Der Mönch erwiderte nichts ... Bonaventura sprach von einer Fortsetzung des Spaziergangs am Nachmittage ... Kein Wort der Entgegnung ... Nur mit seinen magern Händen zeigte er jetzt über den Platz hin ... Bonaventura sah einen Gasthof , an dessen Einfahrt ein Schwarm von Krüppeln und Bettlern sich drängte . Barfüßige Kinder , Greise , Blinde und Lahme , Frauen mit verbundenem Kopf , Hexen nicht unähnlich , eine Zunft von Menschen , die den Spruch , wir wären nach Gottes Ebenbild geschaffen , zur Satire machten , alles das drängte sich mit halbzerbrochenen Scherben am Eingang - ein Kellner hielt alle noch zurück - In dem Blicke des Mönches auf jenes Gewühl erkannte Bonaventura , daß er sich den Armen anzuschließen im Begriff war ... Mein Donnerstagstisch ! sagte er und brach ebenso rasch ab , wie er vor einigen Stunden zu Bonaventura gekommen war . Bonaventura sah ihm lange - lange - und mit Rührung nach ... Sein Herz sagte ihm : Warum sollen es nicht die Kranken und die Armen sehen , daß ein Genius in den Fragen des Lebens vor ihnen nichts voraushaben will ? Warum soll nicht ein einzelner unter sie treten und ihnen zeigen dürfen , daß Entbehrung jedem wehethut und daß Hunger , Durst und Frost nicht das Lebensloos der Armen allein sind , ja daß es eine Glorie höherer Genüsse gibt , die selbst ein Gebildeter allem vorzieht , wonach die Entbehrenden mit neidischem Herzen schielen ! ... Und selbst der Einwand , der sich ihm aufdrängte , daß ein Mönch nicht arbeite und darum mit seinen Entbehrungen denen nicht gleichstehe , die in geringen Verhältnissen leben trotz ihres Fleißes , widerlegte sich seine noch unerschütterte Begeisterung für die Kirche durch eine eigene Auslegung der Schrift . Wenn wir nicht vom Brote allein leben , sondern auch vom Geiste Gottes , so darf zu diesem lebendigen Odem , der uns erfüllt und erhebt , auch ein festgehaltener äußerer Ausdruck des Uebersinnlichen gehören . Wie man die Kirchen schmückt , statt daß auch in schmucklosen derselbe Gott erkannt und gepredigt werden könnte , wie man seine Liebe durch ein Symbol ausdrückt , eine Blume , einen Ring , statt daß Worte ganz dieselbe Bedeutung haben könnten , so sollte nicht auch die äußerlich ersichtliche und vor der Welt festgehaltene Demuth , das Kleid und die Entbehrung des Klostergelübdes die immer bereite Vergegenwärtigung der Begriffe sein , die sie dem weltlichen Leben vorhalten und ihm gleichsam einbilden möchten ? Edler , als der Spartaner sich Heloten hielt , um seinem Sohne die Niedrigkeit dienender Seelen zu zeigen , schien dem sinnend Nachblickenden der Christ sich Mönche und Nonnen halten zu dürfen , um in der Fülle der Ungebundenheit und des leidenschaftlichen Lebensgenusses auch die reinen Typen zu bewahren der Selbstbeschränkung und Nur-Auf-Gottbezogenheit . Bonaventura speiste dann auf seinem Zimmer , bedient von einem ungeschickten Mädchen , durch dessen Unerfahrenheit hätte entschuldigt sein können , daß lieber , wie heute in der Frühe , eines der Fräulein Schnuphase mit schweigsamer Ehrerbietung , einer Martha gleich , erschienen wäre und das Serviren unterstützt hätte . Doch die seltsame Begegnung im Kreuzgange hielt wol die beschämten Heuchlerinnen fern . Daß Bonaventura nicht zu lange bei dieser Erfahrung verweilte , lag in der traurigen Gewöhnung seines Standes , derartige Eindrücke an Priestern wie an Laien fast täglich bedenken und in sich verwischen zu müssen . Um einen katholischen Priester ist es einsam . Friede soll über sein Gemüth hinwehen , die Leidenschaften sollen schweigen , immer soll er innerlich beschäftigt sein . So wollte es Hildebrand , als er , um aus ihnen die Gnomen der römischen Zauberkunst zu schaffen , ihnen die Ehe verbot , die Verbindung mit der Welt und mit dem gemeinen Leben . Von der Begegnung mit dem Mönche Sebastus war Bonaventura tief aufgeregt ; doch wußte er den Gefühlen , die ihn bestürmten , keinen Namen zu geben . Er forschte ihnen auch nicht zu lange nach ... Mahnen dann aber zuletzt die Geister zu gewaltig , stürmt es doch in der Brust , so haben die Lehrer der Kirche , unter ihnen tiefe Kenner des menschlichen Gemüths , dafür gesorgt , den Sinn zu heiligen , das Herz zu stillen , es zu bewahren - vor der Phantasie . Denn die Phantasie ist die gefährlichste Feindin des Einsamen ... Mannichfaltige Rathschläge gaben die Seelenmeister , ihren Lockungen zu widerstehen ... Bonaventura floh die Phantasie nicht , aber er dachte sich nie Zukünftiges , sondern nur Vergangenes ... Im Vergangenen - da konnte er schwelgen ! Aber wie rang er auch , nur allein das Einst festzuhalten ! Nur die Grenze zu wahren , wo nicht plötzlich ein rosiger Zukunftsschimmer in die Seele einbrechen konnte ! Mit Zukunftsträumen beginnen die Irrpfade der Einbildungskraft . Ihrem goldenen Glanze verschließe das geistige Auge ! Erwache aus jedem Traume , den es dich gelüsten könnte dir auf Zukünftiges zu deuten ! Mögliches , Gehofftes ist ein Arom der Geister , das die Sinne betäubt , ein Zaubertrank , der in Paradiese versetzen kann , selbst unter den Schrecken der Wüste ... Schreit dann die Seele inbrünstig » wie der Hirsch nach frischem Wasser « , so gibt ihm die römische Magie eine vom Munde man möchte glauben der schäumenden Wuth des leidenschaftlichsten Seelenschmerzes gesammelte Aqua toffana ... Auch Bonaventura kannte sie ... Wurde dem jungen Priester das Blut von einer plötzlichen Wallung durchglüht , rang er in der Noth des Aufschreis seiner gesunden Lebensgeister , so griff auch er nach jenen mechanischen Hülfsmitteln , die im Rosenkranzgebet den ersten Wassersturz , der Besinnungslosigkeit zu suchen lehrten ... Auch er zählte dann die Buchstaben der Evangelien und Episteln ... auch er rechnete , wie oft ein Wort sich auf einer Seite wiederholte ... Und wenn Paula ' s Name und ihre liebliche Erscheinung über seinen Geist wie eine sanfte Sphärenmusik sich senkte , so konnte auch er , um sich vor dem Vergehen in einem Meer von Sehnsucht zu retten , das liebliche Gedicht in Spee ' s Trutznachtigall : Wenn Morgenröth ' sich zieret Mit zartem Rosenglanz - statt vorwärts - rückwärts lesen . Half auch das nicht und klangen die Sphären zu berauschend , die Lockungen zu süß , so konnte er zählen , wie oft in einem solchen Gedichte ein einziger Buchstabe vorkam - und vielleicht nicht einmal der Buchstabe P ! Lacht nicht , ihr Feinde des Christenthums ! Ihr am wenigsten , die besten Freunde desselben nach dem Mönch Sebastus , ihr Juden ! Das eben brachte vielleicht schon Apella nach Rom . Mit solchen Glaubensspielen erfüllten schon am Jordan die Rabbinen das Wort des Psalmisten : » Wie hab ' ich dein Gesetz so lieb , o Herr ! Den ganzen Tag ist es meine Betrachtung ! « Jeden Augenblick horchte dann Bonaventura voll Bangen , ob es klopfen würde und der Mönch zum zweiten mal einträte , ihn zu einem Nachmittagsgange abzuholen . 6. Die Wirthin zum » Goldenen Lamm « war eine der rührigsten Frauen der Stadt . Und wäre sie nicht auch die gutherzigste und wohlthätigste ihres Geschlechts schon von Natur gewesen , die kleine dicke , rundliche , noch immer hübsche Frau , die Beichtväter hätten sie dazu gemacht . Sie hätten ihr diese Lust am Spenden schon als Strafe auferlegt , da die gute Frau das gesundeste Leben liebte und ein leicht in den Adern rollendes Blut hatte ... Ja , sie wechselte viel mit ihren Oberkellnern - sie wechselte auch viel mit den Vertrauten ihres Herzens ... sie betrachtete aber dann die » Religion « wie ein Bad , mit dem man allen schlimmen Staub der Seele wieder wegspült und immer wieder frisch und gefallsam in die Abwechselungen der schönen Erde , in Landpartieen , kleine Badereisen , Theater und Concerte zurückkehrt . » Die Tochter aus dem goldenen Lamm « einst genannt , hatte sie einen Sänger geheirathet , der sich bei ihren Aeltern , wie man zu sagen pflegt , » festgekneipt « hatte . Sie hatte dann diesen zum Wirth gemacht . Nachmals war er gestorben . Dann folgte unter gleichen Umständen ein Schauspieler . Auch von diesem wurde sie Witwe . Nun nahm sie das Leben ganz wie Semiramis , groß und frei , vom luftigsten Standpunkte . Aber gut war sie , unendlich gut , mildthätig bis zum Exceß , und dabei so stark und wohlgenährt , daß die Juweliere das Doppelte verdienten an den Ketten , die sie kaufte , dann ihren Verehrern heimlich zusteckte und sie sich , zur Genugthuung vor dem ganzen Dienstpersonal und den Stammgästen der Table-d ' hôte und des abendlichen Schoppens , scheinbar wieder von diesen zurückschenken ließ ... Und niemand hatte dies Manöver mit größerer Gewandtheit ausgeführt als seinerzeit Jodocus Hammaker , der einige Jahre lang , vor der ominösen Hängegeschichte mit Dominicus Nück , auch der Vertraute ihres Herzens und ihrer Kasse gewesen war . Mundet ' s euch heute nicht ? rief die Frau aus einem Fenster , das in die Einfahrt ihres großen und geräumigen Gasthauses ging . Denkt Ihr an die Karmeliterinnen , wo morgen Nachmittag groß Tractament sein soll , wie bei einer Kindtaufe ! Wird ja bei Euer Gnaden eingeladen , als käm ' eine Prinzessin ins Spital und wollte die Suppe kosten , die dann auch einmal aus Fleisch gekocht wird ! Damit reichte sie dem » gnädigen « Bettelvolk aus der mit ihrem Fenster in Verbindung stehenden Küche in die dargereichten Scherben Gemüse und Fleisch und füllte selbst die Gefäße , die oft so defect waren , daß sie ihr unter der Hand zerbrachen . Jeden Montag und Donnerstag fand diese Austheilung statt , die Tage ausgenommen , die noch etwaige Vergehen und die Gebote des Beichtstuhls hinzufügten . Diese » Abfütterung « , wie der Herr Oberkellner mit goldenem Siegelringe apathisch und seiner Stellung bewußt , sie benannte , mußte rasch geschehen , damit die Ordnung des frequenten Gasthauses nicht gestört wurde . Die Lahmen und die Blinden , die alten Frauen und barfüßigen Kinder durften sich nicht zu lange aufhalten und etwa die Gabe unter der Einfahrt oder im Hofe schon verspeisen , manche gar ohne Messer und Gabel wie die Wilden . Die Wirthin schöpfte dabei immer aus , warf zuweilen ein schlechtes Stück mit einem derben Kraftworte an die Köchinnen hinter sich zurück und ruhte nicht einen Augenblick im Nutzen ihres Mundwerks . Das Stück geb ' ich ja keinem Hund , viel weniger einem Menschen ! ... O die Metzger ! ... Die bringen ' s aus ! ... » Kaufe keinen Ochsen ohne Knochen , Madame ! « sagte der neulich am Rothenthurm ... Nun ? Steht mir nicht so lange ! Marsch ! ... Jesus Marie , was ist das für ein Topf ? Ein halber Henkel kaum ! ... Ich glaube , erst vorige Woche gab ich einen neuen ! ... Riekeschen ! ... hörst du ! Mach ' mir mal den Rock hinten ein bissel loser ! Zwei Haken ! ... So ! ... s ' ist mir heut ganz schlecht , denk ' ich an die Frau , die sie die Nacht umgebracht haben ! ... Weiß man denn immer noch nicht , Leute , wer ' s gethan hat ? ... Wozu ist nun die wohllöbliche Polizei ! ... Jeden vergessenen Nachtzettel straft sie , von jedem Fremden , der von auswärts kommt , will sie wissen , was er für eine Nase hat , aber was drinnen in der Stadt vorgeht unter den Spitzbuben und Räubern und Mördern - Der Oberkellner rief den Aufhorchenden , die auf diese Art auch noch die Zukost publicistischer Neuigkeiten und über Welt und Zeit allerlei freisinnige Ansichten erhielten : Marsch ! Fort ! Es kommen Fremde ! Nun , nun ! rief nun wieder den Oberkellner verweisend die Wirthin . Geduldige Schafe gehen viel in einen Stall ! Dann aber polterte sie doch wieder dem Oberkellner zu Liebe : Riekeschen , mach ' fort , daß die Bagag ' hinauskommt ! Ihr Trampelthiere ! Laßt doch erst die Kinder vor ! Vom Lärm des Bettlervolks und der Straße wurde die Rede der guten Lammwirthin übertäubt . Wagen kamen und gingen , Omnibus rollten , die Glockenzüge , die den Hausknechten schellten , wurden gezogen und jetzt bekam auch die Lachlust ein Schauspiel durch ein komisches Intermezzo . Zwei Italiener begrüßten sich , wie es schien , nach jahrelanger Trennung ... Der eine kam eben mit dem Omnibus , der andere empfing den Aussteigenden unter der Hausthür . Neben letzterm standen zwei jüngere , die auf ihren Häuptern Breter mit Gipsfiguren hielten und in dem Augenblick , als die beiden ältern die Zeichen der höchsten Freude austauschten , das Gleichgewicht verloren . Eine mit Strahlenkronen geschmückte Madonna fiel und zerbrach . Der ältere in grauem Kittel und Manchesterbeinkleidern , unser Napoleone , hatte jetzt mindestens fünf Dinge zu gleicher Zeit zu erledigen ... Einmal seinen aus London kommenden Bruder zu begrüßen , Marco Biancchi , einen scharfblickenden , schon graubehaarten Italienerkopf , dann ihm seine Söhne vorzustellen , dann wieder diesen ihre Unachtsamkeit vorzuhalten , nun wieder auf ein Fenster im fünften Stock zu zeigen , wo ein weiblicher Kopf herausschaute , ohne Zweifel Porzia , und dann doch wieder staunend auf die große Bagage seines Bruders Marco zu zeigen , die nun abgeladen wurde , und bei alledem auch noch die Umstehenden zum Kaufen zu ermuntern ! E questo possibile ! rief er . Dopo quindici anni rivedersi encora ! ... Asino , dove ai gli occhi ! ... Questo e mio figlio ! Il mio segundo ! Questo il terzo ! La sopra mia figlia ... Fa attenzione , asino ! Di non dimenticare , quello che tu ai sopra la testa ! ... Fratello ! Caro fratello ! ... Ma tu mi sembre un cavaliere ! Cielo ! Quel gran baulo ! Attenzione cocchieri ! ... Buon albergo ! Proprio et buon mercato ! ... Figuri kauf ! Alles das ging bunt durcheinander . Bei allen diesen Vorgängen sitzt auf der dritten oder vierten Stufe der Treppe des Hotels Pater Sebastus und verzehrt mit Gabel und Messer , die ihm zur besondern Auszeichnung die Wirthin dargereicht , sein Gemüse und sein Fleisch ... Er thut es sonst so hell umschauend , heute aber wie ein völlig Abwesender ... Erbebend schon von der Begegnung mit dem Rittmeister und Landrath von Enckefuß , dem dritten in dem unheimlichen Bunde von damals , als man sich das Wort gegeben zu haben schien , einen Mann wie den Kronsyndikus , Sprossen der alten Sachsenherzoge , nicht die Folgen einer Uebereilung erleiden zu lassen - war sein Auge , irrend auf der mit Zetteln beklebten Wand , zu der er sich abgewendet , - auf Serlo ' s Weib und seine Kinder gefallen ... Wenn man sonst von ihm sagte : Da ist ein Mönch , der sich wie die Heiligen in Dornen wälzen könnte ! so hätte man es heute wol glauben mögen . Das Reden der Wirthin , das Durcheinander der Bettler , die Begrüßungen und die Ankunft der Italiener hörte er nicht ... Mechanisch verzehrte er seine karge Mahlzeit ... Schon war er mit ihr zu Ende , saß ermüdet , versunken und starr vor sich niederblickend , die leere Schüssel in der Hand , dicht an die Mauer gedrückt , um niemanden auf der lebhaften Passage der Treppe zu stören ... Da kommt eine schon bejahrte , aber stattlich aufgeputzte Dame mit zwei leicht und behend die Stufen hinaufhüpfenden halbwüchsigen Mädchen ... Plötzlich hielt die Frau inne , betrachtete ihn und redete ihn mit dem Gruße an : Aber , Herr Doctor ! Sind Sie es denn wirklich ? Ja , kennen Sie mich denn nicht mehr , Herr Doctor Klingsohr ? Der Bruder Sebastus springt auf , stellt seine Schüssel zur Seite , betrachtet Madame Serlo-Leonhardi und Serlo ' s herangewachsene Kinder wie ein Irrsinniger , den jemand auf seine frühere Vernunft anredet und der sich darauf von ihm wie taub abwendet , während doch ein gewisser trauriger Blick der Befremdung auszudrücken scheint , daß ihm eine Ahnung nicht ganz fern läge von dem , was der Anredende meinen möchte und was er einst wirklich gewesen sein könnte ... Er sieht die erhitzt aus der zu ihrer abendlichen Vorstellung abgehaltenen Probe Zurückgekommenen mit zusammengedrückten Augen wie zweifelnd und in Furcht an und geht von dannen , ohne ein einziges Wort gesprochen zu haben . Wer die Scene beobachtete und der in Erstaunen und in den lauten Ausruf ihrer Ueberraschung ausbrechenden Schauspielerin den vollen Glauben schenkte , daß dieser Mönch ein ehemaliger Bekannter von ihr , ein Doctor Klingsohr wäre , konnte in der That hinzufügen : Jetzt aber ist es ein Heiliger ! Denn Pater Sebastus war vor ihr zurückgewichen , wie vor einer Bewohnerin einer ihm völlig fremden Welt ; er hatte ihrer Annäherung sich entzogen , wie einer Unreinen ... Der Schein der völligen Entfremdung von seiner Vergangenheit hob und verklärte ihn fast . Dennoch schoß er an den Häusern dahin wie ein Besinnungsloser ... Erst , als ihm jener Dämon , der im menschlichen Innern hockt und der selbst unserm tiefsten Schmerze höhnende Geberden machen kann , sagte : Siehst ja aus , als gehörtest du auch zum Mummenschanz ! merkte er auf sich ... In dem kleinen Schatten der Mittagssonne sah er sich wie einen verhutzelten Gnomen durch die schattenlosen Gassen schreiten , in einer ihm wie jetzt erst auffallenden Kutte , barhaupt , barfuß ... Das ist deine Angst , mit Komödianten verwechselt zu werden , daß du so entliefst ! sagten ihm jene innern Stimmen , die er schon sonst » Ironieen des Satan « genannt hatte und schon damals , noch ehe er an den Satan glaubte ... Irrend wankte er dahin ... Kindern hätte er sich anschmiegen mögen mit einem : Nehmt mich mit ! ... In seine Wohnung wollt ' er und fand sie nicht - es war eine kleine Zelle in einem ehemaligen Profeßhause der Jesuiten - dort gab es lange Gänge , selbst unterirdische aus den Zeiten her , wo die Kirchenfürsten diese Stadt als Regenten beherrschten und oft vor dem Trotz und dem Freiheitssinn der Bürger sich flüchten mußten - in eines dieser Verließe wieder , wo er schon öfter dahingetastet , dort mochte er sich verbergen , nur um die innern Stimmen , diese quälenden , zum Schweigen zu bringen ... An jeder Kirchthür verbeugt er sich ... an jedem steinernen Kreuze schlägt er eines auch auf seiner Brust ... die Momente der klarsten Anschauungen , des Witzes , der Unbefangenheit , der schärfsten Kritik über sich und andere , die er heute gehabt , weichen dem Paroxysmus , der schon damals im Mondenschein im Park von Schloß Neuhof die Gespenster Heinrich Heine ' s leibhaftig sehen konnte und von den alten Stammers redete , wie wenn sie säßen und Schön Hedwig beweinten , ihr Kind , das ihnen der wilde Jäger geraubt ... oder wie er seine Mutter sehen konnte , eine verschleierte Nachtwandlerin , mit der Lampe in der Hand und durch die Ahnensäle der Wittekinds schreiten ... oder wie er oft ganz deutlich am Strande der Ostsee Lucinden im nächtlichen Nebel den Klabautermann auf einem Schiffe zeigte ... oder wie er später , als er den Saft der Mohnblume wie alles erproben wollte , sich dem Gangesgott im Kelche der Lotosblume verglich ... Wie hätte ihn noch der Mord der Buschbeck schütteln müssen , wenn er den in Erfahrung gebracht ! Nur war er nicht der Mann des Hörens , sonst hätte er längst davon vernehmen müssen ... Der Geist , der jetzt ihn jagte , war - die Erinnerung an Lucinden . Immer tiefer kommt er in das Labyrinth der engsten Gassen ... Nichts will er sehen von den lichteren Straßen , selbst die nicht , wo die Zeitungsexpeditionen liegen , die seine neuesten Artikel verkaufen - dem Laden Klingelpeter ' s , wo eben die zinnernen Athanasiusmedaillen in die Welt gehen , schießt er vorüber ... Alte Frauen plötzlich , in seltsamen Trachten , den Kopf mit grellfarbigen Tüchern umwunden , sitzen vor verfallenen Häusern und zupfen Werg aus alten Matratzen ... Der Staub wirbelt auf ... Fremdartig gesprochene Laute wecken ihn ... Nichts von den Heiligen , nichts mehr von der Gottesmutter ... Bei den Juden ist er ... in der Rumpelgasse ... Hier wohnen ihrer Hunderte dicht beisammen , Kleider hängen an den Häusern , alte Möbel , versperren die Wege , Flaschen und Gläser stehen an den Fenstern und nun erst findet sich der Taumelnde zurecht . Vor einem der rothbraunen Häuser , gebaut aus Steinen , die vielleicht übrig geblieben von damals , als die Vorvordern der Einwohner dieser Gasse sich einst selbst verbrannten , um der zu Zeiten im Mittelalter epidemischen Verfolgungswuth zu entgehen , stand der wie im Kreise Getriebene plötzlich still und betrachtete den Geschäftsreichthum einer Trödelfirma , die sich » Nathan Seligmann « nannte ... Hinter ihm aber steht ein Mann , der ihn beobachtet . Es ist nicht unser Löb , der von ihm trotz des Judaeus Apella so altburschikos behandelte Anbeter der heute mit einem Blumenstrauß gefeierten jüdischen Druide Veilchen Igelsheimer , die dem Geschäfte ihres Verwandten vorsteht mit einer Kenntniß des Alterthums und des Gerümpels der Jahrhunderte , die Lucinde an der Maximinuskapelle geahnt zu haben schien , als sie dem Wirth zum » Weißen Roß « als den eigentlichen Wardein der von dem Knaben verkauften alten römischen Münzen den Ahasver selbst genannt hatte . Eine andere Persönlichkeit war es , die den Mönch daherkommen und vor dem Trödelhause Nathan Seligmann ' s sinnend halten sah ... Den Rücken auf einen Stock stemmend , der fast zusammenbricht von der weniger schweren , als vielleicht ermüdeten Last , denkt das etwa vorhandene Menschenstudium desselben beim Anblick eines in den Trödelkram verlorenen Franciscanerpaters : Pater Sebastus ? Der Franciscaner ? Will der Juden bekehren ? Mit Veilchen Igelsheimer den Anfang machen ? Fehlt ihm in seiner Klause ein Luxusgegenstand , den er dort einzuschmuggeln gedenkt unter der Kutte ? Eine Lichtputze , eine Lampe zum Studiren , eine Laterne für die unterirdischen Gänge , wenn er die geheimnißvolle alte Pforte im Gewölbe des Profeßhauses finden sollte ? ... Wie er die Kleider betrachtet ! ... Doch nicht etwa den alten rostigen Ritterhelm ? ... Doch nicht den Dreimaster und den Galanteriedegen dazu ? ... Oder den Frack mit ellenlangen Schösen und die carrirten engen Beinkleider , die ihm vor Jahren ganz gut mögen gepaßt haben ? Der Späher , der selbst wie ein Irrender bald da , bald dort still gestanden und fast die Spalten der Thüren , die Risse der alten Häuser betrachtet hatte , als könnte er sich in sie verkriechen , ja als suchte er nur allein dem Sonnenstrahl auszuweichen , wie weiland der allein in der Nacht lebende Held Trojan , ein Vampyr der serbischen Sage - der Späher tritt in ein Haus zurück ... Der Mönch macht eine Bewegung , als wollte er weiter gehen ... Bald aber erkennt der Späher , daß dies Weitergehen nur die bekannte Bewegung ist , die einen andern Entschluß maskirt . Einigemal wendet sich der Mönch , als hätte er sich im Wege geirrt , wäre unschlüssig , sich links oder rechts zu wenden , und ehe er noch darüber von jemand beobachtet zu sein glaubt , ist er verschwunden . Selbst für den Späher ist er es , der in eines der alten Häuser getreten ... Scheint dieser doch selber zu fürchten , belauscht zu werden . Nach einer Weile tritt der Späher wieder hervor und sieht sich vorsichtig um . Die heiße Mittagszeit macht die Gasse menschenleerer als sonst . Dann an den niedrigen Fenstern Nathan Seligmann ' s vorüberstreifend , erkennt er den Pater durch die Trödelvorräthe hindurch ... Er befindet sich unter ihnen ... Was kann der Mönch dort wollen ? Er scheint zu handeln ? Um was ? Er zeigt auf seine Kutte ... sieht er dich ? Vorübergleitend entschlüpft der Lauscher . Sein sonst so elastischer Spürsinn ist heute frei von aller Unternehmungslust . Wankend schreitet auch er dahin ... nimmt einen Weg , er weiß es selbst nicht wohin ... an den Straßenecken wird ein Anschlag der Polizei angeheftet ... Hundert Thaler dem , der eine Spur zur Entdeckung des Mörders der Frau Hauptmann von Buschbeck angibt ... Sonst war er so flink , solche Summen zu verdienen , er , der alle Spelunken der Stadt , die Herbergen der Freude und des Raubes kennt ... Weiter wankt er , grüßt und achtet nicht des ausbleibenden Gegengrußes ... Gewohnt scheint er das ... Sonst studirt er jedem , den er grüßt , eine Frage nach seiner Lage , nach seinem Thun und Treiben und eine selbstgegebene Antwort an ... Auch heute hätte er Gelegenheit gehabt , seine gewohnten Glossen zu machen . Da fährt Herr Bernhard Fuld in einem eleganten Coupé mit seinem jungen Weibchen neben sich in ihre Villa hinaus nach Drusenheim ... Der Späher scheint zu denken : Sie fahren wie mit Extrapost ! Man glaubt wegen des europäischen Gleichgewichts und vielleicht ist nur eine neue Toilette aus Paris gekommen , die sich vor Ungeduld Madame selber abgeholt hat ! In einem Gig fuhr sich hinter ihm her der Freund der Fulds , Herr Gebhard Schmitz ; ein Groom sitzt neben ihm , die Hände ineinander geschlagen , wie wenn er der Herr wäre ... Der Späher sieht ihm nach und weiß vielleicht schon : Ist die bestellte Caricatur am nächsten Sonntag fertig , wenn ihr eure Landpartie macht ? Ein offen zurückgeschlagener großer Wagen mit zwei Damen und einem Herrn biegt um eine Straßenecke ... Der Späher erschrickt im ersten Augenblick , zieht tief den Hut und blickt dem Wagen nach : Madame Hendrika Delring ! Sie fährt vor dem Fünfuhr-Diner noch mit ihrem Mann aufs Land , weil sie von einer Gelegenheit gehört haben , für den ersten - gemischten - Enkel des Hauses Kattendyk eine vortreffliche Amme zu bekommen ... Die neue Gesellschafterin wol bei ihr ? ... Nein ! Die schreibt an ihren Freund Hunnius , daß im Domstift immermehr Platz wird ... Oder ist es die Kleine - Aufschreckend wankt der Beobachter dahin ... immer weiter und weiter ... allmählich ermannt er sich und tritt in eine Weinschenke , sich in der Hitze eines Nachsommertages zu stärken ... Doch des Redens über den Mord auch hier kein Ende ... Man klagt die Frau Hauptmännin an und sagt fast , ihr wäre recht geschehen , und schon setzt er an , sie zu vertheidigen und eine ganze Rede wickelt sich in ihm auf : Sehr wohl kannt ' ich die Aermste , aber glauben Sie mir , meine verehrtesten Herrschaften , sie war mehr krank als böse ! Die Vortrefflichste glaubte an die Seelenwanderung und war in Fledermäuse verliebt , weil sie hoffte , die würden sie einst durch die Lüfte ins Jenseits tragen ! ... Für den König der Fledermäuse sparte sie gefangene Mäuse und Batzen und Coupons ... O wie oft habe ich sie gebeten , ihre Guitarre neu beziehen zu lassen ! Aber nur zwei Saiten wollte sie auf ihr dulden ; die eine war sie , die andere Bruder Hubertus im Kloster Himmelpfort , genannt der » Abtödter « ... Wie oft pfiff sie mir sein Leiblied , als er noch schmuck und grün durch die Wälder daherkam aus Holland und Java , wo ihn die Indier gelehrt hatten , wie man Menschen so weit bringen kann , nur noch dreißig Pfund zu wiegen , die Hälfte vom Nettogewichte meines Bauches vor dem Mittagessen ! .. O ihr hättet sie sehen sollen , die Frau » Baronin « , wenn sie die Thür verschlossen hatte und durch das Schlüsselloch mit mir über den Stand der Zinsen und die Leiden der westfälischen Domänenkäufer sprach , deren Obligationen so werthloses Papier geworden sind ! ... Das Schluchzen dann hinterm Schlüsselloch hätte euch gerührt und ihr hättet ein Gemüth bewundert , das dreißig giftige Pfeilspitzen liegen hatte und doch allen denen vergab , die sie beschuldigten , ihre Dienstboten nur aus bösem Herzen zu quälen , während es nur ihr unglückseliges Loos war , daß sie in der Nacht Mitgefühl bedurfte , zufällig zu einer Stunde , wo frische und gesunde junge Mädchen zu schlafen pflegen ! ... Eine , ja Eine , die ist ihr einmal zu Dank gewesen ! Das hat sie mir oft erzählt ! Die blieb ein Jahr , neun Monate , funfzehn Tage , drei Stunden bei ihr ! Die hat sie dann aber auch , so sagte sie oft , ausgestattet wie eine Prinzessin ! Auf ein vornehmes Schloß hat sie sie gegeben , wo sie wie eine Prinzessin gehalten wurde ; nur seidene Kleider und goldene Spangen mit Juwelen durfte sie da tragen ; aber sie war ja selber schuld , kicherte die gute Baronin hinterher , daß sie ' s nicht lange genoß ... der Nickel wollte auch die Krone haben ! sagte sie . Und dann hustete die Edle wie aus feuchten Kellern heraus die liebreichen Worte : Na aber , da haben wir sie schön abgeführt ! Möglich , daß der wirkliche Vortrag dieser Erzählung durch die Erinnerung an das grelle Lachen gehindert wurde , in welches die Hingeopferte nach solchen und ähnlichen vertrauten Mittheilungen sich in Gegenwart ihres guten Freundes und Rathgebers zu verlieren pflegte ... Oder was ist es , daß er die Weinschenke verläßt ? .. Es ist drei Uhr ... Am Hahnenkamp begegnen ihm vier fröhliche Menschen , unter ihnen sein wärmster Beschützer nächst Dominicus Nück , der Assessor von Enckefuß ... Aber ha ! Auch Benno von Asselyn , dem er noch gestern Abend so dicht unter die Augen getreten , als wollte er sagen : Sieh mich