Ich erklärte mich zu allem bereit , was nur im Umfange menschlicher Kräfte stehe ; man nahm meine Versprechungen nicht an , und der Alte bediente sich harter Ausdrücke gegen mich , die ich seinem Kummer zu vergeben hatte . So ist denn diese Ruine zur Hölle geworden , die im engen Raume drei unselig Leidende vereinigt . Ich bin keiner Entschließungen fähig , mein ganzes Wesen ist eine blutende Wunde , in welcher die scharfen Messer der grimmigsten Reue wühlen . Hast Du ein Wort , ein Zeichen für mich , was mir Rat oder Lindrung geben kann , so laß es mir werden ! IX. Derselbe an Denselben * den 8. November 1795 Lies den anliegenden Brief Babettens , und schaffe Hülfe ! Die Verzweiflung überspringt alle Schranken , wer das Mittel bei sich trüge , uns aus der greulichen Not zu retten , dem könnte ich den Degen auf die Brust setzen , und ihn um das Mittel ermorden . Hermann , unser Schwur , geleistet über den vereinigt-rinnenden Blutwellen der Freunde ! Nun ist die Gelegenheit da , nun beweise , daß Du ihr Dasein fühlst ! Ich sage nicht mehr ; Du mußt mich verstehen , oder der Bund zweier Männer war eine Posse , eine gemeine Lüge . Beilage - Babette an den Grafen Heinrich Sie stürmen und dringen an der Türe meines Zimmers , um mit mir zu reden ; ich wiederhole , was ich Ihnen schon durch meinen Vater sagen ließ , daß ich nimmer mit Ihnen mehr spreche . Was Sie von mir zu erfahren haben , sei diesen Zeilen anvertraut . Ich habe gestern die Absicht gehegt , mir das Leben zu nehmen , welches mir völlig gleichgültig ist , seit ich weiß , daß Sie ein unehrlicher Mann sind . Ich stieg auf die Spitze des Felsens hinter der Burg , und wollte mich von seiner jähen Höhe hinunterstürzen in die schwarze Tiefe , daß da drunten mein zerbrochnes , blutiges Gebein von den Wogen des Waldstroms fortgeschwemmt werden möchte . Mein alter unglücklicher Vater war mir nachgegangen , und hat mich zurückgehalten . Was er mir über die Sünde dieses Schrittes , soweit es nur mich allein betrifft , gesagt , habe ich nicht verstanden , denn mein Leben ist so ganz unnütz geworden , daß ich nur glauben kann , ein so verwelktes und zerknicktes Blütenblatt werde am besten dahin getan , wo der Kehricht ist . Allein das zweite Leben , welches mein verfluchter Schoß empfangen , darüber darf ich allerdings nicht verfügen , ohne zur Mörderin zu werden . Hievon haben mich die Reden meines Vaters überzeugt . Ich soll also nicht sterben und kann nicht leben . Ihren Antrag , sich scheiden zu lassen , und mich zu heiraten , verabscheue ich . Dadurch würde ich mir einen neuen Frevel aufladen , und mich an Ihrem Ehebruche beteiligen . Meine Ehre will ich gleichwohl von Ihnen wiederhaben , und diese mir zu schaffen , gebiete ich Ihnen . Wie es geschieht , gilt mir gleich , ich bin völlig willenlos , alle Dinge sind mir recht , die geschehn , den einzigen Wunsch , den ich noch habe , zu erfüllen . Was man mir vorschlagen wird , es sei noch so fremd und widerwärtig , ich genehmige es schon jetzt , ohne es zu kennen . Wenn Sie in dieser Beziehung etwas ausfindig machen , so haben Sie mir es zu melden , ohne Beisatz und Redensart , die mich von Ihnen anwidern , da ich Ihnen nichts mehr glaube , nicht einmal Reue und Scham . X. Hermann an den Grafen Heinrich Abschrift Bremen , den 16. November 1795 Es gibt Dinge , die nichts weiter zulassen , als die Handlung , alles Reden darüber ist unnütz . Was hülfe es mir , Dir meine Betrachtungen über die trostlose Geschichte mitzuteilen ? Es ist nun dahin gekommen , - was ich immer vorausgesehen , und Dir vorhergesagt habe , - daß Dein Sinn Dich vor einen Punkt führen würde , wo Dir Blick und Aussicht , ja Bewußtsein verschwinden müßte . Aber wie gesagt , hier gilt es die Tat , die Worte sind leere Spreu . Aus den Briefen des Mädchens sehe ich , daß sie keine Metze , keine Närrin ist , die mit Phrasen umgeht ; der Lapidarstil , in dem sie an Dich schreibt , zeugt von einer starken Seele . Und ein solches Wesen hat mein Freund entwürdigt , und sein Kind soll ein Bankert heißen ? Dem soll nicht so sein . Du nennst mich kalt , der Kalte wird Dir seine Kälte beweisen . Wenn Du diese Zeilen empfängst , bin ich schon unterwegs . Ich werde vor Babetten hintreten und sie fragen , ob sie meine Hand annehmen will , und ob ich ihre Schande mit meinem ehrlichen Namen zudecken soll ? Dich wünsche ich nicht zu treffen ; diese Sache ist nur zwischen dem Mädchen und mir ; Dein Anblick würde mir nur unnütze Schmerzen machen . Antworte mir nicht , danke mir nicht , laß uns überhaupt eine Zeitlang , bis die Gemüter sich einigermaßen beruhigt haben werden , für einander nicht vorhanden sein . Ich weiß , was ich tue , opfre mich für Dich , gebe ein Leben und seine Freuden dahin , Dir zu helfen . Ein solches Gefühl will geschont sein , und wird durch jedes Anrühren , auch durch das wohlgemeinte , nur noch quälender aufgeregt . In seinen Tiefen werde ich mit der Zeit , wo nicht Trost , doch Beschwichtigung schöpfen . Was mir schon jetzt Halt und Stärke gibt , ist die Empfindung , daß ich ja gewußt habe , wie alles sich fügen würde . Graf und Bürger sollen die Hand einander nie zu so engem Bunde reichen , sollen bleiben , wohin der Stand einen jeden gestellt hat . Den einen treibt sein Geschick in das Weite und Freie , den andern weiset es in ziemlich enge Schranken . Überspringen sie die gezognen Grenzen , so hat sich der , welcher den Fehltritt erkannte , da er ihn beging , über die schlimmen Folgen nicht zu beklagen , die früh oder spät eintreffen müssen . Nachschrift des Senators Hermann 1816 Du empfängst in diesen Briefen , mein Pflegesohn , ein verhängnisvolles Geschenk . Ich darf es Dir nicht vorenthalten , denn wenn Du nicht wüßtest , wer Du bist , und von wem Du abstammst , so könnten sich ja entsetzliche Dinge ereignen , unbewußt könntest Du Frevel begehn , vor denen die Natur zurückschaudert . Daß eine Schwester von Dir lebt , weiß ich mit Bestimmtheit , sie heißt Johanna , und wird auf dem Schlosse ihres Vaters erzogen . Gern hätte ich Dir sonst diese Entdeckungen erspart , welche Dein Herz zerreißen , und Dich vielleicht auf lange Zeit unglücklich machen werden . Nach meinem Willen sollst Du die Briefe , welche wir damals wechselten , erst lesen , wenn Du Dein männliches Alter erreicht haben wirst . Du wirst dann die Stärke haben , der Eltern Schuld zu wissen , und doch an diesem Wissen nicht unterzugehn . Vor allem suche das Bild Deiner Mutter in Dir rein zu erhalten . Wir haben ein unglückliches Leben zusammen geführt , aber ich muß ihr das Zeugnis geben , daß sie die edelste und bravste Seele war , welche ich je gekannt . Was mich betrifft , so wird Dir hoffentlich Deine Erinnrung sagen , daß ich Dir ein treuer Pfleger gewesen bin . Ich habe mein Gelübde gehalten , und dieser Gedanke gibt mir eine gewisse Heiterkeit . Meine Tage sind gezählt , ich fühle das ; Melancholie hat meine Lebenskräfte verzehrt , und mich vor der Zeit zum Greise gemacht . Suche auch nach dieser Entdeckung ein freundliches Verhältnis mit meinem Bruder zu erhalten , der das Legat Deines Vaters Dir ausantworten wird . Er ist eigen und schroff , aber zuverlässig und wacker . Ich glaube , Du Armer , daß Dir verschlungne Lebensschicksale bevorstehn . Sobald Deine Eigenschaften sich zu entwickeln begannen , sah ich an Dir ein Gemisch von Deines Vaters Leichtsinn und Deiner Mutter Schmerzen . Mögen denn gute Geister sich Deiner annehmen , wenn die Sorge in das Grab sank , welche Deine Kinderjahre behütete ! Mit diesem Segenswunsche sei in das Leben entlassen . Fünfzehntes Kapitel Rasch war Hermanns Besserung vorwärtsgegangen . Neu war ihm die Welt geworden , er nahm von ihr zum zweiten Male Besitz , ausgerüstet mit allen Erfahrungen der früheren Zustände . Unglück und Glück hatten ihre , bis zum Überlaufen vollen Schalen auf seinem Haupte ausgeleert ; Stimmungen , wie sie durch solche Wechselfälle erzeugt werden , entziehn sich der Schilderung . Er fühlte , daß sein Geschick ihn jeder selbstsüchtigen Tätigkeit für immer entrückt habe , und daß er dennoch nur um so fester mit allen Fasern der Erde verwachsen sei . » Wir würden nicht glauben , daß dergleichen erlebt werden könnte , hätte es uns nicht selbst betroffen « , sagte er nach diesen Tagen einmal zu Wilhelmi . » Wie hat mich der Wahn in wechselnden Gestalten , lächerlichen und schrecklichen , verfolgt ! Als Zwanziger meinte ich fertig zu sein , und muß mich nun in den Dreißigen als Anfänger und jungen Schüler bekennen . « » Du bist hierin nur der Sohn deiner Zeit « , versetzte Wilhelm ! . » Sie duldet kein langsames , unmittelbar zur Frucht führendes Reifen , sondern wilde , unnütze Schößlinge werden anfangs von der Treibhaushitze , welche jetzt herrscht , hervorgedrängt , und diese müssen erst wieder verdorrt sein , um einem zweiten gesünderen Nachwuchse aus Wurzel und Schaft Platz zu machen . Wohl dem , der hiezu noch Kraft und Mark genug besitzt ! Ich sage dir , blicke fröhlich vor dich hin , denn du kannst es . « » Das tue ich auch « , erwiderte Hermann . » Mir ist fromm zu Sinne , obgleich ich nicht bete und den Kopf nicht hänge . « Auch er machte einen einsamen Gang nach dem Hünenborne . Dort nahm er die Decke von der Gruft des Kindes - seines Kindes - und stand lange in die Betrachtung dieser Überbleibsel eines Lebens versenkt , welches , ihm unbewußt , von ihm entsprungen , und , ihm unbewußt , auch schon wieder in die dunkle Nacht zurückgesunken war , aus welcher die Geburten der Erde auftauchen . Er legte den Ring zu dem Skelette , und ließ dann ein fest umschließendes Gewölbe aufmauern , die Hand und den Blick der Neugier für immer von diesen Gebeinen abzuwehren . - » Das ist gut « , sagte Wilhelmi , der davon hörte ; » nun sind die bösen Geister der Vergangenheit unter Salomos Siegel gelegt . Der Mensch bedarf solcher symbolischer Handlungen , um sich von einer Last gänzlich zu befreien . « Er selbst hatte die Alte zu guten Leuten an einen einsamen Ort geschickt , wo sie in gehöriger Kost und Pflege ihre noch übrigen Tage zubringen sollte . Unter den Angehörigen und Bekannten des Hauses herrschte die größte Freude . Alle nahmen den herzlichsten Anteil . Der gute Prediger und seine Frau , die Geschäftsleute , welche noch da waren , empfanden ein reines Behagen . Wilhelmi erhielt von seiner Frau unbeschränkten Urlaub , bei Hermann zu bleiben , bis dessen sämtliche Angelegenheiten geordnet wären . Der Arzt schickte einen Brief , der ein Dithyrambus war auf die Trüglichkeit medizinischer Prognose . Selbst die alte Nonne kam von ihrer Meierei herbeigewankt , dem Genesenen die Hand zu schütteln . Auch Theophilie hatte sich glückwünschend genaht . Ihr schien leicht und frei um das Herz zu sein , daß Hermann nun hier waltete . Sie sah verjüngt aus . Mit einem ihrer kecken Scherze stellte sie an ihn den Schlüssel zum Erbbegräbnis zurück . Neben solchem Lichte begann freilich auch der Schatten sich schon wieder einzufinden , welcher keinem Gemälde des Menschlichen fehlen darf . Hermann mußte , sobald er mit ruhigem Blicke seine wunderbare Lage übersehen hatte , über die ihm angefallnen Reichtümer sehr nachdenklich werden . Das alles gehörte ihm vor der Welt und von Rechts wegen , und doch war dieses Recht nur ein Schein , denn - er war nicht der Neffe seines Oheims . Durfte er gleichwohl der Wahrheit in diesem Falle die Ehre geben , das Verborgne enthüllen , und die Asche auch seiner Mutter noch im Grabe beunruhigen ? Sein Innerstes empörte sich dagegen2 . Im Widerstreite der Pflichten wollte er wenigstens tun , was möglich war . Er ließ daher der Herzogin den Rückkauf der Standesherrschaft unter Bedingungen anbieten , welche das Geschäft einer Schenkung so ziemlich nahe brachten . Wilhelmi , welcher die Unterhandlung leitete , hatte ihm aber bald die ablehnende Antwort der Dame zu eröffnen , da sie sich mit der ausgeworfnen Apanage begnügen könne , und jede Verwicklung in die Dinge der Erde scheue . Auch einem Besuche , zu dem er um die Erlaubnis gebeten hatte , versagte sie sich . » Schwerlich wird sie dich jemals wiedersehn mögen « , äußerte Wilhelmi bei dieser Gelegenheit ; » Frauen ihrer Art haben eine Unwiderruflichkeit der Stimmungen , ähnlich der Gnadenwahl . Wer ihnen einmal unangenehm geworden ist , bleibt es , auch wenn sie sich von der Nichtigkeit ihrer üblen Meinung überzeugt haben . Sie wird es dir nie vergeben , daß du Flämmchen auf ihrem Schlosse bei dir gehabt hast , obgleich sie durch den Arzt nun wohl wissen mag , daß die Sache damals die schuldloseste von der Welt war . « Cornelie zog sich , je mehr Hermann der Welt und den Menschen anzugehören begann , wieder sichtlich von ihm und in ihr Innres zurück . Sie mied die Gesellschaft und ihn , wo sie konnte . Eine stille Verlegenheit war an ihr bemerkbar ; es schien ihr an dem Orte , wo ihr Herz , durch gewaltsame Angriffe erschüttert , sich verraten hatte , unwohl zu sein . Hermann blickte zu ihr , wie zu einem höheren Wesen auf , er wagte keinen Wunsch , er erlaubte sich keine vertrauliche Benennung , er gestattete sich nicht , ihre Hand zu ergreifen . Eines Tages sagte sie zu Wilhelmi , daß sie bereit sei , mit ihm abzureisen . Er stutzte . » Nun wollen Sie von hier fort ? Nun ? « fragte er . » Veränderliches Kind ! « » Und warum nicht ? Ich bin hier nicht mehr nötig . Er ist gesund . Also lassen Sie mich in die Dienstbarkeit wandern , der ich von jetzt an doch verfallen bin . « Wilhelmi sann nach . » Wir wollen der Standesherrschaft einen Besuch abstatten « , sagte er , » mein Freund und ich . Von dort kehre ich über diesen Ort nach * zurück , und dann können Sie mich begleiten , wenn Sie noch bei Ihrem Vorsatze beharren . « Er ging zu dem Prediger und hielt mit diesem und mit dessen Gattin Beratung . Darauf schrieb er einen langen Brief an Johannen . Hermann hatte diese erst sehen wollen , wenn noch einige Zeit verflossen wäre . Er sehnte sich , und scheute sich doch , mit der Schwester wieder zusammenzutreffen . Letztes Kapitel Wieder glänzte der klare Herbsthimmel über Park , Schloß und Hügeln , wieder blühten die Georginenbeete der Fürstin , und die Abendsonne verklärte abermals die gelbroten Kronen der Bäume . In großem Ernste hatten die beiden Freunde den Tag über alle die Zimmer , Säle , Stätten und Plätze durchwandert , welche sie nun unter so gänzlich veränderten Umständen wiedersahn . Jetzt saßen sie ausruhend in dem bekannten Gartenkabinette . Dort lag noch ein von der Herzogin vergeßnes Buch aufgeschlagen . Hermann nahm es , und drückte sein tränenfeuchtes Auge auf die Blätter , welche ihre zarte Hand berührt hatte . Wie ward ihm , als er einen Blick hineinwarf ! Es war wieder ein Band von Novalis und das Märchen von Hyazinth und Rosenblütchen , welches ihm einst im Försterhause so prophetisch begegnet war . Er seufzte und legte das Buch weg . Wilhelmi hatte nachgesehen und sagte : » Im Bilde stellen oft die unsichtbaren Lenker unsre Geschicke an beiden Seiten des Lebensweges auf . Erinnerst du dich noch unsrer Gespräche über den Wahn , ferner über die Verflüchtigung des Eigentums ? Das alles ist an dir nun eingetroffen . Und wie viele andre Vorzeichen wurden uns gegeben ! Schon vor Jahren , bei unsrem Ritterspiele machtest du hier den Herrn , und Cornelie wurde zur Königin des Festes ausgerufen . In unsern Geschichten « , fuhr er mit Erhebung fort , » spielt gleichsam der ganze Kampf alter und neuer Zeit , welcher noch nicht geschlichtet ist . Fürchterlich hatte der Adel an seiner eignen Wurzel gerüttelt , seine Laster brachten trostlose Zerrüttung in die Häuser der Bürger . Der dritte Stand , bewehrt mit seiner Waffe , dem Gelde , rächt sich durch einen kaltblütig geführten Vertilgungskrieg . Aber auch er erreicht sein Ziel nicht ; aus all dem Streite , aus den Entladungen der unterirdischen Minen , welche aristokratische Lüste und plebejische Habsucht gegeneinander getrieben , aus dem Konflikte des Geheimen und Bekannten , aus der Verwirrung der Gesetze und Rechte entspringen dritte , fremdartige Kombinationen , an welche niemand unter den handelnden Personen dachte . Das Erbe des Feudalismus und der Industrie fällt endlich einem zu , der beiden Ständen angehört und keinem . « » Und der diesen rechtmäßig-unrechtmäßigen Erwerb nimmer mit Ruhe um sich gelagert sehen würde , hätte er sich mit seinem Gewissen nicht wenigstens abzufinden vermocht « , sagte Hermann . » Dir , meinem Getreusten will ich hierüber meine Entschließungen eröffnen , damit dir das Bild des Freundes rein und unentstellt bleibe . Ich fühle die ganze Zweideutigkeit meiner Doppelstellung . Laß dir also sagen , daß ich willens bin , das , was sie mein nennen , und was mir doch eigentlich nicht gehört , nur in dem Sinne , von dem du einst redetest , nämlich als Depositar , zu besitzen , immer mit dem Gedanken , daß der Tag der Abtretung kommen könne , wo denn die Rechnungslegung leicht sein wird , wenn der Verwalter für sich nichts beiseite geschafft hat . « » Es klingt gut « , versetzte Wilhelmi , » schwer wird es mir aber , dabei an etwas Bestimmtes zu denken . « » Vor allen Dingen sollen die Fabriken eingehn und die Ländereien dem Ackerbau zurückgegeben werden . Jene Anstalten , künstliche Bedürfnisse künstlich zu befriedigen , erscheinen mir geradezu verderblich und schlecht . Die Erde gehört dem Pfluge , dem Sonnenscheine und Regen , welcher das Samenkorn entfaltet , der fleißigen , einfach-arbeitenden Hand . Mit Sturmesschnelligkeit eilt die Gegenwart einem trocknen Mechanismus zu ; wir können ihren Lauf nicht hemmen , sind aber nicht zu schelten , wenn wir für uns und die Unsrigen ein grünes Plätzchen abzäunen , und diese Insel so lange als möglich gegen den Sturz der vorbeirauschenden industriellen Wogen befestigen . Ich habe bemerkt , daß die Männer , welche unter dem Oheim so tätig waren , jetzt im stillen alle sich nach Selbständigkeit sehnen , was ja auch ganz natürlich ist . Sie haben ihre Lehrjahre unter diesem Meister vollendet , und sind durch seinen Tod losgesprochen . Mögen sie also ihre Prozente nach reichlichster Berechnung aus meiner Bank ziehn , und dann den vorangegangnen Genossen in alle Welt folgen ! « » Diese Handlungen dürften doch die Befugnisse eines Depositars übersteigen « , sagte lächelnd Wilhelmi . » Ich bitte dich « , versetzte Hermann , » streite mit mir nicht über Worte . Jener Ausdruck konnte nur etwas sehr Beschränktes andeuten , und mein Gefühl ist ein unendliches . Sei zufrieden , wenn du in meinem ferneren Leben wenigstens ein Streben erblickst , die Gegensätze , welche auf meine Schultern geladen sind , würdig zu schlichten . « » Sei denn auch du nur zufrieden , mein Geliebter « , sprach Wilhelmi . » Schon in den letzten Tagen unsres Dortseins , und dann auf der Herreise bemerkte ich an dir eine schwermütige Trauer , welche zu der jetzigen heitern Wendung der Dinge nicht paßt . « » O mein Freund , diese Trauer werde ich wohl ewig fühlen ! « rief Hermann mit ausbrechendem Schmerze . » Ich danke Gott , daß ich das alles wiedererlangen durfte , was ich entbehrte , und doch ist mir in vielen Stunden , als besäße ich nichts . Ist denn die Staude etwas ohne ihre Blüte ? Vollendet den Baum nicht erst seine Krone ? Zuletzt , nach allen Irrfahrten , Abenteuern , Widersprüchen des Denkens und Handelns ist dem Menschen , welcher sich nicht selbst verlorenging , gegeben , mit dem Einfachsten sich zu begnügen , und alle Fieber der Weltgeschichte werden endlich wenigstens in dem einzelnen Gemüte von zwei treuen Armen und Augen ausgeheilt . Mir aber soll diese uralte , ewigneue Lösung und Schlichtung immerdar fehlen ! Die Heilige hat ihren Beruf erfüllt , indem sie mir wieder zu einem guten Gewissen verhalf , nun zieht sie sich in Regionen zurück , dahin ich ihr nicht folgen kann , und doch wird sie mir das wahrste , steteste Bedürfnis sein und bleiben . « Ein Bedienter kam und überbrachte Wilhelmi ein Billet . Dieser las das Blatt mit funkelnden Augen und sagte : » Fühlst du dich stark genug , eine unsägliche Freude zu erleben ? « » Was meinst du ? « » Sehr selten treffen die Erfüllungen mit unsern Wünschen zusammen . Alles pflegt entweder zu früh oder zu spät zu kommen . Hier wäre denn einmal das beglückende Gegenteil . Ich habe früher viel durch Hitze und Schärfe verdorben , nun , als alter , beruhigter Knabe , wollte ich versuchen , ob es mir nicht auch gelingen möchte , zu vermitteln . Was sich in der Not gefunden , drohte , in guten Zeiten wieder auseinander zu geraten . Das durfte nicht sein , aber nur Frauenhände wissen dergleichen zarte Händel zu entwirren . Ich schrieb deiner Schwester , die schon vor Verlangen nach dir brannte . Sie ist über das Kloster gereiset , hat das jungfräuliche Herz Corneliens in Pflege genommen und ihren Lippen Mut gegeben . Sie meldet mir ihre Ankunft ; bist du bereit , sie zu sehn ? « Hermann wankte und Wilhelmi mußte ihn führen . So traten sie aus der Türe des Kabinetts in die grünen Anlagen . Zwei Frauengestalten kamen ihnen den Gang herauf entgegen . Ein schöner Greis in Uniform folgte . » Ich bin es , mein Bruder , und bringe dir die Braut ! « rief Johanna , in Seligkeit blühend . Sprachlos fiel er in die geöffneten Arme Corneliens und dann an die Brust der hohen Schwester . So ruhte er zwischen den beiden , die seine Seele liebte . Zärtlich hielten sie ihn umschlungen . Wilhelmi blickte mit gefaltnen Händen nach den Vereinigten hin . Der General stand , auf sein Schwert gestützt , und sah , eine Rührung bekämpfend , vor sich nieder . In dieser Gruppe , über welche das Abendrot sein Licht goß , wollen wir von unsern Freunden Abschied nehmen . Fußnoten 1 Ein solches Säckchen schützt nach dem Glauben des Volkes als Amulett gegen die sogenannte böse Stelle . Orte nämlich , wo ein Frevel verübt worden ist , wo ein Mord geschah , wo ein ruchloser Mensch einen Meineid schwor , oder den Namen Gottes schändete , sind ungesund . Dort gedeihen nur Würmer unter Nesseln und Quecken , und wer , nichts ahnend , selbt viele Jahre später über die vom Unheil verpestete Stelle hinweggeht , der empfängt davon den Schaden an seinem Leibe . 2 Sonderbare Zufälligkeiten , eine Folge der mit dem Jahre 1830 eingetretenen Umwälzungen , brachten den Herausgeber in den Besitz dieser Hausgeheimnisse , und machten die Veröffentlichung derselben ohne Nennung von Namen und Ort nach seiner Meinung wenigstens verzeihlich .