Der verfluchte Hundsjude hat sich nicht bekehren wollen , und der Pater versichert , daß ihm angst und bang bei dem Sünder geworden sey : dermaßen habe der Teufel , der in ihm sitzt , geschnauft und gefaucht und geknurret , so oft der Pfaffe mit Gebet und Beschwörung angesetzt . « - » Ist denn der Sohn bei dem Sterbenden ? « fragte der Richter , und der Wärter schüttelte den Kopf . Das Kopfschütteln begann wieder , als er den Befehl erhalten hatte , David zu Jochai zu führen . » Gott genade unsern Ohren ! « sprach der Brummbär , nach den Schlüsseln suchend : » das verdammte Volk wird ein Geschrei und Geklage anheben , daß man sein eigen Wort nicht versteht , und es hilft doch zu nichts . Der Schurke muß dennoch fort . « - Der Oberstrichter wiederholte kalt und bestimmt seinen Befehl , und ließ sich indessen Jochai ' s Gemach öffnen . Da lag der Greis , ausgestreckt auf einem elenden Lager , das doch immer im Vergleich mit seinem vorigen modernden Strohbette eine köstliche Ruhestelle war , - ganz allein , ohne Hülfe , ohne Labung , und nur der Tod war bei ihm , begriffen in seinem traurigen Geschäft . Das Gesicht hatte schon beinahe die Züge angenommen , die der alte Arzt Hippokrates als die letzten bezeichnet ; die Brust hob sich ängstlich und keuchend , weil in ihr das Leben sich sträubte gegen das Erlöschen , während schon die Glieder regungslos ruhten , unvermögend , den armseligen Wasserkrug , der zu Haupten des Bettes stand , an die fieberisch zitternden Lippen des Sterbenden zu bringen . Der Oberstrichter erwies diesen Dienst dem Hülflosen , er unterstützte dessen Haupt , und sprach sanfte Worte zu ihm . Das Labsal der kühlenden Tropfen und der milden Rede rief den Entschlummernden zur Besinnung zurück , und die starren Augen belebten sich wieder , und sahen in der feindlichen Amtstracht einen Menschen an dem Bette des Todes stehen . - » Der hochgelobte Gott soll Euch vergelten , « sprach der Greis , welcher den Oberstrichter gar wohl erkannte : » mich hat überfallen die elende Zeit , da uns der Herr hinweggehen heißt aus dem Leben , und Versöhnung befiehlt mit dem Feinde . « - » Auch unser Gott nicht minder will Versöhnung im Sterben ; « entgegnete der Richter mit trübem Blicke und dumpfer Stimme : » Vergib meiner Pflicht , was ich Dir Böses gethan , und fluche meinem Namen nicht . « - » Da sey Gott vor , « redete Jochai , » daß ich fluche dem , der meinen Mund genetzt hat mit kühlem Wasser . Genommen sey von Euch jeglicher Fehl und das Vergehen Euers Vaters , denn ich kann Euch vergeben für Israel , doch nicht für den gebenedeiten Gott , welcher Edom verdammt hat zum Feuer . Ich will aber bitten für Euch im Thale Josaphat , so Ihr mir gewähren wollt zwei Bitten . « - » Sprich ! « erwiederte der Oberstrichter . - » Jaget den Pfaffen von meinem Lager , « versetzte der Sterbende wehmüthig : » seine Götter sind mir ein Gräul des Baal , und weil kein Rabbi stehen kann zu meiner Seite , und keiner von den Freunden , so will ich seyn allein mit dem Engel , der da bringt das Ende . « - Der Oberstrichter nickte , und der Alte fuhr fort : » Sehen möchte ich noch den Sohn , meinen Bechor , und dessen Tochter , die arme Esther . « - » Von Esther weiß ich nicht , « äußerte der Richter : » jedoch Dein Sohn , ... so eben bringt man ihn . « - Man muß den leidenschaftlichen Schmerz der Völker des Südens gesehen haben , um Davids furchtbaren Kummer sich denken zu können . Er strebte gewaltsam vorwärts aus den Händen der Wächter , die im Begriff waren , ihm die Ketten abzunehmen , und hätte sich mit der ganzen schweren Eisenlast über den Körper des Vaters geworfen , wenn man es zugelassen hätte . - Endlich , von den Banden befreit , stürzte er an dem Bette nieder auf die Knie , faßte die erschlafften Hände des Sterbenden , küßte sie und den bleichen Mund unter Thränen und Schluchzen und stieß von Zeit zu Zeit ein Geschrei und eine laute Klage aus , die man im Munde des Weibes , aber nicht auf den Lippen des alternden Mannes erwartet haben würde . Der Ungestüm dieses Auftrittes , welchem der Oderstrichter mit Thränen im Auge entfloh , um nach dem Hause seiner eigenen Trauer zu kehren , und zu überlegen was ferner zu thun sey , dauerte eine gute Weile hindurch , und Jochai schien diese heftigen Schmerzäusserungen als den schuldigen Tribut der kindlichen Liebe hinzunehmen . Endlich verstummte jedoch der allzulaute Jammer in ängstliches Stöhnen , und auch dieses hörte auf , da Ben David das bekümmerte Auge auf Jochai ' s erlöschendes richtete , gleichsam als wolle er die Augenblicke zählen , die noch dem Sterbenden übrig blieben . Der Greis begann nun mit brechender Stimme ein Gebet zu murmeln , in welches der Sohn einstimmte , und das bald beendigt war . Nun sprach Ben David trostlos und zögernd : » Raaf ! wirst du mich segnen , bevor Du hinweggehst , oder wird mein Name verflucht seyn von Dir ? Raaf ! Du hast mir gegeben das Leben , und ich habe Dir gegeben den Tod ; ach ! es ist wahr geworden , was Du gesagt hast in Weisheit . Du stirbst hin in edomitischen Banden , und ich hab es verschuldet , daß Dein Angesicht bleich wird ausser Israel und den Hütten Jakobs ! « - » Sohn ; « entgegnete Jochai sanft : » So Du mir hättest Gift gegossen in den Leib , würde ich Dir doch verzeihen , nun ich sterbe , denn wir werden doch theilen das Paradies mit den verderbten Kindern , da wir ihnen nicht entziehen das Erbtheil dieser Welt ? 1 Aber Du bist nicht gewesen die Schlange der Wildniß , und weil mich der Herr geschlagen hat mit Schwäche und Blödheit da ich lebte , so hat er mir verliehen Gewalt und Kraft vor dem Tode . Ich gehe nicht dahin aus Leid , mein Sohn , ich gehe dahin aus Freude , weil die Herrlichkeit Israels hat gesiegt , und der Väter Fürbitte bei dem Ewigen an ' s Licht gebracht unsre Unschuld . Das ist ein freudevoll Hinscheiden , mein Sohn , und ich verdanke es Dir . « - Dankbar preßte David die milde Hand Jochai ' s an seinen Mund . » Wir haben gelitten viel ; « fuhr der Greis mit schwächerer Stimme fort : » aber die Freude ist größer , denn die Qual . Aus Amalek führt uns der Weg in ' s Paradies , wo der Herr waltet , als oberster Fürst und gastlicher Wirth , und den Behemoth füttert , wie den Leviathan zur Kost der sieben Schaaren der Gerechten aus Israel2 . Mag auch ausgehen die Leuchte unsers Lebens , .. wenn doch nur strahlt die Leuchte ober unserm Haupte : die Herrlichkeit des hochgelobten Gottes . Meines Hand ist kraftlos geworden , Sohn , und ich kann sie nicht auflegen Deinem Haupte , wie die Väter es gethan , aber meine Zunge spricht ihn noch aus , den Segen , der Dich geleite zum ewigen Leben der Wonnen , zu dem ich vorangehen will . Finde Gold auf Deinen Wegen , und der Herr stärke Dein Gesicht und Deine Hände , auf daß Du mögest sehen die Stricke Edoms , und gewinnen Deine verlorne Habe . Der hochgelobte Gott lasse Dich fahren unter die Gerechten , und Deine Tochter Esther nicht minder . « - Ben David seufzte schwer . Jochai fühlte es , und fuhr , wiewohl eremattet , fort : » Gelobe mir , « mein Sohn , » daß Du - so Du wieder findest unser verlornes Kind , - daß Du es erhalten willst auf dem Wege des Heils . Daß sie nicht anhänge einem Goi aus Edom ! « - » Wie soll ich geloben , was ich nicht kann hindern ? « fragte David ängstlich : » Ich kann nicht legen Fesseln an ihr Herz , kann nicht machen ungeschehen , was vielleicht schon ist . « - » So gelobe mir , « sprach der Sterbende mit mühsam erhöhter Stimme weiter , » sie nicht zu lassen zu dem verruchten , vermaledeiten Bad , das sie die Wiedergeburt nennen ; halte sie ab , daß sie nicht abschwöre vor dem Volke den Glauben aus Canaan . - Schwöre , gelobe ! « setzte er zornig bei , da Ben David zögerte und zauderte : » Schwöre , denn dort zu meinen Füßen richtet sich schon der Engel des Todes auf . « - Halb ohne Bewußtseyn gelobte David , was der Alte begehrte . Jochai beruhigte sich merklich , und sprach : » Der Segen folge diesem Eide , und dem Kinde , das sich nennt wie das Pflegkind Mardochai ' s. Und nun , mein Sohn , binde mir auf das Haupt , um die Hand die Tephilum , da mein Gebein schwach geworden ist . « - David that , wie ihm geheißen war . Jochai ' s Auge wurde wieder starrer , und seine Stimme verwirrt . » Die Seele wird unstät im Leibe , « seufzte er unter den Bewegungen des nahenden Endes : » sie durchläuft zitternd die Glieder , weil sie bebt vor dem Engel , der dort steht , und feurige Augen trägt vom Wirbel bis zur Sohle . Hüte Dich , David , daß Du nicht geräthst unter das Schwert des Wilden , der dort unten tanzt wie ein trunkner Fechter . Halte Dich an mich , denn das ist Samael , der die Seelen nimmt derjenigen , die sterben ausserhalb dem heiligen Lande . Hilf mir , Sohn ! Gib mir die Erde des Herrn , die Du trägst auf Deiner Brust , daß ich in der Heimath sterbe , und der Engel Gabriel meine Seele hole3 . « - Ben David riß das Päckchen von der Brust , und schob er unter den Kopf des Verscheidenden , dessen Blicke noch einmal aufloderten in dem Scheine einer wehmüthigen Freude . » Groß ist der Herr ! « stammelte seine Zunge : » gekannt in Juda , und sein Name herrlich in Israel . Zu Salem ist sein Gezelt , und seine Wohnung zu Zion ! Laßt uns ihn preisen , den hochgelobten Gott ! « - Hier stockte die Zunge des Erblassenden ; seine Augen umdüsterte die in ' s Leben hereinbrechende Nacht ; noch einmal öffnete sich der Mund , und von dem Schwerte des Todesengels fiel der an der Spitze hängende Galltropfen hinein , von welchem das Angesicht bleich wird , und die Seele entflieht4 . Aber ein guter Engel , der Fürst der Barmherzigkeit mußte hier gewaltet haben , weil freundlich das Angesicht wurde und still wie der Friede . - Ben David zog dem Todten das armselige Kissen weg unter dem Kopfe , stürzte den Wasserkrug um , in welchem vielleicht der Todesbote sein Schwert abgewaschen hatte ; zerriß fein Gewand , und warf sich nieder auf dem Boden , wo er trauerte im Schweigen , oder betete , oder jammernd im Staube sich wälzte . In diesem Zustand fand ihn am Abend der Oberstrichter . Die Wahrhaftigkeit seines Schmerzens hatte selbst die rauhe Brust des Thurmwärters gerührt , daß er es nicht gewagt , die theure Leiche dem Trauernden zu entreiffen , bevor der Befehl dazu gekommen seyn würde . Starr und schweigend , ohne sich zu erheben , sah Ben David in des Oberstrichters Antlitz , als suche er in den Augen desselben zu lesen . Die Starrheit seiner Züge milderte sich jedoch , da er nichts als Mitgefühl in des Richters Blicken wahrnahm . - » Stehe auf , David ; « sprach derselbe zu ihm : » Stehe auf , ich will zu Dir reden . « - » Herr ; « versetzte Ben David : » ich darf nicht aufstehen ; so will es das Gesetz , weil die Erde ist das Lager der bittern Armuth , und verschlingt unsern wahren Reichthum . Erlaubt mir , daß ich dem Gesetze folge , und redet zu mir , wie ein milder Herr zu seinem Hunde . « - » Steh auf , David , « wiederholte der Oberstrichter : » mich kümmert nicht Dein Gesetz ; und Du magst es üben an anderm Orte und zu andrer Frist . Denn Du sollst frei seyn . « - » Frei ? « fragte Ben David staunend : » Herr ! redet Ich auch wahr und redlich ? Schwer ist die Kette , aber sie wird schwerer , denn die Welt , wenn man versprach , sie zu lüften , und nicht dem also thut . « - » Ich lüge Dir nicht ; « erwiederte der Oberstrichter ernst : » Du sollst frei seyn . « - » Frei ? « wiederholte Ben David noch einmal : » hab ich ' s doch ganz verlernt , wie man ist frei . Gehen in freier Luft , ohne Bande , schlafen unter freiem Dache , ohne Schmerz und Sorge ? Versteh ich Euch ? und hat der Rath endlich erkannt die Wahrheit ? « » Er hat sie erkannt ; « sagte der Oberstrichter : » der Schurke Zodick ist flüchtig gegangen , und Werkzeuge seiner mörderischen Frevel hat man in seiner Wohnung gefunden . Was den abscheulichen Menschenhandel betrifft , den Du getrieben , so will der Rath Gnade für Recht ergehen lassen , in Rücksicht auf die böse Zeit , die ihr , auf Mord und Raub beklagt , ausgestanden habt , damit nicht gesagt werde , wir hätten Euch ungerecht behandelt . Allein , da es sich doch nicht geziemen würde , daß ein von einem Betrüger irre geführter Richterstuhl bekenne , daß er sich übereilte , und die peinliche Rathbank nimmer darauf eingehen wird , sich gegen einen Juden ferner zu erklären , so fiel der Schluß dahin aus , daß Dir zwar die Thüren des Kerkers geöffnet werden sollen , jedoch ohne öffentlichen Freispruch ; daß die Dokumente dieses Handels vernichtet werden mögen , und Du binnen sechs Jahren verbannt bleibest aus dieser Stadt und ihrem Weichbilde , bei Verlust der Ohren und des rechten Daumens , so Du Dich wieder betreten ließest , binnen der aufgegebenen Bannfrist . Diese Pön magst Du hinnehmen , als Vergeltung für den Kauf eines Christenknaben . Im übrigen danke der Milde des Gerichtes , und entferne Dich noch disen Abend . « - » Herr ! « versetzte Ben David nach langer Überleguug : » Es müßte nicht gelten die Freiheit , wenn ich nicht annähme Euern Antrag . Aber der Bann , der Bann macht mich zum Verbrecher . « Mein Haus wird verfallen , Gras wachsen vor meiner Thür , meine Freunde werden mich suchen , und fragen : » Wo ist er hingegangen , daß wir ihn nicht finden ? Und meine Tochter , mein Esterchen ! Herr ! ich werde doch nicht können fort . « - » So muß ich Dich mit Gewalt wegbringen lassen ; « entgegnete der Oberstrichter gleichgültig : » und wehe dann Deinem Kopf und Deiner Faust , im Falle des Wiederbetretens . « - » O Herr ! « seufzte der Jude : » Ihr seyd grausam in Eurer Barmherzigkeit . Und doch ist ein so herrliches Gut die Freiheit ! Ich wollte gerne gehen , ob ich gleich nackt bin , wie ein Bettler , arm wie das Kind das eben zur Welt gebar der Schooß des Weibes . Denn ich habe nicht vergraben Schätze , ich habe nicht verborgen mein Gold . Meine einzige Habe ist ein elend Geschrifft , das der Wind mag zerstückeln , und vielleicht schon weggeführt hat die Fluth . Dennoch wollte ich gehen hinaus in die Welt , um zu seyn frei ; ich wollte legen den Schlüssel meiner Thür in die Hände des Nachbars , und aushalten den Baun , mit dem Brandzeichen des Verbrechens , und zu suchen , und wieder zu finden mein Kind ; aber diese Leiche , ... mein Vater .... ich kann sie doch nicht tragen auf meinen Schultern davon , und was wird aus ihr werden ? Soll sie doch jetzt schon ruhen in der Erde , weil der Herr befiehlt , daß die Trauer nicht schlafe über Nacht im Hause . Was geschieht aber mit ihr : Werdet Ihr sie auf den Anger werfen lassen , oder in den Fluß ? Wehe , wehe über Israel und seine Schmach ! Mein Herz wallet mir im Leibe , denn mein Elend ist groß ! « - » Beruhige Dich , « versetzte hierauf der Oberstrichter : » Deine Glaubensgenossen sollen Morgen den Todten von hinnen holen , und ihn nach ihrer Weise bestatten dürfen ; bei meinem Eide ! « - Da ging Ben David hin zu der geliebten Leiche , bückte sich über sie , und fragte : » Raaf , wirst Du Zorn fühlen gegen mich in Deiner unstäten Seele , wenn ich nicht aushalte hier die Tage der Trauer ? Ich will mich ja aufmachen , zu suchen meine Esther , - das Kind , das Du geliebt , das Kind , das Du getragen hast in Deinem Herzen , wie in Deinem Arm . Ich will , ein Verbannter , aufsuchen das Land , wo Deine Hütten stehen , Jakob , und das Gesetz gelehrt wird . Ich will dort die doppelte Zeit hindurch fasten und beten , und sitzen auf der Erde mit zerrissenem Gewand . Zürne mir jetzo nicht , ich darf ja nicht beerdigen Deinen Leib , ich darf ja nicht folgen Deinen Gebeinen zur Grube . Verzeihe mir , Raaf , dem das Paradies sey , und lebe wohl ! « - Er küßte noch einmal zärtlich und ehrerbietig die Stirne und den Mund des Todten , drückte ihm die Augen zu , und band die Tephillum des Haupts darüber . Dann breitete er ein Tuch über das erblaßte Gesicht , und wendete sich zu dem Oberstrichter mit den Worten : » Befehlt , ehrsamer Herr , ich will gehorchen . « - » So gehe hin , sobald der späte Abend dämmert ; « sprach der Richter : » Der Kerkerknecht wird Dich nach Sachsenhausen hinüber geleiten . Dort magst Du weilenbis Morgen . Mit dem frühesten des Tages jedoch schüttle den Staub von Deinen Schuhen , und wandre , wandre weit von hier . Dem erbarmenden Gefühle in meiner Brust habe ich genug gethan , da ich Dich losgebettelt habe bei dem Rathe . Zwinge mich nicht , Deine Strafe aussprechen zu müssen , und halte Deinen Bann . « - » Schon dämmert der Spätabend ; « entgegnete Ben David langsam , durch die Fenster schauend , auf die nächsten Häuser , in welchen die Lichter angezündet wurden : » Das Brückenthor wird bald gesperrt werden ; ich will daher jetzt gehen , Herr , so Ihr befehlt . « - Der Wächter erschien mit Licht an der Thüre , und der Oberstrichter machte sich auf , das Zimmer zu verlassen . Ben David that einige Schritte , und blieb dann wie eine Bildsäule stehen . » Ist mir doch , stammelte er , als ob michs hielte bei den Haaren und Salomon ' s Ring mich festbannte , daß ich nicht kann fort ! « - » Fasse Muth , Jude , « - antwortete der Oberstrichter hierauf : » Die Freiheit winkt . Spare die ungemessene Trauer . Der alte Mann stand lange schon am Ziele seines Lebens , und der Vater stirbt vor dem Sohne nach dem Laufe der Natur . Mich beklage , denn ich gehe von hier zum Sarge meines Erben ! « - Ben David gedachte seiner Söhne , wendete mit dem schmerzlichsten Seufzer den Kopf noch einmal nach dem Entschlummerten , und folgte alsdann , sich wie in der Verzweiflung losreissend , dem Kerkerknecht . - Der Mann warf ihm , während sein Gehülfe dem Richter des Thurmes Thüre öffnete , ein wollnes Wamms zu , und sagte : » Das schickt Dir die Barmherzigkeit der verrückten Dirne , die des getauften Schurken Frevelthaten an das Licht gebracht . Die Jacke war für den Alten bestimmt , doch kommt sie Dir jetzo auch zu gut , so wie diese Flasche Wein , die von derselben Geberin geschickt worden ist . Die närrische Dirne hat Euch schon früherhin , da Eure Leute sich nicht um Euch bekümmerten , manchmal Wein geschickt , und er hat , - wenn gleich nicht koscher - Euern Judengurgeln wohl geschmeckt . Da , nimm auch diesen . « - » Was soll mir Wein ? « fragte Ben David bitter lächelnd : » Ich bin getränkt mit Sorge und Bangigkeit . Trinke Du , mein Freund . « - » Lieber Pech und Schwefel ; « erwiederte der grobe Knecht : » lieber des Teufels heißesten Trunk , als Rüdesheimer , der schon einmal für jüdische Ketzer bestimmt ist . Darauf haftet schon der Fluch . Trink , und dann komm . Ich würde Dich an die Leine nehmen , wie der Schlächter das Schwein , euern Erbfeind ; aber ich schämte mich , wenn mich in der Dämmerung ein Mensch in Deiner Gesellschaft erkennte . Darum will ich Dir erlauben , frei vor mir zu gehen , und ich zähle auf Deine schwachen Beine , daß Du mir nicht in der Stadt entkömmst . « - Ben David antwortete nicht auf die pöbelhaften Beleidigungen , zwang sich , einen Zug aus der übersandten Flasche zu thun , und folgte , nachdem er seine zitternden Glieder mit dem warmen Wamms bedeckt , seinem rohen Führer , der ihn auf der Gasse vorschreiten ließ , um ihn im Auge zu haben . Er trieb den armen geschwächten Juden hastig an , und brummte ohne Aufhören vor sich hin , daß er die Gnade des Magistrats nicht begreife ; daß er es vorgezogen haben würde , den überlebenden Juden wo möglich zweimal verbrennen zu lassen , damit ihm die Strafe des Gestorbenen zu gute komme ; und daß die Juden das schlechteste , aber auch zugleich das glücklichste Gesindel von der Welt seyen , dem Herren und Fürsten allzugnädig gar Vieles durch die Finger sähen . Am Brückenthor angelangt , wo schon die Pforten gesperrt werden sollten , schickte er seinen Begleiter unter derben Flüchen zum Teufel , und befahl den Wachen an , dem Juden , falls er sich heute noch herüber wagen wollte , mit der Hellebarte die Nase aus dem Gesicht zu hauen , und ihn zu weiterer Bestrafung , einzufangen . - Ben David hatte indessen völlige Freiheit , zu gehen , wohin er wollte . Wankend vor Schwäche schritt er durch die Haufen der nach Sachsenhausen kehrenden Handwerker hin , und er , dessen Schicksal eine geraume Zeit hindurch auf allen Zungen gewesen war , blieb unbemerkt und unbeachtet . Der Rath hätte kein besseres Mittel wählen können , allem Deuteln des Pöbels wie der Bessern auszuweichen , als den mißhandelten Juden gerade um diese Zeit wegweisen zu lassen . Ben David suchte auch nicht , sein Schicksal Jemand mitzutheilen , oder sein sehr kennbares Gesicht bei Lichte zu zeigen ; deßhalb setzte er sich , da feine Mattigkeit ihm nicht erlaubte , weiter fürbaß zu ziehen , in einen entlegenen Winkel der Gasse , in welcher die Maternuskapelle lag , ein unausgebautes , seit bald fünfzig Jahren öde und wüst stehendes Kirchlein , das dem Müden wohl ein besseres Obdach gegeben hätte , aber als eine christliche Tempelstätte , schon mit dem Namen eines heiligen Patrons begabt , von dem gewissenhaften Juden nicht zum Schlummerplatz erwählt wurde . - Die Gedanken , die einen betrübten Sohn und noch betrübtern in alles Ungemach des Lebens und der Armuth herausgestossenen Vater quälen , belagerten auch die Sinne des unglücklichen Ben David , und verwehrten dem mildernden Schlummer allen Zugang zu dem Gepeinigten . Wohin sollte er sich jetzt wenden , um das verlorne Kleinod seines verbitterten Lebens aufzusuchen ? Wohin hatten die wilden Reiter , von denen Judith sprach , die bedauernswerthe Esther entführt ? Und wenn er das Kind seiner Tage wieder in die Arme schloß , welche Schande weilte nicht vielleicht im verborgenen Hintergrunde ? Seine grausame Einbildungskraft stellte die ganze wunderliebliche und verführerische Gestalt der Verlornen vor seine Augen , und bekümmerter hob sich seine Brust , denn so viel Liebreitz konnte nimmer der Gefahr entgangen seyn . » O Gott meiner Väter ! « seufzte er aus dem Grunde seines Herzens in die rings um ihn still gewordene Nacht hinaus : » O Du , der Du gemacht hast die Sterne , die dort oben funkeln in der Krone Deines Haupts ! Wie liege ich doch hier , so geplagt und gepeinigt , wie ein von Deinem Angesichte Verstossener ? Ich bin unglücklicher , denn der arme Mann Job und der Bettler vor der Thüre des Reichen . Ich habe gehabt Geld und Gut , ich habe gepflegt einen greisen Vater , ich wurde bedient von einer geliebten Tochter ; ich habe hinausgeschickt in die Fremde zwei Söhne , zu werden der Stolz meiner Tage , und meine Freude im Tode . Weh mir ! weh mir ! was ist geworden aus diesem Reichthum ? Wahrlich , wahrlich ; auch gegen mich hat sich der Schrecken gekehrt , und hat verfolgt wie der Wind meine Herrlichkeit , und wie eine laufende Wolke meinen glückseligen Stand . Das Schwert hat gefressen den einen meiner Söhne ; abgefallen ist der zweite von dem Gesetze seiner Väter . Geschieden ist mein Vater in den Banden der Knechtschaft , und verstummt ist unter dem Himmel die Klage meiner Tochter . Wo ist sie , die blühende Rose aus meinem Garten ? Ach , sie ist vergangen wie ein Schatten , und von dannen gerafft worden , wie meine Habe , und betteln muß ich mein Brod vor den Hütten Jakobs , oder den Wohnungen Amaleks , das mir den Tod wünscht , statt Gedeihen , weil ich hänge an dem Gesetz , an Deinem Gesetz , hochgelobter , gepriesener Gott ! weil ich mich nenne nach Israel , das Du geweiht hast vor allen Völkern der Erde . Gerechtigkeit war mein Kleid , mein Recht der fürstliche Hut meines Haupts ! Hast Du denn so gar große Sünde gefunden an Deinem Knecht , o Herr , daß Du ihn schlägst mit Deinem unendlichen Zorn ? oder willst Du prüfen , ob ..... « Das leise Flüstern der bebenden Lippen verlosch in lauschende Stille , denn Gestalten , wie die Schatten der Nacht in düstre Gewänder gehüllt , eilte unfern von dem Platze des Juden vorüber . Gingen ihrer gleich mehrere zusammen , so wurde dennoch kein Wort gewechselt , und dieses schnelle und ganz geräuschlose Vorübertreiben der nächtlichen Wanderer machte nicht auf Ben David allein einen unheimlichen Eindruck , denn ein guter Bürger , welcher gegenüber , vielleicht der letzte Wachende in seiner ganzen Straße , beim düstern Lampenschimmer am halb geöffneten Fenster saß , schlug bei obigem Anblick mit dem halblauten Rufe : » Ach Jesus Maria ! « das Fensterlein zu , und löschte schnell den Lichtschein , um scheu in sein Lager zu kriechen . - Ben David , mit Gespensterfurcht wenig bekannt , sah in den verhüllten Leuten keine Schrecknisse des Grabes ; wohl aber erinnerte ihn seine Vernunft gar bald an das im Finstern waltende Gericht , das von Zeit zu Zeit auf Sachsenhausens Boden gehegt wurde , und von dem Volke gefürchteter und gehaßter war , als von den Juden , die nicht vor die heimliche Acht gezogen wurden . Diese Freiung sicherte indessen diese Letztere nicht vor ungläubiger Mißhandlung , so sie in dem Umkreise der Vehmstätte als lauschende und neugierige Späher aufgefunden würden , und , um von den hin und her schweifenden Vermummten nicht ertappt zu werden , versuchte Ben David , trotz seiner Erschöpfung , von dannen zu schleichen , als eine bekannte Stimme , die sich in geringer Entfernung hören ließ , ihn neuerdings vermochte , sein Ohr aufzuthun , und zu verharren . » Bis hieher , und nicht weiter ; « sagte eine Stimme freundlich : » hat anders die Sage des Pöbels einen Grund , so muß ich im Bereich der Maternkapelle meine Leute finden . Habe Dank , daß Du mich bis hieher geleitet , denn , da ich hier der Feinde so viele und mächtige zähle , wird mir bald selbst vor Meuchelmord bange . « » Wer weiß , ob Ihr nicht einem ähnlichen Schicksale entgegen geht ; « antwortete eine andere Stimme : » Seht , guter Dagobert , ich möchte Euch gar zu gerne wieder mit mir zurück nehmen nach der Stadt . Laßt das Wagstück bleiben , und geht in ' s Kloster , oder in die Fremde auf Abenteuer ; dann lassen Euch die Finsterlinge ungeschoren ! « - » Wahre Deine Zunge ; « entgegnete Dagobert : » hier ist die Luft nicht rein ; und von meinem Vorhaben bringst Du mich nicht ab . Um Deines freundlichen Geleits willen jedoch verzeihe ich Dir , daß Du mich so feig in Deinen bösen Handel verwickeln wolltest , und nehme all meinen Groll zurück . « - » Ihr habt gut reden , Junker ; « versetzte der Andre , - Gerhard von Hülshofen : - » und Ihr selbst hättet alsobald dem ganzen Ding