weiser Fürsorge über sie hinströmen ließ . Er ließ ihr nach und nach die photographischen Kopien aller Bilder und Skulpturen berühmter Meister kommen und die Idee des Schönen ging ihr auf und erfüllte sie mit froher Begeisterung . So schwärmte sie mit Gretchen Tage lang im Anschauen all der Herrlichkeit . In diesem Geistesgebiete war Gretchen ihr ebenbürtig — ja sogar überlegen , denn es konnte zeichnen und malen und vermochte sie auf tausend Schönheiten aufmerksam zu machen , die ihrem ungeübten Auge entgangen wären . Sie betrachtete das Mädchen dann mit förmlicher Bewunderung . Es war ein Genuß für alle Andern , diese beiden Wesen zu beobachten , wie sich ihre jungen Seelen Hand in Hand in einem für sie noch so neuen Gebiet zurecht zu finden suchten . Selbst Hilsborn , der seit Ernestinens Wiedererwachen sehr verkürzt ward , konnte ihnen ein Glück nicht mißgönnen , das sie so rein und voll genossen . Vom ersten Tagesgrauen bis zum späten Abend waren die schönen Köpfe über die Bücher geneigt ; aber sie hatten oft noch einen Gefährten dabei : den Vater Leonhardt , der es sich nicht nehmen ließ , auch „ Bilder zu besehen . “ Dies gemeinschaftliche Betrachten bestand darin , daß Ernestine dem Blinden die Bilder , die sie anschaute , beschrieb , und zwar tat sie das mit so viel Wahrheit und Schilderungsvermögen , daß der Greis oft entzückt die Hände zusammenschlug und rief : „ Ach , wie schön muß das sein ! “ „ Siehst Du ’ s , Vater Leonhardt ? “ konnte sie dann in ihrem Eifer fragen — und der Greis sagte freudig : „ Ja , ich sehe es ! “ Die Begeisterung , die Ernestine ergriff , während sie sich in die Idee eines Meisterwerks versenkte , um sie dem Blinden zu verdolmetschen , schien von seiner welken , hohen Stirne wieder , denn auch ihm , dem armen Dorfbewohner erschloß sich mit ihren Beschreibungen eine neue Welt . Sie war herrlich anzusehen , wenn sie den erhabenen Eigensinn eines Galilei schilderte , oder die wilde Wut der Hunnenschlacht , die selbst der Tod nicht löschen konnte , daß die kämpfenden Geister über dem blutigen Wahlfeld schwebten , wie der heiße Qualm über einer Brandstätte . Oder wenn sie sich in die welterlösende Bedeutung versenkte , die aus den Augen des Christuskindes der Sixtinischen Madonna spricht , oder wenn sie mit Ton und Wort einen Sonnenuntergang am Meere vor dem lauschenden Blinden ausmalte , daß er den heimkehrenden Fischernachen ruhig durch die purpurne Flut der Bucht zugleiten sah und das melodische Getön der letzten Tropfen hörte , die von dem Ruder in das Wasser fielen.115 — Dann konnte sie auch herzlich lachen , wenn ihr einmal die Kinderskizzen eines Pletsch116 in die Hände fielen mit ihrem unerschöpflichen Humor , ihrer unwiderstehlichen Apotheose aller Unarten , die der Mensch bis zu seiner Einsegnung begehen kann . Dies war Vater Leonhardts eigentliches Reich , er rief oft : „ Ich meine , ich sei wieder in meiner Schule ! “ Und wenn ihm etwas besonders gut gefiel , dann sagte er wohl : „ Zeig mir doch das Bild noch einmal ! “ und Ernestine war unermüdlich im Erklären und Beschreiben . Johannes und seine Mutter sahen mit wachsender Freude die Verjüngung in Ernestinens Wesen . Daß es nicht eine von der Krankheit zurückgebliebene Schwäche war , was sie so einfach und kindlich erscheinen ließ — zeigte ihre hohe geistige Empfänglichkeit für die Schöpfungen der Kunst . Es war , als vermeide sie es mit einer heimlichen Scheu , sich in ihre frühere finstere Ideenwelt zurückzuversetzen — als bilde diese einen zu grellen Gegensatz zu der jugendlichen Luft an dem wiedergewonnenen Dasein , als habe sie sich an den anatomischen Bildern , an dem beständigen Zersetzen von Dingen , die doch an sich so schön , übersättigt . Sie wollte nicht mehr zurückschauen in die dunkeln Tiefen , in die sie so verwegen geblickt , ohne das Gesehene ertragen zu können , und Alles , worauf sie von jetzt an ihr Auge richtete , war ihr so fremd , als habe sie die letzten zwölf Jahre in einem Turme eingemauert gelebt und nur von oben aus weiter Ferne darauf herabgeblickt . Ihre Kräftigung schritt so rasch vorwärts , daß sie schon acht Tage nach ihrem ersten Erwachen aufstehen durfte . Johannes und Gretchen trugen sie miteinander in ihr Studirzimmer , das endlich die geschäftige Hand der Willmers wieder behaglich hergerichtet hatte . Und als sie dort im Lehnsessel saß und die Staatsrätin eine weiche Decke über sie hinbreitete , meinte sie mit schwacher Stimme : „ Nun wollen wir da wieder anfangen , wo wir es vor zwölf Jahren gelassen ! “ Die Staatsrätin drückte einen Kuß auf ihre Stirn und sagte leise : „ Schade um die verlorene Zeit ! “ „ O , nein — nicht Schade , “ erwiderte Ernestine , „ keine Zeit ist verloren , in der man nach Wahrheit gestrebt hat ! — Aber das Maß meiner Kraft ist erschöpft . Ich kann nicht weiter , ich muß umkehren ! “ Sie ließ wehmütig lächelnd das Haupt auf die Brust sinken und schwieg . Wieder vergingen einige Tage und die Zeit , wo Möllner zu seiner Pflicht in die Stadt zurückkehren mußte , rückte immer näher . Ernestine aber wurde immer stiller und nachdenklicher . Niemand konnte sich diesen plötzlichen Wechsel ihrer Stimmung erklären , denn körperlich erholte sie sich , während sie geistig niedergedrückt war , wie nie im Verlaufe ihrer Genesung . Heim befahl endlich , sie an die Luft zu schicken und an einem warmen Mittag fuhr sie zum ersten Mal aus . Sie hatte gebeten , daß nur Gretchen sie begleite , und Möllners hatten , wenn auch ungern , in diese Grille eingewilligt und waren zurückgeblieben , nachdem Johannes sie sorgfältig in den Wagen gehoben . „ Gretchen , “ sagte Ernestine , als sie fortfuhren , „ schon zweimal erwähnte Johannes , daß in den nächsten Tagen seine und seiner Mutter Übersiedlung in die Stadt geschehen müsse , da seine Vorlesungen wieder beginnen . Du hast es gehört , wie sie es als selbstverständlich betrachten , daß wir Beide sie begleiten . Ich habe bis jetzt immer ausweichend geantwortet , aber nun muß es sich endlich entscheiden , was ich tun soll . Gretchen , Du hast mir seither so oft gesagt , daß Dein Seelenfrieden davon abhänge , mich zu unterstützen , so lange ich Deiner bedürfe . “ Sie sah das Mädchen prüfend an : „ Wenn ich Dich nun beim Wort nähme ? “ „ So würde ich es halten , denn ich habe es nicht nur Dir , ich habe es dem lieben Gott gegeben , “ sagte Gretchen . „ Sprich , Ernestine , was kann ich für Dich tun ? “ „ Das Größte ! “ rief Ernestine . „ Du kannst mich davor bewahren , Almosen empfangen zu müssen ! “ „ Wie das ? “ „ Gretchen , kannst Du Dir denken , was es für mich wäre , noch mehr Wohltaten in Anspruch nehmen zu sollen von Menschen , denen ich so gerne ebenbürtig vergelten , die ich überströmen möchte mit tausendfachem Lohn für Alles , was sie an mir getan ? O , ich weiß es nicht , ob Du diesen Stolz kennst , ob Du mich verstehen wirst , wenn ich Dir sage — lieber will ich mir mit meiner Hände Arbeit mein Brot verdienen , als das Gnadenbrot essen bei Menschen , über die ich mich einst so hochmütig erhoben — die ohnehin schon mehr glühende Kohlen auf mein Haupt gesammelt , als ich ertragen kann . Du schüttelst den Kopf ? Dein Vater , Gretchen , würde mich verstehen , die Worte , die er mir am letzten Abend über diesen Punkt gesagt , sind unvertilgbar in mein Gedächtnis eingeprägt . “ „ Verzeih , Ernestine , — es steht mir nicht zu , meinen Vater bei Dir noch tiefer herabzusetzen , aber da kann ich nicht schweigen ! Ich habe die traurige Überzeugung , daß mein Vater Dich niemals gut beraten hat . Glaube mir — auch darin hatte er Unrecht . Er kannte Möllner nicht , er hatte keine Ahnung von einer so tiefen , treuen Liebe , wie die Möllners für Dich . Willst Du dem Mann , der so viel für Dich getan , willst Du ihn zum Dank unglücklich machen ? Und das geschieht , wenn Du Dich weigerst , mit ihm zu gehen . Nein , Ernestine , das verstehe ich freilich nicht , daß man aus lauter Stolz einem Menschen das Herz brechen kann ! “ Ernestine schwieg einige Minuten , dann sagte sie : „ Gretchen , Du bist ein Kind — ich kann Dir nicht erklären , daß es Begriffe von Ehre gibt , denen das ganze Lebensglück zum Opfer fallen muß , wenn die Verhältnisse es erfordern . Du weißt es vielleicht nicht , daß mir Möllner seine Hand angeboten und daß ich sie ausschlug , da ich noch reich und unabhängig war , weil ich die Bedingungen nicht erfüllen mochte , die er mir gestellt . Sein Benehmen nach jenem Vorfalle gab mir keine Versicherung , daß er mich noch liebe , auch zu den Opfern , die er mir jetzt gebracht , ist ein so großer Mensch wie er fähig , — selbst wo er statt Liebe nur Mitleid empfindet . Wenn er mich aber auch liebte — könnte ein Herz Wert für ihn haben , auf dem der Verdacht ruht , daß es sich ihm nicht aus freier Wahl , sondern im Drang der Notwendigkeit hingegeben ? Nein , Gretchen ! Auf einem Boden , den solcher Argwohn unterwühlt , läßt sich kein festes Glück erbauen . Jetzt ist der Augenblick nicht , wo ich meine Weigerung , seine Gattin zu werden , widerrufen dürfte , jetzt nicht ! — Eine Demütigung in diesem Augenblick würde mir fürs ganze Leben die Schamröte auf die Stirne treiben . Vielleicht ist es mir doch noch vergönnt , mit redlicher Arbeit aus eigener Kraft mich zu erheben . Vielleicht ist es mir möglich , mir eine Stellung zu erringen , die mich wieder als ein unabhängiges , ebenbürtiges Wesen ihm gegenüberstellt . Dann ist es ein Anderes , dann weiß er , daß ich mich ihm hingebe aus freier Wahl , daß ich für ihn ein Opfer bringe aus Liebe , nicht aus Zwang ! Begehrt er mich dann — o Gretchen — es wäre ein Glück , an das ich kaum zu denken wage ! “ Gretchen küßte eine Träne von Ernestinens bleicher Wange und sagte sanft : „ Du bist nun einmal anders als alle Menschen , — aber wie Du auch bist — immer edel ! Ich habe kein Recht , Deine Art und Weise einer Beurteilung zu unterwerfen . Wenn Du sagst : „ So soll es sein ! “ so muß ich mich fügen , denn ich habe Dir gegenüber keinen Willen , als den , Dir zu gehorchen . “ „ Gehorchen , Gretchen , sollst Du mir nicht , sondern mich leiten in einer Welt , in der ich so fremd bin . Deinen Arm sollst Du mir leihen , mich zu stützen , bis ich für mich selbst stehen kann . Willst Du das ? “ „ Ja ! “ sagte Gretchen leise . Sie dachte an Hilsborn , an dessen Schmerz , wenn das Ziel seiner Wünsche noch länger hinausgeschoben würde , — an ihre eigene Sehnsucht . Und sie wollte sich ein Herz fassen und der Freundin sagen , daß sie liebe und geliebt sei , daß sie ihr ein Obdach bieten könne für immer . Aber sie besann sich . — Ernestine würde nimmer von ihr und Hilsborn annehmen , was sie von Möllners zurückwies . Sie konnte ihr keinen solchen Vorschlag machen , ohne sie tief zu verletzen , und wenn Ernestine erfuhr , daß Gretchen Braut sei , dann verschmähte sie sicher jede Hilfe und jeden Dienst , um ihr bräutliches Glück nicht zu beeinträchtigen . Das stolze Wesen ertrug ja den Gedanken nicht , irgend Jemandem zur Last zu fallen . Weil Gretchen dies von Anfang an gefühlt , hatte sie darauf bestanden , daß man Ernestinen ihre Brautschaft verberge und nun — sollte sie selbst es verraten ? Nein ! Gretchen gewann es über sich , zu schweigen . „ Ich will Dir meinen Plan mitteilen , “ begann Ernestine . „ Den Gedanken , nach Amerika zu gehen , habe ich natürlich aufgegeben . Ich könnte ohne männliche Hilfe der Aufgabe , die mir dort gestellt ist , nimmer genügen — ich brächte es auch nicht mehr über mein Herz , die Heimat und Alles , was mir lieb , um des kalten Ruhmes willen zu verlassen ! — Ich will als Lehrerin der Naturwissenschaften in ein Institut zu kommen suchen , oder wenn mir das wider Erwarten nicht gelingt , als Erzieherin in ein Privathaus . Ich sehe aber ein , daß ich noch in Allem , was man von einer Frau in solch abhängiger Stellung verlangt , zu ungeschickt bin . Ich kann keine weibliche Arbeit , ich wäre nicht im Stande , mir nur ein Kleid auszubessern , geschweige denn einen mir anvertrauten Zögling zu dergleichen anzuhalten . Ich verstehe keine Kunst , ich weiß nichts von Allem , was man im Leben braucht , — und das , was ich weiß , braucht man im Leben nicht ! So viel ist mir schon klar geworden , seit ich unter Menschen komme . Du , Gretchen , bist meine einzige Hoffnung — Du sollst mich das Alles lehren , denn Du bist ja Meisterin in den Dingen , die ein Weib kennen muß . Ich will fort von hier , fort aus der Gegend , denn wenn ich Möllners Augen nicht entrückt werde , ist weder für ihn noch für mich Friede . Er würde immer glauben , mich meinem Elend entreißen zu sollen , es wäre ein fortwährender Kampf . Da dachte ich nun , wenn wir Beide zusammen in irgend eine kleine Stadt zögen , so weit von hier , als meine Mittel es erlauben , und Du mir ein paar Monate Deines jungen , hoffnungsvollen Daseins widmetest , bis ich so weit wäre , daß ich in einen — Dienst treten könnte , “ sie sprach das Wort mit Überwindung . „ Wäre das wohl von mir zu viel verlangt ? Dir , Gretchen , steht die Welt offen , Jeder nimmt Dich mit Freuden auf , wenn Du aus der Verborgenheit wieder unter die Menschen zurückkehrst . Möllners Haus ist Dir eine sichere Heimat , wo Du auf Händen getragen wirst — willst Du das Alles mir für eine Zeit lang opfern ? “ „ Mit tausend Freuden , “ sagte Gretchen . „ Aber teuerste Ernestine — haben wir die Mittel , diesen Plan auszuführen ? Alles , was ich besitze , sind drei Goldstückchen , die fand ich in der Tasche des Kleides , das mir meine Mutter anzog . Siehst Du , da sind sie , ich trage sie immer bei mir . Die Mutter hatte darauf geschrieben : „ für das Nötigste . “ — Ich hatte Dir einmal eine Freude machen wollen , denn das ist und bleibt für mich immer das „ Nötigste . “ Dies , liebe Ernestine , ist mein ganzer Reichtum — er gehört Dir , aber weit werden wir nicht damit kommen . “ „ Du treue Schwester ! “ rief Ernestine , „ ich danke Dir . Wir sind nicht so arm , wie Du denkst . Es ist Möllners umsichtiger Fürsorge gelungen , meine Einrichtung vor den Übergriffen der Gläubiger Deines Vaters zu schützen . Ihr Verkauf trägt uns immerhin ein kleines Kapital , womit wir reichen werden , bis ich eine Stelle gefunden . “ „ Ja , — es kommt darauf an — wie lange das dauert , “ meinte Gretchen bedenklich . „ Nun , ich denke , doch höchstens einige Monate . “ Gretchen erschrak , aber sie verbarg es und sagte ergeben : „ So wollen wir wenigstens einen Ort wählen , wo ich etwas verdienen kann , sonst könnten wir eines Tages Hunger leiden . “ „ Wie Du willst , Gretchen , “ erwiderte Ernestine , „ wohin Du willst . Rate , beschließe — ich gebe mich blind in Deine Hände , — nur führe mich fort von hier , ohne daß ein Auge uns sieht und eine Hand uns zurückhält ! “ „ So soll es Niemand wissen ? Ich darf es Niemandem sagen ? “ „ Gretchen , glaubst Du , man würde uns reisen lassen , wenn man unsere Absicht erriete ? Wenn Du Dich nicht stark genug fühlst zu schweigen , so bekenne mir ’ s offen , denn dann gehe ich allein und ohne Dein Wissen . “ „ O nein , Ernestine — ich lasse Dich nicht allein in die weite Welt ziehen . Gewiß nicht . Was wären alle meine Vorsätze und Schwüre , wenn ich nicht einmal die erste , die leichteste Probe bestünde ? Aber es gibt noch einen Menschen , Ernestine , gegen den ich Pflichten des Gehorsams habe , es ist mein — Vormund ! Ich bin nicht mündig wie Du , Ernestine , kann nicht tun und lassen , was ich will . Ihn muß ich fragen , ob ich mit Dir gehen darf und für ihn bürge ich Dir . Er muß mir im Voraus versprechen , daß er nicht verrät , was ich ihm anvertrauen werde , und dieser Mann hält , was er verspricht ! “ Ernestine überlegte einen Augenblick . „ Gut denn , ich sehe ein , daß Du das nicht umgehen kannst . Ich verlasse mich auf Dich ! — In diesen Tagen fährt Johannes mit seiner Mutter in die Stadt , um für uns ein Zimmer in ihrem Hause zu rüsten . Wenn sie Abends zurückkommen , dürfen sie uns nicht mehr finden . “ „ Mein Gott ! “ sagte Gretchen , „ mir ist , als verübte ich einen Verrat an den guten Leuten . Ich habe noch nie im Leben Jemanden hintergangen und komme mir vor wie eine Verbrecherin . “ „ Gretchen , sie sollen nicht betrogen werden , nur einen Abschied will ich ihnen und mir ersparen , der uns Allen peinlich wäre — der Notwendigkeit will ich sie überheben , mich an dem zu verhindern , was sie selbst vielleicht doch in ihrem Innern als das Beste erkennen ! Sind wir erst fort , dann wird ’ s mir wohl gelingen , meine Handlungsweise schriftlich vor ihnen zu rechtfertigen und sie werden mich verstehen ! “ „ Ach , Ernestine , ich will recht beten , daß Gott Dir mehr Liebe und weniger Stolz verleihe ! Ich habe nur die eine Hoffnung , daß Dich ’ s bald reut und daß Du es doch nicht lange ohne den braven Mann aushältst , der Dich so sehr liebt und verdient ! “ Ernestine sah schweigend aus dem Wagenfenster . Die Felder lagen kahl und öde vor ihr , aber die Spinngewebe , welche wie Netze die Stoppeln überzogen , glitzerten silbern in der Sonne . Hier und dort verbrannten die Bauern Kartoffelkraut auf den Äckern und die rote Flamme schlug lustig prasselnd durch den weißen Rauch , der von dem frischen Herbstwind niedergehalten am Boden dahinwallte . Auf den gemähten Matten hielten die Herden Nachlese und hoben die Köpfe , um dem vorübereilenden Wagen nachzuglotzen oder sich an einem kahlen Baumknorren die Hälse zu reiben und die Hörner zu wetzen . In weiter Ferne watete ein Jäger durch die fußhohen Schollen und vor ihm her zog bedächtig wedelnd sein Hund , ratlos im Zickzack suchend , bis ein Volk Hühner aufstand und der verhängnisvolle Schuß krachte . Eine schwere Weinfuhre kam mit melodischem Geläut des Weges , der Knecht hatte noch ein paar dürre Astern am Hut und knallte grüßend mit der Peitsche , als er in Gretchens frisches Gesicht sah . Der Spitz auf den Fässern kläffte wütend herunter und die vier schweißbedeckten Rosse zogen stampfend und keuchend ihre Last vorbei . „ Überall wird eingeheimst für den Winter , “ sagte Gretchen . „ Was das Bißchen Essen und Trinken für Arbeit kostet ! “ Der Wagen bog in das Dorf ein und Ernestine rief dem Kutscher zu , er solle an das Schulhaus fahren . „ Ich muß Leonhardt noch einmal sehen ! “ sagte sie . Schnell war das alte kleine Haus erreicht und eines der niederen Fenster öffnete sich ; die Schulmeisterin sah heraus , wer denn da angefahren käme ? „ Guten Tag , liebe Frau Leonhardt ! “ rief Ernestine aus dem Wagen . „ Ach , Du meine Güte , “ schrie sie laut auf . „ Trau ich doch meinen Augen kaum ! “ Und sie tummelte sich , so schnell sie konnte , Ernestinen entgegen . „ Nein die Ehre , die Freude , das gnädige Fräulein , wieder ganz wohl , ganz gesund und das andere Fräulein — die beiden lieben Damen ! Bitte , bitte , treten Sie ein — ich will gleich den Vater holen — er ist eben mit Käthchen im Garten . Aber Walter ist im Hause . Ach , der ist so glücklich mit den Sachen , die ihm das liebe Fräulein geschickt . Er studiert Tag und Nacht . Wollen Sie nur einstweilen hineinspazieren ! “ So sprach die alte Frau unaufhörlich in ihrer frohen Aufregung und versperrte mit ihren Bücklingen den Eintritt , zu dem sie Ernestinen so dringend nötigte . „ Ich weiß nicht , “ sagte Ernestine , „ ich möchte wohl Vater Leonhardt im Garten aufsuchen . “ „ Wie Sie wollen , wie Sie befehlen ! Sehen Sie dort um die Ecke , da sitzt er und sonnt sich . “ „ Geh einstweilen ins Haus , Gretchen , “ bat Ernestine , „ ich komme gleich nach . “ Und sie ging , so rasch es ihre Kräfte erlaubten , um das Haus und nahte sich dem Greis , der das Kind eine Aufgabe hersagen ließ . Käthchen wollte ihr entgegenlaufen . Sie winkte ihm freundlich zu schweigen und kniete bei Leonhardt nieder . „ Wer ist das ? “ fragte Leonhardt . Ernestine antwortete nicht , sie drückte einen Kuß auf seine Hand . Er lächelte in froher Erwartung . „ O — es kann Niemand anders sein — das ist meine Tochter Ernestine ? “ „ Ja , Vater , Du hast ’ s erraten , “ sagte Ernestine . „ Mein erster Gang ist zu Dir . Es ist trotz meiner Auferstehung dunkel in mir , bei Dir will ich mir Licht holen . “ „ Du Licht holen bei mir , dem Du alles Licht bringst ? Nun wohl , ich weiß , wie Du ’ s meinst und gebe Dir , was ich habe . Gott hat an mir durch Dich so viele Wunder getan — er fügt auch noch das hinzu , daß ich schlichter , alter Dorfschulmeister Dir etwas sein kann , Du hohes , auserwähltes Menschenbild ! So sprich , Ernestine , warum will es noch immer nicht recht tagen in Deiner Seele , während doch in Dein Leben die Sonne so hell hereinstrahlt ? “ „ Schick das Kind weg , Vater ! “ bat Ernestine leise . „ Geh , liebes Käthchen , “ sagte Leonhardt . „ Zu Walter ? “ fragte die Kleine vergnügt . „ Ja , wenn er nicht arbeitet — Du mußt eben einmal zusehen , ob er Dich brauchen kann . “ Käthchen stand noch und zögerte mit einem fragenden Blick auf Ernestine . Diese gewahrte es und reichte ihm freundlich die Hand : „ Mein gutes Käthchen , kennst Du mich noch ? Ich würde Dir gern einen Kuß geben , aber Du weißt , ich brachte Dir schon einmal Unglück durch meine Berührung ! “ „ O nein , das ist nicht wahr , “ sagte Käthchen und näherte sich Ernestinen , „ ich fürchte mich gar nicht vor Ihnen . “ „ Nun , so komm her , Du süßes Kind ! “ und Ernestine zog die Kleine an sich , nahm sie auf den Schoß und sie küßten sich nach Herzenslust . Es war das ersten Mal in ihrem Leben , daß Ernestine ein Kind in den Armen hielt , und sie empfand diese reine Freude mit der ganzen Frische ihres neuerwachten Gemütes . „ Ach , Vater Leonhardt , “ sagte sie : „ Wie viele Arten von Liebe gibt es doch ! Und jede ist beglückend an sich . Ich gewann plötzlich eine ganze Menge von Wesen lieb , an denen ich früher achtlos vorübergeschritten wäre . Welch wunderbare Wandlungen sind das ? “ „ Es geht Dir wie dem Mann mit dem steinernen Herzen in Hauffs Märchen.117 Dein Oheim hatte Dir einen Stein in die Brust gesetzt und Möllner war der Schatzhauser , der Dir das eigene , warm pulsierende Herz wieder gab . “ Ernestine errötete bei diesen Worten , sie war froh , daß Leonhardt nicht sehen konnte , wie sehr . — Aber er sah es doch ! — „ Wo Möllner ist , da ist Segen , “ fuhr der Greis fort . „ So hat er auch wieder für dies Kind da wie ein Vater gesorgt . Ich weiß nicht , ob er Dir ’ s gesagt hat ? Die Gräfin Worronska sandte richtig die vierzigtausend Rubel ein , und es ist seiner unwiderstehlichen Redegabe gelungen , den Starrsinn der Eltern zu brechen und sie zu vermögen , Käthchen in einem guten Institute erziehen zu lassen . In der nächsten Woche kommt es fort von hier . “ „ Davon wußte ich nichts , “ sagte Ernestine . „ Ja , ja — er spricht nie von seinen Verdiensten , der merkwürdige Mann ! “ meinte Leonhardt . „ Und wie weise hat er Alles geordnet und eingerichtet , damit dem Kinde sein Eigentum vor unvernünftigen Eingriffen der Eltern gewahrt bleibt — er ist wahrlich ein Wohltäter aller Menschen . “ „ Ein Wohltäter aller Menschen — “ murmelte Ernestine . „ Umso weniger darf sich aber dann auch der Einzelne dessen rühmen , was er für Alle tut ohne Ansehen der Person . “ Leonhardt richtete unwillkürlich die toten Augen nach Ernestinen , als wolle er sie auf dieses Wort hin ansehen . Dann sagte er : „ Geh jetzt , mein Käthchen , geh ins Haus , das Fräulein kommt auch bald nach . “ Käthchen ging hinein . Als es in die Stube trat und Walter nicht dort fand , lief es zu ihm auf sein Studirzimmerchen . Es schmiegte sich vergnügt an ihn und sagte sehr geheimnisvoll : „ Du — das Fräulein vom Schlosse hat mich wieder geküßt ! “ „ Was Tausend ! “ lachte Walter : „ Spürst Du noch nichts ? “ „ Ach bewahre , “ rief Käthchen überlegen : „ Sie kann ja nicht hexen . “ „ Ich möcht ’ s nicht probieren , “ sprach Walter mit einem unwillkürlichen Seufzer , „ ich glaube , wenn ich an Deiner Stelle gewesen wäre — ich hätte den Zauber schon gefühlt ! “ „ I warum nicht gar — Du hast mir ja selbst gesagt , man dürfe nicht an so etwas glauben , “ meinte Käthchen . „ Nun , Käthi , “ scherzte der junge Mann , „ es wäre doch aus Vorsicht gut , wenn ich Dir ’ s wieder wegküßte , das kann keinenfalls schaden . Wohin hat sie Dich geküßt ? Dahin ? “ „ Ja und dahin , auf die Stirn und den Mund und auch auf die Stelle , wo mein Arm fehlt . “ — „ Nun , das wollen wir Alles wieder wegbringen ! “ rief Walter und küßte das Kind herzhaft ab . „ So nun mach , daß Du fortkommst , denn ich muß arbeiten ! “ „ Ach , Du mußt auch immer arbeiten ! “ klagte Käthchen . „ Ja , Ihr Schulkinder habt ’ s gut ! — Ihr dürft nach der Schule herumspringen und spielen , bei mir fängt dann das Lernen erst recht an ! Das könnt Ihr Euch freilich nicht denken . Nun geh , herziges Ding , und wenn das Fräulein aus dem Garten kommt , so lauf schnell und hole mich . “ „ Ja , ja , das will ich tun . Adjes , Du lieber Herr Schulmeister ! Und höre , nicht wahr , Du sagst es aber Niemanden , daß ich mich habe vom Fräulein küssen lassen — sie schelten und spotten mich sonst wieder aus . “ „ Nein , ich will ’ s verschweigen — wir klugen Leute brauchen den dummen nicht Alles auf die Nase zu binden . Aber höre , lieber als mich darfst Du das Fräulein nicht haben — sonst sag ’ ich ’ s Deiner Mutter . “ „ O nein ! Du bist mir doch der Allerliebste auf der ganzen Welt ! “ beteuerte Käthchen und warf zu mehrerer Bekräftigung die Tür recht derb hinter sich ins Schloß . Es trippelte seelenvergnügt in die Wohnstube hinunter , wo Gretchen noch allein bei Frau Leonhardt saß ; das Kind schloß eine rasche Freundschaft mit jener , die ihm nun , da es doch nicht bei seinem angebeteten Schulmeister Walter sein durfte , für den Augenblick genügte . Frau Brigitte hatte in gewohnter Weise die Unterhaltung durch Beschäftigung der Kauwerkzeuge ihrer Gäste zu erhöhen gesucht . Sie hatte ein