da er meine Hand eben nicht fassen konnte , mir ein paar mal sanft über das Knie strich . » Nun denn , « sagte ich , » so nehmen Sie Folgendes : Ein Mann hat als neunzehnjähriger Bursch ein schönes , ungefähr eben so altes Mädchen geliebt , leidenschaftlich , wie man in den Jahren liebt , wenn noch dazu Einsamkeit und romantische Verhältnisse den Kuppler spielen . Er ist damals von dem Mädchen genasführt und schließlich in ziemlich schnöder Weise verrathen worden , und hat das Mädchen doch nicht vergessen können , und das Herz ist ihm erzittert in der Brust , so oft nur in den folgenden acht bis neun Jahren , denn so lange ist es her , ihr Bild vor seine Seele getreten ist . Da läßt ihn ein Zufall sie wiederfinden , wie er sie zu finden erwarten mußte : eine Buhlerin , die Maitresse , ich weiß nicht , wie vieler Männer . Es kann ihm nicht zweifelhaft sein , zum Ueberfluß sagt sie ihm es selbst , und während sie es ihm sagt , erzittert ihm wieder das Herz in der Brust ; es verlangt ihn im Grunde seiner Seele darnach , sich der langen Reihe seiner Vorgänger anzuschließen , und als sie ihre Arme öffnet , hat er nichts eiliger zu thun , als an die Brust zu sinken , in der kein Herz schlägt . Er fühlt deutlich , daß es nicht schlägt ; ein ganz kindisches , aber ganz wahnsinniges Mitleid ergreift ihn ; er will das erkaltete Herz wieder erwärmen , mit der Gluth seiner Küsse , mit seinem eigenen Herzblut , und das Gespenst trinkt sein Herzblut , eins , zwei , drei - ein Dutzend Nächte , und als er wieder einmal - in der ersten Morgenfrühe erwacht , ist sie verschwunden , wie Hexen verschwinden , und am nächsten Abend sieht er sie im Theater mit einem jungen , vornehmen Stutzer kokettiren , und der Stutzer fährt mit ihr nach Hause und draußen - « » Steht der arme Narr und schlägt sich mit der Faust vor die Stirn , und rauft sich das Haar ; man kennt das ! « sagte der Doctor und strich mir wieder mit der Hand über ' s Knie . » Man kennt das , « wiederholte er , immer sanfter streichelnd , » es thut weh ; aber wenn einem ein Backenzahn mit drei langen Wurzeln ausgezogen wird , das thut auch weh , und ebenso , wenn einem ein gebrochener Arm wieder eingerichtet wird . Auch glaube ich nicht , daß dem Mann gut zu Muthe war , von dem ich eben komme : Ein tüchtiger Arbeitsmann aus Ihrer Fabrik . Sie werden ihn kennen ; er heißt Jacob Krafft , er arbeitet , wenn ich nicht irre , in Ihrer Werkstatt . Nun , dem hatte seine Frau , ein liebes , gutes Weib , um das der brave Kerl manches Jahr gefreit , vor neun Tagen ein todtes Kind geboren , das ich mit der Zange holen mußte ; und jetzt liegt sie selbst todt in ihrem Bett , und vor dem Bette kniet der gute Jacob Krafft und wünscht aus Herzensgrund , daß er nie geboren wäre . Ich glaube , daß dem armen Teufel schlecht zu Muthe ist . Und der jungen Frau Müller wird auch nicht gerade besonders wohlig sein . Ihr Mann ging heute Morgen munter aus dem Hause , seine Wagen zu schieben auf dem neuen Bahnhof , und da haben sie ihm die Brust zwischen zwei Wagen zerquetscht , und heute Nacht wird er sterben . Und übrigens , lieber Freund , müssen wir Alle sterben , und nach neun Uhr ist es vorbei , wie der Theater-Director sagte , wenn die Leute im Parterre pfiffen . « » Sterben , was ist das Großes ! « erwiederte ich , » ich habe schon ein paar Mal in meinem Leben zu sterben gewünscht , und habe es für etwas Größeres erachtet , daß ich eben nicht starb , sondern dies vermaledeite Leben weiter lebte . « » Und daran haben Sie recht gethan , mein Freund , « sagte der Doctor . » Ich weiß nicht , « erwiederte ich , » ob jene Römer , von denen ich auf der Schule gehört habe , nicht edler und klüger handelten , wenn sie sich in ihr Schwert stürzten , sobald die Partie verloren war . « » Jeder nach seinem Geschmack , « sagte der Doctor . » Ein Pferd muß man todt stechen , wenn es ein Bein gebrochen hat , einem Menschen richtet man es wieder ein , oder wenn es nicht zu retten ist , schneidet man es ihm ab und schnallt ihm einen Stelzfuß an oder einen Korkfuß , und darauf humpelt er seinen Lebensweg weiter . Sie glauben nicht , lieber Freund , wie wenig zum Leben gehört , beinahe nichts , außer Kopf und Herz . Ja , kaum das ! Sie haben wohl selbst schon bemerkt , wie kopflos so Mancher durch ' s Leben taumelt , und daß man mit einem viertel oder halben Herzen leben kann , weiß ich aus eigener Erfahrung . « Der Doctor hatte das in einem so wehmüthigen Tone gesagt , so still vor sich hin , wie mit sich selbst redend . Und wie mit sich selbst redend sprach er weiter , indem er mich dabei immer sanft über das Knie strich , und über meine Fußspitze weg in die Kohlen starrte : » Ja , mit einem halben Herzen ! es lebt sich nicht sehr gut und nicht sehr leicht ; es ist einem manchmal , als müßte es einem die Brust zusammendrücken , oder als sollte man sich hinlegen , wo man sich eben befindet , und nicht wieder aufstehen . Aber man steht dann doch auf und thut , wenn nicht sich , so doch vielleicht denen einen Gefallen , die der Schuh auch möglicherweise irgend wo und wie drückt , und denen man mit seinen Erfahrungen und seiner Schusterkunst zu Hilfe kommen kann . Denn , lieber Freund , die Wenigsten sind in der Lage , sich die Schuhe ausziehen zu können , was allerdings nicht nur das beste Mittel wäre , sondern auch in der That das einzige ist , um alle Schmerzen los zu werden . Und diesen Leuten muß geholfen werden , lieber Freund , muß positiv geholfen werden ; und mein Leben ist seit vielen Jahren nur ein Grübeln und ein Sinnen , wie das anzufangen sei im größeren Maßstabe ; in einem kleinen Kreise , so weit die dürftigen privaten Mittel reichen , da weiß ich wohl , was zu thun ist , und thue ich , was ich kann . Auf Wiedersehen , lieber Georg ; ich habe noch ein paar alte Schuhe zu flicken und ein paar Hühneraugen zu beschneiden . « Doctor Snellius gab mir einen freundschaftlich sanften Schlag auf das Knie , räusperte sich , stülpte seinen abgeschabten Hut auf den kahlen Kopf , nickte mir in der Thür noch einmal zu und ließ mich allein . Ein nicht unedler Mensch ist vielleicht niemals geneigter und auch mehr im Stande , an dem Unglück Anderer Theil zu nehmen , und es zu verstehen , als wenn ihm selbst ein großes Leid widerfahren ist . So hatte der abscheuliche Verrath , welchen Konstanze - nun schon zum zweiten Male - an mir verübt , mir Herz und Augen geöffnet über das Weh , welches dem Doctor im Herzen saß . Daß der seltsame Mann Paula liebte , war mir freilich nie zweifelhaft gewesen ; aber , da er dieser seiner Liebe stets ein humoristisches Mäntelchen umzuhängen pflegte , hatte ich in meiner Einfalt nie gesehen , wie groß und schön und heilig diese Liebe war . Ich hatte es so begreiflich gefunden , daß diese Zwerggestalt mit dem unförmlichen , kahlen Kopfe und dem grotesk häßlichen Gesicht von einem schönen , schlanken Mädchen nicht geliebt werden könne , ungefähr , wie man es selbstverständlich findet , daß ein Mann , der auf Krücken geht , nicht auf dem Seile tanzen kann . Jetzt mit einem Male ward mir klar , was dieser Mann alle diese Jahre hindurch gelitten haben mußte , er , der nicht ohne Grund und gewiß nicht ohne Hinblick auf sich selbst sagte , daß der Mensch zum Leben kaum mehr als Kopf und Herz brauche ! Und dann verglich ich ihn , den stoischen Dulder , mit mir , und ich fragte mich , ob er , der Reine , Gute , Edle nicht , Alles in Allem , viel mehr verdiene , von Paula geliebt zu werden , als ich . Mir war dieses Glück stets als ein Gnaden-Wunder erschienen , dessen ich mich im Grunde niemals würdig gefühlt , aber so unwürdig hatte ich mich nie gefühlt , wie jetzt , wo ich mein Heiligenbild an eine Buhlerin verrathen , die mich genasführt hatte , wie ich es verdient . Vielleicht , daß ein Jüngling von Achtzehn , der diese Zeilen liest , im Bewußtsein seiner reiferen Erfahrung , mitleidig lächelt über den Mann von Achtundzwanzig , der sich eine solche Kleinigkeit zu Herzen nehmen konnte . Aber mein weiser Freund möge bedenken , daß ich in den einfachsten Verhältnissen erwachsen , acht Jahre im Gefängnisse gewesen war , und jetzt , seitdem ich in der Hauptstadt lebte , meine Zeit sehr nöthig gehabt hatte , ein guter Maschinenarbeiter zu werden . Wo sollte ich die Erfahrungen meines weisen Freundes gesammelt haben ? woher wissen , daß dergleichen Liebesschmerzen dem Manne comme il faut gut stehen , wie dem Räuber Schweizer seine Narben ? nicht nur in seinen eigenen Augen und in denen seiner Kameraden , sondern , was mehr sagen will , in den Augen der Schönen , vor deren schönen Augen er Gnade zu finden wünscht und hofft ? Ich war ein großer Hans mit meinen acht und zwanzig Jahren ; ich gestehe es reumüthig und mit der Bitte , daß mein weiser Freund von Achtzehn mit mir Geduld haben möge ! Freilich wird ihm das schwer werden , wenn er hört , daß ich die Thorheit so weit trieb , als unumstößlich anzunehmen , ich habe mich der schönen Sünderin mit Leib und Seele einmal für allemal ergeben , und es sei meine Pflicht , von diesem Augenblick an für sie zu leben ; sie zu retten , wenn es sein könnte , mit ihr unterzugehen , wenn es sein müßte ; und daß ich mich keineswegs losgesprochen und entsündigt fühlte , als sie mir nach der spukhaften Katastrophe in einem duftenden Billetchen schrieb : ich sei nach wie vor ihr guter Georg , den sie herzlich liebe , aber sie könne weder mit mir leben , noch wolle sie von mir gerettet werden , noch am allerwenigsten mit mir untergehen . Im Gegentheil , in meinen Augen war und blieb ich ein Verdammter , vor meinem Gewissen losgelöst von der Gemeinschaft der Guten und Reinen . Nie würde mir die heilige Flamme des häuslichen Herdes leuchten , nie ein reines Weib mich mit ihrer Hand beglücken , nie lachende Kinder meine Kniee umspielen ! Der Fluch , mit welchem eine stiefmütterliche Natur dem guten Doctor geflucht : der Fluch , nicht geliebt zu werden , wie sein Herz verlangte , - ich hatte ihn selbst in meiner Thorheit auf mich herabgerufen , und so blieb mir denn nichts übrig , als , wie er , auf individuelle Liebe zu verzichten , und mir , wie er , Trost und Erquickung aus dem ewig quellenden Born der großen Liebe für die leidende Menschheit zu schöpfen . Ich habe hernach wohl eingesehen , daß der eben so weise als kluge Doctor meinen Zustand so ziemlich richtig beurtheilte , und denselben keineswegs so tragisch nahm , wie ich selbst . Aber die augenblickliche Disposition meiner Seele für ein Wirken in seinem Sinne kam ihm sehr gelegen . Er hatte mich schon seit Jahren als seinen Schüler betrachtet , und er durfte es in mehr als einem Sinne . Er hatte Großes mit seinem Schüler vor , und dies war eine Stufe , ohne welches jenes Großes , das wußte er , sich niemals würde erreichen lassen . Es war mir nichts Neues , daß der edle Mann , trotzdem er stets erklärte , daß die Dummheit freilich immer ein Unglück , aber auch das Unglück in den allermeisten Fällen eine Dummheit sei , für die unglücklichen Dummen und dummen Unglücklichen eine große Liebe hatte . Wie groß diese Liebe war , sollte ich jetzt erst erfahren . Er machte mich theoretisch und praktisch mit den socialen Fragen bekannt , die jetzt alle Welt beschäftigen , aber damals erst von wenigen erleuchteten Köpfen hinreichend gewürdigt wurden . Er zeigte mir , wie die Dinge lagen in England , in Frankreich , bei uns , und , was man nach dem Muster der Engländer und Franzosen auch in Deutschland thun könne . Da war die Rede von Kranken- und Sterbekassen , von Consum- und Arbeitervereinen , von Spielschulen für die Kinder , von Gewerbeschulen für die Erwachsenen und mit welchen Hilfsmitteln man denn früher oder später den allgemeinen Feind auf seinem eigenen Felde zu bekämpfen versucht hat . Nach allen diesen Seiten hin war damals bei uns so gut wie nichts geschehen : ein arger Zustand , der um so ärger war , als gerade zu jener Zeit das Fabrikwesen mit der Entstehung der ersten Eisenbahnen einen ganz unerwarteten Aufschwung nahm ; die verhundertfachte Nachfrage , ein massenhaftes Herbeiströmen der Arbeiter und damit vorläufig ein massenhaftes Wachsen der Uebel verursachte , deren man sich schon in den patriarchalischen Verhältnissen der vergangenen Zeit nicht hatte erwehren können . Es dauerte nicht lange , bis ich in der Seelenstimmung , in welcher ich mich befand , von der neuen Leidenschaft ganz und gar ergriffen wurde . Ein gewöhnlicher Arbeiter , der ich war , mit meinen Mitarbeitern , wie ich es that , brüderlich verkehrend , hörte und sah ich so ziemlich , was in diesen Kreisen vorging . Wo meine Kenntniß nicht genügte , konnte Klaus mit seiner reichen Erfahrung das Fehlende ergänzen , und weiter als unser Beider Blick trug der des Doctors , der in die dunkelsten Falten sah und spähte , die das Elend und der Jammer des Armen vor Aller Augen verbergen , nur nicht vor denen des Arztes . So tauschten wir drei unsere Erfahrungen aus und steckten die Köpfe zusammen manchen Abend nach der schweren Tagesarbeit auf des Doctors Zimmer und sannen gemeinschaftlich über die Ausführung der Projekte , mit welchen sich der Doctor schon so lange getragen hatte . Ach , es war wenig , so wenig , was wir thun konnten ! Auf der einen Seite hatten wir zu kämpfen mit der Dummheit derer , die lieber zu Grunde gehen , als von dem alten Schlendrian lassen wollten , auf der andern mit der Rohheit jener , die nicht einzusehen behaupteten , weshalb sie nicht sollten gedeihen können , wenn auch jene zu Grunde gingen . » Es ist die alte Geschichte von Hammer und Amboß , « sagte ich wohl einmal zu dem Freunde . » Die Arbeiter haben sich an das träge Amboßsein gewöhnt , daß sie nichts in Bewegung setzen kann , selbst , wo es sich offenbar um ihr Bestes handelt . Die Fabrikanten wiederum meinen , da sie doch einmal die Herren vom Hammer seien , brauchten sie nur auf den Amboß zu schlagen , welcher ja , Gott sei Dank , bis jetzt geduldig still gehalten . « » Habe ich Ihnen nicht immer gesagt , daß es so gewesen ist , seitdem die Welt steht ? « entgegnete der Doctor ; » nun sehen Sie es selbst . « » Aber dagegen muß sich doch ein Mittel finden lassen ! « rief ich . » Ich kann mich von diesem schönen Glauben unsers herrlichen Freundes nicht los machen . « » Nur nicht auf dem Wege , wo er es suchte ; « erwiederte der Doctor , indem er seinen großen Kopf schüttelte . » Er wähnte , die Menschen frei machen zu können , wenn er sie nur die Würde und Heiligkeit der Arbeit gelehrt hätte . - Sie haben nicht arbeiten wollen , als sie mußten ; jetzt müssen sie , obschon sie nicht wollen ; meine Aufgabe ist , sie dahin zu bringen , daß sie wollen , was sie müssen . Sie sind unfrei gewesen , als sie dem Namen nach frei waren , ich will sie in Wahrheit frei machen , während sie unfrei sind , daß sie als Freie aus der Unfreiheit hervorgehen - solche und ähnliche Reden - wie oft haben wir sie aus seinem beredten Munde gehört ! und er glaubte so fest daran , der großmüthige Schwärmer , weil er die Welt nicht kannte , weil er nicht wußte , daß die Arbeit eine Waare ist auf dem Weltmarkte , die , wie jede andere , unter dem großen Gesetz des Angebots und der Nachfrage steht , und daß , wenn die Conjunctur darnach ist , der freie , fleißige Arbeiter in eine Lage kommen kann , wo seine Freiheit und sein Fleiß und seine Arbeit nicht einen Pfifferling werth sind . So tritt denn die Sache Amboß contra Hammer in eine höhere Instanz , wo sie nach großen geschichtlichen und ökonomischen Gesetzen entschieden wird , und allerdings , wie unser Freund auch richtig herausgefunden hatte , so , daß beide Theile schuldig und in die Kosten des Prozesses zu verurtheilen sind . « » Das kann uns zur Noth über den endlichen Ausgang beruhigen , « sagte ich ; » aber wenn ich unseren Freund recht verstanden habe , soll der bessere Mensch in sich selbst schon den Zwiespalt aufheben , indem er sich bewußt wird , daß er in jedem Augenblicke zu gleicher Zeit handelt und leidet , giebt und empfängt , getragen wird und trägt , mit einem Worte : Hammer und Amboß ist . « » Sehr schön und rühmlich für den , welcher sich mit dieser Wahrheit so durchdringt , daß sie auf alle seine Handlungen einwirkt , « erwiederte der Doctor . » Indessen ist das Gemeinwohl doch weniger abhängig davon , als es scheint , und zum großen Glück ; denn sobald der Einzelne zur Macht gelangt , spürt er einen verteufelten Kitzel , der Humanität ein Schnippchen zu schlagen und seine Macht zu mißbrauchen . Was sollte da aus der armen Menschheit werden ? « » Und doch haben Sie mich so ausgescholten , daß ich nicht mit beiden Händen zugriff , als Sie mir Ihr ganzes Vermögen zur Disposition stellten , um das ich Sie jedenfalls alsbald betrogen hätte , den Weg zur Million würdig zu beginnen . « » Das ist etwas Anderes « , sagte der Doctor , sehr verlegen werdend . » Ich wüßte nicht , « erwiederte ich . » Wer bürgt Ihnen , daß ich der Versuchung kräftiger widerstehe , als andere Leute ? oder glauben Sie , daß ich mit meinen breiten Schultern leichter durch das Nadelöhr gehe , als unser würdiger Commerzienrath ? « » Vergleichen Sie sich nicht mit diesem Ungeheuer , « rief der Doctor wüthend . » Habe ich Ihnen schon den Brief gezeigt , den er mir auf meine Bitte , sich für unsere Projecte zu interessiren , geschrieben hat ? Hier - das können Sie überschlagen - eine plumpe Verspottung von Leuten , die sich um ungelegte Eier kümmern - aber hier : Consumvereine ? dummes Zeug ! an jeder Ecke ist ein Materialwaarenladen ! und hier : Krankenkassen ? Sterbekassen ? Ich will gesunde Arbeiter haben und habe noch immer genug gehabt , und mehr als ich brauchen konnte . Die Kranken gehen Sie an , geehrter Herr Doctor , nicht mich ; und was das Sterben betrifft , so werden wir das wohl Beide nicht hindern können . - Es ist ein Thier ! « schrie der Doctor , den Brief zerknitternd und mit den Füßen stampfend : » ein Kerl ohne Eingeweide ; nichts Besseres als eine Raupe in Menschengestalt . « » Aber das ist ja Jeder , Doctor , der eine Million hat . « » Sie reden ihm immer das Wort , « krähte Doctor Snellius . Und darin hatte er nicht so ganz Unrecht ; ich konnte dem Commerzienrath niemals so gram sein , wie ich es vielleicht anderen Menschen derselben Art gewesen wäre . War der Mann im blauen Frack mit goldenen Knöpfen und gelben Nanking-Beinkleidern doch eine Gestalt aus meiner Kindheit Tagen , auf welcher , er mochte nun sein , wie er wollte , immerhin ein Schimmer von der Sonne lag , die mir damals geleuchtet hatte . Und was das heißen will , weiß Jeder , der eine Kindheit gehabt hat - was freilich mehr ist , als , Gott sei es geklagt , sehr viele von sich sagen können . Wer oder was immer von dieser Sonne mit belebtet wurde , dem ist ein für alle mal ein Freibrief ausgestellt , welchen wir zu jeder Zeit gern respectiren . Und dann war noch ein oder der andere Grund , weshalb ich den reichen Commerzienrath anders ansehen mochte , als mein guter galliger Freund . Ich konnte freilich , wenn ich es wohl bedachte , nicht recht begreifen - und habe auch niemals so recht begreifen können - daß dieser Mann der Vater der schönen , blauäugigen Hermine war ; aber er war es doch nun einmal - eine ungefüge , stachlige , rauhe und nicht übermäßig saubere Schale gleichsam , in welcher die kostbare Perle lag , und mit der man sich schon befassen mußte , wenn man sich an der Schönheit der Perle erfreuen wollte . Das mochte mir um so leichter werden , als ich bis jetzt noch immer Schale und Perle zusammen gesehen hatte , das heißt : die Schale von ihrer allerbesten Seite , von der weichen und gewissermaßen liebenswürdigen Seite , welche sie gegen die verzogene Tochter-Perle kehrte . Und dann war noch ein Grund , der mir damals und später den harten Bissen , welchen man den Commerzienrath Streber nannte , schmackhafter machte . Es war viel Salz an den Bissen gethan , das allerdings sehr scharf und grobkörnig war , aber für das ich doch Geschmack hatte . Um es mit einem Worte zu sagen : der alte Cyniker schien mir in seiner Weise ein Original , und ich hatte von jeher eine unüberwindliche Neigung für diese in ihrer Art unschätzbare Menschenklasse . Seit jener Begegnung auf dem Schiffe hatte ich ihn nicht wieder gesehen , trotzdem er seitdem zwei- oder dreimal in der Stadt gewesen , und auch die Fabrik besucht hatte . Den Winter hatte er wie immer in Uselin zugebracht , war aber jetzt beim ersten Beginn des Frühlings nach Zehrendorf übergesiedelt , wo die Menge der neuen Einrichtungen seine Gegenwart dringend erforderte . Hermine war mit ihm gegangen ; sie pflegte schon seit Jahren den Sommer auf dem Lande zuzubringen , für dessen Annehmlichkeiten und Freuden sie eine große Leidenschaft gefaßt . Fräulein Amalie Duff war wie immer im Gefolge ihrer jungen Herrin . Dies Alles hörte ich von Paula , die überhaupt die einzige war , von der ich , was in der Streber ' schen Familie vorging , erfahren konnte und erfuhr . Sie stand mit Hermine in einem Briefwechsel , welcher ziemlich lebhaft betrieben werden mochte . Ob ich vorübergehend in diesem Briefwechsel vorkam , konnte ich nie recht erfahren . Manchmal schien es mir so , und manchmal auch wieder nicht , und fragen mochte ich Paula nicht . Hatte ich sie doch auch bitten wollen , Hermine gegenüber meine Beschäftigung in der Fabrik ihres Vaters nicht zu erwähnen , und ich hatte es nicht gethan , weil es mir eine kindische Eitelkeit däuchte , mich ausdrücklich vor einem Mädchen verleugnen zu lassen , das möglicherweise gar nicht nach mir fragte . Indessen mußte ich fast glauben , daß Paula meinen Wunsch , ohne daß ich ihn ausgesprochen , geahnt und erfüllt , und daß man dort nichts von mir wußte . Wenn ich auch der schönen Hermine vollkommen gleichgültig war , so nahm ich doch - darauf hätte ich schwören mögen - in dem menschenfreundlichen Herzen ihrer Duenna einen nicht unbedeutenden Platz ein , und sie hätte gewiß nicht unterlassen , nach ihrem » Richard « treu zu suchen , bis sie ihn gefunden . Es lag , mit einem Worte , über dieser Angelegenheit ein Nebel , der sich für mich erst viel später , vielleicht zu spät lüften sollte . Nur die Wärme fiel mir einige Male auf , mit welcher Paula , besonders in letzterer Zeit , über Hermine gesprochen . Es ist , hatte sie einmal gesagt , ein reizendes Geschöpf , mit den herrlichsten Anlagen , aus der etwas ganz Vorzügliches werden kann , wenn sie den rechten Mann findet ; - und ein andermal : der Glückliche , der sich diesen Schatz erobert ! aber freilich , es muß ein ganzer Mann sein , denn ich glaube , der Schatz ist noch schwerer zu behaupten , als er zu erobern ist . Wußte Paula , daß nach jener merkwürdigen Begegnung auf dem Dampfschiff , als der Wanderer seine einsame Straße nach der Hauptstadt zog , die blauen Augen Herminens seine Sterne gewesen waren ? Wollte sie , indem sie mir gegenüber das schöne Mädchen so lobte - und sie wußte , welche hohe Bedeutung ihr Lob für mich hatte ! - wollte sie mir die Thorheit von gewissen Gedanken , die sich in meiner Seele geregt hatten , klar machen ? aber weshalb das ? Welchen Grund hatte ich ihr gegeben , mich dieser Thorheit zu beschuldigen ? Hier war ein Geheimniß , eine dunkle Wolke zwischen mir und Paula ; und es war nicht die einzige und leider nicht die dunkelste . Ich hatte ihr - und wie hätte ich es sollen ! - kein Wort , keine Silbe von meiner unseligen Begegnung mit Konstanzen gesagt . Es war das eine Wunde , an die ihre reine Hand nicht rühren durfte , eine Wunde , die so still für sich hin bluten und ausbluten und heilen mußte . Aber es ist ein eigen Ding um so eine heimliche Wunde , die man sorgfältig verbirgt und verbergen muß . Sie thut uns doppelt und dreifach weh und heilt doppelt und dreifach langsam , und das Schlimmste ist , daß man ein böses Gewissen dabei hat und sich vor der Berührung der liebsten Hand scheut , weil man immer fürchtet , diese Hand möchte unversehens einmal die schmerzliche Entdeckung machen . So war es auch zwischen mir und Paula in diesem Falle . Ich war noch nie so selten zu ihr gekommen , hatte noch nie in den Gesprächen mit ihr meine Worte so sorgsam überlegt , ja es kamen Augenblicke , in welchen mir die sich stets gleich bleibende Güte des liebenswürdigsten und edelsten Wesens geradezu peinlich war . Ich zitterte vor dem Momente , wo das Gespräch einmal auf Konstanze kommen , oder Paula erfahren würde , daß Konstanze und die schöne Bellini eine und dieselbe Person seien . Wußten doch , wenn auch Niemand sonst , der junge Fürst Prora gewiß und Arthur sehr wahrscheinlich um das Geheimniß ! Aber meine Sorge schien unnöthig . Weder der Fürst noch Arthur hatten sich wieder bei Paula sehen lassen , und beiläufig erfuhr ich einmal , daß der Fürst , nachdem er ein paar Wochen hindurch die Residenz durch seine Verschwendung und seine Ausgelassenheit in Aufruhr gebracht , von seinem Vater nach Rossow geschickt sei und daß Arthur ihn begleite . Um dieselbe Zeit verkündeten die Zeitungen , die sich damals ein gut Theil eingehender mit dergleichen Dingen beschäftigten , als in unseren vielbewegten Tagen : der Intendant der königlichen Bühne habe die junge Künstlerin , welche seit Kurzem in dem Albert-Theater so gefeiert wurde , sofort geworben und gewonnen ; da es aber entscheidenden Orts für unpassend erachtet sei , einen Stern , wenn er auch noch so sehr glänze , ohne Uebergang aus einer relativ niederen Sphäre in die hohe der königlichen Bühne zu versetzen , habe man dem Fräulein Bellini sofort einen mehrmonatlichen Urlaub ertheilt , den sie zur Ausfüllung gewisser Lücken ihres Repertoirs und zu noch sorgfältigerer Schulung ihres eminenten Talentes anwenden solle , und sie habe dieserhalb eine Reise nach Paris angetreten , zugleich - andere Blätter sagten in Begleitung - mit dem bisherigen ersten Liebhaber vom Albert-Theater , Herrn Lenz , welcher ebenfalls für die königliche Bühne geworben war , oder - sagten andere Blätter - hatte geworben werden müssen , weil die ebenso eigensinnige , als schöne Bellini das Engagement des genannten Herrn zur Bedingung ihres eigenen Engagements gemacht hatte . Bei dieser Gelegenheit brachten die Blätter auch die interessante Mittheilung , daß der genannte Herr Lenz eigentlich von Sommer heiße und der Sohn eines hohen Beamten - des Ministers , sagten andere Blätter - eines kleinen Nachbarstaates sei . Auch die Herkunft der schönen Bellini solle in höhere Regionen weisen , aber man sei bis jetzt nicht im Stande - die Discretion verbiete , sagten andere Blätter - den geheimnißvollen Schleier zu lüften . Ich athmete hoch auf , wie ein Furchtsamer , wenn die Glocke Eins schlägt . Das Gespenst mag in der nächsten Nacht wieder kommen , aber drei und zwanzig Stunden hat er wenigstens Ruhe . Ich konnte ein paar Monate lang sicher sein , ihr nicht zu begegnen ; ich konnte des Abends , wenn ich von Paula kam , durch die Straßen gehen , in welcher sie wohnte , ohne die Fensterreihe ihrer Wohnung erleuchtet oder ein