achtzig Jahre in dieser Rücksicht unbefangen überdenken willst . Uebrigens gebe ich zu , daß es bloß ein glücklicher Zufall war , der dem demokratischen Athen einen so aufgeklärten und großherzigen Demagogen wie Perikles gab ; und daß eben diese Freiheit , welche die natürlichen Anlagen des Attischen Volkes für Kunst und Wissenschaft so mächtig in die Höhe trieb , auch alle seine Unarten und Untugenden entwickelte , alle seine Leidenschaften entfesselte , und indem sie seiner Eitelkeit , Herrschbegier und Habsucht eine unabsehbare Rennbahn öffnete , die erste Ursache seiner Verderbniß , seiner theuer bezahlten Thorheiten und seines fortwährenden Sinkens wurde . Die Höhe , auf welche Perikles seine Republik erhob , machte sie schwindlicht ; sie taumelte , sank und fiel , und wird nicht aufhören zu fallen , bis sie , mit allen ihren dermaligen Nebenbuhlerinnen , ihre politische Selbstständigkeit gänzlich verloren haben wird . Nicht wenn die Athener nach der Obergewalt zu streben aufhören werden153 , sondern wenn sie aufhören müssen , weil von dieser Seite nichts mehr zu erstreben seyn wird , mit Einem Worte , wenn die stolze Königin der Städte zu einer Municipalstadt irgend eines großen Reichs , das vielleicht jetzt schon im Werden ist , herabgekommen seyn wird , nur dann wird dein frommer Wunsch in Erfüllung gehen . Sie wird den Völkern der Erde durch das , was sie ehmals war , immer ehrwürdig bleiben ; ihre Ruhmbegierde , sobald sie ihren dermaligen Ansprüchen auf ewig entsagen muß , wird eine andere und für sie selbst wohlthätigere Richtung nehmen ; sie wird die erste Schule der Wissenschaften , des Geschmacks und der feinern Sitten , der allgemeine Tempel der Musen und Grazien für alle Nationen seyn , und seine Bewohner werden im Schooß der goldnen Mittelmäßigkeit und Genügsamkeit eines unbeneideten Glücks genießen , für welches ihre Vorfahren zur Zeit ihres höchsten Glanzes keine Empfänglichkeit hatten , und woran sie sich auch nicht hätten genügen lassen , so lange sie sich noch mit der Möglichkeit schmeichelten , das Ziel ihrer ungezügelten Wünsche erringen zu können . Es klingt vielleicht seltsam , aber meinem Begriff nach hat es mit der schönen und stolzen Lais so ziemlich eben dieselbe Bewandtniß wie mit der schönen und stolzen Athenä . Du glaubst Lais habe ihre Bestimmung verfehlt ; sie fühle nun , da es zu spät sey , daß ein liebenswürdiges Weib nach keinem höheren Ziel trachten sollte als das häusliche Glück eines einzigen Mannes zu machen , und dieses ihr wider Willen sich aufdringende Gefühl sey die wahre Ursache des geheimen Mißmuths , den sie vergebens zu bekämpfen suche . Es ist sehr möglich , daß ihr in ihrer dermaligen Verstimmung ( wie du ihren Zustand sehr treffend bezeichnest ) dergleichen Gedanken zuweilen durch den Kopf laufen : aber sie hat einen zu hellen Blick und ein zu lebhaftes Selbstgefühl , um sich nicht bewußt zu seyn , daß sie niemals eine Hausfrau wie Musarion und Kleone abgegeben hätte . Und gesetzt , sie hätte sich die Pflicht auferlegt das Glück eines Einzigen zu machen , so würde sie gewesen seyn was tausend andere sind ; die Welt hätte nichts von ihr gewußt , und sie hätte nicht Europen und Asien mit ihrem Ruf erfüllt ; die Künstler hätten sich nicht in die Wette beeifert , sie zum Modell ihrer schönsten Werke nehmen zu dürfen , ihr Bild wäre nicht , in so manchem Tempel aufgestellt , ein Gegenstand der öffentlichen Anbetung geworden ; kein Neffe des Königs von Persien hätte seine Schätze für sie verschwendet , und kein Aspendier den Verstand durch sie verloren und wieder bekommen . Und was hätte nun die in ihr Frauengemach und ihre Kinderstube eingeschlossene , und in die Gesellschaft ihres Mannes und ihrer Verwandten gebannte Matrone Lais mit der überschwänglichen Lebhaftigkeit des Geistes , und der üppigen Einbildungskraft und dem reizend muthwilligen Witz , und mit allen den unerschöpflichen Gaben und Künsten zu gefallen und zu bezaubern , worin die Hetäre Lais nicht ihresgleichen hat , anfangen sollen ? Oder vielmehr , hätte sie wohl auf einem andern Wege , als den sie gegangen ist , zu dieser vollendeten Ausbildung und höchsten Verfeinerung aller ihrer Naturgaben gelangen können ? und wär ' es nicht Schade , wenn sie nicht dazu gelangt wäre ? Wahrlich nur auf diesem Wege konnte sie werden was sie ist , die einzige in ihrer Art , die liebenswürdigste und vollkommenste , so wie die schönste und reizendste , aller - Hetären ; denn sie mit irgend einer Matrone vergleichen zu wollen , wäre gegen beide gleich ungerecht . Verlangen daß sie etwas anderes , wenn gleich in gewissem Sinne Besseres , hätte werden sollen , ist so viel als verlangen , Lais sollte gar nicht gewesen seyn ; etwas , das wenigstens sie selbst niemals im Ernste wünschen kann . - » Aber sie fühlt sich nicht glücklich ! « - Das ist nun einmal das Loos aller , die nach dem Höchsten trachten , was ihnen ein gränzenloser Stolz zum Ziel versteckt ; denn über lang oder kurz kommt eine Zeit , wo sie fühlen , daß sie das nicht erreicht haben wornach sie trachteten . Aber ohne diesen Stolz wäre sie auch mit allen ihren angebornen Reizen und Vorzügen nur ein gewöhnliches Weib geblieben . Wer Honig haben will , muß auch Bienen haben , sagt das Sprüchwort . Uebrigens hat sich wohl niemand weniger über das Maß von Glückseligkeit , das ihm zu Theil ward , zu beklagen als Lais ; denn ich zweifle sehr , daß jemals eine Sterbliche zu einem so hohen Grad von Selbstgefühl und Selbstgenuß gelangt sey als sie . Wurden nicht zwanzig Jahre lang alle ihre Wünsche in vollestem Maße befriediget ? Oder meinst du sie habe sich nicht sehr glücklich gefühlt , als sie sich überall wie die sichtbar erschienene Liebesgöttin angestaunt und angebetet sah , als alle Männer zu ihren Füßen lagen , und sie , ohne die mindeste Gefahr für sich selbst , mit Amors Bogen und Pfeilen das muthwilligste Spiel treiben konnte ? Daß sie dessen endlich überdrüssig werden mußte ; daß von allem , was das Glück ihr so verschwenderisch zugeworfen , ihr nichts mehr Vergnügen zu machen scheint ; daß sie nichts Neues mehr zu genießen sieht , nachdem sie alles , wofür sie Empfänglichkeit hat , im höchsten Grad und Maß schon so lange genossen hat , - alles dieß ist zu natürlich , als daß sie verlangen dürfte , es sollte anders seyn . Auf Vollgenuß folgt Sättigung , auf Ueberfüllung Ekel . Vor dem letztern hat sie sich immer klüglich zu hüten gewußt ; jener hilft Enthaltung ab . Im schlimmsten Fall müßte sie nun von der Erinnerung zehren ; und ist auch dieß nicht am Ende das gemeine Loos der Menschheit ? Ich besinne mich noch sehr lebhaft der ersten traulichen Unterredung , die ich mit ihr zu Aegina hatte , da sie , wie der junge Hercules des Prodikus , auf dem Scheideweg zu stehen schien , und von mir verlangte , daß ich ihr rathen sollte . Ich konnte deutlich genug sehen daß sie schon entschieden war , und rieth ihr also , zu thun was sie nicht lassen könne . Das Ideal eines Weibes , wie noch keines gewesen war , und vielleicht in tausend Jahren keines wieder kommt , schwebte ihr so reizend vor der Stirne , daß sie dem Verlangen nicht widerstehen konnte , es in ihrer Person darzustellen . In kurzem hatte sie sich dermaßen darein verliebt , daß Sokrates selbst , als sie sich ( unerkannt , wie sie glaubte ) unter dem alten Oelbaum der Athene Polias mit ihm unterhielt , aller seiner Ueberredungskunst vergebens aufbot , ihr ein anderes höheres Ideal an dessen Stelle in die Seele zu spielen . Sie fühlte sich geboren Lais zu seyn , wie sich einer zum Maler oder Flötenspieler , zum Dichter oder Heerführer geboren fühlt ; und wenn man das , wozu eine Person alle möglichen Anlagen , die entschiedenste Lust und die größten Aufmunterungen von außen hat , - das , was sie am besten kann , was ihr am besten ansteht , und worin sie von niemand übertroffen wird , wenn man das ihre natürliche Bestimmung nennen kann , so sehe ich nicht , wie wir der schönen Lais absprechen können , die ihrige bisher erfüllt zu haben . Ueberhaupt ist es immer schwer , öfters mißlich und nicht selten unmöglich , einzelnen Personen , die über den Weg , den sie im Leben einschlagen sollen , noch ungewiß sind , mit Zuverlässigkeit zu sagen was ihre Bestimmung sey . Die Natur schickt uns , wie es scheint , mit lauter unbestimmten Anlagen in die Welt , und was daraus werden soll , hängt größtentheils von äußerlichen Umständen ab , über welche wir , in den Jahren wo ihr Einfluß gerade am meisten entscheidet , die wenigste Gewalt haben . Indessen würde doch , glaube ich , ein Gott , der das ganze , uns unsichtbare Gewebe der innern Anlagen eines Menschen zu durchschauen vermöchte , das , wozu ihn diese Anlagen vor allem andern bestimmen , unfehlbar entdecken ; denn in der Natur gibt es nichts wirklich Unbestimmtes . Je lebendiger also das Selbstgefühl bei einer Person ist , desto mehr ist zu vermuthen , daß sie , wenn die äußern Umstände ihr völlige Freiheit lassen , sich selbst für diejenige Lebensweise bestimmen werde , zu welcher sie durch ihre ganze Naturanlage vor allen andern geschickt gemacht ist . War dieß nicht ganz eigentlich der Fall mit Lais ? Sie wurde von dem eigenen Wege ihrer freien Wahl durch die Umstände nicht nur nicht abgehalten , sondern im Gegentheil sehr verführerisch eingeladen keinen andern zu gehen . Die Art der Erziehung , welche sie , von ihrem achten Jahre an , im Hause des reichen und wollüstigen Leontides erhielt , dessen Liebling sie war , und von welchem sie auf alle mögliche Weise verzärtelt wurde , - das Bewußtseyn der seltensten Naturgaben , - eine frühzeitige Unabhängigkeit und die glänzenden Glücksumstände , worin ihr erster pflegeväterlicher Liebhaber sie hinterließ , - wie vieles kam nicht zusammen , um ihr einen Stolz einzuflößen , der sich mit den gewöhnlichen Einschränkungen ihres Geschlechtes nicht vertragen konnte , und durch Verbindung dieses Stolzes mit dem sittlichen Zartgefühl , womit die Natur sie beschenkt hatte , das vorhin erwähnte Ideal in ihr zu erzeugen , dessen Zauber um so unwiderstehlicher auf sie wirken mußte , da sie sich im Bewußtseyn ihrer angebornen Kaltblütigkeit zutraute , den außerordentlichen Charakter , worin sie in der Welt auftreten wollte , immer behaupten zu können . Wie schmeichelhaft mußte ihr der Gedanke seyn , alle Vortheile der vollständigsten Freiheit mit der gehörigen Achtung gegen sich selbst , und jede Befriedigung der weiblichen Eitelkeit mit der entschiedensten Gleichgültigkeit gegen alle Arten von männlicher Versuchung zu verbinden ; die ganze Welt in Flammen zu setzen , während sie selbst , gleich den Feuergeistern der Persischen Mythologie , unverletzt in diesen Flammen , als in ihrem Elemente , lebte ; kurz , mit dem unvermeidlichen Namen und den unbestrittenen Vorrechten einer Hetäre , dem großen Haufen durch die Pracht ihrer Lebensart Ehrfurcht zu gebieten , und in den Augen derer , die ihres nähern Umgangs genossen , eine Achtung zu verdienen , die der Weise selbst der Schönheit nicht versagen kann , wenn sie sich nie anders , als von allen sittlichen Grazien geschmückt und umgeben , sehen läßt ! - Daß dieses hohe und wahrscheinlich jeder andern unerreichbare Ideal auch für sie zu hoch stand , wer könnte ihr dieß zum Vorwurf machen ? Wenn hier etwas zu tadeln ist , so ist es , daß sie sich die Geschicklichkeit zutraute , ihr ganzes Leben durch , so zu sagen , auf einem Spinnefaden fortzutanzen , ohne jemals aus dem Gleichgewicht zu kommen . Denn mit einer leichtern Kunst wüßte ich die Weisheit der Schönen nicht zu vergleichen , welche nie von der gefährlichen Linie abglitschte , auf der sie sich , im Aufstreben nach einem solchen Ideal , unverwandt bewegen müßte . Uebrigens können und wollen wir uns nicht verbergen , daß sie ( wie es zu gehen pflegt , wenn man einmal zu glitschen angefangen hat ) unvermerkt weiter von ihrem Ziele abgekommen ist als sie wohl anfangs für möglich hielt . Vielleicht ist gerade das erwachte lebhaftere Gefühl der Mißtöne in der schönen Melodie ihres Lebens die wahre Ursache dieser Abstimmung , die du an ihr bemerkt hast . Wenn dieß , wie ich hoffe , der Fall ist , so möchte ich ihr dazu Glück wünschen . Denn die Scham vor unserm bessern Selbst ist bei edlern Naturen das wirksamste Mittel das gehemmte innere Leben wieder frei zu machen ; und die Eingezogenheit , wozu sie sich , mit Verachtung der schiefen Urtheile der Welt , zu entschließen den Muth hatte , kann ihrer Wiederherstellung nicht anders als beförderlich seyn . Ein Freund wie Learch ist in dieser Lage wahres Bedürfniß für sie ; aber auch alles , was sie bedarf ; und , so wie ich sie kenne , würde ein Versuch , ihr Einverständniß mit ihm stören zu wollen ( wofern du eines solchen Gedanken auch fähig wärest ) , nie zur ungelegenern Zeit gemacht werden können als jetzt , da sie der Achtung und des Zutrauens eines solchen Mannes nöthig hat , um sich wieder mit sich selbst auszusöhnen . Lebe wohl , lieber Antipater . Ich brauche dir nicht zu sagen , wie angenehm uns deine Briefe immer seyn werden , und mit wie vielem Vergnügen deine hiesigen Freunde den Zeitpunkt deiner Wiederkunft näher rücken sehen . 53. Learch an Aristipp . Der Antheil , den du , mit Kleonidas und Musarion , vermuthlich nie aufhören wirst an den Schicksalen der schönen Lais zu nehmen , macht es mir als einem gemeinschaftlichen Freunde zur Pflicht , euch von ihrer dermaligen Lage ausführlich zu unterrichten , da euch vielleicht Gerüchte oder Nachrichten aus minder lautern Quellen zukommen möchten , die euch ihrentwegen mehr beunruhigen könnten , als , vor der Hand wenigstens , nöthig seyn möchte . Du kennst sie zu gut , lieber Aristipp , um dich nach diesem Eingang nicht auf einen von den wunderlichen Streichen gefaßt zu halten , deren ihre Phantasie und Laune ihr schon mehrere gespielt haben : aber des Abenteuers , worin sie dermalen verwickelt ist , dürftest du dich doch schwerlich versehen haben . Ich will euch mit keinem langen Vorbericht aufhalten ; aber der Vollständigkeit wegen werde ich dennoch etwas weit ausholen müssen , und nicht vermeiden können , des Antheils , den ich selbst an dieser Geschichte habe , umständliche Erwähnung zu thun . Antipater hat dir schon vor geraumer Zeit von der Veränderung Nachricht gegeben , welche sie bald nach ihrer Zurückkunft aus Thessalien in ihrer Lebensweise vorzunehmen nöthig fand . Es wurde in und außerhalb Korinth viel Schiefes darüber geschwatzt , vermuthet und gefabelt : das Wahre ist , daß diese Veränderung nicht plötzlich sondern stufenweise vorging , und daß die immer zunehmende Menge und die unbescheidene Zudringlichkeit ihrer öffentlich erklärten Liebhaber diese Maßregel schlechterdings nöthig machte . Unter jenen Beschwerlichen befanden sich mehrere Auswärtige , welche die Reise nach Korinth nicht vergebens gemacht haben wollten , da sie bloß der schönen Lais wegen gekommen waren . Ueberhaupt schienen die Herren durch die letzte Wanderung unsrer Freundin sich berechtigt zu glauben , ihren Ansprüchen einen Nachdruck zu geben , der dem Stolz und dem Zartgefühl einer Frau von so seltnen Vorzügen gleich anstößig seyn mußte . Die Reichsten ( meist Einheimische ) glaubten sich durch die prächtigen Feste , die sie ihr gaben , ein Recht an ihre Dankbarkeit zu erwerben . Andere hingegen spielten geradezu die Freier der Penelope , und nahmen von ihrem nur allzu gastfreien Hause Besitz , als ob sie immer da zu bleiben gedächten ; in Hoffnung , sie werde sich durch die unverschämte Art , wie sie darin schalteten , genöthiget sehen , sich desto bälder mit ihnen abzufinden . Die Sache hörte in der That bald genug auf kurzweilig für sie zu seyn ; wie sie aber gewohnt ist alles mit guter Art zu thun , so fing sie damit an , sich den Festen und Aufwartungen meiner Korinthischen Mitbrüder nach und nach zu entziehen , und immer seltener große Gastmahle in ihrem eigenen Hause zu geben . Die Fremden , welche auf allerlei Wegen Mittel gefunden hatten Empfehlungen an sie zu erhalten , wurden zwar noch immerfort aufs beste bewirthet ; aber sie selbst erschien , unter mancherlei Entschuldigungen , selten bei Tische und im Gesellschaftssale , und wurde zuletzt , einer vorgeblichen Unpäßlichkeit wegen , gänzlich unsichtbar : und weil die Herren auf den Einfall kommen konnten , die Freier der Penelopeia auch in den Entschädigungen , welche diese sich zu verschaffen wußten , nachzuahmen , so wurde allen ihren Gesellschafterinnen und Sklavinnen aufs schärfste untersagt , sich vor keinem von ihnen sehen zu lassen , geschweige das Geringste zu ihrer Unterhaltung beizutragen . Dieses Mittel konnte seine Wirkung nicht verfehlen ; und da sie sich vollends auf einige Zeit Geschäfte halber von Korinth entfernte , so mußten die Beschwerlichen endlich das Feld räumen , und Lais war nun nach ihrer Zurückkunft für niemand mehr zu Hause , als für etliche Freunde vom engeren Ausschuß , die durch einige persönliche Eigenschaften und ein gehöriges Betragen diese Unterscheidung verdienten . Ich glaube nicht daß Lais einen ältern Bekannten hat als mich . Die vertraute Freundschaft , welche zwischen meinem Vater und dem Eupatriden Leontides statt hatte , gab mir schon in meiner frühen Jugend Gelegenheit , im Hause des letztern ein- und auszugehen , und ich erinnere mich noch sehr wohl , die kleine Lais als ein Mädchen von eilf oder zwölf Jahren gesehen zu haben . Der Alte fand großes Vergnügen daran , seinen kleinen Liebling loben zu hören , und seine Freunde zu Zeugen der außerordentlichen Anlagen zu machen , die sie in der Musik und Tanzkunst zeigte . Ich hatte damals etwa achtzehn Jahre , und natürlich konnte mir das schönste Mädchen , das ich noch gesehen hatte , nicht gleichgültig seyn ; aber die angenehmen Eindrücke die sie auf mich machte , streiften nur leicht an mir hin ; ich wußte daß Laiska nicht mein seyn konnte ; es fehlte nicht an hübschen Mädchen in Korinth ; überdieß war ich keiner von denen , die sich einbilden , sie müssen alles Schöne , was ihnen zu Gesichte kommt , haben , es koste was es wolle ; und es gab viele Dinge , die mir noch lieber waren als ein hübsches Mädchen . Eine Abwesenheit von mehreren Jahren brachte mir den kleinen Abgott des alten Leontides gänzlich aus dem Sinne . Als ich nach Korinth zurückkam , fand ich sie auf dem Punkt ihrer schönsten Blüthe , im Besitz der reichen Erbschaft ihres Patrons und einer gänzlichen Unabhängigkeit , von einer Menge Freier und Anbeter umgeben , mit denen sie sich auf einen solchen Fuß setzte , daß keiner ohne alle Hoffnung war , wenige sich eines merklichen Vorzugs , und niemand dessen , wornach sie alle trachteten , zu rühmen hatte . Keinen Zutritt im Hause der schönen Lais zu haben , wurde damals in Korinth für ein unzweifelhaftes Zeichen eines schlecht erzogenen und von allen Grazien verabsäumten Menschen angesehen . Ich unterließ also nicht , von der allgemeinen Freiheit , die sie allen meinesgleichen zugestanden hatte , Gebrauch zu machen , zumal da ich nirgends bessere Gesellschaft , und mehr Gelegenheit mit interessanten Fremden bekannt zu werden , finden konnte als in ihrem Hause . Lais , die ihre eigentlichen Liebhaber so ziemlich auf dem nämlichen Fuß behandelte , wie andere Schönen ihre Schoßhündchen , Katzen , Wachteln und Sperlinge , ermangelte nicht diejenigen zu unterscheiden , deren Anhänglichkeit an sie mehr auf die seltnen Vorzüge ihres Geistes , als auf übel verhehlte Ansprüche an ihre Schönheit , gegründet war ; und da ich das Glück hatte einer von jenen zu seyn , so fand sich unvermerkt , daß ich mich unter die wenigen zählen durfte , denen sie eine schmeichelhafte Art von Achtung dadurch bewies , daß sie von ihren häuslichen Angelegenheiten mit ihnen sprach , sie mit kleinen Aufträgen beehrte , und bei wichtigern Vorfallenheiten sich ihres Rathes oder ihrer Dienste bediente . Dieß , Freund Aristipp , war ungefähr das Verhältniß , worin ich mit der schönen Lais stand , bis sie Milet zu ihrem Aufenthalt wählte , und dort mit dem vornehmen Perser bekannt wurde , der ( wenn ich nicht irre ) nach dir selbst der erste war , der sich ihres Besitzes rühmen konnte ; mit dem kleinen Unterschied , daß du sie besaßest , er hingegen von ihr besessen war154 . Nach ihrer Zurückkunft von Sardes lebte sie eine Zeit lang mit dem Prunk einer morgenländischen Fürstin unter uns ; und während sich jedermann zudrängte ihren Hof vergrößern zu helfen , hielt ich mich so lange in geziemender Entfernung , bis sie für gut fand , sich allmählich wieder auf einen bescheidenern Fuß zu setzen . Ohne den großen Gesellschaften gänzlich zu entsagen , oder ihr Haus vor irgend jemand zu verschließen , der sich berechtigt halten durfte jedes gute Haus offen zu finden , lebte sie jetzt am liebsten mit einer kleinen Zahl auserlesener und vertrauter Personen , und unter diesen fand dann auch dein Freund Learch seinen alten Platz wieder . Ich muß gestehen , daß bei dieser Erneuerung unsrer alten Verhältnisse auf meiner Seite unvermerkt einige Veränderung vorging . Mir war als hätte ich die schöne Lais , sogar in ihrer höchsten Blüthe selbst , nie so unwiderstehlich reizend und liebenswürdig gesehen als jetzt , und der Wunsch , ihr mehr zu seyn als andere , ward immer lebhafter : aber Euphranor hatte sich durch seine Kunst Verdienste um sie gemacht , und ich war zu sehr sein Freund , um ihm den Vorzug , den sie ihm zu geben schien , zu mißgönnen . Inzwischen warest du von deiner langen Wanderschaft nach Athen zurückgekommen . Sie begab sich , nach dem bekannten Abenteuer mit dem jungen Aspendier , auf ihr Gut zu Aegina , wo sie einen Besuch von dir erwartete , und wohin ich , wiewohl eingeladen , ihr nicht eher folgen wollte , als ich für nöthig hielt , um dich noch ein paar Tage dort zu sehen . Aber du hattest dich bereits wieder entfernt , und ich glaubte eine Veränderung an Lais wahrzunehmen , die ich mir nicht erklären konnte , bis ihre Vertraute ( die schon lange auch die meinige ist ) mir den Schlüssel zu dem Räthsel gab . Es brauchte also nichts als einen einzigen jungen Menschen , - der ( wie er mir in der Folge selbst gestand ) mehr aus Schüchternheit und Eigensinn , als aus einem mächtigen Drang den Hippolytus mit ihr zu machen155 , sich bei einer hartnäckigen Gleichgültigkeit gegen ihre Reizungen zu erhalten wußte , - es bedurfte nichts als diese kleine Demüthigung , um ihrer gekränkten Eitelkeit eine unumschränkte Gewalt über die bessere Seele zu verschaffen ! Mit einem kaum verhehlbaren Unwillen war ich ein Augenzeuge der Thorheiten , wozu sie sich erniedrigte ; und sie sank damals beinahe noch tiefer in meinen Augen , indem sie in den Anbetern , mit welchen sie sich umringt hatte , durch alle nur ersinnlichen Hetärenkünste eine Leidenschaft zu entzünden suchte , welche sie nicht zu erwiedern gesonnen war , als wenn sie sich , wie eine gemeine Priesterin der Pandemos , einem nach dem andern Preis gegeben hätte . In dieser Stimmung war ich nicht sehr aufgelegt , ihr Abenteuer mit dem Thessalier in dem mildesten Lichte zu betrachten , wie der Ton , worin ich dir darüber schrieb , nur zu sehr verrathen haben wird . Daß sie aber durch ihren letzten Aufenthalt in Aegina und die Thessalische Reise auch in der öffentlichen Meinung gesunken war , zeigte sich nach ihrer Wiederkunft , in der Art , wie unsre jungen Leute bei Erneuerung ihrer Bewerbungen zu Werke gingen . Sie konnte bald genug gewahr werden , daß man es als etwas Ausgemachtes voraussetze : nachdem sie dem Neffen des Darius einen Thessalischen Centaurensohn zum Nachfolger gegeben , dürfe sich jeder » hellumschiente Achäer « ohne Uebermuth berechtigt halten , Ansprüche an die Gunst einer Schönen zu machen , deren eigentliche Classe keinem Zweifel mehr unterworfen sey . Du kannst dir vorstellen , wie empfindlich ihr Stolz sich durch diese Wahrnehmung gekränkt fühlen mußte . Gleichwohl hielt sie noch eine Zeit lang Stand , in Hoffnung durch ein gewisses vornehmes Ansichhalten , und eine völlige Gleichheit ihres Betragens gegen alle ihre Liebhaber , die Sachen wieder auf den alten Fuß zu setzen . Als aber die Abnahme der hohen Achtung , an welche sie schon so lange gewöhnt war , täglich sichtbarer ward , blieb ihr kein anderer Ausweg , als sich auf die bereits erwähnte Art aus der Gesellschaft zurückzuziehen ; eine Maßnehmung , worüber zwar anfangs ganz Korinth in Aufruhr gerieth , die man aber , da Lais von allem , was über sie geschwatzt , gewitzelt und geverselt wurde , keine Kunde nahm und fest bei ihrem neuen Lebensplan beharrete , sich endlich gefallen lassen mußte , und deren man bereits so gewohnt ist , daß von der weltberühmten Lais vielleicht nirgends weniger die Rede ist als zu Korinth , wo sie lebt , aber schon seit mehr als Einem Jahre , außer dem Bezirk ihres Hauses und seiner Gärten , nirgends , und auch dort nur für wenige sichtbar ist . Ich gestehe dir unverhohlen , lieber Aristipp , daß ich seit diesem Rückzug , mit dessen Beweggrunde ich es nicht gar zu genau nehmen möchte , mich nicht erwehren konnte , sie immer weniger schuldig zu finden , je mehr ich bedachte , wie wunderbar die Natur ihre Fehler mit dem , was das Liebenswürdigste an ihr ist , verwebt hat , und wie verzeihlich es überdieß seyn sollte , daß ein so lange von aller Welt vergöttertes Weib von dem vielen Weihrauch endlich schwindlicht ward , und in der Meinung , daß man ihr auch die Privilegien einer Göttin zugestehen werde , sich mehr herausnahm , als einer Sterblichen , die auf Achtung Anspruch macht , geziemt . Diese Betrachtungen bewogen mich , seit der Zeit , da sich beinahe ganz Korinth gegen sie erklärt hat , ihre Partei wieder mit aller Wärme eines alten Freundes zu nehmen . Was die natürliche Folge davon war , kannst du leicht errathen , und wirst hoffentlich nicht mehr als billig finden , daß dein Freund Learch eine Zeit lang der einzige Korinthier war , der das Vorrecht eines freien Zutritts bei ihr mit Euphranorn und dem Arzt Praxagoras ( der sich vor kurzem bei uns niedergelassen hat ) und mit dem kurzweiligen Sohn des Momus und der Penia , Diogenes von Sinope , nicht nur theilte , sondern vielleicht noch etwas voraus hatte , was ihre Dankbarkeit seiner so lange und vielfach bewährten Freundschaft nicht länger vorenthalten konnte . Aber höre nun auch , was uns der Götter und Menschen beherrschende Dämon Eros unversehens für einen verzweifelten Streich gespielt hat ! Vor ungefähr einem Monat läßt sich in meinem und Euphranors Beiseyn ein fremder Sklavenhändler bei Lais melden , und bietet ihr einen jungen Sklaven zum Verkauf an , den er ( seinem Vorgeben nach ) als Kind von Seeräubern gekauft und mit beträchtlichen Kosten so erzogen habe , daß man weit und breit wenige seinesgleichen finden werde . Der Mann machte so viel Rühmens von der Gestalt und Wohlerzogenheit seines Sklaven , und von seiner Geschicklichkeit im Vorlesen , Abschreiben , Rechnen und in der Musik , daß wir Lust bekamen , seine Waare in Augenschein zu nehmen . Dorylas ( so nannte er den Sklaven ) wurde also vorgeführt . Lais stutzte , glaube ich , nicht weniger als wir beide , da wir einen schlanken , zierlich gewachs ' nen Jüngling mit einer edlen Gesichtsbildung , großen funkelnden Augen und goldgelbem dichtgelocktem Haupthaar , vor uns sahen , etwas bräunlich aber frisch und rosig von Farbe , kurz , einen jungen Menschen von neunzehn oder zwanzig Jahren , den Euphranor auf der Stelle zum Modell eines von den Mantineern bei ihm bestellten Hermes erwählte . Der junge Mensch schien beim Anblick seiner künftigen Gebieterin nicht weniger betroffen , als wir bei dem seinigen , und machte ( unfreiwillig oder absichtlich ) eine Bewegung , wie einer der unversehens von einem Blick in die Sonne geblendet wird . Ich beobachtete ihn von diesem Augenblick an scharf , und konnte mich kaum erwehren , den ganzen Handel verdächtig zu finden . Du nennst dich Dorylas ? fragte ihn Lais , mit einem Blick , der mir ähnliche Zweifel zu verrathen schien . Er bejahete es mit sittsam niedergeschlagenen Augen . - » Woher bist du gebürtig ? « - Ich weiß es nicht ; meine Erinnerungen reichen nicht so weit zurück . Ich war noch Kind , als ich meinen Eltern geraubt wurde . - » Du bist im Vorlesen geübt ? « - Wenigstens hatte ich einen berühmten Lehrmeister . - » Und dieser Mann hier hat dich erzogen ? « - Ich kaufte ihn ( fiel der Sklavenhändler ein ) bloß in der Absicht , ihn , wenn er erwachsen und gehörig ausgebildet seyn würde , mit einem ansehnlichen Gewinn an irgend eine Herrschaft , die einen solchen Sklaven zu schätzen wüßte , wieder zu verhandeln . - » Was forderst du für ihn ? « fragte Lais mit ihrer gewöhnlichen Raschheit . - Einen sehr mäßigen Preis in Betracht dessen was er werth ist ; nicht mehr als dreitausend Drachmen : aber davon geht auch kein Triobolon ab . - Der Handel wurde auf