meine Schreibdinge und auch Vorbereitungen zu gelegentlichem Zeichnen so her , daß alles dies meinen Wünschen , so weit ich das jetzt einsah , auf das beste entsprach . Nachdem ich mit allem fertig war , kleidete ich mich auch um , damit die Reisekleider mit bequemeren und häuslicheren vertauscht wären . Hierauf machte ich einen Spaziergang . Ich ging in dem Garten meinen gewöhnlichen Weg zu dem großen Kirschbaume hinauf . Aus dem in dem Schnee wohl ausgetretenen Pfade sah ich , daß hier häufig gegangen werde , und daß der Garten im Winter nicht verwaist ist , wie es bei so vielen Gärten geschieht , und wie es aber auch bei meinen Eltern nicht geduldet wird , denen der Garten auch im Winter ein Freund ist . Selbst die Nebenpfade waren gut ausgetreten , und an manchen Stellen sah ich , daß man nach dauerndem Schneefalle auch die Schaufel angewendet habe . Die zarteren Bäumchen und Gewächse waren mit Stroh verwahrt , alles , was hinter Glas stehen sollte , war wohl geschlossen und durch Verdämmungen geschützt , und alle Beete und alle Räume , die in ihrer Schneehülle dalagen , waren durch die um sie geführten Wege gleichsam eingerahmt und geordnet . Die Zweige der Bäume waren von ihrem Reife befreit , der Schnee , der in kleinen Kügelchen daher jagte , konnte auf ihnen nicht haften , und sie standen desto dunkler und beinahe schwarz von dem umgebenden Schnee ab . Sie beugten sich im Winde und sausten dort , wo sie in mächtigen Abteilungen einem großen Baume angehörten und in ihrer Dichtheit gleichsam eine Menge darstellten . In den entlaubten Ästen konnte ich desto deutlicher und häufiger die Nestbehälter sehen , welche auf den Bäumen angebracht waren . Von den gefiederten Bewohnern des Gartens war aber nichts zu sehen und zu hören . Waren wenige oder keine da , konnte man sie in dem Sturme nicht bemerken , oder haben sie sich in Schlupfwinkel , namentlich in ihre Häuschen zurückgezogen ? In den Zweigen des großen Kirschbaumes herrschte der Wind ganz besonders . Ich stellte mich unter den Baum neben die an seinem Stamme befindliche Bank und sah gegen Süden . Das dunkle Baumgitter lag unter mir , wie schwarze regellose Gewebe auf den Schnee gezeichnet , weiter war das Haus mit seinem weißen Dache , und weiter war nichts ; denn die fernere Gegend war kaum zu erblicken . Bleiche Stellen oder dunklere Ballen schimmerten durch , je nachdem das Auge sich auf Schneeflächen oder Wälder richtete , aber nichts war deutlich zu erkennen , und in langen Streifen , gleichsam in nebligen Fäden , aus denen ein Gewebe zu verfertigen ist , hing der fallende Schnee von dem Himmel herunter . Von dem Kirschbaume konnte ich nicht in das Freie hinausgehen ; denn das Pförtchen war geschlossen . Ich wendete mich daher um und ging auf einem anderen Wege wieder in das Haus zurück . An demselben Tage erfuhr ich auch , daß Roland anwesend sei . Mein Gastfreund holte mich ab , mich zu ihm zu begleiten . Man hatte ihm in dem Wohnhause ein großes Zimmer zurecht gerichtet . In demselben malte er eben eine Landschaft in Ölfarben . Als wir eintraten , sahen wir ihn vor seiner Staffelei stehen , die zwar nicht mitten in dem Zimmer , doch weiter von dem Fenster entfernt war , als dies sonst gewöhnlich der Fall zu sein pflegt . Das zweite der Fenster war mit einem Vorhange bedeckt . Er hatte ein leinenes Überkleid an seinem Oberkörper an , und hielt gerade das Malerbrett und den Stab in der Hand . Er legte beides auf den nahestehenden Tisch , da er uns kommen sah , und ging uns entgegen . Mein Gastfreund sagte , daß er mich zu dem Besuche bei ihm aufgefordert habe , und daß Roland wohl nichts dagegen haben werde . » Der Besuch ist mir sehr erfreulich , « sagte er , » aber gegen mein Bild wird wohl viel einzuwenden sein . « » Wer weiß das ? « sagte mein Gastfreund . » Ich wende viel ein , « antwortete Roland , » und andere , die sich des Gegenstandes bemächtigen , werden auch wohl viel einzuwenden haben . « Wir waren während dieser Worte vor das Bild getreten . Ich hatte nie etwas Ähnliches gesehen . Nicht , daß ich gemeint hätte , daß das Bild so vortrefflich sei , das konnte man noch nicht beurteilen , da sich vieles in den ersten Anfängen befand , auch glaubte ich zu bemerken , daß manches wohl kaum würde bemeistert werden können . Aber in der Anlage und in dem Gedanken erschien mir das Bild merkwürdig . Es war sehr groß , es war größer , als man gewöhnlich landschaftliche Gegenstände behandelt sieht , und wenn es nicht gerollt wird , so kann es aus dem Zimmer , in welchem es entsteht , gar nicht gebracht werden . Auf diesem wüsten Raume waren nicht Berge oder Wasserfluten oder Ebenen oder Wälder oder die glatte See mit schönen Schiffen dargestellt , sondern es waren starre Felsen da , die nicht als geordnete Gebilde empor standen , sondern wie zufällig als Blöcke und selbst hie und da schief in der Erde staken , gleichsam als Fremdlinge , die , wie jene Normannen auf dem Boden der Insel , die ihnen nicht gehörte , sich seßhaft gemacht hatten . Aber der Boden war nicht wie der jener Insel , oder vielmehr , er war so , wo er nicht von den im Altertume berühmten Kornfeldern bekleidet oder von den dunkeln , fruchtbringenden Bäumen bedeckt ist , sondern wo er zerrissen und vielgestaltig , ohne Baum und Strauch , mit den dürren Gräsern , den weiß leuchtenden Furchen , in denen ein aus unzähligen Steinen bestehender Quarz angehäuft ist , und mit dem Gerölle und mit dem Trümmerwerke , das überall ausgesät ist , der dörrenden Sonne entgegenschaut . So war Rolands Boden , so bedeckte er die ungeheure Fläche , und so war er in sehr großen und einfachen Abteilungen gehalten , und über ihm waren Wolken , welche einzeln und vielzählig schimmernd und Schatten werfend in einem Himmel standen , welcher tief und heiß und südlich war . Wir standen eine Weile vor dem Bilde und betrachteten es . Roland stand hinter uns , und da ich mich einmal wendete , sah ich , daß er die Leinwand mit glänzenden Augen betrachte . Wir sprachen wenig oder beinahe nichts . » Er hat sich die Aufgabe eines Gegenstandes gestellt , den er noch nicht gesehen hat , « sagte mein Gastfreund , » er hält sich ihn nur in seiner Einbildungskraft vor Augen . Wir werden sehen , wie weit er gelingt . Ich habe wohl solche Dinge oder vielmehr ihnen Ähnliches weit unten im Süden gesehen . « » Ich bin nicht auf irgend etwas Besonderes ausgegangen , « antwortete Roland , » sondern habe nur so Gestaltungen , wie sie sich in dem Gemüte finden , entfaltet . Ich will auch Versuche in Ölfarben machen , welche mich immer mehr gereizt haben als meine Wasserfarben , und in denen sich Gewaltiges und Feuriges darstellen lassen muß . « Ich bemerkte , als ich seine Geräte näher betrachtete , daß er Pinsel mit ungewöhnlich langen Stielen habe , daß er also sehr aus der Ferne arbeiten müsse , was bei einer so großen Leinwandfläche wohl auch nicht anders sein kann , und was ich auch aus der Behandlung ersah . Seine Pinsel waren ziemlich groß , und ich sah auch lange , feine Stäbe , an deren Spitzen Zeichnungskohlen angebunden waren , mit welchen er entworfen haben mußte . Die Farben waren in starken Mengen auf der Palette vorhanden . » Der Herr dieses Hauses ist so gütig , « sagte Roland , » und läßt mich hier wirtschaften , während ich verbunden wäre , Zeichnungen zu machen , welche wir eben brauchen , und während ich an Entwürfen arbeiten sollte , die zu den Dingen notwendig sind , die eben ausgeführt werden . « » Das wird sich alles finden , « antwortete mein Gastfreund , » Ihr habt mir schon Entwürfe gemacht , die mir gefallen . Arbeitet und wählt nach Eurem Gutdünken , Euer Geist wird Euch schon leiten . « Um Roland , der hier vor seinem Werke stand , und dessen ganze Umgebung , wie sie in dem Zimmer ausgebreitet war , auf Ausführung dieses Werkes hinzielte , nicht länger zu stören , da die Wintertage ohnehin so kurz waren , entfernten wir uns . Da wir den Gang entlang gingen , sagte mein Gastfreund » Er sollte reisen . « Als es dunkel geworden war , versammelten wir uns in dem Arbeitszimmer meines Gastfreundes bei dem wohlgeheizten Ofen . Es war Eustach , Roland , Gustav und ich zugegen . Es wurde von den verschiedensten Dingen gesprochen , am meisten aber von der Kunst und von den Gegenständen , welche eben in der Ausführung begriffen waren . Es mochte wohl vieles vorkommen , was Gustav nicht verstand , er sprach auch sehr wenig mit ; aber es mochte doch das Gespräch ihn mannigfaltig fördern , und selbst das Unverstandene mochte Ahnungen erregen , die weiter führen , oder die aufbewahrt werden , und in Zukunft geeignet sind , feste Gestaltungen , die sich fügen wollen , einleiten zu helfen . Ich wußte das sehr wohl aus meiner eigenen Jugend und selbst auch aus der jetzigen Zeit . Da ich in mein Schlafgemach zurückgekehrt war , fühlte ich es recht angenehm , daß die Scheite aus dem Buchenwalde meines Gastfreundes , der ein Teil des Alizwaldes war , in dem Ofen brennen . Ich beschäftigte mich noch eine Zeit mit Lesen und teilweise auch mit Schreiben . Am anderen Morgen war Regen . Er fiel in Strömen aus blaulich gefärbten , gleichartigen , über den Himmel dahin jagenden Wolken herab . Der Wind hatte zu solcher Heftigkeit zugenommen , daß er um das ganze Haus heulte . Da er aus Südwesten kam , schlug der Regen an meine Fenster und rann an dem Glase in wässerigen Flächen nieder . Aber da das Haus sehr gut gebaut war , so hatte Regen und Wind keine anderen Folgen , als daß man sich recht geborgen in dem schützenden Zimmer fand . Auch ist es nicht zu leugnen , daß der Sturm , wenn er eine gewisse Größe erreicht , etwas Erhabenes hat und das Gemüt zu stärken im Stande ist . Ich hatte die ersten Morgenstunden bei Licht in Wärme damit hingebracht , dem Vater und der Mutter einen Brief zu schreiben , worin ich ihnen anzeigte , daß ich auf dem Echerneise gewesen sei , daß ich alle Vorsicht beim Hinaufsteigen und Heruntergehen angewendet habe , daß uns nicht der geringste Unfall zugestoßen sei , und daß ich mich seit gestern bei meinem Freunde im Rosenhause befinde . An Klotilden legte ich ein besonderes Blatt bei , worin ich , auf ihre teilweise Kenntnis des Gebirges , die sie sich auf der mit mir gemachten Reise erworben hatte , bauend , eine kleine Beschreibung des winterlichen Hochgebirgbesuches gab . Als es dann heller geworden und die Stunde zum Frühmahle gekommen war , ging ich in das Speisezimmer hinunter . Ich erfuhr nun hier , daß es im Winter der Gebrauch sei , daß Eustach und Roland , deren gestrige Anwesenheit bei dem Abendessen ich für zufällig gehalten hatte , mit meinem Gastfreunde und Gustav an einem Tische speisen . Es sollte auch im Sommer so sein ; allein da oft in dieser Jahreszeit in dem Schreinerhause lange vor Sonnenaufgang aufgestanden und zu einer Arbeit geschritten wird , so verändern sich die Stunden , an denen eine Erquickung des Körpers notwendig wird , und Eustach hat selber gebeten , daß ihm dann die Zeit und Art seines Essens zu eigener Wahl überlassen werde . Roland ist ohnehin zu jener Jahreszeit meistens von dem Hause abwesend . Ich war nie so spät im Winter in dem Rosenhause gewesen , daß ich diese Einrichtung hätte kennen lernen können . Mein Gastfreund , Eustach , Roland , Gustav und ich saßen also bei dem Frühmahltische . Das Gespräch drehte sich hauptsächlich um das Wetter , welches so stürmisch herein gebrochen war , und es wurde erläutert , wie es hatte kommen müssen , wie es sich erklären lasse , wie es ganz natürlich sei , wie jedes Hauswesen sich auf solche Wintertage in der Verfassung halten müsse , und wie , wenn das der Fall sei , man dann derlei Ereignisse mit Geduld ertragen , ja darin eine nicht unangenehme Abwechslung finden könne . Nach dem Frühmahle begab sich jedes an seine Arbeit . Mein Gastfreund ging in sein Zimmer , um dort im Ordnen der Pergamente , das er angefangen hatte , fortzufahren , Eustach ging in die Schreinerei , Roland , für den die Zeit trotz des trüben Tages doch endlich auch hell genug zum Malen geworden war , begab sich zu seinem Bilde , Gustav setzte sein Lernen fort , und ich ging wieder in meine Zimmer . Da ich dort eine Zeit mit Lesen und Schreiben zugebracht hatte , und da der Sturm , statt sich zu mildern , in den Vormittagstunden nur noch heftiger geworden war , beschloß ich doch , wie es meine Gewohnheit war , auf eine Zeit in das Freie zu gehen . Ich wählte eine zweckmäßige Fußbekleidung , nahm meinen Wachsmantel , der eine Wachshaube hatte , die man über den Kopf ziehen konnte , und ging über die gemeinschaftliche Treppe hinab . Ich schlug den Weg durch das Gittertor auf den Sandplatz vor dem Hause ein . Dort konnte der Südwestwind recht an meine Person fallen , und er trieb mir die Tropfen , welche für einen Winterregen bedeutend groß waren , mit Prasseln auf meinen Überwurf , in das Angesicht , in die Augen und auf die Hände . Ich blieb auf dem Platze ein wenig stehen und betrachtete die Rosen , welche an der Wand des Hauses gezogen wurden . Manche Stämmchen waren durch Stroh geschützt , bei manchen war stellenweise die Erde über den Wurzeln mit einer schützenden Decke bekleidet , andere waren bloß fest gebunden , bei allen aber sah ich , daß man außerordentliche Schutzmittel nicht angewendet habe , und daß alle nur gegen Verletzungen von äußerlicher Gewalt gesichert waren . Der Schnee konnte sie überhüllen , wie ich noch die Spuren sah , der Regen konnte sie begießen , wie ich heute erfuhr , aber nirgends konnte der Wind ein Stämmchen oder einen Zweig lostrennen und mit ihm spielen oder ihn zerren . Die ganze Wand des Hauses war auch im übrigen unversehrt , und der Regen , der gegen dieselbe anschlug , konnte ihr nichts anhaben . Ich ging von dem Sandplatze über den Hügel hinunter . Der Schnee hatte schon die Gewalt des Regens verspürt , welcher ziemlich warm war . Die weiche , sanfte und flaumige Gestalt war verloren gegangen , etwas Glattes und Eisiges hatte sich eingestellt , und hie und da standen gezackte Eistrümmer gleichsam wie zerfressen da . Das Wasser rann in Schneefurchen , die es gewühlt hatte , nieder , und an offenen Stellen , wo es durch die löcherichte Beschaffenheit des Schnees nicht verschluckt wurde , rieselte es über die Gräser hinab . Ich ging , ohne auf einen Weg zu achten , durch den wässerigen Schnee fort . In der Tiefe des Tales lenkte ich gegen Osten . Ich ging eine Strecke fort , ging dort über die Wiesen , und ließ das Schauspiel auf mich wirken . Es war fast herrlich , wie der Wind , welcher den Schnee nicht mehr heben konnte , den Regen auf ihn nieder jagte , wie schon Stellen bloß lagen , wie die grauen Schleier gleichsam bänderweise nieder rollten , und wie die trüben Wolken über dem bleichen Gefilde unbekümmert um Menschentum und Menschenwerke dahin zogen . Ich richtete endlich in der Tiefe der Wiesen meinen Weg nordwärts gegen den Meierhof hinauf . Als ich dort angelangt war , erfuhr ich , daß der Herr , wie man hier meinen Gastfreund kurzweg nannte , heute auch schon da gewesen , aber bereits wieder fortgegangen sei . Er hatte mehreres besichtigt und mehreres angeordnet . Ich fragte , ob er heute auch barhäuptig gewesen sei , und es wurde bejaht . Da ich den Meierhof besehen hatte und in verschiedenen Räumen desselben herum gegangen war , sah ich erst recht , was ein wohleingerichtetes Haus sei . Der Regen fiel auf dasselbe nieder wie auf einen Stein , in den er nicht eindringen , und von dem er äußerlich nur in Jahrhunderten etwas herab waschen könne . Keine Ritze zeigte sich für das Einlassen des Wassers bereit , und kein Teilchen der Bekleidung schichte sich zur Loslösen an . Im Innern wurden die Arbeiten getan wie an jedem Tage . Die Knechte reinigten Getreide mit der so genannten Getreideputzmühle , schaufelten es seitwärts , und maßen es in Säcke , damit es auf den Schüttboden gebracht werde . Der Meier war dabei beschäftigt , ordnete an , und prüfte die Reinheit . Ein Teil der Mägde war in den Ställen beschäftigt , ein Teil richtete auf der Futtertenne das Futter zurecht , ein Teil spann , und die Frau des Meiers ordnete in der Milchkammer . Ich sprach mit allen , und sie zeigten Freude , daß ich sogar in dieser Jahreszeit einmal gekommen sei . Von dem Meierhofe ging ich über den mit Obstbäumen bepflanzten Raum gegen den Garten hinüber . Das Pförtchen an dieser Seite war unter Tags selbst im Winter nicht gesperrt . Ich ging durch dasselbe ein und begab mich in die Wohnung des Gärtners . Dort legte ich meinen Wachsmantel , unter dessen Falten das Wasser rann , ab und setzte mich auf die reine weiße Bank vor dem Ofen . Der alte Mann und seine Frau empfingen mich recht freundlich . In ihrem ganzen Wesen war etwas sehr Aufrichtiges . Seit geraumer Zeit war bei diesen alten Leuten beinahe etwas Elternhaftes gegen mich gewesen . Die Gärtnersfrau Clara sah mich immer wieder gleichsam verstohlen von der Seite an . Wahrscheinlich dachte sie an Natalien . Der alte Simon fragte mich , ob ich denn nicht in die Gewächshäuser gehen und die Pflanzen auch im Winter besehen wolle . Das sei außer dem Besuche , den ich ihm und seiner Gattin machen wollte , meine Nebenabsicht gewesen , erwiderte ich . Er nahm einen anderen Rock um , und geleitete mich in die Gewächshäuser , welche an seine Wohnung stießen . Ich nahm wirklich großen Anteil an den Pflanzen selber , da ich mich ja in früherer Zeit viel mit Pflanzen beschäftigt hatte , und nahm Anteil an dem Zustande derselben . Wir gingen in alle Räume des nicht unbeträchtlich großen Kalthauses , und begaben uns dann in das Warmhaus . Nicht bloß , daß ich die Pflanzen nach meiner Absicht betrachtete , nahm ich mir auch die Zeit , freundlich anzuhören , was mein Begleiter über die einzelnen sagte , und hörte zu , wie er sich über Lieblinge ziemlich weit verbreitete . Diese Hingabe an seine Rede und die Teilnahme an seinen Pfleglingen , die ich ihm stets bewiesen hatte , mochten nebst dem Anteile , den er mir an der Erwerbung des Cereus peruvianus zuschrieb , Ursache sein , daß er eine gewisse Anhänglichkeit gegen mich hegte . Als wir an dem Ausgange der Gewächshäuser waren , welcher seiner Wohnung entgegengesetzt lag , fragte er mich , ob ich auch in das Kaktushaus gehen wolle , er werde zu diesem Behufe , da wir einen freien Raum zu überschreiten hätten , meinen Wachsmantel holen . Ich sagte ihm aber , daß dies nicht nötig sei , da er ja auch ohne Schutz herüber gehe , daß mein Gastfreund heute schon barhäuptig in dem Meierhofe gewesen sei , und daß es mir nicht schaden werde , wenn ich auch einmal eine kurze Strecke im Regen ohne Kopfbedeckung gehe . » Ja der Herr , der ist alles gewohnt « , antwortete er . » Ich bin zwar nicht alles , aber vieles gewohnt , « erwiderte ich , » und wir gehen schon so hinüber . « Er ließ sich von seinem Vorhaben endlich abbringen , und wir gingen in das Kaktushaus . Er zeigte mir alle Gewächse dieser Art , besonders den Peruvianus , welcher wirklich eine prachtvolle Pflanze geworden war , er verbreitete sich über die Behandlung dieser Gewächse wahrend des Winters , sagte , daß mancher schon im Hornung blüht , daß nicht alle eine gewisse Kälte vertragen , sondern in der wärmeren Abteilung des Hauses stehen müssen , besonders verlangen dieses viele Cereusarten , und er ging dann auf die Einrichtung des Hauses selber über , und hob es als eine Vorzüglichkeit heraus , daß der Herr für jene Stellen , an denen die Gläser über einander liegen , ein so treffliches Bindemittel gefunden habe , durch welches das Hereinziehen des Wassers an den übereinandergelegten Stellen des Glases unmöglich sei und das diesen Pflanzen so nachteilige Herabfallen von Wassertropfen vermieden werde . Dadurch kann es auch allein geschehen , daß an Regentagen und an Tagen , an welchen Schnee schmilzt , das Haus nicht mit Brettern gedeckt werden müsse , was finster macht und den Pflanzen schädlich ist . Ich könne das ja heute sehen , wie bei einem Regen so heftiger Art nicht ein Tröpflein herein dringen kann oder vom Winde hereingeschlagen wird . Bretter würden überhaupt über dieses Haus nicht gelegt . Gegen den Hagel sei es durch dickes Glas und den Panzer geschützt , und wenn kalte Nächte zu erwarten sind , werde eine Strohdecke angewendet , und der Schnee werde durch Besen entfernt . Mir war wirklich der Umstand merkwürdig und wichtig , daß hier kein Herabtropfen von dem Glasdache statt finde , was meinem Vater so unangenehm ist . Ich nahm mir vor , meinen Gastfreund um Eröffnung des Verfahrens zu ersuchen , um dasselbe dem Vater mitzuteilen . Als wir auf dem Rückwege durch die anderen Gewàchshäuser gingen , sah ich , daß auch hier kein Herabtropfen vorhanden sei , und mein Begleiter bestätigte es . Da ich noch ein Weilchen in der Wohnung der Gärtner leute geblieben war und mit der Gärtnerfrau gesprochen hatte , machte ich Anstalt zum Heimwege . Die Gärtnerfrau hatte meinen Wachsmantel in der Zeit , in der ich mit ihrem Manne in den Gewächshäusern gewesen war , an seiner Außenfläche von allem Wasser befreit und ihn überhaupt handlich und angenehm hergerichtet . Ich dankte ihr , sagte , daß er wohl bald wieder verknittert sein würde , empfahl mich freundlich , nahm die anderseitigen freundlichen Empfehlungen in Empfang , und ging dann in meine Zimmer . Dort kleidete ich mich sorgfältig um , und ging dann zu meinem Gastfreunde . Er war eben mit Gustav beschäftigt , der ihm Rechenschaft von seinen Morgenarbeiten ablegte . Ich fragte , ob es mir erlaubt wäre , in das Bildergemach oder in ähnliche zu gehen . » Das Lesezimmer und das Bilderzimmer so wie das mit den Kupferstichen sind ordnungsgemäß geheizt , « antwortete mein Gastfreund , » der Büchersaal , der Marmorsaal und die Marmortreppe werden leidlich warm sein . Verschlossen ist keiner der Räume . Bedient Euch derselben , wie Ihr es zu Hause tun würdet . « Ich dankte , und entfernte mich . Nach meiner Kenntnis der Tageinteilung wußte ich , daß er seine Beschäftigung mit Gustav fortsetzte . Ich ging zuerst auf die Marmortreppe . Ich suchte sie von oben zu gewinnen . Als ich von dem gemeinschaftlichen Gange in den oberen Teil des Marmorganges eingetreten war , zog ich , wie es hier vorgeschrieben war , Filzschuhe , welche immer in Bereitschaft standen , an , und ging die glatte , schöne Treppe hinunter . Als ich in die Mitte derselben gekommen war , wo sich der breite Absatz befindet , hielt ich an ; denn das war das Ziel meiner Wanderung gewesen . Ich wollte die altertümliche Marmorgestalt betrachten . Selbst heute in dem bleiernen Lichte , das durch die Glaswölbung , welche noch dazu durch das auf ihr rinnende Wasser getrübt war , gleichsam träge nieder fiel , war die Erscheinung eine gewaltige und erhebende . Die hehre Jungfrau , sonst immer sanft und hoch , stand heute in den flüssigen Schleiern des dumpferen Lichtes zwar trüb , aber mild da , und der Ernst des Tages legte sich auch als Ernst auf ihre unaussprechlich anmutigen Glieder . Ich sah die Gestalt lange an , sie war mir wie bei jedem erneuerten Anblicke wieder neu . Wie sehr mir auch die blendend weiße Gestalt der Brunnennymphe im Sternenhofe nach der jüngsten Vergangenheit als liebes Bild in die Seele geprägt worden war , so war sie doch ein Bild aus unserer Zeit , und war mit unseren Kräften zu fassen : hier stand das Altertum in seiner Größe und Herrlichkeit . Was ist der Mensch , und wie hoch wird er , wenn er in solcher Umgebung , und zwar in solcher Umgebung von größerer Fülle weilen darf . Ich ging langsam die Treppe wieder hinan , und ging in den Marmorsaal . Seine Größe , seine Leerheit , der , wenn ein solches Wort erlaubt ist , dunkle Glanz , der von dem dunkeln und mit ungewissen und zweideutigen Lichtern wechselnden Tage auf seinen Wänden lag und wechselte , ließ sich nach dem Anblicke der Gestalt des Altertums tragen und ertragen . Ja der Saal erschien mir in dem finstern Tage noch größer und ernster als sonst , und ich weilte gerne in ihm , fast so gerne wie an jenem Abende , an welchem ich mit meinem Gastfreunde unter dem sanften Blitzen eines Gewitterhimmels in ihm auf und ab gegangen war . Ich ging auch jetzt wieder in demselben hin und wider , und ließ den Sturm draußen mit seinen trüben Lichtern , die Wände herinnen mit ihrem matten Glanze und die Erinnerung der eben gesehenen Gestalt in mir wirken . Nach einer Zeit trat ich durch die Tür , welche in das Bilderzimmer führt . Die Bilder hingen in dem düsteren Glanze des Tages da und konnten selbst dort , wo der Künstler die kraftvollsten Mittel des Lichtes und Schattens angewendet hatte , nicht zur vollen Wirksamkeit gelangen , weil das , was die Bilder erst recht malen hilft , fehlte , die Macht eines sonnigen und heiteren Tages . Selbst als ich zu einigen , die ich besonders liebte , näher getreten war , selbst als ich vor einem Guido , der auf der Staffelei stand , die nahe an das Fenster und in das beste Licht gerückt worden war , niedersaß , um ihn zu betrachten , konnte die Empfindung , die sonst diese Werke in mir erregten , nicht emporkeimen . Ich erkannte bald die Ursache , welche darin bestand , daß ohnehin eine viel höhere in meinem Gemüte waltete , welche durch die Gestalt des Altertums in mir hervorgerufen worden war . Die Gemälde erschienen mir beinahe klein . Ich ging in das Bücherzimmer , nahm mir Odysseus aus seinem Schreine , begab mich in das Lesezimmer , in welchem die gesellige Flamme , die Freundin des Menschen , die ihm in der Finsternis Licht und im Winter des Nordens Wärme gibt , hinter dem feinen Gitter eines Kamines freundlich loderte , und in welchem alles auf das reinlichste geordnet war , setzte mich in einiger Entfernung von dem Fenster in einen weichen Sitz , und begann unter dem Prasseln des Regens an den Fenstern von der ersten Zeile an zu lesen . Die fremden Worte , die als lebendig gesprochen einer fernen Zeit angehörten , die Gestalten , welche durch diese Worte in unsere Zeit mit all ihrer ihnen einstens angehörigen Eigentümlichkeit heraufgeführt wurden , schlossen sich an die Jungfrau an , welche ich auf der Treppe hatte stehen gesehen . Als Nausikae kam , war es mir wieder , wie es mir bei der ersten richtigen Betrachtung der Marmorgestalt gewesen war , die Gewänder des harten Stoffes löseten sich zu leichter Milde , die Glieder bewegten sich , das Angesicht erhielt wandelbares Leben , und die Gestalt trat als Nausikae zu mir . Es war auch die Erinnerung jenes Abends gewesen , die heute meine Hand , als ich von der Treppe in den Marmorsaal und in das Bilderzimmer herauf gekommen war und in diesen keine Befriedigung gefunden hatte , zu den Worten Homers im Odysseus greifen ließ . Als die Helden das Mahl in dem Saale genossen hatten , als der Sänger gerufen worden war , als die Worte jenes Liedes vernommen worden waren , dessen Ruhm damals bis zu dem Himmel reichte , als Odysseus das Haupt verhüllt hatte , damit man die Tränen nicht sähe , welche ihm aus den Augen flossen , als endlich Nausikae schlicht und mit tiefem Gefühle an den Säulen der Pforte des Saales stand : da gesellte sich auch lächelnd das schöne Bild Nataliens zu mir ; sie war die Nausikae von jetzt , so wahr , so einfach , nicht prunkend mit ihrem Gefühle und es nicht verhehlend . Beide Gestalten verschmolzen in einander , und ich las und dachte zugleich , und bald las ich , und bald dachte ich , und als ich endlich sehr lange bloß allein gedacht hatte , nahm ich das Buch , das vor mir auf dem Tische lag , wieder auf , trug es in das Bücherzimmer auf seinen Platz , und ging durch den Marmorsaal und den Gang der Gastzimmer in meine Wohnung zurück . Das Werk des Vormittages war abgetan . Am Mittagtische fanden sich wieder dieselben Personen ein , welche bei dem Frühmahle