, wenn sie auf besonnener freier Wahl beruht . Sie ist kein Feuer , das den ersten besten brennbaren Gegenstand ergreifen und verzehren darf ; sie soll das suchen , was ihre Flamme dauernd nährt , ohne Zerstörung um sich her zu verbreiten . Gott ließ dem ersten Menschenpaar die Wahl , ob es seiner himmlischen Bestimmung gemäß in der Liebe und Anbetung der göttlichen Schönheit alle Kräfte seines Wesens entfalten und in ihrer Entfaltung selig sein wolle ; oder ob es zum Gegenstand seiner Liebe etwas machen wolle , was Gott nicht ist . Wie unsere Stammeltern wählten - das wissen wir ! sie mißbrauchten die himmlische Gabe ihrer Freiheit zu einem beweinenswerten Akt ihres Willens , sagten ihrem Schöpfer den Gehorsam auf und wendeten sich dem Bösen zu , das er verboten hat . Darum sagt einer unserer größten heiligsten Kirchenlehrer , St. Augustinus , mit energischer Kürze : Die Sünde ist die Verachtung der Liebe Gottes . « » Ah , Signor ! « rief Judith , » wenn das Sünde ist , ach ! dann gibt es viel Sünde auf Erden ! denn wer denkt überhaupt an die Liebe Gottes ! « » Bei jedem von uns wiederholt Gott die Prüfung , welcher er unsere Stammeltern unterworfen hat , und wie wir dieselbe bestehen , das kann jeder sich selbst am besten beantworten . Die göttliche Liebe , die uns selig machen will in Ewigkeit , wenn wir mit kindlichem Gehorsam ihr anhangen - sie wird verschmäht und gedankenlos , wie ein um sich fressendes Feuer , werfen wir unsere Liebe auf Dinge , die unserer sinnlichen Natur schmeicheln und ziehen unserem Gott - einen Apfel vor . « » Das ist gräßlich wahr ! « rief Judith und schlug die Hände ineinander . So macht es der Mensch . Aber sind das wirklich seine uranfänglichen Geschicke ? sind es nicht Parabeln ? nicht Mythen ? « » Und wenn es der poetische Ausdruck für eine allgemeine Wahrheit wäre , so hätte Ihr Ausruf , so gut wie die innere Geschichte jedes Menschen , ihm beigestimmt . Allein Sie werden wohl wissen , Signora , daß es wirklich und wahrhaft die uranfänglichen Geschicke der Menschheit sind , welche in den heiligen Büchern der Offenbarung von dem gotterleuchteten Moses aufgezeichnet wurden . Sie sagten ja vorhin , daß Sie der Gotteskunde Glauben schenkten . Nun , ein solcher Gotteskundiger war Moses gewiß . Kommen Ihnen Zweifel , so ist das nur die Folge der Schwankungen , welche im menschlichen Verstande , in seiner Fassungsgabe und Urteilskraft vor sich gehen . Auf der Höhe der Intelligenz ruhet der Glaube , wie die Krone auf einer Geisterstirn . Bei Ihnen vielleicht erst im Keim , als Glaubensbedürfnis , oder als Wunsch und Verlangen zu glauben ; aber der Keim ist vorhanden , wie in jedem Menschen , der mit Vernunft begabt ist . Der Glaube ist das Band zwischen der Seele und ihrer Heimat . Er gibt ihr die Anwartschaft auf ein Bürgerrecht , welches Sie , Signora , gewiß nicht im Staube des ärmlichen Erdenlebens suchen . « » Wenn wirklich in jeder vernünftigen Seele der Glaubenskeim ruht , warum entwickelt er sich nicht ? warum bleibt der Mensch in seinen Zweifeln , in seinen Verneinungen ? warum wendet er sich von der göttlichen Offenbarung ab und seinen eigenen Ideen zu , an die er mit Fanatismus glaubt , während sie anderen durchaus verkehrt erscheinen ? « » Weil der Mensch seinen freien Willen hat . Wie er der Liebe eine verkehrte oder rechte Richtung geben kann : so kann er den Glaubenskeim entwickeln oder ersticken . Glaube und Liebe werden ihm nicht wie etwa Seh- und Gehörwerkzeuge ein für allemal äußerlich gegeben . Wenn das wäre - wo bliebe seine sittliche Freiheit ? und fehlte ihm die , wo wäre dann seine Würde , seine Tugend ? Gab Gott dem Menschen die Vernunft und die Fähigkeit , das göttliche Gesetz mit dem Glauben annehmen und mit der Liebe umfassen zu können : so mußte er es dem Willen des Menschen anheim stellen , beides auch verwerfen zu können . Christus sagt : Ich stehe vor der Tür und klopfe an . Diese Türe kann verschlossen bleiben und kann geöffnet werden . Zum Öffnen - treibt die Gnade an ; zum Verschließen - die Sünde ; oder die Neigung zu ihr . « » Und wenn wir öffnen , Signor ? « » So tritt Christus bei uns ein , der verheißene Erlöser , und nimmt Wohnung bei uns . Er richtet die gefallene Natur wieder auf , er stellt die Kraft der sündensiechen Seele wieder her , er bringt ein himmlisches Leben da hervor , wo schon der Verwesungsqualm des ewigen Todes brodelte . Er gießt ein übernatürliches Licht dort aus , wo schon die Regionen der ewigen Finsternis herauf dämmerten - und dies Licht erleuchtet und verklärt die Seele , befähigt sie zu hoher Erkenntnis , zu reiner Liebe und zur Beharrlichkeit in der Kindschaft Gottes . « » Bin ich kein Kind Gottes , Signor ? « » Doch , Signora , denn Sie sind sein Geschöpf - und zu jedem seiner Geschöpfe hat er gesagt durch den Mund des Propheten : Mit ewiger Liebe lieb ' ich dich ; darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte . Aber er trauert noch um Sie . Sie haben sich noch nicht unter seine schirmenden Flügel geflüchtet , die er ausbreitet , wie eine Henne für ihre Küchlein . Das Licht Christi , die heiligmachende Gnade , ist noch nicht in Ihre Seele eingedrungen und diese ist noch nicht zu gottgefälliger Schönheit gelangt . « » Und das alles - weil ich Ihren Christus nicht kenne ? « rief Judith scharf . » Mein Christus ist Ihr Christus und der Christus der ganzen Welt , « sagte Hyazinth gelassen . » Was wäre die Erlösung , wenn sie nicht einen erlösenden Einfluß auf die Seele übte , der sie zu teil wird , und sie edler und besser machte , als sie zuvor war ! Könnte die gefallene Menschheit ohne den Erlöser zur gottgefälligen Schönheit sich entwickeln und durch ihre natürlichen Gaben und Kräfte sich zum Haß der Sünde und zur Liebe Gottes erheben : so wäre freilich der Erlöser etwas ganz Überflüssiges im Leben der Menschheit . Der moderne Unglaube hat ihn auch dafür erklärt ; denn der moderne Unglaube liebt die Sünde , schwimmt in Sünde , trinkt die Sünde wie Wasser und wünscht durchaus nicht mit ihr zu brechen und sich vom Luzifersdienst zur Anbetung Gottes hinzuwenden . Ihm ist Christus unbequem ; darum nennt er ihn eine Fiktion , eine Priestererfindung , um die Gewissen zu schrecken und um in seinem Namen die Seelen zu beherrschen . Und etwas der Art ist Ihnen durchs Gedächtnis geflogen , als Sie im Ton des Vorwurfs sagten : Ihr Christus ! « » Wenn Sie sich mit mir vergleichen , « fragte Judith , » halten Sie sich dann nicht für ein unsäglich bevorzugtes Wesen ? « » Was die Gnade betrifft - unsäglich bevorzugt , denn ich bin im Christentum geboren und bei meinem Eintritt ins natürliche Leben empfingen mich alle Gnaden des übernatürlichen Lebens , welche Christus , der menschgewordene , der gekreuzigte , der eucharistische - uns erworben hat , und fort und fort uns spendet . Was aber mein Verdienst betrifft - ach , Signora , da fürchte ich , daß ich , trotz so großer Gnaden , doch keinen Vorzug vor Ihnen habe . « » Glauben Sie nicht , daß Gott mit besonderem Wohlgefallen auf Sie herabschaut ? « » Wie könnte ich das glauben , Signora ! jeder Blick in mein Herz zeigt mir - nach innen ein Gewimmel von bösen und sündhaften Neigungen und nach außen - Fehler und Flecken auf all meinem Tun . « » Das alles sehen Sie in sich , Signor ? « rief Judith staunend ; » und ich - ich nehme nichts der Art in mir wahr ! « - Sie legte ihr Gesicht in ihre Hände und setzte nach einer Pause hinzu : » Das Licht der heiligmachenden Gnade , wie Sie es nennen , ist mir noch nicht aufgegangen , und ob es geschehen wird , weiß ich nicht ! ich fürchte mich . « » Durch den Mund des Propheten ruft Gott auch Ihnen zu : Fürchte dich nicht , ich bin mit dir . Ich habe dich erlöst und dich bei deinem Namen gerufen ; du bist mein . « » Es muß ein entsetzlicher Moment sein , zu entdecken , daß man in sich , gleichsam mit seinem Herzblut , ein Schlangengewimmel nährt , und ich begreife nicht , wie Sie davon so gelassen reden können , Signor . Ich würde darüber verzweifeln . Ich kann es nicht ertragen , den Menschen - sowohl mich selbst als andere - in solcher Erniedrigung zu sehen . « » Und zu dieser Erniedrigung des gefallenen Menschen hat sich der Erlöser herabgelassen , Signora , hat ihr ins Auge und ins Herz geschaut , hat gesehen , daß er rettungslos unheilbar sei , wenn nicht die Todeswunde des Bösen , welche die Sünde ihm schlug , geschlossen werde ; hat im wunderbaren Geheimnis seiner Menschwerdung , der menschlichen Natur die Vereinigung mit der göttlichen - und die Teilnahme an einem göttlichen Leben gebracht und hat der Majestät Gottes gegenüber seine heiligste Menschheit zu einem Sühn- und Schlachtopfer für den Abfall der unheiligen gemacht . Und dieser Christus steht jetzt auch vor Ihrer Tür , Signora , und klopft an und ist bereit , Ihnen die Teilnahme an seinem göttlichen Leben zu gönnen . « » Was wird aus uns , wenn wir ihn aufnehmen ? « » Der neue Mensch , Signora ! Der Mensch ist jetzt nicht mehr in dem Zustand , in welchem er einst aus der Hand Gottes hervorging . Er bringt auf die Welt das Stigma des Sündenfalles mit , in welchen der Stammvater seine ganze Nachkommenschaft bis zum Ende der Zeit verwickelt hat . Das ist die Erbsünde - dies unergründliche Geheimnis , welches das Gemisch von Erhabenheit und Niedrigkeit in jedem Menschen erklärt . Er hat etwas vom Engel und etwas vom Tier : Himmelssehnsucht und gemeine Begierden , einen erhabenen und einen groben Instinkt , edle und brutale Neigungen . Er trägt das Ebenbild Gottes an der Seele - und dem Leibe nach , von Staub und Asche , von Fleisch und Blut , steht er in einer Reihe mit den unvernünftigen Kreaturen . Daraus entspringt eine zwiefache Sympathie , die von zwiefachem Gesetz angezogen wird ; die eine - für das Schöne , das Geistige , das Ewige , das Unsterbliche ; die andere - für Sinnliches und für rohen Genuß . Das göttliche Gesetz begehrt vom Menschen Gehorsam und Unterwerfung . Das Gesetz der gefallenen Natur macht denselben Anspruch und die böse Begier bäumt sich gegen Gott auf . Folgt ihr der Mensch , so begeht er eine Sünde - und je mehr er ihr folgt , desto schwächer wird seine Kraft für das Gute und für den Widerstand gegen die böse Begier . Welche Kämpfe aus dieser Doppelrichtung , aus diesem Streit von zwei entgegengesetzten Elementen , welche in der menschlichen Natur begründet sind - für jeden Menschen hervorgehen , welche Niederlagen er leidet , mit welchen Anstrengungen er sich aufrichtet , wie er sich verzweiflungsvoll zu einer Bahn gedrängt fühlt , die er verabscheut , wie er sehnsuchtsvoll nach lichter Schönheit verlangt , die ihm in den Höhen vorschwebt und zu der er sich nicht zu erheben vermag : das hat der Apostel Paulus in den zwei Worten ausgedrückt : Das Gute , das ich will - tue ich nicht , und das Böse , das ich nicht will - das tue ich . Unser himmlischer Instinkt ist nicht stark genug , um die Neigung der sündigen Natur zu den Dingen der Erde zu besiegen ; das lehrt uns jeder unbefangene Blick , den wir in uns selbst werfen . Er sollte triumphieren , aber ach ! er wird von ihr erstickt , wenn die Gnade ihm nicht zu Hilfe kommt und ihn in Tugend verwandelt , indem sie ihn zur Richtung des Willens auf das Gute , auf Gott , macht . Hinter der starren , rauhen Rinde eines Baumes steigt ein wunderbarer Lebenstrieb auf und ab , der ihn mit überraschender Schönheit , mit Laub , Blüten und Früchten schmückt . So steht die himmlische Pflanze des übernatürlichen Menschen hinter der groben Rinde der gefallenen Natur , und Christus muß kommen und den übernatürlichen Menschen in seinem Blut baden , mit seinem Fleisch nähren , mit seinem Licht erleuchten , mit seinem Geist heiligen , so daß dieser nicht mehr von der groben Rinde sich überwuchern läßt , sondern in Blüten des Lichtes und Früchten der Gnade ausbricht . Das Leben Christi in uns ist der neue Mensch ; der zweite Mensch - wie der Apostel Paulus mit großartigem Ausdruck sagt . Der erste Mensch ist der gefallene Stammvater , der die Menschheit mit sich abwärts reißt und ihr Repräsentant ist . Der zweite Mensch ist der Erlöser , der die Menschheit in die Gnadenordnung einführt und sich zu ihrem Stellvertreter macht . « » Nun weiß ich , was mit Lelio vorgegangen ist ! « rief Judith . » Die Gnade hat die sündige Natur überwunden und deren Übermacht von dem himmlischen Menschen hinweggenommen , der in ihr schmachtend gefangen lag . Christus ist in geheimnisvoller Weise in ihn eingegangen und lebt geheimnisvoll in ihm fort . Lelio ist ein Christusträger geworden , ein Christ geworden ! .... denn Christ und übernatürlicher Mensch ist ja eins und dasselbe - wenn ich Sie recht verstehe , Signor ? « » Ganz recht , Signora , « entgegnete Hyazinth , » und all unser Elend rührt daher , daß die Christen das Christentum als etwas äußerliches betrachten und ihre Verpflichtung vergessen , so zu leben , wie es sich für Christusträger - um Ihren Ausdruck zu brauchen - geziemt . Sich zur Ebenbildlichkeit Gottes in der praktischen Nachfolge Jesu auszuleben : das soll das Charakteristische , das Wesentliche des Christen sein ; dazu empfängt er die Gnade durch die heiligen Sakramente , die wie unsichtbare Kanäle durch die übernatürliche Welt laufen und seiner Seele das Blut Jesu zuführen , worin sie den Quell und die Kräftigung ihres Lebens findet . So verstanden es die ersten Christen alle . Sie waren bekehrte Heiden und Juden . Sie waren aufs tiefste von der Überzeugung durchdrungen , daß ihre Bekehrung zum Christentum keine andere Folge haben dürfe , als die : sich nach dem Beispiel ihres Erlösers ganz und ohne Rückhalt Gott hinzugeben . Sie betrachteten den Christen als einen himmlischen Menschen , der wie ein wandernder Fremdling auf Erden weilt ; dem es zwar gestattet ist , sich Hütten zu bauen und sich darin niederzulassen mit denen , die Gott ihm ans Herz gelegt hat und die er die Seinen nennt - der aber bereit sein soll , von den Ansiedelungen seines Glückes zu scheiden , wenn der Wille Gottes es verlangt , oder wenn höhere Fügungen es gebieten ; als einen himmlischen Menschen , der zwar zu seiner heilsamen Demütigung und täglichen Prüfung mit seiner sündigen Natur und deren Trieben und Begierden verbunden bleibt , aber nicht mehr auf sie hören und noch weniger ihnen folgen darf ; der sich hingegen ganz den Anregungen der Gnade hingibt , ganz sich leiten läßt vom Geist Gottes , ganz sein Leben gestaltet , seine Ansichten bildet , sein Urteil bestimmt , seinen Maßstab der Dinge führt nach übernatürlichen Grundsätzen , welche die christliche Glaubenslehre ihm darbietet . Für die ersten Christen war die Taufe eine ewige Scheidung zwischen ihnen und Welt und Teufel , eine unbedingte Aufopferung an Gott und Verzichtung auf ihr Ich , ein unwiderrufliches Bündnis mit dem übernatürlichen Leben , das ebenso unwiderruflich die Abwendung von der Sünde in sich schloß ; eine Liebesvereinigung mit Christus . So gingen sie aus der Taufe hervor , und in dieser Reinheit des Gewissens und der Absicht suchten sie sich zu erhalten durch großen Eifer zum Gebet , zum Empfang der Sakramente , zum Anhören der Auslegung des Evangeliums , zur pünktlichen Ausübung aller christlichen Tugenden . Kam dann der Tod , gleichviel in welcher Gestalt - ob in den Martern der Verfolgung , ob in dem bekannten Kleide von Alter und Krankheit - so schieden diese , den Genüssen der Welt und den Leidenschaften des Herzens abgetöteten Menschen freudig von einer Erde , die ihnen nichts gewesen war , als eine Schranke , welche sie von dem Gegenstande ihrer einzigen Liebe - von Gott trennte . « » Und dies Geschlecht ist ausgestorben ? « fragte Judith traurig . » Nein , Signora , « entgegnete Hyazinth , » das stirbt nicht aus ! das Blut Jesu hat nicht seine reinigende und heiligende Kraft verloren . Nur kamen damals seine Wirkungen in gedrängter Fülle in dem , verhältnismäßig zur Jetztwelt , kleinen Häuflein der Christen und bei den Bekehrten zum Vorschein , die mit vollem Bewußtsein das Christentum als die höchste , die göttlichste Gabe empfingen ; während jetzt , wo es über die ganze Erde ausgebreitet und durch beweinenswerte Irrlehren vielfach gefälscht ist , der Weltgeist sich auch vielfach hinein gedrängt und die Menschen stumpf gemacht hat für das eigentliche innerste Wesen des Christentums . Aber Gott Dank ! es fehlt auch nicht an Seelen , denen es sich in seiner himmlischen Schönheit erschließt und die mit dem Apostel Paulus verlangen , sich selbst abzusterben , um in Gott wieder aufzuleben . « » Dies Verlangen also ist eine unerläßliche Bedingung , Signor , um nicht dem Namen - sondern dem Wesen nach ein guter Christ zu sein ? « » Eine unerläßliche , um den Weg der christlichen Vollkommenheit zu betreten und auf demselben fortzuschreiten . « » Und davor soll sich das Menschenherz nicht fürchten ? vor dieser Bedingung kein Grauen empfinden ? Seine Wünsche , Neigungen , Bestrebungen , seine Liebe , seine Hoffnungen , sein innerstes Eigentum - alles soll es opfern , um zu einer geheimnisvollen Lebensgemeinschaft mit diesem , wenn auch nicht unbekannten , so doch verborgenen Gott zu gelangen , der nicht seines Gleichen ist und der in seiner seligen unzerstörbaren Ruhe folglich auch nicht den tausend Aspirationen des warmen und beweglichen Menschenherzens entsprechen kann ! Nein , Signor ! das ist zu viel begehrt . Eine aufrichtige Seele darf keine Verbindlichkeit eingehen , bei der sie die Überzeugung hat , ihre Verpflichtungen nicht erfüllen zu können . « » Das ist , vom natürlichen Standpunkt aus , eine ganz begreifliche Verzagtheit ; « erwiderte Hyazinth . » Aber Sie vergessen , daß in Ihnen , unter all dem Schutt , der sich in Ihrem Herzen angehäuft hat , in Folge seiner abgestorbenen Wünsche , Hoffnungen und Liebe - der himmlische Mensch auferstehen soll , wie ein verschüttetes Götterbild zwischen Tempelruinen . Und dieser aus dem Blut Gottes geborene , vom Lebensatem Gottes durchseelte , in die Liebe Gottes untergetauchte Mensch - ist dem Gott nicht fremd , der sich durch seine Menschwerdung zum Bruder - durch sein Leiden und Sterben zum Opfer - durch seine eucharistische Gegenwart zum Liebhaber jeder menschlichen Seele gemacht , und ihr für niedrige Entsagung einen überaus prächtigen Ersatz , für vergängliche und dürftige Freuden eine grenzen- und endlose Wonne verheißen hat . Nicht müde werden die Propheten Ihres Volkes , diese Verheißung in immer neuen Wendungen zu wiederholen . Bald spricht der Prophet im Namen Gottes : Ich , ich Selbst will euch trösten ! Bald verkündet er : Ruhe wird dir geben der Herr auf immer und deine Seele mit Glanz erfüllen . Oder er spricht : Nicht wird fortan deine Sonne untergehen und dein Mond nicht mehr abnehmen ; denn der Herr wird dein ewiges Licht sein ; und weiter sagt er : Wie der Bräutigam sich freuet seiner Braut , so wird sich freuen dein Gott über dich . Sind das nicht prachtvolle Verheißungen ? Durchweht sie nicht die Luft von den Höhen der Ewigkeit ? Breiten sie nicht einen immerblühenden Liebesfrühling vor dem liebedürstenden Auge aus ? Umwogen sie nicht mit leuchtenden Wellen das Herz , das ihnen vertraut , um es durch einen Ozean der Liebe hinüber an das Gottesherz zu tragen ? « » Signor ! « rief Judith und stand lebhaft auf , » ich kann das nicht ertragen ! ich habe nicht gewußt , daß Gott mich so liebt . Versenke ich mich in diese Bilder , die keine bemalte Leinwand , sondern Gottesverheißungen , sondern Offenbarung göttlicher Wahrheit sind , so schreit mein Herz auf : Das ist ' s ! das hab ' ich gewollt , das hab ' ich ersehnt , danach verlangt meine Seele ! das ist die Liebe ohne Grenzen , ohne Wechsel , ohne Ebbe und Flut , immer gleich und doch immer neu , die das Geschöpf mir nicht zu bieten vermag , weil es selbst begrenzt und wandelbar ist . Daß ich von dieser Liebe geträumt , oder sie geahnt hätte - ich kann ' s nicht behaupten , obwohl es gewiß ist , daß ich mich immer mit der Liebe wenigstens für eine irdische Ewigkeit einzurichten suchte , und jede andere als einen Irrtum beweinte . Aber Signor ! während Sie eben von den Liebestaten und Liebesverheißungen Gottes sprachen , da war es mir , als sei das verschüttete Götterbild in meinem Herzen nichts anderes , als die im Wust der Irdischkeit begrabene Liebe der Seele zu Gott . « » Und was nun weiter , Signora ? « fragte Hyazinth immer in demselben Ton sanfter Milde , mit dem er das Gespräch begonnen hatte ; » werden Sie dem Gott , dem König der Ewigkeit , der wie ein Bettler vor Ihrer Tür steht und um nichts bittet , als um Ihre Seele - werden Sie ihm Ihre Liebe schenken ? Unsere Liebe ist unser Wesen . Unserer Liebe folgt unsere Seele , unser Herz , unser ganzer innerer Mensch nach . « » Weil das so wahr ist , Signor , so muß ich mich besinnen ! « entgegnete Judith . » Ich weiß nicht , ob nicht die Liebe für das Geschöpf zu kurz kommt , wenn man sich mit ganzer Seele in die göttliche Liebe versenkt . Und das darf nicht sein . Ich will auch das Geschöpf lieben . « » O , Sie sollen es auch lieben ! « rief Hyazinth . » Auch diese Liebe soll in den Strahl der Gnadensonne hineintreten , die bereit ist , über Ihnen aufzugehen , und soll daraus eine Kraft und eine Reinheit schöpfen , die jeder natürlichen Empfindung eine höhere Weihe gibt . « » Das beruhigt mich - denn Graf Orest hat mein Wort , und ein Wort ist heilig ; nicht wahr , Signor ? « » Ein Wort , das mit voller Erkenntnis und Freiheit in einer gottgefälligen Sache gegeben ist - ist heilig ; von seiner Seite sowohl , als von der Ihren , Signora . « » Wohlan , dies ist gewiß eine sehr gottgefällige Sache . Eine solche Treue verdient ihren Lohn und das Wort , das ich dem Grafen seit Jahren wiederholt habe : Alles für alles ! soll endlich zur Tat werden . Nur muß ich Zeit haben , mich zu besinnen , meine Gedanken zu ordnen , meine Verpflichtungen als Christin zu überlegen « .... - » Zeit haben , um ein wenig zu beten , « setzte Hyazinth hinzu ; » beten um den Beistand des heiligen Geistes , daß er Sie erleuchte ; beten um treue Befolgung dessen , wozu die Gnade treibt ; beten um großes Verlangen , die unendliche Liebe Gottes zu erkennen . « » Ach , Signor ! « unterbrach Judith ihn traurig , » ich verstehe nicht einmal , an so hohe Dinge zu denken ; wie könnte ich Worte finden , um sie zu erbitten ? « » Es war einmal in den ersten Jahrhunderten des Christentums eine Tochter Babylon ' s , die Thaïs hieß , und die sich auf die dringenden Vorstellungen eines heiligen Greises von der Welt zu Gott bekehrte . Sie hatte ihm gesagt , sie verstehe nicht zu beten . Da riet der Greis ihr , weiter nichts zu sagen , als : O Herr , der du mich erschaffen hast , erbarme dich meiner ! Das tat sie mit solcher inbrünstigen , demütigen , vertrauensvollen , reuigen Gesinnung , daß sie in dem Maß , wie sie zuvor Gott verachtet hatte , nun ihn lieben lernte und unter den großen heiligen Büßern der alten Tage ihren Platz einnimmt . Ohne Sie in irgend einer Weise , weder vor noch nach Ihrer Bekehrung mit der heil . Thaïs zu vergleichen , könnten Sie doch auch beten mit wenigen Worten und mit um so größerer Inbrunst . « Judith ging unruhig im Zimmer auf und nieder , während Hyazinth sprach . Endlich blieb sie vor ihm stehen und rief : » Sie haben große Dinge in der kurzen Zeit gesagt - größere , als ich je im Leben gehört habe . In den wunderbaren Geheimnissen von der Liebe Gottes zu seinem Geschöpf , die ihn antreibt , sich mit dem Menschengebilde von Staub und Asche zu vereinigen und in die Erniedrigung einzugehen , um diesem armseligen Menschengeschlecht ein etwas von seiner göttlichen Natur mitzuteilen und ihm die verlorene Anwartschaft auf das ewige selige Leben zurückzubringen : darin öffnet sich mir die Perspektive in eine ganz neue Welt . Aber Signor , wer sind Sie denn , daß ich Ihnen Glauben schenke ? « » Ich bin ein ganz geringer und unbedeutender Priester , noch jung , wie Sie sehen , Signora , und ohne irgend ein Verdienst , so daß meine Persönlichkeit nicht geeignet sein kann , Ihnen das mindeste Vertrauen einzuflößen ; das ist in der Ordnung . Aber als ein Priester der heiligen katholischen , von Christus Selbst auf den Felsen Petri gegründeten und von den Aposteln ausgebreiteten Kirche , habe ich , trotz meiner Unwürdigkeit , die Gnade , das Glück und die Ehre , zu den Nachfolgern und Mitarbeitern der Apostel bei der Verkündigung des Evangeliums zu gehören , denn ich habe die Weihe und die Sendung zum Priester und zum Lehramt vom rechtmäßigen Oberhaupt der Kirche , auf meinen Bischof übertragen , erhalten - und bin Ihnen Bürge mit dem ganzen Priesterstande der heiligen katholischen Kirche , daß jedes meiner Worte , insofern es die Lehre des Evangeliums betrifft , Ihren vollen Glauben in Anspruch nehmen darf und muß , weil es die volle , ungefälschte , göttliche Offenbarung verkündet , an der , in ihrer ewigen , objektiven Wahrheit , kein Deuteln und kein Feilschen gestattet ist . Lassen Sie sich von zehn verschiedenen Nationen und Zungen Priester rufen , und befragen Sie dieselben über ein beliebiges Dogma : alle Zehn werden Ihnen dieselbe Antwort geben , denn alle sprechen nicht ihre Ansicht oder Meinung oder Erklärung - sondern die Lehre der Kirche aus , diese wunderbare Lehre , die der heilige Geist hoch über alle Schwankungen und Verirrungen des menschlichen Geistes , für alle Zeiten der Welt in ungetrübter , göttlicher Reinheit erhält . « » O wie hat Lelio die Kirche so richtig das Auge der Welt genannt , « rief Judith . » Wie von allen Gliedern des Körpers nur das Auge das Licht schaut , besitzt , umschließt : so besitzt die Kirche ganz allein auf Erden die Fülle der göttlichen Wahrheit und teilt dies himmlische Licht allen denen mit , die sich aus ihrer Finsternis zu ihr hintappen und Erleuchtung begehren ! « » In der Religionslehre der alten Parsen kommen , wie mehr oder minder bei allen orientalischen Völkern , neben gräulichen Karikaturen ganz wunderbar schöne Anklänge einer höheren Offenbarung , wie eine halbverschollene himmlische Sage oder wie ein Bruchstück der Tradition , die aus dem Paradiese stammt , vor ; « sagte Hyazinth . » Sie lehrten ein Lichtreich , in dem das Gute und Schöne ein Reich der Finsternis , in dem das Böse und Häßliche heimisch sei . Jeder Sieg des einzelnen Menschen über das Böse verstärkte das Lichtreich und jede Niederlage des Guten minderte es ; und je nachdem sich der Mensch zu Ormuz oder Ahriman gehalten hatte , ging er im Tode mit diesem in das finstere - und mit jenem in das lichte Reich ein . Drum nannten sie das menschliche Leben : den Weg zu beiden Schicksalen . Jeder hatte die Wahl , welchem Gott und welchem Schicksal er folgen wollte . Es treten Momente ein , wo auch im christlichen Sinn für jeden von uns das Leben vor uns liegt , als der Weg zu beiden Schicksalen , und ein solcher Moment ist für Sie gekommen . Die Nacht dämmert , das Licht bricht an . « » Möge es Tag werden ! « rief Judith feurig . Dann setzte sie mit ernster Fassung hinzu : » Genug für heute , Signor ! ich danke Ihnen . Ich muß jetzt in die Alltagswelt hinabsteigen . Lelio wird Sie in meinem Namen bitten , Sich später wieder einmal zu mir zu bemühen . « - Auf demselben Wege , wie Hyazinth zu Judith gekommen war , verließ er sie und sein nächster Gang war in die nächste Kirche , um vor dem Tabernakel den verborgenen Gott anzuflehen , Sein begonnenes Werk der Gnade in Judiths Seele zu vollenden . Denn eine Bekehrung ist eine geistige Schöpfung ; ein geistiges Leben bricht aus dem geistigen Tode hervor ; der verwesende Lazarus erhebt sich lebendig aus seinem Grabe ; das ist eine Gottestat .