solle froh sein , wenn er dank derselben so viele Fahnen liefern könne ; genug , ich fühlte mich hier ganz auf einem sichern Grunde und schüchterte das Männchen dermaßen ein , daß es sich schleunig zufriedengab und mich aufforderte , nur so fortzufahren , die Sache sei bestens im Gange . Er hatte auch einen gewaltigen Zulauf und versorgte einen guten Teil der Stadt mit seinen Huldigungspanieren . Ich aber drehte unverdrossen den Stab und durchwanderte mit meinen Gedanken auf der unablässig sich abwickelnden blauen Linie eine Welt der Erinnerung und der Ausschau in die Zukunft . Ich hatte nicht im Sinne , zugrunde zu gehen , und konnte doch nicht den Ausgang sehen , der ja unzweifelhaft vorhanden war , da der Glaube an eine göttliche Weltordnung mir nach wie vor im Blute wohnte , wenn ich mich auch in acht nahm , abermals die Angel nach einem kleinen Gebetswunder auszuwerfen . Zuletzt begnügte ich mich mit dem Bewußtsein der unmittelbaren Sicherheit , daß ich für diesen und eine Reihe von Tagen ja zu leben habe . Ein ledernes Geldbeutelchen , das ich mir nach Art der Fuhr- und Schiffleute angeschafft , hervorziehend , überzeugte ich mich , wie der bescheidene Schatz von Silberstücken , der wohlverschnürt darin ruhte , sich zusehends vermehrte . Bis jetzt hatte ich das Geld immer offen in der Westentasche getragen ; als ein angehender Geldhamster nahm ich mir nun vor , nie mehr ohne Beutel zu wirtschaften , und setzte eifrig meine ruhmlose und zufriedene Arbeit fort . Am Abend suchte ich dann irgendein entlegenes Gasthaus , setzte mich unter unbekanntes Volk und verzehrte ein spärliches Nachtmahl , welches ich , in meinem Beutel herumklaubend , bedächtig und vorsichtig bezahlte als einer , der weiß , woher es kommt . Endlich war indessen der Einzugstag herangerückt . Noch in der letzten Stunde kamen einzelne ärmere oder knauserige Leute , ein Fähnchen oder zwei nach reiflichem Entschlusse zu holen , und feilschten um den Preis ; dann wurde der Laden still und leer , der Alte zählte seine Einnahme , und vollauf damit beschäftigt , forderte er mich auf hinauszugehen , den festlichen Einzug der künftigen Herrscherin mit anzuschauen und mir gütlich zu tun . » Sie machen sich wohl nichts daraus , wie ? « fügte er hinzu , als er sah , daß ich keine besondere Lust bezeigte ; » sehen Sie , so wird man gesetzt und klug ! Schon weiser geworden in der kurzen Zeit , bei der alten Feueresse ! So muß es kommen ! Aber geht dennoch ein bißchen hinaus , Lieber , und wäre es nur , um die schöne Luft und die Sonne zu genießen ! « Das fand ich billig und ratsam ; ich durchstrich die Stadt , die sich mit einem Schlage ganz in Farben , Gold und grünes Laub gehüllt hatte , daß es von allen Enden flatterte und schimmerte . Durch die Straßen wogte eine ungezählte Menschenmenge , glänzende Reiterzüge , Fußvolk , Zünfte , Korporationen und Brüderschaften mit allen möglichen seltsamen Fahnen bewegten sich dem Tore zu , und außerhalb desselben , das ich mit durchschritt , ergoß sich dieses Freudenheer nach dem Weichbilde hin auf das freie Feld , in eine Volksmenge hinein , die es schon besetzt hielt , da Bauerschaften , ländliche Schulen , Schützen aus weitem Umkreise herangezogen waren . Dazwischen drängte sich ebenso zahlreich das zuschauende Publikum , mit welchem ich mich schieben ließ . Plötzlich ertönte Geschützdonner , Glockengeläute über der weitgedehnten Stadt ; Musikchöre , Trommelschlag und der betäubende Zuruf des Volkes verkündeten , daß die erwartete Fürstin herannahe . Ich sah im Glanze der Nachmittagssonne die Schwerter der voranrasselnden Reiter blinken und darauf in einem Blumenwagen das junge Frauenwesen vorüberschweben über den Köpfen der wogenden Menge , wie in einem Schiffe , das über ein rauschendes Meer gleitet , da ich weder Pferde noch Räder sehen konnte . Erst erfreute mich das ungeheuere Geräusch , dann aber belästigte es mich als etwas Fremdes und erweckte meine republikanische Eifersucht gegen die Macht eines monarchischen Lebens , mit dem ich nichts zu schaffen hatte , an welchem ich nichts mehren und nichts mindern konnte . Freilich hast du geschafft und gemehrt ! rief in mir die Stimme des politischen Gewissens , du hast seit Wochen davon gelebt und trägst sogar den Sündenlohn noch in der Tasche ! So hab ich wenigstens nicht auf diese Untertanen geschossen , erwiderte die Selbstbeschönigung , wie so oft die Schweizergarden im Fürstendienste getan haben ; und in diesem Augenblicke stehen noch vollzählige Regimenter am Fuße von Thronen , die schlechter sind , als der hier gefeiert wird ! Die Vorstellung der Schweizerregimenter in fremden Diensten brachte wieder eine andere Phantasie hervor ; ich sah im Geiste die mehreren Tausende der von mir gesprenkelten Fahnenstecken gleich einem unabsehbaren Zaune aufgestellt und mich als den Feldhauptmann der hölzernen Armee mitten vor derselben stehend , den ledernen Geldbeutel in der Hand . Der Vergleich dieses Ehrenpostens mit demjenigen eines weiland schweizerischen Marschalls im französischen oder hispanischen Heere schien zu meinen Gunsten auszufallen , da wenigstens kein Tropfen Blut daran klebte . Mein Bewußtsein erheiterte sich wieder , sprach sich frei , und ich marschierte an der Spitze des Gewalthaufens meiner unsichtbaren Stangengeister durch die langsam zurückflutenden Massen nach der Stadt zurück . Gemächlich wandelte ich nun durch die geschmückten Straßen und besah mir alle Zierwerke und Veranstaltungen genauer ; dann ging ich mit dem sinkenden Abend wieder hinaus , wo alle Trinkstätten und Tanzgärten angefüllt waren . Ich hielt mich aber nirgends auf , bis ich mit aufgehendem Monde zu einer mit hundertjährigen Silberpappeln bewachsenen Flußinsel kam , in deren Mitte ein volkstümliches Zech- und Tanzgebäude hell erleuchtet war und von Geigen , Pauken und Trompeten tönte . Da suchte ich ein einsames Plätzchen unter den Bäumen und möglichst nah am Wasser , dessen fließende Wellen im Mondlichte glänzten . Andere hatten jedoch den gleichen Geschmack , und so ging ich vergeblich an manchen Tischen vorbei ; zuletzt mußte ich mich entschließen , an einem Platz zu nehmen , an welchem schon Leute saßen , einige junge Frauenzimmer mit ihren Freunden oder Verwandten . Das Halbdunkel der hohen Bäume war durch eine bunte Papierlaterne etwas erhellt , aber nicht genug , daß das mondbeschienene Wasser um seine freundliche Wirkung gekommen wäre und das Gestirn matter durch die liste gefunkelt hätte . Als ich , leicht den Hut rückend , mich niederließ , versicherten mich zwei der Mädchen , die zunächst saßen , mit schalkhaftem Lächeln , es sei für einen guten Bekannten und Arbeitsgenossen Raum genug vorhanden , und erst jetzt erkannte ich in ihnen zwei der Fahnennäherinnen aus Schmalhöfers Laden . Sie hatten sich gar anmutig herausgeputzt , und ich war überrascht , so hübsche Geschöpfe in ihnen zu finden , die ich während der ganzen Zeit kaum angesehen und gegrüßt , wenn ich durch den Laden in das finstre Loch ging oder aus demselben kam . Die ältere von ihnen stellte mich der Gesellschaft , welche aus jungen Arbeitsleuten verschiedener Profession zu bestehen schien , als Standesgenossen vor ; denn sie hatten auch von dem Alten meinen Namen erfahren . Man hielt mich offenbar für einen wackern Tünchergesellen ; die jungen Männer boten mir treuherzig ihre Bierkrüge dar , ich tat Bescheid , versah mich selbst mit einem Kruge , und froh , nach langer Einsamkeit unter Menschen zu sein , überließ ich mich der einfachen Geselligkeit , ohne meinen etwas höhern Rang zu verraten , was mir auch übel angestanden hätte . Der kleine Kreis bestand aus drei Liebespaaren , an der Art kenntlich , wie sie sich unbefangen umfaßt hielten . Zwischen Hoffnung und Furcht schwebend , dauernd verbunden oder wieder getrennt zu werden , verloren sie keine Zeit , sich ihrer Gegenwart zu versichern . Ein viertes Mädchen schien überzählig zu sein ; denn es saß ohne Galan zunächst an meiner Seite , vielleicht wegen zu großer Jugend , da es höchstens siebzehn Jahre alt sein mochte . Ich hatte die glänzenden Augen der Kleinen im Trödlerladen schon bemerkt , weil sie immer aufgeblickt , wenn man durchging . Jetzt sah ich auch ihre außerordentlich feine Gestalt , in einen ziemlich feinen weißen Sonntagsshawl gehüllt ; auf dem Tische lag die zierlichste kleine Hand , deren zarte Fingerspitzen freilich von unzähligen Nadelstichen eine rauhere Haut bekommen hatten , und rechnete man hinzu das weiche braune Haar , das unter dem luftigen Hütchen hervorquoll , sowie das Licht des jungen Busens , wenn das helle Tuch sich einen Augenblick lüftete , so erschien hier im Schatten der Armut ein Schatz von Reizen verborgen , wie ihn mancher Reichtum vergeblich wünschte . Selbst die Blässe des Gesichtes , deren ich mich zu erinnern glaubte , diente jetzt einem Lichtspiele zur Unterlage , indem bald der rötliche Schimmer der im Luftzuge schwankenden Papierlaterne , bald der silberbläuliche Abglanz des Flusses darüberflog und zusammen mit dem Lächeln ihres Mundes , wenn sie sprach , ein geheimnisvolles Leben und Weben bildete . Zum Überflusse hieß sie noch Hulda . Ich fragte sie , ob sie wirklich so heiße oder ob sie den Namen bloß angenommen habe , wie das bei Frauenzimmern des arbeitenden und dienenden Standes , dem wir angehörten , zuweilen vorkomme ? » Nein « , erwiderte sie , » ich habe den Namen nebst vier andern von meinen Eltern bei der Taufe erhalten . Es sind arme Schustersleute gewesen , die bei meiner Taufe weder einen Schmaus auszurichten noch solche Paten herbeizuziehen vermochten , von denen irgendein Angebinde zu hoffen war . Weil sie nun dennoch einen gewissen vornehmen Tick besaßen , so statteten sie mich dafür mit fünf Namen aus . Ich habe sie aber alle abgeschafft bis auf den kürzesten ; denn da unsereins immer zu den Behörden laufen muß , um seine Beschreibung in Ordnung zu erhalten , so wurde ich von den Beamten jedesmal angefahren , ob meine Namen bald zu Ende seien oder ob sie vielleicht einen neuen Bogen anbrechen müßten , um sie alle aufzuschreiben . « » Und Sie haben doch den schönsten von den fünf Namen behalten ? « sagte ich , von dem Ernste belustigt , mit welchem sie die Geschichte erzählte . » Nein , nur den kürzesten ! Die andern waren alle länger und prachtvoller ! Aber Sie tragen ja zuviel Geld bei sich herum , das muß man nicht tun ! « Ich hatte meinen wohlgerundeten Geldbeutel auf den Tisch gestellt , um einen neuen Krug Bier zu zahlen , den man mir brachte , da ich durstig gewesen und mit dem ersten schon fertig geworden . » Das ist mein Verdienst von den Fahnenstangen « , sagte ich , » ich werd ' s schon versorgen , wenn ich ' s nicht brauche ! « » Himmel ! So viel haben Sie bei dem Alten verdient ? Und ich hab ' s kaum auf vierzehn Gulden gebracht ! « » Ich hab es vom Stück , da kann man sich an den Laden legen und dem Patron die Nase lang machen ! « » Hört , Leute , der hat ' s vom Stück ! « rief sie den anderen zu , » der verdient ein Geld ! Wo stehen Sie eigentlich in Arbeit ? oder sind Sie für sich ? « » Ich bin augenblicklich ohne Meister und denke es zu bleiben , solang es geht . « » Es wird gewiß gehen , denn fleißig sind Sie ja von früh bis spät , das haben wir gesehen und oft zueinander gesagt ! Wenn er nur nicht so hochmütig wäre , meinten die anderen , aber ich hielt dafür , Sie seien eher traurig oder langweilig . Haben Sie denn schon zu Nacht gegessen ? « » Noch nicht ! Und Sie ? « » Auch noch nicht ! Wissen Sie was , da ich allein bin , so könnten wir zusammenlegen und miteinander essen , dann stellen wir auch ein Pärlein vor ! « Ich fand diesen Vorschlag sehr angenehm und klug und wurde von einem Wohlgefühl erwärmt , unversehens so gut untergebracht zu sein . Ich lud die artige Hulda daher ein , mir das Traktament zu überlassen ; allein sie tat es durchaus nicht anders als auf gemeinschaftliche Kosten , und als das bestellte Essen anlangte , holte sie ein anständig versehenes Täschchen hervor und ruhte nicht , bis ich ihren Anteil hinnahm . So spiesen wir denn vertraulich und waren guter Dinge ; nur wollte das anziehende Wesen nicht von den Kartoffeln nehmen , die ich zu den Karbonaden , die sie gewünscht , bestellt hatte . Vielmehr sagte sie , es scheine , daß ich noch nie einen Schatz besessen , ansonst mir bekannt wäre , daß Arbeitsmädel , wenn sie feiertags zum Vergnügen gehen , keine Kartoffeln essen wollen . Wie ich das wissen könne , fragte ich , und was denn das für ein Geheimnis sei ? » Weil sie die Woche hindurch sich fast nur von Kartoffeln nähren und davon genug bekommen ! « erklärte sie . Ich drückte mein Mitleid aus , ohne zu gestehen , daß ich schon schlechtere Tage gesehen ; denn das hätte mir ihre Achtung schwerlich erworben , wie ich wenigstens dachte . Inzwischen war von der übrigen Gesellschaft bald das eine , bald das andere Paar zu einem Tanze in den Saal gegangen und wieder erschienen , wodurch unser Tisch abwechselnd leer oder wieder bevölkert wurde . Unerwartet kehrten jetzt zwei Paare in höchster Aufregung zurück und setzten am Tische einen Streit fort , der im Saale ausgebrochen sein mochte . Das eine der Mädchen weinte , die andere schalt , und die dazugehörigen jungen Männer hatten zu tun , den Sturm zu besänftigen und allerlei Angriffe von sich selbst abzuhalten . » Da ist die Geschichte wieder los ! « sagte Hulda ; sich dicht an mich schmiegend , erzählte sie mir mit gedämpfter Stimme , das sei eine Liebschaft übers Kreuz . » Die eine hier hatte nämlich früher den andern zum Schatz und die andere diesen jetzigen ; dann haben sie alle vier , hast du nicht gesehen , gewechselt , und es hat diese jenen und jene diesen zum Liebsten . Aber alle Fronfasten gibt ' s ein jammervolles Gewitter , daß beinah die Welt untergeht . Ein so überzwerches vierspänniges Zeug tut halt nicht gut , es dürfen nur zwei bei einer Sach sein ! « » Aber warum gehen sie denn zusammen , anstatt sich auszuweichen ? « » Das weiß Gott warum ! Immer laufen ' s an die gleichen Orte hin und hocken beieinander , wie wenn sie behext wären ! « Ich war ebenso verwundert über das Phänomen wie Über die Reden meiner blutjungen Freundin . Der Streit , der sich um unverständliche , scheinbar nichtige Dinge drehte , wurde zuletzt so erregt , daß das dritte Liebespaar , welches im Frieden lebte , sich einmischte und mit Mühe einen Waffenstillstand zuweg brachte . Die Krüge , aus denen je zwei der Leutchen tranken , wurden neu gefüllt . Die streitbaren Mädchen schmollten jedoch nicht nur unter sich , sondern auch mit ihren Geliebten . Die Unparteiischen schritten abermals ein , und es wurde auf Huldas Vorschlag beschlossen , die zwei Paare sollten zur gewaltsamen Bezwingung aller Eifersucht und Unfriedfertigkeit einmal wieder jedes mit dem frühern Gesponsen tanzen und keines dürfe dazu scheel sehen . Das wurde denn auch ausgeführt ; die ausgetauschten Paare kamen nach einem langen Tanze zurück , jedes der Mädchen am Arme seines alten Genossen ; allein statt sich nun wieder zu trennen , nahmen beide neu ausgewechselten Parteien ihre Sachen zusammen und zogen , ohne ein Wort zu sagen , auf verschiedenen Wegen von dannen . Ganz verblüfft blickten wir Zurückbleibenden ihnen nach , bis sie verschwanden , und brachen dann in ein helles Gelächter aus . Nur Hulda schüttelte den Kopf und sagte : » Das Lumpenvolk ! « In der Tat hatten sie in dem Tanze nicht die gehoffte sittliche Ausgleichung , sondern lediglich einen neuen Anreiz ihrer Willkür gefunden und mochten sich nun beeilen , nach so langer Trennung die Lustbarkeiten einer Wiedervereinigung zu genießen . Bevor ich mich von meinem Erstaunen über die freien Sitten dieses einfachen Völkchens erholt hatte , fühlte ich die weiche Hand des jungen Mädchens auf der Schulter , das endlich auch einen Tanz zu tun begehrte . Obgleich ich nicht daran gedacht , dergleichen Belustigung zu suchen oder zu finden , mußte ich dennoch willfahren , da sie das als selbstverständlich ansah , auch Hut und Shawl schon der Freundin anvertraute , die mit ihrem Gesellen noch da war . Erst im Lichte des Tanzsaales , in der freien Bewegung sah ich vollends , wie hübsch sie war . Aber bald sah ich sie nicht mehr , sondern fühlte nur noch ihre leichte Last , weich wie eine Flaumfeder , wenn sie einem Geiste gleich dahinflog . Mußten wir aber anhalten , so sah ich bloß die wohlwollend warmen Augen und das zufriedene Lächeln ihres Mundes , während sie mir die gelockerte Halsbinde ordnete oder mich aufmerksam machte , daß am Hemde ein Knopf fehle . Ein heißes Leben schien in dem zartgegliederten Geschöpfe zu atmen und sich als hingebende Güte zu äußern für alles , was ihm nahetrat . Eine mir rätselhafte Zärtlichkeit begann das Wesen von den Augen bis in alle Fingerspitzen zu überwallen , ohne mit einer Spur von falscher Schmeichelei oder gar Gemeinheit vermischt zu sein ; vielmehr war ihr Regen und Bewegen bei alledem so in anmutige Bescheidenheit gehüllt , daß in dem Gedränge der Tanzenden keine Seele etwas davon wahrnahm . Und doch schien sie nicht der mindesten Vorsicht oder Selbstbeherrschung zu bedürfen . Als durch das Ungeschick einiger Leute der Tanz ins Stocken geriet und Hulda an mich gedrückt wurde , verspürte sie meine klopfenden Pulse , legte die Hand an meine Brust , nickte mit großer Freundlichkeit und sagte : » Lassen ' s schaun , haben ' s wirklich ein Herz ? « » Ich glaube , ja ! « antwortete ich und sah das liebreizende , ganz nahe Gesicht mit offenem Munde an . Sie nickte nochmals , und wir wollten in dem wieder gelösten Tanzwirbel dahinfahren , als Huldas Freundin uns fand , anhielt und ihr Hut und Tuch mit der Ankündigung übergab , sie wolle jetzt heimgehen , da sie in der Frühe wieder zur Arbeit müsse . » Auch ich muß um sieben Uhr dahinter sein ! « rief Hulda lachend ; » denn ich habe wegen der Fahnenschneiderei meine gewohnte Kundschaft vertröstet und soll ' s nun nachholen ! Aber ich mag doch nicht gleich jetzt nach Hause ! « » Nun , du kannst ja noch ein Weilchen bleiben « , sagte die andere , » unser guter Bekannter und Freund geleitet dich nachher schon sicher heim , nicht wahr , Sie sind so gut , Herr Stangenmacher ? « Ich versprach gern , den Dienst zu übernehmen , worauf das letzte der Liebespaare sich verabschiedete , Hulda dagegen mit mir an den verlassenen Tisch zurückkehrte . Wir saßen nun allein unter den Silberpappeln ; der Mond stand hoch am Himmel , uns daher nur noch durch den grauen Schimmer bemerkbar , der in den obersten Gewölben der Baumkronen lagerte ; unten war es ziemlich dunkel , denn auch der Fluß glänzte nicht mehr an jener Stelle , und die Laterne war erloschen . » Da wollen wir noch ein klein wenig ausruhen und dann auch gehen ! « sagte sie und lehnte sich ohne Bedenken in meinen Arm , den ich um ihre Hüften legte . Ich zog indessen den Arm zurück , um ein Glas Punsch oder heißen Wein herbeizuschaffen . Allein sie verhinderte mich und stellte selbst die alte Lage wieder her . » Nicht trinken ! « sagte sie leis , » die Lieb ist eine ernstliche Sach und will nicht betrunken sein , auch wenn sie nur Scherz ist ! « » Was wissen Sie denn schon so viel von Liebe , schönstes Kind , das ja in der Tat fast noch ein Kind ist ? « » Ich ? Gerade siebzehn Jahre bin ich ! Seit fünf Jahren steh ich ganz einzig in der Welt und habe mich jeden Tag , vom zwölften Jahr an , mit Arbeit ehrlich erhalten und viel erfahren . Darum lieb ich die Arbeit , sie ist mir Vater und Mutter ! Und nur eines gibt ' s , das ich ebenso liebhabe , nämlich die Liebe . Eher sterben als nicht lieben ! « » Ei , du süßes Zuckerbrot ! « sagte ich und suchte den rosigen Mund zu erkennen , welcher solche Worte hervorbrachte . » Bin ich ? « flüsterte Hulda ; » glaubten Sie , ich sei von dem Holz , aus welchem man Essig macht ? Schon zwei Liebhaber sind in diesem Herzen gewesen ! « » Himmel , schon zwei ! Wo sind sie hin ? « » Nun , der erste war noch zu jung und hier in der Fremde ; der mußte weiterwandern und hat mir dann geschrieben , daß er in der Heimat ein Liebchen habe , das er einst heiraten werde . Da gab ' s Tränen ; aber das konnte mir nicht helfen . Dann kam der zweite , der wollte aber nicht arbeiten , und ich mußt ihn beinah ganz erhalten ; das ging nicht auf die Dauer , auch schämt ich mich für ihn und ließ ihn laufen ! Denn wer nicht arbeitet , soll nicht nur nicht essen , sondern braucht auch nicht zu lieben ! « » Und läuft dieser hier in der Stadt herum ? « » Leider nicht , denn er ist eingesperrt , weil er etwas Schlechtes verübt hat , als ich ihm nichts mehr gab . Darüber hab ich mich so geschämt und gegrämt , daß ich ein halbes Jahr lang niemand anzusehen wagte ! « » Aber jetzt kann ' s wieder angehen ? « » Gewiß ! Wer wollte sonst leben ? « Ich wurde immer verwirrter , das jugendliche Geschöpf mit solchem Bewußtsein , solcher Bestimmtheit und Leichtfertigkeit sprechen zu hören , eine so zarte , zerbrechliche Existenz sich erklären zu hören , daß sie in Arbeit und Liebe aufgehe und sonst nichts von der Welt begehre . Und doch war es wiederum wie eine Erscheinung aus der alten Fabelwelt , die ihr eigenes Sittengesetz einer fremden Blume gleich in der Hand trug . Es wurde mir zu Mut , als ob eine wirkliche Huldin sich aus der Luft verdichtet hätte und mit warmem Blute in meinen Armen läge . Unser Reden war bereits ein leises Kosen geworden ; nach einem Weilchen flüsterte sie mir zu : » Und wie steht es denn mit Ihnen ? Sind Sie frei ? « » Leider ganz und gar seit Jahren ! « » Nun denn , so lassen Sie uns ganz still und gemächlich eine Bekanntschaft anfangen und ruhig sehen , wohin sie uns führt ! « Diese prosaisch gemeinen Gewohnheitsworte sagte sie aber mit der Stimme und dem Ausdrucke eines Mägdleins , das sein erstes Geständnis preisgibt , oder gewissermaßen mit dem Tone eines jener unsterblichen Wesen , das die Gestalt einer armen Dienstmagd angenommen hat , um in ewiger Jugend und Neuheit einen Liebeshandel zu eröffnen . Freilich lag hierin auch die Sicherheit , daß sie über meinen Verlust ebenso unbeschädigt zur Tagesordnung gehen würde wie über jeden andern . Das fühlte ich deutlich und suchte dennoch ihre kleine Hand und ihren Mund , der mir mit ambrosischer Frische entgegenkam , so rein und duftig wie eine aufgehende Rose . » Nun wollen wir gehen ! « sagte sie ; » wenn Sie so gut sein wollen , mich bis zu meiner Wohnung zu begleiten , so sehen Sie das Haus . Sonnabends kommen Sie so um die neun Uhr vor dasselbe , und wir reden alsdann ab , was wir sonntags beginnen wollen . Die Woche durch aber schaffen wir still und zufrieden drauflos ! O wie lieb ist die Arbeit , wenn man dabei an was Liebes zu denken hat und sicher ist , am Sonntag mit ihm zusammen zu sein . Und wenn wir erst so weit sind , daß wir im Stübchen bleiben und uns zusammentun , so mag es regnen und stürmen , wir sitzen ruhig und lachen den Himmel aus ! « » Aber woher weißt du denn , du gutes liebes Kind , daß alles so erwünscht ausfallen und gehen wird , was mich betrifft ? Woher kennst du mich denn ? « » Da sei ohne Sorge , ich kenne dich schon so ein wenig , und etwas wagen muß das Herz und früh auf sein , wenn es leben will ! Wenn du wüßtest , was ich schon gesehen und erfahren habe ! Und wenn es dir an Arbeit fehlen sollte , so kann ich sie dir verschaffen , ich komme weit herum und höre und sehe mehr , als mancher glaubt ! « Sie hatte sich an meinen Arm gehängt und ging fest und munter neben mir her , ein kleines Liebeslied summend und immer dasselbe wiederholend . Ich traute meinen Sinnen kaum , mitten in der Not und Bedrängnis , in die ich geraten war , auf der vermeintlich dunkelsten Tiefe des Daseins so urplötzlich vor einem Quell klarster Lebenswonne , einem reichen Schatze goldenen Reizes zu stehen , der wie unter Schutt und dürrem Moose verborgen hervorblinkte und schimmerte ! Den Teufel auch ! dachte ich , das Völklein hat ja wahre Hörselberge unter sich eingerichtet , wo der prächtigste Ritter keine Vorstellung davon hat ; wie es scheint , muß man selbst arm werden , um die Herrlichkeit zu finden ! » Was studieren Sie denn so fleißig ? « sagte Hulda , ihr Liedchen unterbrechend . » Nun , ich betrachte mir eben das schöne Glück , das ich so unverhofft gefunden habe ! Darüber darf man doch ein bißchen erstaunt sein ? « » Ei , was sind das für aufgeputzte Worte ! Wie aus einem Lesebuch ! Aber wenn ich es bedenke , so hab ich schon ein paarmal gemeint , du redest und tätest nicht wie ein richtiger Arbeitsgesell . Du hast vielleicht schon bessere Zeit gehabt und eigentlich nicht ein Handwerker werden sollen ? « » Ja , es ist so was ! Aber nun bin ich zufrieden , besonders heut ! « » Komm , komm ! « sagte sie , umhalste mich und küßte mich mit süßester Innigkeit , daß ich wie im Rausche weiter mit ihr ging ; denn unser Weg war lang . Ich hatte aber meine vorhinnigen Worte nicht gelogen , sondern setzte sie in Gedanken fort : Warum sollst du nicht untertauchen in diese glückselige Verborgenheit , allem ideal- und ruhmsüchtigen Treiben entsagend ? Warum solltest du nicht gleich morgen wieder solcher Arbeit nachgehen , wie du seit Wochen verrichtet hast , ein Arbeiter unter Arbeitern sein , deines bescheidenen Brotes jeden Tag gewiß und jeden Abend deine stille Ruhe findend an diesem zarten Busen , der einer so langen Jugend entgegenblüht ? Schlichte Arbeit , goldene Liebe bei zufriedenem Brot , was willst du mehr ! Und kann am Ende nicht noch etwas Besseres dabei herauskommen , insofern es irgend zu wünschen ist ? Als wir endlich vor der Haustüre der Hulda anlangten , war ich überzeugt , ein echtes und glückhaftes Abenteuer erlebt zu haben , und versprach , am nächsten Samstagabend unfehlbar dazusein . Andere spät Heimkehrende verhinderten eine letzte Abschiedszärtlichkeit , und sie schlüpfte nach einigen höflichen Dankesworten für die Begleitung rasch neben jenen hinein . Der Mond näherte sich seinem Untergange . Ein starker Wind bewegte die Tausende von Fahnen in den stillgewordenen Straßen , daß es überall , in der Tiefe und auf der Höhe der Häuser und Türme , wallte und flatterte , wie von Geisterhänden bewegt . Aber auch in meinem Innern , durch alle Adern wogte und rauschte erst jetzt die erwachte Leidenschaft , wild und sanft , süß und frech zugleich , die Hoffnung , ja Gewißheit , in wenigen Tagen von einem Schatze geheimer Glücksgüter Besitz zu nehmen , die ich mir vor Stunden noch nicht hätte träumen lassen . So kehrte ich in meine verödete Wohnung zurück , die ich seit der letzten Morgenfrühe nicht mehr betreten hatte . Sechstes Kapitel Heimatsträume Der Tod war in dem Hause eingekehrt , in welchem ich wohnte ; ich mußte ihm sozusagen auf der Treppe begegnet sein . Am Nachmittage war die Wirtin in die Wochen gekommen , und nun lag sie mit zerstörtem Leben in der matt erleuchteten Stube neben einem toten Kinde . Ich mußte an der offenen Türe vorübergehen ; eine Wehmutter und eine Nachbarin räumten auf und beschwichtigten die weinenden Kinder , die aus ihrer Schlafkammer hervorgebrochen waren . Auf einem Stuhle saß der kurz vor mir heimgekehrte Mann , der seit dem Mittage den Aufzügen und Lustbarkeiten nachgegangen und erst kurz vor mir angekommen , da man ihn an den gewohnten Orten nirgends hatte finden können . Er übte seinen Beruf außer dem Hause auf mir unbekannte Art , und was er verdiente , brauchte er zum größten Teil für sich allein . Die tote Frau war der Eckstein und die Erhalterin der Familie gewesen . Nun saß der Mann wortlos , ratlos und bleich mitten in dem Jammer ; denn die Röte der herumschweifenden Heiterkeit war gründlich aus seinem Gesichte gewichen , und statt den Schlaf suchen zu können , mußte er wach bleiben , ohne zu nützen oder zu helfen . Er betrachtete mit scheuem Blicke das in ein Tüchlein gewickelte undeutliche Wesen , welches in einem Getümmel von Schmerzen und Leiden vergangen war , noch eh es