genau an ! Ich bin ' s ! Unglücksmensch , du , du , den ich möchte - warum sahst du mich so oft Abends von Rendezvous kommen , wo eine siebzigjährige Eule , getrennt von mir durch eine verschlossene Thür , mir ihre Gefühle und ihre stolzesten Hoffnungen auf die Beschämung eines gewissen Ungetreuen , des grünen Jägers , erzählte ... Warum blickst du mich so forschend an ? Mensch ! Was wendest du so den Kopf zum Assessor ? Dich , dich möcht ' ich - Ganz gehorsamster Diener ! ... Tief verbeugt er sich bei alledem und lächelt ... In fröhlichster Champagnerlaune grüßt Thiebold de Jonge und macht sich den gewohnten » Witz « mit ihm , im Gespräche Anspielungen zu machen auf das unenträthselt gebliebene Hängen des Sporenritters in partibus , diesen » Witz « , der ihn seit Jahren verfolgt , der ihn so martert , so quält , daß er im Begriff ist , nach Amerika auszuwandern - für immer ... Aber bei alledem zieht der Erbebende seine weiße Halsbinde in die Höhe und sagt , im Stil eines Belesenen , zu Thiebold de Jonge : Herr de Jonge ! Ein Wald ! Ein Wald ! Ein Königreich für diesen Wald ! Bei Witoborn ! Wann kann ich aufwarten ? Ihre Eichenwälder sind zu jung ! Nicht ein Ast , an dem sich eine rechtschaffene Seele aufhängen kann ! Hahahaha ! ... So lachte der Spötter und die andern gingen gleichfalls lachend oder fragend und die Köpfe zusammensteckend an ihm vorüber ... Daß aber auch der Assessor lachen konnte ! knirscht es in seiner Seele ... Er überlegt sich aber alles ... Er wohnt in dieser Stadt mit dem Damoklesschwert überm Haupte und sollt ' es eigentlich gern haben , wenn ihn zwar nicht heimlich , doch offen die Polizei fallen läßt . Er muß sich ' s ja sauer verdienen , daß man ihn schont und damals auf Nück ' s Lachen Rücksicht nahm , als er nach Aachen wollte , nach » Spaa « , wo er später sein » ihm gehörendes « Geld wirklich verspielt hatte ... er mußte sich ' s verdienen durch die doppelte Tragfähigkeit seiner Schultern , die linke geistlich , die rechte weltlich ... und in der Mitte ein Herz voll Ehrgeiz sogar und ein Mensch , der studirt hat ! Sieh ! Dieser Herr von Asselyn ... Außer Nück und Schnuphase weiß niemand in der Welt als er , daß er in Abendstunden mit Hexen schwärmen kann ... Wie er sich vorbeugt zum Ohr der andern und wie sie auf mich zurückschielen ! Mensch - dich schleudr ' ich aus dem Wege ! Ein Kieselstein flog vor seinem Knotenstock , daß davon beinahe Herr Joseph Moppes getroffen wurde ... Dieser kam wie immer mit Noten unterm Arm und probirte im Gehen seine Quartette ... Selbst Joseph Moppes , der als halber Virtuose doch Beifall und Popularität nöthig hatte , dankte nur halb dem schnell gebotenen Gruße ... Nun wankt der fast zusammenbrechende Fuß durch die Marcebillenstraße ... dicht vor dem Hause des Mannes , den er sollte aufgehängt haben , vorüber ... Es ist dasselbe neue stattliche Haus , in dem jetzt bis vier Uhr Nachmittags die Arbeit des Procurators ruhte ... nebenan säuselnd sind ' s die schönen Linden des Gartens , der zum Hause gehörte , Bäume , die noch gerade so grün und stillbewegt standen wie damals , als er um die Mittagszeit aus dem Fenster gesprungen und das in Gedanken mitgenommene Schlüsselbund zurückgeworfen haben sollte , die Tasche mit 30000 Thalern beschwert ... In diesen Garten blickte niemand , als die Zöglinge des daranstoßenden Convicts , die gerade eine Freistunde hatten und an dem Gartengrün die müdegearbeiteten Augen stärkten und ihn nun sehen , ihn verrathen mußten ... Fünf Jahre war es her , Hammaker war durch Nück ' s Zeugniß von jedem Verdacht freigesprochen , er durfte zu jeder Zeit in das Haus des Mannes eintreten , den er aufgehängt haben sollte ; aber wer erträgt die Qual des Verdachts , den Spott , die Anspielungen auf die Procedur des Hängens , wenn die Menschen mit ihm redeten und vom Binden , Schnüren sprachen , ja auch nur von einer » verwickelten « oder » kurzabzuschneidenden « Verhandlung ... Konnte Er nicht den Kopf erheben ? .. Noch heute früh nach der Aufnahme des Thatbestandes und der Rückkehr des Assessors vom Frühstück bei Benno von Asselyn ... was war nicht alles , als er zitternd unter den Menschen weilte und , zum Tode erblassend , den Assessor auf sich zukommen sah , zwischen ihnen besprochen worden ! Die drohende Zunahme der Aufregung , die Stiftung von Gesellen- und Meisterbündnissen , manche Verbrüderung zu Rath und That , die man nicht hemmen konnte und die doch auszuarten drohte im Hinblick auf die Zeit und die schlimmen Ausbeuter der Leidenschaften ... Die Gemüther auf dem Lande und in der Stadt von den kirchlichen Fragen aufgeregt ... zwei Richtungen sich kreuzend , die politische und die hierarchische , eine der andern zur Seite gehend , solange das nächste Ziel dasselbe ... Schon Berathungen hier , Versammlungen dort ... Stürmer und Dränger , wie sie in Kocher am Fall geredet , überall ... unter dem Landvolk Wortführer , die schon anfangen bei verschlossenen Thüren zu sprechen ... Die Regierung von anonymen Warnungen aufgeregt ... Winke von den Gutgesinnten , Drohungen von den Feigen ... Namen genannt , die die Häupter einer Erhebung werden sollen , wenn es dem Lande an die Kränkung seines Theuersten gehen sollte ... Sogar Schnuphase auf den gefahrvollsten Bahnen ; denn darin , daß er nur hin- und herreiste zur » Beruhigung « , gerade darin lag die Aufregung ... Im Hüneneck , an der Insel Lindenwerth , war der Herd des Ganzen bei einem großsprecherischen Wirthe Namens Joseph Zapf ... und der neue John Hampden , der neue Bürger Lafayette , der Sohn des Volkes , der einer möglichen Bewegung zum Haupte dienen konnte ... eben kommt er daher ... Ein Mann mit kühnen Schultern und von freier Rede , ein Fürsprech im neubegründeten Severinus-oder Handwerkerverein ... Eine große , stattliche Figur von herculischem Körperbau , über die Vierzig hinaus , gerötheten Antlitzes , mit dem Ausdruck gutmüthiger , aber reizbarer Beschränktheit ... An dem unter einem langen Oberrock getragenen Schurzfell erkennt man den Küfer ... Wie geht es Ihnen , mein lieber Herr Lengenich ? Ei , Herr Hammaker ! Endlich ein Mann , der sich über die Begegnung mit ihm zu freuen schien ... Haben Sie endlich den Proceß gewonnen ? Welchen ? Den Drusenheimer ! Schlagen Sie den Blutacker los ? Sechshundert Thaler ja wol ? Neunhundert , Herr Hammaker ! Ich schlag ' ihn nicht los ! Eigensinniger Mann ! Neunhundert Thaler ! Viel Moos ! Die Ehre , Herr Hammaker ! Die Ehre ! Die Ehre ! Was ist der Mensch ohne Ehre ! Ein wahres Wort ! Wir , denk ' ich , wir beide wissen es ! Braver Mann ! Aber was nützt Ihnen die drusenheimer Ehre ? Wo ich geboren bin , Herr ! Bin in die Welt mit Ehren hinausgezogen ! Der Acker soll wüst und leer bleiben , bis die Gemeinde und mein Bruder nicht mehr hinter mir rufen : Ab instantia ! Erhaben ! Aber - Verkannt , Herr Hammaker ! Aber - Ein Ehrgefühl muß der Mensch haben , wo ein Nadelstich aus Leben geht ! Wie fühl ' ich mit Ihnen ! Ab instantia - Wegen Mangel an Beweis ! Alle glauben und wissen meine Unschuld ! Nur ein Bruder und die drusenheimer Gemeinde sagen : Laß hier deinen Acker ! Sagen ' s so zweideutig , als wenn ich - Ruchlos ! Ruchlos ! Dornen und Disteln und Steine sollen drauf wachsen - ich bin Bürger in Drusenheim und bleib ' es ! Wenn nur - Seligmann nicht Auftrag hätte - Ihnen zu bieten , was Sie wollen ! Fuld ' s junges Weibchen will einen Pavillon hinter ihrer Villa haben ! Es ist so prächtig draußen ! Waren Sie lange nicht dort ? Ach , meine Heimat ! ... Ach , meine alte Mutter ! ... Guter Herr Hammaker ! Auch Sie verkannt ! Um diesen Acker hab ' ich Thränen vergossen , mehr , als in Drusenheim Wasser fließt ! Das ist kein Wort , Herr Lengenich ! In Drusenheim ist der Bach das ganze Jahr trocken und nur der Saft der Rebe fließt ... Eine Prise ? Zitternd wird sie dargereicht ... freudig angenommen . Lengenich und Hammaker , wie dieser ihm aufgeredet , sind die Opfer des Ab instantia -Absolvirens . Lengenich lebte in der Dunkelheit der Moppes ' schen Weinkeller , wußte nichts von der Oberwelt , nicht einmal etwas von dem Mönche Sebastus , dessen Vater er beschuldigt worden ermordet zu haben , er sah nur immer , wenn es Licht um ihn wurde und er im Severinusverein präsidirte , den Himmel offen und die heilige Jungfrau mit der Wagschale der Themis in der Hand , wie sie ihm zuwinkte und alle Kronen der jenseitigen Gerechtigkeit an ihn austheilte . Seine Stimmung war die des geblendeten Simson , der zuletzt die Säulen der Paläste zusammenreißt ... Einen Proceß gegen den Kronsyndikus zu beginnen hatten ihm Nück und Hammaker entschieden widerrathen - fehlte doch vor allem jenes im ersten Augenblick von ihm an der Leiche gefundene Stück eines grünen Tuches , das so plötzlich damals abhanden gekommen ... Glauben Sie Gespenster , Herr Hammaker ? fragte Lengenich jetzt und wie heimlich . Entschieden ! sagte Hammaker und zitterte , obgleich er nur scherzen wollte ... Ich sah den Mann , den ich soll erschlagen haben , neulich deutlich und als Mönch sah ich ihn , aber hager und lang - das Gesicht war es - Der Deichgraf ? Stephan Lengenich erzählte , daß er kürzlich in den großen Weinkellern seines Principals , des Herrn Moppes , einsam gearbeitet hätte . Düster hätte die Lampe neben ihm gebrannt , mehrmals wäre sie ihm ausgegangen , wie zuweilen geschähe , wenn er gerade an den Fässern arbeitete , die an einem der kleinen vergitterten Fenster stünden , die in einen alten unterirdischen Gang einigen Lichtschimmer fallen ließen . Seit Jahren galt dieser Gang für verschüttet oder zum Aufbewahrungsort für Geräthschaften dienend , die zu den noch in der Nähe befindlichen geistlichen Häusern gehörten . Von seiner Arbeit aufblickend , erzählte Stephan Lengenich , hätte er durch das Gitter das volle Gesicht des Deichgrafen erblickt ... Ich glaube Gespenster , Herr Lengenich ! Aber manchmal ist es auch blos der Dunst von altem Nierensteiner ! Meinen Sie ? In dem Gang steht ein altes Marienbild , nicht weit von einem der Fenster ... Halt ' ich die Lampe drüberher oder thun ' s die Grubenräumer , die zuweilen durchziehen - So lebendig geht ' s da unten her ? Das meiste Leben geben die Ratten , Herr ! ... Aber das uralte Marienbild , das muß ich mir alle Tage betrachten , obgleich ich eigentlich - die Gnadenreiche vergeb ' es mir - Ihre alte verrätherische Geliebte in ihr erkennen ? Die nicht ! Die andere ! Die Geliebte von dem Doctor ! Die gegen Sie aussagte ! Wie aus den Augen geschnitten ! Obgleich das Bild schwarz ist - sie hieß auch Schwarz - Wer ? fragte Hammaker zerstreut folgend ... Lucinde Schwarz - ! Lucinde Schwarz ! ... Hammaker wußte doch sonst alles in seinem Gedächtniß unterzubringen , er hatte auch ein Schubfach für diesen Namen , er wußte das , er konnte es jetzt nicht sogleich wiederfinden , obgleich er erst vor einer Stunde sie zu sehen geglaubt hatte ... er grübelte auch : Sollte der Küfer nichts von dem Mönche Sebastus wissen ? Gerne hätte er alles das gesagt , aber Wichtigeres wälzte sein Inneres ... Sie sind zu fromm ! sagte er ... Statt aller Antwort greift Lengenich in sein Schurzfell , zieht zwei blinkende zinnerne Medaillen hervor und will eine davon dem Manne darreichen ... Dann zieht er sie wieder zurück und sagt : Sie sind ein Studirter ! Herr Lengenich ! Ich bin ein Studirter , aber ich habe eine alte Mutter ! Drüben in den Sieben Bergen wohnt sie ! Ich besuche sie oft ! ... Ihr zu Liebe lieb ' ich - Gott - und ich - ich kann Ihnen zeigen - was ich auf dem Leib trage ... Er deutete auf seine Brust und lüftete ein wenig das Oberhemd , um einige Amulete zu zeigen ... Dann nehmen und behalten Sie ! sagte Lengenich . Es ist die - wie heißt der Name ? Hammaker , aufhorchend , liest die Umschrift und spricht das schwierige Wort aus : Athanasiusmedaille ! Kommt von Rom ! ... Was ist der Mensch ohne diesen Beistand ! Da , Herr , konnt ' ich beichten ! Da , Herr , glaubte man mir ! Wenn hier etwas an unsern Rechten , an unsern Gesetzen gerüttelt würde - St ! Vor wem sollen wir uns fürchten ? Nächsten Sonntag - hm ! - auch in Drusenheim ? Jeden Sonntag bin ich in Drusenheim ! Ich meine - am Abend - am andern Ufer - am Hüneneck ? Sie wissen - ? Zu Joseph Zapf ? Ich sollte fehlen ? Würdiger Mann ! Lengenich sah , daß Hammaker über alles unterrichtet war , was vom Rolandswirth Joseph Zapf in dem Drang der Umstände zum Besten der großen Sache des Landes vorbereitet wurde . Stumm schütteln sich beide die Hände - der Küfer die weiche und zarte des Agenten , dieser die rauhe des , wie es schien , von den geheimen Leitern für die Stunde der Gefahr ausersehenen Vorkämpfers . Stephan Lengenich ging jetzt ... Esel ! - lag zwar in dem ihm nachschauenden Blicke Hammaker ' s , als der Küfer mit dem an die mächtigen Lenden schlagenden Schurzfell von dannen schritt ... aber sein Muth zum Humor verläßt ihn ... er sieht die Menschen an den Straßenecken ... Hundert Thaler ! ... Er liest es jetzt selbst : » Besonders ist es wünschenswerth Auskunft zu erhalten über einen Unbekannten , der an einigen Abenden in der Dunkelheit die Ermordete besucht haben soll « ... Nun hält er sich an einem Mitleser , um nicht umzusinken ... Die Zähne klappern ... die Lippen beben und rechnen : Freitag , Sonnabend , Sonntag ! ... Dreimal vierundzwanzig Stunden noch bis zu dem Augenblick , wo - Einer am Hüneneck sich den Hals brechen muß ! » Unbekannter « ! ... Einer muß ausgehoben werden aus dem Neste - mit allen ! ... Ein Bote Nück ' s - ist er ! Ein Vorredner - ist er ! Ein Freisinniger - ist er ! Diese tödlichen drei Tage ... wenn nur Sonntags neun Uhr alles beisammen ! ... Wer kann das wissen ? ... Hier ! Dort drüben ! Jean Baptiste Maria Schnuphase ... Man fürchtet sich zwar drüben auch vor ihm , wie überall ... Er greift aber zu einem Mittel der Demuth ... Weg mit dem Blick von den hundert Thalern an der Straßenecke - da ist ein elegantes Aushängefenster eines Schusters - die glänzenden Schuhe und Stiefel gestatten ihm , in ihrem Spiegel Toilette zu machen ... Sein Rock ist gewöhnlich , wenn auch nicht so diogenesartig , wie der bei seinem Gönner Nück ... aber seine Wäsche ist sauber , der Hut von derselben grauen Farbe wie der Sommerrock , aber vom feinsten Velpel ... Eine weiße Halsbinde legt sich leicht und lose um sein wohlgenährtes Kinn ... Nicht nur ist er so sauber rasirt , daß man fast hätte annehmen mögen , Jodocus Hammaker hätte überhaupt keinen Bart , sondern die ganze Hautfarbe des Gesichts ist von einer Weiche , die nur durch die seiner Hände übertroffen wird ... Die dunkelblauen Augen haben einen schielenden Glanz , die Nase ist stumpf , dem Munde fehlen einige Zähne ... schweigt aber Jodocus oder blinzelt und lächelt süß oder affectirt eine treuherzige Sicherheit , die wieder mit geschäftlichem Eifer verbunden scheint , so liegt nichts Abstoßendes in dem nächsten Eindruck , dem sogar der des Schmachtenden nicht fehlt ... Dabei ist die Stimme leise , flüstert und lispelt und steht mit der Höflichkeit des Benehmens in Einklang ... Tiefauf seufzt er , sich Muth zu holen ... Denn daß sogleich von der gemeinschaftlichen Freundin , dem Opfer dieser Nacht , würde gesprochen werden , weiß er schon ... er überlegt , daß er sein Gespräch beginnen will mit einer Verlegenheit für ihn , für die Damen ... er weiß , daß dem Anlaß zum Eintreten , den er nehmen will , auch der fünfjährige Spott auf Binden und Knüpfen nahe liegt - dieser Spott , der ihn in acht Tagen nach Amerika führen wird - er wagt aber dies Mittel der Einführung und gibt sich eine Haltung . Hammaker findet das hohe lichthelle » Gewölbe « des steinernen Hauses wie immer in seinem saubersten Glanz . Er findet , umflossen von Weihrauchduft , beide Schwestern zugleich anwesend . Die Nebenthür eines etwas dunkeln Zimmers , das einen Ausgang zum Vorplatz des Hauses hat , ist offen . Vor Hammaker hat Eva nicht nöthig die Thür zu schließen . Vollkommen weiß er , was drinnen zu sehen ist ... Die Schwestern haben dort noch ein Extrageschäft von Herrenhemden ... Diese Geschäftsthätigkeit des » Herrn Maria « war eine willkürliche Ausdehnung seiner Privilegien und brachte ihn mit den Schneidern der Stadt in Collision ; allein er nahm nur die Aufträge verschwiegener Herren an und diese gleichsam nur als Vertrauens-und Freundschaftsaufträge . Auf einem Drehsessel , hochthronend , sitzt da aber auch Herr Maria . Erst vor wenig Stunden ist er angekommen von einer seiner vielen Ausfahrten und schon wieder schreibt er , eine bläulich angelaufene Brille auf der Nase , hochachtungsvollst und tiefergebenst Worte der Mittheilung , die mit allen Feinheiten des Stils und der Interpunktion gerade jetzt - es war für Beda Hunnius - an folgender Stelle angekommen waren : - - » ohne Zweifel keine andere Bestimmung haben dürfte als , in des hochbetagten , eben verschiedenen Greises Stelle , einzurücken , derowegen eine Verzögerung der Audienz , nicht unwahrscheinlich eingetreten sein möchte , nun aber auch kein Zweifel sein dürfte , daß das Vicariat an einen Candidaten , verliehen werden könnte , welcher , lediglich die kleineren Aemter zu versehen hätte , mittlerweilen die großen dürften , dem jungen Domherrn zugeschlagen werden , worüber , indessen nicht zu zweifeln sein dürfte , daß Ew . Hochwürden zwar keine Berufung dürften zu gewärtigen haben , ohne jedoch nicht unwahrscheinlich sein zu lassen eine schmeichelhafte Erhebung zum Ehren-Kanonikus , falls nämlich , die bevorstehende Visitation durch den Gubernial-Präsidenten von Wittekind-Neuhof , Excellenz , die Hände dem hohen Kirchenfürsten , Eminenz , so ungebunden lassen dürften , als Hochdessen feste Willensmeinung und Geneigtheit für Ew . Hochwürden Wirken über allen Zweifel erhaben sein lassen dürfen und , wenn ich gewogentlichst um Entschuldigung bitten dürfte , daß ich die laufende Mittheilung an Wohldieselben für heute abzubrechen wage , so muß ich die schaudervoll ergebenste Anzeige auch noch eines Mordes anfügen , welcher diese Nacht unbekannterweise einer Dame zugestoßen ist , welche « - » Vöter ! « lautete eben an dieser Stelle durch Unisono die Mahnung der Töchter , auf den eben eingetretenen Besuch zu achten ... Aus den tiefsten Labyrinthen des Periodenbaues , aus den Geheimnissen der Curie und einer sich eben in die Reproduction einer Mordscene verlierenden Phantasie erwacht Schnuphase und wendet die blaue Brille nach der Rechten und zu gleicher Zeit auch dem Drehsessel einen nur ganz harmlos gedachten Ruck gebend ... Da aber des Agenten Hammaker ansichtig werdend bekommt sein Schrecken eine Elasticität , die ihn im Nu um die Achse des Drehsessels herumwirbelt , sodaß er gerade mit dem verfänglichen Nacken einem Manne gegenübersitzt , von dem bekannt war , daß er die Menschen an Kronleuchterhaken aufhängte . Was - » verschöfft « - uns - die Ehre ? stammelt er und windet seine glücklicherweise leichten Beine aus der Umklammerung der Drehschraube des Sessels los und sucht aus seiner schwebenden Lage auf ebenen Boden zu kommen . Die Töchter stehen minder erschrocken . Herr Hammaker war von jeher gegen sie die Huldigung und Süßigkeit selbst . Er nähert sich ihnen und äußert mit Artigkeit und einem sich tief unterwerfenden Tone seinen gerührtesten Dank für die ihm gewordene Aufforderung der Fräulein , sich der Erzbruder- und Schwesterschaft zum schwarzledernen Gürtel einverleiben zu wollen , deren Embleme sie vertheilten ... Beide junonische Gestalten sehen sich mit erstaunten Blicken an . Ihre dunkeln Augen rollen , die Augenbrauen senken sich tief niederwärts und ein ersichtlicher Aerger macht sie in dem Augenblicke jede um zehn Jahre älter , d.h. gerade so alt , als sie waren . » Schwörzlöderner « Gürtel ? fragt Schnuphase zur Besinnung gekommen und ergreift den Brief , den ihm Hammaker als Ausweis entgegenhält ... Es war ein lithographirter und demnach eine an viele Einwohner der Stadt abgesandte Einladung der Fräulein Eva und Apollonia Schnuphase , sich der Gnaden und Ablässe theilhaftig zu machen , die jeden erwarteten , der in die Erzbruder- oder Erzschwesterschaft vom schwarzledernen Gürtel des heiligen Nikolaus von Tolentino eintreten würde . Sofort erkannte man , daß hier ein Falsum vorlag ... Die Aufregung , die diese Entdeckung hervorbrachte , war nicht gering . Die Damen betrachteten den Brief von allen Seiten , der Vater bat um die Erlaubniß , ihn sämmtlichen geistlichen Herren zeigen zu dürfen , was jedoch entschieden von seinen Töchtern abgelehnt wurde . Ein » Extrös-tückchen « der » Pörtei « , rief er , die nicht genug hat , die Kirche zu hindern , nach ihren Gesetzen zu leben , » söndern « die auch noch - Ein vollkommen gerechtfertigter Zorn erstickte seine Stimme . Die Schwestern traten mit dem Briefe bei Seite und flüsterten , von welchem Lieutenant oder Referendar wol dieser ghibellinische Spott herrühren konnte ... Der jetzt aber vertraulichst Eingeführte erhielt alle die Mittheilungen , die er nur über die Versammlung beim Rolandswirth zu hören wünschte . Das Einverständniß war vollständig ... Hammaker seufzte tief auf und zog die eben empfangene zinnerne Medaille , um sie mit Verklärung zu zeigen ... Wie auf ebenso viel Legionen des Himmels hoffend , öffnete Schnuphase eine Schublade des Schreibepults , in der einige Hundert dieser Medaillen lagen . Dann noch ein Austausch des gemeinschaftlichen Schmerzes über die hingeopferte Dame ... Noch keine » S - pur « ? war die dreifache Frage im Unisono . Mit einem Blick gen Himmel , als wenn allen diesen Leiden nur von oben geholfen werden könnte , empfahl sich Hammaker ... Eine Stunde darauf fand Benno beim Eintreten in Nück ' s » Schreibstube « unter einem Dutzend Pulten auf dem seinigen einen Zettel mit den eben erst rasch hingekritzelten , frisch mit Sand bestreuten Worten : » Die Erben des Riedbauern Kipp in Euskirchen wünschen über ihres Erblassers Passiva , ehe sie das Beneficium inventarii antreten , eine vertrauliche Recherche - citissime ! - Freitag früh Termin in Overladen Fasc . 1310a . - Sonnabend in Sachen ca Fiscum bei Zapf am Hüneneck die Vermessung der Ufergrenze - Ich spreche Sie aber noch um sechs - das Dampfboot geht , glaub ' ich , um acht . « Es war die Hand des Procurators . Der Name des Hünenecks war für Benno ein Klang , der ihm auf Augenblicke die Besinnung nahm ... Eine so schnelle Trennung von Bonaventura ! Aber drei - drei volle - selige Tage in Armgart ' s Nähe - vielleicht eine Begegnung mit ihr ! Zum Arbeiten fehlte ihm alle Sammlung . Er zählte nur die Minuten , bis es sechs schlug . An sein Ohr tönte nur die Glocke im Hafen und das Brausen und Rauschen im Dampfrohr , die mahnenden Zeichen zur Abfahrt . 7. Bis sechs Uhr hatte Bonaventura auf die Rückkehr des Mönchs gewartet und er hätte dann lieber wünschen mögen , er wäre nicht gekommen ... Der Pater kam in einer Aufregung , die ihm wahrhaft beängstigend wurde . Gleich die Art , wie er von den mit ins Grab genommenen Lesarten des Origines , dem wirklich erfolgten Tode des bewußten Domherrn , dann von Bonaventura ' s Aussichten auf dessen Stelle sprach , war für sein Gefühl verletzend ... Dann führte er ihn wie in blinder Wahl einem Thore zu ... Er versprach ihm den angenehmsten Eindruck von einer Promenade um die alten Wälle der Stadt . Einige der letztern waren zu öffentlichen Vergnügungen bestimmt . In mäßiger Entfernung von einem solchen , den man den Apostelgarten nannte , beredete er Bonaventura , sich mit ihm auf eine im Gebüsch versteckte Bank zu setzen und durch eine Oeffnung der Gesträuche dem Treiben in dem überfüllten Lokale zuzusehen . Da und dort standen Tische und Lauben , die immermehr sich besetzten und füllten ; Kellner und Kellnerinnen schritten hin und wieder von einem nach außen angebrachten Büffet eines einstöckigen langen Hauses . Rings hatte das Auge die Aussicht auf Häuser und Gärten , auf alte zerklüftete Mauerreste , hier auf einen wohlerhaltenen epheuumwundenen Thurm , dort auf eine baumbeschattete Kapelle , in weiterer Entfernung auf eine neue Ringmauer , Theile neuer Befestigungen , dann über sie hinweg auf die Kette der Sieben Berge - alles das vermochte auf einige Zeit zu fesseln ... Sogar eine Nachtigall schlug plötzlich und der Mönch lachte über seinen Begleiter , der nicht sogleich entdeckte , daß dieser nach der Jahreszeit völlig unmögliche Ruf von einem Künstler kam , der drüben die Vogelstimmen nachahmte . Hören Sie nur ! rief der Pater , als Bonaventura die Kunst des Mannes bewundern mußte , der bald auch die Lerche steigen und die Amsel singen ließ , die halbe , nicht fertig gewordene Nachtigall , wie Sebastus sie nannte . Sehen Sie nur den Menschen ! fuhr er fort . Ist es nicht ganz ein Affe ! Und doch hat er so sein Ohr erzogen ! Wie er den kleinen Nachschleifer trifft , wenn Hans Kanarienvogel mit der Roulade fertig ist und ganz armselig hintennach noch ein kindisch Tönchen gibt , als wäre der große , mächtige Triller vorher gar nicht so majestätisch gemeint gewesen ! Wie dumm sieht der Mensch aus und alles das hat er belauscht im Walde und auf dem Vogelmarkt ! Auf Noten steht das nirgends geschrieben ! Ich wünschte , daß Sie ihm für diesen Blick in die Natur einen Groschen schenkten ; ich habe kein Geld ... Der Vogelmensch kam jedoch nicht . Er sah die beiden Geistlichen , verbeugte sich in der Ferne und ging ... Nun spielten drei Mädchen zugleich mit einem Alten ein Concert . Eins spielte die Harfe , zwei die Geige , der Alte strich das Violoncell ... Bonaventura wollte gehen ; aber der Mönch , der sein geistlich Kleid ganz vergessen zu haben schien , sagte : Wie das toll ist , wenn Mädchen die Geige streichen ! Die Spielerinnen waren keine Kinder mehr . Aufgenestelten Haares , mit versilberten Pfeilen in den Flechten , in blauen Kleidern mit rothen Shawls , die sie vor ihrer Production abgelegt hatten , strichen sie die Geige , herausfordernd , sicher und trotzig . Vorher hatten sie Handschuhe ausgezogen ... In alten Tagen , sagte der Mönch , konnt ' ich nun einer solchen Vagabunden-Romantik nicht widerstehen ! An solches Volk mußt ' ich herantreten , mußt ' es nach seiner Heimat fragen und aus ihm heraus mir Poesie des Lebens locken ... Nur hölzerne und lackirte Sirenenköpfe sind ' s ! Ganz , wie sie auf der hamburger Rhede auf die Brust der Dreidecker gestellt werden ! Und als weilte des Mönches Phantasie jetzt auf dem Hamburger Berge , so fummte er für sich hin und sinnend im Heine ' schen Tone : Es kichern und lachen die Geigen Wie Mädchen , trunken vom Wein , Die Clarinetten meckern Wie Böcke und Satyrn hinein ; Die Flöte schluchzt , wie wenn dem Monde Des Schneiders Herz klagt , was es litt ! Der Baß und die Pauke , die Alten , Die reiten zum Blocksberg mit ! Bonaventura erhob sich . Der Mönch folgte wie in taumelndem Schritte ... Wol eine halbe Stunde gingen beide völlig lautlos nebeneinander ... Bonaventura , erschreckt von der noch so offenbaren Unfertigkeit des neuen Gebäudes im Innern seines Begleiters , dessen Gerüst Pater Sebastus doch mit soviel weithin in die Welt hinausschallenden Axtschlägen gezimmert hatte ... Dieser selbst mit ersichtlich sich hebender Brust , kämpfend und ringend mit Dämonen der Erinnerung ... Ja , Sie Glücklicher ! sagte er nach einer Weile zu Bonaventura , obgleich kein Wort des Vorwurfs von dessen Lippen gekommen ... Wieder ein langes Schweigen ... Dann blieb in einer Straße , auf dem Römerwege , der Mönch stehen und sagte : Das da ist das Karmeliterinnenkloster ! Ich kann es nicht sehen , ohne zu ahnen , daß auch mein Lebensloos einst ... Du guter Pater Ivo ! ... Lang und hager schreitet unser Pater Ivo dahin , grüßt niemanden , ist immer nur mit sich selbst beschäftigt ... Morgens , Mittags , Abends vollführt er das Amt unseres Tafeldeckers ... Er hütet streng seinen alten Wandschrank , in dem unsere hölzernen Teller , unsere Krüge , unsere Brotmesser liegen ... Sorgsam deckt er den Tisch ... Nie wird er den Teller des einen mit dem des andern vertauschen ... redet man ihn aber an , so hört er nicht ... Tief ist er mit sich , mit seinen Tellern und mit seinen Geistern beschäftigt ... Früher waren es Fliegen , die er so in Gedanken haschte ... Ivo hatte ein schönes Schloß , in unsern Bergen ... er erklärte es verkaufen zu müssen , weil es von Fliegen wimmelte ... Niemand sah diese Fliegen ; nur