freilich die Lügner nicht zu fassen wagten . Auf so wildes Reden hin , that man besser , ihm die nächste Vacanz zu geben . Er bekam sie nach Angerode als Stadtpfarrer und starb in den kaltgründigen alten Zimmern des Tempelhauses sehr bald nach der Übersiedelung . Von der Universität und aus Schulpforte her , wo ich , Wildungen , Rodewald und ein gewisser Rudhart Contubernalen waren , weiß ich , daß diese Wildungen von dem Johanniter Hugo von Wildungen stammen und oft sagte er mir , wenn sich gewisse Urkunden fänden , könnte er ein überreicher Mann sein . Ich gestehe , daß ich später , da mir die Gegenstände seiner etwaigen Ansprüche selbst so wunderbar zur Bedingung meiner eigenen Existenz wurden , mit einem gewissen sonderbaren Mistrauen ihn nach Angerode ziehen sah . Wie nun , wenn sein Sohn , auf Veranlassung des Prozesses , in dem er arbeitet , in Angerode Nachforschungen gehalten hat , die mit Entdeckung eines eingemauerten Archivs endeten ? Ich habe sogleich Auftrag gegeben , dort weitere Untersuchungen anzustellen und bin erstaunt , bei Ihnen schon die Spuren dieses unerwarteten Incidenzfalles anzutreffen . Schlurck lächelte und sagte : Bester Freund , Sie nehmen mir eine große Last vom Herzen . Dieses alte Ding da ist auf nicht ganz ostensible Art in mein Haus gekommen ; aber wenn ich dabei etwas verbrach , so entschuldigt mich der Eifer für unser gemeinschaftliches Interesse . Ich will Ihnen diese Sache erzählen . Gelbsattel ' s Neugier wurde durch eine Unterbrechung gestört .... Bartusch war eingetreten und flüsterte seinem Prinzipal ins Ohr , daß der Amerikaner da wäre ... Rechnen Sie mit ihm , sagte Schlurck . Führen Sie ihn oben in ein anständiges Zimmer ! Zählen Sie seine Caution und stellen Sie ihm Scheine dafür aus soviel er will , ich werde sie unterschreiben . Den Knaben kann ja Melanie unterhalten ... Bartusch nickte und ging , die Hand voller Papiere .... Es währte einige Sekunden , bis Schlurck den unangenehmen Eindruck dieser Unterbrechung überwunden hatte . Dann erzählte er dem aufhorchenden Freunde : Ich war vor etwa acht Tagen in Hohenberg . Die Theilhaber der fürstlichen Masse hatten sich dort versammelt und nach den bittern Betrachtungen des Tages folgten Abends gesellige Tröstungen und Erheiterungen , so gut es gehen wollte . Ein kleiner Ball hatte ungewöhnlich spät gedauert . Das schöne Mondenlicht verführte mich , eine Dame , die ich sehr schätze , nach Hause zu begleiten , und , wie gesagt - Schlurck fuhr sich mit der Hand an den Hinterkopf , wie er pflegte , wenn er eine künstliche Verlegenheit schildern wollte , strich das wenige dort sauber gelegte Haar glatt und warf die Brille wieder auf seine frivol die Öffnungen aufblasende kleine Stumpfnase ... Nun - nun - unterbrach Gelbsattel schelmisch diese sonderbare Gebehrdensprache . Sie verweilen ja sehr lange bei der Dame im Mondenschein .... Nicht im Mondenschein , fuhr Schlurck fort , dafür sind wir nicht mehr romantisch genug ; genug , es war über zwei Uhr , als ich wieder aus dem Dorfe Plessen zum Schloß zurück will . Komm ' ich da an eine Schmiede , die am Fuße des Berges liegt , und sehe , daß einem Güterwagen eben die Achse gebrochen ist . Der Fuhrmann hatte ohne Zweifel der Hitze wegen in der Nacht fahren wollen und war etwas im Schlaf gewesen . Genug , der Arme lag halbtodt unter dem Rade , dessen gebrochene Felgen glücklicherweise nicht mehr von der ganzen Kraft des nicht übermäßig bepackten Wagens gedrückt wurden . Das laute Winseln eines gleichfalls verletzten Hundes , mein eignes Rufen weckte die Leute in der Schmiede . Man trug den Fuhrmann hinein und entleerte etwas den Wagen , um ihn leichter zur Verbesserung des Rades in die Höhe schrauben zu können . Bei dieser Gelegenheit entdeckt ' ich , als ich eben übermüdet zum Schlosse hinaufsteigen will , einen Gegenstand unter den ausgepackten Sachen , der mich wahrhaft überraschte .. diesen alten Schrein ! Es war das Kreuz mit den vier Kleeblättern in seinen Enden ! Unser Prozeß im neuen ernsten Beginnen , die Wichtigkeit der daran sich knüpfenden Verhältnisse , Befremden über diese seltsame Erscheinung des protestantischen Johanniterkreuzes von Angerode , eine Art von Aberglauben über die Weisheit des Zufalls , alles Das bestimmte mich , die Bewohner der Schmiede zu veranlassen , den Schrein bei Seite zu stellen , wieder aufzupacken und dem Fuhrmann , wenn er sich erholt hätte , das Geschehene à tout prix zu verschweigen . Nachdem ich mich über den Fund orientirt hatte , konnte man ihn ja unter irgend einem Vorwande dem Besitzer wieder zustellen . Gingen die Bewohner der Schmiede auf dies riskante Ansinnen ein ? fragte der Propst erstaunt , und waren Sie ihrer so gewiß ... Ich hatte mit einem alten Manne zu thun , der blind ist , sagte Schlurck , und seinem Sohne , der an Taubheit leidet . Meine Amtswürde nahm ich zu Hülfe und wußte ihnen begreiflich zu machen , daß es sich hier um eine wichtige Entdeckung im Interesse des Staates handelte . Sie trugen mir den Schrein an einen verborgenen Ort . Kaum hatt ' ich einige Stunden geschlafen , als der alte Schmied sich von dem jungen zu mir hinaufführen ließ und um Gotteswillen bat , ihnen zu erlauben , den Schrein herauszugeben , der Fuhrmann gebehrde sich wie rasend , an dem Schrein läge mehr , als ein Mensch ahnen könne ... denken Sie sich ! Je mehr sie baten , desto mistrauischer wurd ' ich natürlich und zuletzt bestand ich darauf , daß der Schrein nur noch für mich existire , und unverrichteter Sache stiegen sie wieder hinunter ... Gelbsattel schaltete hier erstaunend wieder die Bemerkung ein : Das brachten Sie mit Ihrem einfachen Befehl zu Wege ? Doch nicht ! sagte der Justizrath . Ich ergriff ein mir glücklicherweise zu Gebote stehendes Mittel , den Alten zum Schweigen und unbedingten Gehorsam zu bringen . Ich raunte ihm ein paar Worte zu , die ihn so erschreckten , daß er zu Allem bereit war und mir den Schrein so lange bewahrte , bis ich ihn auf meinen Wagen lud und mit ihm hier ankam . Ein paar Worte ? fragte Gelbsattel erstaunt lächelnd . Sie sind ja ein wahrer Zauberer ! Lehren Sie mich doch auch so inhaltsschwere und mächtige Worte ! Ich erinnerte die Leute , antwortete der Justizrath , einfach an eine alte Geschichte , in der der Vater eine Rolle gespielt hatte , für die ihm noch für den Rest seines Lebens eine gewisse fatale Belohnung gut ist , wenn man ihn entdeckte .... Sie Allwissender ! bemerkte Gelbsattel kopfschüttelnd . Vielerfahrener ! antwortete Schlurck . Ich ließ den Schrein hier öffnen und fand darin Papiere , die mit unserm Proceß auf ' s innigste zusammenhängen . Daß dies jener Gegenstand ist , den man in Angerode vermißt , scheint mir unwiderleglich . Es frägt sich nur , ob die Regierung selbst oder die zweite Curie jene Untersuchung anordnete oder ob der junge Mann , den Sie erwähnen , ganz aus eigenem Antriebe auf diese Entdeckung kam . Jedenfalls hab ' ich jetzt das Recht zu sagen , ich hätte einen geraubten Gegenstand bei einem Hehler entdeckt und es für meine Pflicht gehalten , ihn mir bis auf Weiteres anzueignen .. Werden Sie diese Wendung unterstützen ? In einer so wichtigen Sache ? sagte Gelbsattel . Ohne Widerrede ! Meldet sich jetzt jener Wildungen , fuhr der Justizrath wahrhaft aufathmend und herzerleichtert fort , so verweigern wir ihm noch obenein die Auslieferung . Eine Anfrage in der Zeitung hat meinerseits dann nur den Zweck gehabt , hinter eine unerlaubte Aneignung zu kommen . Wir geben den Inhalt des Schreins zu den Akten ... Und was glauben Sie , fragte Gelbsattel gespannt , was glauben Sie , daß durch diese höchst wahrscheinlich in bestimmter Absicht verborgen gehaltenen Dokumente bewiesen werden könnte ? Nach flüchtiger Durchsicht , sagte Schlurck ruhig , sprechen sie weder für uns , noch für die Regierung . Eher möcht ' ich glauben , daß der Auffinder desselben eine persönliche Absicht hat . Er erschien bald darauf in Plessen und forschte mit Leidenschaftlichkeit nach der Art , wie jenes Frachtstück verloren ging . Meine Schmiede scheinen nicht Wort gehalten zu haben ; denn zu meinem Erstaunen äußerte er , über den Verlust selbst beruhigt zu sein . Er wisse , daß ich den Schrein besäße . Auf der andern Seite ist es auffallend , daß Viele behaupten , der Forscher nach dem Schrein wäre der Prinz Egon gewesen . Prinz Egon von Hohenberg ? fragte Gelbsattel erstaunt . Der junge Hohenberg ! bestätigte Schlurck . Wie wäre Das ? Er soll ja heftig erkrankt sein , erzählte man . Die Ärzte fürchten ein Nervenfieber . Ein Zusammenhang des Prinzen mit jenem Wildungen , den Sie erwähnen , ist mir gewiß , ja ganz fest bewiesen . Welches aber der Zweck dieser Verbindung ist , wie er mit einer Reise jenes Wildungen oder Beider zugleich nach Hohenberg zusammenhängt , welche Rolle darin das erbrochene Archiv von Angerode spielt , Das bin ich zur Stunde unvermögend anzugeben . Gelbsattel fiel darauf ein : O , Freund , Ihr Scharfsinn wird binnen kurzem alle diese Dunkelheiten lichten ! Doch hüten Sie sich vor diesem Dankmar Wildungen ! Es ist ein unternehmender verschmitzter Kopf , voll planmäßiger Schlauheit und mit einer Federkraft begabt , die ihm für die schwierigsten Dinge Muth und Ausdauer gibt . Auch gehört er mehr , als seinen Vorgesetzten gefallen will , zu den Demokraten . Schlurck gedachte nun voll Beschämung über seine Champagnerverwirrung des Fremden im Heidekrug und fragte : Er ist klein .. Mittlerer Statur ! Braunes Haar ? Mehr braun als blond . Das ganze Wesen unternehmend und keck . Er trägt einen Bart auf der Lippe und am Kinn ? Ich sah ' ihn längere Zeit nicht mehr . Seit den politischen Kämpfen meidet er alle die feinen Cirkel , in die ihn sein Bruder , der Maler Wildungen , ein ungleich geringeres praktisches Talent , obgleich nicht ohne Schwung und Poesie , eingeführt hat .. Schlurck schüttelte ärgerlich den Kopf . Er sah ein , daß er sich , wie er an Bartusch schrieb , » im Champagnernebel « getäuscht hatte , als er in Wildungen den Prinzen Egon zu erkennen glaubte und seiner Familie diesen allerdings nicht unbedeutenden jungen Referendar für eine so wichtige respectwürdige Standesperson angedeutet hatte . Der Unmuth über diese Täuschung wuchs , als Melanie von oben die kleine Wendeltreppe halb herabstürmte und ohne Rücksicht auf Gelbsattel oben auf den Stufen in die ängstlichen Worte ausbrach : Vater ! Eben will ich dem kleinen Amerikaner , da er so mädchenhaft aussieht wie Cherubim , eine Haube aufsetzen , als er mir sagt : Ich möchte ihn schonen , er wäre betrübt über die Krankheit des Prinzen . Ist der Prinz krank ? So gefährlich krank , wie der Knabe sagt ? Du warst ja dort ? Sorgen die Ärzte wirklich um sein Leben ? Allerdings ! sagte Schlurck . Doch geht dich Das wenig an . Du bist über den Prinzen in einem Irrthum ... Melanie blickte den Vater starr an . Ich habe eine sehr große Thorheit begangen , sprach Schlurck in gewaltiger Verstimmung zu ihr empor . Es war ein junger Referendar , Namens Wildungen , der Euch im Schlosse besuchte ! Es ist ein Freund des Prinzen ! Es gibt zwei Wildungen , einen Maler ... Und einen Referendar ! fügte Gelbsattel hinaufschmunzelnd hinzu . Melanie entfernte sich erblassend und ohne zu antworten schwankte sie die engen Stufen hinauf ... Bald aber hörte man , daß oben ein Fenster aufgerissen wurde , das in den Hof führte , und Melanie rief : Neumann ! Anspannen ! Gelbsattel , da es eben von seiner Kirche dumpf zwei Uhr schlug , empfahl sich . Er sagte noch zu Schlurck : Sie haben viel auf dem Herzen , bester Freund , was Sie mir nicht mittheilen wollen . Ich denke , Sie werden es , wenn es reif ist oder , um es zu werden , meine Mitberathung vielleicht in Anspruch nimmt ! Einstweilen hab ' ich hier merkwürdige Thatsachen erlebt ! Soviel seh ' ich wol , daß wir verwickelten Schwierigkeiten entgegen gehen und Manches erfahren werden , was wir in den bisherigen Stadien unserer Angelegenheit nicht für möglich hielten . Darin haben Sie recht , Freund , sagte Schlurck , sammelte sich , da es Tischzeit wurde , zu seiner sonst üblichen Heiterkeit und schlug seine Hand in Gelbsattel ' s mit den Worten : Sie wissen , daß ich das Altwerden für eine schlechte Angewöhnung halte . Noch heute hab ' ich ' s dem Sanitätsrath Drommeldey gesagt . Aber auch dadurch bleiben wir jung , daß wir vor Schwierigkeiten nicht erschrecken . Immer die gerade Bahn laufen macht krumm und schläfrig . Es ist eine dumme Wahrheit , die nur in der Mathematik gilt , daß der gerade Weg zwischen zwei Punkten der kürzeste ist . Im Leben ist im Gegentheil der gerade Weg immer der längste . Nur was den Geist spornt , in Thätigkeit setzt , zum Aufmerken zwingt , belebt ihn und der Geist ist ' s doch allein , von dem die Maschine abhängt , oder meinen Sie , daß die Maschine den Geist regiert ? Manchmal , wenn ich Appetit habe und mir die Gedanken schwinden , möcht ' ich fast das Letztere glauben ! Lieber Freund , sagte Gelbsattel , den Thürdrücker ergreifend , Das machen wir hier zwischen Thür und Angel nicht ab ! Nur darum möcht ' ich Sie noch bitten , gäben Sie mir wol für einen Franzosen , der hieher gekommen ist , Herrn Professor Rafflard aus Paris , eine Empfehlung an den Criminaldirektor ? Empfehlung an den Criminaldirektor ? sagte Schlurck lachend . Er soll einen honetten Einbruch machen , dann braucht er meine Empfehlung nicht . Wie heißt der Herr ? Gelbsattel erwiderte mit einiger Befangenheit : Professor Rafflard kommt von Paris , als Agent einer Humanitätsgesellschaft , um sich über den Zustand der Gefängnisse bei uns zu unterrichten ... Aha ! So ein philanthropischer Salon-Quäker ! sagte Schlurck ; Einer , dem es dafür um Orden , Titel und Einladungen zu thun ist ! Wie viel gute Ideen müssen doch dafür herhalten , daß eitle Menschen auf sie reisen und sich lächerlich machen ! Ich denke , Sie sind nicht für die » innere Mission « ? Professor Rafflard ist sehr gut empfohlen , bemerkte Gelbsattel schon im Gehen , während ihm Schlurck das Geleite durch einen dunkeln Gang gab ; er hofft an den Hof zu kommen und dient einem Zwecke , dem sich einige uneigennützige Gemüther doch auch schon praktisch , ohne Phrasen , ohne Christelei gewidmet haben .. Verbesserung der Gefängnisse ! sagte Schlurck . Eine Feile und ein Strick ist für die Spitzbuben die beste Verbesserung der Gefängnisse . Ich will ' s übrigens dem Criminaldirektor sagen ... Damit trennten sich die Freunde . Schlurck kehrte nun in sein Bureau zurück , schloß von innen ab und stieg langsam und nachdenklich in den ersten Stock , um zu lauschen , wie weit Bartusch in seiner Verhandlung mit dem Amerikaner gekommen war .. Er begegnete Melanie , die ihm auf die Frage , ob sie heute mit ihm zur Harder fahren würde , keine Antwort gab . Sie hatte sich den Hut aufgesetzt , einen Shawl umgeworfen und stürmte die Treppe hinunter , um sich in den offenen Wagen zu werfen , der eben unten in der Hausflur vorfuhr ... Wohin befehlen Fräulein ? fragte der Bediente , den sie getrieben hatte , jedes andere Geschäft , die Zurüstung zum Mittagsmahl und was sonst zu seinen Obliegenheiten gehörte , fahren zu lassen und sich nur in die Livree zu werfen .... In das Atelier des Professors Berg ! rief sie und warf sich in die weißen Kissen des Wagens . Als ihr Vater vom Fenster nachsah , wie sie erst im Wagen sich die Handschuhe anzog und mit kalter Verachtung der Welt um sich her blickte , dann den Schleier überwarf und rasch davon fuhr , dachte er bei sich selbst : Wohin tobst du , um deiner Verzweiflung zu entfliehen ? Armes Kind ! ... Sie hat sich doch wol eingebildet einen Fürsten zu lieben und nun ist es nur ein gewöhnlicher Mensch , wie wir Andern auch ! Begeh ' keine Thorheit , wilde Tochter ! Wenn dieser gewöhnliche Mensch so viel Verstand hat , wie Gelbsattel an ihm fürchtet , so könnte er mich , wenn er dich liebt , zum Schwiegervater eines Millionairs machen ... Wie er so sinnend stand , brachte Bartusch Papiere zum Unterschreiben und meldete zugleich , daß ihn Lasally zu sprechen wünsche .... Lasally ? sagte Schlurck gezogen . Er wird mich doch nicht zum Anwalt seines albernen Prozesses gegen Hackert , den Ihr mir erzählt habt , machen wollen ? Er soll zu meiner Frau gehen und heute einen Löffel gewärmter Suppe mit uns speisen . Gewärmt ! Dahin kommt es auch noch ! Melanie wird hoffentlich nicht zu lange bleiben . Die Papiere wollen wir in meinem Zimmer unterschreiben . Mühseliger Tag ! Er wiegt schwerer als seit lange einer , und doch gehört er zu denen , die ich in anderm Sinne als Kaiser Titus einen verlornen nenne ! Bartusch ging zur Justizräthin , bei der Lasally schon wartete . Schlurck stieg mismuthig die Wendeltreppe hinunter in sein Zimmer zum Abschluß der Verhandlung mit Ackermann , die seit lange seine schmerzlichste Erfahrung war . Etwas Halbes war ihm ... Nichts . Zehntes Capitel Die Ganzen und die Halben Eine Werkstatt der zeichnenden Künste mußte so gebaut sein wie die des berühmten Professors Berg , um neben der Bestimmung , dem Künstler Gelegenheit zu ungestörtem Fleiße zu geben , auch als ein freier Tummelplatz heitrer Laune und scherzhaften Gespräches dienen zu können . Der große Anbau seines italienischen Hauses war eine Halle , massiv gebaut , aber doch in Form jener antiken Bauart gehalten , die den Ursprung aller Architektur aus zusammengelegten Blöcken durch bunte Malerei , Vergoldung und Zierrath aller Art nicht verbergen will . Schimmerte auch die Decke nicht in goldenen Verzierungen , so wurden ihre Balkengevierte doch durch Farbenschmuck aller Art sehr frisch gehoben . Die Form der Halle war eine dreitheilige . Drei große nach Norden gehende Fenster warfen das der Malerei nöthige Licht in den gewaltigen Raum , der durch zwei von der halben Decke herabgehende schwere grüne Vorhänge in zwei kleinere und eine größere Abtheilung getrennt war . Ließ man die wuchtigen Vorhänge zufallen , so waren die hinter ihnen beschäftigten Maler voneinander getrennt . Standen sie offen , so gewährten sie die Möglichkeit einer gemeinschaftlichen Unterhaltung durch das ganze Atelier . In dem ersten Drittheil saßen einige Schüler und Anfänger , in dem großen Zwischenraum die selbständigen jüngern Kräfte , die sich um Professor Berg scharten , im dritten war dieser selbst beschäftigt . Die große Südwand , ganz massiv , war in pompejanischem Geschmacke gemalt . Die rothe Farbe hatte in dem bunten Gemisch den Vorrang . An der Ostwand war der doppelte Eingang , einer von unten her und einer oben von der Altane , die das erste Stockwerk des Hauptgebäudes mit dem Atelier verband . Auf der Hälfte der Stiege , die von oben her kam , schloß sich ihr von unten herauf eine andere an , die in einer langen hölzernen , mit grauer Ölfarbe gestrichenen Brücke endete , die durch das ganze Atelier ziemlich nahe an der Südwand sich hinzog - diese Brücke diente für große Gemälde , welche von dem Fußboden aus nicht gemalt werden konnten . Hier und da ließ sie sich auseinandernehmen und auf Rollen nach Belieben vor große Cartons oder Ölbilder vorrücken . An der Westwand , im engern Atelier des Professors Berg , waren sehr geschmackvolle Frescoverzierungen angebracht . Zwischendurch standen Statuen , meist von einem Blumenetablissement umgeben . Die Teppiche und Wandsophas , die ursprünglich in der ganzen Halle anzutreffen waren , hatten sich nur noch in dem engern Raume des Lehrers in dem eleganten Zustande erhalten , wie ursprünglich dieser ganze kleine Kunsttempel gedacht war . Hier fanden sich noch Stühle und Polster , die man den Fremden anbieten konnte . An den andern Punkten hatte jugendliche Zwanglosigkeit schon mancherlei Zierrath für seine Bestimmung untauglich gemacht , zum großen Ärger des mit Überwachung dieser Räume beauftragten Dieners . Auch die großen mit Steinkohlen nur heizbaren Öfen hatten sich im Winter schon mit manchem anschwärzenden Protest gegen den Traum eines sich hier nach Italien versetztglaubenden Idealisten geltend gemacht . Die parkettirten Fußböden waren selbst beim Professor nicht recht wieder zu erkennen und trugen alle Merkmale , daß der wahre Künstler , wenn er einmal in die freie Ausbildung seiner Herrschaft über Kreide und Farbe geräth , an äußere Eleganz und fashionable Bestimmung nicht mehr denkt . Siegbert arbeitete im Mittelraum . Nicht weit von ihm Leidenfrost .. Neben diesem ein junger schöner schlanker Mann , Namens Heinrichson , derselbe , dem zu Gefallen Frau von Harder den Ankauf zweier Schwäne aus Island für die königlichen Gärten veranlaßt hatte . Neben ihm stand jener Ofenschirm , hinter welchem Frau von Trompetta die Bewegungen jenes Schwanes , der Jupiter vorstellen sollte , und seine Angriffe auf eine hölzerne Figur , die die Leda sein sollte , mit so vieler Angst beobachtet hatte ... Dann kam ein junger Maler , Namens Reichmeyer , ein Verwandter des Bankiers von Reichmeyer . Diese vier Maler arbeiteten in der mittlern Halle . In der Vorhalle standen drei oder vier Schüler . Der Raum , den Berg allein einnahm , war noch mit einem kleinern , von Tapeten gebildeten oben offenen Cabinet versehen für die Aufnahme lebender Akte . Siegbert , Leidenfrost , Heinrichson und Reichmeyer waren in einem Gespräche begriffen , wie man es mit Unterbrechungen , langen Pausen allenfalls bei mechanischgeistiger Production doch führen kann . Sie hatten vom Morgen an stark an größern Arbeiten geschafft und nahmen jetzt gegen Mittag leichtere vor , die wol erlaubten , daß dann und wann ein Scherz die gesammelte Stimmung durchkreuzte , die vielleicht gerade mit etwas vorher schon ernst Bedachtem beschäftigt war . Siegbert arbeitete an seinem Albumblatt für Frau von Trompetta . Die drei andern Maler standen eben hinter ihm und wollten wissen , was er in ' s Gethsemane » stiften « würde . Man sah noch in schwachen Andeutungen eine orientalische Gegend ... Palmen , Felsgestein , Ölbäume . Am Boden ein schlafender Christus ... Vor ihm eine noch nicht fertige undeutliche Figur ... Negerknaben mit Fackeln ... In der Ferne ein Kameel mit Dienern .. Andeutungen am Horizont zufolge , die auf Sterne rathen ließen , sollte die Beleuchtung Nacht sein . Ist das unklare Menschenbild da vielleicht , sagte Max Leidenfrost , eine kleine Figur mit zusammengetrockneten , sogenannten Silen- oder Sokrateszügen , ist Das vielleicht einer von den heiligen drei Königen , der nach dreißig Jahren einmal wieder nach Jerusalem kommt , um den inzwischen stattlich herangewachsenen Heiland zu sehen ? Er scheint sich recht zu verwundern , wie die kleinen Kinder mit der Zeit so aus Krippen herauswachsen können .. Siegbert antwortete , indem er mit dem Gummi die Negerknaben etwas corrigiren wollte : Diese Jungen tragen Fackeln , um in die Nacht eine Art Rembrandt ' scher Beleuchtung zu bringen . Die schwarzen Mohrenjungen hätten sich unter den Fackeln so prächtig ausgenommen ... sie kommen auch nicht fort . Nein , Nein ! sagte Heinrichson und hielt die Hand mit dem Gummi zurück , nicht zu rasch mit dem Ändern und Vertilgen ! Ein vernünftiges Motiv muß man nicht so bald aufgeben . Leidenfrost ' s Idee scheint nicht einmal die rechte zu sein . Ich glaube nicht , daß Sie der Frau von Trompetta humoristische Witze in ' s Album malen wollen , die sich nicht biblisch rechtfertigen lassen ... Wäre denn Das blos ein Witz , fragte Leidenfrost , wenn einer von den drei Königen einmal wieder einen Besuch in Galiläa machte ? Könnt ' er Jesus nicht gesagt haben : Braver Mann , ich hielt so viel von Ihnen , aber Sie sind auf dem Wege sich in ' s Unglück zu stürzen ! Sie wollen eine neue Religion stiften und ich komme , weil ich mir etwas Anderes in Ihnen vermuthete , expreß aus Indien , um Ihnen zu sagen , daß wir dort einige noch recht gute alte Religionen haben ! Die beiden Mohrenjungen mit den Fackeln würden eine treffende Symbolisirung der näheren Aufklärung über diesen Gegenstand sein ... Lesen Sie die Zendavesta und die Vedas , meine Herren ! Selbst Gützlaff gesteht , daß Confucius kein Confusius war . Ich vermuthe eher , sagte Reichmeyer , der an Eleganz mit Heinrichson wetteiferte trotz der Atelierüberhemden , die sie trugen ; ich vermuthe eher , daß wir einen Abgesandten des Hauptmanns von Capernaum vor uns haben , der Jesus zu seinem Herrn beruft . Der Heiland versichert ihm , daß er das Wunder bereits verrichtet hätte , er möge nur nach Hause gehen und sich schlafen legen ... Nein , meinte Leidenfrost trocken ohne die Miene zu verziehen , ich kann nimmermehr glauben , daß diese hohe , stattliche Figur , die ich da vor dem Heiland entstehen sehe , ein Unteroffizier oder eine Ordonnanz ist . Ich will dem militairischen Geiste der Juden nicht zu nahe treten , aber so stattlich war doch wol die Rekrutirung ... Ich glaube , unterbrach Heinrichson diese frivolen Späße , ich glaube , daß sie gar kein Kriegsheer hatten und daß der Hauptmann von Capernaum ein römischer Centurio war . Die Mohrenjungen sind dann schon eher angebracht . Man könnte annehmen , daß dieser römische Hauptmann aus jener Armee hervorgegangen ist , die schon unter Antonius bei der Cleopatra afrikanische Luxusstudien machte .. Mein Himmel , unterbrach Siegbert , dem des Spottens und Schraubens doch am Ende zu viel wurde , diese für zwei Maler , die auf einige Ausstellungen schon Heiligenbilder geliefert hatten , charakteristischen Äußerungen , mein Himmel , welche Verwirrung über die Auslegung einer sehr einfachen und , wie ich fast glaube , nicht genug ansprechenden Idee ! Ich will ja nichts Anderes , als hier in einfacher Tusche die Thatsache wiedergeben : Nicodemus kommt zum Herrn bei der Nacht . Hier schlafen unter freiem Himmel die Jünger , von denen nur einige sichtbar sind . Christus wachend hat sich erhoben und empfängt den nächtlichen Besuch des vornehmen Pharisäers , der , von innerster Achtung vor dem Religionswerke des Heilands durchdrungen , doch noch nicht den Muth hat , ihn öffentlich zu bekennen . Die beiden Mohrenknaben leuchten ihm in den Garten . Hinten steht das aufgezäumte Kameel , auf dem er aus der Stadt gekommen , nur von einigen vertrauten Dienern begleitet . Auch diese wie die Mohrenknaben wollt ' ich in ehrerbietiger Andacht erscheinen lassen . Hinten ganz fern sieht man die Zinnen von Jerusalem . Sehr schön ! rief Heinrichson mit einer gewissen gentlemanliken Herablassung . Die Skizze ist würdig , in Öl ausgeführt zu werden . Wie herrlich diese Beleuchtung durch die Sterne und die Fackeln ! Schon seh ' ich , daß Sie beabsichtigen , das rothe Licht grell auf die schlafenden Jünger fallen zu lassen . Es kann ein recht sanftes Leben in das Ganze kommen ! Diese Nachtstille , diese schlummernde Pflanzenwelt ! Und dabei das heilige Wachen des Glaubens und die feierliche Beherrschung der schlummernden Natur durch die Macht des Geistes ! Ich sehe das Blatt schon fertig vor mir und verspreche Ihnen davon eine gute Wirkung ... Auch Reichmeyer stimmte dem feinen und so ausnehmend wohlwollenden Urtheile Heinrichson ' s , das Siegbert fast stutzig machte , bei und nannte das Ganze einen » guten Gedanken « . Doch tadelte er die Mohrenknaben .. Siegbert hätte selbst schon angedeutet , daß diese Vermuthung auf Abwege führen und für nicht echt jüdisch gehalten werden könnte . Die Juden hätten niemals solche Sklaven gehabt ... Ach was ! rief Leidenfrost . Welcher Künstler wird sich denn an solche Niemals ! Niemals ! kehren ? Wir haben auch keine Sklaven und doch Jockeys und wer sich einen Neger halten kann und die Kreuzung der Racen unter seinem Gesinde nicht fürchtet , der läßt sich gerade von einem Neger dahin begleiten , wo einheimische Bediente vorlaut und unzuverlässig sind . Bleiben Sie ja bei den Negerknaben , Wildungen ! Auch bei dem Kameel ! Die alten Italiener waren darin ja so prächtig ungenirt . Auf Paul Veronese ' s großen neutestamentarischen Scenen kommen alle die Neger vor , die man in den Häusern der vornehmen Venezianer damals herumlaufen sah , Papageyen und Affen , wie sie einmal zur orientalischen Anschauung gehören ... Siegbert , ermuthigt durch diesen Beifall und sonst schon den ganzen Vormittag in aufgeregter Laune , fiel mit den heitern Worten ein : Die Negerjungen lass ' ich schon der Frau von Trompetta wegen . Sie werden ihr die traulichsten Missionsgedanken wecken . Heinrichson und Reichmeyer lachten über diesen Einfall . Leidenfrost trat nun näher , betrachtete noch lange die Skizze und sagte endlich : Bedenklicher freilich , bester Freund , ist der geistige Ausdruck Ihrer Skizze ! Sie wollen doch gewissermaßen sagen : Seht da Einen von Denen , die nicht den vollen Muth ihrer Überzeugung haben ! Nicodemus hat einen Anflug von Christi göttlicher Sendung empfangen , er fühlt , daß dies der verheißene Messias ist und hat doch nur den Muth , bei Nacht zu ihm zu kommen ! Ich bin begierig , wie dies Urtheil des Künstlers herauskommt ! Denn urtheilen dürfen wir doch ? Nimmermehr werd ' ich die feigen Pinsel anerkennen , die nur die Thatsache geben wollen und das Urtheil dem Beschauer überlassen