! und im nächsten Augenblick trug der Wind flüsternd die Worte zu mir herüber : wo sind Sie ? — Ich will Dir , wenn ich es vermag , die Idee und das Bild schildern , welche diese Worte meinem Geiste eröffneten ; doch ist es schwierig auszudrücken , was ich auszudrücken habe . Ferndean liegt , wie Du siehst , tief im Walde begraben , wo der Schall gedämpft wird und ohne Echo dahinstirbt . Wo sind Sie ? schien unter Bergen gesprochen zu werden ; denn ich hörte das Echo der Hügel die Worte wiederholen . Kälter und frischer schien in dem Augenblick der Wind meine Stirn zu berühren : ich hätte glauben sollen , ich und Johanna hätten uns in einer wilden , einsamen Scene getroffen . Im Geiste , glaube ich , müssen wir einander begegnet sein . Du , Johanna , lagst ohne Zweifel in unbewußtem Schlafe : vielleicht wanderte Deine Seele aus ihrer Zelle , um die meine zu trösten ; denn es waren Deine Töne — so wahr ich lebe , es war Deine Stimme ! Leser , es war am Montag Abend kurz , vor Mitternacht , als auch ich die geheimnisvolle Aufforderung erhielt ; es waren dieselben Worte , womit ich sie beantwortet . Ich horchte auf Rochesters Erzählung , machte ihm aber keine Mittheilung . Das Zusammentreffen erschien mir zu erhaben und unerklärlich , um mitgetheilt oder besprochen zu werden . Wenn ich etwas gesagt , so hätte meine Erzählung nothwendig einen tiefen Eindruck auf das Gemüth meines Zuhörers hervorbringen müssen : und da dieses Gemüth wegen seines Leidens schon zur Düsterkeit geneigt war , so bedurfte es des tiefern Schattens des Uebernatürlichen nicht . Ich behielt diese Dinge also für mich und erwog sie in meinem Herzen . “ Du kannst Dich also jetzt nicht wundern , " fuhr mein Herr fort , daß ich , als Du mir in der letzten Nacht so unerwartet erschienst , nur mit Schwierigkeit glauben konnte , das Du etwas Anderes seiest , als eine bloße Stimme und eine Erscheinung : als etwas , was in Schweigen und Vernichtung dahinschmelzen werde , wie das mitternächtliche Geflüster und das Echo des Gebirges früher dahingeschmolzen war . Gott sei Dank ! ich weiß jetzt , daß es anders ist . Ja , Gott sei Dank ! " Er hob mich von seinem Knie , stand auf , nahm andächtig seinen Hut ab , neigte seine geblendeten Augen zur Erde und stand in stummer Anbetung da . Nur die letzten Worte seiner Anrede an Gott waren hörbar . “ Ich danke Dir , mein Schöpfer , daß Du mir mitten in Deinem Zorn Gnade gesendet . Ich flehe demüthig meinen Erlöser an , mir Stärke zu geben , hinfort ein reineres Leben zu führen , als ich bisher gethan ! " Dann streckte er seine Hand aus , um sich führen zu lassen . Ich faßte diese theure Hand , erhob sie auf einen Augenblick zu meinen Lippen und ließ sie dann meine Schulter umschlingen , denn da ich so viel kleiner war als er , diente ich ihm zugleich als Stütze und Führerin . Wir traten in den Wald und gingen heimwärts . Zwölftes Kapitel . Schluß . Leser , ich heirathete ihn . Eine stille Trauung hatten wir : er und ich , der Prediger und der Kirchendiener waren allein gegenwärtig . Als wir aus der Kirche zurückkehrten , trat ich in die Küche des Herrenhauses , wo Maria das Mittagsmahl bereitete und John Messer putzte , und sagte : " Maria , ich bin diesen Morgen mit Herrn Rochester getraut worden . “ Die Haushälterin und ihr Mann gehörten Beide jener anständigen , phlegmatischen Menschenklasse an , denen man zu jeder Zeit mit Sicherheit eine auffallende Nachricht mittheilen kann , ohne in Gefahr zu gerathen , einen durchdringenden Schrei zu hören und dann von einem Wortstrom der Verwunderung betäubt zu werden . Maria blickte auf und starrte mich an : der Löffel , womit sie ein Paar junge Hühner umkehrte , die sie eben über dem Feuer briet , blieb etwa drei Minuten in der Luft schweben : und fast eben so lange hatten John ' s Messer vor dem Putzen Ruhe ; dann aber neigte sich Maria wieder über ihren Braten und sagte nur : " Ei wirklich , Miß ? Nun , das ist gut ! ” Bald darauf fuhr sie fort : " Ich sah Sie mit dem Herrn fortgehen , wußte aber nicht , daß Sie zur Trauung in die Kirche gingen . " Und sie setzte ihr Geschäft fort . Als ich mich zu John wendete , sah ich , wie er von einem Ohr zum andern lächelte . “ Ich sagte Maria , wie es kommen würde , " bemerkte er ; " ich wußte , was Herr Eduard “ — John war ein alter Diener und hatte seinen Herrn noch als jüngern Sohn des Hauses gekannt , daher legte er ihm oft seinen Taufnamen bei — “ ich wußte , was Herr Eduard thun würde , und war auch gewiß , daß er nicht lange damit warten würde : und er hat Recht gethan , so viel weiß ich . Ich wünsche Ihnen Glück , Miß ! ” Und er zog höflich seine Mütze herunter . " Ich danke Ihnen , John . Herr Rochester sagte mir , ich sollte Ihnen und Maria dies geben . ” Ich legte eine Fünfpfundnote in seine Hand . Ohne mehr hören zu wollen , verließ ich die Küche . Als ich einige Zeit später an der Thür dieses Heiligthums vorüber ging , vernahm ich die Worte : " Sie wird besser für ihn passen , als irgend eine von den großen Damen . “ Und dann die Antwort : “ Sie ist keine von den Schönsten , aber ohne Fehl und sehr gutmüthig ; und in seinen Augen ist sie sehr schön , das sieht man wohl . ” Ich schrieb sogleich nach Moor House und Cambridge , berichtete , was ich gethan und erklärte auch ausführlich , warum ich so gehandelt . Diana und Maria billigten ohne Rückhalt meinen Schritt . Diana meldete mir , sie wolle nur erst die Flitterwochen vorüber gehen lassen und mich dann besuchen . " Es wäre besser , sie wartete nicht so lange , Johanna , ” sagte Rochester , als ich ihm ihren Brief vorlas ; " wenn sie so lange warten will , wird sie zu spät kommen , denn unsere Flitterwochen werden so lange währen , wie unser Leben und erst mit unserm Tode enden . " Wie Saint John die Nachricht aufnahm , weiß ich nicht , denn er beantwortete meinen Brief nicht , worin ich ihm meine Verheirathung mittheilte : sechs Monate später aber schrieb er an mich , doch ohne Rochester ' s Namen zu nennen oder meine Verbindung zu erwähnen . Sein Brief war ruhig und freundlich , doch sehr ernst . Wir haben seitdem eine regelmäßige obgleich nicht häufige Correspondence geführt : er hofft , ich sei glücklich und hegt das Vertrauen , ich sei keine von denen , die ohne Gott in der Welt leben und sich nur um irdische Dinge kümmern . Du wirst doch die kleine Adele nicht ganz vergessen haben , lieber Leser ? Ich hatte sie nicht vergessen und erbat und erhielt bald die Erlaubnis von Rochester , sie in dem Institut zu besuchen , wo er sie untergebracht . Ihre wahnsinnige Freude , mich wieder zu sehen , rührte mich sehr . Sie sah blaß und abgemagert aus und sagte , sie sei nicht glücklich . Ich fand die Ordnung in dem Institut zu strenge und die Forderungen für ein Kind ihres Alters zu schwer und nahm sie mit nach Hause . Ich wollte wieder ihre Erzieherin werden ; doch fand ich , daß sich dies nicht thun ließ , da meine Zeit und meine Sorge von einem Andern in Anspruch genommen wurden — mein Gatte bedurfte ihrer . So suchte ich denn ein Institut von milderem System aus , nahe genug , um sie oft besuchen und sie zuweilen nach Hause bringen zu können . Ich trug Sorge , daß es ihr nie an etwas fehlte , was zu ihrer Zufriedenheit beitragen konnte : sie befand sich an ihrem neuen Aufenthaltsorte wohl und machte gute Fortschritte . Als sie heranwuchs , verbesserte eine gesunde englische Erziehung in hohem Grade ihre französischen Mängel , und als sie die Schule verließ , fand ich in ihr eine angenehme und gefällige Gesellschafterin : gelehrig , gutmüthig und von trefflichen Grundsätzen . Durch ihre dankbare Aufmerksamkeit für mich und die Meinigen hat sie mir längst jede kleine Gefälligkeit vergolten , die ich je die Macht hatte ihr zu gewähren . Meine Erzählung nähert sich ihrem Ende : nur noch ein Wort über meine Erfahrung in der Ehe und einen kurzen Blick auf das Geschick derjenigen , deren Namen am häufigsten in dieser Erzählung vorkommen , und ich bin zu Ende . Ich bin jetzt zehn Jahre verheirathet . Ich weiß , was es heißt , gänzlich für den und mit dem zu leben , den ich am meisten auf Erden liebe . Ich halte mich für äußerst beglückt — mehr als es die Sprache ausdrücken kann , weil ich eben so sehr meines Gatten Leben bin , wie er das meine ist . Kein Weib stand je ihrem Ehegenossen näher als ich : keine war je so ganz Bein von seinem Bein und Fleisch von seinem Fleisch . Ich werde der Gesellschaft meines Eduard nicht müde : er nicht der meinigen , eben so wenig wie wir des Klopfens unserer Herzen müde werden , folglich sind wir immer beisammen . Dadurch sind wir zugleich so frei , wie in der Einsamkeit und so heiter , wie in der Gesellschaft . Ich glaube , wir sprechen den ganzen lieben Tag : denn mit einander zu sprechen , ist nur ein belebteres und hörbares Denken . All mein Vertrauen ist auf ihn gesetzt ; all sein Vertrauen ist mir geweiht : unsere Charaktere stimmen genau überein , und vollkommene Eintracht ist der Erfolg . Rochester blieb die ersten beiden Jahre unserer Ehe blind ; vielleicht war es dieser Umstand , der uns einander so nahe brachte und uns so unauflöslich verband , denn ich war damals sein Gesicht , wie ich jetzt seine rechte Hand bin . Im buchstäblichen Sinne war ich , wie er mich oft nannte , der Apfel seines Auges . Er sah die Natur — er sah die Bücher durch mich , und nie wurde ich müde , für ihn zu sehen und den Eindruck der Felder und Bäume , der Stadt und des Flusses , der Wolke und des Sonnenstrahls , der Landschaft vor uns und des Wetters um uns her in Worte zu kleiden und durch den Klang seinem Ohr mitzutheilen , was das Licht seinem Auge nicht näher einprägen konnte . Nie wurde ich müde ihm vorzulesen ; nie wurde ich müde ihn zu führen , wohin er zu gehen wünschte : zu thun , was er gethan wünschte . Und es lag ein überschäumendes , ein entzückendes , wenn gleich trauriges Vergnügen in meinen Diensten , weil er dieselben ohne schmerzliche Scham oder dämpfende Erniedrigung forderte . Er liebte mich so wahr , daß er kein Widerstreben kannte , sich meiner Hülfe zu bedienen : er fühlte , ich liebe ihn so zärtlich , daß er meine liebsten Wünsche erfüllte , wenn er meinen Beistand annahm . Eines Morgens , nach Verlauf von zwei Jahren , als ich einen Brief nach seinem Dictat schrieb , kam er , neigte sich über mich und sagte : " Johanna , hast Du nicht einen schimmernden Schmuck um den Hals ? " Ich trug eine goldene Uhrkette und antwortete : " Ja . " " Und hast ein blaßblaues Kleid an ? " So war es . Er sagte mir darauf , daß es ihm seit einiger Zeit vorkomme , als ob die Dunkelheit , die sein Auge umwölke , weniger dicht werde ; und jetzt sei er dessen gewiß . Wir gingen Beide nach London . Er zog einen berühmten Augenarzt zu Rathe und das eine Auge erlangte wirklich seine Sehkraft wieder . Er sieht noch jetzt nicht sehr deutlich : er kann nicht viel lesen oder schreiben ; doch findet er seinen Weg , ohne bei der Hand geführt zu werden : der Himmel ist nicht mehr ein leerer Raum , die Erde nicht mehr eine Einöde für ihn . Als man ihm seinen Erstgeborenen in die Arme legte , konnte er sehen , daß der Knabe seine Augen geerbt , wie sie einst gewesen — groß , glänzend und schwarz . Bei dieser Gelegenheit erkannte er wieder mit vollem Herzen an , daß Gott ein strenges Gericht durch Gnade gemildert habe . Mein Eduard und ich sind also glücklich um so mehr , da die , welche wir am meisten lieben , gleichfalls glücklich sind . Diana und Maria Rivers haben sich Beide ein Jahr nach einander verheirathet , besuchen uns oft und wir sie . Dianas Gatte ist Capitain in der Marine , ein tapferer Officier und ein guter Mensch . Maria ' s Gatte ist Geistlicher ; ein Universitätsfreund ihres Bruders und vermöge seiner Bestrebungen und seiner Grundsätze dieser Verbindung würdig . Capitain Fitzjames und Herr Wharton lieben ihre Frauen und werden von ihnen geliebt . Saint John Rivers verließ England und ging nach Indien . Er betrat den Pfad , den er sich vorgezeichnet , und verfolgt ihn noch . Ein unermüdlicherer und thätigerer Schanzgräber arbeitete nie unter Felsen und Gefahren . Fest , getreu und begeistert , voll Eifer , Kraft und Wahrheit arbeitet er für sein Geschlecht : bahnt den mühsamen Weg zur Besserung und fällt , gleich einem Riesen , die Vorurtheile des Kastengeistes und Glaubens nieder , die ihm hinderlich sind . Er mag noch jetzt strenge , vielfordernd und ehrgeizig sein : aber seine Strenge ist die des Kriegers , der den Pilgerzug vor dem Angriff des Würgengels schützt . Seine Forderung ist die des Apostels , der für Christus spricht , wenn er sagt : " Wer mir angehören will , verleugne sich selbst , nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach . “ Sein Ehrgeiz ist der des erhabenen Geistes , dessen Streben dahin geht , einen Platz einzunehmen in der ersten Reihe Derjenigen , die das Irdische abgeschüttelt und ohne Fehl vor dem Throne Gottes stehen , die die letzten mächtigen Siege des Lammes theilen , die berufen und auserwählt und treu erfunden sind . Saint John ist unvermählt geblieben und wird jetzt auch nicht mehr heirathen . Er allein ist bisher zu seiner Anstrengung genügend gewesen , und die Anstrengung nähert sich ihrem Ende : seine glänzende Sonne eilt ihrem Untergange zu . Der letzte Brief , den ich von ihm erhielt , entlockte meinen Augen menschliche Thränen und erfüllte doch mein Herz mit himmlischer Freude . Er sieht seiner sichern Belohnung , seiner unvergänglichen Krone entgegen . Ich weiß , daß mir zunächst eine fremde Hand schreiben und mir die Nachricht ertheilen wird , daß der gute und getreue Diener endlich zu der Freude seines Herrn berufen worden . Und warum sollte ich deshalb weinen ? Keine Furcht vor dem Tode wird Saint John ' s letzte Stunde trüben : sein Geist wird unbewölkt , sein Herz unerschrocken , seine Hoffnung gewiß , sein Glaube unerschütterlich sein . Seine eigenen Worte bieten ein Pfand dafür . " Mein Meister warnt mich vorher , " heißt es in dem Briefe . “ Täglich verkündet er mir deutlicher : Gewiß , ich komme bald ! und stündlich antworte ich inbrünstiger : Amen ! so komm denn , Herr Jesus ! "