Thränen . « Emmy zuckte zusammen und ergriff mit beiden Händen ihre Stirn . » Kann es denn sein ? « fragte sie zagend . » O sprich , « fuhr sie leise bebend fort - » bist Du mein Herzenskind - der Abgott meines Lebens - bist Du Fennimor ? « » Fennimor ? Fennimor hieß meine Großmutter , « rief Elmerice . » Deine Großmutter ? - Du - Du bist nicht Fennimor ? « stöhnte Emmy Gray , - » Bedenke Dich , Kind , « rief sie mit halber Geistesverwirrung - » Du hast ihre blauen Augen - das sind ja ihre braunen Locken - ihre runden Kinderwangen - ihre langen , weißen Finger - so trug sie den Kopf halb zur Seite geneigt . Ach , sage doch - gestehe es doch ein - sieh , das sind ja Fennimors Thränen - da schimmern ja ihre kleinen , weißen Zähne ! - Du wirst doch nicht nein sagen ? Denke doch - denke doch ! « Ein lautes , krampfhaftes Schluchzen zerriß Emmy ' s Brust - sie verhüllte ihr Gesicht . Elmerice bebte und dachte an Nichts , als an den Trost , den sie mit ihrer Liebe ihr zu geben trachtete , mochte sie ihr auch gelten , für was sie wollte . » Emmy , Emmy Gray ! Ich will Alles sein , was Du willst ; - Deine Fennimor - oder ihre Enkelin - ich will Dich lieben , wie Beide ! Nur weine nicht mehr - und vertreibe mich nicht von Dir ; - laß mich bei Dir - nie will ich von Dir gehen - nur weine nicht ; - das bricht mir das Herz . « Die Alte gab den zarten Händen nach , welche die ihrigen wegzogen , und erfaßte mit neuem Vertrauen den süßen Wahn , den jeder Zug , jeder Ton des lieblichen Wesens ihr bestätigte . » Komm , mein Engel ! « sagte sie leise - » ich schließ Deine Zimmer auf - Du sollst sehen , wie gut ich sie gehütet habe - da ziehst Du ein - Du , die Herrin dieses Schlosses ! Ich will aufstehen und Dir Dein Bettchen machen - es ist Alles gelüftet , an die Sonne gekehrt und geklopft - ich lege Dir das kleine Kissen unter Dein Köpfchen , wie Du es liebst - der Fußschemel mit der seidenen Decke steht vor dem Bettchen . Ach , weißt Du wohl noch , wie Du mit Deinen kleinen Füßen darauf schlugst , als wolltest Du unartig sein und lächeltest doch dazu , daß ich all Deine kleinen , weißen Zähne sehen konnte ! Komm nur , mein Engel - hast Du auch schon Deine Milch getrunken und Dein Obst gegessen ? - Komm nur - ich bringe es Dir - ich habe Dir Alles aufgehoben - Deine schönen Tellerchen und Täßchen - es ist spät - Du mußt schlafen gehen . « Unaufhaltsam , wie ihr ganzer Karakter , folgte Emmy dem Strom ihrer Phantasie . Diese blühende , jugendliche Fennimor , die kein Zeichen der Krankheit trug , versetzte sie schnell in die Zeit der Jugend ihres Lieblings , wo sie ihrer Pflege allein anvertraut war , und der neckende Frohsinn dieses lieblichen , jungfräulichen Kindes ihr Herz entzückt hatte . Mit leisem Drucke wies sie Elmerice von ihrem Lager , um aufzustehen und auszuführen , was sie so eben ausgesprochen . Die Taufe , die diese so eben mit Fennimors Namen bekommen , schien sie auch in den Bann von Emmy ' s Gefühlswelt zu ziehen . Wir sehen sie stumm , freundlich hingebend an die Phantasien der armen Alten sich anschließen und betrachten ihre Hingebung , ohne sie mit anatomischen Finger berühren zu wollen ; selbst eine Ahnung ihres Busens , die sie in vergeltender Liebe der Alten unterordnete , gern möglich haltend . Bald stand Emmy , wie in vergangener Nacht , gerüstet ; aber sie wankte nicht , obwol Elmerice durch Nichts gehindert ward , sie zu stützen . Was in ihr angeregt war , trieb sie , von dem heftiger wiederkehrenden Fieber gesteigert , anscheinend mit der alten Kraft vorwärts . Bald hatte sie Kerze und Schlüssel ergriffen , und Elmerice ward der geheimnißvollen Thür entgegen gezogen . Mit welchem Herzklopfen trat sie in die verhängnißvollen Zimmer , die sie mit tiefem Dunkel umhüllten . Denn was vermochte das Licht einer Kerze in diesen großen Räumen ! Selbst Emmy ' s leitende Hand verließ sie bald , und sie hörte sie , immerfort leise und freundlich redend , nach einer andern Gegend des Zimmers zu gehen . Bald entzündeten sich mehr und mehr vielfach vertheilte Kerzen , und die Wohlthat , sich durch eigne Anschauung zurecht zu finden , kam ihr zu Hilfe . In dem Maaße schwanden auch die Schrecken . Wie hätten sie sich hier sollen anknüpfen lassen , wo die sorgfältigste Liebe mit Fleiß und Ausdauer eine schöne , mit Geist und Geschmack geordnete Einrichtung behütet hatte ? Hier war nicht die eingeschlossene Luft lang unbewohnter Räume ; nicht Moder , nicht Staub hatte hier Platz gefunden . Neben dem dauernden Geruche , den kostbare Möbel von edlem Holze verbreiten , waren hier in schönen , reichen Gefäßen aus Japan und China die köstlichsten , frischen Blumen aufgestellt , deren Duft die Luft erfüllte , und welche , als die einzigen Bewohner dieser stillen Räume , ein um so ungestörteres , frischeres Leben führten . Daneben standen die breiten , bequemen Möbel , wie der Glanzpunkt des Luxus unter Ludwig dem Vierzehnten sie hervor rief ; alle geordnet oder ungeordnet , wie der Gebrauch es herbeigeführt hatte , so lebenswarm , so bewohnt scheinend , daß Elmerice , plötzlich erschrocken , von ihren Beobachtungen abließ , der Alten nachblickend , die in einem Nebenzimmer dieselben Vorkehrungen mit dem Anzünden der Kerzen zu machen schien , wie hier , und die sie jetzt mit dem geheimnißvollen Bewohner wiederkehren zu sehen , fast erwartete . Doch Emmy kehrte allein zurück - und auf Elmerice zueilend , führte sie diese mit froher Geschäftigkeit in das nächste Gemach . Hier waren große Fensterthüren nach dem kleinen Gärtchen geöffnet ; die sternenhelle Nacht , die herein sah , unterstützte das Licht der Kerzen ; es war hell und von dem wunderbaren Gegensatze dieser Beleuchtungen magisch verklärt . Gegen die mittlere Thür stand ein hoher Lehnstuhl , als sei dies ein besonders bezeichnetes Lieblingsplätzchen . Rosen blühten in schönen Gefäßen umher ; am Boden aber , nach der Mitte des Fensters zu , war ein Teppich ausgebreitet , auf dem glänzendes , silbernes Spielzeug lag . Welch eine gediegene Pracht athmete dies hohe Gemach ! Diese seidenen Tapeten , mit Spiegeln und Goldarbeiten unterbrochen ; diese schweren , goldenen und silbernen Gueridons , die Tischchen und Büchergestelle von Gold , Marmor oder seltenen Holzarten und endlich das kleine Positiv , von Engeln getragen , und das künstlich geschnittene , hohe Lesepult von Eichenholz - dahinter die Sitzbank von gleicher Arbeit - Alles jetzt von brennenden Kerzen beleuchtet ! » Sieh - sieh ! « rief Emmy immer fort ; - » ist es Dir so recht - bist Du zufrieden - sag mir - sag mir - habe ich Alles gut besorgt ? « » O , schön - schön , wunderbar schön ist es bei Dir ! « rief Elmerice , ganz berauscht von den Eindrücken , die ihr im wahnsinnigen Eifer aufgenöthigt wurden - und sah dabei liebevoll zu der Alten auf , die , so wie sie die Lippen öffnete , wie angerührt von neuem Entzücken , horchend stehen blieb und über das alte , gefurchte und vergrämte Antlitz alle Sonnenlichter des Glückes , die auf diesen verhärteten Boden noch wirken konnten , treiben ließ . » Nun gehört Dir das Alles wieder ! « sagte sie dann seufzend und sinnend - » Du wirst das Alles wieder bewohnen - und ich werde Dir dienen - und werde Dich sehen - Deine Engelsstimme hören - Deine hellen Augen sehen - und horchen , wie der Boden so leise knistert , als fühle er es gern , wenn Deine kleinen Füße darüber hinfliegen ! Alle Nächte habe ich Deine Blumen begossen - den anderen frisch Wasser gegeben , die welken verscharrt - und Alles gelüftet und den Staub ausgekehrt . Sieh nur , wie es da draußen in Deinem Gärtchen ist ! « - Sie zog sie zur Thüre hinaus , und plötzlich stand Elmerice vor einem grünen Hügel , unter dem Schatten blühender Rosensträuche - und vor ihr ruhete auf einem Ruhebette von schwarzem Marmor die schöne , runde Gestalt einer jugendlichen Frau , in weißem Marmor gebildet . - » Gott , « rief Elmerice - » wer ist das ? O Emmy , Emmy , ist das Deine Fennimor ? « » Das ist meine Fennimor ! « erwiederte Emmy stöhnend und sank über das schöne Bild . - » Du weißt ja , er ließ nach Lesüeur ' s Bilde Deinen Grabstein mit Deiner lieben Gestalt hier meißeln - da - da - hier unten lagst Du so lange ! « Sie stöhnte herzzerreißend . - - Elmerice ward hingerissen ; es stürmte in ihrem Busen ; sie wußte nicht mehr , ob sie Fennimor sei , ob nicht ; aber sie war geneigt es zu glauben und fühlte ein inniges Bedürfniß , hier mit dieser Stelle so vertraut zu sein , als Emmy es begehrte . Eine Fülle von Liebe sprang aus reicher Quelle in ihrem Busen auf . Wie liebte sie diese schöne , kalte Fennimor , diese treu ergebene Emmy mit ihrem finstern poetischen Schmerze ; - wie einem Kinde der Eltermutter , schlug ihr Herz ihr entgegen ! Sie kniete zu ihr - sie umschlang sie - sie legte ihr warmes Haupt an die erkaltende Wange der Alten , die auf Fennimors Marmorhand ruhte . » Emmy ! « sagte sie erst leise , dann immer dringender flehend - endlich mit allen weichen Lauten der Liebe : » siebe auf und liebe mich - ich will Dich ja lieben , wie Deine Fennimor ! « Emmy schien aus ihrer Betäubung zu erwachen , und die letzten Worte trafen ihr Bewußtsein . » Ha , Mädchen , wer spricht da ? « rief sie wild , und riß Elmerice mit sich empor - » war das meines Engels liebe Stimme - Fennimor redet , « sagte sie sinnend - » und ist doch so lange todt , daß braune Locken weiß wurden , und Jugend zum Greise - sag , wie kam das ? « fuhr sie fort und schritt vor , Elmerice mit fester Hand sich nach in das Gemach zurückziehend . Sie sah vor sich nieder ; ihr starker Verstand wollte die magische Gewalt brechen , von der sie beherrscht war ; - sie sann und sann , und blieb vor dem hohen Lehnstuhl in der offenen Thüre stehen . - » Hier starbst Du - hier sah ich Dich als Leiche - Du warst todt - ich war jung damals - und jetzt im höchsten Alter - das ist Alles richtig ! « So weit hatte sie sich durchgearbeitet , da sagte Elmerice : » Ach , liebe doch mich , die Lebende ! « Sie zuckte zusammen - ihre Augen folgten dem Tone ; - da stand das schöne Abbild ihrer Fennimor hell von den Kerzen umstrahlt , von dem Nachthimmel mit blauen Lichtern ätherisch angehaucht . - » Ha , « rief Emmy , » alte Thörin ! - Mein göttlich Kind , da bist Du ja ! Und ich - wo war ich ? - Sag mir , Du bist da , und ich will nach Nichts fragen ; - nein , schweig , mein Engel , sage nichts ! - Die falschen Menschen schwören - beflecke Deine Lippen nicht damit - sehe ich Dich doch - Du bist da - mir wiedergeschenkt - ich darf Dich haben - sehen - Dich pflegen und warten . O , wie Du kalt bist ! « rief sie plötzlich , mit ihrer fieberheißen Hand ihre Hände fassend . » Gern gehst Du früh in Dein schönes Bettchen - das blieb Dir zu lange heut aus - deshalb bist Du so blaß ; - ach , wie lange habe ich nicht bei Dir gewacht ! und doch hattest Du das so gern - ach , wie Du mich immer hinhieltest - bald Dies , bald Jenes fordertest , damit ich bleiben sollte ; und lachtest dann unter der Decke , wenn ich wieder umkehrte und Dir den Willen that , als merkte ich Deine kleinen Unarten nicht - ach , wie sah ich das so gern ! Heute bleibe ich gewiß bei Dir , mein liebes Kind ! Darum komm nur , komm , es ist längst Schlafenszeit ! « - Emmy zog sie gegen eine offene Thür , die ein gleichfalls erleuchtetes Zimmer zeigte ; und als Elmerice eintrat , sah sie ein eben so kostbar eingerichtetes Schlafgemach und , mit einem nicht zu mäßigenden Schauer , ein Bett mit reichen , grünen Damastbehängen in dem Hintergrunde . Emmy schritt vor und zog die Behänge zurück ; das Bett lag weiß , wie täglich gepflegt , dahinter ; die seidenen Decken , mit Rosen überstreut , einen süßen Duft ausathmend , waren zierlich aufgeschlagen , bereit , den erwarteten Schläfer angenehm zu decken ; der kleine Fußschemel mit der seidenen Decke stand daneben . - Alles athmete auch hier fortgesetztes Leben . » O Emmy , hier ist es schön ! « sagte das junge Mädchen . Das Grauen war von der Schönheit und dem rührende Sinne der Liebe überwältigt , der hier , den Zerstörungen der Zeit zum Trotze , zu erhalten verstanden hatte . » Ja , « sagte Emmy - » ich habe Alles bereit gehalten - ich mußte wohl , wer kommen würde - nun ist es erfüllt . Sieh , wie Alles frisch ist - gerade , wie Du es liebtest - nicht ? Auch Deine schönen Kleider - Deinen Schmuck habe ich gehegt - morgen sollst Du die Wahl haben . « So glücklich , mit Erinnerungen wahnsinnig spielend , taumelte Emmy Gray in dem Zauberkreise ihres früheren , ihres einzigen Glückes umher , und ihre junge Gefährtin fühlte nur das Bedürfniß , nachgebend diesen heiligen Wahnsinn nicht roh zu stören , furchtlos von der Zeit die Erledigung eines Zustandes erwartend , von dem eine ahnende Stimme ihr sagte : er würde , auch von Fennimors Bild entkleidet , dennoch verhängnißvoll ihr Leben erfassen . Und doch glaubte sie schon im nächsten Augenblicke erliegen zu müssen ; denn Emmy , die , vom Fieber mit Jugendkraft beflügelt , im Zimmer redend hin und her schritt , forderte sie nun auf , sich nieder zu legen ; ja , sie machte , als Elmerice anstand , ihr zu folgen , eine Bewegung , sie in ihren Armen aufzuheben , wie sie dies vielleicht früher Fennimor gethan . Erschrocken saß nun Elmerice sogleich auf dem Rande des Bettes , und stellte die Füße auf das kleine Schemelchen . Da kniete die Alte vor ihr hin , und ahnend , was sie wollte , aber zitternd vor Verwirrung , löste Elmerice nun selbst die Fußbekleidung mit rascher Hand unter den langen Gewändern und stellte dann verschämt die kleinen , weißen Füße vor Emmy auf das Schemelchen . Still saß sie davor auf der Erde und sah sie an , als ob ein Himmel unschuldiger Freude vor ihr läge ; - leise strich sie ein Mal mit der Hand darüber , und ein mühsames Lächeln wollte die in Schmerz erstarrten Züge brechen . Doch es ging nicht , und sie seufzte nur , als wäre ihr wohl . Dann sah sie auf und raffte sich empor , legte die Decken zurück , und schüchtern nachgebend , legte sich Elmerice nun in das weiche , herrlich duftende Bette . Emmy rückte und zog und schob daran umher , wie sie es früher dem Lieblinge gethan ; dann senkte sie den einen Vorhang , hing den anderen halb aufgeschlagen um einen großen , mit Kissen fast zum Bette umgeschaffenen Stuhl und nahm darinnen Platz , mit einer Decke sich umhüllend . » Siehst Du , « sagte sie leise und matt - » hab ' ich ' s nun recht gemacht ? Nun , laß mich auch ruhig bei Dir bleiben diese Nacht - und schlafe Du unter Gottes Segen bis zum hellen Morgen ! « » Das will ich , « erwiederte Elmerice nachgiebig ; denn sie sah , das Fieber sank in seiner Heftigkeit , Ermattung trat ein , sie durfte sie nicht stören . Eben so wenig konnte sie hoffen , ihre Lage zu ändern ; denn Emmy hatte das ganze Bett verbaut ; auch hatte sie die zweite Nacht bis jetzt gewacht , sie war jung , das Lager weich und schön . Schon schlief die Alte fest ; da verwirrten sich die Bilder , einen Augenblick nur glaubte sie die Augen zu schließen - jugendlich sank sie damit dem Schlafe in die Arme . - Dagegen erwachte Asta am frühen Morgen und fand , nachdem sie mit ihrem treuen Eifer sich aufgerafft , Niemanden , der ihrer Hilfe oder Fürsorge benöthigt war . - Sowol das Bett der Alten , wie das Lager ihrer jungen Gefährtin war leer . Starr blieb das arme Kind nach dieser Wahrnehmung in ihrem Schrecken gefesselt ; dann ergriff die Furcht vom vergangenen Abende ihr Herz . Sie war sicher , die Geister , die das Schloß bewohnten - sie waren eingedrungen und hatten Beide davon geführt , und nur ihr Kreuzchen hatte sie behütet ! Außer sich vor Schreck und Entsetzen , ergriff sie nun die Flucht . Ach , wie erwiesen war Alles ! Hingen doch Schlösser und Riegel unter dem Schutze ihres Kreuzes unversehrt ; also auf andere Weise , durch die Luft - den Rauchfang waren sie entführt ! Während dem flogen die Schlösser und Riegel unter Asta ' s zitternder Hand auseinander , und die Thüren weit hinter sich aufschlagend , flog sie , durch den Wald laufend , wie gejagt , um das Pfarrhaus , um den alten Arzt zu erreichen , der oft schon früh den ersten Besuch bei Madame St. Albans zu machen pflegte . Um diese Zeit bogen sich die Gebüsche zurück , die um den Eingang des kleinen Thurmes ihre zarten Zweige wölbten . Ein blühendes , weibliches Angesicht lauschte mit dem anmuthigen Ausdrucke von Neugier und Frohsinn daraus hervor ; endlich folgte die schlanke , elastische Gestalt , sie erstieg die Treppe ; offene Thüren luden sie zum Nähertreten ein , leichten , schüchternen Schrittes schwebte sie herein - Alles leer ! Doch jene Thüren - und die eine bloß angelehnt ; - leise schob sie sie auf , erst sah der Kopf herein , bald folgten die Füße . Welch ein Zauberland lag hier aufgerollt ! Offene Thüren nach dem kleinen Garten , blühende Blumen , brennende Kerzen , die im Tageslichte schon erblindeten , überall der Hauch des Lebens ! Das zweite Zimmer ebenso ; Schönheit , Reichthum , Geist - in jeder Falte , jedem Schnörkel ein Gedanke ! Doch das nächste Zimmer ! So lange es noch Neues gab , wozu hier weilen ? Ein Schlafgemach , ein aufgeschlagenes Bett ! - Die Lichtgestalt blieb an der Schwelle stehen , das leichte Gewand des Busens hob sich so hoch , so schnell ; wir wissen nicht warum . Dann glitt sie leicht über den leichten Boden und blickte auf das schöne Engelsbild , das , tief schlafend mit dem Ausdrucke eines lächelnden Kindes , in dem grünen Zelte schlummerte , von einer Greisin bewacht , deren tief gefurchte Züge und wunderlich verhüllte Gestalt an jene Fabeln erinnerte , die von Zauberinnen erzählten , welche Königskinder entführten und bewachten zu geheimen Zwecken . Es war , als ob der Engel der Schlummernden sie besuchte . Wie antheilvoll , wie hoch entzückt , wie ganz verloren in dem Anblicke stand das zarte Wesen zu ihr hingebeugt ! Da rückte die Alte das gesunkene Haupt empor ; entflohen war das Lichtbild - spurlos verschwunden - nicht einmal der Ambra-Duft , den Engel sonst zurücklassen sollen , war hier zu spüren ! Später trat der alte Arzt mit Asta zaudernd in den offenen Raum . » Geschlafen hast Du noch , Du Thörin ! Von der Hexenfurcht am Abende bist Du noch besessen , und läßt die Thüren auf und versäumst über Deine Furcht Deine Pflicht . « Asta that dagegen nichts als schluchzen , und die Arme nach allen Ecken ausstreckend , zeigte sie die leeren Räume . Unwirsch stürzte der Alte nun auf die Betten zu und suchte , als ob er Gnomen vermisse , in jeder Falte . Vergeblich , er fand sie nicht . » Was ist denn das für neuer Unsinn ? « schrie er wild und blickte Asta halb fragend , halb verlegen an - » hast Du denn Nichts gehört ? « » Sagte ich ' s Euch doch ! « schluchzte diese ; - » wie konnte ich ' s denn hören , sind denn Thüren gegangen ? War es denn natürlich Werk ? « » Thüren ? « rief der Alte , und drehte sich rasch auf dem Absatz um . Er hatte die Richtung bekommen . Die Thüre , die sich seit Jahren Keinem geöffnet , war nur angelehnt . Sogleich erfaßte Besorgniß für das , was Elmerice erfahren haben könnte , sein theilnehmendes Herz ; er eilte der Thüre zu , indem er Asta befahl , zurück zu bleiben ; denn er selbst überschritt nur ungern diese so streng behütete Schwelle , die er , seit Reginald als Kind davon hinweg getragen ward , nie mehr betreten hatte . Doch hielt das Gefühl der Achtung für den düsteren Willen dieser armen Unglücklichen das Gefühl der Pflicht nicht auf , was ihn zum Schutze des jungen Wesens trieb , das hier so verlassen zu haben , er sich jetzt zum ernsten Vorwurfe machte . Er blieb von dem Anblicke dieser wohlerhaltenen , erinnerungsreichen Gemächer nicht ungerührt ; aber er wollte erst erfahren , was neuerdings hier geschehen war , und eilte rasch bis zum Schlafgemache vor . Wer beschreibt sein Erstaunen , als er hier die tiefste Ruhe - eine Scene des Friedens und offenbar vorhergegangener Liebesbeweise vorfand ! Er blieb wie eingewurzelt stehen und fragte endlich mit seinem klaren , geübten Verstande der stummen Scene vor sich ihren ganzen Hergang ab . Was war nun weiter zu thun ? Er sah an dem blassen Gesichte der Alten , das Fieber habe sie verlassen ; - was konnte nun das Schicksal des jungen Mädchens werden , wenn vielleicht bei voller Besinnung die Illusion nicht vorhielt , welche die Alte bis zu diesem Grade der Hingebung während der Nacht gebracht hatte ? Er schüttelte den Kopf , und ungewiß über das Nächste , was sich hier begeben konnte , beschloß er in der Nähe zu bleiben . Mitleidig , wie er unter der rauhen Hülle aber war , eilte er erst zurück zu Asta , die in der Mitte der Stube auf den Knieen kauerte , ihr Schürzchen über das Gesicht gedeckt und eifrig ihren Rosenkranz betend . » Laß ' das Geschrei , « schalt er , aber dennoch freundlich blickend - » und sei endlich vernünftig ! Sie sind gefunden - Beide gesund , wie Vögel im Neste . Lauf nach der Vikarei , und sag ' , es stände Alles gut ; sie hätten nur die Schlafstätte verändert ; ich bliebe und brächte ihnen nachher selbst Nachricht . « Asta stand gehorsam auf und zog das Schürzchen von dem verweinten Gesichte . » Und - und « - stammelte sie , » es ist ihnen nichts geschehen ? « » Nichts , nichts , mein gutes Kind ! « sagte der alte Arzt und strich ihr gutmüthig mit rauhem Finger die Locken unter das rothe Mützchen ; - » sie schlafen , wie die Dächse ! Nun fort - fort - hast Du doch Alles dort in Brand gesteckt ; - fort ! fort ! mach ' es wieder gut - die Albans schreit sich sonst den Hals ab ! « Fort war Asta , und der Arzt kehrte auf seinen Posten zurück und setzte sich so , daß er Alles , was vorgehen würde , sehen konnte , ohne doch selbst gesehen werden zu können . Er brauchte nicht lange zu harren ; die Sonnenstrahlen erreichten das Fenster ; sie fielen bei nicht verschlossenen Läden gerade auf das Bett , und indem sie durch die grünseidenen Vorhänge schienen , erhellten sie blendend das Innere des Bettes mit seinen weißen Kissen und farbigen seidenen Decken . Dies brach die Augen der Alten ; sie erwachte , doch schien es , sie sah im Anfange nichts , sie stöhnte nur , sich aus bequemer Lage vorsichtig aufrichtend . Aber jetzt faßte ihr scharfes Auge die Gegenstände ; - wo fand sie sich ? Sie schaute einige Augenblicke verstört umher ; aber ihr erster Blick nach dem Bette - nach der süßen Schläferin , verschönt von der erquickenden Ruhe , weckte ihre Erinnerung . Sie wußte den Inhalt der Nacht , wie uns ein Traumbild bei Tage erscheint , wahr , lebendig , mit allem Zauber des Gefühls nachhaltig uns beglückend , oft gerade um der Möglichkeit Willen , die Wahrheit zu betrügen , die uns oft nicht mehr geben kann , was der Traum uns glaubhaft an einander reihet . Aber hier war der Traum nicht wesenlos verschwunden ; hier wollte Wirklichkeit bleiben , was doch nicht wahr sein konnte ! Es war vielleicht zu viel für einen Geist , der seit einigen vierzig Jahren nur eine Richtung der Gedanken und Gefühle gekannt hatte ; er mußte straucheln an der Schwelle der Vernunft , wenn sie noch in vollem Rechte anzunehmen war , da wo der Geist mit starkem Willen der ganzen Ordnung der Natur entgegentrat , wie zum Trotze die Zeit mit aller ihrer Macht verläugnend , bezwingend , um der einen Richtung zu dienen in abgöttischer Hingebung ! Wie gering konnte die Versuchung sein , die hier den Geist gänzlich abzuleiten vermochte - und sie war nicht gering ! Das Zeugniß , wie groß sie war , stahl sich aus den Augen des alten Arztes , der einst Fennimor als junger Mann in diesen Räumen bedient und sich jetzt ungestört in den Anblick der Schlafenden versenkte und von dem Zauber der Erinnerung selbstvergessen überwältigt ward . Die Alte war indessen auf den Rand des Bettes gerutscht - immer näher - immer näher . Wie seufzte sie so laut und schwer ! Dann rang sie die Hände und forderte Rath von ihrem überwältigten Geiste . Emmy - die den verwünscht hätte , der ihr die Möglichkeit abgesprochen , den Liebling einst in diesen Räumen noch wiederzusehen - Emmy rang - von der anscheinenden Erfüllung ihres eigensinnigen Glaubens überwältigt - mit dem Einlaß dieses Wunders in ihrem Geist . Der alte Arzt schaute klug dem Kampfe zu ; er nickte mit dem Kopfe und dachte , sie könne es nun allein abmachen , was sie so lange allein verschuldet . Dazu war Emmy Gray auch stets bereit , und die Weise ihres Verfahrens gehörte ihr gewiß allein - so tief , so unheilbar die ganze Welt zu verachten , um des einen , heiß geliebten Wesens Willen . Auch hier arbeitete sie sich dahin , wohin sie trachtete . » Was frage ich « - sagte sie wie zürnend zu der Welt , von deren Widerspruche sie sich ahnend verletzt fühlte - » welch ' ein Wunder mir zu Gunsten kam ? Bist Du es denn nicht in jedem Zuge - jedem Gliede - bist Du nicht warm , und ist Dein Athem nicht so süß - hast Du nicht die Lippen eben so , wie sie , geöffnet , daß die kleinen Zähne dämmern ? Nein , nein , Du bist Fennimor - mein Kind - mein Engelsbild ; - und Alles wird nicht wahr sein - das Alter und die Zeit , von der sie schwatzen - die Thoren mit ihren Einbildungen ! « Heftig verhüllte sie ihr Gesicht - sie schien in einem neuen , gewaltsamen Kampfe zu liegen . Da erwachte Elmerice über ihr ; und auch ihr war die Begebenheit der Nacht so vertraut geblieben , daß sie augenblicklich wieder im vollen Zusammenhange war . Als die Alte , die Bewegung spürend , sich hastig aufrichtete , sah sie in zwei , liebevoll auf sie blickende , blaue Augen , die ihr eine Gewißheit ihres kühn behaupteten Glückes zu geben schienen , welche ihr zugleich die seligste Freude ward . » Es wird so sein , « sagte sie , wie zu sich gewendet - » rede nun zu mir , mein Engel ; - denn in der Stimme liegt Wahrheit . « » Ich will Dich nicht täuschen , liebe Alte , « sagte Elmerice ; - » aber nimm Dir Alles , was Du von mir zu Deinem Glücke gebrauchen kannst - ich will gern sein , was Du wünschest . « Die Alte hörte sinnend diese Worte , und der Ton berückte , obwol noch derselbe , doch nicht mehr ihre Sinne so gänzlich , um nicht zu fassen , was sie ausdrückten . » Fennimor ' s Stimme war das , « sagte sie , fast fragend - » ach , wie soll ich das fassen ? « » Könnte ich Dir doch helfen ! « seufzte Elmerice . » Gott weiß , wie ich Dich schon jetzt so liebe , wie ein Kind , wie Deine Fennimor es