ich mir denn selbst zu helfen suchen . « » Soll ich Ihnen ein paar Einladungen vorschlagen ? « fragte der Adjutant lächelnd , nachdem er seiner Excellenz bis zur Thüre des Vorsaals gefolgt war . » Natürlich einige von euch jungen Leuten , « entgegnete der Hofmarschall mit emporgezogenen Augenbrauen . » Nun , wenigstens welche , von denen man weiß , daß sie kommen , die in der Nähe zu finden sind . « » Zum Beispiel ? « » Da ist Eduard v. B. , unser bisheriger Assessor , der gestern Regierungsrath geworden ist ; er könnte bei dieser Gelegenheit seinen zierlichen Dank anbringen . - Ich weiß , wo er ist . « » Das kann ich ohne Befehl nicht thun . « » Oder den Baron von Brand . - Ich bin gewiß , Sie finden die Beiden auf dem Cavalier-Casino bei einer Partie Piquet . « » Den Baron von Brand ? « sagte die Excellenz und machte dazu ein Gesicht , als habe sie plötzlich auf ein Sandkorn gebissen . » Nein , nein , nehmen Sie mir nicht übel , das ist nicht meine Leidenschaft ; es thut mir jedesmal leid - aber im tiefsten Vertrauen gesagt - wenn ich den Herrn auf unserem Silber speisen sehe . Ich meine immer , es komme ihm das ungewohnt vor . « » Ah ! Excellenz haben einen zu scharfen Witz ! « erwiderte lachend der Adjutant . » Und jetzt fällt mir ein , daß ich taktlos war . Richtig , Sie mögen den Baron Brand nicht leiden . « » Das leugne ich auch gar nicht , und ich behaupte - natürlich Freunden gegenüber - er gehört nicht an den Hof , nicht einmal in die Gesellschaft . « » Da thun Sie ihm wahrhaftig Unrecht ; der Baron ist ein vollkommener Cavalier und benimmt sich gewiß als solcher . « » Aeußerlich ! äußerlich ! « entgegnete der Andere mit einigermaßen gereiztem Tone . » Sie werden das auch noch erfahren . « » Aber er geht mit den anständigsten Leuten um ! Sie können zum Beispiel nicht leugnen , daß er mit dem Herrn Herzog sehr liirt ist . « » Leider ! leider ! Ich wollte , dem wäre nicht so , denn was der Eine nicht weiß , das lernt er vom Andern . Unter uns gesagt , ist Seine Durchlaucht seit seiner genauen Bekanntschaft mit dem Herrn Baron nicht solider geworden , das können Sie mir glauben . « » Meinen Sie wirklich ? « fragte der Graf mit dem größten Interesse , das er aber zu verbergen suchte . - » Sind da Geschichten vorgefallen ? - O Euer Excellenz weiß doch Alles ! « Diese letzteren Worte rief er im Tone der größten Verwunderung . » Saubere Geschichten , « erwiderte wichtig der Hofmarschall ; » Sie erinnern sich doch noch des Refus , den der Herzog erhielt , als es ihm neulich plötzlich einfiel , zum Militär überzugehen und als Offizier in das Gardedragoner-Regiment einzutreten ? « » Gewiß - ganz genau ; ich hatte damals zufällig den Dienst . Doch glaube ich , fand man ihn höheren Orts nicht stark genug zum Kavalleriedienst . « » Ah bah ! « machte der Hofmarschall und sah den Anderen mit einem eigenthümlichen Blick von der Seite an . - » Geschichten , lieber Freund ! - Geschichten , die einigen Eklat gemacht . - Was weiß ich , oder was will ich davon ! Es war da begreiflicher Weise ein junges Weibchen im Spiel , aber von einer anständigen Bürger-Familie ; die Sache muß einen sehr unangenehmen Haken gehabt haben , und man fürchtete wohl nicht mit Unrecht , irgend einer der alten Offiziere des Regiments , die überhaupt diesen Einschiebungen sehr unhold sind , möchte dadurch Veranlassung finden , diese fatale Angelegenheit zur Sprache zu bringen . Verstehen Sie mich ? « » Wie kann man denn überhaupt Euer Excellenz mißverstehen ! « sagte Graf Fohrbach mit einer tiefen Verbeugung . » Ja , wenn die Geschichten nicht wären ! « » Meinetwegen mögen sie außerhalb des Schlosses treiben , was sie wollen , « sprach würdevoll der Hofmarschall ; » aber so lange ich den Stab führe , soll mir der Burgfriede gehalten werden in jeder Richtung . Diese jungen Herren denken aber nicht anders , als Alles , was Schönes und Reizendes bei Hof erscheint , sei nur zu ihrem Vergnügen da . Aber das kann ich Sie versichern , Graf Fohrbach : ich bin auch da . Ordnung muß sein , sogar in diesen Dingen bei Hof , und es gibt eine Stelle , wo ich als Obersthofmeister Seiner Majestät ebenso kitzlich bin , wie der hochselige König von Spanien . - Es heißt doch kitzlich ? « » Sterblich bin , « verbesserte der Adjutant . » Nun ja , sterblich bin . Und sehr sterblich bin ; das kann ich all ' diesen jungen Herren versichern . Man weiß es aber auch . « » Ja , man weiß es ! « rief der Adjutant , indem er eine tiefe Rührung affektirte . » Und es ist ein wahres Glück , daß mit solchen Grundsätzen , wie sie Euer Excellenz aussprechen , die Verwaltung des Hofes geleitet wird . « Er war innerlich hoch entzückt darüber , daß er an dem Hofmarschall gegen den Herzog einen so guten und wichtigen Bundesgenossen erhalten . Der Excellenz blieb selten etwas verborgen von dem , was im Schlosse vorging , und wenn er also gegen die angedeuteten Geschichten sei , so arbeite er nur für sein , des Grafen Interesse . In der Freude seines Herzens schüttelte er die beiden , ihm abermals dargereichten Finger des Anderen mit außerordentlicher Feierlichkeit , und konnte sich nicht enthalten , dem Hofmarschall bezüglich der Einladungen nachzurufen : » Wissen Euer Excellenz wohl , womit Sie Seiner Majestät heute bei der Neujahrstafel ein ungemeines Vergnügen bereiten könnten ? - Laden Sie doch den Herrn von Dankwart ein , der refusirt nicht , darauf können Sie sich verlassen . « » Oh ! oh ! « machte der Hofmarschall , » das könnte allenfalls am jüngsten Hoftage geschehen , wenn es sich darum handelte , mir eine ewige allerhöchste Ungnade zuzuziehen . « Der Adjutant wollte lachend in sein Zimmer zurücktreten , als er durch die geöffnete Thüre des Vorsaales bemerkte , daß auf dem Gange sein Jäger stehe und augenscheinlich nur auf das Weggehen des Hofmarschalls warte , um sich bei ihm melden zu lassen . Er winkte ihm hereinzukommen , und fragte ihn dann , ob zu Hause etwas vorgefallen sei . Franz zog einen Brief aus der Tasche und überreichte ihn seinem Herrn , wobei er sagte , er sei vom Kammerdiener geschickt worden . Nachdem Graf Fohrbach das Couvert abgerissen hatte , fand er einen Zettel , in welchem ein zweiter kleinerer Brief lag und auf diesem Zettel von der Hand seines Kammerdieners die Worte : » Soeben wurde inliegender Brief für den Herrn Grafen gebracht und als sehr eilig bezeichnet . Ich erlaube mir deßhalb , ihn hiermit durch den Jäger zu übergeben ; Franz soll warten , bis ihn Euer Erlaucht gelesen und Ihre weiteren Befehle gegeben haben . « Graf Fohrbach trat an das Fenster und betrachtete sich das Aeußere des Schreibens , das er hin- und herwandte . Die Aufschrift , offenbar eine Frauenzimmerhand , war ihm gänzlich unbekannt , ebenso das Siegel des Briefs , zeugend von einem plumpen Petschaft , ein großes E und B in grobes Siegellack ausgedrückt . - » Was brauche ich da lange zu überlegen ? « sprach er zu sich selber ; » der Brief ist an mich ; sehen wir nach , von wem er ist , und was er enthält . « Er setzte sich in einen Stuhl , doch ehe er das Schreiben öffnete , warf er abermals einen Blick nach dem bewußten Fenster empor . Aber es ließ sich dort jetzt eben so wenig sehen wie früher . Er entfaltete seufzend den Brief und betrachtete die Unterschrift . - » Emilie Becker . - Was ist das ? - Ah Teufel ! ich erinnere mich . « » Ew . Erlaucht ! « lautete der Brief . » So große Mühe es mich auch gemacht hat , so ist das Geschäft , mit dem Sie die Gnade hatten , Ihre gehorsamste Dienerin zu beehren , um nach vieler Schwierigkeiten von Seite mir und außerordentliche Ausdauer glücklich zu Stande gebracht . Es hat mich übermäßig viele Zeit und Auslagen gekostet , doch davon sage ich nichts , nur von das Glück , das es mich gelungen , Ew . Erlaucht wahrscheinlich zufrieden gestellt habe sowie auch ihren hohen Freund . Da am heute Abend das Ballet im Achte aus ist , dagegen das Theater bis Zehne spielen wird , so ist von Seitens der Eltern gar keine Besorgniß zu erfahren , wo sie denn so lange bleiben könnte , bitte auch Ew . Erlaucht deßhalb , an der Ecke von die Prinzenstraße einen Wagen hinbesorgen zu wollen , aber genau im Achte , bitte auch gnädigst selbst zu wollen oder eine vertrauliche Person zu schicken , damit sie sich nicht erschrickt . Auch halte ich mir bestens empfohlen und bitte ihrem hohen Freund zu sagen , wie viel Mühe ich mir gegeben habe als ihre ganz ergebenste Dienerin Emilie Becker . « Der Adjutant ließ den Brief auf den Tisch niederfallen und fuhr sich mit der Hand über die Augen , worauf er in tiefes Nachdenken versank . » Wie schnell sich die Zeiten ändern ! « sagte er mit einem Blicke auf das bewußte Fenster . » Ja , ich hatte einmal diese Grille und hätte viel daran gesetzt . - Aber jetzt - nie ! nie ! Gott soll mich bewahren ! « - Gleichsam als wollte er seine guten Vorsätze bestärken , öffnete er die Scheibe neben sich , ließ den kalten Luftstrom über sein Gesicht wehen und schaute alsdann wieder aufwärts zu den Blumen . - » Wie man sich ändern kann ! « - fuhr er nach einer Pause in sich hinein lächelnd fort . - » Wie uns das Bild eines wirklich geliebten Mädchens so ganz auszufüllen vermag ! - O meine Eugenie ! - Schon diese beiden Gedanken zu gleicher Zeit ist eine Entweihung ; aber gewiß , ich fühle es , du bist vom Himmel dazu bestimmt , ganz mein zu sein , mir ein freudenvolles Leben zu bereiten . - Weg mit allen Anderen ! - Es ist aber so wahr : man soll sich vom Teufel nicht bei einem Haar fassen lassen ; jetzt habe ich diese Geschichte entrirt und kann sie doch unmöglich so mir nichts dir nichts fallen lassen . - So ein armes Mädchen ! - Wenn auch - aber doch einiger Theilnahme werth , denn sie ist jung , schön und reizend . Hat ihr auch viele Mühe gemacht , wie die Person hier schreibt . - Nun , das kann auch eine Spekulation auf meine Kasse sein . « - Er überlas den Brief nochmals . - » Aber was soll denn das hier heißen , « fuhr er nach einer Pause in seinem Selbstgespräch fort , daß sie da von einem hohen Freunde spricht ? - Habe keine Idee , was sie damit meint . Währenddem stand der Jäger hoch aufgerichtet an der Thüre des Zimmers und schien unausgesetzt das lebensgroße Bild Seiner Majestät zu betrachten , welches ihm gegenüber hing . Doch wenn man ihn schärfer beobachtet hätte , so würde man wohl bemerkt haben , daß er die blitzenden Augen von Zeit zu Zeit auf seinen Herrn richtete , und dann auf das abgerissene Couvert schaute , das unbeachtet auf dem Boden lag . » Wann , sagst du , daß dieser Brief gekommen sei ? « fragte nun der Graf den Jäger . » Vor einer kleinen halben Stunde , Erlaucht . Der Kammerdiener nahm ihn selbst in Empfang , siegelte ihn ein und ich eilte augenblicklich damit hierher . « Graf Fohrbach hatte das Billet leicht in die linke Hand genommen und schlug damit auf die rechte , während er nachdenkend bald an die Zimmerdecke schaute , bald vor sich auf den Fußboden . - » Wenn es eine ganz gewöhnliche Geschichte wäre , « dachte er , » so würde man einfach weder hingehen , noch Jemand hinschicken . Selbst hinzugehen ist mir auf alle Fälle unmöglich ; wahrhaftig , es widerstrebt mir , mich in solche Geschichten zu mischen . - Und wen soll ich hinschicken ? - Einen Bedienten ; vielleicht meinen Jäger dort , der mir nicht auf den Kopf gefallen zu sein scheint . - Nein , nein , das wäre undelikat . - Einen Bekannten also ? - Aber wen finde ich gleich ? Alle Welt macht jetzt Vorbereitungen zum Diner . - Wenn ich es bei der Hoftafel Jemand sagte ! Ich habe so Manchem ähnliche Gefälligkeiten erwiesen ; ich würde schon Jemand finden , der vielleicht meine ganze Rolle übernimmt . - Ah ! es ist doch bei Gott ein leichtfertiges Geschlecht , diese Mädchen ! Die da « - er schlug in diesem Augenblick mit der Hand auf das Papier - » galt als ein Ausbund von Tugend ; und was vermochte hier nicht eine Handvoll Goldstücke ! - Aber man sagte mir später , sie unterstütze einen alten Vater und kleine Geschwister ; das habe ich damals nicht bedacht , und es fällt mir jetzt schwer auf ' s Herz . Ah ! um so besser , daß die Sache so gekommen ist , denn es wäre doch am Ende ein schändlicher Kauf gewesen , den ich da gemacht . - Aber die Summe soll sie haben , - voll , voll ! - Ich danke dem Himmel , daß ich jetzt so denke . « - Er warf noch einen Blick zum Fenster hinaus nach der uns bekannten Richtung , dann erhob er sich und schritt langsam durch das Zimmer auf seinen Diener zu . Halb Weges blieb er aber wieder stehen , indem er zu sich selber sagte : » Ja , ich werde doch Jemand finden , der für mich hingeht . - Wenn ich nur wüßte , wen sie mit dem hohen Freunde gemeint hat ! - Halt ! da fällt mir was ein ! - Richtig ! Arthur versprach mir , den Brief auf die Post zu werfen oder selbst zu besorgen er wird das Letztere gethan haben . Vornehm genug sieht er aus - ja , es muß so sein : die Alte hat eine neue saubere Kundschaft gewittert . - Aber warum auch nicht ? - Ja wahrhaftig , das wäre der beste Mensch , der für mich dort hingehen könnte . Und er thut ' s , ich habe ihm auch schon Gefälligkeiten genug erzeigt , und am Ende sieht er das eher für eine Annehmlichkeit an , als für eine Arbeit . « Damit drehte sich der Graf rasch wieder um , ging zu dem Tische zurück , wo Schreibmaterialien lagen , steckte den Brief , den er soeben erhalten , in ein kleines Couvert , siegelte es zu und überschrieb es an Arthur . - » Diesen Brief , « sagte er alsdann zu seinem Jäger , » wirst du augenblicklich besorgen . Du kennst die Adresse ? - Geh ' sogleich in das Haus dieses Herrn , wenn er nicht da ist , frage , wo er sein könne und suche ihn mir auf . Es ist mir viel daran gelegen , daß er diesen Brief erhält . - Verstehst du ? « Franz nickte mit dem Kopfe . » Im Falle du ihn also findest , und ihm den Brief selbst in die Hand gibst - was unbedingt geschehen muß , denn auf Zwischenträgereien darfst du dich gar nicht einlassen - so wirst du fragen , ob du mir Ja oder Nein sagen sollst . Heißt es Ja , so kannst du ruhig nach Hause gehen , und die Sache ist für dich abgemacht ; heißt es aber Nein , so läßt du den Brief wieder einsiegeln , stellst dich damit an den großen Saal , wo heute die Tafel ist , und läßt mir durch einen Lakaien sagen , du seiest da . - Hast du mich wohl verstanden ? « » Vollkommen , Erlaucht : mit Ja ist Alles besorgt , mit Nein komme ich , mir neue Anweisungen zu holen . « » Sehr gut , « sagte lächelnd der Graf ; » ich sehe , Franz , du bist zu gebrauchen . « » Wenn Euer Erlaucht das wirklich glauben , « erwiderte der Jäger mit einem seltsam leuchtenden Blick , » so soll mich das in der That glücklich machen . Aber dann bitte ich Euer Erlaucht , mir die Freiheit zu entschuldigen , wenn ich Sie auf das abgerissene Briefcouvert am Boden aufmerksam mache , welches man vielleicht völlig zerreißen oder wegwerfen könnte . « » Da hast du Recht , « versetzte Graf Fohrbach ; » man braucht dergleichen hier nicht zu finden . Du bist umsichtig , Franz , das gefällt mir . Ich hoffe , wir werden zusammen auskommen . « » Das ist mein sehnlichster Wunsch , Erlaucht , « erwiderte der Jäger mit einer tiefen , etwas unsicheren Stimme , und es zuckte seine Hand , als wolle er die seines Herrn ergreifen , um sie zu küssen . Doch blieb es bei diesem Gedanken , denn der Adjutant machte eine halbe Wendung gegen das Kamin , wo die Uhr stand , legte die Hand leicht auf den Säbelgriff und sagte : » Halb Sechs - es ist Zeit . Johann wird wohl mit meinem Anzüge draußen sein . « » Zu befehlen , Euer Erlaucht , er kam mit mir . « » Nun gut , ich gehe , mich umzukleiden . Besorge du jetzt deinen Auftrag , und nimm dir einen Wagen , damit du keine Zeit verlierst . « Der Graf schritt gegen die Thüre zu , welche der Jäger ehrerbietigst öffnete , und dann verschwanden Beide aus dem königlichen Vorzimmer . Sechsundfünfzigstes Kapitel . Vor , während und nach dem Hofdiner . Das große Hofdiner am heutigen Neujahrstage ging , wie alle dergleichen Festlichkeiten , feierlich und sehr langweilig vor sich . Es war in den Sälen eine außerordentliche Pracht zu sehen an reich gestickten Uniformen , an Sternen , Ordensbändern , an rauschenden Seide- und Sammetroben , an goldgestickten Stoffen aller Art , an Brillanten und sonstigem glänzendem Schmucke . Ehe die Tafel anfing , stand Alles nach Rang und Stand neben einander an den Wänden aufgestellt , und Alles blickte auf die höchsten und allerhöchsten Herrschaften , die soeben zur gegenüber liegenden Thüre hereingetreten waren und mit freundlichem Kopfnicken die tiefen Knixe und feierlichen Verbeugungen entgegen genommen hatten . Hierauf hielten die Majestäten ihre kleinen Cercle , was aus der Hofsprache für dich , geliebter Leser , in ganz gewöhnliches Deutsch übersetzt , so viel sagen will , als sie gingen bei den Umherstehenden vorbei , sprachen mit den Begünstigten einige gnädige Worte , nickten den minder Glücklichen huldreich zu , sahen Andere wenigstens mit einem freundlichen Blicke an und ließen die Unbedeutenden oder gerade nicht in der Gnade Stehenden so vollkommen links liegen , als ob diese gar nicht in der Welt existirten . Es ist in solchen Augenblicken sehr amusant , anzuschauen , wie sich die Physiognomien verändern , sobald eine der allerhöchsten Herrschaften langsam vorschreitet . Es ist das gerade , als wenn der Mond aufsteigt und so nach und nach mit seinem sanften Lichte hier eine frische Wiese , eine freundlich murmelnde Quelle , eine alte Ruine , dort eine finstere Schlucht , eine kahle Felspartie und viele steife , langweilige Tannenwälder bestrahlt und milde beleuchtet . Gerade wie diese Gegenstände klären sich auch hier die Gesichter auf ; die Augen blicken starr nach dem aufsteigenden Gestirne , der Mund spitzt sich zierlich oder legt sich in wichtige Falten . Die frische Wiese kokettirt vielleicht mit ein paar hübschen Armen , indem sie zierlich den Fächer sinken läßt ; die Quelle hört auf zu rauschen , sammelt ihre Wasser , um gleich darauf eine mächtige Redeschleuse aufziehen zu können . Die Ruine denkt vergangener Tage , wo auch sie in erster Linie stand und blickt sehnsüchtig nach dem Monde , der sich aber jetzt zufällig hinter einer Wolke verbirgt , ohne ihr einen süßen Blick geschenkt zu haben . Die finsteren Schluchten und kahlen Felspartieen - ach ! und deren gibt es hier eine große Anzahl ! - zucken die mageren Achseln , neigen spöttisch zusammen flüsternd ihre brillantenbedeckten Köpfe und versichern einander gegenseitig , daß es auf der Welt nichts Langweiligeres gäbe , als diese ewigen Cercles vor der Tafel . Ach ! für sie sind diese wirklich langweilig ; dort hinein dringt kein erleuchtender Strahl ; diese düstern , erstorbenen Gegenden werden von keinem freundlichen Scheine mehr belebt . - Aber die Tannenwälder , sie stehen da in geschlossener Phalanx und trotzig , mit herausforderndem , wenn auch grämlichem Lächeln . Das sind starke Bäume mit spitzigen Nadeln , und wenn der Mond sie nicht besonders freundlich bescheint , so sagen sie , » er wird vergeßlich dieser gute Mond , wie wäre es ihm sonst möglich , uns zu übersehen , uns in unserer unergründlichen Langweiligkeit und Steifheit ! « - Hinter den höchsten Herrschaften , das heißt , sobald sie vorüber gegangen sind , fällt Alles wieder in ' s frühere trostlose Dunkel zurück ; man sieht da seltsame Blicke , verstecktes aber sehr bedeutungsvolles Achselzucken , und hört auch wohl ein spitziges Wort , und , geneigter Leser , die gewissen Husten - von denen dir zu erzählen wir schon die Ehre hatten - hier aber so mannigfaltig und bedeutungsvoll , daß man Bände darüber anfüllen könnte . Aber wie gesagt : der lichte Glanz ist nun vorbei gezogen , verschwunden gerade wie beim Schattenspiele an der Wand der runde glänzende Kreis , nachdem die Gläser weggezogen und die Lampe ausgelöscht ist . Nur hie und da strahlt noch ein erhelltes Gesicht aus dem allgemeinen Grau hervor ; das gehört vielleicht einem jungen Ehrenfräulein oder einem neugebackenen Kammerherrn , die zum ersten Mal bei der Hoftafel erscheinen und die zum ersten Mal mit einem freundlichen Worte beglückt worden . Graf Fohrbach hatte sich mit jüngeren Offizieren und anderen Herren vom Hofe bescheiden in eine Ecke zurückgezogen ; sie standen hinter der Person des Hofmarschalls , der , den Hut unter dem Arm , den Stab in der Hand , in größter Wichtigkeit verharrte , mit einem Auge die Kammerdiener an der Thüre des Speisesaales , mit dem anderen die Majestäten betrachtete . » Lieber Doktor , « sagte der dienstthuende Adjutant zu dem Generalstabsarzte , der wie immer das ganze Getreibe mit einem eigenthümlichen Grinsen betrachtete , » treten Sie ein bischen vor , neben den Hofmarschall ; ich sehe , die Frau Herzogin brennt vor Begierde , Ihnen ein freundliches Wort zu sagen . « » Ja , ja , « entgegnete dieser , » ihr hättet jetzt wohl wieder einmal Lust zu sehen , wie eine arme Fliege gegen das Licht hinschnurrt und sich die Flügel verbrennt . Seit ich Seine Durchlaucht nicht für tauglich zum Gardedragoner erklärte , bin ich für einen Theil der höchsten Herrschaften gar nicht mehr in der Welt . « » Das wird Sie ungeheuer kränken ? « » Ich kann es Ihnen gar nicht sagen , wie es mich betrübt , « erwiderte der Arzt in komischem Tone . » Habe ich doch dadurch einen wichtigen Theil meiner Praxis verloren . Denken Sie sich , Graf , die Kammerfrauen lassen mich des Nachts nicht mehr holen , wenn sie Abends zu stark soupirt haben . « » Bssst ! « machte der Hofmarschall leise , ohne übrigens Stellung und Miene im Geringsten zu verändern ; denn er hatte Alles wohl verstanden und fürchtete die freche Zunge des Doktors und dessen schrille Stimme . » Uebrigens soll es mich gar nicht wundern , « fuhr dieser fort , » wenn mir nicht heute auf ' s Eklatanteste gezeigt wird , welch ' niederträchtiger Sünder ich eigentlich bin . « Und der Doktor hatte diesmal wahrhaftig Recht , denn ein paar Sekunden darauf machte der Hofmarschall vor der Front eine scharfe Wendung nach links , begleitet von einer außerordentlich tiefen Verbeugung , welche Ihrer Hoheit , der ebengenannten Frau Herzogin galt , die rauschend und majestätisch wie ein prächtiges Gewitter einherzog , gegen den Kreis der jungen Leute , dort anhielt , um mit einem Major von der Kavallerie einige sehr freundliche Worte zu sprechen . Dabei aber wandte sie sich so dicht vor dem unglücklichen Leibarzte um , daß dieser kaum Zeit hatte , sich durch einen großen Schritt in die Ecke zu retten , sonst würde er unfehlbar mit Ihrer Hoheit zusammen gestoßen sein . - Und dann , welcher Eklat ! Da hätte man deutlich wieder einmal gesehen , wie diese Leute von bürgerlicher Herkunft doch so entsetzlich ungeschickt sind und sich so gar nicht in den Hofcirkeln zu benehmen wissen . Ihre Hoheiten sprachen fast mit Jedem der ganzen Gruppe , den Doktor natürlicherweise ausgenommen , der für sie , wie er vorhin vollkommen richtig bemerkt hatte , gar nicht mehr in der Welt war . Endlich schritt Seine Majestät auf die Thüre des Speisesaales zu ; die Flügelthüren wurden geöffnet , der Hofmarschall schaute auffordernd rings im Kreise umher , und hinter ihm drein rauschte nun Alles in den anstoßenden Saal , um sich dort an der Tafel und zum Speisen niederzulassen . Dies ging nun vor sich fast wie bei einem anderen Diner , nur daß am heutigen Tage die steifen Uniformskrägen und die fest zusammen geschnürten Taillen der Eingeladenen nicht erlaubten , viel zu sich zu nehmen . Doch - » die Ehre macht satt « , meinte der Doktor am unteren Ende der Tafel . Er saß neben dem dienstthuenden Adjutanten und nicht weit vom Hofmarschall , der aber nur mit hoch empor gezogenen Augenbrauen und sehr ernstem Gesichte zu ihm sprach . Glücklicherweise ging Alles schnell vorüber ; nachher wurde freilich noch ein kleiner Cercle gehalten , aber ungezwungener , freier als vor der Tafel . Der Adjutant , dessen Dienst nun bald zu Ende ging , erkundigte sich an der Thüre des Saales , ob sein Jäger nicht zurückgekommen sei , worauf er sich , als ihm diese Frage verneint wurde , über den gegebenen Auftrag beruhigt , an eine Fensternische zurückzog , theils um auf den Kastellplatz sehen zu können , theils aber auch , um , selbst ungesehen , einige der Anwesenden zu beobachten . Wir wissen wohl , wohin seine Blicke gingen , und nicht blos er allein , sondern die meisten der jungen Leute schauten nach jener prachtvollen Gestalt , der sich aber , da sie sich unmittelbar bei der Person Ihrer Majestät halten mußte , Niemand ohne höhere Aufforderung so recht nahen durfte ; der arme Graf Fohrbach in seiner dienstlichen Stellung am allerwenigsten . Eugenie verdunkelte den ganzen Kreis , in dem sie stand , sowohl durch die Schönheit ihres Kopfes und ihrer Gestalt , als durch die Einfachheit ihres Aeußeren . Sie trug ein weißes , anliegendes Kleid von matter Seide , fast ohne Schmuck ; nur an dem seinen Handgelenk hatte sie ein schwermassives Armband - ein Erbtheil ihrer Mutter . Ihr schwarzes Haar war glatt gescheitelt , die überaus dicken Flechten hatte sie einfach um den Kopf geschlungen , und es war das , wie die Obersthofmeisterin gegen die Hofmarschallin bemerkte , eigentlich keine Frisur zu nennen - » und kann auch nur der Fräulein von S. gestattet werden , weil sie einmal die Fräulein von S. ist , ein so schönes und in der That sehr liebenswürdiges Mädchen . « Dieses Wort der alten Dame hörte Graf Fohrbach hinter seinem Vorhang und ebenso wie die Hofmarschallin antwortete : » Es ist in der That ein einziges Geschöpf ; man muß sie lieben , denn sie hat wahrhaftig keinen Fehler . « » Ja , man muß sie lieben ! « seufzte er in sich hinein . » Ah ! wenn das sogar diese beiden alten Excellenzen von Eugenie sagen , welche Worte soll dann ich gebrauchen ? « Der junge Herr Herzog hatte allein das Recht , sich seiner Mutter und also auch dem Ehrenfräulein zu nähern . Und er machte von diesem Rechte , wie immer , so auch heute , einen solch ' umfassenden Gebrauch , daß sich der arme Graf in der Fensternische fast die Lippen blutig biß und den Griff seines Säbels faßte , als habe er nicht übel Lust , diesen gegen einen sehr gefährlichen Feind zu ziehen . Bis jetzt hatte der Herzog dort hinten bei der Gruppe , wie es schien , nur allgemeine Redensarten an die Damen , die um ihn standen , gerichtet ; jetzt aber - » der Teufel soll ihn holen ! « dachte der Adjutant - wußte er sich so geschickt zu drehen , und so schön zwischen den ehrerbietigst ausweichenden Hoffräuleins zu manövriren , daß er Eugenie von den Uebrigen trennte , und nun auf einmal abseits mit ihr stand . - » Verdammt ! was hat er da zu sagen ? « Der Herzog that eine Frage - Eugenie von S. schlug leicht die Augen nieder und gab ihm eine kurze , doch wie es schien , nicht unfreundliche Antwort . Darauf zuckte er die Achseln und machte ein betrübtes Gesicht , schien aber gleich darauf über etwas nachzudenken , in Folge dessen sich sein Gesicht aufklärte . Er that noch