleiten , ohne durch eine so verkehrte Nachgiebigkeit sich in seinen Augen herabzusetzen . Und merken Sie es wohl , Graf Orest : es mag nicht schwer sein , die Mißachtung einer Welt zu tragen , die durchaus keinen Maßstab hat und gibt für das , was zu achten und zu verachten ist und deren Beifall man ganz geschwind wieder erkaufen kann durch eine Gänseleberpastete und ein paar Flaschen Champagner . Aber schwer , ja unerträglich wäre es , die Mißachtung eines geliebten Mannes ertragen zu müssen . Sie wollen auffahren , Sie wollen Beteuerungen machen ! armer Orest , was sind Ihre gutgemeinten Worte gegen die Tatsache der Erfahrung ! Ich kenne das Menschenherz : es will eine Glorie um seine Liebe sehen . Je heller die - um desto seliger ist es , wenn es auch mit Schmerzen und Nöten zu kämpfen hat . « » Judith , meine Göttin , Du bist in der Glorie ! « rief Orest . » Nun so bleibe darin , Du unvergleichliches Geschöpf ! .... Ich will jetzt einen anderen energischen Schritt tun . « - Er stürmte fort und zu Corona . Sie war nicht daheim . Sie war nach St. Peter gefahren . - Es gibt Menschen - versteht sich , höchst selten , hie und da einmal einer ! die sind von so wundervoller Vollkommenheit , daß man dieselbe gar nicht recht gewahr wird und ganz treuherzig wähnt , das sei ein Mensch wie unsereiner , bis man allmälig im näheren Umgang und nach längerer Beobachtung herausbringt , dem sei nicht so ; ihre Vollkommenheit falle nur nicht in ' s Auge , weil ein wunderschönes Gleichgewicht sie nach Innen harmonisch ordne und ihnen nach Außen das Gepräge friedlicher Einfachheit , ohne hervorstechende Züge , verleihe . So ungefähr ist es mit der St. Peterskirche zu Rom . Ihre Verhältnisse sind von so herrlicher Harmonie , daß man durch ihre ungeheuere Größe anfangs gar nicht frappiert wird und nur nach und nach , wenn man in ihr auf Entdeckungen ausgeht , das Riesenhafte des Baues erkennt , anstaunt und bewundert . Die Engelchen , welche die Weihwasserschalen halten , sind sechs Fuß lang ; der Hochaltar ist so hoch wie der Palast Farnese - einer der großartigsten in Rom ; die Gemälde über den Altären sind alle in Mosaik und über Lebensgröße ausgeführt , ohne daß man es bemerkt . Man muß manchen Besuch in St. Peter wiederholen , bis man sich in seiner Welt von Kunst und Schmuck , von Reichtum und Größe , von Grabmalen und historischen Erinnerungen heimisch fühlt . Wie immer und überall , so hat auch da die Andacht es am besten und leichtesten . Die geht vor bis zu der Balustrade , welche den Einblick in die Krypta umschließt , kniet nieder und betet . Denn da ruhen die Reliquien eines Menschen , an dem Gott die Wundertaten seiner Gnaden seit achtzehnhundert Jahren in einem Maß aufleuchten ließ und läßt , wie an keinem anderen Staubgeborenen : Petrus , der Fischersmann aus Galiläa , der Hirt , dem Christus Selbst die Führung seiner Heerde anvertraut hat , der Nachfolger des Gottessohnes in diesem heiligsten Amt , der Stammvater aller Stellvertreter des Herrn als Oberhaupt der Kirche auf Erden : Petrus ruht da . Corona ' s Lieblingsausflug war immer nach St. Peter und ihr Lieblingsplatz dort war am untersten Pfeiler des linken Seitenschiffes , nächst dem Eingang ; denn von dort blickt man gerade auf Rafaels Transfiguration , die in einer Mosaikkopie über dem Altar des Kreuzschiffes sich erhebt . Die hohe majestätische Marmorhalle bildet eine lange Perspektive vor dem großartigen Gemälde , in welchem Rafaels Genie allen Jammer der Erde und alle Seligkeit des Himmels wie in einer wunderbaren Vision zusammengestellt hat . Während sich der göttliche Heiland auf dem Tabor vor seinen drei auserwählten Jüngern in himmlischer Verklärung zeigt , leuchtend , schwebend , strahlend , Mittelpunkt und Spitze eines überirdischen Lichtglanzes , angebetet von Moses und Elias , die in einer niedrigeren Region schweben ; stehen am Fuß des Berges die übrigen Jünger ratlos , angsthaft und niedergeschlagen dem trostlosen Vater gegenüber , der den besessenen Knaben in seinen Armen hält , der verzweiflungsvollen Mutter gegenüber , die ihnen zürnend vorwirft , daß sie ihr Kind , ihr einziges , ihr vielgeliebtes , nicht retten können , dem Volk gegenüber , das von ihnen dieselben Wunderheilungen wie von ihrem Meister verlangt . Aber der Meister ist nicht bei ihnen und deshalb vermögen sie nichts ! ohne Christus keine Rettung , keine Heilung , kein Trost , kein Sieg über den Geist des Bösen . Ohne Glaube ist der Mensch tot in sich und unbrauchbar zum Gnadenwerk . Aber hoffet nur , ihr Geplagten , ihr Leidenden , ihr Hilflosen ! der Herr ist nah . Glaubet nur ! er selbst steigt aus seiner Verklärung , von seinen übernatürlichen Taborshöhen in eure Finsternis und euer Elend herab . Glaubet nur ! bittet nur ! Er kommt , um euch zu retten und euch von der Übermacht des bösen Geistes zu befreien ! Ein göttliches Bild , jeder Menschenseele verständlich ! aber für Corona ganz voll lebendigster Anklänge , für die jammervolle Gegenwart sowohl , als für die Hoffnung , die der göttlichen Barmherzigkeit vertraut , und umsomehr , wenn die Menschen ratlos sind , welche man sonst als gute Ratgeber kennt . Corona brachte immer einen Strahl des Trostes in ihrer Seele von der Transfiguration zurück . So war es auch heute - und sie konnte ihn brauchen . Als Orest ihren Wagen über den Platz fahren sah , eilte er hinab , hinderte sie auszusteigen , während er Felicitas , die ihre Mutter immer in Obhut ihrer Bonne begleitete , schnell aus dem Wagen hob und dabei zu Corona sagte : » Man kann hier im Hause keinen Augenblick vor Störung sicher sein , bald kommt der Papa , bald Hyazinth - also laß uns nach der Villa Borghese fahren ; ich habe verschiedenes mit Dir zu sprechen . « Er setzte sich zu ihr und sie fuhren der porta del popolo und dem großartigen Park zu , den der Fürst Borghese dem Publikum geöffnet hat . Seit jenem traurigen Gespräch am ersten Morgen ihrer Anwesenheit in Rom war Corona nur auf Augenblicke mit Orest allein gewesen , da er jedes besondere Gespräch mit ihr vermied . Aber die Erinnerung an jenen Morgen war so lebhaft in ihr , daß ihr Herz unwillkürlich erhebte bei dem Gedanken , dies könne vielleicht dessen Fortsetzung sein . Sie faltete ihre Hände unter der Mantille und bat um den Beistand des heiligen Geistes , daß er sie stark zum Hören und sanft zum Reden machen möge . Sie harrte schweigend auf das , was ihr Mann ihr sagen werde . Er sah finster aus und wurde es noch mehr , als er anhub : » Bei Deiner Ankunft in Rom hab ' ich Dich gebeten , Corona , mir behilflich zu sein , unsere Ehe für null und nichtig erklären zu lassen , indem ich voraussetzte , es müsse dem weiblichen Zartgefühl willkommen sein , aus einem Verhältnis herauszutreten , in welchem zwei Herzen keine Befriedigung finden . Ich habe mich aber in dieser Voraussetzung getäuscht . Dadurch hast Du mich zu einer anderen Maßregel gezwungen . Damals bat ich um Deine Zustimmung , Deine Mitwirkung ; jetzt zeig ich Dir nun meinen Entschluß an . Ich werde mich einem protestantischen Bekenntnis anschließen . Da sind Ehescheidungen nichts seltenes , weil man nicht die wahnwitzige katholische Idee hat , aus dem Ehebund ein unauflösliches Sakrament zu machen . Man betrachtet ihn als einen bürgerlichen Vertrag , der seine Gültigkeit verliert , wenn die Herzen erkalten , und man kann sich ohne Umstände zwei- , dreimal wieder verheiraten . Übrigens sind ja die Protestanten ebensogut Christen wie die Katholiken und so steht mein Entschluß unwiderruflich fest : ich werde protestantisch , verlange die Ehescheidung und heirate Judith Miranes , die aus ihrem jüdischen Glauben oder Unglauben zum Christentum übertritt . Auf diese Weise ordnet sich alles und drei Menschen - Du selbst bist mit einbegriffen - finden ihren Frieden und ihr Glück . « Orest sprach mit eisiger Ruhe , wie jemand , der entschlossen ist , sich mit seinem Gewissen abzufinden . Das fühlte Corona . Ihr Schmerz war zu groß , um Worte oder Tränen zu finden : Orest wollte seinen Fall durch seinen Abfall krönen und besiegeln ! es war unmöglich , tiefer zu sinken , unmöglich , mit der Leidenschaft einen höheren Götzendienst zu treiben . » Du bist überrascht , wie es scheint , « nahm er nach einer Pause das Wort ; » denn Du kennst die Liebe nicht ! Du hast keine Ahnung , mit welcher Gewalt sie den Menschen ergreift und antreibt , all ' die Schranken von Menschenmachwerk zu durchbrechen . Ich kann nicht anders , ich habe jahrelang gekämpft und gelitten ! ich halte das nicht mehr aus . Einen anderen Ausweg finde ich nicht - ich wende mich dahin , wo ich Rettung sehe . « » Und glaubst Du wirklich , « fragte Corona bebend , » treulos allen Pflichten gegen Deinen Schöpfer und seine Geschöpfe - und dennoch glücklich sein zu können ? « » Die Treue folgt der Liebe nach . Dem geliebten Weibe bin ich treu . « » Und Gott ? .... und seine Heilsanstalt , die heilige katholische Kirche ? « » Vor deren Übertreibungen hatte ich immer einen Abscheu ! umsomehr jetzt , da mir die Unmöglichkeit klar geworden ist , ihre Forderungen zu erfüllen . Die Überspanntheit stößt zurück ; nennst Du das treulos sein ? « Corona barg ihr Gesicht in den Händen , so grenzenlos fühlte sie sich niedergebeugt und beschämt , daß Orest zu einer solchen Gesinnung habe herabsinken - so ganz aus dem Gnadenleben habe heraustreten können . Aber wo kein Glaube ist , da ist auch keine Gnade ; da ist der Mensch der sündigen Macht seines von Gott abgelösten und dem Wirbelwind der Leidenschaften preisgegebenen Herzens elend unterworfen ; da wird er für alles höhere und namentlich für die Pflichterfüllung , die ja immer mehr oder minder ein Opfer ist , dermaßen abgestumpft , daß er keine andere Pflicht mehr anerkennt , als die - der Selbsterhaltung , wenn nicht leiblicher , so doch geistiger Weise , und auf deren Rechnung die Befriedigung all ' seiner Neigungen schreibt ; da heißt sein Programm fürs Leben kurz und bündig : mein Ich soll glücklich sein ! Corona fragte mit mühsam erzwungener Fassung : » Lieber Orest , solltest Du wirklich so abgestumpft sein , um keine Ahnung von der Schmach zu haben , welche Du auf Dich , auf Deine Familie , auf Deinen Namen herabziehst , wenn Du einer jüdischen Sängerin zuliebe die heiligsten Bande mit Füßen trittst und Dich zugleich vom Glauben und von Weib und Kind lossagst ? « » Für den Augenblick wird die Sache allerdings einiges Aufsehen machen und für ein Jahr oder zwei wird meine oder Judiths Stellung in der Gesellschaft nicht eben angenehm sein . Das hab ' ich wohl erwogen und deshalb beschlossen , mich mit ihr für einige Zeit in weiter Ferne niederzulassen . Aber die Welt vergißt schnell und ist zur Nachsicht geneigt für alles , was Liebesverhältnisse betrifft ; denn sie besteht aus Individuen , die sehr wohl wissen , daß ihnen in der Vergangenheit , der Gegenwart oder der Zukunft ähnliche Nachsicht willkommen war , ist , oder sein wird . Deshalb ist nach einigen Jahren alles vergessen und vergeben und meine Stellung in der Welt ganz die alte . Auch meine Familie wird sich versöhnen lassen ; denn wozu wäret Ihr alle so enorm fromm , wenn Ihr Euch nicht mit dem Gedanken vertraut machen könntet , daß Gott mir andere Wege zugewiesen hat als Euch . « » Keine Gotteslästerung , Orest ! die will ich nicht hören ! « rief Corona lebhaft . » Du hast , was wir haben : Gottes Gnade und Deinen freien Willen . Stürzest Du Dich ins ewige Verderben , indem Du göttliche Gesetze verachtest , um den Gesetzen Deiner sündhaften Natur zu folgen , so ist das nicht Gottes Fügung , sondern Dein Widerspruch gegen seine Fügungen , sondern derselbe Ungehorsam , der einst Luzifer aus dem Himmel und Adam aus dem Paradiese stürzte . Und mit der entsetzlichen Vorstellung , Dich in der Feindschaft Gottes , Dich auf dem Wege zum ewigen Tode , Dich ausgeschlossen von Gottes Gnade und Herrlichkeit zu wissen , darf und wird Deine Familie sich nie versöhnen . Sie muß darüber untröstlich sein und bleiben . Was die Gesellschaft betrifft , und ob sie die niedrigen Ansichten hat , die Du ihr zuschreibst - bleibe dahingestellt . Eines aber weiß ich : hat sie allzu große Nachsicht mit sträflichen Liebesverhältnissen , so ist sie doch unerbittlich in Bezug auf diejenigen Ehebündnisse , welche nur geschlossen werden konnten , indem ein Teil oder beide vom katholischen Glauben abfielen . Diese sind für immer von der Gesellschaft - ich spreche von der katholischen - ausgeschlossen und tragen das Brandmal der Bigamie . Bei jedem strafbaren Liebesverhältnis darf man die Hoffnung hegen , daß die Beteiligten zur Besinnung kommen , von ihrer Schwäche sich aufraffen und die entsetzliche Gottesbeleidigung , die sie sich zu Schulden kommen lassen , erkennen , bereuen und sich zu ihrer Pflicht bekehren werden . Ist aber der Abfall vom Glauben geschehen , um das Eheband , das sie als ein unauflösliches kennen , scheinbar zu beseitigen und scheinbar ein neues zu knüpfen , so beweist dieser Schritt , daß sie sich mit Besonnenheit und Überlegung entschlossen haben , für ' s Leben der Zeit und der Ewigkeit in der Trennung von Gott , welche durch die Todsünde bewirkt wird , zu verharren . « » Die protestantische Welt ist vernünftiger ! « erwiederte Orest gelassen . » Hast Du Achtung vor ihrer Auffassung der Ehe ? « » O , das ist gar nicht nötig ! ich will , daß sie vor mir Achtung habe und Judith als meine rechtmäßige Frau anerkenne . Und das tut sie , wenn ich protestantisch werde . Mehr verlang ' ich nicht . Sie öffnet mir die Arme ; Ihr sprecht Bann und Interdikt wider mich : da ist es ganz natürlich , wenn ich mich dahin wende , wo ich liebevoll aufgenommen werde . « » Ja ! « sagte Corona grenzenlos traurig , » so macht es die gefallene Natur : sie wendet sich dahin , wo ihr geschmeichelt , wo ihr der herbe Kampf der Selbstverläugnung erspart wird . Das ist gerade so , wie wenn ein Kind das Vaterhaus verließe , um sich leichtsinnigen Kameraden anzuschließen , und dann behauptete , diese meinten es besser mit ihm , als seine Eltern , denn sie hießen seine Torheiten gut , hingegen wollten die Eltern sie nicht dulden . « » Es gibt unter den Protestanten höchst rechtschaffene und vortreffliche Menschen , « sagte Orest . » Das ist kein Grund , um vom Glauben abzufallen , « entgegnete Corona , » denn wenn er gültig wäre , so könnte man auf denselben Grund hin ein Renegat des Christentums werden : es soll unter den Muhamedanern ebenfalls sehr rechtschaffene Menschen geben . « » Daraus geht hervor , daß alle Religionsformen vollkommen gleichgültig sind , « sagte Orest . » Da der Christ nichts voraus hat vor dem Muselman und dem Buddhisten - wie könnte dann wohl im Christentum selbst die eine Konfession sich über die andere erheben wollen ? « » Lieber Orest , « sagte Corona , » bedenk ' es wohl ! Es ist jetzt mit Dir dahin gekommen , daß Du die göttliche Offenbarung der christlichen Glaubenslehre , auf welcher die christliche Sittenlehre beruht , verwirfst - und zwar deshalb , weil dies himmlische Sittengesetz , das den Menschen zur Heiligkeit führen soll , in der katholischen Kirche gelehrt und aufrecht gehalten wird , während sie zugleich die Mittel der Gnade aufbewahrt und spendet , die den Fortschritt zu diesem Ziel ermöglichen . Du hast Dich von demselben abgewendet ; Du entsagst dem Streben nach himmlischen Gütern , dem Kampf für Pflicht und Tugend ; Du verwirfst die erhabene Glaubenslehre , welche Dir in dem Streit zwischen Gutem und Bösem , der in keiner Menschenbrust rastet , übernatürliche Waffen bietet ; Du läßt Dich besiegen von irdischer Leidenschaft ; und dann sprichst Du von rechtschaffenen Menschen außerhalb der Kirche , als ob Du nach einer Vortrefflichkeit strebtest , die innerhalb derselben nicht zu finden wäre - und fast in einem Atem von der Gleichgültigkeit aller Regionen . Kannst Du bei einer solchen inneren Verwirrung denn überhaupt einen Entschluß fassen wollen ? « » Du machst mich verwirrt mit Deinen Widersprüchen und Einwürfen ! « rief Orest zürnend . » Ich weiß , was ich tun will und Du weißt es jetzt auch . Hättest Du mir die Hand geboten zur friedlichen Lösung unseres traurigen Verhältnisses , so hättest Du mir einen Gewaltschritt erspart . Der komme auf Dein Gewissen . Du treibst mich in die Arme des Protestantismus ! « » Gerade so , wie Gott Dich auf den Weg des Verderbens führt - nicht wahr ? « sagte Corona mit trübem Lächeln . » Das gehört zusammen ! Gott und der Nächste müssen unsere Schuld tragen , wenn wir anders nicht mit ihr fertig werden können . « » Willst Du die Verantwortung nicht übernehmen , « rief er , » wohlan ! so bleibe sie mir ! Ich fürchte mich nicht davor . All ' diesen kirchlichen Gesetzen gegenüber hat das Menschenherz seine unverlierbaren Rechte ; die nehme ich in Anspruch - und mit ihnen werde ich mich vor Himmel und Erde ohne Scheu verantworten . « » Orest ! « rief Corona flehend , » erbarme Dich Deiner Seele ! Du wirfst die Religion von Dir , wie eine lästige Kette , weil sie Deine bösen Leidenschaften in Fesseln halten will . Ach , Orest ! Du wirst untergehen als das Opfer dieser Leidenschaften , denen Du den Zügel schießen lassen willst . « » Bah ! untergehen ! .... Das könnte mir in dem verzweiflungsvollen Druck der Gegenwart geschehen ; aber nie in meiner Freiheit ! « rief Orest . Plötzlich setzte er hinzu : » Adieu ! « sprang über den Wagenschlag hinweg , ohne sich Zeit zu nehmen halten zu lassen , und eilte einem Seitenwege zu , weil er in der einsamen Frauengestalt , die dort wandelte - Judith zu erkennen glaubte . Corona erschauerte vor einer solchen Gefangenschaft aller höheren Seelenkräfte . » Er ist ja willenlos gebannt an diese Judith ! « seufzte sie und ließ den Heimweg einschlagen . » Ob sie auch eine solche Leidenschaft für ihn hat ? ob sie sich aus Überzeugung taufen läßt ? und wenn das sein sollte - könnte sie nicht dahin gebracht werden , ihm als Christin zu entsagen ? « - Sonnenuntergang Uriel war noch immer zu Windeck . Er konnte sich nicht entschließen , Onkel Levin zu verlassen . Dankbarkeit , Verehrung und Liebe fesselten ihn an den Greis . Ihm war zu Sinn , als müsse er die ganze Familie in dem Ausdruck zärtlichster Ehrfurcht vertreten und als bleibe sie dennoch eine ewige Schuldnerin dieses Greises , der ihnen allen , seit vier Generationen , das schönste Beispiel in eindringlichster Weise gepredigt hatte : demütige Selbstverläugnung ; nie durch Worte , immer durch die Tat . Welch ' ein Opfergeist gehörte dazu , um ein ganzes , langes Leben freiwillig in der Abhängigkeit zuzubringen und in der untergeordneten Stellung zu verharren , welche der Weltgeist ihm anwies ! welch ' eine übernatürliche Liebe , um gerade von dieser Stellung aus , mit unerschütterlicher Energie einer in Gottes Langmut wurzelnden Geduld , den Weltgeist zu bekämpfen ! welch ' eine Kette von Seelenschmerzen , von Sorgen , Mühen und Arbeiten um und für Seelen wickelte sich aus jeder Stunde , jedem Tage , jedem Jahre dieses Lebens ab ! Und niemand hatte ein Auge für diese unvergleichliche Selbstverläugnung ! Keinem fiel es ein , daß dazu eine himmlische Tugend gehöre ! Daß die Glücklichen der Welt ihres Glückes überdrüssig und ihrer Freuden müde werden : man begreift es , man findet es in der Ordnung , denn der Mensch ist nun einmal so geschaffen , um den Wechsel zu lieben und im einerlei - selbst des Glückes - zu erschlaffen . Daß aber Onkel Levin je seiner Opfer , seiner Entsagung , seiner Verdemütigung hätte müde werden können , daran hatte man nie gedacht und daher war ihm auch nie die Anerkennung seiner Vollkommenheit zu Teil geworden . Man brauchte ihn zu Rat und Tat , dann vergaß man ihn , und er war so gleichgültig gegen sich selbst , daß er sich mild alle Vernachlässigung gefallen ließ , um stets , als stiller Schutzengel des Hauses , Gnadenstrahlen auf dasselbe herab zu ziehen durch das hochheiligste Opfer , durch das unermüdliche Gebet . Mehr und mehr erkannte Uriel , daß die demütige Seele die große Seele ist ; denn die Demut macht den Menschen leer von sich selbst und dadurch fähig , die Gnadenkraft , die von Gott kommt , die aufwärts hebt und groß und stark macht - in sich aufzunehmen . Und die Welt hält die christliche Demut für niedrige Gesinnung , seufzte Uriel bei sich selbst ; ach , sie ist ja die Grundlage der wahren Größe , der