nicht ist , sondern der Weg dahin , der über den Werth des zurückgelegten Lebens entscheidet , daß im Verfolgen dieses Weges ein höheres Resultat der Vernunft sich entwickelt und das Ziel vertritt , welches wir mit den eiteln Kombinationen unsers Verstandes zu erreichen trachteten . Und darf ich die Frage wagen , ohne Euch zu erzürnen , hob sie schüchtern nach einer Pause an , wohin Ihr mich zu führen denkt , verehrter Sir ? wann meine Abreise möglich sein wird ? Darf ich es wissen ? - Ich hoffe , Lord Richmond , der mit großmüthigem Eifer mich unterstützt hat , wird Euch und mich zur Herzogin , seiner Mutter , zurückführen , bis natürlicher Schutz Euch Rang und Unabhängigkeit zurückgeben kann . Gewiß , rief Maria , ich irrte mich also nicht , als ich Lord Richmond zu erkennen hoffte ? Und zu meiner Wohlthäterin soll ich zurück ? Sagt , hat sie mir verziehen , wird sie der flüchtigen Thörin ihre Hand noch ein Mal reichen ? Wer hat sie über den Betrug aufgeklärt , dem ich unterlag ? Schont Euch , theure Lady , sprach Brixton besorgt , da er sie so erregt und die Farben wechseln sah . Werdet erst gesund und erwartet dann das Weitere . Ich will , sagte sie sanft und lehnte , Electas Ermahnungen folgend , sich in die Kissen zurück . Ruhe und Einsamkeit war jetzt ein willkommenes Gebot für das reiche Leben der Hoffnung in ihrer Brust . Electa erstaunte selbst über die schnellen Fortschritte , welche die Kranke in ihrer Genesung machte . Die Wunde heilte schnell unter ihren sorgsamen Händen . Maria stand und ging bald , ohne weitere Hülfe zu bedürfen , als Margariths jeder Zeit bereiten Arm , und in ihrem Antlitze leuchtete durch die Lilienweiße ein feiner Anhauch wiederkehrender Lebenskraft . So trug Electa denn selbst in ihrer schüchternen Weise die Bitte der Herren vor , der Lady ihre Glückwünsche darbringen zu können . Nach einem still verlebten Morgen , den Maria , sich selbst überlassen , in ernstem Nachdenken und einer damit verknüpften tiefen Bewegung ihres Herzens zugebracht , empfing sie die Nachricht , daß die Herren in ihrem Wohnzimmer sie erwarteten . Sie blieb noch einen Augenblick mit niedergeschlagenen Augen sitzen , dann erhob sie sich , und auf die harrende Margarith sich lehnend , schritt sie langsam der Thüre zu . Wie das erste Mal , als sie hier eintrat , standen die Lehnsessel um das glühende Feuer des Kamins , zu traulichem Beisammensein einladend . Aber nicht leer waren sie ; nicht Fremde , nicht feindlich Gesinnte hatten Platz darauf genommen . Die sich jetzt erhoben und ihr entgegen gingen , waren theure Freunde , Beschützer , die mit einem Mal die Bürde , sich selbst schützen zu müssen , von ihr genommen hatten . Dem Obersten Crawford , als Fremden , als Seneschall des Schlosses , gebührte der Vorzug , von Brixton ihr zuerst vorgestellt zu werden und ihre ersten schüchternen Worte des Dankes zu hören , die der Oberst mit Ehrerbietung erwiederte , aber sichtlich überrascht von der Erscheinung der Lady , die selbst im blassen Kolorit der Krankheit noch allen Zauber ihrer rührenden Schönheit und Anmuth übte . Richmond hatte während dessen versucht , sich zu fassen als ihr erster Aufblick ihn aber traf , näherte er sich ihr , ohne Worte finden zu können . Beide fanden sie nicht , aber sich gegenüber zu stehn , das Bewußtsein dieser Nähe , versenkte sie auf einen Augenblick in ein so süßes Gefühl von Befriedigung und Ruhe , daß sie der Worte nicht bedurften . Es giebt Augenblicke im Leben , die alle Schmerzen der Vergangenheit auslöschen , sprach Richmond mit bewegter Stimme , ein solcher ist der gegenwärtige . Mein Retter ! stammelte Maria , während einzelne Thränen aus ihren gesenkten Augen fielen . O nennt mich nicht so ! rief Richmond , schmerzlich aufseufzend , ich habe Euch nicht schützen können , nicht retten vor den grausamen Mißhandlungen , denen Euer Leben fast erlegen wäre ! - Erlegen wäre , fiel Maria rasch ein , wenn Ihr mich nicht gerettet ; das zerschellte Boot hätte mich nicht geschützt , da es seine Besitzer untergehen ließ , und doch hätte man mich trotz meiner Verwundung darin fortzuschleppen gesucht , hättet Ihr nicht großmüthig mich meinem Entführer abgekämpft . - Lassen wir diese grauenhaften Erinnerungen , fiel Brixton sanft ein , nehmt bei uns Platz , theure Lady , daß wir des Glückes inne werden , Euch genesen zu sehn . Sanft lächelnd reichte Maria dem ehrwürdigen Herrn den Arm und nahm einen der Lehnstühle ein , die nun um sie her von so theuern Personen besetzt wurden . Mein Herz sehnt sich , theurer Sir , hob Maria an , sich zu Brixton wendend , Euch Rechenschaft zu geben von meinem Leben , seit ich durch den Tod meiner Tante mir selbst überlassen blieb , und Euch , Mylord , fuhr sie gegen Richmond fort , bin ich ebenfalls Rechenschaft schuldig über die traurige Verblendung , die mich aus dem Schutze meiner großmüthigen Wohlthäterin , Eurer Mutter , führte , die mich so hartnäckig widerstehn ließ , wie Ihr und Lord Ormond einen großmüthigen Versuch machtet , mich derselben zu entziehen . Möchtet Ihr in dem , was ich hierüber zu sagen haben werde , einigen Anlaß finden , mich mild zu richten . Ich hatte mit einem plötzlichen Lebenswechsel nicht die Schärfe des Urtheils , den Schatz der Erfahrung erhalten , die meine Handlungen hätten leiten können , mit Beschämung habe ich die thörichte Sicherheit erkannt , womit ich geneigt war , meiner jungen Ueberlegung zu folgen ; laßt es Euch rühren , wie sehr ich dafür bestraft ward , setzte sie mit einem Lächeln voll Anmuth hinzu , das die sanfteste Bitte um Nachsicht aussprach . Es ist wenigen Menschen ein so außerordentliches Schicksal zu Theil geworden , als Euch , erwiederte Richmond , wer könnte wünschen , daß Euer unschuldiges Herz , Euer hochgestellter Geist eine Ahnung gehabt hätte von den bösen Absichten , die man Euch sicher mit größerer Schlauheit zu verhüllen suchte , als Ihr vorauszusetzen vermochtet . Wir konnten nur beklagen , daß uns kein Recht zustand , in Euern mißleiteten Willen mit höherer Gewalt einzuschreiten , als eben das einer kurzen Freundschaft , die das Glück uns gegönnt . Daß ich diese nicht ausreichend fand , erwiederte Maria , daß irgend etwas mich abhalten konnte , sie für meine Autorität anzuerkennen , muß ich mir zum schmerzlichsten Vorwurf machen und kann Eure gütige Absicht , mir Beschämung zu ersparen , nicht wegläugnen ; aber gewiß ist es , und ich halte dies zu meiner Rechtfertigung gern fest , daß meine Lage traurig und ungewöhnlich war , und gewiß geeignet , Neigung und Pflichtgefühl in einem unerfahrenen Wesen in Verwirrung zu bringen . Ganz , fuhr sie nun ruhiger fort , ist es mir noch nicht möglich , den Plan und die Absicht zu durchschauen , um derentwillen man mich dem ehrwürdigen Schutze Eurer Familie , Lord Richmond , entzog . Betrogen scheint mir aber jedenfalls von meinen spätern Feinden der gewesen zu sein , der mich zuerst betrog . Doch betrogen werden um Freiheit und Lebensglück sollte ich , und vielleicht erhielt diese erste Absicht hier noch eine Ausdehnung durch den Haß der Lady Sommerset , welche selbst meinen Tod herbei zu führen suchte . Es wird mir schwer , fuhr sie nach einigem Nachdenken fort , welches keiner der gespannt Lauschenden zu unterbrechen wagte , unter meine Feinde einen Mann zu zählen , der mir Hochachtung und Vertrauen , ja , Dankbarkeit eingeflößt hat , da er mich von der verhaßten Nähe des Lord Membrocke befreite . Er war es zwar , der mich hier in mein Gefängniß führte , aber es schien mir nur zu oft , daß er wider Neigung und Gefühl einem Zwange gehorchte , der seinen lichtvollen Geist in Fesseln hielt , den er mir auch später andeutete , und der ihn als einen Anhänger des Ordens Jesu bezeichnete . Er war Mönch und nannte sich mit seinem Ordensnamen Clemens . Mußte er mich auch hier begraben , so war er doch freundlich bemüht , mich im Schutze meiner Beschäftigungen und einiger wohlthuenden Aeußerlichkeitn zu erhalten , denn diese Zimmer bestimmte er mir selbst und endlich die größte Wohlthat , Margarith theilte er mir zu . Lange habe ich gehofft , er würde es sein , dem ich meine Befreiung danken könnte , und habe ich mich darin getäuscht , so kann ich die Ueberzeugung nicht aufgeben , daß er nur gehindert ward , vielleicht durch eben die Autorität , der er sich so willig beugte , obschon sein Geist über ihr stand . Ich habe ihm daher geglaubt , als er mir die Täuschungen enthüllte , die mich in mein Verderben stürzten , obwol ich nicht einzusehn vermochte , warum ich so wichtig war für einen der mächtigsten und , wie Pater Clemens ihn nannte , einen der verdorbensten Großen des Landes , von dem Lord Membrocke nur als Mittelsperson gebraucht worden war , mich zu entführen , und den er den Herzog von Buckingham nannte . - Herzog von Buckingham ! rief Brixton , so heftig aufspringend , daß Maria zusammenfuhr , ist es möglich , großer Gott , in dessen Händen waret Ihr ? Und kannte er Euch , sagt , wußte er , wen er in Euch hatte ? Theurer Sir , sagte Maria in sanftem Vorwurf , Ihr vergeßt , daß ich selbst mich nicht kenne , daß ich nicht zu sagen wissen würde , ob er mich kannte , hätte er mir selbst einen Namen beigelegt . Doch jedenfalls wußte er mehr von mir , als ich erwarten konnte , denn betrogen hat er mich nur durch diesen Brief und dieses Petschaft , denen ich zu folgen für Pflicht hielt , wie ich denn früher jede andere Art , mich zu überreden , zurückgewiesen hatte . Maria zog hier Beides hervor , es Brixton überreichend . Großer Gott ! rief Brixton , als sein Blick auf diese Gegenstände fiel , es ist Alles verrathen ! Pater Clemens , fuhr Maria mit dem Bestreben , den Erschrockenen zu beruhigen , schnell fort , sagte mir , dieser Brief sei nicht von meinem Oheim , dessen geliebte Handschrift er trägt , er sei nur nachgeahmt , und der Inhalt hätte mich warnen sollen , trotz seiner liebevollen Worte : und dieser Ring , den ich so oft spielend von seinem Finger gezogen , er sei ihm heimlich genommen . Ach theure Lady , sagte Brixton , es ändert wenig ; war der Herzog unterrichtet , daß Beides von Bedeutung sei , so mußte eine höchst wichtige Entdeckung bereits geschehen sein , und Eure Sicherheit bleibt dann noch von einer gefährlichen Seite her bedroht ! Ich hoffe , rief Richmond mit glühender Stirn , keine Gefahr , welche den freien Willen der Lady Maria bedroht , kann eintreten , so lange sie Euch vertraut und mir vergönnt , ihren Willen gegen jede Anmaßung zu vertreten . Wobei Ihr über ein so starkes Gefolge von Milizen , als Euch gut dünkt , ja , über meine eigene Person , so weit es meine Dienstpflicht erlaubt , gebieten mögt , rief Oberst Crawford , mit tiefer Ehrerbietung sich vor Lady Maria neigend . Unsere Abreise muß so sehr beschleunigt werden , als es Eure Gesundheit erlaubt , theure Lady , sprach Brixton , von Gedanken , wie es schien , überfüllt . Ich hoffe , die Frau Herzogin , Eure Mutter , Lord Richmond , wird dem Fräulein vorläufig einen Schutz verleihen , den die hochgeehrte Frau dereinst nicht bereuen wird , gewährt zu haben ; während ich dafür Sorge tragen will , ihr den mächtigen und ehrenvollen Schutz zu verschaffen , zu dem ihre Geburt sie berechtigt . Seid sicher , Mylady , sprach Richmond , Eure freiwillige Rückkehr wird jeden Zweifel bei meiner Mutter versöhnen , und jetzt , wie früher , werdet Ihr über uns alle zu gebieten haben . Wir müssen uns dieser Hoffnung um so mehr freuen , unterbrach Brixton Marias Versuch zu danken , da wir nicht zweifeln dürfen , daß der geheime Obere , dessen Gesandter unser junger Freund Lanci ist , und dessen Namen er uns so hartnäckig verschweigt , nicht nur ein wohlmeinender Freund ist , indem er uns das Fräulein wirklich finden ließ , sondern zugleich auch weit mehr unterrichtet über das , was man mit ihr vor hatte , als uns fürs Erste erlaubt ist zu übersehen . Wir sind ihm daher das Vertrauen schuldig , seiner dringend empfohlenen Anweisung zu folgen , welche eben dahin ging , den Schutz Eurer Familie , Mylord , vorläufig in Anspruch zu nehmen . Ich hoffe , Lady Maria wird kein Bedenken tragen , entgegnete Richmond , durch die Befolgung dieser Anweisung meine Familie zu ehren und zu beglücken . Ich habe nur die Nachsicht und Verzeihung derselben in Anspruch zu nehmen , erwiederte Maria , und zu erwarten , ob meine Jugend und Unerfahrenheit mir Fürsprecher sein werden . Habt indessen die Güte , hob Brixton an , uns aufs Genaueste , wenn es Euch beliebt , Alles mitzutheilen , sowol wodurch man Euch zu dieser Flucht bestimmte , als was Euch in deren Verfolg begegnete . Mein Herz sehnt sich nach dieser Mittheilung , erwiederte Lady Maria , und es soll Euch nichts davon entgehen , denn mein Gedächtniß ist mir treu . Doch erlaubt mir , verehrter Sir , ehe ich beginne , Euch eine Frage vorlegen zu dürfen , welche immer dringender wird , je mehr mein Bewußtsein in Bezug auf die Verhältnisse der Welt durch das , was ich erlebte , geweckt ist . Wer bin ich ? fuhr sie mit bebender Stimme fort , als Brixton in ahnungsvoller Verlegenheit schweigend zur Erde blickte . Bin ich des Namens berechtigt , den ich jetzt nur bestritten trage ? Leben mir Angehörige , und dürfen meine Verhältnisse jemals aus dem Dunkel treten , das sie bis jetzt zu einem Gegenstande des Verdachtes macht und ihre Ehrbarkeit in Zweifel stellt ? Ich kann nicht zweifeln , Ihr müßt mir Aufschluß geben können , denn Ihr waret der Freund , der Vertraute der geliebten Menschen , welche meine Jugend behüteten . Ihr habt Recht , Lady Maria , sprach Brixton mit Fassung , aber auch mit tiefem Ausdruck wehmüthiger Empfindung . Ich bin unterrichtet von allen Euern Verhältnissen , aber es ist mir nicht vergönnt , Euch jetzt schon darüber Aufschluß zu geben , so würdig Ihr trotz Eurer Jugend es seid , Eure Geburt und alles damit Verknüpfte zu kennen . Meine Ueberzeugung darf hier nicht entscheiden , mich bindet ein Schwur , dessen Lösung mir nicht zusteht . Habt noch eine kurze Geduld , der Augenblick ist von Außen unterdessen schon gekommen , der , wie ich hoffe , jedes Hinderniß beseitigen wird , und hat sich Eure Zukunft auch anders gestaltet , als Eure Freunde träumten , Ihr werdet Gerechtigkeit finden , verliert nur nicht das Vertrauen darauf . Maria schwieg , aber in ihren zarten Zügen war der schmerzliche Kampf zu lesen , den sie mit ihrem Zartgefühl für Ehre zu kämpfen hatte , da , über die wichtigsten Beziehungen derselben aufs Neue in Ungewißheit zu bleiben , sie , je länger , je mehr herab zu setzen schien . Ihr selbst , Sir , sprach sie dann mit dem tiefen Ausdruck eines bekämpften Gefühls , Ihr selbst und alle meine Umgebungen , denke ich , haben , so viel ich mir bewußt bin , darauf hingewirkt , ein starkes Ehrgefühl in mir zu wecken , und jede Unklarheit zu hassen und von mir fern zu halten . Vergebt mir daher , daß ich , im Begriff in die Welt zurück zu kehren , mit Widerstreben einwillige , mich namenlos und geheimnißvoll ihr wieder darstellen zu müssen . - Jedoch , fuhr sie fort , mit kindlicher Hinneigung zu Brixton sich wendend , der sichtlich zu leiden schien , ich will den einen Gedanken festhalten , daß ich Euch durch nichts besser mein unbegrenztes Vertrauen , meine Hochachtung bezeigen kann , als indem ich mich dieser peinlichen Lage unterziehe , ohne Euch weiter zu belästigen . Seid sicher , erwiederte Brixton gerührt , ich werde mit allem , was mir zu Gebote steht , eilen , Euch derselben sobald wie möglich zu entziehen , jetzt aber versucht , uns Eure Mittheilungen zu machen . Ich bin bereit dazu , sprach Maria mild , wenn anders mein gütiger Arzt , der sich dort an der Thür schon einige Mal gezeigt hat , es nicht anders bestimmt . Ich würde wagen , Euch eine kurze Ruhe vorzuschlagen , sprach Electa , sich schüchtern nähernd und den Puls fühlend ; Ihr seid sehr bewegt und eine Wiederkehr des Fiebers wäre nicht erwünscht . Gewiß nicht ! rief Richmond , lebhaft aufstehend , beurlaubt uns , Mylady , bis wir uns ohne Furcht , Euch zu schaden , wieder nähern dürfen . Lady Maria willigte ein , und die Herren zogen sich nach dem Vorsaal zurück , indeß sie auf ihrem Bette ruhte . Doch mußte Electa ihr bald den Wunsch zugestehn , zurück zu kehren , und nachdem sich Alle um sie versammelt hatten , erzählte sie , was uns bereits bekannt ist so weit ihre eigene Kenntniß der Umstände reichte . Wir unterlassen es , ausführlich den Eindruck zu schildern , den diese Mittheilungen in ihren verschiedenen Beziehungen auf die Zuhörer machen mußten , und erwähnen nur , daß , während sich Nichmond gelobte , Membrockes ehrlose Betrügereien zu strafen , Brixton sich in Besorgnisse gestürzt fühlte , die um so quälender waren , je weniger es ihm möglich war , die sich durchkreuzenden Absichten in Uebereinstimmung zu bringen mit einer Entdeckung der Geburt des Fräuleins , die Buckingham höchst unwahrscheinlich zu ihrem Feinde machen konnte . Er fühlte , daß ihm nur eine Annäherung an die höchste und dabei zumeist interessirte Person genügend Aufschluß geben könnte , und er kehrte aus seinem tiefen Nachdenken mit einer Aeußerung zurück , die alle seine Wünsche einschloß , indem sie die mögliche Beschleunigung ihrer Abreise empfahl . Electa ' s Entscheidung war hiebei die wichtigste . Sie bat noch um zwei Tage Ruhe , und die Herren , sich diesem Ausspruch fügend , eilten alle Anstalten so zu treffen , daß jede Sorgfalt mit der möglichsten Eile sich vereinigte . Diese Tage , die Lady Maria in ungestörtem Umgange mit ihren Freunden verlebte , hatten einen so auffallenden Einfluß auf ihre Gesundheit und Stimmung , daß sich kein weiterer Aufschub der Reise nöthig zeigte und sie dies Haus des Schreckens mit völlig leichtem Herzen verlassen haben würde , hätte sie das Schicksal ihrer Wohlthäterin Electa nicht mit Sorge erfüllt . Dies zarte Wesen , dessen Gemüth ohne Kraft und eigne Bestimmungsfähigkeit , den einzigen Anhalt ihres verfehlten Daseins in der selbst gewählten Knechtschaft gegen ihre geistlichen Oberen gefunden hatte , und jede unschuldige Sehnsucht nach der Welt als die schnödeste Sünde in sich verfolgte , der sie doch immer wieder unterlag , fühlte sich nun sogar erschüttert in ihrem Glauben , in ihrer Ergebung gegen diese ihre bisherigen Vorbilder durch die Kenntniß ihrer wahren Gesinnungen , wie sie die letzten Begebenheiten ihr von allen Seiten schonunglos gegeben hatten . Sie lebte nur so lange noch in leidlicher Fassung , als die Wunde der Lady Maria ihr eine ihrer früheren Existenz gemäße Beschäftigung gab . Jetzt , als von dieser Seite ihre Thätigkeit aufhörte und die nahe Abreise der Lady ihr das einzige Wesen zu rauben drohte , zu dem sie sich noch hingezogen fühlte , von dem sie sich geschützt sah , da sank ihr ganzes Wesen in Trostlosigkeit zusammen , und Vergangenheit und Zukunft schien ihr eine ununterbrochene Kette von Unglück und Leiden . Mit zarter Theilnahme suchte Maria den Zustand der Leidenden nach und nach zu erforschen , und wagte es endlich , den Gedanken einer Rückkehr in die Welt in ihr anzuregen . Aber sie fand hier das einzige entschiedene Gefühl der Armen in bestimmter Abneigung dagegen und erfuhr genug , um ein schmerzlich verrathenes Herz zu ahnen , das nur durch gänzliche Flucht aus jeder Beziehung des Lebens Rettung gefunden hatte . Sinnend sah sie der unentschlossenen Leidenden nach dieser gewonnenen Ueberzeugung gegenüber , muthlos selbst ihrer Zukunft gedenkend , als sie plötzlich von einem Gedanken ergriffen ward , dem sie schnell die Frage folgen ließ , ob sie den Aufenthalt des Pater Clemens kenne ? Electa schien von dem bloßen Namen wie electrisirt , und augenblicklich gab sie das Kloster in Frankreich an , wohin der Pater sich zurückgezogen hatte . Nun , rief Maria lebhaft , so geht zu ihm und unterwerft Euer Leben seiner ferneren Bestimmung ! Engel des Himmels ! rief Electa , sich mit Begeisterung vor Maria hinwerfend , welche Eingebung sprach aus Euch . Ja , Ihr habt das Rechte getroffen ; doch wie soll ich ihn erreichen ? sprach sie plötzlich , zur größten Muthlosigkeit zurückkehrend . Dafür laßt mich sorgen , sprach Maria heiter und sicher ; ich gebe Euch mein Wort , Ihr sollt ihn erreichen ohne Fährlichkeit und Noth . Zugleich stand sie auf , drückte das schüchterne Wesen liebevoll an ihre Brust und begab sich in das Nebenzimmer , wo ihre Freunde sie bereits erwarteten . Mit der ganzen Wärme des Gefühls , das ihr so eigen war , trug sie ihnen ihre Absichten und Wünsche in Bezug auf Electa vor , und beschwor sie , die Mittel dazu ihr anzugeben und einzuleiten . Auch fand sie bei Richmond die lebhafteste Bereitwilligkeit , bei Brixton die wohlmeinendste Absicht . Nur Oberst Crawford beobachtete ein ängstliches Schweigen und gestand endlich , als ihn Maria zur Theilnahme aufforderte , er bezweifle , daß er einen der Bewohner des Schlosses entlassen dürfe , bevor seine Instruktionen aus London angekommen sein würden , da er sich genöthigt sehe , bis dahin alle Vorgefundenen als gleich schuldig und als Gefangene zu betrachten . Er setzte hinzu , wie er hoffe , daß man nach seinem Berichte geneigt sein werde , diese ganze Angelegenheit , da sie in sich als aufgelöst anzusehen sei , der Vergessenheit zu übergeben , und wie er alsdann zu der Erleichterung der Reise des Fräuleins alles beitragen wolle , was in seinen Kräften stehe . O Sir ! rief Maria hier mit lebhafter Unruhe , denkt , daß wir morgen das Schloß verlassen , denkt , welch schmerzliche Unruhe ich mit mir nehme , wenn über dem Schicksal dieses armen Wesens eine trostlose Ungewißheit schwebt und mir nicht selbst vergönnt ist , sie zu ihrer Reise auszurüsten . Vertraut sie mir als Euer Vermächtniß , sprach Crawford ehrerbietig , und heilig soll mir das Interesse des Wesens sein , dem wir zum Theil Euer Leben danken . Mit der pünktlichsten Sorgfalt erfülle ich Eure Befehle , und will ihre Reise , der sich höchst wahrscheinlich keine Hindernisse entgegen stellen werden , so sorgsam und anständig einleiten , daß außer dem Meere selbst , dem ich nicht zu gebieten vermag , nichts ihren eigenen Wünschen nachstehen soll . Ich glaube , theure Lady , sprach Brixton , wir dürfen nicht weiter in Oberst Crawford dringen , da seiner Neigung hier seine Pflicht entgegen tritt , und gewiß können wir ohne Sorge dem edlen Manne unsere Freundin anvertrauen ; Euch wird jetzt nur obliegen , sie selbst mit dieser einzigen und bleibenden Auskunft zu versöhnen . Da auch Richmond , auf den Alles , was Pflicht hieß , stets eine starke Gewalt ausübte , schwieg , so fühlte Maria sich bald selbst zu jener Mäßigung ihrer Wünsche gestimmt , und sie eilte nun , Electa davon zu unterrichten , welche sie bei weitem weniger dadurch beunruhigt fand , als sie erwartet hatte . So empfingen denn am nächsten Morgen , als der erste Sonnenstrahl die mit Thau bedeckte Erde zu einem blitzenden Himmel unzähliger glänzender Sterne umschuf , sämmtliche Herren das Fräulein in der Halle des Schlosses , wo sie , von Electa und Margarith begleitet , in ihren Reisekleidern ihnen entgegen trat . Einen Augenblick blieb sie noch stehn , und indem ihr Auge die Gegenstände noch ein Mal überflog , gedachte sie ernst des Abends , als sie hier mit Pater Clemens eingetroffen und von Margariths Vater empfangen ward , dessen Tochter sie nun für immer mit sich hinweg führte , und sie hoffte eine Zeit der Leiden abgestreift hinter sich zu lassen , der sie fast unterlegen wäre . Mit Thränen dankte sie noch ein Mal dem Obersten Crawford , umarmte Electa und bestieg mit Margarith dieselbe kleine Sänfte , die sie , von Pater Clemens geleitet , hierher geführt hatte , während die Herren und Lanci mit den übrigen Dienern sich zu Pferde setzten , und Crawford den Reisezug bis zu dem nächsten Ruhepunkt begleiten zu dürfen sich ausbat , da ein ferneres Geleit seiner Milizen von beiden Herren abgelehnt war , um jedes Aufsehn zu vermeiden . Godwie-Castle , als Familiensitz der Nottinghams , erfüllte in dem Augenblick , wo wir jetzt uns demselben wieder nähern , seine Bestimmung in seltenem Maaße . Zwar hatte der Graf Bristol seine eigenen Besitzungen für die nächste Zeit eingenommen , doch ward seine Gegenwart , an die man bei seiner langen Abwesenheit sich keineswegs gewöhnt nennen konnte , kaum vermißt , am meisten wohl nur von der empfunden , die es so wohl verstand , über alle Empfindungen ihres Innern den Schleier zu ziehen , wir meinen seine Tochter , die jüngere Herzogin von Nottingham . Es lag in der Stimmung ihres Innern zu den von Außen sich ihr darbietenden Umständen ein Widerspruch , den die stolze Frau mit einem an Unwillen grenzenden Schmerze fühlte , und diese Stimmung steigerte sich um so mehr , da es ihr an allen Mitteln fehlte , sich derselben zu entledigen , was ihrem stets einschreitenden und ans Beherrschen gewöhnten Sinn einen Zwang auflegte , der sie grollend ihren übrigen Verhältnissen gegenüber stellte . Dagegen war der Himmel blau über allen übrigen zahlreich versammelten Bewohnern von Godwie-Castle . Anna Dorset , nunmehr berechtigt , die Liebe zu entwickeln und zu gestehn , die sie zu ihrem Gemahl hinzog , zeigte ihre ganze Natur zu einem Reichthume und einer Fülle weiblicher Anmuth entwickelt , die ihren jungen Gemahl fesselte und mit ähnlichem Erstaunen erfüllte , als uns wohl ergreift , wenn wir eine Knospe , welche , fest verschlossen , unsern Antheil wenig erregen konnte , am warmen Licht der Sonne zur duftenden Blume entwickelt wiederfinden ; gewiß ward dieser mit Gefühlen vertraut , wie sie einer solchen Ueberraschung gegenüber nicht ausbleiben ! Die Gräfin Dorset hatte mit ihrer Tochter Ollony die Neuvermählten begleitet , und auch Graf Ormond war , nach einer Trennung von mehreren Monaten , in Godwie-Castle wieder eingetroffen . Graf Archimbald ordnete mit großer Sorgfalt die Papiere seines Bruders und gab sich dazwischen mit vielem Geschick den gesellschaftlichen Stunden hin , welchen Alle mit Vergnügen beiwohnten , und über denen die alte Herzogin von Nottingham wie das Prinzip der Güte und Liebe mit ihren ewig klaren , theilnehmenden Augen waltete . So schien Allen hier eine Zeit der Ruhe eingetreten und für die Zukunft nur erfreulichen Hoffnungen Raum gestattet zu sein . Dennoch gab es so manche frisch geheilte Wunden und noch reizbar gebliebene Stellen fast in jeder Brust , daß gerade so viel guter Wille , so viel Liebe , so viel wohlverstandene gute Erziehung , als alle besaßen , dazu gehörte , um nicht jeden Tag neue Störungen des Gefühls und der Ruhe , welche zu schützen , Alle inniges Verlangen trugen , herbei zu führen . Richmonds Abwesenheit , der Zweck derselben , der Jedem bekannt war , und das , was damit zusammen hing , war ein hauptsächlich zum Stillschweigen verwiesener Punkt für Alle . Die Herzogin von Nottingham hatte ihren Unwillen über dies Unternehmen auf eine Weise geäußert und selbst gegen ihren Vater mit einer solchen hartnäckigen Entrüstung durchgeführt , daß Beide darüber in eine Art Spannung gerathen waren , welche die Abreise des alten Lords erleichterte ; und dies wohlbekannte Ereigniß ließ freilich alle Uebrigen völlig darauf Verzicht leisten , die Meinung der Herzogin milder zu stimmen . Sie unterließ es völlig , den Namen Richmond zu nennen , Niemand wagte , ihr darin voran zu gehn , und das Andenken der unglücklichen Gräfin Melville schien bis auf die fernste Erinnerung erloschen . Und dennoch stand das Bild Beider vor der Seele eines Jeden , nur vorsichtig umgangen in Wort und Andeutung . Mit der tiefsten Seelenqual erwartete die unglückliche Mutter Nachrichten , die ihr hartes Geschick erleichtern oder erschweren mußten , und mit der ganzen Größe der Gefahr , wie sie ihr erscheinen mußte , bekannt , behandelte sie ihr ungleiches und finsteres Betragen mit der ganzen Nachsicht einer solchen Berechtigung . Vergeblich hatte der junge Herzog durch Lord Ormond , der so eben aus London eingetroffen war , Nachricht zu erhalten gehofft ; auch ihm war sie gänzlich ausgeblieben , und er selbst hatte sich nur ungern entfernt , ehe ihm Kunde zugekommen . Die Mittheilungen beider Männer über diesen ihnen gleich interessanten Gegenstand waren aber dabei von einer Zurückhaltung geleitet , die nur zu bestimmt ihre Verletzlichkeit in diesem Punkte andeutete , und das Gefühl , wie ihre Stellung zu jenem Gegenstande sich verändert habe , unterstützte den Wunsch Beider , in der Zeit die Erledigung ihrer Empfindungen zu suchen . Konnte sich auch Graf Ormond nicht , wie der junge Herzog , durch die heiligsten Interessen abgezogen halten , war dennoch auch ihm in den Worten der unglücklichen Maria über Ollony ein Aufschluß geworden , der ihn mit der größten