und Urkundenfälschung . Zuchthaus ist das mindeste , was - « » So und was bekommt der Händler , der ihn dazu verleitete , auf die Unwissenheit des Andern bauend ? « » Hm , so ' was ist schwer zu beweisen . Das Jus hält sich an Thatsachen . « » Aha ! Und wenn nun der Wechsel wirklich honorirt wird und sich herausstellt , daß der rechtsunkundige Urkundenfälscher im Grunde genommen nur pro cura geschrieben , etwa wie ein Redactionssecretär oder Verlagsprokurist sich als Redacteur oder Verleger unterzeichnet , falls er in deren Auftrage schreibt ? « » Bleibt ganz egal . Ein Wechsel ist kein Brief . Bekommt der Staatsanwalt das Dokument zu Händen , so geht die Klage von Rechtswegen ihren Gang und der harmlose Jüngling wird im Zuchthaus lernen müssen , daß ein deutscher Reichsbürger die Gesetze seines Landes zu kennen habe . « Knaller stand in majestätischer Pose da das eine Bein wie ein Ballettänzer vorgestreckt , unwillkührlich die Hand in der Brusttasche ) , als wolle er gerade eine Arie singen . Leonhart lachte laut und anhaltend auf . » Dacht ich ' s doch ! Ich habe dies Beispiel , das mir gerade durch den Kopf schoß , gut gewählt . Ich sag ' s ja : Was ist Wahrheit , fragt die Welt mit Pontius Pilatus . Buchstaben und Geist befehden sich in uraltem Kampf . Sie haben mich gar nicht verstanden , wie ' s scheint , wir wollen uns also nicht ereifern über ein Phantom . Der juristische Größenwahn , der für alle Fälle eine Formel im Futteral trägt und sich im Besitz der höchsten Weisheit wähnt , gleicht dem theologischen Größenwahn an Dummheit und dem Mediciner-Größenwahn an eingebildeter Selbstsucht - er disputirt über den schönen Fall und doktert das kostbare Leben darüber zu Tode . « » Erlauben Sie , mein Herr .. « » Jawohl , stellen Sie den Antrag auf Beleidigung der juristischen Fakultät ! Ich selbst pfeife auf eine Rechtspflege , die z.B. noch nicht einmal die Entschädigung unschuldig Verurtheilter kennt . Recht ! Wenn Allen geschähe nach Recht , wer wäre vor Schlägen sicher ! Gott , der die Nieren prüft , urtheilt sicher gar verschieden und stellt manchen Mörder noch über seinen correcten Richter . Das Recht , das von den ewigen Sternen niederflammt - - Doch genug . Auf Wiedersehn , Herr Rechtsanwalt ! Ich appellire bis ins Aschgraue - daß Sie ' s nur wissen ! Also bitte bald den Termin zu betreiben ! « Als Isidor Knaller die Treppe hinabstieg , tippte er mit zwei Fingern gegen die Stirn , nachdem er den Kneifer abgenommen , sich die Augen gerieben und die Nase geschneuzt hatte : » Ein merkwürdiger Fall ! Muß doch mit Sanitätsrath Niemeyer reden . Hochgradiger Größenwahn auf der Basis nervöser Zerrüttung . « VI. » Ach , erzählen Sie mir doch , hochverehrter Herr Graf ! « Dondershausen stellte Krastinik auf dem Dönhofsplatz . » Wie ich höre , ist Ihr Freund , der Maler Rother , in Norwegen auf mysteriöse Weise umgekommen . Steht heute in der Zeitung . Er soll ja an Sie und den Genremaler Knorrer noch vor seinem Tod geschrieben haben . « » Ja , aus Hönevoß . Einen ganz heitern Brief . « » Ganz recht . Und ob ein Unglück oder ein Selbstmord vorliege , ist nicht ersichtlich . Er hat die Flasche mit Carbolsäure vielleicht schlaftrunken aus Versehen statt der Wasserkaraffe geleert - gräßlicher scheußlicher Tod ! Aber wie , wenn bewußte Absicht - ? « Krastinik zuckte die Achseln und sah finster vor sich nieder . » Ich weiß von nichts . « » Hm , mir schien der Mensch immer krankhaft . O unsre Zeit ! Alles Folge der schlechten Erziehung « » Und was wäre denn eine gute Erziehung ? « » Die einzig gediegene Methode der Pädagogik ist die meines Kastellans daheim auf Schloß Dondershausen ! « entschied der Oberst hochtrabend . » Dieser versammelt seine Buben jeden Sonntag Morgen , in der einen Hand eine Ruthe , in der andern eine Rhabarberflasche . Fehlt euch was ? Nein , Vater . So ? Man kann nicht wissen , wofür ' s gut ist . Da trinkt mal eins ! Sie schlucken pflichtschuldigst . Zeigt mal eure Schulbücher ! Nun findet er entweder Fehler und haut sie oder findet keine und haut dann der Aufmunterung wegen . So docirt er jeden Sonntag die Bitterkeit des Daseins mit Rhabarber und Haue ! - Jaja , heut giebt ' s zu wenig Hiebe , daher schmeckt den Muttersöhnchen auch Mandelmilch wie Rhabarber . « Krastinik biß die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf . » Wie gesagt , Rothers Brief an mich ließ keinerlei Mißstimmung spüren . Ich schrieb an seinen Intimus Knorrer ( ich kenne ihn ja nur kurze Zeit ) , ob der vielleicht wisse - erhielt aber eine flüchtige kühle Antwort . Es machte auf mich den Eindruck , als ob Dem das Unglück nicht sehr nahe gegangen sei . Mein Gott , der Mann soll so viel mit seinen eignen Liebesgeschichten zu thun haben ! « Man wähnt , daß die leichtsinnigen Tom Jones immer die Gutmüthigkeit gepachtet hätten - mit Unrecht . Joviale Genüßlinge , denen ihr Vergnügen über alles geht , sind innerlich kalt . Krastinik mochte wohl richtig gerathen haben . » Jaja , « Dondershausen gähnte , » unsre jungen Leute haben keine Lebenskraft . Glauben Sie mir , mein theurer Graf , Ihr Freund Leonhart nimmt auch noch ein übles Ende . « . » Meinen Sie ? « » Ach ja , der Umgang mit ihm schadet Ihnen , glauben Sie mir « . Er vergaß im Augenblick , daß er gerade eine Stunde vorher an Leonhart das briefliche Ansuchen gestellt , doch ja in die Presse zu bringen , daß unser verdienter patriotischer Dichter Gebhart Lebrecht v. Dondershausen wieder mal einen Orden mit Schwertern und Eichenlaub durch erhabene fürstliche Huld empfangen habe . » Nun , was machen die Proben zu Ihrem Drama , Theuerster ? « » Es geht flott , « erwiderte Jener kurzab und empfahl sich nach flüchtigem Gruße . - Auf ihn hatte die seltsame Todesnachricht aus Norwegen doch einen tiefen Eindruck gemacht . Sollte der Unglückliche wirklich seiner wahnsinnigen allverschlingenden Leidenschaft zum Opfer gefallen sein ? Und sollte irgendwie die bewußte Geschichte damit zu thun haben ? Aber in Norwegen - kaum denkbar . Nun , was kümmerte Das ihn ! Auch aus England war betrübende Kunde zu ihm gelangt . Dorrington ' s Gesundheitszustand schien wenig erfreulich . Ob er seinen jungen Freund wohl noch wiedersehn werde ? fragte er in seinem letzten Schreiben . Da er bei Siechen vorüberkam , trat Krastinik ein , um in aller Eile einen Schoppen zu leeren . Zu seiner Verwunderung traf er Leonhart , der soeben die » Kreuz und Schwertzeitung « las . » Lesen Sie ! « Damit reichte er dem Freunde das Junkerblatt , welches bekanntlich im Verleumden erbliche Traditionen pflegt . » Es ist ein Unglück für ein jugendliches Talent , ohne den Ernst des Lebens und Strebens kennen gelernt zu haben , mit berufslosem Behagen sich dem sogenannten Dichter-Beruf zu widmen . Die schauernde Bewunderung aller mit-jugendlichen Zeitgenossen begleitet ihn und einige Jahre lang wird das Publikum fragen : Was , noch so jung und schon solch ein Hause von Büchern ! Noch länger wird es heißen : Für sein Alter sehr hübsch , bis man allmählich anfängt nachzurechnen , wie alt das junge Talent jetzt ist . Es überschleicht jeden Vernünftigen eine Wehmuth angesichts des Lebensganges solcher Wunderkinder . Wer sieht es später der armen leeren Hülse dort im Staube an , daß sie einst ihre Karrière als Rackete begann ? Solche Empfindungen beschleichen uns angesichts des neuen Romans von F. Leonhart . Ganz so schlimm ist es zum Glück mit unserm jungen Autor nicht . Die erste Jugend hat er hinter sich , aber es droht ihm auch eine große Gefahr . In seiner überreizten Fruchtbarkeit liegt ein Mangel an echter Produktivität . Friedrich Leonhart hat ganz entschiedenes Talent , doch seiner frühreifen Leistungsfähigkeit sind zwei Eigenschaften beigesellt , welche die Entwickelungskraft im Keime zerstören . Jeder Dichter sollte sich Schleiermachers schönes stolzes Wort zu eigen machen : Ich gelobe mir ewige Jugend . Unvereinbar mit der Jugend des Herzens sind aber : Unbescheidenheit und Blasirtheit ! Sehr oft findet sich Größenwahn mit einer liebenswürdigen und rührenden Kindlichkeit verbunden . Wo aber die Augen so scharf für menschliche Schwäche und Gemeinheit sind , wo die Verachtung der andern so erfahrungsmäßig und treffend begründet wird , da fehlt doch die Hauptbedingung der Jugend : Der Glaube an Ideale . Mit der Begeisterungsfähigkeit schwindet die gesunde lebenerweckende Kraft und der Jüngling wird zum Greise , ohne Mann gewesen zu sein . Das Maß ist voll , übervoll seiner maßlosen Selbstüberhebung . Schade um das schöne Leben ! Was sind das für Züge seniler Blasirtheit und Frivolität ! Möchte der junge Dichter doch unsere Wünsche berücksichtigen , die aus einem ernsten Wohlwollen entspringen : Hüte er sich vor seinen Freunden und lerne er von seinen Gegnern ! A.v.F. « Leonhart wand sich in Lachkrämpfen . Seht ihr es nicht , das hirnverbrannte Weib ? citirte er aus Kleist . » A.v.F. ! Aurelie v. Fellmarch ! Hüte er sich vor seinen Freunden - diese Mahnung aus diesem Munde ! Pfui Deibel ! « Er spie aus . » Sollte man nicht eine solche Frechheit sofort festnageln ? « rief Krastinik zornglühend . » Ich an Ihrer Stelle - « » Pah , pah , ruhig und fein still darüber ! Gleich kommen Holbach , Luckner und sogar der großmächtige Wurmb , die mich mal wiedersehn möchten . Wahrscheinlich wollen sie mich wegen irgendwas aushorchen . « » Da geh ich um so schneller . Hab ' ohnehin keine Zeit . Muß ins Deutsche Theater , um mit Friedmann und Förster zu reden - die Herrn machten heute in der Probe einen Fehler in ihren Rollen . Auch mit Fräulein Sorma klappt es nicht recht . « » Na , die ist wohl verdammt liebenswürdig gegen Sie , he ? « » Na i glaub ' s halt ! Ein Graf ! So ' was sieht man nicht alle Tag ' ! « Krastinik lachte bitter . » Also adieu , mein Engel . Hahaha , ich bin doch herzlich gespannt auf den Skandal , wenn nun nachher - - « » Sst , die Wände haben Ohren . « - - Leonhart starrte finster in sein Glas . Heute Nachmittag war er mit jenem Mädchen , das er halb gezwungen verführt , im Thiergarten umhergebummelt . Sie schrieb ihm jeden Tag Briefe , die ihn in Verzweiflung setzten , und so hatte er denn heute zwangsweise zu einem Stelldichein sich eingefunden . Da , als sie in einem abgelegenen Theil des Gehölzes sich in einen Dickichtwinkel zurückzogen , hatte er bei zufälligem Hinausspähen ein Gesicht bemerkt , das hinter einem Baumstamm etwa 50 Schritt entfernt hervorlugte , offenbar mit der löblichen Absicht , eine etwaige Missethat auf dem Fleck zu ertappen . Als Leonhart ihn strategisch wegmanövrirte und seine Rückzugslinie bedrohte , verschwand der Strolch laufend in der Lichtung . - Dies komisch-unheimliche Bild verfolgte die nervöse Phantasie des Dichters . Fortwährend schien ihn aus jedem Winkel ein tückisches Auge anzublinzeln , ein frecher Mund anzugrinsen . Er schauderte - diese Hallucination des Verfolgungswahns schien ihm typisch für sein ganzes unseliges Dasein , das von tausend Tückebolden allerorts bedroht . Das Eintreffen Holbachs , Luckners , Wurmbs weckte ihn aus seinem Brüten . Mit Letzterem ward eine frostige Versöhnung gefeiert und bald befand man sich in lebhaftem Gespräch über das Ding an sich . Wie gewöhnlich stellte Holbach , weil ihm das in seinen Kram paßte , den Grundsatz auf , das eigentliche Grundmotiv aller Handlungen sei immer ein erotisches . Mit jeder neuen Geschlechtstriebbethätigung werde immer ein Brett vorm Kopfe weggenommen . Leonhart sei nicht erotisch genug ; da liege der Kernpunkt all seiner Weltschmerzelei . Dieser aber dachte so für sich hin : » der tiefbedächtige schlaue Bukingham soll nicht mehr Meister meines Rathes sein . « Er glaubte nämlich , daß Jener ihm nachspüre und darauf laure , eine schwache Seite zu entdecken . In der That fing er auch ein paar Mal einen durchdringenden Blick Holbachs , weitvorgestreckten Halses , auf , in dem ein dumpfer Haß schillerte . Als Leonhart mit seiner gewöhnlichen Bissigkeit einige anzügliche Bemerkungen über einen Händewascher Holbach ' s loßließ , rief dieser emphatisch : » Ach , der ist ja so harmlos ! « Aber er selbst sah dabei verteufelt wenig harmlos aus , in der vollen Gloriole seines Edelmuths und seiner Deklamation wider schnöde Pharisäer . » Pah , er hat so wenig Aeußeres ! « machte er , als Leonhart wie gewöhnlich die Genialität Schmollers herausstrich , da die Rede auf diesen kam . Dies empfand nun wieder Wurmb unangenehm obschon er sich ja für einen sehr schneidigen Kerl hielt , dabei aber Holbach ' s » vornehme « Erscheinung grimmig beneidete . Man dürfe doch nicht ewig , wie Holbach dies thue , die Leute nach ihrem Exterieur beurtheilen . Leonhart lachte laut auf : » Wir sind doch alle eitle Gecken . Sage Du einem Weisen , der das Ding an sich und die Phänomenologie des Weltganzen intus hat : Liebster , Sie sind häßlich wie ein Affe , so vergißt er Dir das sein Lebtag nicht . Auch wird er Dich darüber belehren , daß alle großen Männer häßlich waren , z.B. Voltaire , und daß er daher schon seiner Häßlichkeit halber ein großer Mann sei . « » Jaja , ' s ist sehr nett , die Motive der Andern zu durchschauen , wenn man sich dabei nur Selbsterkenntniß bewahrt , mein Theurer ! « meinte Holbach mit vielsagendem Blick . Er schauspielerte sich selbst wieder was vor und brauchte unablässig das Gleichniß vom » Splitter und Balken « . Er redete gut von Andern aus purer Diplomatie und flocht manche Andeutung über seine Großmuth gegen eigene Spezial-Schützlinge ein , welche er gleichsam als Ablaß für seine Sünden benutzte . Alles verstehen heiße alles verzeihen . » Ja gewiß , gleichsam platonisch ist das auch meine Ansicht , « meinte Leonhart trocken . » Das Leben aber ist stählern und verlangt eine andere Politik . Man hüte sich vor denen , die Tugend und Idealismus unnützlich im Munde führen , aber auch vor den allzu feurigen Bekennern der Nachsichtstheorie . Es ist die thörichteste und schädlichste Philantropie , die Taugenichtse und Schwächlinge zu unterstützen auf Kosten der ernsten Kämpfer , die eher sterben , als sich ergeben . « » Ja , Du hast sehr harte Ansichten , « gab Holbach achselzuckend zurück . » Ach Gott , die Welt regulirt sich ja doch danach , gerade wie das Gewissen beim Einzelnen der Regulator des Willens sein mag . Wer weint , wird von Jedermann geohrfeigt . Man sieht das bei den Kindern , diesen harmlosen Ur-Egoisten . Nur wer wiederhaut , findet Mitleid . Der Stärkere hat Recht . « » Sehr gut . « Luckner lächelte spöttisch . » Darum hauen Sie also so viel . Will hoffen , daß Sie stets der Stärkere bleiben . « Leonhart nickte beschaulich und äußerte : » Alle Angriffe gegen mich , selbst die anfangs gelungenen , - es ist , als ob eine unsichtbare Hand sie von mir zur Seite lenke und auf die Urheber zurückschlage . « Die Andern sahen sich an . » Nun , wenn das nicht completter Größenwahn ! « dachte Holbach und runzelte unwillig die Stirn . » Das ist doch seltsam , bei Gott ! « Wurmb rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her , indem er sich die Brille zurechtschob . Er schien an einem großen Wort gelassen zu würgen . » Hören Sie , « hob er plötzlich an , indem er energisch den Deckel seines Biertrugs zuklappte . » Ich bin nicht so talentvoll wie Sie - das weiß ich wohl . « Gotthold Ephraim brummelte dies mit sauer verdrießlichem Gesicht und hielt sein Zugeständniß für sehr bescheiden , obschon es in Wahrheit nur von bodenloser Unverschämtheit zeugte , da die unüberbrückbare Kluft zwischen dem Genie und seiner Winzigkeit ihm gar nicht sichtbar schien . » Ihre enorme Produktivität - in diesem Punkte kann ich mich ja nicht mit Ihnen vergleichen . Aber über den Realismus , nehmen Sie mir ' s nicht übel , denke ich reifer als Sie . « » Es war einmal ein großer Dichter , der den Realismus als Maske benutzte , « murmelte Leonhart halblaut . Hier kam die Rede auf einige Zierden des jüdischen Jungdeutschland , die mit wenig Talent und viel Behagen ihren Kohl pflanzten und mit fabelhafter Geschicklichkeit eine Leitersprosse nach der andern emporkrochen , theils als geschmeidiger Ohrwurm , theils als kecker Radau-Husar . Leonhart sprach sich sehr wohlwollend aus . Wurmb aber nannte sie » ebenso frech streberhaft wie frech eingebildet . « » Eingebildet ? Worauf denn ? « lächelte der Dichterdenker . » Ach je ! « fiel Luckner giftig ein . » Wir halten uns doch alle für den jungen Goethe . « » Das ist hier keine passende Antwort darauf , mein Lieber ! « mahnte Leonhart leise und ruhig . Es lag etwas in diesem milden Ernst , was den schnodderigen Neidtrotz entwaffnete . Er bekannte dann in längerer Rede , daß er sich in Gesellschaft talentvoller Juden viel wohler fühle , von deren Energie , gesunder Weltlust und Unabhängigkeitsgefühl sympathisch berührt , als inmitten weltschmerzwinselnder und philosophischer Germanen . Fleiß wirke auf die allgemeine Moral günstig zurück und rüstige Streber seien ihm lieber , als faule Impotente . Als er aber dann auf die deutsche Nation schimpfte , welche jedes wahren Idealismus und jedes Kunstgefühls entbehre , da erhob sich Wurmb in seiner Würde als deutscher Mann und donnerte ihn gehörig nieder . Der Dichter müsse darben und entsagen , nicht durch schnöden Botenlohn seine erhabene Bestimmung entweihen . Schiller - ja , Schiller ! Eben deswegen ! Seht ihr , sogar Schiller hat so viel gelitten . Also dann könnt ihr Kleinen doch erst recht leiden ! So saugt der Philister aus allem nur das Gift . » Jaja , Federigo , Dir fehlt eben die lieblichste Tugend : die Lebensklugheit . Du machst Dir tausend Feinde . « Holbach klopfte ihn herablassend mit seiner breiten Bärentatze auf den Rücken . Der Unkluge zuckte die Achseln : » Jeder folgt instinktiv seiner Naturanlage und so bin ich vielleicht schlauer , als ich selbst denke . Ein Andrer würde sich mit meinem Vorgehen ruiniren . Ich hingegen kann es nur so zwingen . « » Du wirst Dich noch ändern , Dir die Kanten abschleifen ! « meinte Holbach wohlwollend . Leonhart lachte auf . » Aendern ! Der Mensch ändert sich nie , die in ihm schlummernde Vererbung entwickelt sich logisch fort und die Umstände beeinträchtigen sie nicht . Bedenkt man alle Dummheiten seines Lebens , selbst die tollsten , so erkenne Jeder , daß er unter gleichen Umständen just ebenso handeln würde . Nichts lächerlicher als die Phrase : Wie der Mensch sich geändert hat ! Eil : Hitzkopf bleibt ein Hitzkopf , ein kalter Weltmensch bleibt ewig derselbe , alles Andere ist äußere verbrämende Maske . « » Jajaja , « Holbach zog mißmuthig den Mund schief . » Aber ich rathe Dir doch , endlich die Krallen einzuziehn und das Schimpfen einzustellen . « » Da hast Du allerdings Recht . Schimpfen ist nur Verschwendung . Seine wahre Verachtung kann man der Welt nur bezeugen , wenn man sie mit denselben Mitteln schlägt . « Hier unterbrach ihn großes Hallo , indem eine ganze Horde verdächtig aussehender Individuen sich in die Bierstube ergoß und die vierblättrige Tafelrunde mit einiger Zudringlichkeit begrüßte . Lauter Vertreter der öffentlichen Meinung , sogenannte Preßbengel , welche soeben die Weltdichtung » Germania , Ballet in 15 Tableaus « mit aus der Taufe gehoben hatten . Der Therpsichore-Dichter , nach glücklich überstandener Première mit dem Schweiße des Edlen und obligatem Lorbeer gekrönt , befand sich in aller Munde und in aller Mitte . Man setzte ihn an die Spitze der Tafel neben Holbach nieder und hieß die beiden berühmtesten Reklamedichter sich gegenseitig die Hände schütteln . Da die Stunde schon vorgerückt , warf man des Tages Sorgen völlig ab und widmete sich , jedes litterarische Gespräch als Fach-Simpelei verpönend , nunmehr völlig dem innigsten Klatsch . Alle fingen vice versa an , sich zu entschuldigen wegen allerlei kleinen Schmutzereien , nach dem Grundsatz : Qui s ' excuse , s ' accuse . Wer , ohne daß man ihn darum fragt , plötzlich sich zu vertheidigen anfängt , wird sicher von einem Gewissensbiß gequält . Der Eine , ein vereidigter Syndikus aller Preßaffairen , erzählte allerlei Prozeßchikanen ohne Pointe . Ein Andrer , ein wichtigthuender Affe , stocherte mit seinen ungewaschenen Fingern in den Affairen anständiger Leute herum und fabelte schwungvoll . Dann lobte man sich gegenseitig unverschämt ins Gesicht . Leonhart lächelte verschmitzt . Der Eine von den Herren , ein hochgemuther Vorfechter der Schriftstellerrechte , hatte einem armen Blaustrumpf in aller Stille ihre Sparpfennige durch Eheversprechen abgeschwindelt . Der Andre , ein fetter Lustspielfabrikant , hatte eine Kellnerin geheirathet , um 4000 Mark zurückzubekommen , die sie ihm nach und nach abgeknapst und dann auf Zinsen gelegt hatte . Die Gerissensten fallen immer mit solchen Weibern am leichtesten herein . Ein andrer wohlklingender Autor aus Oesterreich , Namens » Edler von Ferchwan « , hatte die Tochter einer Souffleuse geheirathet , um sich durchzumästen , da er als Mitglied eines sogenannten » Schmieren « -Theaters verhungerte . Die arme junge Frau war aber sehr schwächlich . Es wurde also contraktlich festgesetzt , wie oft er seine Eherechte üben dürfe , wofür er dann Wohnung und Atzung frei erhielt : im Uebrigen führte Schwiegermutter die Kasse . - Es ist doch immer hübsch , wenn man solche Personalia aus der Vergangenheit eines Mannes zu klatschen weiß , der jetzt als erfolgreicher Possendichter im Golde watet . Ja , der hatte kein Pech an den Fingern ! Leonhart hörte schweigend zu und machte seine physiognomischen Studien . Jedem stand als Lebensdevise aufgebrannt : Die Zunge zum Lecken ' raus nach oben und den Stiefelabsatz drauf nach unten ; so , mein Sohn , wird Dir ' s wohlgehn und wirst Du lange leben auf Erden . Zur Feder griffen diese Leute , wie ein Schuster zum Pfriemen . Sie kannten keine andern Dichterschmerzen als die ums » tägliche Brot « . Die Kunst vom Standpunkt der Wohnungsmiethe aus ! Was kann man auch von einer solchen Geschäftslitteratur anders erwarten ! Unter all den Klatschweibern und Spekulanten des » Marktes « , für welche die Litteratur nur die melkende Kuh bedeutet , fühlte sich Leonhart manchmal wie ein Mensch unter Larven und Mollusken , wie ein Fremdling aus andern Welten . Er dachte , was wohl wirkliche Künstler fühlen möchten , wenn sie diese Geldschmerzen der Ritter vom Geiste mit den ihren vergleichen . Z.B. der Bildhauer , der das Modell einer großen Gruppe zerschlagen muß , falls es unbestellt bleibt - weil in seinem Atelier kein Raum mehr dafür bleibt und der Thon zerbröckelt . Welches Gefühl , wenn er auf eigene Faust das Kind seines Geistes und seiner Arbeit , großgesäugt in kummervollen Tagen und Nächten , zerschlagen muß ! Und der Dichter , der seine Manuskripte verbrennt , weil er keinen Verleger für so Hohes findet ! Ach , wie gerne hätte er wie Karl Moor fürchterlich Musterung gehalten unter dieser Bande , auf daß da Heulen und Zähneklappern sei in Juda und Israel ! Doch warum , wozu ? Diese Sorte wird ja doch ewig die Litteratur als ein Leihamt oder ein Hospital betrachten , jeder tief davon durchdrungen , daß er leben und gedeihen müsse , natürlich auf Kosten der Fleißigen und Talentvollen . » Ich sehe nicht die Nothwendigkeit ein , « dachte Leonhart , wenn er den bekannten Appell an das gute Herz des » Collegen « über sich ergehen ließ . Der Gedanke , daß das Gedeihen eines Genies für die Welt hundertmal wichtiger , als das von zehntausend Dutzendschmierern , konnte diesen Durchschnittsgehirnen ja ohnehin nie dämmern . Und daß es nur eine Todsünde der Inhumanität gebe , nämlich Niederduckung des Bedeutenden und Aufblähung des Mittelmäßigen , schien ihnen noch schleierhafter . Die allgemeine Verdummung und seichte Verkommenheit machte nicht nur das Aufkommen , sondern sogar das bloße ahnende Erkennen eines großen Dichters unmöglich . Hier gab es lauter große Dichter ! Jeder grüne Junge , der mal ein Buch verbrochen , sandte es : » Seinem Genossen Leonhart in collegialischer Kameradschaft . « Jeder , der etwas leidlich Tüchtiges leistete und das Wohlwollen des großen Dichters ausnutzte , fühlte sich in Vorreden eins mit ihm oder zählte ihn mit zehn andern bunt zusammengewürfelten » Namen « in einem Athem als gleichberechtigten » Mitstreiter « auf . Hält doch das Hündchen sich stets selbst für den Löwen , wenn der gutmüthige Leu mit ihm spazieren geht ! War doch das litterarische Leben zu allen Zeiten eine Verschwörung der Talentlosen gegen die Talente , der Talente gegen die Genies ! Schwer fällt es der Mitwelt , mit sehenden Augen zu sehen . Und die sittlichen Begriffe stumpften sich so ab , daß man die Unsterblichkeits-Assekuranzen als den Normalzustand hinnimmt . Auch unterscheidet sich ja die Presse erheblich von der Straßen-Prostitution : Letztere ist für Geld feil , erstere aus - Passion . So wurde denn die Muse zur Milchmagd , zur schwatzhaften Gevatterin , zum kichernden Backfisch , zur faselndeln Großmutter . Die bramarbasirenden » Idealisten « und die angeblichen » Realisten « ersticken mit ihrem Tamtam die Stimme der Dichterdenker mehr und mehr . Sahnenpoesey , aufgewärmter Mumienkohl , Schweinekarbonaden mit sentimentaler Zwiebel und Berliner Paprika genügt - gegen solche Tafelgenüsse vermögen Nektar und Ambrosia nicht aufzukommen . Ueberall Verwirrung der Begriffe . Die Sonnen sind erloschen , kein Mond zieht feierlich am Himmel herauf . Rings lastet tiefe Nacht , nur durchleuchtet von zuckenden Blitzen . - - Leonhart fuhr aus seinem Vor-sich-hin-brüten auf ; er hatte stier in sein Glas geblickt , während der Wortschwall schleusenlos um ihn her brauste . » Sie wollen schon gehn , Herr Kollege ? « Als Leonhart gegangen , wurde über ihn das Verdikt gefällt , er sei eine nervös überreizte Natur , aber ein sehr anständiger Mensch . Nur leide er an allzu tollem Größenwahn . Doch bemerkte ein Wohlwollender : » Wer litte heut nicht daran ! « und man ging zur Tagesordnung über . Daß ein gewisser Unterschied zwischen dem » Größenwahn « verkannter Größe und der hohlen Selbstaufblasung hohler Nichtse bestehe , diese Idee schien Keinem beizufallen . Denn kein Wörtchen wird ja heut lieber mißbraucht , als das ominöse » Größenwahn « . Zerlegt man das Wort in seine Bestandtheile , um sich über den Begriff klar zu werden , so ergiebt sich » Wahn « einer » Größe « , die nicht existrt . Wo also wirkliche Größe hervorleuchtet , bleibt der Wahn ausgeschlossen . Heut aber in unsrer nivellierenden Trivialität würden wir Christus ebensogut wie Shakespeare und Michel Angelo des Größenwahns bezüchtigen . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Das Genie hat nie etwas davon gewußt , daß das » Genie immer bescheiden « sei . Diese bequeme Doktrin hat sich das Philisterium erfunden , um sich der Heroenverehrung entschlagen zu dürfen . Denn dieser Einbildung liegt nur das Prinzip zu Grunde , daß Rentier Schulze ein ebenso wichtiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft sei , wie das unbequeme und nirgends nach Schablone einzuschachtelnde Genie . Wäre freilich das Genie » bescheiden « , so würde Schulze es völlig übersehen ; sobald es aber hochmüthig auftritt , ruft man ihm zu : » Sie sind kein Genie , weil Sie nicht bescheiden sind - so bescheiden , wie Bonaparte , Byron , Goethe , Schiller , Jean Paul , Kleist , Racine , Victor Hugo , Richard Wagner und all die anderen bescheidenen Größen . « Ein meisterhaftes Manöver , das nach beiden Seiten hin deckt . - So kraß und nackt ausgedrückt , scheint vielleicht Karikatur , was doch nur buchstäbliche Wahrheit ist . Es wirkt unbeschreiblich komisch , die sittliche Entrüstung und Abneigung zu verfolgen , mit welcher Jedermanns Eitelkeit kollert , sobald Jemand sich für etwas Besonderes hält . Die Ochsen , die ein rother Lappen blendet , stoßen mit heißhungrigem Grimm ins Blaue . Von einem gewissen Shakespeare hieß es grollend , er halte sich für den einzigen » Shakescene « ( » Bühnenerschütterer « ) ; er sei ein strebernder Hausdampf in allen Gassen ( » Johannes Faktotum « ) ; ein Eklektiker , der jeden Stil nachahme , sogar ein Plagiator . Wenn man ihn mit Meister Ben Jonson vergleiche , da sehe man , wie dilettantisch und verfehlt seine Versuche seien , so größenwahnsinnig er auch sein Froschtalent aufblase . Also quakten aus ihrem Sumpfe die Greenes , Kyds , Dekkers , Haywoods und all die andern Gebrüder . Shakespeare aber , so bescheiden wie das Genie nun einmal ist , schrieb in sein Sonett-Tagebuch : » Nicht Marmor noch der Könige vergüldete Denkmäler werden überleben mein machtvolles Lied , das da währen wird bis zum jüngsten Gericht , bewundert von noch ungeborenen Geschlechtern . « Wie kann man gegen das Selbstgefühl des Verdienstes etwas einwenden , wenn man die Großmannssucht all der hohler Impotenzen damit