am Feuer und Rauch zu trocknen . In diesem trostlosen Zustande fühlte ich nur noch dunkel die Nothwendigkeit , mich fortwährend zu bewegen , wenn ich mein Leben erhalten wolle . Mit höchster Anstrengung setzte ich meine Wanderungen fort , selbst völlig erblindet , denn der Wind trieb mir den Schnee in ' s Gesicht ; dieser blieb an den Augenliedern hängen , die sogleich zufroren . Endlich waren meine Kräfte erschöpft ; trotz der großen Kälte bemeisterte sich eine unwiderstehliche Schläfrigkeit meiner , und ich glaube , ich würde nach wenigen Minuten niedergesunken sein und würde , wie so viele Tausende , mein Leben durch die Gewalt der furchtbaren Elemente verloren haben , wenn nicht eine rauhe Hand die meine ergriffen und mich in eine kleine Hütte gezogen hätte , der ich mich , ohne es in meiner Blindheit zu bemerken , genähert hatte . Die große Hitze in der Hütte ließ den Schnee schmelzen , mit dem mein Gesicht bedeckt war , und meine Augen öffneten sich . Ich erkannte , daß ich mich unter Kosacken befand , die hier die Nacht zugebracht zu haben und der Kälte draußen eine gleiche Hitze in ihrer Hütte entgegensetzen zu wollen schienen . Dieser plötzliche Wechsel der Luft betäubte mich vollends , und ich sah die Gestalten sich nur wie Schatten in dem in der Hütte verbreiteten Rauch bewegen . Der Anführer dieses kleinen Trupps bemerkte es vielleicht , daß ich dem Tode nahe war . Er trat zu mir , schüttelte meine Hand , und das braune , kriegerische Gesicht blickte mich gutmüthig an ; er sprach einige Worte , die mich vermuthlich ermuntern sollten ; ich verstand aber seine Gebehrden besser ; er reichte mir nämlich eine Flasche hin und deutete an , ich solle trinken . Ich that es und fühlte , wie die Wärme des Getränks wohlthätig auf mich einwirkte , zugleich aber meine Müdigkeit sich erhöhte . Auf einige Worte ihres Anführers hatten zwei Kosacken mir die völlig durchnäßte Uniform ausgezogen . Sie bekleideten mich mit einem gemeinen Soldatenmantel und setzten mir eine ähnliche Mütze auf . Ich ließ Alles mit mir geschehen , ich war völlig betäubt und willenlos ; ich weiß nur noch , daß ich auf einen für mich bereiteten Haufen Stroh sank und in einen so tiefen Schlaf fiel , daß ich nichts mehr vernahm , was in der Hütte vorging . Ich mochte mehrere Stunden geschlafen haben , als ich durch heftiges Rütteln aus diesem todtenähnlichen Zustande erweckt wurde . Man deutete mir an , daß wir weiter ziehen müßten , und reichte mir grobes Brod , gesalznes Fleisch und gemeinen Branntwein als Frühstück . Ich verschlang diese dürftige Nahrung und sah mich dann vergeblich nach meiner Uniform um ; sie war verschwunden , zugleich vermißte ich meine Uhr , mein letztes Besitzthum von Werth , und die wenigen Goldstücke , die ich bei mir getragen hatte . Ich sah also wohl , daß mein tiefer Schlaf von den behenden Kosacken nicht unbenutzt gelassen war . Da ich aber den Kriegsgebrauch kannte , so erhob ich keine vergebliche Klage und bequemte mich , in der demüthigen Kleidung eines gemeinen französischen Soldaten mit meinen Ueberwindern , die sich im Uebrigen aber menschlich zeigten , den Weg in eine trostlose Gefangenschaft anzutreten . Ein kurzer Schimmer von Hoffnung leuchtete mir noch ein Mal . Wir stießen auf einen Theil eines französischen Regimentes . Die Kosacken wurden angegriffen , sprengten nach ihrer Art zu fechten sogleich aus einander und entflohen einzeln mit Blitzesschnelle dem überlegenen Gegner , und ich blieb in der Gewalt der Franzosen . Ehe ich aber noch Gelegenheit finden konnte , mich mit dem Officier zu erklären , stießen wir auf neue Feinde , und nach einem kurzen Gefecht , in welchem der Officier blieb , geriethen wir in deren Gewalt , und meine Befreier waren meine Mitgefangenen geworden . Ich will nichts von dem Elende erwähnen , das ich auf den endlosen Märschen erdulden mußte , ehe wir das Armeecorps erreichten , dem das uns führende Regiment zugeordnet war . Ich verdankte es der Kraft der Jugend , daß ich diese Mühseligkeiten überstand , denen die meisten meiner Unglücksgefährten unterlagen . Endlich war dieß traurige Ziel erreicht , und die wenigen noch lebenden Gefangenen , die der Obrist des russischen Regimentes , das uns genommen hatte , vorstellen konnte , wurden einer großen Anzahl zugesellt , die nach dem Innern des Reiches geführt werden sollte . Hier traf ich Franzosen , Deutsche , Italiener und Spanier im bunten Gemisch , aber Alle in gleichem Elend . Unsere Namen wurden hier flüchtig verzeichnet , und da meine höchst armselige Erscheinung in der zu Lumpen gewordenen Kleidung eines gemeinen Soldaten , hätte ich die Wahrheit angegeben , meine Glaubhaftigkeit verdächtig gemacht haben würde , so nannte ich mich bloß Evremont , Officier des Regimentes , das ich geführt hatte . Aber auch dieß konnte bei der unglaublich großen Anzahl Gefangener , die stündlich eingebracht wurden , nicht weiter beachtet werden . Da ich nur mein Wort dafür hatte und meine Erscheinung dem widersprach , auch unter den gegenwärtigen Gefangenen Niemand war , der mich kannte , so traf mich das Loos , als gemeiner Soldat mit einer Anzahl , worunter wenige Franzosen waren , meist Italiener , einen Weg anzutreten , dessen ich mich mit Schauder erinnern werde , so lang ich lebe . Unsere Nahrung war der Masse nach zwar hinreichend , aber von der gröbsten Art , so daß sich meine Natur dagegen sträubte und ich beinahe dem Hunger unterlag , und ich gestehe , daß ich , menn wir durch kleine Städte zogen , in welchen Bäcker wohnten , die schlechte Waizenbrote zum Verkauf ausgelegt hatten , alle Kraft der Seele aufbieten mußte , um meine Hand nicht danach auszustrecken , und mich hielt nur die Furcht vor den schimpflichen Folgen davon zurück , denn auch in diesem Elende blieb mir das Gefühl , daß ich Ihnen , meine verehrten Eltern , meiner angebeteten Emilie und meinem geliebten Knaben ein makelloses Leben schuldig sei , und daß ich keine Handlung begehen dürfe , worüber mir so theure Wesen jemals erröthen müßten . So , in täglich zunehmender Noth , hatten wir die Ostseeprovinzen erreicht , und mehrere der unglücklichen Gefangenen waren so entkräftet , daß sie auf Schlitten fortgebracht werden mußten , um in der nächsten Stadt , wo Lazarethe eingerichtet waren , zur Pflege abgegeben zu werden . Die Furcht vor einem ähnlichen Schicksale vermochte mich alle Kräfte aufzubieten , um meinen Weg zu Fuß fortsetzen zu können , und das Unglück der Kranken erleichterte selbst ein wenig den Zustand der Gesunden , denn das Bedürfniß Pferde zu haben , um die Hülflosen fortzuschaffen , hatte die Einrichtung nothwendig gemacht , daß die an der Straße wohnenden Edelleute die nöthigen Pferde zu stellen verpflichtet wurden , und so zogen wir von einem Edelhofe zum andern , indem in jedem neue Pferde bereit gehalten wurden , die die Kranken wieder bis zum nächsten brachten , und ich muß es dankend rühmen , wie bereitwillig die Menschenliebe die Noth des Augenblicks zu lindern strebte . Freilich war der wohlthätige Beistand mehr meinen Gefährten als mir zu Theil geworden , denn ich konnte mich nicht hinzudrängen , um meinen Theil von den Lebensmitteln , die uns gereicht wurden , zu erhalten . Da mich die Gefangenen selbst für einen gemeinen Soldaten hielten , so glaubten sie mir keine Rücksicht schuldig zu sein , und da die Noth den von Natur selbstsüchtigen Menschen noch selbstsüchtiger macht , so rafften die Andern Alles an sich , ohne daran zu denken , daß ich beinah verschmachtete . Trotz dieser großen Noth hatte ich oft Gelegenheit zu bemerken , daß das im Allgemeinen feine und gebildete Aussehen der meisten Edelleute einen seltsamen Gegensatz zu der Rohheit bildet , in die die ursprünglichen Bewohner des Landes , die jetzigen Bauern , versenkt sind , so daß man sich weit weg aus Europa versetzt fühlt , wenn man sie betrachtet , und seltsam überrascht wird , wenn man in dieser Umgebung zierliche Frauen , schöne Fräulein und gebildete Männer , die sämmtlich französisch reden , sich bewegen sieht . Mir wurde später dieses Räthsel gelöst , denn ich hatte Gelegenheit zu bemerken , wie viel eine jede Familie für die Erziehung ihrer Kinder thut , und wie jeder Vater , der es irgend vermag , seine Söhne auf Reisen sendet , um ihnen eine Wohlthat zu gewähren , die er auch selbst genossen hat . Dadurch ist ein gewisser Anstand im Betragen fast allen Familien eigen , der den Fremden angenehm anspricht . Die Ursache dieses anständigen , milden Betragens war mir zur Zeit meiner traurigen Wanderung nicht klar , aber ich sollte die wohlthätigen Wirkungen desselben erfahren . Ich hatte durch fast übermenschliche Anstrengung mich immer aufrecht erhalten ; aber meine Kräfte waren durch lange Entbehrungen aller Art so geschwächt , daß ich mit mir kämpfte , ob ich mich nicht sollte sinken und fühllos , besinnungslos dem neuen Elende eines Lazareths entgegenschleppen lassen , als wir auf einem Edelhofe aufgestellt wurden und hier warten sollten , bis die nöthigen Pferde herbeigeschafft würden . Der Besitzer des Gutes , ein Mann von mittleren Jahren , näherte sich uns mit seinem Verwalter und betrachtete unser Elend mit mitleidigen Blicken . Er sagte dem Verwalter einige Worte , der darauf in ' s Haus ging , und redete die nächsten Gefangenen französisch an , und als er die Italiener bemerkte , diese auch italienisch . Mit lärmender Freude ward er sogleich von denen umringt , die die laute ihres schönen Vaterlandes in so weiter Ferne vernahmen . Indeß war die Gemahlin des Gutsbesitzers auch herab gekommen ; sie redete uns freundlich an , und eine Magd trug ihr einen Korb voll wollener Strümpfe nach , die sie unter uns vertheilte , denn das mitleidige Auge dieser Frau hatte sogleich unsere höchst mangelhafte Fußbekleidung bemerkt . Schöne Kinder umringten das würdige Paar , in dessen Augen Thränen des Mitgefühls glänzten . Die Italiener besonders drängten sich stürmisch heran , um die Gaben den schönen Händen zu entreißen . Ich lehnte mich seitwärts an die kalte Mauer , denn ich konnte mich beinahe nicht mehr aufrecht erhalten . Die Dame bemerkte mich , und vielleicht durch mein bleiches Ansehen gerührt , näherte sie sich mir , um mir ihre Gabe zu reichen , die ich dankbar empfing . Der Verwalter erschien nun wieder und der Herr des Guts lud uns ein in ' s Haus zu treten , um uns zu erwärmen und uns durch eine einfache Mahlzeit zu erquicken . Alle drängten sich herbei und so auch ich , den die äußerste Noth dazu trieb , so gut ich es vermochte . O ! meine theuersten Eltern , wie köstlich dünkte mir nach so langer Entbehrung reinlich bereitete Suppe , die ein mürrischer Koch in Schüsseln von grobem Thon vor uns hinstellte , indem er uns hölzerne Löffel dazu reichte . Er zählte , indem er mit seinem großen Messer Jeden berührte , laut seine ihm unwillkommenen Gäste und theilte das uns bestimmte Fleisch , ohne Rücksicht auf einladende Sauberkeit , in eben so viele Theile , als Personen vorhanden waren . Die Wirthschafterin reichte Jedem mit verdrießlicher Miene ein Glas Branntwein aus demselben Glase . Alles das störte nicht die Lust des Genusses , und hätte ich nach der Mahlzeit meine ermüdeten Glieder zum erquickenden Schlummer ausstrecken dürfen , so würde ich mich in dem Augenblicke glücklich gefühlt haben . Doch die Pferde waren bereit und wir mußten scheiden . Ich hatte bemerkt , daß der Gutsbesitzer vor unserer Mahlzeit ernsthaft mit seiner Gemahlin sprach , wobei mich Beide betrachteten . Jetzt näherte er sich mir wieder und fragte , wo wir gefangen genommen wären . Nachdem ich auf seine Frage geantwortet , nahm ich die Gelegenheit wahr , ihm für die Güte , die er uns bewiesen , zu danken . Es schien mir , als ob er gern das Gespräch mit mir fortgesetzt hätte , doch der Unteroffizier , der uns führte , erinnerte , daß es Zeit sei aufzubrechen , und ich verließ mit Schmerz einen Ort , wo ich nach langem Leiden die erste Erquickung gefunden hatte , nachdem ich dem menschenfreundlichen Gutsbesitzer noch meinen Namen gesagt hatte , den er zu wissen begehrte . Erwärmt und gesättigt faßte ich von Neuem den Entschluß , mich so lange als möglich aufrecht zu erhalten , um der Gefahr , in ' s Lazareth zu kommen , zu entgehen , und es war auf unserm zweiten Tagesmarsche , den ich mit höchster Anstrengung als Gesunder machte , als ich den Gutsbesitzer , der uns so wohl aufgenommen hatte , bei uns vorbeifahren sah . Er grüßte uns freundlich , und ich weiß nicht , was ich mir daraus Gutes vorhersagte , aber sein Anblick richtete meinen Muth auf und ich erreichte die Stadt als Gesunder , wo unser ferneres Schicksal entschieden werden sollte . Wir waren auf dem Markte aufgestellt , und sahen nicht ohne schmerzliche Empfindungen uns von den Einwohnern mit Neugierde betrachtet , und erwarteten mit Aengstlichkeit die Entscheidung , wohin wir nun mit kraftlosen Schritten wandern sollten . Ich blickte mit Betrübniß auf das Haus , wo der Obere der Polizei wohnte , der unsere weitere Versendung zu besorgen hatte , als sich die Thür desselben öffnete und der mir so wohlbekannte Gutsbesitzer an der Seite dessen heraustrat , der unser Schicksal zunächst zu bestimmen hatte . Mein wohlwollender Bekannter näherte sich mir und fragte mich , ob ich etwas dagegen hätte , wenn er mir den Vorschlag machte , das Ende des Krieges als sein Hausgenosse zu erwarten und indessen die Verpflichtung zu übernehmen , seine Kinder in der französischen Sprache und , worin ich sonst vermöchte , zu unterrichten , vor Allem aber beständig französisch mit ihnen zu sprechen , damit sie sich die nationale Aussprache ganz eigen machen könnten . Ich ging mit Freuden auf sein Anerbieten ein , und in wenigen Minuten war die Sache zwischen ihm und dem Obern der Polizei abgemacht , und ich folgte zum großen Aerger der Italiener , um die sich Niemand bemühte , dem wohlwollenden Manne , dessen Hausgenosse ich werden sollte . Die wenigen Franzosen unter den Gefangenen waren bald auf eine ähnliche Art wie ich selbst untergebracht , und nur die unglücklichen Italiener und Spanier wurden weiter gesendet . Mein neuer Beschützer kaufte mir zu allererst einen Mantel , der , obwohl nichts weniger als fein , mir dennoch höchst erfreulich war , denn ich konnte nun die erstarrten Glieder erwärmen , auch in dem Gasthofe , wo er selbst abgestiegen war , mich durch eine anständige Mahlzeit stärken , und den andern Tag saß ich neben ihm im Schlitten , von wärmenden Decken geschützt , und flog schnell und bequem den Weg nach seinem Gute zurück , den ich so kummervoll und mühevoll vor wenigen Tagen gewandert war . Im Hause meines Beschützers angelangt , fand ich die wohlwollendste Aufnahme . Der lang entbehrte Besitz eines freundlichen , anständig möblirten Zimmers erfreute mein Herz ; ein reinliches , bequemes Lager lockte mich an , doch wurde ich dieses Genusses erst durch ein Bad würdig , das man mir , die Nothwendigkeit erkennend , sogleich bereitete . Die zarte Vorsorge der Gebieterin des Hauses ließ es mir auch an Wäsche nicht mehr mangeln , und da von meinen Kleidungsstücken durchaus keines brauchbar war , brachte man mir für ' s Erste einen Schlafrock meines Beschützers . In diesem so sehr verbesserten Zustande war ich doch einige Tage ein Gefangener auf meinem Zimmer , bis der Schneider des Gutes , ein Eingeborner des Landes , der die Bedienten des Hauses kleidete , seine Kunst zu meinem Besten ausgeübt hatte . Da ich nicht mit ihm sprechen konnte , mußte ich mich seiner Willkühr überlassen , doch wären Erinnerungen auch überflüssig gewesen ; er kannte nur einen Schnitt der Kleider , den er seit Jahren für alle Bedienten des Hauses benutzte . Der Stoff , aus dem mein neuer Anzug verfertigt wurde , war zwar von feinem Gespinnst , ein Fabrikat des Hauses , worin ich nun lebte , doch aus Mangel an Kenntniß und den nöthigen Vorkehrungen so schlecht bereitet , daß er nur in der Ferne eine Aehnlichkeit mit Tuch hatte . Auf gleiche Weise wurde meine Fußbekleidung durch einen Eingebornen besorgt , und um das Werk zu vollenden , schnitt einer der Bedienten , der dieß Geschäft bei seinen Kameraden besorgte , mein Haar , das auf den mühseligen langen Märschen völlig verwildert war , auf eine Weise zurecht , daß ich vor mir selbst erschrak , als ich mich im Spiegel erblickte . Und nun war ich fähig , der Familie des Hauses vorgestellt zu werden . Nennen Sie mich nicht undankbar , verehrte Eltern . Ich erkannte mit dankbarer Seele die wohlthätige Verbesserung meiner Lage , aber ich stand dennoch betrübt vor dem Spiegel und betrachtete mich mit einem erzwungenen Lächeln , durch das ich mich selbst aufzurichten strebte . Ich mußte daran denken , daß ich sonst nur die feinsten , ausgewähltesten Zeuge für würdig hielt meinen Leib zu bedecken , und daß die vorzüglichsten Kleiderkünstler in Paris oft noch von mir getadelt wurden und mich nicht zufrieden stellen konnten . Meine Haut durfte nur Battist oder höchstens die feinste holländische Leinwand berühren , und ich gestehe , ich war nicht frei von Eitelkeit in Bezug auf mein vorzüglich schön gelocktes Haar , und ich hielt Wohlgerüche für ein unentbehrliches Bedürfniß des Lebens , und nun - wie demüthig umhüllt , ja , wie lächerlich entstellt blickte mich mein Bild aus dem Spiegel an , mir allen Muth benehmend , mich vor den Frauen zu zeigen . Der Graf hatte viele Stellen dieses langen Schreibens mit bewegter Stimme gelesen . Die Thränen der zuhörenden Frauen waren häufig geflossen ; auch der General , der den kleinen Adalbert auf den Knieen hielt , hatte oft mit Mühe die Rührung zurückgehalten , die in ihm die Theilnahme an Evremonts Geschick erregte ; aber jetzt schien er mit einer andern Empfindung zu kämpfen , die er einige Augenblicke mit Anstrengung unterdrückte ; doch plötzlich brach er in ein herzliches , langes , lautes Gelächter aus . Der Graf sah seinen Freund bei diesem unerwarteten Ausbruche der Heiterkeit verwundert an . Die Frauen richteten zornige Blicke auf ihn , und die sanfte Emilie sagte , indem sie unwillig ihre Thränen trocknete : Ist es möglich , daß die Kunde von so großen Leiden , von der traurigen Lage eines Freundes irgend ein Gefühl von Heiterkeit erregen kann ? Werthe Freunde , sagte der General , die Thränen trocknend , die ihm sein heftiges Gelächter erpreßt hatte , sein Sie nicht undankbar , und verschonen Sie mich mit Vorwürfen und zornigen Blicken . Der Himmel weiß , wie oft ich im Stillen für Evremonts Schicksal gezagt habe , und wie herzlichen Antheil sich an seinen Gefahren und Leiden nehme , deren Größe nur der beurtheilen kann , der mit demselben Ungemache gekämpft hat . Aber er lebt , er ist gesund , unverstümmelt weder durch den Feind , noch durch das noch feindlichere Klima , die Gefahren , die ihn noch weiterhin in seiner Gefangenschaft hätten treffen können , sind abgewendet , gegen den furchtbarsten Mangel , dem er noch hätte erliegen können und dem Tausende erliegen werden , schützt ihn der Aufenthalt in einer achtbaren Familie , wohin Du , alter Freund , ihm auf ' s Schnellste die größten Summen senden kannst , was Du auch nicht unterlassen wirst ; dieß ist ein Glück , so groß , so ernsthaft , daß Euer Dank dafür nicht feurig genug zum Himmel emporsteigen kann . Aber nun seid auch gerecht und vergönnt mir , da alle Gefahr und auch alle eigentliche Noth für ihn vorüber ist , das Lächerliche seiner Lage zu fühlen . Können Sie es läugnen , fuhr er fort , indem er sich an Emilie wendete , daß unser Freund die größten Gedanken in seiner Seele hegen konnte und zugleich daneben doch auch ernsthaft daran dachte , wie er sein Halstuch nach der Mode knüpfen sollte ? Wollen Sie behaupten , daß das weiche , dunkle , schön gelockte Haar ihm nie eine angenehme Beschäftigung gewährt habe ? Und nun ist es gefallen unter der plumpen Scheere eines Bauern . Achtete er nicht beinah ängstlich darauf , in seinem Anzuge die Sitte des Tages zu beobachten ? Er war die Zierde der Gesellschaften , und dieß bewußtlose Gefühl gab ihm die liebenswürdige Sicherheit des Betragens , die gleich weit von kindischer Schüchternheit entfernt ist , wie von ungezogener Anmaßung . Er war der Spiegel der Mode , alle jungen Herren , die auf guten Ton Anspruch machten , suchten sich ihm ähnlich zu gestalten , und nun , wie sehr sind alle diese Vorzüge für den Augenblick verdunkelt ! Aber beruhigen Sie sich , meine Freunde ; die großen Geldsummen , die Sie senden werden , erreichen ihn bald . Dann wird er die demüthige Hülle eines Kinderlehrers abwerfen und , wie die Sonne aus verschleierndem Nebel , zum Erstaunen seiner Umgebung glänzend hervortreten . Es konnte Niemand umhin sich einzugestehen , daß der General nicht mit Unrecht Evremont der kleinen Schwächen beschuldigte , deren er gedachte . Sie waren aber so eng mit allen liebenswürdigen Eigenschaften seines Charakters verwebt , daß Niemand sie hinweg gewünscht hätte , und das unwillkührliche Lächeln auf allen Gesichtern zeigte dem Freunde , daß man die Wahrheit seiner Bemerkungen anerkannte . Dieser hob den kleinen Adalbert von seinen Knieen auf , küßte ihn herzlich und rief : Ich sage Dir , mein Junge , werde so gut , so brav wie Dein Vater , so edel , so mild , so treu in der Freundschaft und so großmüthig wie er , dann will ich Dir erlauben , Dich noch sorgfältiger zu putzen , wie er selbst , wenn es möglich ist . Diese Unterbrechung hatte die tiefe Rührung der Familie gemildert , und man vernahm in ruhiger Stimmung , indem man zuweilen auch ein Lächeln sich erlaubte , die weiteren Klagen Evremonts , die der Graf vortrug . Ich wendete mich von dem Spiegel ab , schrieb Evremont weiter , und schritt einige Mal im Zimmer auf und ab , um den unangenehmen Eindruck zu besiegen , den mein Bild in demselben auf mich gemacht hatte ; dann faßte ich den Muth mich den Damen vorzustellen . Des andern Tages , nun völlig hergestellt von allen erduldeten Beschwerden , begann ich mit Eifer mein Geschäft . Ich unterrichtete die Kinder in allen Dingen , worin ich Unterricht zu ertheilen vermochte . Ich lehrte nicht nur französisch , sondern auch Zeichnen , Geschichte und Erdbeschreibung , und unterrichtete die Knaben in der Mathematik . Die dankbaren Eltern erkannten um so mehr meine Bemühungen an , als sie , wie sie glaubten , ein so vorzügliches Loos getroffen hatten . Denn in allen Nachbarhäusern waren ebenfalls kriegsgefangene Franzosen ; da diese aber größtentheils waren , was ich schien , nämlich gemeine Soldaten , so konnten sie weder Sitten , noch irgend eine Wissenschaft lehren , und ich mußte oft lächelnd bemerken , daß sich durch Einige sogar die provinziellen Dialekte unsers schönen Frankreichs zu verbreiten anfingen . Auf diese Art fühlte ich mich bald heimisch bei den guten Menschen , in deren Hause ich lebte , und sie behandelten mich bei sich wie ein Glied ihrer Familie . Anders war dieß freilich in der Gesellschaft , wo ich völlig bis zum Nichts herabsank , denn die Edelleute , zu denen sich die Prediger gesellten , bildeten eigentlich die Gesellschaft . Die verschiedenen Hofmeister und Lehrer waren nur gegenwärtig , ohne dazu zu gehören , und von diesen sonderten sich die Deutschen wieder ab , die natürlich Anspruch darauf machten , Gelehrte zu sein , und deßhalb mit großer Geringschätzung auf die Franzosen herab sahen , die sie ohne Ausnahme für gemeine Soldaten hielten . Den Frauen nähert man sich in Gesellschaften nur beim Tanze , und da es meinem Gefühl zu sehr widersprach , mit fremden Frauen zu tanzen , indeß meine angebetete Emilie vielleicht brennende Thränen des bittersten Kummers über mein Schicksal vergießt , und da ich außerdem vermeiden wollte , daß man den Wunsch äußern möchte , ich solle die Kinder auch in dieser Kunst unterrichten , weil ich in meiner abhängigen Lage keinen Wunsch , der geäußert wurde , ablehnen durfte , so läugnete ich hartnäckig , daß ich zu tanzen verstehe , und obwohl man dieß von einem Franzosen lange nicht glauben wollte , hörte man doch endlich auf mich aufzufordern , an einem Vergnügen Theil zu nehmen , das keins für mich sein konnte . Er hat Recht , unterbrach der General abermals die Vorlesung , er hat Recht . Daß er ernsthafte Wissenschaften zu lehren sucht , in einer Abhängigkeit , die er aus ehrenvollen Gründen erduldet , kann ihn nie beschämen ; aber ewig unauslöschlich lächerlich und kränkend würde es mir sein , wenn ich mir einen der bravsten Offiziere der großen Armee denken müßte mit russischen Kindern nach einer armseligen Geige herumspringend , um ihnen Künste zu lehren , womit sie in ihren Gesellschaften glänzen sollen . So geschah es , fuhr der Graf aus Evremonts Briefen fort , daß ich mich nie so völlig einsam fühlte , wie in den Gesellschaften , die sich hier auf dem Lande bildeten , und ich sehnte mich herzlich nach dem spät beginnenden Frühlinge , um einigen Ersatz für alles , was ich entbehre , in der Natur zu finden . Doch auch diese bietet hier Genuß mit karger Hand . Die Gegend wenigstens , in der ich lebe , ist so völlig flach , daß man den kleinsten Hügel ganz ernsthaft einen Berg nennt , und das Auge schweift , irgend einen Punkt suchend , an den es den Blick fesseln möchte , ermüdet über unermeßliche Kornfelder , die oft nur der Horizont begränzt . Man bekommt ein ängstigendes Gefühl der Trockenheit , weil man mehrere Meilen fahren kann , ohne das kleinste Wasser zu erblicken , und trifft man endlich auf einen Bach , so fließt er träge zwischen flachen Ufern , und ist im Sommer mit Schilf und Binsen bewachsen . Dieß ist im Allgemeinen der Charakter des Landes , und dennoch lieben dessen Bewohner hier die Natur mehr , als ich es an den Bewohnern der glücklichsten Gegenden bemerkt habe . Man kann sagen , sie feiern jeden schönen Tag , den ihnen der hier strenge Himmel etwa gewährt ; sie benutzen jeden Platz an einem dieser Flüsse oder der kleinen Seen im Lande , um anmuthige Gärten zu bilden . Ja , sie wandeln zu diesem Zwecke die unwirthbarsten Sümpfe um und ringen mit unglaublichen Anstrengungen der widerspenstigen Natur ein kleines Fleckchen ab , um ihre Sehnsucht nach einer anmuthigen Umgebung zu befriedigen . In solchen kleinen Paradiesen kann man es zuweilen vergessen , daß man so hoch im Norden lebt ; nur muß der unter den Blüthenbüschen Wandernde sich hüten , daß sich sein Auge nicht über die Umzäunung hinaus verirrt , sonst wird ihn die Oede rund umher daran erinnern . Daß ich nun hier , meine theuern Eltern , trotz der Güte , die ich erfahre , ein höchst trauriges Leben führe , werden Sie begreifen , in drückender Abhängigkeit , von der Gesellschaft eigentlich ausgeschlossen , zurückgestoßen von der rauhen Natur , ohne alle Nachricht von allen mir theuern Wesen , und durch die öffentlichen Nachrichten für mein Vaterland mit Recht besorgt ! Ich läugne nicht , daß ich mich oft mit aller Anstrengung ermannen muß , um den Kummer , den ich im Herzen trage , denen nicht zu zeigen , die ihn weder verstehen noch theilen könnten , denn sehr begreiflich sind hier viele Dinge , die mich betrüben , eine Ursache zur Freude . Es war mir ein Trost , in einsamen Stunden diese Zeilen an meine Familie zu richten , ohne daß ich wußte , wie sie bis zu Ihnen , geliebte Eltern , gelangen sollten . Nach Jahren hatte ich gestern das erste Mal wieder das Gefühl lebhafter Freude . Der älteste Sohn des Hauses , in dem ich lebe , überraschte seine Eltern und Geschwister auf seinem Rückwege zur Armee mit einem kurzen Besuche . Er hat mir sein Ehrenwort gegeben dafür zu sorgen , daß diese Briefe sicher in Ihre Hände kämen , mein theurer Vater , und ich betrachte nun meine Noth als geendigt . Evremont fügte noch Vieles hinzu für jedes einzelne Glied der Familie , welches der Graf nicht angemessen fand dem Generale mitzutheilen , und er endigte die Vorlesung , die Alle mit so inniger Theilnahme angehört hatten . XIII Das Schreiben Evremonts hatte die schmerzliche Trauer in der Familie des Grafen geendigt . An die Stelle der quälenden , alle Lebenskräfte verzehrenden Angst trat die wohlthätige Sehnsucht der Liebe , die zwar innig die Vereinigung mit dem Geliebten herbei wünscht , aber , wenn das Schicksal zögert diese zu gewähren , die Stunden des Erwartens dadurch versüßt , daß sie alle dem Streben gewidmet werden , den schönen Augenblick , wenn er endlich eintritt , auf alle Weise zu verherrlichen . Der Graf hatte leicht Mittel gefunden , da er Evremonts Aufenthalt kannte , ihm solche Summen zu übersenden , daß von einer abhängigen Lage nun bei ihm nicht die Rede mehr sein konnte , und da das ganze Land von Feinden gereinigt war , so konnte ein regelmäßiger Briefwechsel eintreten , der ein großer Trost für Alle wurde . Emilie hatte nun Gemüthsruhe genug den wohlgemeinten Rath ihrer Tante zu befolgen , und sie theilte ihre Zeit zwischen der Sorge für ihren Sohn , den sie schon zu