mit einem festen Panzer umgeben . - Vielleicht , « setzte er in gefälligem Tone hinzu , » weil es geahnet , daß es sich in die Nähe solcher Eroberer , wie du bist , wagen müsse . « Der Graf legte den Kopf in die Hand und entgegnete mit ernster Stimme : » Nein , nein , laß die Spöttereien ! Ich versichere dich - dir im allergrößten Vertrauen zugegeben , was du aber wahrscheinlich schon entdeckt - es geht mir diesmal über den Spaß . Ich stehe an dem Wendepunkt , und du wirst wissen , wohin der eine Weg zielt , wenn ich dir sage , daß Eugenie von S. einen mächtigen , unvertilgbarm Eindruck auf mich gemacht . « » Sagst du das dem Freunde oder dem Anverwandten dieses glücklichen Ehrenfräuleins ? « » Du kannst nun einmal die Scherze nicht lassen ! « erwiderte Graf Fohrbach . » Aber man muß sich vor dir in Acht nehmen ; nur zum Freunde sprach ich eben . « » Daran thust du sehr Unrecht ; du solltest dich dem Verwandten dieses liebenswürdigen Mädchens in die Arme werfen . Du weißt , da ließe sich was arrangiren : meine Frau wäre glückselig , eine solche Partie zu Stande bringen zu dürfen . Und nehme mir nicht übel , wenn ein Graf Fohrbach anklopft , so öffnet man bereitwillig die Thüre und setzt keinen Korb davor . « » Das will ich aber eben nicht , du prosaischer Mensch . Hätte ich deßhalb mancher Dame den Hof gemacht , und mit einigem Erfolge , um zuletzt eine Ehe einzugehen unter dem Wappen meines Hauses ? - Nein , wahrhaftig nicht ! Wenn ich mich einmal glücklich verheirathen werde , so müßte das Mädchen , das ich mir erwählt , ihr Alles daran setzen und im Nothfalle Alles zu verlassen im Stande sein , um mir zu folgen . « » Du hast dich wahrhaftig sehr verändert , « bemerkte der Major , » denn es ist das erste Mal , daß ich dich eine Bibelstelle citiren höre . - Also der Herr Graf haben wirklich seine Herrin gefunden ? - haben in der That sein erlauchtes Herz verloren ? « » Total ! « seufzte dieser ; » total ! - und ich glaube , ich finde es niemals wieder . « Der Major schaute einige Augenblicke nachdenkend zum Fenster hinaus , sah hierauf sein Gegenüber lange und forschend an , und dann sagte er : » Ja , ich habe so was gemerkt . Du bist nicht mehr der Alte , namentlich wenn sie in der Nähe ist . Meine Frau hat mich eigentlich darauf aufmerksam gemacht ; du benimmst dich in Eugeniens Gegenwart , um wenig zu sagen , schüchtern . Du hast deine ganze Routine verloren und scheinst mir sogar oftmals um eine pikante Antwort verlegen , woran es dir doch sonst wahrhaftig nicht gefehlt hat . « » Ich fühle das wohl , « entgegnete der Graf , » und ärgere mich genug darüber . Aber wenn ich in ihre Nähe komme , wenn sie mich mit ihren großen Augen so ruhig anblickt , wenn sie mit ihrer tiefen Stimme zu mir spricht , so schnürt sie mir das Herz zusammen , ich kann kaum athmen , und wenn mir auch etwas nicht gerade Ungescheidtes einfällt , so bin ich oft nicht im Stande , es gehörig in Worte zu fassen und ihr zu sagen . « » Wir kennen das . Aber du mußt diese Aengstlichkeit zu überwinden trachten . Ein solches Mädchen wie Eugenie , verlangt von Jemand , den sie lieben soll , volle Gewandtheit des Geistes ; da thut ' s alle Eleganz und alle Geschicklichkeit des Körpers nicht allein , und wenn du mit deinem Pferde noch halsbrechendere Sprünge auf dem glatten Pflaster machst als vorgestern , da du ihrem Wagen begegnetest . « » Sprach sie mit dir darüber ? « fragte hastig der Graf . » Gerade nicht zu mir , « erwiderte der Andere , » auch sie nicht selbst ; sondern die Oberhofmeisterin , die mit ihr fuhr , erzählte es dem Herzog Alfred , der gerade dabei stand und meinte , du seiest beinahe hingestürzt . « » Das ist nicht wahr ! « rief der Adjutant entrüstet . » Und der Herzog lachte auf seine sonderbare Weise , und meinte dann , nachdem er die dünnen Lippen zusammen gepreßt , es sei eigentlich eine Art Thierquälerei , so mit diesen edlen Pferden umzugehen . « » Eine Thierquälerei , die er freilich nie versucht , weder auf dem Pflaster noch sonstwo . « » Nun ja , da hast du schon Recht , « antwortete nachdenkend der Major , nachdem er sich mit der Hand über die Augen gefahren , den Bart gestrichen und dann ruhig in ' s Zimmer hinein gesehen . - » Mit seinem Reiten ist ' s nicht weit her - aber , « - setzte er mit Betonung hinzu , » er braucht das auch nicht , dafür ist er Herzog , und was ihm an Körpergewandtheit abgeht , das ersetzt vollkommen seine unglaubliche Zungenfertigkeit . « Bei diesen Worten , die der Major sehr ruhig sprach , zuckte der Graf augenscheinlich zusammen , und dann schaute er seinen Freund fest und mit großen Augen an , welchen Blick der Major mit einem Lächeln zurückgab . Graf Fohrbach sah forschend im Zimmer umher , dann beugte er sich zu seinem Freunde hinüber und sprach mit leiser Stimme : » Das hast du nicht ohne Absicht gesagt ! « » Und was denn ? « » Du weißt schon , was ich meine ; es ist das ein Lied ohne Melodie , das ich in kurzer Zeit öfters gehört . - Ja , er hat eine scharfe und gewandte Zunge ; aber sage mir , Eugen - sage mir die Wahrheit , wir sind ja unter uns - glaubst du , daß sie auch Geschmack an seinen Worten findet und sie gerne anhört ? « » Lieber Freund , « erwiderte ruhig der Major , » das ist eine Frage , die nicht gut zu beantworten ist . Ich kann nur meine Worte von vorhin wiederholen : er ist Herzog und spricht schön und gewandt . « » Da hast du Recht ! « rief unmuthig Graf Fohrbach . Worauf er die Theaterlorgnette , mit der er bisher gespielt , etwas heftig auf den Tisch setzte und von seinem Stuhle aufstand . Dann machte er einige hastige Schritte durch das Zimmer , so daß sein Säbel , den er nicht fest eingehakt hatte , mit dem Ende der Scheide klirrend auf den Boden fiel , was in dem großen , stillen Gemache einen gewaltigen Widerhall gab , worauf der Adjutant seine Waffe fest in die Hand nahm , ohne aber seinen Spaziergang zu unterbrechen , dem der Major kopfschüttelnd zuschaute . Nachdem er das Zimmer mehrere Male durchschritten , trat er endlich dicht neben seinen Freund hin , legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach mit sanfter Stimme : » Sei ehrlich gegen mich , Eugen ; du sagst nie etwas ohne Absicht , und deine Worte von vorhin haben einen verborgenen Sinn . Ich weiß wohl , was sie bedeuten sollen ; hier in meinem Herzen fühle ich es ; aber ich möchte wissen , ob du dem großen Haufen nachsprichst , denn auch da hörte ich ähnliche Aeußerungen , die ich jedoch verachtete . - Aber nein , nein ! du sagst nie eine fremde Ansicht , du sprichst nur nach Ueberzeugung , und ich bitte dich herzlich , theile mir diese mit , sage mir , was du weißt ; das kann ja auf alle Fälle nur zu meinem Glücke sein . « Der Major hatte den viel jüngeren Freund , der vor ihm stand und dessen ganzes Wesen bei den Worten , die er sprach , gewaltsam erzitterte , mit wahrer Theilnahme angeblickt . Ja er nahm sanft die Hand , welche er auf seine Schulter gelegt , und sagte : » Höre mich ruhig an . Du wirst hoffentlich überzeugt sein , daß ich Alles thue , was dir nützlich ist , was dir zu deinem Glücke , wie du sagst , verhelfen kann , und wenn ich über die Sache von vorhin etwas Genaueres wüßte , hätte ich es dir schon lange mitgetheilt . Du behauptest , ich forme mir meine eigene Ansicht ; das ist ganz richtig , und ich spreche nur dann , wie vorhin , die des großen Haufens aus , wenn sie mit meinen eigenen zusammen stimmt . « » Und das thut sie in diesem Falle ? « fragte der Graf erschrocken . Der Major nickte mit dem Kopfe . - » Meine und auch die meiner Frau , « sagte er . » O ! das ist sehr schlimm ! « rief schmerzlich der junge Mann . » Und ihr habt eure Beweise , daß er sich Eugenien nähert ? - Vielleicht auch solche , daß sie seine Annäherung duldet , daß sie ihr sogar lieb ist ? « » Nein , nein , nein ! « sprach bestimmt der Major . » Nur nicht gleich wieder fertig zum Durchgehen ! Wenn ich auf deine Frage mit Ja antwortete , so müßte ich ja zugeben , die Beiden seien schon im vollkommensten Einverständniß . « » Ja , das ist wahr , « erwiderte der Adjutant nach einer Pause wie aus tiefen Träumen erwachend . » Dann wären sie freilich im Einverständniß ; und das sind sie wohl noch nicht ! - Nicht wahr , Eugen ? « fragte er dringend . - » Ah ! wenn ich nur an ein solches Einverständniß denke , so steigt mir das Blut in den Kopf und ich sehe nichts mehr . - Ein Einverständniß ! - Was könnte zwischen den Beiden für ein Einverständniß sein ? « » Sei nur nicht so exaltirt ! « bat der Major . » Setz ' dich ruhig dahin . Es sollte mich gar nicht wundern , wenn einer der Kammerdiener seine wißbegierigen Ohren an die Thüre legte , um dich schreien zu hören . « Der Graf Fohrbach drückte gewaltsam Schärpe und Säbelkuppel herunter ; das schien ihn Beides im freien Athmen zu hindern . Dann warf er sich , dem Wunsche des Freundes gehorsam , in seinen Stuhl , der wie wir wissen , so nahe am Fenster stand , daß es ihm leicht wurde , seine brennende Stirne gegen die kalten Scheiben zu drücken . » Ich möchte etwas sagen , « begann er nach längerem Stillschweigen wieder ; » aber nimm es mir nicht übel : es ist ein fürchterlicher Gedanke , der auch dich schmerzen muß ; aber mir zerreißt er das Herz , und so vergib denn , wenn ich ihn ausspreche . « » Nur zu , « erwiderte der Andere lächelnd ; » ich kann mir fast denken , was da heraus kommen wird . Laß deinen Phantasieen vollen Lauf ; - genire dich gar nicht . « » O Eugen , das sind nicht blos Phantasieen ; ich fürchte , es ist etwas Wahres dahinter . - Eugeniens Vater - es ist leider einmal ein Anverwandter von dir - « » Sehr , sehr entfernt , « versetzte der Major . » Ja , ja ; aber dieser Herr von S. steht , wie du weißt , in keinem guten Renommée . « » Er ist etwas Spieler und Aventurier ; aber eigentlich Schlimmes kann man ihm nicht nachsagen . « » Bis jetzt nicht , aber - « Der Graf stockte , weil ihn ein eigenthümlicher Blick seines Freundes traf . » Aber - « fuhr er nach einer Pause fort - » er ist derangirt ; würde er sich etwas daraus machen , wenn ihm zum Beispiel der Herzog , der sehr reich ist , auf die eine oder die andere Art wieder emporhelfen wollte ? - Doch verzeih ' mir , daß ich das sage ; ich weiß wohl , ich bin außer mir , vielleicht sinnlos . Mir scheint , ich spreche ohne allen Verstand . « » Nein , du sprichst ganz verständig , « erwiderte der Major mit großer Ruhe , während er mit vieler Sorgfalt ein großes E auf die angehauchte Fensterscheibe zeichnete . » Deine Worte sind nicht sinnlos , und ganz im Vertrauen gesagt , halte ich den Herrn von S. zu allerlei fähig , Seine Durchlaucht den Herrn Herzog nicht minder . - Denn haben wir junge Leute zu unserer Zeit Besseres getrieben ? « » Aha ! doch dergleichen nicht ! « rief Graf Fohrbach entrüstet . » Ich wenigstens habe um einer vergnügten Stunde willen nie das ganze Lebensglück eines Mädchens und desjenigen , der sie liebt , auf das Spiel gesetzt . « » Du nicht ? « fragte lachend der Major . » In deiner Gesellschaft hast du allerdings dergleichen nicht versucht ; aber blicke tiefer hinab , da taucht dir doch vielleicht irgend eine Erinnerung auf , welche mit dieser Geschichte Aehnlichkeit hat . « » Du könntest Recht haben , « antwortete Graf Fohrbach , nachdem er einige Augenblicke nachgedacht . » Aber das gehört eigentlich nicht hieher , « fuhr der Andere fort . » Genug , ich gebe dir zu , der Vater wäre vielleicht im Stande , sich die Tochter abkaufen zu lassen . - Wie kannst du aber nun glauben , daß Eugenie , dies unschuldige Geschöpf , dies reine Herz , wie du sie selbst oft genannt , in dergleichen willigen könne ! - Schon der Gedanke müßte ein solches Mädchen vor Abscheu wahnsinnig machen . « » Du bist älter als ich und erfahrener , « erwiderte kopfschüttelnd der junge Mann , » und es scheint mir , ich muß dich belehren . Man wird es freilich nicht wagen , ihr einen solchen Antrag zu machen , aber man hilft dem anderen Theile , indem man ihm die Annäherung erleichtert ; und die wird uns nicht schwer , « fügte er mit Betonung bei , » wenn man Herzog ist und eine gewandte Zunge hat . « » Die dir auch nicht fehlt ! « rief halb entrüstet der Major . - » Aber jetzt habe ich die Geschichte vollkommen satt . Weiß der Teufel , daß ich mich immer für Eugenie herum zanken muß ! Kaum bin ich von Hause fort , wo mir meine Frau die Ohren voll geplaudert , so komme ich vom Regen in die Traufe , und hier an einen wüthenden Liebhaber . « » Siehst du , Verräther ! « sagte der Graf mit halbem Ernste ; » deine vortreffliche Frau denkt und fühlt gewiß wie ich . Oh ! die Weiber haben darin einen unbeschreiblichen Takt ! Auch sie wird es merken , daß hier nicht Alles in Richtigkeit ist . Nicht wahr ? - Sprich ! ich habe Recht . « » Was wird sie merken ! « erwiderte eifrig der Major mit komischem Zorne , da er sich in die Enge getrieben fühlte . » Nichts merkt sie ; das ist wieder wie in so manchen Dingen , viel Lärmen um nichts ; Alles , was die Leute sagen und was meine Frau schwätzt und was du fürchtest , läuft am Ende auf nichts mehr und nichts weniger hinaus , als auf eine vielleicht unschuldige Courmacherei . « » Die du also doch am Ende zugibst ! « » Ja , die ich am Ende zugebe , « entgegnete der Major nach einem tiefen Athemzuge . - » Aber jetzt laß mich zufrieden . Da wäre mir ein Spaziergang in frischer Luft auf alle Fälle viel besser bekommen . « » Nun , es ist nur gut , daß deine Frau wie ich denkt , « sprach der Adjutant nach einigem Nachsinnen . » Das ist ein vortreffliches Weib ; ich werde mich an sie halten . « » Um gemeinschaftlich über mich zu raisonniren ? « lachte der Major , der sich von seinem Stuhle erhob . - » Nun , das kannst du noch heute Abend thun , freilich werde ich dabei sein und - Eugenie , aber ihr braucht euch gar nicht zu geniren : euch zuliebe will ich mich mit dem schönen Ehrenfräulein in irgend einer dunkeln Ecke festsetzen , und dann kannst du meiner Frau sagen , was du willst . « » Ich verstehe dich nicht recht , « erwiderte aufmerksam der Graf , indem er sich ebenfalls erhob und seinem Freunde , welcher das Zimmer zu verlassen sich anschickte , folgte . » Was faselst du eigentlich von deiner Frau und Eugenie ? « » Nun ja , undankbarer Mensch ! « sagte lachend der Major , dafür , daß du meine Anverwandten verdächtigst , will ich feurige Kohlen auf dein Haupt sammeln ; du darfst heute Abend zu uns kommen . » Und Eugenie ist auch da ? « fragte der Andere jubelnd . » Eugenie ist auch da , und - verstehe mich wohl - sonst Niemand : du , sie , meine Frau und ich , - die vollständigste Partie quarré . « » Major , du bist göttlich ! « rief freudig der junge Mann ; » es ist ein Unglück , daß Seine Majestät eine Aversion gegen alle Gnadenbezeugungen am Neujahrstage hat ; ich würde für dich um den Oberstentitel bitten . - Also wir vier ganz allein ? « » Ganz allein ; komm so um acht Uhr , da ist ja die Hoftafel und dein Dienst vorbei ; wir trinken Thee , wir machen einen kleinen Whist , wir plaudern , und da es Neujahrstag ist , so soll es dir unbenommen sein , meiner Frau und also auch Eugenie ein kleines Cadeau mitzubringen . Du siehst , ich bin uneigennützig . « » So uneigennützig , daß mir ordentlich vor dir graut . Du hast alle Anlage zu einem vortrefflichen Kuppler . Gott stehe dir bei , oder dem armen Menschen , gegen den du agirst . « » Nun also bis acht Uhr ! « sagte lachend der Andere ; worauf er dem Freunde die Hand schüttelte und sich empfahl . Graf Fohrbach begleitete ihn bis in den Vorsaal , wo die Wachen langweilig auf und ab schritten , und wo der einzige Lakai , der keinen Vorwand gefunden , sich zu entfernen , hinter dem Ofen saß und sanft den Schlaf des Gerechten schnarchte . Fünfundfünfzigstes Kapitel . Einladungen zu Hofe . In sein Zimmer wieder zurückgekehrt , ging der dienstthuende Adjutant mit leichten , gefälligen Schritten eine Zeit lang auf und ab , von einer Thüre zur andern , bei dem großen Spiegel vorbei , in welchen hie und da einen nicht ganz unzufriedenen Blick zu werfen er sich nicht enthalten konnte . Er träumte von dem Abend , der vor ihm lag , und sein Herz schlug sehr vergnügt ; nur zuweilen blieb er an einem der Fenster stehen , schaute nachdenkend hinaus und zog die Augenbrauen düster zusammen . In solchen Momenten dachte er an die Nebenbuhlerschaft des Herzogs und an alle möglichen Folgen derselben ; er wußte ganz genau , was bei vielen Frauenherzen die Durchlaucht vor einem Namen zu sagen hat . Und dann war auch der Herzog in anderer Richtung ein nicht zu verachtender Gegner . Hübsch war er allerdings nicht , weder am Körper noch am Gesichte , aber er tanzte gut und unermüdlich , und was seine Zunge anbelangte , so war sie glatt und behende wie ein Aal . Wenn Graf Fohrbach das alles überlegte , namentlich aber die Leichtigkeit in Betracht zog , mit der der Herzog fast zu jeder Stunde des Tages die in den Gemächern seiner Mutter oder Ihrer Majestät befindlichen Damen sprechen konnte , so überlief es ihn fröstelnd , er faßte krampfhaft den Griff seines Säbels und bohrte die Scheide so heftig in das Parkett ein , daß ihn der Hofmarschall , wenn er es gesehen hätte , unfehlbar wegen freventlichen Verderbens des königlichen Eigenthums verklagt haben würde . Im anderen Augenblicke dachte er dagegen an die Stunden , die er schon mit Eugenien zugebracht , sei es bei den Hoffesten , sei es im Hause seines Freundes , und wenn er sich diese in ' s Gedächtniß zurückrief , so baute er sich aus Blicken , aus Worten , besonders aber aus einem leisen Drucke ihrer Hand auf seinen Arm , den er einstens zu fühlen geglaubt , die wunderbarsten Luftschlösser und richtete daran seine Hoffnungen wieder empor . - » Heute Abend , « sprach er zu sich selber , » ist in der That ein günstiger Moment , wir sind ganz allein , ich bin überzeugt , Eugen wird diskret sein , und dann will ich doch versuchen , ihr irgend ein Wort zuzuflüstern , was mich weiter bringen soll . - Auf jeden Fall weiter , vielleicht zu einer Entscheidung , sei es nun zu meinem Glücke oder zu meinem Unglücke . « Damit nahm er seinen Säbel wieder in die Hand und begann seinen Spaziergang durch das Zimmer auf ' s Neue , hatte aber dasselbe noch nicht einmal durchschritten , als sich die Thüre des Vorsaals öffnete und der Hofmarschall herein trat , jetzt schon - es war noch nicht vier Uhr , also noch zwei Stunden bis zur Tafel - in großer Uniform , den Hut unter dem Arm , das Gesicht wie gewöhnlich mit äußerster Wichtigkeit hoch empor haltend . Die beiden Herren begrüßten sich , indem der Graf seine ganze Hand hinhielt , in welche Seine Excellenz , wie er es in der Regel zu machen pflegte , nur zwei Finger legte , die aber von dem Adjutanten freundlichst und kräftigst geschüttelt wurden . » Euer Excellenz sind früh bei der Hand , « sagte er hierauf . » Wir haben ja noch zwei volle Stunden bis zur Tafel . Nein , das mache ich mir bequemer ; höchstens eine halbe Stunde vorher wird sich angezogen , eine Viertelstunde darauf steige ich in den Wagen und komme an mit Glockenschlag . « » Dafür sind Sie auch ein freier Mann , mein lieber Graf , « erwiderte seufzend die Excellenz , » haben hie und da , wie heute zum Beispiel , eine kleine Funktion , die aber nach einigen Stunden endet , und an die Sie nicht mehr zu denken brauchen , sobald Sie den Säbel abgeschnallt und den Federhut weggelegt haben . - Aber ich ! - Dienst ! - Dienst ! - Dienst ! von Morgens früh , wenn ich meine Augen öffne , bis Nachts , wenn ich sie wieder schließe ; und auch dann noch oft keine Ruhe , denn ich träume davon . - Eine wahre Sklaverei ! « » Aber Euer Excellenz nehmen alle Dinge zu schwer ; ich glaube , ich würde es mir viel bequemer machen . « » Das glaube ich selbst , « erwiderte der Hofmarschall mit einem wichtigen Lächeln , » aber nehmen Sie mir nicht übel , da würde auch Manches drunter und drüber gehen . « » Das ist möglich : was nicht zu halten wäre , ließ ich eben fallen . « » O ihr jungen Leute habt gut sprechen ! Man muß den ganzen Tag mit Anstrengung aller seiner Kräfte die Zügel halten , denn wie man ein bischen nachläßt , so gibt ' s rechts und links Konfusionen . « » Aber heute zum Beispiel könnte es sich Euer Excellenz doch bequemer machen . Da gibt ' s doch bis zur Tafel nichts mehr zu thun : die Einladungen sind gemacht , das Diner ist seiner Vollendung nahe und die Säle in der besten Ordnung . « Der Hofmarschall war mit einer wehmüthigen Miene an ' s Fenster getreten und blickte jetzt achselzuckend nach dem Adjutanten um , der hinter ihm stand . - » Ich will Ihnen einen Beweis geben , wie kurzsichtig ihr jungen Leute seid , mein lieber Graf , « bemerkte er nach einer Pause . » Sie sagen , die Einladungen seien gemacht . Allerdings sind sie gemacht , auch angenommen ; aber ist es meine Schuld , daß sich zwei , drei Personen heute Nachmittag unwohl fühlen und mir absagen lassen ? - Zwei , drei Personen , sage ich Ihnen , und eine darunter , die Seine Majestät sogleich vermissen werden . - Was nun thun ? « » Nun , « entgegnete der Adjutant , » die Tafel um so viel kleiner machen . « » Eine Tafel von hundertundzwanzig Couverts nur so im Handumdrehen kleiner machen ! « lachte krampfhaft der Hofmarschall . » O Graf Fohrbach ! Sie sind ein vortrefflicher Reiteroffizier und Adjutant , aber - nun , man kann das nicht anders von Ihnen verlangen . « » So machen Sie ein paar andere Einladungen ! « » Als wenn Hofeinladungen zu einem Neujahrsdiner nur so leicht gemacht wären ! Die heutige Gesellschaft wurde gebeten auf den speziellen Befehl Seiner Majestät . Alles , was ich noch dazu thue , geschieht auf eigene Verantwortung , und für drei , die ich selbstständig einlade , bekomme ich dreißig Feinde über den Hals , die Alle glauben , an Ihnen wäre viel eher die Reihe gewesen . - Ah ! ich habe ein hartes Brod . « » Da würde ich es machen wie beim Militär , und mir immer eine Reserve halten . « » Das habe ich auch , « erwiderte wichtig die Excellenz . » Aber wenn uns die Reserve ebenfalls im Stich läßt ! Sehen Sie « - damit erhob er den Arm und zeigte auf eine Fensterreihe im großen Hofe - » da hinten wohnt , wie Sie wissen , der alte pensionirte General- der , wie sich von selbst versteht , ein- für allemal zur Hoftafel eingeladen ist , aber sich fast jedesmal hartnäckig entschuldigen läßt . Bei dem war ich nun vor einer halben Stunde in Person , um ihn zu bitten , diesmal doch zu kommen . - Keine Rede davon ! Ich vernahm auch schon im Vorzimmer , daß ich vergeblich komme , denn er brüllte wieder einmal so laut , daß man es durch drei Zimmer hören konnte . « » Hat er Schmerzen ? « fragte anscheinend ganz unbefangen der Adjutant . Der Hofmarschall wandte den Kopf rückwärts und sah ihn mit einem sonderbaren Blicke an . » Ah ! was Schmerzen ! « versetzte er , » Sie kennen den doch lange genug , um zu wissen , daß der keine Schmerzen hat . « » Also vielleicht wieder eine Familienscene ? « » Natürlich ; das hört da niemals auf . « » Die arme kleine Frau ! « » Na , na ! « sagte die Excellenz , indem sie leicht mit der Hand an dem gestickten Uniformskragen herum griff , » das nimmt Alles freilich Partei für die hübsche Baronin , aber - « » Euer Excellenz sagten : aber - « versetzte der Adjutant nach einer längeren Pause . » Allerdings könnte man da auch ein Aber vermuthen , « fuhr der Hofmarschall fort . » Ich versichere Sie , lieber Graf , Unsereins , das so lange hier aus und ein geht , wirft zuweilen einen scharfen Blick hinter die Coulissen . « » Dafür ist Euer Excellenz bekannt , « antwortete der Graf im Tone der größten Ueberzeugung . - » Aber die Baronin nimmt sich so in Acht , sie vermeidet völlig ein Gespräch mit jungen Leuten ; sie tanzt auf den Bällen nur mit alten Generalen und obersten Hofchargen , die dem Gemahl doch unmöglich Argwohn einflößen können . « » Wie ? Weil sie nur mit obersten Hofchargen tanzt ? « fragte Seine Excellenz leicht pikirt . Doch fuhr sie gleich darauf in anderem Tone fort : » Ja , das ist Alles wahr ; man spricht auch nicht von der Gegenwart , sondern « - hier hustete der Hofmarschall wieder bedeutend , als habe er schon zu viel gesagt . » Allerdings von der Vergangenheit , « nahm der Adjutant leichthin das Wort . - » Wissen Sie , Excellenz , die böse Welt macht sich kein Gewissen daraus , einer schönen Frau was Uebles nachzusagen . - Und am Ende , was spricht man von der Baronin ? « » Ich nichts ; Gott soll mich bewahren ! « » Ja , ich auch nichts . Aber ihre Herkunft ist doch wohl sattsam bekannt . « Der Hofmarschall schüttelte leicht mit dem Kopfe . » Nicht ? - Ich habe wenigstens geglaubt , sie sei aus einer bekannten alten schottischen Familie . « » On dit , « erwiderte der Hofmarschall , nachdem er einige Augenblicke vor sich niedergesehen . » Nun , dem mag sein , wie ihm wolle ! « fuhr lebhaft Graf Fohrbach fort . » Jetzt führt sie einmal einen guten Namen , und ich setze wirklich den Fall , es sei etwas in ihrem früheren Leben nicht ganz korrekt , so hat sie das jetzt in ihrer freudlosen Ehe tausendmal abgebüßt . Nehmen Sie mir nicht übel , es ist keine Kleinigkeit , mit dem alten General auszukommen . Er hält sie wie seine Sklavin , aber nicht wie seine Frau . « Die letzten Worte hatte der junge Mann etwas lauter gesprochen , weßhalb sich der Hofmarschall sorgfältig im Zimmer umschaute , ob sie sonst Niemand gehört . Dann , als scheine ihm dies Gesprächsthema für den Ort , wo sie sich befanden , zu gefährlich , änderte er es offenbar absichtlich , indem er einen tiefen Seufzer ausstieß und hierauf sagte : » Ich hatte geglaubt , Seine Majestät sei schon zurück ; so muß