nicht undankbar , Emmy ! « rief der Arzt ; - » schon oft habe ich Euch gesagt , sie hat wie ein gutes Kind gethan ; eine Andere , die so wenig von ihrer Mutter hätte , wie Ellen , würde nicht vom Krankenlager aufgestanden sein , um zu Euch zu kommen . « » Jämmerliches - jämmerliches Menschenvolk ! « rief die Alte . » Alles soll man Euch anrechnen ! Geht - ich will nichts von Euch ! Habe ich Euch doch oft gesagt , Ihr sollt mich lassen ; denn ich kann Keinem mehr was sein und will daher auch Nichts annehmen ; denn was thätet Ihr wohl umsonst ? Für Alles soll man Euch dankbar sein - und hier ist Alles trocken in mir - ich habe für Euch Nichts übrig ! « » Wir wissen das , « sagte der Arzt - » Ihr seid eine halbe Wilde ; - und Gott richte es ! Nehmt nur ordentlich ein , dann habt Ihr uns bald Alle nicht mehr nöthig . « Dann bog er sich nieder ; er schien ihren Puls zu fühlen . » Das Fieber kommt schon wieder ; haltet Euch ruhig , das darf nicht oft mehr kommen ! « - » Laßt es kommen , so oft es will ! Gottes Wunder , daß es noch in diesem morschen Leibe was auszudorren findet ! Es ist ein schlechtes Fieber , wovon Ihr solch ' Aufhebens macht ; es thut nicht seine Schuldigkeit ; ich bin ' s müde und satt und möchte es fördern , statt lindern . « - » Alte Sünderin ! « rief der Doktor ungeduldig und riß die Vorhänge zu . Kurz grüßte er darauf Elmerice und war aus dem Zimmer verschwunden . Ein augenblickliches Grauen beschlich diese , als sie sich ohne seinen kräftigen Beistand hier plötzlich allein fühlte . Die Reden der alten Frau , so bös und finster , hatten sie tief bewegt ; sie fühlte , wie schwer es sein müßte , diesem Herzen zugänglich zu werden ; aber sie hätte Viel darum gegeben , wenn sie den Versuch hätte machen dürfen . Dieser tiefen Verachtung , diesem Mißtrauen entgegen zu treten , sie zu versöhnen - diese jugendliche Schwärmerei erfüllte ihr Herz und Kopf . Doch störte das fortgesetzte Schluchzen der Madame St. Albans ihr Nachdenken . Sie trat daher zu ihr , und ohne den Gegenstand ihrer Trauer weiter zu berühren , sagte sie ihr , sie möchte sich doch die Vorhänge lüften lassen , und that es zugleich , indem sie ihr auch die Kissen besser legte , das Haar unter die Haube schob und ein Getränk reichte , was Asta ihr stillschweigend andeutete . Dies hatte bald die Folge , daß Madame St. Albans ruhiger ward ; und obwol kein gutes Wort über ihre Lippen kam , so schien sie doch nachgiebiger in ihren Bewegungen zu werden . Auch blieb das letzte Beruhigungsmittel endlich nicht aus , und sie lag bald schlafend vor Elmerice ' s Augen . Jetzt gab diese ihrem Verlangen nach , sich mit dem Raume bekannt zu machen , der sie mit so besonderem Interesse erfüllte . Es war ein so ungewöhnlich großes Zimmer , daß es nothwendig die ganze Tiefe des Seitenflügels , in welchem es lag , einnehmen mußte . Dies schienen zwei große Flügelthüren zu bestätigen , die zu beiden Seiten eines riesigen , marmornen Kamines lagen und die Wand einnahmen zwischen den Fensterwänden , und die in das Innere des Baues führen mußten , wahrscheinlich zu verschiedenen Zimmerreihen gehörend , die von beiden Seiten des Flügels Licht bekamen ; denn jetzt sah Elmerice auch , daß , den geöffneten Fenstern gegenüber , eine eben solche Reihe angebracht war , die vermuthlich in den Hof sah , doch jetzt mit Läden dicht verschlossen war . Die Decke war ein Kuppelgewölbe , so schwer mit Stuckatur und geschwärzten Gemälden verziert , daß man ohne Schauder kaum die kolossalen Engel niederschweben sehen konnte , die , an schweren Blumenketten hängend , jeden Augenblick herabzustürzen drohten . Die Tapeten aber , von hochrothem Damast , mit weißen Blumen durchwirkt , waren noch wohl erhalten ; eben so zeigten die Vorhänge der Fenster , des großen Himmelbettes von demselben Stoff , alle ihren Werth in ihrer Dauer . Wunderlich stach dagegen die Einrichtung ab , die das Bedürfniß der alten Frau hinzugefügt . Im Kamine stand ein Schränkchen mit hellpolirtem Zinn , Brennholz war daneben aufgehäuft und hölzerne Geräthe . Auf der anderen Seite bildete ein hoher Lehnstuhl von Ebenholz , mit Gold und Silber ausgelegt , den Gegensatz . Die Kissen waren , wenn auch verwittert , doch von kostbarem Stoffe ; davor stand auf einem türkischen Teppich ein werthvolles Spinnrad mit aufgezogener Wolle , daneben ein kunstreiches Tischchen mit einigen Andachtsbüchern ; weiter entfernt befand sich ein Gestell , wo hinter wenig zureichenden Vorhängen die geringe Garderobe aufbewahrt war , und daneben zeigte sich ein prachtvoller Schrank mit vielen Schlössern , der in seiner kostbaren Arbeit zu dem Armstuhl und Tischchen zu gehören schien . So bildete Alles , was sich dem Auge darbot , einen Gegensatz , der unter anderen Umständen Elmerice vielleicht verletzt hätte ; jetzt aber nur ihren Antheil weckte und den lebhaften Wunsch erregte , sich allen diesen Dingen nahen zu dürfen . Besonders aber hafteten ihre Augen auf den fest geschlossenen Thüren , von denen sie wußte , daß sie in die Gemächer der ehemaligen Gebieterin der alten Mistreß Gray führten . Doch trat bald eine Dunkelheit ein , die ihr die Gegenstände entzog ; und da Madame St. Albans durch Seufzen und Stöhnen ihr Erwachen andeutete , versuchte sie der Leidenden Hülfe zu leisten . Asta dagegen lief ab und zu an das Bett der alten Frau , welche endlich begehrte , daß Feuer in den Kamin gelegt werde , um Licht zu bekommen . Es geschah , und wurde für Elmerice eine große Wohlthat , da die hoch aufwallende Flamme jeden Winkel erhellte . Asta wies ihr nun freundlich bedienstlich ein altmodisches Sopha , mit Polstern und Decken belegt , das hinter dem Schirme stand , zur Nachtruhe an , und öffnete ein kleines Wandthürchen , das in ein kaum zehn Fuß messendes Kämmerchen führte , worin sie auf einem kleinen hölzernen Tisch einige einfache Mundvorräthe aufgestellt hatte , die wahrscheinlich Veronika gesendet . Dieser ganz leere , von rohem Mauerwerk aufgeführte Raum hatte eine Wohlthat für Elmerice - ein fast bis zur Erde reichendes Fenster , das geöffnet war und die warme Nacht genießen ließ , die mit völlig aufgehelltem Himmel und einem Meere glänzend funkelnder Sterne erquickend zu ihr niederschien . Asta hatte das Tischchen dicht vor das Fensterbrett geschoben , auf dem Elmerice sich niedersetzen mußte , da kein Möbel weiter vorhanden war ; und sie fühlte zu sehr , wie das geschickte Kind bemüht gewesen , ihr Angenehmes zu erzeigen , als daß sie nicht der kleinen Mahlzeit zugesprochen hätte . Auch hier war dieselbe widersprechende Ordnung : ein silberner Teller und ein hölzernes Geschirr mit Milch , ein feines , damastnes Tuch und ein irdenes Gefäß mit Honig , ein goldener Löffel und ein eisernes , aus der Scheide gebrochenes Messer ; das Brod lag in einer japanischen Vase und die Butter in grünen Blättern auf dem zerbrochenen Deckel derselben . - Asta sah dennoch wohlgefällig auf ihr Tischchen hin ; - ihre junge Gefährtin lobte Alles sehr freundlich und genoß von Jedem , der Kleinen ihr Theil aufnöthigend . Auch lag für Elmerice ein besonderes Interesse in dem Anblick dieser Gegenstände ; und als hätte ein Alterthümler in den Schachten der Erde die Reste eines vergessenen Jahrhunderts gefunden , so betrachtete sie Alles und hielt die werthvolleren Geschirre zum Fenster hinaus , um sie besser erkennen zu können ; und besonders erforschte sie , wie ein Heraldiker , das Wappen des Tellers , das die ihr doch unbekannten gekrönten Geier des Crecy ' schen Hauses enthielt . Endlich erinnerte Asta sie an ihre nächste Pflicht ; denn das arme , überwachte Kind , für das Niemand gesorgt , schlief nach der erquicklichen Mahlzeit und von Elmerice ' s Nähe in Ruhe versetzt , bald fest ihr gegenüber ein , und sie umschlingend , führte sie die Kleine halb bewußtlos nach dem Sopha , das für sie bereitet war , und flüsterte der ängstlich Ankämpfenden zu , sie werde für sie wachen . Tiefe Stille umgab Elmerice nun . Leise , mit großen Umwegen schlich sie nach dem Kamin und legte seitwärts einige stärkere Schichten Holz auf , das Ausgehen der tröstlichen Flamme zu verhüten . Sie nahm dann ihren Platz so , daß sie beide Krankenbetten beobachten konnte , und ließ die Stunden vorüberstreichen , ohne Müdigkeit zu empfinden . Madame St. Albans schien zu schlafen ; aber Elmerice sah mit unbeschreiblicher Spannung , daß sich die Vorhänge vor dem Bette der alten Gray beständig bewegten , als regte Jemand sich dahinter hin und her ; dann blieb es einen Augenblick ruhig . Allein plötzlich öffneten sich die Vorhänge vorsichtig ; ein wunderlich vermummter Kopf fuhr hervor und wendete sich in allen Richtungen , wie es schien , um zu sehen , wie es außer dem Bette stände . Obwol Elmerice jede Bewegung sah , wußte sie sich doch hinter den bauschigen Fenstervorhängen hinreichend verborgen und lauschte mit klopfendem Herzen , was weiter geschehen würde . Die gemachten Beobachtungen schienen der Kranken zuzusagen ; denn sie nickte mit dem Kopfe und schob behutsam die Vorhänge weiter von einander . Elmerice sah deutlich eine aufgerichtete Gestalt , und nach wenigen Augenblicken schob sich eine alte , gekrümmte und dennoch große Frau hervor , die einen weiten dunkeln Pelzmantel um sich geschlagen hatte , und deren Füße mit Tuchsocken bezogen waren , die ihre Wanderung , die sie jetzt mühselig antrat , so geräuschlos machten , daß sie ein körperloses Wesen zu sein schien . Hier wäre der Moment gewesen , wo Elmerice , den Bestimmungen des Arztes zu Folge , hätte einschreiten müssen ; aber hierzu fehlte ihr um so mehr der Muth , da die Handlung von ihr offenbar eine wohlüberlegte , nicht durch Fieberhitze eingegebene war ; und so blieb sie eine unthätige bange Zeugin dieses Verfahrens . Die Alte schien in ihrem großen Hause von Bett Alles verborgen zu haben , was sie zur Ausführung ihres Willens nöthig hatte ; denn außerdem , daß ihre Kleidung warm und ausreichend war , sah Elmerice auch jetzt einen Stock in ihrer Hand , dessen Spitze vorsichtig umwickelt war . Und doch trug er sie kaum ! Mit welchem Antheile sah Elmerice , wie sie wankte , oft wie zusammenbrechend stehen blieb und so mühvoll den weiten Weg zurücklegte , der sie gegen die Thüre führte , die zunächst den unverwahrten Fenstern lag . Wie gern wäre sie ihr zu Hülfe gekommen und hätte sie gestützt ; denn schon fesselte das geheimnißvolle Wesen so ihr Herz , daß sie ihrem Willen sich unwillkürlich zuneigte , ihn höher achtend , als ihre empfangenen Vorschriften . Die Alte blieb jetzt seitwärts am Kamine stehen , öffnete eine Feder in dem schönen Schranken , die ein Fach hervortreten ließ , aus welchem sie eine dicke , gelbe Wachskerze und einen Schlüssel zog ; mit Mühe zündete sie das Licht an dem Feuer an und ruhete dann gänzlich erschöpft , wie es schien , einen Augenblick in dem hohen Lehnstuhle . Welch ' ein schauerliches Bild war ihr Anblick ! Ihr starres , abgezehrtes Gesicht war von der Kerze in ihrer Hand scharf beschienen , während das Feuer eizelne , grellere Lichter darüber hinjagte . Sie hatte die Augen geschlossen , und die Ermattung der Krankheit rang mit der fast krampfhaften Festigkeit , mit der sie Kerze und Schlüssel gefaßt hielt . Bald öffnete sie auch wieder die kleinen , versunkenen Augen , und noch ein Mal prüfend umherblickend , erhob sie sich mühsam und erreichte die geheimnißvolle Thüre . Der Schlüssel faßte geräuschlos das Schloß , die Thüre öffnete sich , die Alte schritt über die Schwelle ; und ehe sie dort Fuß gefaßt , blieb Zeit genug , den geöffneten Raum zu erkennen . Aber tiefe Nacht herrschte dort ; die eine Kerze erhellte nur die Thüre , die von Innen , wie von Außen reich vergoldet war - dann schloß sie sich hinter der Alten . - Mit welcher Bangigkeit harrte Elmerice ihrer Wiederkehr ! Es schien ihr eine Stunde - da öffnete sich abermals die Thüre ; das Licht beschien den gramvollen Ausdruck des bleichen , alten Gesichts . Langsam ward Alles verwahrt , und nach einiger Zeit verhüllten die Vorhänge des Bettes das ganze geheimnißvolle Treiben . - Elmerice wußte sich kaum Rechenschaft zu geben von der Empfindung , mit der sie am anderen Morgen das Erlebte gegen den alten Arzt verschwieg , da sich Veranlassung genug zeigte , es ihm mitzutheilen . Schon fühlte sie sich der unglücklichen Alten verbindet ; es schien ihr , sie habe eine Berechtigung zu ihrem Verfahren , das Andere nicht zu beurtheilen verständen ; und das wider Willen abgelauschte Geheimniß verpflichte sie zum Schweigen . Auch war die Aufmerksamkeit des Arztes an diesem Morgen mehr auf Madame St. Albans gerichtet , die , vom Fieber immerfort bewegt , ihn zu beunruhigen schien . Er saß sinnend , ängstlich ihren Puls prüfend , nahm endlich Elmerice in das kleine Nebenstübchen und schüttete ihr seine Gedanken aus . » Das ist seit gestern nicht mehr dasselbe , « sagte er ; - » das wird ein Zehrfieber ! Eine schlimme Sache , mein Kind - und welche Lage für so ein Krankenbett ! Damit nützt sie der Alten nicht , und Beide belästigen einander . Was fangen wir aber an - verdreht wie Beider Köpfe sind ? « » Sprecht mit Veronika , lieber Herr , « rief Elmerice - » ob sie nicht Madame St. Albans zu sich nehmen will und pflegen ; dann bleibe ich bei der alten Mistreß Gray und pflege sie allein . « » Wo denkt Ihr hin ? « lachte der Arzt ; - » Ihr kennt die Alte nicht ; das brächte sie nun vollends zum Rasen ; - dem kann ich Euch nicht aussetzen , das hat sie noch nie geduldet . « » Wagt es dennoch ! « sagte Miß Eton lebhaft ; - » ich habe eine Zusage in mir , daß sie mich dulden wird . Madame St. Albans muß gerettet werden ; eine andere Pflege ist bei der armen Alten nöthig , und also Gott befohlen ! Ueberlaßt es mir , ich werde durchsetzen , was ich will . Sie muß - sie soll - sie wird mich dulden ! « Der Arzt sah in Elmerice ' s sich röthendes Angesicht ; er erstaunte über die Energie des jungen Mädchens , und Elmerice , die seine Gedanken aus seinen Zügen lesen konnte , lächelte und sagte : » Das dachtet Ihr nicht ! Ihr wollt mir den Muth nicht zugestehen , den ich habe . Nun , erfahrt es denn durch das , was ich leisten werde ; laßt alle Zweifel ruhen und thut lieber ohne Zeitverlust , was nöthig ist . « » Du bist ein prächtiges Mädchen ! « rief der Arzt . - » Weiß Gott , Du sollst Deinen Willen haben ! Ordentlich neugierig bin ich , wie Du es treiben wirst ; - und es ist wohl möglich , daß , soll es wem gelingen , es Dir gelingt ! « - Von Madame St. Albans Einwilligung konnte nicht die Rede sein ; sie hatte kein klares Bewußtsein . Veronika war zu Allem erbötig , obwol voll Sorge für Elmerice . Am Nachmittage stand ein Lehnstuhl an Tragstangen gebunden , in dem kleinen Vorflure ; in Betten und Decken gehüllt , ward die Kranke hinein getragen , und der Zug nach dem Pfarrhause begann unter Aufsicht des Arztes und der treuen Veronika . Als Elmerice sich mit ihrer kleinen Gefährtin allein sah , kam eine wunderbare Ruhe , ja , mehr wie das , eine Befriedigung und Freude über sie , deren Grund sie nicht nachfragte , sondern mit dieser Kraft in ihrer neuen Stellung ganz vertraut zu werden suchte . Zierlich wußte sie die Verwirrung zu beseitigen , die sich nach und nach um zwei Krankenbetten angesammelt hatte . Der kleine Raum , der ihr zum Eßzimmer diente , war unschätzbar wegen seines Luftstromes , seiner sonnigen Helle . Veronika hatte ihr ein frisches Bett - einige Bücher - ihren Schreibapparat herbei geschafft ; Alles ward dem vorhandenen , ausreichenden Raume mit seinen reichen Möbeltrümmern angepaßt und gewann bald ein klares , wohnliches Ansehen . - Der Abend war so über Beide unmerklich hereingebrochen , und die Alte hatte in dieser Zeit keine Störung veranlaßt , da es die Zeit ihres Schlafes war . Asta verließ nun das Schloß auf Veronika ' s ausdrücklichen Befehl , um Mundvorräthe einzuholen , und Elmerice hatte sich auf den breiten Fensterrand in das kleine Kabinet gesetzt , und das Tischchen mit Schreibzeug vor sich gestellt , um ihr Tagebuch an Marie Duncan fortzusetzen . Wie wohl that es ihr dabei , daß sie das Lager der alten Menschenfeindin hatte umschleichen können , so Manches für sie bewirken dürfen , ja , der fest Schlafenden eine blühende Rose durch die Vorhänge schieben können , deren süßen Duft sie nun wider Willen einathmete . Den silbernen Becher hatte sie ihr zuerkannt ; er stand auf dem silbernen Teller , mit wohlschmeckendem gemischtem , frischem Quellwasser ; umher lagen einige der schönsten , reifen Früchte , welche ein Aroma verbreiteten , wie Blumen . Alles war auf dem feinen Ebenholztischchen so aufgestellt , daß eine leicht verschobene Falte des Vorhanges es ihr zeigen mußte , wenn sie erwachte . Elmerice lachte vor Freude , als sie damit fertig war , und ihre Augen wurden naß . Dies uneigennützige Werben um das arme , versteinerte Herz that ihr so wohl , als ob es mit Banden des Blutes an sie geknüpft sei . Ehe sie aber zum Schreiben überging , nahm sie die Aussicht wahr , die sich ihr von dort aus darbot , und sie sah , daß sie einen Theil des Bauwerkes übersehen konnte , unbehindert des weiten Blickes , den sie in das Thal von Ste . Roche hatte . Vergessen war die Feder . Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit suchte sie , was sie über das alte Schloß erfahren , an das anzuknüpfen , was sie von dem Baue vor sich erblickte . Die lange Reihe der Fenster , zu der auch das gehörte , worin sie saß , endete an einem runden , vortretenden Thurm , an dessen mittleren Fenstern ein kleiner Altan hervorsprang . Elmerice hielt den Athem an ; ihre Wangen glühten ; - das mußte der Eudoxien-Thurm sein ! Am Fuße desselben grünte und blühte ein schmales Gärtchen , welches auf der hohen , wallartigen Untermauerung , die in das Theil reichte , angelegt war . Es war nicht künstlerisch von Gärtners-Hand geordnet ; doch hatte es der Pflege nicht entbehrt . Der Eingang dazu mußte aus Fensterthüren sein , die in der verschlossenen Zimmerreihe lagen , die Emmy Gray behütete . Zwischen Rosenstämmen , die , angebunden und beschnitten , von einer sorgenden Hand zeigten , sah Elmerice sich einen Hügel wölben , mit zartem Rasen überdeckt ; darauf ruhete ein Gegenstand - leuchtend - weiß ; - er hob sich von der Erde ab , wie Menschenformen ! Ihr Athem stockte ; undeutlich verwirrten sich in ihr Begriffe und Gefühle . Die Brücke der Phantasie , wie wir mit kluger Wägung auch den Ankergrund ihr rauben , ist nie ganz zerstört ; sie harrt der Gelegenheit , um immer wieder leicht , von unbekanntem Material erbaut , sich aus dem tiefen Grunde des sehnsüchtigen Herzens vor uns zu erheben und , Sicherheit verheißend , den schönen Bogen in das Wunderland der Fabel hin zu senken , den Weg uns lockend zeigend , den wir bereit sind einzuschlagen , ohne Nachweis zu fordern vom warnenden Verstande , dessen ganzes Reich die zarte Brücke in den Lüften überwölbend deckt . Elmerice hoffte ; wer mag um Rechenschaft sie fragen ? Sie stand auf dem leichten Brückenbogen der Phantasie - und Alle , die dort stehen , hoffen , der Verstand habe sich geirrt ! - Auf der Fensterbrüstung stehend , die schlanke Säule des Fensterkreuzes umschlingend , sich an ihr vorbeugend - so waren ihre Augen auf den geheimnißvollen Gegenstand gerichtet , während Stimmen und fröhliches Gelächter zu ihr drang , dem sie noch immer das Recht der Aufmerksamkeit versagte . Doch näher kam es ; Pferde wieherten - sie schrak zusammen - ihre Augen folgten den Tönen - einem Wunder glich auch , was sich jetzt ihr darbot ! Eine fröhliche Gesellschaft zu Pferde , von Herren und Damen in reicher modischer Tracht , von Dienern in kostbaren Livreen gefolgt , zog durch den Thalweg am Fuße des Walles vorüber . Erstaunt blickte sie zu ihnen nieder ; da ward ihr klar , daß sie der Gegenstand der Beobachtung Aller sei , daß ihr weißes Kleid , vom Abendwinde leicht bewegt , die Blicke zu ihr hingezogen , daß vielleicht in dem verfallenen , menschenleeren Theile des Schlosses ihr Anblick bei den Vorüberziehenden gleiche Gefühle erregte , als die , deren sie sich eben bewußt geworden war . Obwol die Höhe ein Erkennen unmöglich machte , schrak doch ihr Herz zusammen , und schnell tauchte sie nieder und dankte Gott , als die Gebüsche sie verhüllten . Nicht so schnell schien man unter ihrem Fenster sich zu beruhigen . Sie hörte länger noch den Wechsel lebhaft sich unterbrechender Stimmen und wagte , obgleich hinreichend verborgen , doch erst frei zu athmen , als sie den Hufschlag der davon eilenden Pferde hörte . So vernahm sie mit wahrer Erleichterung Asta ' s leises Klopfen an der stets verschlossenen Thür , und auch diese trat so bang bewegt herein , als werde sie verfolgt , und Elmerice gewahrte , daß die kleine Eingangsthüre zur Treppe schon fest verschlossen war . » Was ist geschehen ? « fragte sie das bewegte Kind ; - » was hast Du ? « Und Asta hätte die Frage zurückgeben können , so bewegt sah Elmerice auf ihre kleine Gefährtin , so sicher trug sie die Spuren ängstlicher Neugier . » Ach , « sagte Asta , - » was muß im Schlosse los sein ? Zur Nacht soll es in einem Feuer glänzen , als hielten Geister dort ihr Fest ; - und bei Tage gehen Gestalten aus und ein , wie Keiner sie je gesehen - welche ganz von Gold - Andere in bunten Kleidern , wie die Feen sie tragen ! Dann singen sie und halten Tafel ; - ach , und das Alles uns so nah - wie schrecklich ! Was soll aus uns wohl werden ? Da hält ja kein Schloß , wenn sie wollen ! Gut , daß ich das Stückchen Kohle hatte - ich habe das Kreuz über die Thür gezogen - das ist die einzige Rettung ! « Sinnend hörte Elmerice den Bericht an , und nachdem sie ihn in ihre Sprache umgesetzt hatte , erkannte sie , daß das Schloß von der Gesellschaft bewohnt sein müsse , die sie so eben am Fuße des Walles erblickt habe . Aber wer konnte das sein ? Sie hatte von der Herrschaft dieses Schlosses noch nie gehört ; - wer anders konnte jedoch mit so großem Eigenthumsrechte hier walten ? » Beruhige Dich , Asta , « sagte sie - » das sind Menschen , die das Schloß bezogen , wenn ich auch nicht weiß , wer hierzu das Recht hat . Eben vom Fenster sah ich sie zu Pferde einherziehen ; sie hatten ein eben so menschliches Ansehen , als Du und ich ; sie waren nur , wie reiche Leute hohen Standes , kostbar gekleidet . « Asta wagte einen Blick zu Elmerice , der alle die Zweifel des erschreckten Kindes , so wie die schüchterne Warnung enthielt , doch so Natürliches nicht zu glauben ! Doch schwieg sie bescheiden , heimlich wohl sich mehr auf das Kreuz verlassend , als auf die Einsicht ihrer jungen Gefährtin . Diese empfand jedoch in anderer Beziehung eine Unruhe , die Asta freilich nicht theilen konnte ; denn plötzlich schien ihr ihre ganze Lage unpassend , besorglich . Die bängste Befürchtung für ein weibliches Herz - unbeschützt in zweideutige Verhältnisse zu gerathen - ergriff sie . Diese waren möglich , wenn der Eigenthümer plötzlich die Rechte Emmy Gray ' s verletzte und den Raum in Anspruch nahm , der bis dahin mit seinen unangerührten Rechten auch Elmerice und ihr gewagtes Unternehmen verhüllte . Doch war sie zu jung , als daß nicht diese ersteren Gedanken sich von der Frage durchkreuzt gefunden hätten , wer die zierliche Gesellschaft sein könne , die sie wieder in die Kreise zurück versetzt hatte , die sie seit dem Abschiede von Ardoise entbehrt . Näher rückte ihr indeß ihr jetziges Verhältniß durch den harten , lauten Ruf der Alten , die nun zur Nacht , aus ihrem Schlaf erwachend , ihr krankhaftes Treiben zu beginnen schien . » Asta , « rief sie - » wer hat dies aufgestellt ? - Ist Ellen aus dem Bette ? « Asta sagte , sie wüßte Nichts davon , und Madame St. Albans sei zu Veronika gegangen , weil sie das Fieber stärker bekommen . - » Nun , wer gab denn das ? Warst Du der kecke Page , der wider meinen Willen sich hier breit gemacht ? « - » O nein ! o nein ! « rief Asta ; - » ich weiß Nichts davon ! « - » Schweige , Thörin , « rief die Alte , - » die Furcht macht Dich zur Lügnerin ! « Die Kleine schwieg . Wieder mußte sie das Feuer schüren , dann gebot sie ihr zu gehen . Elmerice wies Asta stumm ihr Lager von vergangener Nacht und setzte sich an ihrem Bette nieder , um dem armen Kinde die erregte Furcht abzuwehren . Bald schlief sie sanft , und Elmerice setzte sich nun an das Lager der alten Emmy , von den dichten Vorhängen , die es umgaben , verdeckt . Kein Schlaf kam mehr über die Kranke , und Elmerice konnte die ungewöhnliche Gemüthsbewegung der Alten erkennen , die in einzelnen Worten ausbrach , und zwar in Worten der alten Heimat-Sprache , von schweren Seufzern unterbrochen : » Asta war es nicht , - ich glaube es - sie log nicht - Ellen ist weggebracht - wer bleibt nun übrig ? - Gerade , wie mein Engel es that - die Rose - und dann die Früchte - ach , mein Engel , warst Du hier ? Warum erquicktest Du mein Auge nicht - bin ich es nicht werth , daß ich Dich auch schaue - die Rose zeigt doch Deine Liebe - Dein Mitleiden ! - Sprich , hab ' ich Recht ? « » Ja ! « sprach Elmerice , von ihrem Gefühl überrascht , in derselben Sprache ; - » ich möchte Dich gern trösten ! « Ein Entzückenslaut , Schreck-gebrochen , war die Antwort . » Sprich , sprich noch ein Mal - das ist süßer , wie Engelgesang ! Laß ' mich den lange ersehnten Ton noch ein Mal hören ! « - Kaum war die Stimme Emmy ' s , die so kindlich bat , in dem weichen , belebenden Tone zu erkennen . Elmerice glühte vor Liebe und Eifer ; sie eilte vor und knieete jetzt schon neben dem Bette . » Fasse Dich ! Vertraue mir ! Ich bin gekommen , um Dich mit Gott und Menschen zu versöhnen durch meine reine , uneigennützige Liebe ! « » O mein Engel - laß ' die Menschen ! « rief Emmy - » beflecke damit Deine reinen Lippen nicht ; - sag ' mir nur das Eine - dürfte ich Dich wohl schauen ? Bist Du bloß ein süßer Ton - oder umgiebt Dich noch ein wenig von dem lieben , schönen Engelsleibe ? - Darf ich Dich sehen ? « » Und wenn Du mich siehst , « sagte Elmerice - » wirst Du nicht erschrecken ? Werden Dir meine Züge nicht fremd und störend sein ? « » O nein - nein ! « rief Emmy dringend - » Deine liebe Stimme ist ja dabei ! « » So ziehe den Vorhang auf - ich kniee an Deinem Bette . « Elmerice in ihrem weißen , faltigen Kleide , das schöne , von Bewegung erblaßte Angesicht von braunen Locken , wie von einer Glorie , voll umspielt , die tiefen blauen Augen mit der schönen Begeisterung der Menschenliebe zu ihr aufgeschlagen , kniete in dem hellen Lichte des Feuers , glänzend wie ein Cherub , vor den anbetenden Augen der in starres , entzücktes Anblicken aufgelösten , alten Frau . Beide schwiegen lange . Elmerice schien sich bis in den tiefsten Grund dieser kranken Seele drängen zu wollen . Emmy sog mit langen , durstigen Zügen den Anblick ein , der die öden , verschmachteten Jahre löschen sollte in dem alten Wonnerausche - gefesselt von der geheimen Angst , er werde ihr im nächsten Augenblick entschwunden sein . Da rollten aus den blauen Augen des holden Wesens große Thränen über die bleichen Wangen , und die Alte erbebte vor diesem Zeichen der Sterblichkeit . » Du weinst , « sagte sie ; - » weint man denn dort , woher Du kommst , dieselben Thränen ? « » Ach , « sagte Elmerice - » woher denkst Du , daß ich komme ? In Deinem England , woher ich komme , weint man dieselben