Scholle , darauf sie geboren , haben einen Anflug von Kränklichkeit und wandern , halb bewundert , und halb belächelt , aber wegen ihrer Verträglichkeit wohlgelitten , wie Fremdlinge zwischen ihrer derberen Umgebung . Obwohl gelegentlich von einer überraschenden Scharfsinnigkeit , haben sie in den gewöhnlichen Fällen des Lebens doch nichts von jener Bauernschlauheit , die sprichwörtlich geworden ist . Das Feld ihres Geistes ist von der Phantasie überwuchert , und so gleichen sie jenem Acker , der zu schwach ist , um ernste und solide Frucht zu tragen , aber dem schönen Unkraut Platz gönnend , desto üppiger in roten und blauen Blumen steht . So auch unser Führer und Fuhrmann . Über den Platz , den wir einzunehmen haben , sind wir nicht lange in Zweifel . Namentlich überlassen wir den in Riemen hängenden » Fond « seinem Schicksal und setzen uns auf das Vorderbrett unmittelbar neben den Flauschrock , nicht gewillt , eine zweifelhafte Bequemlichkeit auf Kosten besserer Unterhaltung zu erkaufen . Denn es unterhält sich schlecht auf den Rücken anderer Leute los . Noch einmal ein Peitschenknips , diesmal nicht in die Luft , sondern in die Weichen des Einspänners , und über das Straßenpflaster hin , das noch die alten Traditionen des Ortes wahrt , holpert und rasselt unser Wagen , dessen Hintersitz die komischsten Sprünge macht , in den Freienwalder Kiez hinein , bis plötzlich das Holpern und Rasseln einem süßen Gefühl der Glätte und jenem leis knirschenden Tone weicht , den jeder kennt , der aus dem Sturm und Drang schlecht gepflasterter Straßen in den stillen Hafen einer Lehm-und Kieschaussee eingemündet ist . Der Abend ist schön , und Duft und Nebel steigen aus den Wiesengründen auf . Der Wald zur Linken steht , wie es im Liede heißt , » schwarz und schweiget « und nur vor uns , nach Nordwesten zu , glüht noch der Abendhimmel in wunderbaren Farbenspielen durch die Nebelschleier hindurch . Es ist just die Stunde , um den Schloßberg und die Burg der Uchtenhagen zu besuchen , denn die Landschaft selbst erscheint wie ein weitaufgetanes Tor , um uns rot und golden in das Land der Sage einzuführen . Es labt uns das Bild und die Frische des Abends , aber endlich haben wir abgeschlossen mit der Landschaft und fühlen ein leises Unbehagen über das Schweigen unseres Führers , an dessen Seite wir doch Platz genommen , um bequemerer Unterhaltung willen . Die vordersten Hügelpartien liegen bereits hinter uns , wir müssen bald halben Weges sein , aber er schweigt noch immer . Da der Berg nicht zum Propheten kommt , so bleibt nichts anderes übrig als das alte Auskunftsmittel , und blindlings in die allerbequemste Form der Unterhaltung hineintappend , beginn ich mit der Frage : » Sagen Sie , wie denken Sie über die Uchtenhagens ? « Der Angeredete läßt sich Zeit , und zweimal mit der Leine klatschend , um die lange Pause minder auffällig zu machen , antwortet er endlich in absichtlich unbestimmten Ausdrücken : » Ja , da ist viel . « Und so rollen wir weiter in den stillen Abend hinein , dessen allerstillste Stelle unser Wagen zu werden droht . Ich will aber dies Schweigen unterbrechen , es koste was es wolle , und so fahre ich denn fort : » Es soll hier eine große Schlacht gewesen sein . Hier hinter den Bergen . Ich glaube , sie nennen es das › rote Land ‹ . « Er nickte mit dem Kopfe . » Nun sagen Sie mir , ist denn das Land noch immer rot . « » So rot « , antwortete er halb wie im Echo und machte dabei eine Handbewegung , als ob er sagen wollte : » Lieber Herr , sprechen wir davon lieber nicht . « Nichtsdestoweniger hatte diese Frage das Eis gebrochen , ich sah es an seiner veränderten Haltung , und mit der Rechten auf die quadratmeilenweite Umgebung deutend , fuhr ich fort : » Sie müssen sehr reich gewesen sein ... Ich meine die Uchtenhagens . « Er sah unter seinem Mützenschirm zu mir auf , ein halbwehmütiges Lächeln flog über sein Gesicht , und er wiederholte auch jetzt nur meine Worte : » ... sehr reich ... sehr ! « Es war ersichtlich , daß er einen Nachsatz machen wollte , ihn aber rücksichtsvoll verschwieg . Ich kam ihm also auf halbem Wege entgegen und ergänzte : » Sehr reich ; aber wie ? « Dies Wort schien ihm Gewißheit zu geben , daß ich einer von dem romantischen Geheimbund sein müsse , der nach Art anderer Geheimbünde zwar seine nicht ausgesprochenen , aber nichtsdestoweniger ganz bestimmten Erkennungszeichen hat . Er wußte nun , daß er sprechen dürfe , ohne Furcht vor Profanation . Und er wartete auch keine weitere Frage ab , rückte vielmehr vertraulich näher und sagte : » Wissen Sie denn , was sich die Kiezer hier erzählen ? Da war hier in Freienwalde , in der Uchtenhagenschen Zeit , ein Böttcher , der wohnte neben dem Kirchhof und hieß Trampe . Das Wasser stand damals bis an die Stadt heran , und zwischen Trampes Haus und dem Wasser lag bloß der Kirchhof . Eines Nachts hörte nun Trampe ein Knurren und Winseln , und er trat ans Fenster , um zu sehen , was es sei . Er sah aber nichts als den Vollmond , der am Himmel stand . Er legte sich also wieder nieder und warf sich eben auf die rechte Seite , da hörte er seinen Namen rufen : › Trampe ‹ , dreimal . Und dann wurde es wieder still . Und in der nächsten Nacht ebenso . Trampe meinte nicht anders , als er werde nun sterben müssen , und er ergab sich auch in sein Schicksal und dachte : › wenn es wieder ruft , dann wirst du folgen , es sei , wohin es sei . ‹ Und in der dritten Nacht rief es wieder . Trampe trat nun auf den Kirchhof hinaus , und als er sich umsah , war es ihm , als liefe ' was wie ein Hund zwischen den Gräbern hin und her . Er konnte es aber nicht genau sehen , denn das Kirchhofsgras stand sehr hoch . Trampe folgte der Spur , die nach der Wasserseite des Kirchhofs ging , und als er an den Strom kam , sah er einen Kahn , der mit dem Vorderteil im Wasser und mit dem Hinterteil auf dem Trocknen lag . An der äußersten Spitze des Kahns aber stand ein schwarzer Pudel mit zwei Feueraugen und sah Trampen so an , daß dieser dachte , hier ist Einsteigen das Beste . Und kaum , daß er saß , so fuhr der Kahn , als ob er von hundert Händen geschoben würde , wie ein Pfeil in den Fluß hinein und über das Wasser fort . « Hier unterbrach sich der Erzähler einen Augenblick , um mir die Linie zu beschreiben , die der Kahn damals gezogen haben müsse , und fuhr dann fort : » Keiner steuerte , keiner führte das Ruder , aber der Kahn ging rechts und links , immer wie der Pudel den Kopf drehte ; so kamen sie bis an den Schloßberg . Der Kahn lief jetzt auf , beide sprangen ans Ufer und stiegen bergan . Inzwischen war es dunkel geworden , der Mond war unter ; aber ob nun der Hund rückwärts bergan lief , oder ob er den Kopf nach hinten zu gedreht hatte , so viel ist gewiß , Trampe sah immer die zwei Feueraugen vor sich , die ihm bis oben hinauf den Weg zeigten . Und als er nun in den Burghof trat , standen da wohl hundert Fässer , alle voll Gold . Das war so blank , daß es im Dunkeln blitzte . Das Schloß selbst aber lag in Nacht , und nur mitunter glühten die Fenster auf und allerlei Gestalten wurden sichtbar , Ritter und Edelfräulein , die kicherten und lachten . Dahinter klang es dann wie Tanzen und leise Musik . Trampe sah und horchte . Aber nicht lange , so trat ein Ritter an ihn heran , legte ihm eine schwere Hand auf die Schulter und fragte , › ob er der Böttcher aus Freienwalde sei ? ‹ Und als Trampe bejaht hatte , befahl er ihm , die Fässer zuzuschlagen : › Das dreizehnte Faß ist für dich . ‹ Und nun ging Trampe an die Arbeit und schlug alle Fässer zu . Das dreizehnte aber , das er vorsichtig gleich bei Seite gestellt hatte , rollte er den Berg hinunter . Er war nun fertig und wollte wieder gehen . Da fuhr es ihm wie eins durch den Kopf , › ob nicht der Ritter jedes dreizehnte Faß gemeint haben könnte ‹ , und als er noch so dachte , rollte er auch schon heimlich ein zweites Faß bergab . Als er aber unten ankam , lag nur ein Faß da . › Hm ‹ dachte Trampe › wirst es noch mal versuchen ‹ , und stieg wieder bergauf und rollte ein drittes Faß hinunter . Und sehen Sie , das war es ja gerade , was sie gewollt hatten , und als er wieder unten war , war alles verschwunden , auch das erste Faß , und nur an der Vorderspitze des Kahns saß wieder der Pudel und sagte : › Trampe , du hast verspielt ‹ . Das ärgerte Trampen und er dachte , als sie zurückfuhren : › das soll dir auch nicht wieder passieren ‹ . Ist ihm auch nicht wieder passiert , denn die Uchtenhagens haben ihn nie wieder holen lassen , wenn sie einen brauchten , um ihre Fässer zuzuschlagen . « Die Geschichte , die bedeutungsvoll mit dem Zusatz , » wie sie sich die Kiezer erzählen « , eingeführt worden war , war kaum zu Ende , so hielten wir auch schon am Fuße des Schloßberges , vielleicht an derselben Stelle , wo an jenem Abend der bedenkliche Uchtenhagensche Fährmann seinen Kahn gelandet hatte . Wir sprangen vom Wagen , schirrten aus , schlugen die Leine vorsichtshalber um einen Baumstamm , wiewohl der Charakter unseres Einspänners alle möglichen Garantien für sein Wohlverhalten bot , und stiegen den Berg hinan . Es war inzwischen immer finsterer geworden und dichte Schatten lagen um uns her , die durch zwei Lichter am Ausgang einer seitwärts gelegenen Schlucht nur noch zu wachsen schienen . Ich war etwas zurückgeblieben und beeilte mich , weil ich an Trampe dachte , wieder an die Seite des Führers zu kommen . Und es gelang auch . In demselben Augenblick aber , wo ich seinen Arm streifte , klang es wie Hundeblaff von der Schlucht her über den Berg , und ich zuckte zusammen und stand . Der Führer , der meinem Gedankengange gefolgt sein mußte , sagte ruhig : » Das ist dem Müller seiner ; der andere blafft nicht . « Und die Ruhe , mit der er dies sagte , überhob mich jeder Verlegenheit . So kamen wir endlich auf der Kuppe des Hügels an . An der Rückseite desselben befinden sich noch halbmannshohe Mauerreste , mit deren Hilfe sich die Grundform der ehemaligen Burg , besonders aber des Burgtors , vielleicht bestimmen ließe . Der Eingang in das letztere , noch deutlich erkennbar , wird irrtümlich als Kellereingang bezeichnet , weil sich die Phantasie der Kiezer am liebsten mit Kellergewölben und den Trampeschen Fässern beschäftigt . Wir unsererseits maßen zunächst die Überbleibsel der alten Umfassungsmauer aus , setzten uns dann , einen Strauch als Lehne , auf die Trümmerwand und blickten in die Schlucht nieder , aus der Elsen- und Birkengebüsch so dicht , so still , so schwellend heraufzusteigen schien , wie Blätter aus einem Korbe quellen , in den sie zuvor gepreßt wurden . Und dazu klang es in der Tiefe wie ein Quell , der über Kiesel fällt . Ich fragte : » Ist das ein Wasser unten ? « » Ja . « » Wie heißt es ? « » Das klingende Fließ . « Sonst war alles ruhig . Der Führer , längst gesprächig geworden , fing an zu erzählen von Pfingst- und Maiennächten , wenn unten in Tal und Schlucht die Rehe schreien , und hoch über dem Berg , als wär ' es der Kyffhäuser , die Dohlen kreischen . Aber es war nicht Mai , nicht Pfingsten mehr , kein Reh schrie durch die Nacht , selbst der Hundeblaff in der Mühle schwieg . Nur das klingende Fließ klang nach wie vor im Silberton zu uns herauf . So fanden wir den Schloßberg . Wir verließen ihn , um heimkehrend uns der Frage zuzuwenden : Was erzählt uns die Geschichte – sie , die jede Auskunft über den Schloßberg selbst verweigert , – von den Bewohnern desselben , von den Uchtenhagens . Die historische Zeit der Uchtenhagens umfaßt einen Zeitraum von etwa drittehalb Jahrhunderten . 1367 wird ihrer zum ersten Male gedacht , und 1618 erlischt das Geschlecht . Eine Urkundensammlung , wie sie neuerdings unter Benutzung der verschiedensten Archive veröffentlicht worden ist , hat die Herstellung einer Stammtafel ermöglicht , der wir – und dadurch mittelbar der Urkundensammlung selbst – einen mühelosen Verkehr zwischen oben und unten , zwischen Anfang und Ende des Geschlechts verdanken . Aber wir verdanken ihr nichts , was als eine historische Tat der Uchtenhagens angesehen werden könnte . Vielmehr fehlt nach dieser Seite hin all und jedes . Wir begegnen ihnen weder in Konstanz , noch in Worms ; wir sehen sie weder unter Friedrich dem Eisernen vor Bernau , noch zu Joachim Hektors Zeiten bei Mühlberg ; wir sehen sie weder gegen die Hussiten , noch gegen die Türken im Felde , und dürfen eben nur annehmen , daß sie nirgends gefehlt haben werden , wo es galt , dem Rufe des Kurfürsten zu folgen , oder für die Ehre des Landes einzustehen . Noch einmal also , das urkundliche Material bietet uns landes-oder allgemein-geschichtlich nichts , es belehrt uns aber über die Vermögensverhältnisse der Familie und zeigt uns dieselbe in ihren Beziehungen zu ihren Lehnsmännern , Burgleuten und Hintersassen , oder wenn uns der Ausdruck gestattet ist , in den Verwaltungsgrundsätzen , wonach sie die Regierung ihres ziemlich ausgedehnten Besitzes leiteten , eines Besitzes , der nach Quadratmeilen rechnete und Städte umschloß . Da finden wir denn die Uchtenhagens , allen alten Sagen » wie sie sich die Kiezer erzählen « zum Trotz , als wahre Muster ritterlichen Wandels ; fromm , sittig , ehrbar in ihrem Hause , mild , helfend , fürsorglich nach außen hin . Sie bauen Kirchen und schenken Glocken , sie schützen die Bürger in ihrem Recht und ihrem Besitz , sie belehnen den Rat Freienwaldes mit neuen Feldmarken , sie vertreten die Stadt vor dem Kurfürsten und erwirken ihr Jahrmarktstage und Freiheit von Zoll und Abgaben . Nichts , was die finsteren Märchen rechtfertigte , die in Spinnstuben bis diesen Tag mit Graus und Behagen geflüstert werden , vielmehr in allem die Anzeichen einer Regierungskunst im kleinen , dabei , in bestem Sinne , das Bewußtsein von den Rechten und Pflichten des Regiments . Ein Spruch im Freienwalder Stadtarchive gibt uns Auskunft darüber , aus welchem Glauben und Meinen heraus die Uchtenhagen ihre Herrschaft übten . All ' Obrigkeit die ist von Gott Und soll handhaben sein Gebot . Es soll ihr gehorchen alle Welt , Nicht leben , wie ' s Lust und Laune gefällt . Das Schwert gab Gott in ihre Handt , Damit zu wahren Leute und Landt . Dem Guten soll sie geben Schutz , Den Bösen strafen , dem Guten zu nutz . Eines Vaters Herz aber soll sie ha ' n Zu denen , so ihr sind unterthan . So war der Spruch , nach welchem die Uchtenhagen in Haus und Hof ihre Rechte wahrten , ihre Pflicht erfüllten ; nichts , was auf Fluch und Untat hinwiese , auf Taten , die unsühnbar gewesen wären . Wohl im Laufe der Jahrhunderte mischte sich auch ein blutbeflecktes Blatt in die Geschichte des Hauses , ein Vetter erstach den andern im Zweikampf oder aus Notwehr , aber dem Verbrechen folgte die Reue auf dem Fuße , und Kurfürst Albrecht Achill nahm den Bußfertigen wieder in seine Huld und Gnade auf , » gleichweis als ob die Geschichte nie geschehen wäre « . * Durch sechs Generationen hin , der vorhistorischen Zeit zu geschweigen , hatte der alte Stamm geblüht , nicht voll , nicht zahlreich , aber doch immerhin geblüht . Da , in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts , trieb er plötzlich neue Sprossen in Fülle : acht Söhne und fünf Töchter wurden geboren , und Freude war im alten Haus der Uchtenhagens . Aber es war das reiche Blühen vor dem Tode . Ehe ein Menschenalter um war , noch vor Schluß des Jahrhunderts , waren alle Söhne des Hauses tot bis auf einen , und der überlebende achte , inzwischen vermählt mit Sophie von Sparr , einer Vaterschwester des berühmten Feldmarschalls , schaukelte ein einzig Kind auf seinen Knien , – ein zartes Kind , die blauen Adern sichtbar unter der feinen Haut . Dies Kind , ein Knabe , war Kaspar von Uchtenhagen , der letzte seines Geschlechts . Er starb neun Jahre alt und wurde in der Kirche zu Freienwalde beigesetzt . Es heißt im Volk , daß er vergiftet worden sei , und die Sage – die hier wieder für die Geschichte eintritt – erzählt sein Ende so : Einer der Lehnsvettern des Hauses , voll Verlangen nach dem Besitz der Uchtenhagens , wußte dem Knaben eine prächtige Goldbirne zu reichen , die mit einem langsam wirkenden Gifte vergiftet war . Ein Bologneser Hündchen , das den Knaben auf Schritt und Tritt zu begleiten pflegte , sprang , als dieser die Birne essen wollte , an ihm herauf , halb liebkosend , halb geängstigt , um dem Knaben mit der Vorderpfote die Birne aus der Hand zu reißen , aber Kaspar nannte ihn lachend ein » neidisches Tier « und aß die Birne . Eine Traurigkeit , so fährt die Sage fort , begann alsbald den Knaben zu beschleichen , seine Lebendigkeit verlor sich und sein Auge wurde matt . So verging er wie eine Blume . Seine Mutter saß in der Sterbenacht an seinem Bett ; da richtete er sich noch einmal auf , küßte der Mutter die Hand und sprach sterbend aber leise-vernehmlich vor sich hin : Alle Liebe ist nicht stark genung , Ich muß doch sterben und bin so jung . So die Sage . Eh wir aber auf dieselbe in aller Kürze noch einmal zurückkommen , begleiten wir die Uchtenhagen durch ihre letzten Jahre bis zum völligen Erlöschen des Geschlechts . Hans von Uchtenhagen , der überlebende Vater des früh heimgegangenen Kindes , den Freuden dieser Welt für immer abgewandt und ohne tieferes Interesse , das alte Erbe des Hauses zusammenzuhalten , verkaufte , bald nach dem Tode Kaspars von Uchtenhagen , die Stadt Freienwalde samt allen seinen sonstigen Gütern an den Kurfürsten Johann Sigismund , zugleich sich verpflichtend , die reichen Besitzungen jenseits der Oder , die sogenannte Insel Neuenhagen , sofort in kurfürstlichen Besitz übergehen zu lassen . Andererseits ward ihm , dem Hans von Uchtenhagen , die Beibehaltung aller diesseits der Oder gelegenen Besitzungen , namentlich der Stadt Freienwalde , auf die Dauer seines Lebens zugestanden , auch das Recht ihm eingeräumt , bei etwaiger Geburt eines Erben , gegen Rückzahlung der Kaufsumme , in den alten Besitz wieder eintreten zu können . Aber kein Erbe wurde geboren , und in das alte , still und freudlos gewordene Stadthaus der Uchtenhagens , das sich , mit Turm und Zinnen , ein alter gotischer Bau neben der Freienwalder Kirche erhob , trat nur noch der Engel des Todes . Dem Sohne folgte drei Jahre später die Mutter , bis nach abermals zwölf Jahren voll stillen Leids und frommer Betrachtung auch Hans von Uchtenhagen aus der Unrast dieser Zeit eintrat in das Reich des ewigen Friedens . Das Kirchenbuch berichtet : » Anno Domini 1618 , am Abend Judica des 21. Martii , zwischen 12 und 1 Uhr , ist der Edle , gestrenge und Ehrenveste Hans von Uchtenhagen , dieses Städtleins Erbherr und Junker und der letzte dieses Geschlechts , selig im Herrn eingeschlafen und verschieden , und danach am Sonntag Exaudi ( war der 17. Mai ) allhier in St. Nicolaus-Kirche unter den Altar in sein gewölbtes Begräbniß , nach adliger Weise , zu seiner in Gott ruhenden Frauen und Söhnlein gesetzet , da er in seinem gantzen Alter das 64. Jahr erreicht hatte . « So weit das Kirchenbuch . Helm und Schild waren ihm in die Gruft gefolgt , Freienwalde wurde kurfürstlich , und nur das Wappen der Stadt : das rote Rad im silbernen Felde , deutet bis diesen Tag auf die Uchtenhagensche Zeit . Das Geschlecht ist erloschen , und es erübrigt uns nur noch die Frage : Was blieb in Freienwalde und Umgegend von Erinnerungsstücken an die Uchtenhagensche Zeit ? Doch noch mancherlei . Das wohlerhaltene und bis diese Stunde bewohnte Amtshaus des Dorfes Neuenhagen , früher eines der Schlösser der alten Familie , darf an sich als ein solches Erinnerungsstück gelten und die gewölbte Schloßkapelle mit Stuckaltar und symbolischen Figuren 13 verlohnte wohl , zu anderer Zeit , eine eingehendere Besprechung , als ich ihr in untenstehender Anmerkung gebe . Aber heute verweilen wir an dieser Stelle nicht länger und treten vielmehr dort ein , wo die alte Zeit der Uchtenhagens in Bild und Wort am vornehmlichsten zu uns spricht : in die alte Kirche von Freienwalde . Die Uchtenhagen haben sie gebaut , und sie ist das eigentliche und beste Monument des heimgegangenen Geschlechts . Bis vor wenigen Jahren lagen noch verschiedene Grabsteine vor den Stufen des Altars , unter dem in gewölbter Gruft die Toten ruhten ; – nun sind die Grabsteine fort und die Gruft ist verschüttet . Aber anderes ist geblieben . Über der niedrigen Sakristeitür , zur Linken des Altars , befindet sich das beinahe lebensgroße Bildnis Kaspars von Uchtenhagen , desselben , von dem die Sage erzählt , daß Bosheit ihn vergiftet habe . Das Bild ist , mit Rücksicht auf die Zeit , in der es entstand , eine vorzügliche Arbeit . Beschreib ' ich es . Ein Tischchen steht zur Seite mit einer roten Decke darüber ; auf dem Tische liegt die hohe Sammetmütze des Knaben , in Form und Farbe den Otterfellmützen nicht unähnlich , denen man noch jetzt in den Oderbruchgegenden begegnet ; vor dem Tisch aber steht der Knabe selbst ; blaß , durchsichtig , mit schmalen Lippen und rotblondem Haar , ein feines Köpfchen , klug , und durchgeistigt , aber wie vorausbestimmt zu Leid und frühem Tod . Seine Kleidung zeigt reicher Leute Kind . Ober dem roten Unterkleid trägt er einen grünen Überwurf mit reichem Goldbesatz , und eine getollte Halskrause , weiße Ärmelchen und schwarze Sammetschuhe vollenden seine Kleidung und Erscheinung . In der Rechten hält er eine schöne , große Birne , während ein Bologneser Hündchen bittend , liebkosend an ihm emporspringt . Die Umschrift aber lautet : » Da ich , Caspar von Uchtenhagen , bin gewest dieser Gestalt , war ich viertehalb Jahr alt , Anno 1597 den 18. November . « Es ist ersichtlich , daß dies überaus anziehende Bild , das wirklich eine Geschichte herauszufordern scheint , die äußere Veranlassung zu jener Sage gegeben hat , die ich bereits erzählt habe . Die Birne , das Hündchen , der Ausdruck von Wehmut in den Zügen , dazu der frühe Tod , – es hätte , der Kiezer und ihrer sagenbildenden Kraft ganz zu geschweigen , in den Herzen der Freienwalder selbst kein Fünkchen Poesie lebendig sein müssen , wenn sie sich die Gelegenheit hätte entgehen lassen wollen , aus so dankbarem und so naheliegendem Stoff eine Sage ins Leben zu rufen . Wir freuen uns , daß die Sage da ist , möchten sie nicht missen , aber sie ist eben Sage und nicht mehr . Der Beweis ist mit Leichtigkeit zu führen . Das Bildnis selbst belehrt uns in seiner Umschrift , daß es gemalt wurde , als Kaspar von Uchtenhagen ist » vierthalb Jahre alt gewest « . Er muß also , da wir die Birne auf diesem Bilde bereits erblicken , besagte Birne , wenn er sie überhaupt aß , mit viertehalb Jahren gegessen haben . Kaspar von Uchtenhagen starb aber erst sechs Jahre später , und würden wir , um der Sage gewaltsam eine historische Grundlage zu geben , durchaus annehmen müssen , daß die durch Brauen von Gifttränken niemals berühmt gewesene Mark Brandenburg eine selbst Italien überbietende Meisterschaft in der Aqua-Tofana-Kunst besessen habe . Kaspar von Uchtenhagen , wie uns sein eigen Bild am besten belehrt , starb einfach daran , daß seine Seele von Geburt an in einem halbverklärten Leibe gewohnt hatte . Er starb und ward in » der Gruft unterm Altar beigesetzt « . An der hintern Wandung des Altars aber , schlecht übermalt und minder gut erhalten als das erste , bereits beschriebene Bildchen , begegnen wir einem zweiten Bilde des Knaben , das ihn uns zeigt , wie der nunmehr Neunjährige , blaß und die Ruhe des Todes auf der Stirn , im offenen , blumenüberstreuten Sarge liegt . Er trägt ein weißes Sterbehemd und in dem glattanliegenden Haar einen blühenden Rosmarinkranz ; um den Hals aber schlingt sich ein schwarzes Band , daran , bis zur Brust hernieder , eine Schaumünze und ein länglich viereckiges Medaillon hängen . Eine Unterschrift gibt Tag und Stunde seines Todes ; die Wappen der Sparrs und der Uchtenhagens schieben sich in die oberen Ecken des Bildes ein , und daneben lesen wir , nicht ohne an den Vollklang lateinischer Kirchenlieder erinnert zu werden : Ah tibi Jesu lectulum In me para mollissimum , Meo quiesce pectore Et intime servabo te ; Worte , denen als deutscher Text der dreizehnte Vers von Luthers Liede : » Vom Himmel hoch da komm ' ich her « beigefügt ist : Ach mein herzliebes Jesulein , Mach Dir ein rein sanfft Bettelein , Zu ruh ' n in meines Herzens Schrein , Daß ich nimmer vergesse Dein . Noch wenige Worte . Kaspar von Uchtenhagen ruhte bereits länger denn zweihundert Jahr in der Gruft seiner Väter und wenige waren es , die nach dem Bilde hinterm Altar blickten . Das blasse Gesicht und der Rosmarinkranz im Haar rührten kein Herz mehr und kaum jemand existierte , für den die Schaumünze und das Medaillon , die auf dem Herzen des Knaben ruhten , eine Bedeutung gehabt hätten . Man nahm sie als Ornament , als Einfall des Malers . Da , während der zwanziger oder dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts , als ein Umbau nötig geworden , stiegen die Uchtenhagens noch einmal aus ihrer Gruft an das Tageslicht hinauf , und in langer Reihe , das Kirchenschiff hinunter , standen ihre Kupfer- und Eichensärge . Vor dem Altar aber stand ein kleiner Sarg , der Sarg Kaspars von Uchtenhagen . Man nahm den Deckel ab , und siehe da , da lag das Kind ganz wie auf dem Bilde mit Kranz und Krause . Erst bei der Berührung zerfiel alles zu Staub und Form und Hülle waren hin . Aber das schwarze Seidenband hielt noch und an dem Seidenbande hingen , wie das Bildnis es zeigt , eine Schaumünze und ein Medaillon . Beide werden aufbewahrt und sind eine Sehenswürdigkeit von Stadt und Kirche . Die Schaumünze hat das übliche Ansehen , das Medaillon aber , etwa anderthalb Zoll lang und einen Zoll breit , ist in zierlichster Weise den Formen eines alten Gebetbuches nachgebildet , mit geripptem Rücken und zwei kleinen Klammern daran . Diese Klammern sind festgenietet und öffnen also weder sich selbst noch das Buch , wohl aber bewegt sich an der Stelle , die dem Schnitt des Buches entsprechen würde , ein kleiner Schieber hin und her und ermöglicht , eine Reliquie oder eine geweihte Hostie in das Büchelchen hineinzulegen . Nichts derart indessen ward an jenem Tage , wo die Särge noch einmal ans Licht emporstiegen , in dem goldenen Büchelchen gefunden und nur ein Zettel fiel heraus , auf dem geschrieben stand : Psalm 63 , 10. Diese Stelle aber lautet : » Sie aber stehen nach meiner Seele , mich zu überfallen « und die darinliegende Hindeutung hat der alten Sage , wie sie vorstehend erzählt wurde , zu neuem Leben verholfen . Ja , sie wächst wieder . Um Mitternacht , so heißt es jetzt , glühen die Fenster der alten Kirche plötzlich in rotem Lichte auf , und die Gestalt Kaspars von Uchtenhagen in weißem Sterbekleide und mit glattanliegendem Haar tritt vor den Altar und spricht leise aber vernehmlich das Kirchenschiff hinunter : Alle Liebe ist nicht stark genung , Ich muß doch sterben und bin so jung . Und wenn der Ruf verhallt ist , erlischt der rote Schein in den Fenstern und alles ist wieder wie zuvor . So erzählen Sage und Geschichte vom alten Geschlecht der Uchtenhagens . Buckow Buckow Das dritte , das dritte noch wissen wir ' s nicht , Doch bleibt es das Best ' an der ganzen Geschicht ' , Courage , Courage ! Chamisso Buckow hat einen guten Klang hierlands , ähnlich wie Freienwalde , und bei bloßer Nennung des Namens steigen freundliche Landschaftsbilder auf : Berg und See , Tannenabhänge und Laubholzschluchten , Quellen , die über Kiesel plätschern , und Birken , die vom Winde halb entwurzelt , ihre langen Zweige bis in den Waldbach niedertauchen . Ja , Buckow ist schön , aber doch mit Einschränkung . Es hängt alles davon ab , ob wir Buckow die Gegend oder Buckow die Stadt meinen ; – allen