wir gehetzt haben , bis das Volk es glaubt , daß wir nur ehrgeizige , unruhige Köpfe waren . Sie glauben nicht , was das Volk glaubt , wenn man ihm sagt , daß wir seine Fleischtöpfe am Feuer verrücken wollten . Man wird anrüchig werden , wenn es heißt , daß man zur Kriegspartei gehört hat . Salviren Sie sich bei Zeiten . » Spitzen Sie Ihre Feder , auch Sie werden Artikel für den Frieden schreiben müssen . « » Nimmermehr ! - Ich nehme meinen Abschied ! « » Das hat Mancher gesagt , und bleibt doch , - aus höherer Staatsraison . Weshalb auch um solche Bagatell , als eine Meinung ist , seine Existenz aufs Spiel setzen ? « » Herr von Eisenhauch ! « » Nichts Persönliches ! Gott bewahre ! Die Personen verschwimmen wie die Charaktere in diesem Mengelmuß . Da thut der Beste am Besten , wenn er still mitschwimmt . Wo steht denn geschrieben , daß wir nicht niederträchtig denken , nicht feig handeln sollen ? Nur einen Brei sollen wir darum kneten , einen Firniß des Anstandes . - Und dann , ja man muß sich für eine bessere Zukunft konserviren . « Der Regierungsrath blickte ihn ernst wehmüthig an : » Wir gingen so lange mit einander ! Sollen wir so scheiden ! « » Ein zerronnener Traum ! Preußen hatte die Aufgabe , Deutschland zu retten , es hat sich nicht selbst zu retten gewusst . Den letzten Rest seiner öffentlichen Ehre hat es geopfert , selbst den Rest der Ehrlichkeit , auf die es sich brüstete , warf es in den Tiegel . « Der Rath ging im Zimmer auf und ab ; er sah nicht , was auch dem Militär entging , daß ihr lautes Gespräch einen Vorübergehenden angelockt , der an der Schwelle der geöffneten Thür stehen geblieben . » Unterscheiden Sie wenigstens die Nation von - Denen , die Sie brandmarken . « » Wer ist die Nation ? Wo sitzt sie ? Wo schlägt ihr Herz wo drücke ich ihre Hand ? Das ist die ungeheure Täuschung , daß wir dieses Konglomerat von Gliedern für einen organischen Körper ansahen . Hier , wo alle Adern zusammenfließen sollen , glaubte ich das Herz gefunden zu haben . Was fand ich ? Zwei Rassen , man sollte meinen , von verschiedener Abstammung , Sprache , Hautfarbe , wie Niebuhr die Römer seciren will . Zwei Rassen , die sich ausweichen , verachten , hassen , Militär und Civil genannt ! Dies Militär knirscht freilich , aber was hilft uns das Knirschen der Maschine mit knarrenden Rädern ! Dieser Koloß ohne Elasticität kann noch zermalmen , nicht mehr retten , befreien , weil ihm der Odem fehlt . Der Mensch , der Mann , der Bürger , ja der Ritter selbst , ging unter in der vielgelobten Disciplin . Da sollen wir Kämpfer , Paladine suchen für die ewigen Güter der Nation , wo Gefühl dafür , Bewusstsein , der feurige Willen zum Verbrechen ward ! Ein paar elende Kreaturen , gehasst verachtet von Allen , selbst von Denen nicht geliebt , in deren Stimmungen sie sich einhüllen , um sie im Schlaf zu beherrschen , die sind wichtiger , als dieses mächtige Heer . Was ist nun dieser gewaltige separirte Theil der Nation , den man als ihr anderes Selbst im Auslande betrachtet , wenn sein zornschnaubender Hauch nicht mal diese Lumpenmänner fortbläst ? « » Die Nation besteht nicht allein aus dem Militär . « Der Major war sonst kein Mann von vielen Worten , aber wenn eine Schleuse geöffnet , hältst du das Wasser nicht zurück . Die Feuersäule , die ein Haus ergreift , sprüht mit dem trocknen Gemüll auch Gebälk und Steine in die Luft . » Ich kenne nun auch die Andern . Durch das Geflimmer der Worte sah ich ihre Wahrheit . Viel buntes Glas , einige böhmische Steine und wenige Diamanten ; durch die gut geschliffenen Gläser glänzt es von fern wie ein Eldorado . Große Versicherungen und kleine Thaten , ein beständiges Streben nach dem Höchsten , aber der Weg führt durch Moor und Sandsteppen des Albernen und Frivolen . Auf Stelzen vor Freund und Feind , und wenn sie die Thür zuschlossen , spotten und lachen sie über sich selbst . Gedanken , große und schöne , aber wie Irrlichter ; sie erblassen schon auf der Lippe . Vom Boden habt Ihr Euch gelöst , der dürftigen Natur , die Euch der Himmel anwies . Ihr konntet wie Sturmvögel Euch andere Regionen suchen , aber nun flattert Ihr , von Euren ermatteten Adlern verlassen , zwischen Himmel und Erde , und wisst nicht , wohin . Ueberall vor Rücksichten scheuend , zittert Ihr vor Eurer eignen Kraft . Um ' s Euch nicht zu gestehen , woran Ihr krankt , am Glauben an Euch selbst , hüllt Ihr Euch in Wolkenpaläste und klammert Euch an Systeme , die beim nächsten Sturmwind zerrissen sind . Dies Scheinleben ist das Zehrfieber , das Euern Staat vom Winkel bis zur Zeh entnervt . Eine angezündete Fackel wollten sie neulich schleudern , ein Weltbrand sollte es werden , aber sie waren zufrieden mit Kolophoniumblitzen . Da in den Flammenzuckungen dieses verunglückten Theaterabends konnte man die ganze Misere erkennen . - Auf dem Theater sollte die Welt zurecht gelegt werden , und mit Recht , denn diese Welt ist nur eine Theatervorstellung . Man spielt sich selbst und ist zufrieden , wenn man gut gespielt hat . « Fuchsius halte mit verschränkten Armen und verbissenem Munde schweigend zugehört . Jetzt öffnete er ihn , aber was er sagen wollte , schien er rasch zu verschlucken . Tonlos sprach er : » Sie aber sind noch nicht zu Ende , Major . Ich erwartete , daß Ihre Philippica auch die Schlittenpartie der Gensd ' armen der Nation auf ihr Schuldconto schreiben würde . « » Ist denn seit vierzehn Tagen von Besserem die Rede ? Ist Mark und Niere durchschüttert von der Satyre des Weltgeschickes , daß man auf den Brettern den Krieg spielte , derweil er draußen im Blute von Austerlitz schon ersäuft war , daß man über einen Sieg jubeln konnte , tagelang noch die Blätter Lorbeern den Russen zuschmeißen , derweil in den unterrichteten Kreisen Jeder vom Gegentheil wusste ? Nichts von Erschütterung . Man hatte von Wichtigerem zu plaudern : ob der Blutsturz des jungen Herrn Bovillard ein gefährlicher , oder nur ein bischen Bluthusten war ? Ob seine ganze Lügenpost nur eine Intrigue , um seiner Geliebten in einer interessanten Situation näher zu kommen ? Ob die Madame Lupinus im Recht ist oder die Gargazin ? O wer da den Einblick gewönne in dies höchst intrikate wichtige Ränkespiel der beiden Frauen ! Ob die Lupinus , wie ihre Freunde sagen , wirklich die Tugendwächterin war für die hübsche Mamsell Alltag ? Ob sie das junge Mädchen bewacht und bewahrt hat vor der Leidenschaft für den jungen Wüstling , und ob sie nur in edler Entrüstung zurückwich , als die Sache zu einem öffentlichen Skandal umschlug ? Hannibal vor den Thoren , und sie streiten , ob die Gans in Moll oder Dur gegackert hat , als Brennus stürmte ! « » Und das Resultat , Herr Freiherr von Eisenhauch ? « » Daß Deutschland auf den Neumond hoffen mag , auf einen Kometen , auf die Sturmbraut , meinethalben auf Napoleons Großmuth , auf Alles , nur nicht auf Preußen . « Fuchsius hatte seinen Hut ergriffen : » Wenn eine Epidemie herrscht , lohnt es , dünkt mich , nicht der Mühe , zu untersuchen , wer der Kränkste ist . Leben Sie wohl . Wir sind alle krank , Major , sehr krank . Preußens Genius verzeihe Ihnen , was Sie sprachen , wenn Sie einen gesunderen finden . « Er hörte nicht mehr die Worte , die mit sonorer Stimme durch die offene Thür in das Zimmer schallten : » Herr Major , eine Beleidigung , dem Staate zugefügt , trifft auch jeden Bürger . « Den Hut auf dem Kopfe , den Stock in der Hand , der krampfhaft auf dem Boden hämmerte , stand der Major Rittgarten auf der Schwelle . Unter seinen grauen Wimpern schossen die Augen zornfunkelnde Blicke auf Eisenhauch . Beide mochten sich als Hausgenossen kennen , ohne in nähere Berührung getreten zu sein . » Was ich gesprochen , war nicht an den Major Rittgarten gerichtet . « » Noch hoffe ich , daß Sie den Einwand machen , daß er bei offener Thür Sie belauschte . « » Was ist Ihr Wunsch ? « » Der Staat , den Sie geschmäht , kann nicht von Ihnen Rechenschaft fordern . Ich fordere Sie , ein alter Militär , der unter Friedrich focht und bald dahin geht , wo sein großer König sie von ihm fordern wird . « Mit dem Mitleid der Achtung blickte der jüngere Militär den älteren an : » Ich ehre Ihren Schmerz und achte Ihren Muth ; beide aber nicht als Legitimation , den Handschuh für ein Etwas mir zuzuwerfen , was Sie nicht persönlich betrifft . « » Sie haben das preußische Militär beleidigt , die Ehrenkränkungen meiner Brüder nehme ich auf mich . Sie haben das Preußische Volk geschmäht , dies treue , gute , rechtliche Volk . Sein Blut rinnt , wenn auch langsam , doch zu heiß noch in meinen Adern , um mit diesem ungerächten Fleck vor meinen König zu treten . Ihre Antwort ? « » Nur eine Frage : war , was ich sagte , unwahr ? « » Zu der Frage haben Sie kein Recht . Sie sind nicht Richter . Nicht unter diesem Dache , nicht auf diesem Boden , der Sie gastlich aufnahm , dürfen Sie das Volk schmähen und den Fürsten , dem das Volk vertraut . Und wenn ich Ihnen antwortete , verstehen Sie meine Sprache nicht . « » Eh ' der Verklagte antwortet , muß er die Klage kennen . Treten Sie für jene Offiziere ein , die ich meinte ? Vertreten Sie jene Eitlen , Schwachen , Nichtigen - « » Ich sagte Ihnen darauf schon meine Meinung . « » Aber unter Ehrenmännern , ehe man zum äußersten Ernst schreitet , sucht man Verständigung über das , worüber der Streit ist . - Sie haben mich vorhin angehört , ich sprach im Zorn . Lassen Sie mich jetzt auch Sie anhören , ich will auch Ihren Zorn ruhig hören . « » Kennen Sie unser Volk ? Wenn Sie an enem Kranken seine Geschwüre zählen , kennen Sie darum sein Herz und seine Nieren ? - Wer justificirt und glorificirt sich denn in seiner Schande ? Das Preußische Volk etwa ? - Wer schreibt die salbungsvoll duftenden Staatsschriften ? - Söldlinge , oft Fremdlinge , die das Volk aus Grund der Seele verachtet . Wen treffen Ihre Epigramme ? Spielen die braven Herzen , die in Pommern und Ostpreußen , in Schlesien und Westphalen für des Vaterlandes Ehre schlagen , in Berlin Theater ? Sie zucken die Achseln ! Wo haben Sie es gefunden , daß das Volk niederträchtig denkt und feig handelt ? Sie haben nicht herausgehört das stumme Zähneknirschen , die blutenden Herzschläge , als sie den letzten Rest , wie Sie meinen , seiner Ehre und Ehrlichkeit in den Tiegel warfen . Die warfen hinein als schlechte Verwalter , was sie aufgegriffen . Aber nicht die Herzen des Volkes . Die hat es ihnen nie zum Aufbewahren gegeben , die hat es aufgehoben für eine bessere Zeit . Es ist kein Rest da , sage ich Ihnen , der volle Stock von Ehre und Ehrlichkeit liegt noch in unsrer Brust . Wer ist die Nation , wo sitzt sie , fragen Sie ? Wer hat sie denn schon aufgesucht in ihrem Heiligthum ? Wer hat denn schon dies Volk gefragt , wer hat es denn gerufen ? Der große Kurfürst einmal , und da kam es , Friedrich rief es sieben Mal , und sieben Mal stand es da mit Gut und Blut . Diese - haben es nicht gerufen , weil sie es nicht wagen , sie zittern vor dem Geist , den sie aufrufen könnten , vor dem ihre Erbärmlichkeit in Staub und Spreu versänke . Aber rufen sie es einmal , bei dem rechten Namen , auf den es hört , mit dem rechten vollen Ton , der in Mark und Nieren schmettert , und es kommt . Dann , mein Herr , gebe ich Ihnen mein Wort , wird es nicht vor Denen scheuen , die seine Fleischtöpfe verrücken wollen ; es wird glauben , ja , nicht an die schönen duftenden Reden der Herren am Ruder , an seine Bestimmung wird es glauben , an die Stimme der großen Fürsten aus der Gruft , und selbst wird es seine Fleischtöpfe ausschütten für Alle , die für das Vaterland streiten wollen ! « Eisenhauch machte eine Bewegung , als wolle er die Hand des Veteranen ergreifen . Aber dieser blieb in seiner festen Stellung : die Hand umklammerte den Stock . » Wir sind ein ander Geschlecht , « fuhr er ruhiger fort , » als Sie draußen ; ja es ist so , das Warum kümmert Sie und mich heut nicht . Wenn wir krank wurden , können wir uns nur selbst heilen ; Ihre Aerzte thun es nicht , sie verstehen unsre Natur nicht . Aber etwas , mein Herr , sollten Sie kennen . Die Blätter der Geschichte lehren es . Wenn wir am tiefsten erniedrigt schienen , die Welt uns verloren gab , dann grade schnellten wir in Jugendkraft zur vorigen Größe . « » Wem gab die Natur ewige Jugend ! « » Sie sagen , wir haben uns vom Boden gelöst , auf dem wir wuchsen , und flattern haltlos zwischen Himmel und Erde , weil wir nicht Muth haben , vorwärts ins Blaue uns zu stürzen . Ich geb ' s Ihnen zu . Aber wir haben Vertrauen ; noch haben wir ' s , Herr Major . Der Fürst vertraute dem Volke , das Volk dem Fürsten . So lange das Band hält , ist Preußen nicht verloren . Wie oft traten Retter auf , als die Noth am größten , die Klügsten keine Aussicht sahen , die Muthigsten verzweifelten . Man sagt , daß der große König Gift in seinem Ringe trug . Gebraucht hat er es nicht . Nicht bei Kollin , nicht in der Nacht von Hochkirch , nicht als er mit seinem Häuflein , wie der Mannsfelder , durch seine Staaten irrte . In sich selbst und aus der Verwüstung heraus fand er sich wieder . Und in welcher anderen Wüste rettete , schuf der große Kurfürst seinen Staat ! Wo überall , wie von Gott geschickt , unerwartet , der David auftrat , der den Goliath niederwarf , wo diese Rettungen aus Zerwürfniß und Elend recht eigentlich die Quintessenz unserer Geschichte sind , warum da glauben , daß sie jetzt zu Ende sind ? Warum nicht festhalten an dem , daß zur rechten Zeit der rechte Mann sich wieder einfindet ? Wir sind jetzt erniedrigt , ja , dupirt vor aller Welt , vor uns selbst am meisten , ein Sumpf von Fäulniß , überdeckt mit einem Flimmer von Eitelkeit und Hochmuth - aber es gab noch verwüstetere Geschlechter vor uns und Gott gebe , daß nicht noch verwüstetere nach uns kommen . « Eisenhauch sah , einen Schritt zurücktretend , dem alten Mann feierlich ins Gesicht : » Sie fordern von mir Genugthuung ? « » Und mitleidig blicken Sie auf meinen schwachen Arm . Wenn er den Degen nicht mehr führen kann , ist er doch stark genug , um die Pistole zu heben , und stark genug ist der Greis , mein Herr , der Mündung Ihres Feuerrohrs ins Auge zu sehen . « Eisenhauch hatte ein Pistolenpaar in der Hand , aber er warf sie in den Kasten : » Ich nehme Ihre Forderung an , aber - für später . Jetzt haben andre Missionen das Vorrecht . Mein Herr , ein großes Schlachtfeld breitet sich vor uns aus . Ob morgen , ob nach Monaten , ob nach Jahren die Hunderttausende , zum Morden bereit , sich gegenüber stehen , darauf kommt es nicht an . Aber es muß kommen . Geblutet muß werden , gebrannt , vertilgt , und der Sturm muß fegen durch die verpesteten Winkel . Fragen Sie sich , die Hand auf der Brust , ob ' s die Winkel allein sind , ob das Miasma nicht auf den Heerstraßen weht , in den Schlössern und Städten , ob ' s nicht in den Schreibestuben und Wachtstuben die Brust dem Redlichen zusammenschnürt . Draußen im Reiche ist es zusammengebrochen . Was da liegt , faul und morsch , jedem Kinde ist ' s klar . Hier ist noch ein gleißender Firniß darum . Aber reißt die Schale ab , Herr , Sie zittern selbst , Sie ahnen oder Sie wissen , was darunter , ich will nicht noch einmal Ihren Schmerz stacheln . Ich aber sehe vor mir , wenn auch dieses letzte stolze , thurmreiche Schloß zusammenstürzt , nur Verwesung , eine unermessliche Leichenwüste . - Herr Major , ein letztes Wort : wenn der Tod seine Fackel über uns Alle schwingt , wenn Deutschlands , Preußens , Oestreichs Name ausgelöscht ist , dann ist auch unser Streit begraben - ein Höherer mag richten , wer mehr gefehlt . Wenn aber Gott entschieden hat , daß es in Deutschland noch ein Volk giebt , nicht reif zum Helotenstamm , und Preußen ist dies einzige Volk - dann , mein Herr , stehe ich Ihrer Kugel . « Fünfundfünfzigstes Kapitel . Innerlich Lachen an einer Berliner Börse . An der Berliner Börse war ein Plakat angeschlagen . Der Freiherr von Hardenberg hatte der Kaufmannschaft eröffnet , daß Preußens Lage von der Art sei , daß nun alle Besorgnisse für Handel und Verkehr gehoben wären , indem es Seiner Majestät dem Könige gelungen , » den Frieden auf genügende Art zu behaupten . « Jeder möge daher im vollen Vertrauen auf die Fürsicht einer Regierung , die kein ander Ziel habe als das Wohl ihrer Unterthanen , seinen Geschäften und Unternehmungen nachgehen . Außer dieser amtlichen Bekanntmachung mehrere Avertissements von Seiten des Börsenvorstandes : Der Graf von Haugwitz sei als außerordentlicher Preußischer Gesandter in Paris mit vieler Freundlichkeit empfangen worden . Ferner : Der König berufe den größten Theil seiner Truppen in ihre Kantonnirungen zurück und danke ihnen für ihre bewiesene Treue . Man sah vergnügte Gesichter . Sie sprachen sich ins Ohr . Vielleicht hatten sie Rücksichten , daß sie nicht laut sprachen . Einige riefen auch Bekannte aus dem Publikum , die über den Lustgarten gingen , heran , und mit ihnen ward noch stiller , vertraulicher konversirt . Von diesen ging dann auch Mancher , nach einem herzlichen Händeschütteln , mit erheitertem Gesicht von dannen . Andere aber gingen , die Hände auf dem Rücken , den Kopf gesenkt , schweigend fort . Der und Jener schüttelte wohl den Kopf und wandte dem Andern hastig den Rücken , um sich aus dem Getümmel zu verlieren . Wie Viele froh waren und wie Viele betrübt , ist nie gezählt worden . Einer saß auf einem der Steinpfeiler nach dem Lustgarten hinaus . Es war ein sonniger Tag , und in seinem Kalmuckrock mochte er wohl den Winter vergessen . Sein Gesicht sah aber nicht aus , als ob ein lauer Maienwind darüber streife , es glich den blätterlosen Zweigen der Platane , die weiß angelaufen vom Morgenreif sich über ihm leise wiegten . » Na Sie , hören Sie mal , Sie können doch nur lachen , « sagte ein Herantretender . » Warum denn wie ein Eisbär , Herr van Asten ? « » Ich lache auch , Herr Baron , Sie sehen ' s nur nicht , ich lache innerlich . « Des Barons beide Hände klimperten in den Seitentaschen mit Geld : » Ich glaube , Sie wären kaput gewesen mit allen Ihren Forderungen aus Militär . « » Kaput werden heißt ja wohl den Kopf verlieren ? « » Halten Sie Ihren fest . « » Mancher hält ' s für ein groß Unglück , Herr Baron . « » Das will ich meinen ! « » Mancher aber meint man könnte auch ohne Kopf leben . « » Sie Bonmotiseur , Sie ! Warum lachen Sie denn aber nur innerlich ? Meine Frau sagt , man kann äußerlich lachen , und weint innerlich . Das begreife ich . Ein ästhetisches Gemüth ist immer sentimental . Das bin ich nicht , Sie sind ' s auch nicht , van Asten . - Aber , wissen Sie , was mir entgangen ist ? « » Ihre Operntänzerin ? Davongelaufen ? « » Nein , keine Plaisanterie ! Haben Sie nichts davon gehört ? Sie haben ' s im Kriegsministerium ausspintisirt , daß der Infanterist im Winter auch friert . Mäntel sollten sie kriegen - wenn ' s zum Krieg gekommen wäre , nämlich . - Na nu , was sagen Sie ? Ich hatte schon ein Dutzend neue Stühle eingerichtet . Soll ich nun für die Kalmucken weben lassen ? « » Für die Franzosen , Herr Baron , die nehmen das Tuch auch ungeschoren . « » Ohne Spaß , Herr van Asten ; ich hätte ' nen guten Schnitt bei gemacht . « » Liebster Baron , Sie sind ein excellenter Fabrikant und guter Kaufmann , aber erlauben Sie mir , Sie huldigen zu sehr den Phantasien . Ich meine , Sie sind zu leicht exaltirt von Ideen . Mäntel für die Infanterie ! Ich bitte Sie , hatten Friedrichs Musketiere Mäntel ? Man hat Ihnen was aufgebunden . Erfindungen eines neuerungssüchtigen Kopfes ! Hohle Theorien ! Und unsere Regierung ! Liebster Baron ! « » Die Franzosen haben ja schon Mäntel ! « » Desto schlimmer ! Wer wird denn denen was nachmachen wollen ! « » Pfiffikus Sie ! « sagte der Baron und spielte mit seinen großen Berloquen . Die Sonne schien eben so wohlgefällig mit seinen Brillantringen zu spielen . » Na , nu sagen Sie aber mal , warum lachen Sie denn innerlich ? « » Daß wir so ' nen schönen Frieden haben , und sogar auf genügende Art. « » Wer Sie nicht verstände ! Was geht ' s uns an , sage ich . « » Das sage ich auch , Herr Baron . « » Ihre Forderungen in Hannover kann Ihnen nun Schulenburg-Kehnert eintreiben . Mit dreiundzwanzig Bataillonen und fünfundzwanzig Schwadronen rückt er ein . Wollen Sie noch mehr Exekutoren ? « Ein Dritter , der hinzutrat , sagte : » Wir haben doch nun eine zusammenhängende Grenze gewonnen . Anspach konnten wir nicht schützen , um Hannover brauchen wir nur den Arm auszuspannen . « » Nicht zu weit , « fiel van Asten ein . » Das Tuch des Herrn Baron reißt sonst an der Achsel . « » Das Gespräch war allgemein geworden . « Ein Vierter sagte : » Was hilft alles Umarmen , wenn kein Herz uns entgegen schlägt ! Der Hannoveraner liebt uns nicht , und die Anspacher ringen die Arme , daß wir sie aufgeben . Sie haben ein Schreiben geschickt , daß man sie , die treusten Söhne des Vaterlandes , nicht vom Vaterherz reißen solle . « » Sehr schön gesagt , « sagte Baron Eitelbach im Abgehen zu einem Begleiter . » Sehr rührend würde meine Frau sagen . - Was gehn mich die Anspacher an ! - Der alte van Asten könnte mich dauern , wenn er nicht solchen heillosen Schnitt gemacht . Hat auf den Frieden spekulirt . Glauben Sie mir , Dreißigtausend gebe ich für seinen Abschluß . Pfiffig ist er , aber warum hat er seinen Sohn so erzogen ! - Ein Civilist muß das Militär gehn lassen . Wofür ist des Königs Rock ! Ist nun in der Bredouille . Kann sehn , wie er ihn rauszieht . Thut mir wahrhaftig leid , der Mann . Ja , warum hat er ihn nicht besser erzogen ! Das kommt davon . « » Was ist Ihre Meinung , Herr Mendelssohn ? « fragte ein jüngerer einen älteren Kaufmann von sehr klugem Gesicht . » Wir sind weder dreist genug , das trügerische Geschenk zu behalten , noch stark genug , es von uns zu weisen , darum ergreifen wir den beliebten Mittelweg , wir suchen den Schein zu retten und den Gewinn auch . « » Aber wir haben den Schönbrunner Vertrag ratifizirt . « » Wir ratifiziren nichts , wir statuiren nur Provisorien , um uns eine Hinterthür zu lassen . Und indem wir den Vertrag modifiziren , heben wir ihn eigentlich auf . Bis zum allgemeinen Frieden soll alles zwischen Preußen und Frankreich bleiben , wir sollen keins der versprochenen Länder räumen , Hannover nur besetzen und hoffen , daß die Engländer bis dahin ein Einsehen bekommen und uns um Gottes Willen bitten , doch Hannover zu nehmen . « » Was die Nachwelt dazu sagen wird ! Die treuen fränkischen Lande fortzuschleudern , ohne Besinnen und Reukauf , und die Gegengabe dafür nur mit Vorbehalt anzunehmen ! « » Die Nachwelt hat kein Konto in unserm Buche . « » Aber was schreiben wir auf unseres ? « » Das angenehme Gefühl , daß wir edel gehandelt haben . « » Und was Napoleon dazu sagen wird ! « » Sie hören ' s ja . Er hat Haugwitz mit einer Freundlichkeit empfangen , die eine günstige Deutung erlaubt . « » Ob sie nicht erröthen , indem sie es bekannt machen ? « » Schamröthe ist eine Illusion der Vergangenheit . « » Aber Napoleon ! « » Er lacht auch innerlich , wie unser Herr van Asten . Aber was ist mit ihm da ! « » Ein Kavallerieoffizier auf der Börse ! Geht die Welt unter ! « Der Offizier war der Rittmeister Stier von Dohleneck . Es war eine kleine Aufregung . Der Rittmeister schüttelte in einer Art Extase dem Kaufmann die Hand , fast schien es , er fühle sich in Versuchung , ihm um den Hals zu fallen , aber das schickte sich nicht . Der Kaufmann war aufgestanden , er hatte die Hand des Offiziers noch ein Mal ergriffen , sie gedrückt , dann fahren lassen und war auf den Stein zurückgesunken . Der Rittmeister war wieder fortgeeilt . » Ein braver Mann , der Herr von Dohleneck . « Es waren frohe Gesichter . Wie sollte es auch nicht ; seine Botschaft war eine frohe und van Asten ein geachteter Mann auf der Börse . Bald wussten Juden und Christen den Inhalt : das Ehrengericht der Offiziere hatte sich endlich dahin geeinigt , daß der junge Walter van Asten an jenem Abende nur in einer entschuldbaren Affektion mit dem Kornet in Konflikt gerathen , ohne seinen Stand kränkende Intention , daß er seinen Arm nur berühren wollen , um ihn auf etwas aufmerksam zu machen , und allein durch den Stoß eines Nachbars habe er sich an dem Arm festgehalten und damit durchaus nicht den Rock des Königs attentiren wollen . Die Sache wäre also eine reine Privatsache zwischen dem Kornet und dem Kaufmannssohn , letzterer aber , angesehen , daß in niederländischen Familien , unter dem vorgesetzten van nicht selten alte adlige Abkunft sich cachire , auch der junge Walter nicht erweislich hinter einem Ladentisch stehend gesehen worden , eine Person , von der ein Kavalier , in Anbetracht der Umstände und der Meriten seines Vaters , ohne sich etwas zu vergeben , Satisfaktion fordern möge . Das Zeugniß des Kornets selbst hatte diesen Spruch , an den Niemand vorhin geglaubt , veranlasst . Wer anders als sein Oheim , der Rittmeister , war das bewegende Motiv gewesen ! » So belohnt sich eine gute That , « raunte ein Freund dem Vater zu . » Ein braver Mann , der Rittmeister , « wiederholte der Chor . » Na , nu können Sie auch äußerlich lachen , Herr van Asten , « sagte der wieder hinzugetretene Baron - » der Friede , der Schnitt und der Sohn ohne Kriminal und Prison davon gekommen . Was wollen Sie mehr ! « » Lache ich denn nicht ! « rief der Alte und lachte , so laut , daß die Davongehenden noch auf dem Lustgarten sich verwundert umblickten . » Es ist des Glücks nur zu viel ! Das Zahlbrett voll zum Einstreichen , ein Friede , der uns genügt , und so viel Patriotismus an der Börse , und alles in Ruhe und lauter Ordnung im Lande , und mein Sohn - mein Sohn kriegt die Erlaubniß , von den Herren Offizieren sich ' ne Kugel durch den Kopf jagen zu lassen ! - Verzeihen Sie , meine Herren , wenn ich genug gelacht habe , daß ich auch ein bischen weine , denn das große , unverdiente Glück habe ich alter Esel mir selbst angerichtet . « Sechsundfünfzigstes Kapitel . Ein Mann von zu vielem Sentiment . » Was giebt es Neues ? « rief der Geheimrath Bovillard dem Legationsrath entgegen , und lud , ohne sich im Frühstück stören zu lassen , durch eine Bewegung den Eingetretenen zum Platznehmen ein . Die Zerlegung eines Kapaunenflügels schien ihm einige Anstrengung zu verursachen . Uebrigens sah Herr von Bovillard gemüthlicher aus als in letzter Zeit ; die Runzeln waren gewichen , das Gesicht glänzte , besonders die unteren Theile , das Kinn hatte etwas Charakteristisches , was sich in den Augen widerspiegelte , obgleich die Lippen erst der eigentliche Ausdruck waren . Herr von Bovillard gab heute kein