solcher Stimmung trennen , St. John ? Und wenn Sie nach Indien gehen – wollen Sie mich dann verlassen , ohne ein freundlicheres Wort zu sprechen , als bisher ? « Jetzt wandte er sich ganz von dem Mond ab und blickte mir gerade ins Gesicht . » Jane , werde ich dich denn verlassen , wenn ich nach Indien gehe ? Was ! Gehst du nicht mit mir nach Indien ? « » Sie sagten , das könne ich nicht , wenn ich Sie nicht vorher heiratete . « » Und du willst mich nicht heiraten ? Du beharrst fest bei jenem Entschluß ? « Lieber Leser , hast du jemals erfahren , welchen Schrecken jene herzenskalten Menschen mit dem Eise ihrer Fragen verursachen können ? Wieviel von einem Lawinensturz in ihrem Zorn liegt ? Wie sehr ihr Mißvergnügen dem Eisgange eines wilden Stromes gleicht ? » Nein , St , John , ich werde Sie nicht heiraten . Ich beharre fest bei meinem Entschluß . « Die Lawine kam in Bewegung , aber sie stürzte noch nicht thalwärts . » Noch einmal – weshalb diese Weigerung ? « » Früher , weil Sie mich nicht liebten , « entgegnete ich , » jetzt , weil Sie mich beinahe hassen . Wenn ich Sie heiratete , würden Sie mich töten . Sie sind jetzt schon im Begriff , es zu thun . « Seine Wangen und Lippen wurden bleich – totenbleich . » Ich würde dich töten ? – ich töte dich jetzt schon ? Deine Worte sind solche , wie sie nie gesprochen werden sollten : heftig , unweiblich , unwahr . Sie verraten einen unglückseligen Geistes- und Gemütszustand ; sie verdienen strenge Zurechtweisung , sie würden unverzeihlich sein , wenn es nicht die Pflicht des Menschen wäre , seinem Bruder zu verzeihen , und wenn es auch siebenmalsiebzigmal wäre . « Jetzt hatte ich die Sache zu Ende gebracht . Während ich den ernstlichen Wunsch hegte , die Spur meiner ersten Kränkung aus seiner Seele zu löschen , hatte ich auf jener zähen Oberfläche einen weit tieferen Eindruck zurückgelassen , ich hatte ihn für alle Zeiten eingebrannt . » Jetzt werden Sie mich in der That hassen , « sagte ich . » Es ist ganz nutzlos , den Versuch zu machen , Sie zu versöhnen ; ich sehe , jetzt habe ich Sie mir zum ewigen Feinde gemacht . « Ein neues Unrecht thaten ihm diese Worte , ein schlimmeres noch , weil sie der Wahrheit nahe kamen . Seine blutlosen Lippen erzitterten wie in einem Krampf . Ich wußte , welch scharfen Stahl ich gewetzt hatte . Das Herz zersprang mir fast . » Sie mißverstehen meine Worte ganz und gar , « sagte ich , indem ich plötzlich seine Hand erfaßte : » Ich hatte nicht die Absicht , Sie zu verletzen oder zu reizen – in der That , das hatte ich nicht . « Er lächelte unendlich bitter – mit großer Entschiedenheit entzog er seine Hand der meinen . » Und jetzt nimmst du dein Versprechen zurück , vermute ich , und gehst überhaupt nicht nach Indien ? « sagte er nach langem Schweigen . » Nein , ich gehe , als Ihre Mitarbeiterin . « Jetzt folgte eine lange Pause . Ich kann nicht sagen , wie hart der Kampf war , den in der Zwischenzeit Natur und Barmherzigkeit in ihm auskämpften . Aber in seinen Augen funkelten seltsame Strahlen und fremde Schatten flogen über sein Gesicht . Endlich sprach er wieder . » Ich habe dir schon einmal die Absurdität des Vorschlags bewiesen , daß ein Mädchen deines Alters einen unverheirateten Mann in meinen Jahren begleiten könne . Ich bewies sie dir in solchen Ausdrücken , von denen ich vermuten durfte , daß sie dich verhindern würden , jemals wieder auf den Plan zurückzukommen . Daß du es dennoch gethan , bedaure ich – deinetwegen . « Ich unterbrach ihn . Irgend etwas , das einem faßbaren Vorwurf ähnlich war , gab mir sofort wieder Mut . » Bleiben Sie doch bei der gesunden Vernunft , St. John , jetzt streifen Sie wirklich an Unsinn , Sie behaupten entsetzt zu sein über das , was ich gesagt . Sie sind nicht in Wahrheit empört darüber , denn mit Ihrem außergewöhnlichen Verstande können Sie weder so abgeschmackt noch so eingebildet sein , meine Meinung mißzuverstehen . Noch einmal wiederhole ich es , ich will Ihre Mitarbeiterin sein , aber niemals Ihre Gattin . « Wiederum ward er leichenfahl . Aber wie zuvor beherrschte er seine Leidenschaft vollständig . Er antwortete nachdenklich aber ruhig : » Eine weibliche Mitarbeiterin , die nicht meine Gattin ist , würde mir niemals genügen . Es scheint also , daß du mit mir nicht gehen kannst ; wenn du es mit deinem Anerbieten aber ehrlich meinst , so will ich während meines Aufenthalts in der Stadt mit einem Missionär sprechen , dessen Frau eine Mitarbeiterin braucht . Dein eigenes Vermögen wird dich unabhängig von der Hilfe der Missionsgesellschaft machen ; auf diese Weise wird dir die Schande erspart , dein Versprechen zu brechen und der Verbindung untreu zu werden , welcher anzugehören du gelobt hast . « Wie nun mein Leser weiß , hatte ich niemals irgend ein förmliches Versprechen gegeben oder war eine Verpflichtung eingegangen ; und seine Worte waren viel zu hart und viel zu despotisch für diesen Fall . Daher entgegnete ich : » Da giebt es keine Schande , kein gebrochenes Versprechen , kein Untreuwerden in diesem Falle . Ich habe nicht die geringste Verpflichtung nach Indien zu gehen , besonders nicht mit Fremden . Mit Ihnen zusammen würde ich viel gewagt haben , weil ich Sie bewundere , Ihnen vertraue und Sie liebe wie eine Schwester . Aber ich bin auch zugleich fest überzeugt , daß , wann und mit wem ich auch ginge , ich in jenem Klima nicht lange leben würde . « » Ah ! du fürchtest für deine Person , « sagte er mit spöttisch verzogenen Lippen . » Das thue ich , Gott hat mir mein Leben nicht gegeben , daß ich es fortwerfe ; und jetzt beginne ich zu glauben , daß es einen Selbstmord begehen hieße , wenn ich thäte , was Sie von mir verlangen . Überdies will ich , bevor ich mich entschließe England zu verlassen , gewiß wissen , ob ich nicht von größerem Nutzen sein kann , wenn ich in meinem Vaterlande bliebe , als wenn ich es verlasse . « » Was soll das heißen ? « » Es würde nutzlos sein , wenn ich versuchen wollte , das zu erklären ; aber es giebt einen Punkt , über den ich schon lange in qualvollem Zweifel bin ; und ich kann mich nirgend hin begeben , bevor dieser Zweifel nicht gehoben ist . « » Ich weiß , wohin dein Herz dich zieht , und an wem es hängt . Das Interesse , welches du hegst , ist unheilig und gegen das Gesetz . Schon lange hättest du es ersticken sollen , und jetzt müßtest du erröten , dessen nur zu erwähnen . Du denkst an Mr. Rochester ! « Es war wahr . Durch mein Schweigen bestätigte ich es . » Willst du Mr. Rochester aufsuchen ? « » Ich muß erfahren , was aus ihm geworden ist . « » So bleibt mir denn nichts anderes mehr zu thun übrig , als deiner in meinem Gebet zu gedenken , « sagte er , » und Gott von ganzem Herzen zu bitten , daß er dich nicht in der That zu einer Verworfenen werden läßt . Ich habe geglaubt , in dir eine der Auserwählten zu sehen . Aber Gott sieht nicht , wie Menschen sehen : Sein Wille geschehe ! « Er öffnete das Heckenthor , ging hinaus und streifte durch die Wiesen der Schlucht zu . Bald war er meinem traurigen Blick ganz entschwunden . Als ich wieder in das Wohnzimmer trat , fand ich Diana am Fenster stehend ; sie schien in trübes Sinnen versunken . Diana war sehr viel größer als ich , sie legte ihre Hand auf meine Schulter und indem sie sich zu mir herabbeugte , sah sie mir prüfend ins Gesicht . » Jane , « sagte sie , » du bist jetzt stets so blaß und aufgeregt . Ich bin fest überzeugt , daß irgend etwas geschehen ist . Sag mir , was zwischen dir und St. John vorgeht ; seit einer halben Stunde habe ich euch hier vom Fenster aus beobachtet . Du mußt verzeihen , daß ich eine solche Spionin bin , aber seit langer Zeit schon habe ich mir allerhand Dinge eingebildet . St. John ist ein so seltsamer , ein ganz eigentümlicher Mensch . « Sie hielt inne – ich sprach nicht ; bald begann sie von neuem : » Ich bin fest überzeugt , daß mein sonderbarer Herr Bruder ganz besondere Ansichten in Bezug auf dich hegt ; schon seit langer Zeit hat er dich durch eine Beachtung und ein Interesse ausgezeichnet , das er noch niemals einem anderen Menschen bewiesen – und zu welchem Zweck ? Ich wollte , daß er dich liebte , Jane – ist das der Fall , Kind ? « Ich legte ihre kühle Hand auf meine heiße Stirn : » Nein , Diana , nein , nicht im geringsten . « » Weshalb verfolgt er dich denn so mit den Augen – und macht , daß er so häufig allein mit dir ist und hält dich fortwährend an seiner Seite fest ? Mary und ich waren beide zu dem Schlusse gekommen , daß er den Wunsch hege , dich zu heiraten , « » Das thut er auch – er hat von mir verlangt , daß ich sein Weib werde . « Diana schlug die Hände vor Freude zusammen . » Das ist ' s ja gerade , was wir hofften und dachten ! Und du wirst ihn heiraten , Jane , nicht wahr ? Dann müßte er ja auch in England bleiben . « » Weit entfernt davon , Diana ; die einzige Absicht , welche er bei seinem Heiratsantrag hegt , ist , sich in mir eine passende Gehilfin für seine indischen Arbeiten und Mühseligkeiten zu sichern . « » Was ? Er verlangt von dir , daß du nach Indien gehst ? « » Ja ! « » Wahnsinn ! « rief sie aus , » Ich bin überzeugt , daß du dort kaum drei Monate leben würdest . Du darfst unter keinen Umständen gehen . Du hast nicht eingewilligt , nicht wahr , liebe Jane ? « » Ich habe mich geweigert , ihn zu heiraten . « » Und folglich hast du ihn tief gekränkt ? « vermutete sie dann weiter fragend . » Tief gekränkt . Er wird mir niemals verzeihen , fürchte ich . Und doch erbot ich mich , ihn als seine Schwester zu begleiten . « » Es war eine unglaubliche Thorheit , das zu thun , Jane . Denk nur an die Aufgabe , welche du damit unternehmen würdest – es wären endlose Ermüdung und Anstrengung ; und Anstrengung und Ermüdung töten in jenen Ländern selbst die Stärksten . Du aber bist zart und schwach . Du kennst St. John und weißt , daß er dich selbst zu Unmöglichkeiten anspornen würde ; in seiner Nähe würdest du nicht die Erlaubnis bekommen , während der heißen Stunden zu rasten , und unglücklicherweise zwingst du dich , wie ich bemerkt habe , alles zu vollbringen , was er von dir verlangt . Ich bin nur erstaunt , daß du den Mut gefunden hast , seine Hand zurückzuweisen . Du liebst ihn also auch nicht , Jane ? « » Nicht , wie ich einen Gatten lieben müßte . « » Und doch ist er ein so schöner Mann . « » Und ich bin so häßlich , nicht wahr , Dia ? Wir würden ja gar nicht zueinander passen . « » Häßlich ? Du ? Durchaus nicht ! Du bist viel zu hübsch und viel zu jung , um in Calcutta lebendig gebraten zu werden . « Und wiederum beschwor sie mich im Ernst , jeden Gedanken daran aufzugeben , daß ich mit ihrem Bruder nach Indien gehen könne . » Das muß ich in der That , « sagte ich , » denn als ich ihm jetzt kurz zuvor mein Anerbieten wiederholte , ihm als Mithelferin zur Seite stehen zu wollen , zeigte er sich empört über meinen Mangel an Anstandsgefühl . Er schien der Ansicht zu sein , daß ich eine Unschicklichkeit begangen habe , indem ich ihm anbot , ihn zu begleiten , ohne mit ihm verheiratet zu sein . Als wenn ich nicht von allem Anfang an gehofft hätte , in ihm einen Bruder zu finden , und ihn stets als solchen betrachtet hätte ! « » Wie kannst du aber sagen , daß er dich nicht liebt , Jane ? « » Du solltest ihn nur selbst über den Gegenstand reden hören . Er hat mir wieder und immer wieder erklärt , daß er nicht für sich selbst , sondern für sein Amt eine Gefährtin wünscht . Er sagt mir , daß ich zur Arbeit geboren sei – nicht zur Liebe ! Und das ist ohne Zweifel wahr . Aber meiner Meinung nach bin ich auch nicht für die Ehe geboren , wenn ich nicht für die Liebe geschaffen bin . Wäre es denn nicht seltsam , Dia , fürs ganze Leben an einen Menschen gekettet zu sein , der in mir nichts weiter sieht als ein nützliches Werkzeug ? « » Unerträglich – unnatürlich – vollständig unmöglich ! « » Und dann , « fuhr ich fort , » obgleich ich jetzt nur eine schwesterliche Neigung für ihn hege , so kann ich mir doch sehr gut die Möglichkeit vorstellen , daß ich , wenn ich gezwungen würde , seine Gattin zu werden , mit der Zeit eine unvermeidliche , seltsame , qualvolle Art von Liebe für ihn empfinden würde . Denn er ist so hoch begabt , und in seinem Blick , seiner Art , seiner Unterhaltung , seiner Sprechweise liegt oft ein Zug von heldenmütiger Größe . In solchem Falle würde mein Los doch ein unsäglich elendes werden . Er würde nicht wollen , daß ich ihn liebte , und wenn ich ihm das Gefühl zeigte , würde er mir begreiflich machen , daß dies eine Überflüssigkeit sei , welche er nicht verlange , und die mich nur schlecht kleide . Ich weiß , daß er so handeln würde . « » Und doch ist St. John ein guter Mensch , « sagte Diana . » Er ist ein guter und ein großer Mann , aber ohne Erbarmen vergißt er die Empfindungen und Ansprüche kleinerer Menschen , indem er seine eigenen großen Pläne verfolgt . Es ist daher für die Unbedeutenden besser , ihm aus dem Wege zu gehen , damit er sie in seinem rastlosen Vorwärtsstreben nicht zu Boden trete . Doch da kommt er . Ich verlasse dich , Diana . « Und damit eilte ich die Treppe hinauf , als ich ihn in den Garten treten sah . Beim Abendessen war ich jedoch gezwungen , ihm wieder zu begegnen . Während dieser Mahlzeit schien er gerade so ruhig wie gewöhnlich . Ich hatte geglaubt , daß er kaum mit mir sprechen würde , und ich war fest überzeugt , daß er es aufgegeben , seinen Heiratsplan noch weiter zu verfolgen ; aber die Folge sollte mich lehren , daß ich mich in beiden Punkten geirrt hatte . Er sprach zu mir ganz in der gewohnten Weise ; oder doch wenigstens so , wie er es in der ganzen letzten Zeit gethan : er war peinlich höflich . Ohne Zweifel hatte er die Hilfe des heiligen Geistes angefleht , um den Ärger zu bekämpfen , den ich in ihm erregt hatte , und jetzt glaubte ich , daß er mir noch einmal vergeben habe . Zum Lesen vor dem Abendgebet hatte er das einundzwanzigste Kapitel der Offenbarung gewählt . Zu allen Zeiten war es wohlthuend ihm zuzuhören , wenn die Worte der Bibel von seinen Lippen kamen , niemals klang seine Stimme so süß und voll – niemals machte seine Art und Weise in ihrer edlen Einfachheit einen so tiefen Eindruck , als wenn er die Prophezeiungen Gottes verkündete ; und heute abend nahm diese Stimme einen noch feierlicheren Ton an – seine Bewegungen und Gebärden nahmen eine tiefere Bedeutung an , als er so inmitten seines Haushaltes dasaß , wahrend der Maimond durch die unverhängten Fenster schien und das Kerzenlicht fast überflüssig machte ; als er dasaß über die große alte Bibel gebeugt und aus ihren Blättern die Vision des neuen Himmels und der neuen Erde beschrieb – sagte , wie Gott kommen würde , unter den Menschen zu wohnen , wie er alle Thränen von ihren Augen trocknen würde und versprach , daß der Tod nicht mehr sein würde , noch Leid , noch Geschrei , noch Schmerzen sein würden , weil alles Frühere vergangen sei . Die folgenden Worte durchzitterten mich seltsam , als er sie sprach , besonders da ich an der leisen , unbeschreiblichen Veränderung im Ton merkte , daß er sich zu mir gewandt hatte , als er sie aussprach . » Wer überwindet , der wird es alles ererben , und ich werde sein Gott sein und er mein Sohn . Aber , « las er ganz langsam und deutlich weiter , » den Verzagten und Ungläubigen und Greulichen und Totschlägern und Zauberern und Abgöttischen und allen Lügnern , deren Teil wird sein in dem Pfuhl , der mit Feuer und Schwefel brennt , welches ist der andere Tod . « Von diesem Augenblick an wußte ich , welches Schicksal St. John für mich fürchtete . Ein stiller , unterdrückter Triumph , vermischt mit einem sehnsüchtigen Ernst bezeichnete seine Erklärung der letzten glorreichen Verse dieses Kapitels . Der Leser war überzeugt , daß sein Name bereits in dem Lebensbuche des Lammes geschrieben stehe , und er sehnte sich nach der Stunde , wo er Einlaß finden würde in die Thore der Stadt , in welche die Könige auf Erden ihre Heiligkeit bringen , die keiner Sonne noch des Mondes bedarf , daß sie in ihr scheinen , denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das Lamm . In dem Gebet , welches dem Kapitel der Bibel folgte , faßte er all seine Energie zusammen – all sein herber , starrer Eifer erwachte ; er war in heiligem Ernst , er kämpfte und rang mit Gott und war entschlossen zu siegen . Er flehte um Kraft für die Schwachen , um Führung für die Lämmer , welche von der Herde abirrten , eine Rückkehr , selbst noch in der elften Stunde , für jene , welche durch die Versuchungen der Welt und des Fleisches von dem engen aber rechten Pfade abgelockt würden . Er erbat , er erflehte , er forderte die Gabe eines Feuerbrandes , eines Donnerkeils , um ihn in die Herzen der Hörer zu schleudern . Der Ernst ist stets tief feierlich : als ich im Anfang auf das Gebet lauschte , erfüllte mich der seine mit Verwunderung ; dann , als er fortfuhr und sich steigerte , rührte er mich , und zuletzt erfüllte er mich mit Furcht . Er empfand die Größe und den Wert seines Vorhabens so aufrichtig ; jeder , der sein Flehen mit anhörte , konnte nicht umhin , mit ihm zu fühlen . Als das Gebet zu Ende war , nahmen wir Abschied von ihm , er beabsichtigte sehr früh am nächsten Morgen abzureisen . Nachdem Diana und Mary ihn geküßt hatten , verließen sie das Zimmer ; damit befolgten sie , wie ich glaube , einen Wink , welchen er ihnen im Flüsterton gegeben hatte . Dann reichte auch ich ihm die Hand und wünschte ihm glückliche Reise . » Ich danke dir , Jane , wie ich schon sagte , werde ich in vierzehn Tagen von Cambridge zurückkehren ; dieser Zeitraum ist dir also noch zur Überlegung gegönnt . Wenn ich dem gewöhnlichen , menschlichen Stolz Gehör schenkte , so würde ich dir nicht mehr von einer Verbindung mit mir reden ; aber ich gehorche meiner Pflicht und behalte mein erstes , mein vornehmstes Ziel unentwegt im Auge : alle Dinge zur Ehre Gottes zu thun . Mein Herr hat lange und schwer gelitten ; das werde auch ich thun . Ich kann dich nicht im Zorn der ewigen Verdammnis überlassen . Bereue – entschließe dich , so lange noch Zeit ist . Vergiß nicht – wir sollen arbeiten solange es Tag ist – Wir wissen , daß die Nacht kommen wird , in welcher kein Mensch arbeiten soll . Denk an das Schicksal des reichen Mannes im Evangelium , welcher die Güter dieses Lebens besaß , Gott gebe dir Kraft , jenes bessere Teil zu erwählen , das dir nicht geraubt werden kann ! « Als er diese letzten Worte sprach , legte er die Hand auf meinen Kopf . Er hatte ernst und milde gesprochen ; sein Blick war in der That nicht der eines Liebenden , der seine Geliebte anblickt ; aber es war der eines Hirten , der seine zerstreute Herde zusammenruft , oder besser der eines Schutzengels , welcher über der Seele wacht , für welche er verantwortlich ist . Alle Männer von Begabung , ob sie Gefühlsmenschen sind oder nicht , ob sie Zeloten oder Streber oder Despoten sind – vorausgesetzt , daß sie es ehrlich meinen – haben ihre erhabenen Augenblicke : wenn sie besiegen und herrschen . Ich fühlte Verehrung für St. John – eine Verehrung , die so stark war , daß ihre Triebkraft mich plötzlich auf jenen Punkt brachte , den ich solange geflohen hatte . Die Versuchung überkam mich , den Kampf mit ihm aufzugeben – auf dem Strom seines Willens dahinzutreiben hinein in den Golf seines Daseins und dort mein eigenes aufzugeben . Ich war jetzt von ihm fast ebensosehr in die Enge getrieben , wie einst von einem anderen . In beiden Fällen war ich eine Thörin . Wenn ich damals nachgegeben hätte , so wäre es ein Vergehen gegen die Moral gewesen ; wenn ich jetzt nachgeben würde , so wäre es ein Vergehen gegen die gesunde Vernunft . So denke ich noch in dieser Stunde , selbst wenn ich durch das Medium der Zeit auf jene Krisis zurückblicke . In jenem Augenblicke war ich mir meiner Thorheit nicht bewußt . Bewegungslos stand ich da unter der Berührung meines Hierophanten . All meine Weigerungen waren vergessen – meine Furcht besiegt – mein Ringen gelähmt . Das Unmögliche – meine Verbindung mit St. John – ward schnell zur Möglichkeit . Mit einem Schlage veränderte sich alles . Die Religion rief – Engel winkten – Gott befahl – das Leben schrumpfte zusammen wie eine Schnecke – die Thore des Todes öffneten sich und zeigten mir die Ewigkeit , welche jenseits lag ; mir war , als könne ich für die Sicherheit und Glückseligkeit im Jenseits in einer Sekunde alles opfern , was hienieden lag . Das dunkle Zimmer war voll Visionen . » Könntest du dich jetzt entschließen ? « fragte der Missionär , Er stellte die Frage in sanftem Ton , und ebenso sanft zog er mich an sich . O , jene Milde ! Wieviel mächtiger ist sie doch als Gewalt ! St. Johns Zorn vermochte ich zu widerstehen ; seiner Güte gegenüber wurde ich schwach wie ein Rohr . Und doch wußte ich bestimmt , daß er mich , wenn ich jetzt auch nachgab , eines Tages für meinen früheren Widerstand würde büßen lassen . Durch eine Stunde des inbrünstigen , heiligen Gebets war seine ganze Natur noch nicht verändert ; sie war nur erhabener geworden . » Ich könnte mich entschließen , « antwortete ich , » wenn ich nur gewiß wäre , wenn ich nur die feste Überzeugung hätte , es sei Gottes Wille , daß ich Sie heiraten soll ! Dann würde ich hier und jetzt schwören – möge später kommen was da wolle ! « » Mein Gebet ist erhört ! « rief St. John aus . Er preßte seine Hand fester auf meinen Kopf , als nähme er Besitz von mir . Er legte seinen Arm um mich , beinahe als wenn er mich liebte ( ich sage beinahe , – ich kannte den Unterschied ja – denn ich hatte empfunden , was es heißt , geliebt zu sein ; aber gleich ihm hatte ich die Liebe jetzt beiseite gelassen und nur an die Pflicht gedacht ) ; ich kämpfte noch mit meiner unklaren inneren Sehkraft , welche durch Nebel und Wolken getrübt war . Heiß und innig und tief sehnte ich mich danach , das zu thun , was recht war – und sonst nichts . » Zeige mir , o , zeige mir den rechten Pfad , gütiger Himmel ! « flehte ich . Ich war erregt , wie ich es noch niemals gewesen . Und ob das , was folgte , die Wirkung meiner Aufregung war , mag der Himmel selbst beurteilen . Das ganze Haus lag in tiefer Ruhe ; denn ich glaube , daß außer St. John und mir alle sich bereits zur Ruhe begeben hatten . Die einzige Kerze war dem Verlöschen nahe . Das Mondlicht fiel hell ins Zimmer , Mein Herz schlug laut und heftig , ich hörte jeden Pulsschlag . Plötzlich stand es still unter einer unbeschreiblichen Empfindung , die es durchzitterte und mich an Kopf und Händen und Füßen lähmte . Die Empfindung war nicht wie ein elektrischer Schlag , aber ebenso scharf und seltsam und beängstigend ; sie wirkte auf meine Sinne , als sei ihre äußerste Thätigleit und Rastlosigkeit bis jetzt nur eine Art Erstarrung gewesen , aus welcher sie nun aufgerüttelt und geweckt wurden . Sie harrten voll Erwartung , Auge und Ohr waren gespannt , wahrend jeder Nerv in mir erzitterte . » Was hast du gehört ? Was siehst du ? « fragte St. John . Ich sah nichts . Aber ich hörte irgendwo eine Stimme , die rief : » Jane ! Jane ! Jane ! « Sonst nichts . » O Gott , was ist das ? « stieß ich hervor . Ich könnte ebensogut ausgerufen haben : » Wo ist es ? « denn es schien nicht im Zimmer zu sein – nicht im Hause – nicht im Garten . Es kam nicht aus der Luft – nicht aus dem Erdboden – nicht von oben . Ich hatte es nur vernommen – wie oder wo , wäre unmöglich zu sagen ! Und es war die Stimme eines menschlichen Wesens – eine bekannte , geliebte , nie vergessene Stimme – die Stimme Edward Fairfax Rochesters ; und sie schrie stehend und jammernd , in wildem Schmerz . » Ich komme ! « rief ich . » Warte auf mich ! O ! ich will kommen ! « Ich flog an die Thür und sah in den Korridor hinaus , er war dunkel . Ich lief in den Galten ; er war leer . » Wo bist du ? « rief ich aus . Die Hügel hinter der Schlucht sandten die Antwort gedämpft zurück : » Wo bist du ? « Ich lauschte . Der Wind seufzte leise in den Föhren , Nichts als einsames , ödes Moorland und mitternächtliche Stille . » Fort mit dir , Aberglaube ! « befahl ich , als sich dies düstere Gespenst unheimlich neben dem schwarzen Eibenbaum an der Pforte erhob , » Dies ist nicht dein Trug , nicht deine Zauberei – dies ist das Werk der Natur . Sie war geweckt und that – kein Wunder – wohl aber ihr äußerstes . « Ich riß mich los von St. John , der mir gefolgt war und mich zurückhalten wollte . Jetzt war meine Zeit gekommen , Gewalt zu üben . Jetzt mußte ich meine Macht zeigen . Ich sagte ihm , er solle weder Fragen stellen noch Bemerkungen machen ; ich bat ihn , mich zu verlassen ; ich mußte und wollte allein sein . Er gehorchte sofort . Wo genug Energie vorhanden ist um zu befehlen , bleibt der Gehorsam niemals aus . Dann ging ich in mein Zimmer , schloß mich ein , fiel auf die Kniee und betete auf meine Weise – anders als auf St. Johns Weise , aber wirkungsvoll nach ihrer Art. Mir war , als dränge ich hinauf zu dem Geist der Allmacht , und meine Seele ergoß sich in Dankbarkeit zu seinen Füßen . Ich erhob mich vom Gebet – faßte einen Entschluß – und legte mich dann zur Ruhe , ohne Furcht , voll Hoffnung – mit Sehnsucht den Anbruch des Tages erwartend . Sechzehntes Kapitel . Und der Tag kam . Beim ersten Morgengrauen erhob ich mich . Ein ober zwei Stunden war ich damit beschäftigt , die Sachen , die Schiebladen und Schränke in meinem Zimmer zu ordnen , um alles so zurückzulassen , wie es für die Dauer einer kurzen Abwesenheit sein mußte . Inzwischen hörte ich St. John sein Zimmer verlassen . An meiner Thür blieb er stehen ; ich fürchtete , daß er anklopfen würde – nein ; ein Streifen Papier wurde durch die schmale Spalte unter der Thür hereingeschoben . Ich nahm ihn auf . Er enthielt folgende Worte : » Gestern abend hast du mich zu plötzlich verlassen . Wenn du nur noch ein wenig länger geblieben wärest , so hättest du deine Hand endlich auf das Kreuz des Christen , die Krone des Engels gelegt . Wenn ich heute über vierzehn Tage zurückkehre , erwarte ich deinen klaren , endgiltigen Entschluß , Inzwischen wache und bete , daß du nicht