Schauspiel für Andere , sonst würde er die Aermel des Rockes nicht aufgekrämpelt getragen , nicht den Zipfel der Serviette im Halstuch befestigt haben . Er war für sich , der Schmecker mit Bewusstsein , aber der Zutritt eines Freundes , wie Herr von Wandel , störte ihn nicht . Auch dieser nahm mit vollkommener Aisance einen Platz neben dem Esser . » Das Neueste hoffe ich von Ihnen zu erfahren . « » Da , « sagte Bovillard und goß in ein vasenartiges Krystallglas aus der Weinflasche . » Prüfen Sie , wie schmeckt es Ihnen ? « » Es schmeckt wie der beste Champagner , schäumt aber nicht . « » Non mousseux , neueste Erfindung . Eben aus Epernay mir zugeschickt . Es hat es noch Niemand hier . Darum Diskretion . Was sagen Sie dazu ? « » Der Schaum dünkt mich doch die lockende Fahne , unter der der Champagner die Welt erobert hat . Man soll nie ohne Noth seine Fahne aufgeben . « » Ihre Säuren , Wandel , Ihre Chemie hat Ihnen den Geschmack verdorben . Ihre Zunge fühlt das Richtige heraus , aber über die Kritik ist Ihnen die petillirende Lust daran vergangen . - Sehen Sie mich an , ich kann mich über die Entdeckung wie ein Kind freuen . Woran auch sich halten , wenn man nicht bisweilen wieder zum Kinde würde ! « » Die Nachrichten lauten übel , Geheimrath . Napoleon ist ein Anderer geworden , seit unsere Truppen in ihre Kantonnements zurückgekehrt . Was er fordert ist nicht mehr der Schönbrunner Vertrag , heißt es . Ja , man spricht , daß Haugwitz wirklich am 15. Februar diesen neuen , noch demüthigerenden Vertrag abschloß . Er liege jetzt dem König zur Unterzeichnung vor . « » Liebster , bester Freund , warum hören Sie darauf ? Sie brauchen es doch wahrhaftig nicht . Ja , es steht schlimm , sehr schlimm , wir werden noch mehr nachgeben müssen , aber wer ändert es ? Sie nicht , ich nicht , Niemand . Man muß laviren und abwarten , bis ein glückliches Changement kommt . Wir sind in einen Sumpf gerathen , je mehr wir strampeln , um so tiefer versinken wir . Nur nicht die gute Laune verloren . Hören Sie draußen den Leiermann : Es kann ja nicht immer so bleiben Hier unter dem wechselnden Mond . Da , trinken Sie , oder wollen Sie schäumenden ? Ich klingle . « » Der Wein ist gut , aber er steigt zu Kopf . « » Nun denken Sie an den armen Haugwitz , wie es in seinem aussehen muß . Kann er dafür ? Verdenken Sie ' s ihm , daß er sich auch nicht beeilt aus Paris zurückzukehren ? - Die schnaubende Koterie hier in Reiterstiefeln , die Rüchel , Blücher , die Prinzen ! Und das Geschwätz , Gesinge , Gebrüll hinter ihnen . « » Die Gnade Seiner Majestät wird , als schirmender Fittich , ihn vor Outrage bewahren . « Herr von Bovillard schien bereits in einer behaglichen Weinlaune : » Gewiß . Der König lässt ihn nicht los . Wissen Sie , eigentlich - eigentlich kann er ihn auch nicht leiden , wie uns Alle nicht , aber - das ist es eben . - Trinken Sie doch , Wandel , man kann jetzt nichts Besseres thun . C ' est le mystère de notre temps , daß wir unentbehrlich sind . Von der Kanaille bis ins Schlafgemach Seiner Majestät , - sie können uns Alle nicht leiden , möchten uns köpfen , erwürgen , vergiften - - von unsern Posten jagen - « » Wo findet Seine Majestät Staatsmänner - « Mit einem sehr pfiffigen Blick und einer eigenthümlichen Handbewegung fiel der Geheimrath ein : » Er findet sie schon , er braucht nur auf die Straße raus zu greifen - « » Die Lust haben Minister zu sein , ja , aber Männer Ihres Scharfblicks ! « » Wissen Sie , was Oxenstjerna an seinen Sohn schrieb : Mein Sohn , Du glaubst nicht , etcaetera . Liebster Wandel , warum denn nicht Wahrheit zwischen uns ! Wenn wir uns in dem Spiegel sehen - und doch - in keinem Stande Freunde , und doch - wir bleiben , wir werden bleiben , und Sie und ich , wir wissen , warum wir bleiben . - Auf das Wohl Seiner Majestät des Königs ! - Das begreifen Seine reichsfreiherrliche Gnaden , der Herr von Stein nicht . Voilà le miracle ! Wie lange ists nun schon her , daß er uns Alle aus dem Sattel werfen wollte ! Wenn wir doch Karikaturmaler hätten ! Herr von Stein als Mauerbrecher ! Herr von Stein legt den Widder an , erster Moment . Herr von Stein fährt fort am Bock zu drehen , zweiter Moment . Dritter , vierter , fünfter etcaetera , Herr von Stein steht noch immer am Bock . Finale : Herr von Stein schlägt hinten über , er hat einen Bock geschossen . - Aber Sie trinken ja nicht . Vive la bagatelle ! - Schnell , was Neues aus der Stadt . « » Das Duell hat endlich stattgefunden . « - » Beide maustodt ? « - » Blut ist geflossen . « - » Hätte nichts geschadet . Warum zanken sie sich ! Diese Militair- und Civilraufereien sind mir in der Seele zuwider . « » Der junge van Asten hat sich eine Renommée gemacht . Die Officiere glaubten nicht , daß er den Kampf auf krumme Säbel annehmen werde . Der Kornet ist ein Schläger à merveille . Der Gelehrte ging aber drauf los , und die Herren von den Garde-du-Corps stecken jetzt wieder die Köpfe zusammen , denn er trieb seinen Gegner Schritt um Schritt bis in die Büsche . « » Und das Ende vom Liebe ? « - » Er war an der Schulter verwundet , cachirte es aber , und als die Sekundanten es merkten , hatte er den Kornet schon in eine verzweifelte Position gebracht . Auf einen Hieb flog der Säbel des Offiziers zu Boden . « - » Und der Kornet mit ? « - » Nur ein Fetzen von seinem Aermel und etwas Fleisch und Blut . Gerade genug , um ihn kampfunfähig zu machen , wenn er nicht schon desarmirt gewesen wäre . « » Und der Held von der Feder versetzte ihm den Gnadenstoß ? « » Bewahre ! Er senkte die Waffe , trat zurück , und fragte bescheiden die Sekundanten , ob nun der Ehre genug geschehen sei ? Man hätte es für ritterlich gehalten , wenn - « » Ein Roturier ein Kavalier sein könnte , « unterbrach ihn Bovillard . » Qu ' importe ! Er hat gehandelt , wie man uns vorwirft , daß wir handeln , wir nutzen den Vortheil nicht , der uns in die Hände gespielt ward . - Wandel , Sie haben vielleicht Recht . Vive la générosité ! « » Die Sekundanten erklärten nach einer längeren Berathung die Sache für ausgeglichen . Der Fleck am Aermel , den die Hand gemacht , sei durch den Säbel reparirt . « » Der ihn loshieb ! « fiel Bovillard ein und gähnte . » Legationsrath , was wären wir ohne den Witz in Ehren- und Staatssachen ! Die Welt wäre längst bankerott ohne die Kunst der Auslegung . Der Starke wirft sein Wort wie Brennus ' Schwert auf die Goldwage ; aber der Schwache muß das Körnchen Mutterwitz wie der Goldschläger breit schlagen , um die Risse in der Logik und die falschen Raisonnements zu überkleben . « » Und das Volk gafft doch das Goldblech an , als wär ' s massiv . « » Wozu wär ' s das Volk und wir die Gescheiten ! - Um eine Liebschaft war ja wohl die Affaire ? Das Mädchen kann gute Geschäfte machen , es kommt en vogue ! - « » Mehr Anwartschaft hätte der junge Gelehrte darauf , der , wie man sagt , aus Galanterie , oder wie einige behaupten , aus Gehorsam für seinen Vater zum Ritter an einer Dame ward , die er nicht liebt . « » C ' est touchant ! « sagte Herr von Bovillard und gähnte noch stärker als vorhin . » Man fängt überhaupt an von ihm zu sprechen , es wäre ein Charakter . Man spricht aber auch - von Ihrem Herrn Sohn . « Der Geheimrath , der wirklich müde schien , ward aufmerksamer . Er reckte sich in seinem Stuhl und goß ein frisches Glas Champagner ein , dessen Wirkungen er aber sofort durch ein Glas Wasser paralysirte . » Wie befindet sich der Patient ? « » Mon pauvre fils ! - Mein lieber Freund , wer macht die Erziehung ? Ich habe oft darüber nachgedacht . An guten Beispielen - das war ' s eigentlich nicht , was ich sagen wollte , aber - das zweite Kind des Lupinus ist nun auch gestorben ! « » Ein merkwürdiges Unglück , was diesen Mann trifft ! Doch meinen auch Viele , es wäre ein Glück , für die Kinder nämlich . Bei der verkehrten Erziehung wäre nie aus ihnen etwas Gescheites geworden . « » Der Mann ! Er Kinder erziehen ! Wenn sie nach ihm geschlagen hätten ! - Mein Louis , was ich sagen wollte , Heim meinte , es sei keine Gefahr , wenn er sich nur vor Exaltationen hütet ! « - » Das wird schwer sein . « - » Das befürchte ich auch . Das Blut seiner Mutter . Was die für Nerven hatte ! Ich bin ja bereit , Alles zu thun , er hat excellente Gedanken , aber ich muß Ihnen sagen , ich habe keine Autorité . Im Disput gerathen wir immer an einander . « » Der junge Herr von Bovillard ist noch in andere Dispute verwickelt . « Wandel sprach es mit kalter Stimme . » Meinen Sie - die alte Geschichte ! « Der Geheimrath warf dabei einen forschenden Blick auf ihn . » Mein Gott , ich glaubte die Kinderei längst beigelegt . « » Nur reponirt , meine ich , bis Ihr Herr Sohn die Güte haben wird , einen neuen Termin anzusetzen . « » Mann von Ihrer Klugheit und Philosoph ! Ich bitte Sie - « Bovillard war jetzt aufgesprungen und ergriff die Hand , die Wandel halb zurückzog . » Die Ehrengesetze dieser Welt gehen über die der Klugheit und Philosophie . « - » Er wird zur Einsicht kommen und Sie sind mein Freund . « - » Und gewiß der Freundschaft jedes Opfer zu bringen bereit , nur nicht meinen unbefleckten Namen . « - » Wer redet davon ! Ueberlassen wir den Kavallerie-Offizieren den krummen Säbel ; wozu sind wir Philosophen ! Die diplomatische Kunst wird mildere Lösungsmittel finden , als ein Stück vom Aermel und vom Fleisch dazu ! Liebster Legationsrath , das findet sich ja . « - » Wenn ich als Beleidigter den ersten Schuß hätte , versteht es sich , daß , wo der Sohn meines Freundes vor mir steht , ich in die Luft feuere . Ihrem Herrn Sohn bleibt dann überlassen zu zielen , wohin er will . « Bovillard hatte Wandels Arm an seine Brust gedrückt : » Wir verstehen uns ja . Excentrisch ist er , aber Louis ist kein schlechter Mensch . « » Wenn ich die Freude erlebte , daß mein Freund Bovillard in seinem Sohne einen nützlichen Staatsbürger gewönne ! « - » Er schwärmte auch einmal für die gloire Napoleons . Wer weiß , ob diese Phantasien nicht rediviv werden . « - » Er soll jetzt für einen anderen Gegenstand schwärmen . Die Fürstin Gargazin behauptete neulich confidentiell , die eigentliche Krankheit der schönen Mamsell Alltag sei nichts anderes als cachirte Liebe . Die Geheimräthin Lupinus ist in ihren Mittheilungen sehr diskret . Wenn ich indeß aus einigen hingefallenen Aeußerungen schließen darf - « » Sind Sie neidisch , daß mein Junge Glück hat bei den Frauen ? « - » Nur ein väterliches Erbtheil . Wie ich höre , frequentirt er auch die Cirkel der russischen Fürstin . Er ist gern aufgenommen . Sollte dies mit den Wünschen und Absichten seines Vaters konveniren ? « » Was geht es mich an ! - Aber was geht es Sie denn an ? - « » Nicht das Geringste , wenn Ihr Sohn nicht den Namen seines Vaters trüge . Die Fürstin ist eine liebenswürdige , feine , geistreiche Dame , aber sie gilt , mit Recht oder Unrecht , als die geheime Agentin Rußlands , man behauptet , daß sie mit Alexander in intimeren Verhältnissen gestanden . Ich gebe nichts auf diese Insinuationen , aber wer ihren Umgang sucht , wer viel in ihrem Hause erscheint , entgeht dem Verdacht nicht . Das kann in diesem Augenblick bedenklich werden , da Napoleon - . Genug , ich weiß , die Besucher des Hotels werden an jedem Abend verzeichnet und dann nach Paris telegraphirt . « Bovillard lachte auf , indem er jetzt erst die Serviette fortwarf : » Wissen Sie , wer am meisten bei der Gargazin gesehen wird ? - Laforest ! Konspirirt er vielleicht gegen Napoleon ? Vielleicht aber ist er auch nur da um der Mamsell Alltag willen , oder um Comtesse Laura . Die ist jetzt auch ein Schooßkind der Fürstin . Duroc war auch bei ihr . Wissen Sie , was ich rausgebracht habe ? Sie will die Alltag zu etwas machen , entweder zu einer Pompadour oder zu einer Heiligen . Sie erwartet nur Ordre deshalb aus Petersburg . Werther Freund , unter Freunden reinen Wein , was kümmert Sie mein Sohn bei der Gargazin ? « - » Nicht der Sohn , nur die Auslegung , welche man seinen Schritten geben könnte . « - » Sind Sie so sehr um die Auslegung besorgt , welche die Leute den Schritten distinguirter Personen geben ? « sprach Bovillard , ihn scharf fixirend . » Wissen Sie , wie man Ihre Schritte hier auslegt ? « - » Ein unbedeutender Privatmann , der neben seinen wissenschaftlichen Studien nur als Dilettant in die politischen Kreise dringt , entgeht wohl der Ehre dieses Skrutiniums . « - » Haugwitz schreibt mir konfidentiell aus Paris . Für schweres Geld hat er eine Kopie der Personalbemerkungen über Berlin erwischt . Hören Sie , da sind doch Dinge drunter ! - Haugwitz wird sich hüten und es drucken lassen . Laforest selbst weiß das nicht alles ; es stecken Andere dahinter . Liaisons decouvrirt , die wir nicht ahnen konnten . Sie standen doch mit Eisenhauch in keiner Verbindung ? « - » Es bedurfte keines Seherblicks , um die feuerfangende Nähe zu erkennen . « - » Man weiß in Paris , was er vorm Zubettgehen mit seinem Bedienten sprach , seine Lektüre vorm Zubettgehen , seine Briefe , die er schrieb und wieder zerriß . Ein wahres Glück , daß wir ihn los sind , aber - wissen Sie , was von Ihnen da steht ? « fragte Bovillard mit einem schlauen , scharfen Blick . Wandels blaßgelbes Gesicht verfärbte sich nicht , nur ein flüchtiger Glanz belebte das dunkle , kleine Auge , um sofort in ein moquantes Lächeln überzugehen : » Vielleicht ist es entdeckt , daß auch ich die Zirkel der Gargazin besuche ? « - » Pah ! Drei Reihen Chiffren , die Haugwitz ' s Sekretär nicht dechiffriren konnte , und dann mit anderer Hand imperatorisch flüchtig daneben geschrieben : Wie viel würde er kosten ? « - » Sie wollen mich doch nicht stolz machen , Bovillard ! Um die nackte Klippe des Ehrgeizes ist mein Lebensschiff gesegelt . « - » So lange sie nackt aussieht . Wenn man aber im Vorbeisegeln zwischen den Riffen eine fette Trift entdeckt , legte Mancher wieder bei . « - » Es ist für mich eine durchaus sterile Insel . « - » Wohin denn ? Das ist die Frage . « - » Ich verstehe die Legitimation derselben nicht . « - » Ich frage als Freund . Wo hinaus . Man muß doch endlich mit Ihnen ins Reine kommen . - Ich wiederhole Ihnen : mich täuschen Sie nicht . Sie sind kein Saint Germain etcaetera . Sie sind von unserm Fleisch und Blut . Halb nur wie ein Lebemann , halb wie ein Karthäuser in einem Schneckenhaus . Das Leben in Berlin ist theuer , auf Gold sitzen Sie nicht und Gold machen Sie nicht . Sie mögen ein vortrefflicher Oekonom sein , aber Ihre Thüringischen Güter verbessern Sie nicht in der Apotheke des Herrn Flittner . Die Delicen der Wissenschaft gönne ich Ihnen ; wer aber den Champagner wie Sie über die Zunge schlürft , will sie nicht wie die Pedanten um ihrer selbst , er will etwas daraus für sich präpariren . Sie greifen nicht nach dem Monde , aber Sie erscheinen wie er aus der Wolke , um wieder dahinter zu verschwinden . Das ist hübsch um Kinder zu erschrecken und zu amüsiren , ein Mann will etwas anderes , als Laterna-Magica-Bilder auf die Wand werfen . « - » Meine Vermögensumstände , die Niemand kennt , erlauben mir - « » Sie schweifen ab . Auch ein Krösus will noch mehr . Was wollen Sie ? - Daß man das nicht weiß , wirft ienen Schatten auf Sie . Wie lange sind Sie schon in Berlin ? Ihr parait et disparait verstärkt den Verdacht ; glauben Sie mir , alle Ihre Gefälligkeiten werden um deshalb falsch ausgelegt , und das ist es , was Haugwitz , ich will nicht sagen zu Ihrem Feinde macht , aber er hat eine Scheu vor Ihnen , er fürchtet Sie . Mein Gott , wir sind ja unter uns . Wollen Sie sich Napoleon verkaufen , haben Sie sich schon verkauft ? Tant mieux , er bezahlt gut . Auf meine Diskretion können Sie hoffen . Es sind viele erkauft und doch gute Patrioten . Sie haben nicht einmal eine Pflicht zu brechen , und - wie gesagt , mich geht ' s nichts an . L ' amitié surpasse la trahison . Enfin , wir sind ja auch Napoleons Freunde . « Der Legationsrath hatte die Stirn in Runzeln gelegt . Er stand wie in sich versunken , mit verschränkten Armen , den Blick , der in weite Fernen zu streifen schien , von dem Manne abgewandt , welcher eben so eindringlich zu ihm gesprochen . Es schien ein Selbstgespräch : » Wer dieses Meteor ergründete ! Ob er wirklich der Wandelstern , der im Kreislauf der Aeonen wiederkehrt , wenn seine Zeit kam , die unsere Schwäche nur nicht ermisst , oder - nur die blitzende Nachterscheinung , der Komet , der seinen Schweif betäubend über unsere Häupter rasselt . Wir stehen gebeugt unter dem Hagel seiner Meteorsteine und - « Er hielt inne und athmete tief . » Und wer sich selbst getreu blieb , wird auch hier sich nicht betäuben lassen . - Nein - nein - auch diese Sonne von Austerlitz hat trübe Flecke . Groß und strahlend , aber je mehr sie der Mittagshöhe sich nähert , um so mehr sehe ich sie schwanken , zittern vor sich selbst . Auch er wird untergehen , indem er sich selbst überhebt . Nur wer fest und bewusst - . Ach , mein Gott , « fuhr er fort , wie aus seiner Träumerei erwachend . » Ich vergaß mich da in Gedanken , die nicht hierher gehören . Groß ist er , aber - sicherer Der , der sich an keine Größe lehnt , nur auf sich selbst . « Der Legationsrath hatte sich verrechnet , wenn er gemeint , auf den Geheimrath damit einen Eindruck zu machen . Dieser hatte sich ruhig ein neues Glas eingeschenkt , und mit derselben Behaglichkeit ließ er es über die Zunge gleiten , die er vorhin an Wandel gerügt oder gerühmt . » Sie wollen also mit Napoleon nichts zu thun haben ? Votre plaisir ! Aber , merken Sie sich , Haugwitz ist ängstlich inquietirt . Er giebt Winke , wie man Sie beobachten soll . Wenn Sie also keinen Passe par-tout von Napoleon in der Tasche haben , - « » Die Aufmerksamkeit , welche Herr von Haugwitz meiner unbedeutenden Persönlichkeit schenkt , möchte mir schmeicheln , wenn - « » Sie keine andere Absichten hätten . Gehen Sie mit sich zu Rathe , entscheiden Sie sich , aber bald . Wir sind nun ganz wieder in unserer Aisance , wenn er zurück ist . - Haugwitz bleibt . - Der König ist seelenfroh , wenn er nichts zu ändern braucht . Es stiefelt sich fort , sagen die witzigen Berliner , und eines Morgens könnte Haugwitz etwas einfallen , - das passirt auch manchmal an einem Feiertage - der Polizeikommissarius klopft an Ihre Thür mit der Bitte , sich schnell anzuziehen , und Sie werden eingepackt . - Da haben Sie die Bescherung . Man titulirt ' s höhere Staatsrücksichten , im Grunde genommen ist ' s nur eine Indigestionslaune . Sie sind ein Mann von großer Klugheit - « » Der indeß bei Verbindlichkeiten , die er eingeht , den Charakter und sein Gewissen immer berücksichtigt - « » Etcaetera , bravo ! « sagte der Geheimrath und klopfte ihm auf seine Schultern . » Wozu noch Flausen . Das Uebrige wird sich finden . Es müsste doch mit dem Teufel zugehen - Excüs ! - wenn er uns nicht hülfe , die Antipathie zu beschwören . Haben Sie nicht sympathetische Tropfen ? A propos ! da fällt mir unser Mirakel ein , unser Liebespaar . Haben wir ' s da nicht durchgesetzt ? Das verloren wir ganz aus den Augen . Wie steht es ? - Das ist der Fluch eines Staatsmannes , sein Liebstes muß er opfern dem Dinge , was das dumme Volk - wie steht ' s , Legationsrath ? « » Der Dépit amoureux ist eine passagere Erscheinung . Die Gargazin , die uns aus Gefälligkeit beistand , ist der Sache überdrüssig . « - » Die gute Fürstin möchte alle Welt glücklich sehn . Aber Haugwitz - das ist ' s , was ich sagen wollte . Der arme Haugwitz muß jetzt eine Recreation haben , nach so viel Verdruß ! Ein , zwei Fliegen stören uns nicht , aber das Fliegengebrumm , wenn wir schlafen wollen , ist fatal . Recht was Exquisites ! Strengen Sie Ihren Scharfsinn an , etwas zum Todtlachen , bedenken Sie , es gilt fürs Vaterland . Also , theuerster Mann , Ihren ganzen Scharfsinn darauf , fädeln Sie was Neues ein . Man sagt , sie hätte Scheidungsgedanken . « - » Pfui ! das ist unmoralisch . Ich meine , man könnte ihr das Unsittliche einer solchen Handlung vorstellen lassen . « - » Wenn nur ein Duell zwischen dem Rittmeister und dem Baron zu ermöglichen wäre ! « Der Legationsrath schüttelte den Kopf . » Wer dem Baron eine Kugel vor den Kopf schösse , was ich natürlich nur im Scherz sage , thäte übrigens dem Staate einen rechten Dienst . « - » Im Ernst ? « - » Sein Tuch , ' sist ein Skandal . Wenn man solche Montur gegen die Sonne ausbreitet , können die Wespen durchfliegen . Ich sagte es ihm neulich . Was antwortete er ? Er hätte ' s so eingerichtet , daß die Kugeln der Staatskasse keinen Schaden thäten . Ich liebe nicht solchen frivolen Witz in ernsten Dingen . - Sie sind nachdenklich , Wandel ? Sie sehn nach der Uhr . « - » Einige nennen ihn einen schlechten Menschen . « - » Pah ! Seine Maitressen bezahlt er gut , unser Tuch macht er schlecht . Aber im Grunde genommen , was geht ' s uns an ; wir haben Friede . Noch keinen Einfall ? « - » Doch - vielleicht . Bei ihm ist Hopfen und Malz verloren . Wie aber , wenn man sie eifersüchtig machte ! « - » Auf ihres Mannes kleine Liaisons ? Was hülfe uns das ? « - » Nein , auf den Rittmeister . Er sah neulich die neue Choristin mit dem Operngucker sehr eifrig an . Wenn es gelänge , sie aus ihrer Seelenruhe aufzustacheln ! Wenn sie außer sich geriethe , sich fortreißen ließe- « » Nun , was besinnen Sie sich ? « - » Es ist nur ein flüchtiger Einfall - schwierig , aber möglich ist Alles - wenn sie in ihrer Verzweiflung ihren Mann zu Hülfe zöge . « - » Ça serait le comble du ridicule . « - » Aber nichts Neues . Wie gesagt , Alles noch embryonisch dunkel , aber sie muß jetzt mit dem Rittmeister aneinander . Das ist mir klar ; es giebt kein ander Mittel . « - » Wenn es nur zum Rechten führt . « - » Dafür lassen Sie mich sorgen . « - » Wohin so eilig ? « - » Zur armen Geheimräthin ! Ach , eine Unglückliche ! Die bedarf des Trostes . « » Bleiben Sie mir mit der vom Leibe . Ich kriege Bauchgrimmen , wenn sie mich lange ansieht . « - » Das ist eine unglückliche Frau ! Nun auch das zweite Kind ! « - » Es waren doch rebutante Geschöpfe . Sie kann es unmöglich lieb gehabt haben . « - » Der Idealismus weiß von einer Liebe , die gerade das ihm Unangenehme mit zärtlichen Armen umfasst , einer Liebe , die ihre ganze Innigkeit und Wärme ausströmt auf die Subjekte , welche es am wenigsten empfinden und , statt es zu erwidern , mit Undank belohnen , eine Liebe , die sich gefällt , immer zu geben und zu opfern , ohne wieder zu nehmen , ja , die ihre höchste Befriedigung in der Empfindung sucht , von Verkennung und Undank heimgesucht zu sein . « » Das ist nicht unsere Sorte von Liebe ; nicht wahr , Wandel ? « » Die Welt ist mannigfalt . Bewundern darf man doch die Märtyrer , auch wenn man sich nicht berufen fühlt , ihnen nachzufolgen . « - » Par distance ! - Warum nahm sie aber die Kinder zu sich ! « » Warum ! - Warum nahm sie ihren Mann ? Sie hat den Geheimrath nie geliebt . Um ihn zu pflegen . Warum nahm sie die Alltag zu sich ? Aus Liebe doch nicht zu dem eigensinnigen Geschöpfe ? Mein Herr Geheimrath , Männer wie wir sind über die Ungerechtigkeit der Welt hinaus , wir warten nicht auf Dank , aber erlauben Sie mir , wenn ich die Frau unglücklich nenne , die für die Anstrengungen ihres warmen Herzens , Andere glücklich zu machen , nichts erntete , als Verkennung . « » Liebster Legationsrath , « entgegnete Bovillard , » erlauben Sie mir , nichts drauf zu sagen , als : les goûts sont différents ! « - » Ich wünschte , Sie hätten sie am Schmerzenslager der kleinen Malwine gesehen . Weil sie nicht weinen konnte , das hat man auch getadelt . « - » Die Kinder sollten ihre Erben sein ; wer kriegt ' s denn nun ? In ihrer Familie ist Alles ausgestorben . Mit der einen Seitenbranche ist sie spinnefeind . « - » Unnatürliche Feindschaft in Familien ! Vielleicht kann man da freundlich zu einer Verständigung einwirken . « - » Lieber vermacht sie ' s den Kapuzinern . Und fünfundneunzigtausend Thaler unter Brüdern . « - » Ich glaubte nur achtzigtausend ! « - » Vor dem letzten Heimfall . Aber - fünfzehntausend in Obligationen - Sie können sich drauf verlassen , - fielen auf ihr Theil aus der Konkursmasse ihres Onkels . Und man muß doch auch rechnen , was vom Geheimrath dazu kommt , wenn er früher stirbt - « » Wenn er früher stirbt . « Wandel hatte es so gedankenlos , oder in Gedanken versunken , gesagt , als er gedankenlos mit seinen Handschuhen gespielt . Er reichte zum Abschied dem Geheimrath die Hand : » Wenn nicht mehr - ich wollte sagen , wenn Sie der verlassenen Isolirten nur ein stilles Plätzchen der Theilnahme in Ihrem Herzen schenken wollten ! « » Bleibt ein ehrenwerther Mann , « sprach Bovillard , als er fort war , » nur zu viel Sentiment . « Siebenundfünfzigstes Kapitel . Wandel muß Politik treiben und sentimental sein . Das Haus der Fürstin schien ein offenes . Man kam und ging , zu jeder Tageszeit ; man war willkommen und empfangen , ohne angemeldet zu sein , und konnte verschwinden , ohne daß es bemerkt ward . Englischer Komfort schien mit französischer Anmuth und Leichtigkeit gepaart . Aehnliches hatte man in Berlin noch nicht gesehen ; man beredete es , aber gefiel sich darin . Keine Thür war verschlossen , die Wände schienen von Krystall ; es ist aber damit nicht gesagt , daß nicht doch manche Thür unter der Tapete versteckt , und der Krystallspiegel eine Wand verdeckte , hinter die zu blicken nicht erlaubt war . Die Fürstin hatte sich neuerdings zu einem längeren Aufenthalt eingerichtet . Alle Welttheile hatten ihre Produkte , Kunstfertigkeit und Erinnerungen beigesteuert , um die Zimmer auszuschmücken . Das Hetrurische und Pompejanische , vor Kurzem die Modepuppe , ward hier paralysirt durch das Chinesische und Hindostanische . Porzellanfigürchen , Pagoden und Pfauenwedel ; dazwischen die rein geschnittenen Schönheitslinien eines griechischen Basreliefs , römische Kaiser und Mohrenköpfe auf echten Konsolen , neben Federkronen von den Sandwichsinseln und urweltlichen Gerippen , Schamanenmäntel und Bogen und Köcher der naturwüchsigen Völkerschaften Sibiriens . Die Ostentation alles dieses