Hier stand der neue Kastellan in unfreiwilliger Erwartung der Befehle , die eine fremde , sonst so verachtete Autorität ihm geben würde , und wagte nicht die bunte Menge zurück zu weisen , die sich dem Zuge nachdrängte , in doppelter Neugierde , das unzugängliche Schloß , das wie ein bezauberter Schatz zu den unerhörtesten Historien Anlaß gegeben , in Augenschein zu nehmen und zu erfahren , ob der gefürchtete Pater Johann das schöne Mädchen wirklich erstochen habe . Längst hatte Richmond hierüber Brixton seine Meinung mitgetheilt ; Beide hielten diese Verwundung für unmöglich . Richmond kam der Wahrheit näher , indem er den Schiffer , dem er sie am Strande abgenommen , für ihren Mörder hielt ; auch hatte Oberst Crawford bereits Befehl gegeben , die Flüchtigen zu verfolgen und das Abgehen des Bootes zu verhindern , was durch den mit neuer Wuth sich erhebenden Sturm wahrscheinlich auch außerdem unmöglich geworden war . Als sie in der Halle angekommen waren , entstand die Frage , wohin man das Fräulein bringen sollte . Margarith trat sogleich dazwischen und empfahl die Zimmer des Erdgeschosses , die uns bereits bekannt sind und von Maria , auf Veranlassung des wohlmeinenden Pater Clemens , bei ihrer Ankunft bewohnt worden waren . Der Kastellan eilte daher , von mehreren Dienern , die Lichter trugen , begleitet , voran , und bald zog der blutige , entstellte Körper derjenigen in diese Räume ein , welche sie einst glänzend und in aller Fülle jugendlicher Schönheit und Gesundheit betreten hatte . Eine zweite schwierige Frage war die nach ärztlicher Hülfe ; denn der Arzt , nach welchem Richmond mit Erlaubniß des Obersten einen reitenden Boten gesendet , war nicht vor Tage zu erwarten und bei dem starken Blutverluste schnelle Hülfe dringend nöthig . Margarith , welche in ununterbrochener Aufmerksamkeit ihrer geliebten Lady zur Seite blieb , wußte auch hier Auskunft zu geben . Sie bat Lord Richmond , die Schwester Electa von dem Kastellan herbei führen und ihr wissen zu lassen , daß eine tödtlich Verwundete ihrer Hülfe bedürfe . Sie versicherte zugleich , daß diese fromme Schwester stets , in Abwesenheit des Pater Johann , die Kranken des Schlosses besorgt , und große Kenntnisse von schweren Verwundungen und deren Behandlung habe . Diese Nachricht , die viel Glaubhaftes hatte , da sie mit dem wohlbekannten Gebrauch in Häusern der Art übereinstimmte , wie man hier vorgefunden zu haben nicht mehr bezweifeln konnte , erregte eine neue Hoffnung für die bekümmerten Freunde der Lady , und als sich nach einiger Zeit die Thür öffnete und Electa , von zwei Frauen begleitet , welche verschiedene Spezereien trugen , eintrat , eilte ihr Richmond mit einer Lebhaftigkeit entgegen , vor der das schüchterne Wesen fast entsetzt zurückbebte . O , fürchtet keine Beleidigung , fromme Frau , fügte er schnell hinzu mit dem herzgewinnenden Tone , der ihm so eigen war . Ihr findet hier höchst bekümmerte Freunde , die von Eurer Hülfe Trost und Hoffnung erwarten , wenn nicht den Ausspruch , daß Alles verloren sei . Schwester Electa antwortete nicht , angstvoll strebte sie nur , sich den Blicken so vieler Männer zu entziehen , und wagte nicht den Fuß vorwärts zu setzen , nicht sich zu bewegen , noch zu fragen , wer ihrer Hülfe bedurfte . Da schlüpfte Margarith um Richmond herum und rief , an Electa ' s Kleid zupfend : O eilt , eilt , Schwester Electa ! Eure Hülfe ist nöthig , es ist Lady Maria , die Pater Johannes erstochen hat . Mit einem matten Tone des Entsetzens fuhr die bebende Gestalt empor , aber damit schien auch alle Scheu von ihr genommen . Sie schaute angstvoll auf und glitt nun rasch , hinter Margarith her , nach der Bahre hin , die noch in der Mitte des Zimmers stand . Einen Augenblick kniete sie nieder und starrte mit dem tiefsten Schmerze in die Züge der Lady , während sie krampfhaft ihre Hände rang ; dann stand sie auf , und indem sie gesenkten Blickes vor Lord Richmond trat , sprach sie leise : Ich muß allein sein . Entfernt Eure Gefährten ! Augenblicklich befolgte Richmond ihr Begehr , und bald sah sich Electa , blos von Frauen umgeben , mit der Hülfsbedürftigen allein . Ihre ganze besonnene Thätigkeit trat sogleich auf das Vortheilhafteste hervor . Während sie eine der Frauen entsendete , ein Kräuterbad zu besorgen , mußte die andere gegen den Kamin , dessen helles Feuer alsbald entzündet war , das feine Leinen zum Umkleiden , die Kompressen und Binden des chirurgischen Apparats ausbreiten , und mit feinen Essenzen durchräuchern ; während sie selbst mit Margariths Hülfe die in Blut getränkten Kleider der Verwundeten ablöste , um erst zu entdecken , wo die Ursache dieses Zustandes zu finden sei . Brust und Schultern zeigten sich gesund , und bald entdeckte sich über der linken Hüfte die von der Kugel zerrissene Stelle , die eine Ader oder sonst ein bedeutendes Blutgefäß gefaßt , und den heftigen Blutverlust veranlaßt haben mußte , dessen Folgen noch nicht zu bestimmen waren . Unablässig weinend , rief Margarith bei jeder Bewegung Electa ' s : Sagt , ist sie todt , wird sie sterben ? Lebt sie nicht wieder auf ? Electa war vertieft in ihre Untersuchungen , und da sie die Kugel am Hüftknochen sitzend fand , eilte sie zu ihrer Instrumententasche und schickte sich an , mit sicherer Hand den tieferen Einschnitt zu machen , nach welchem die Kugel augenblicklich zur Erde rollte . Ein Schrei der Freude drang aus Margariths Munde , während sie ihre Fragen nach Leben oder Tod mit verdoppelter Ungeduld wiederholte . An dieser Wunde stirbt sie nicht , sprach Electa , jetzt zum ersten Male die Lippen öffnend ; aber was der Blutverlust bereits gethan , ist nicht zu bestimmen . Sie legte jetzt einen vorläufigen Verband um die Wunde und brachte den starren Körper in das duftende , stärkende Bad , dessen gelinde Wärme die Kälte und Starrheit des Todes zu lösen schien . Auf das Sorgsamste legte alsdann Electa den zweiten Verband an , und ließ sie in die mitgebrachte erwärmte und von geistigen Wässern belebte Wäsche hüllen , und nach ihrem Schlafzimmer tragen , dessen Luft , wie das Lager selbst , Leben kräftigende Düfte und sanfte Wärme zu athmen schien . Noch hatte kein Zeichen des Lebens diese verständigen und sorgfältigen Bemühungen gelohnt , und jetzt erst begannen Electa ' s Versuche , ihren geschlossenen Lippen einige Tropfen zur innern Belebung einzuflößen . Schläfe , Pulse und Wangen wurden dabei sanft mit geistigen Wassern gerieben , und der Mund , welcher jetzt , geöffnet , größere Portionen einflößen ließ , gab nicht mehr willenlos zurück , was er empfangen . Electa konnte nicht umhin , durch ein Zeichen diese Veränderung kund zu thun , bald zeigte sich auch ein leises Röcheln , ein Kampf des schwachen Athems mit der äußern Luft , ein Höhersteigen der Brust , ein leises Zucken , ein Seufzer , eine matte Bewegung , endlich ein plötzliches Aufschlagen der großen Augen . Electa ' s strafender Blick hielt Margariths Freudengeschrei zurück ; denn Besinnung war der Erschöpften noch nicht wiedergekehrt , und leise fuhr Electa fort , den jetzt wieder bewegbaren Lippen ihre stärkenden Tropfen einzuflößen . Margariths volles Herz trieb sie aber leichten Schrittes aus dem Zimmer , und nun stürzte sie von Freude gejagt durch die Nebengemächer , die Frauen fast überrennend , die das Vorzimmer aufräumten , und so laut Lord Richmond rufend , daß , als sie die Halle erreicht , er ihr schon entgegenstürzte , in namenlosem Gefühle der Angst . Sie lebt ! rief sie , ihm in die Arme fliegend , eben hat sie die Augen geöffnet ! Tief erschüttert drückte er das treue Mädchen die so bald mit weiblicher Feinheit ihn errathen hatte , so unschuldig ihm ihre Entdeckung verrieth , an seine Brust und setzte sie dann sanft zur Erde , zu Brixton eilend , der in banger Qual , zum Tode erschöpft , ihm entgegen harrte . Eine dankbare Rührung verbreitete sich bei der glücklichen Botschaft auf allen Gesichtern , und Margarith weinte in Lancis Armen , von seinen eigenen Thränen begleitet , die Bewegung aus , die seit den letzten Stunden das arme Mädchen erschüttert hatte . Da trotz der Erschöpfung , die Brixton fühlte , eine eigentliche Ruhe für den Rest der Nacht ihm undenkbar schien , entschied man sich , nach dem Vorzimmer zurück zu kehren , das an das Zimmer Maria ' s stieß . Bald waren hier einige Matratzen gegen die angenehme Glut des Kamins gelegt , und Brixton willigte ein , so ruhend , sich einige Erholung zu gönnen , während Richmond und Oberst Crawford , in Sesseln sitzend , durch Unterhaltung die Stunden bis zum Morgen zubringen wollten , und Margarith theils die Botin für die Nachrichten aus dem Krankenzimmer machte , theils mit Lanci in einem Eckchen die reichen Begebenheiten ihrer letzten Vergangenheit durchsprach . Schon seit langer Zeit , Mylord , erwiederte Oberst Crawford eine Frage Richmonds , war unsere Aufmerksamkeit auf den geheimnißvollen Inhalt dieses Schlosses gerichtet . Es stand meinen Vorgängern ein Recht zu , hier in beliebiger Frist einzukehren und sich der wirklichen Gegenwart dieser Verwiesenen zu versichern . Eine lange Reihe von Jahren hatte indessen sowol ihre Verbrechen , als ihre Personen zu der Gleichgültigkeit herabgesetzt , die ihnen eine Art von Freiheit zurück gab . An ihre Entweichung war um so weniger zu denken , da ihnen in ihrem Eigenthume Reichthum genug geblieben war , um ein bequemes Leben zu führen , und die Kränklichkeit Beider , die allgemein bekannte Geisteszerrüttung des Lords einen solchen Schritt nicht wahrscheinlich machte . So hatte man nach gerade Besuche unterlassen , die immer etwas Gehässiges behielten , ungern empfangen , mit widrigen Eindrücken für den Besucher endigten und in allen Beziehungen zwecklos waren . Dagegen blieb unsere Aufmerksamkeit stets rege in Bezug auf diesen Theil des Küstenstrichs , weil hier der Schleichhandel mit einer Unverschämtheit getrieben ward , die sehr nah an seeräuberische Ueberfälle streifte und doch von einem Rückhalte gedeckt war , der unsere Aufmerksamkeit endlich auf das Schloß richtete und den Lord Devenant , der vor mir hier befehligte , zu dem Entschluß brachte , das fast verjährte Recht wieder in Anwendung zu bringen und seinen Besuch im Schlosse mit einer Untersuchung der Seite , die nach der See zu geht , zu verbinden . Ich übergehe die zahllosen Schwierigkeiten , die ihm entgegengesetzt wurden , und die , wenn sie auch seinen Verdacht vermehrten , ihn dennoch zu keiner Entdeckung kommen ließen . Er berichtete darüber nach London , ehe jedoch die Antwort für ihn eintraf , wurde ihm eine indessen ausgewirkte Erlaubniß des Königs präsentirt , welche jede Beunruhigung des Schlosses bei Lebzeiten der Herzogin von Sommerset verbot , die man offenbar als tödtlich leidend dargestellt hatte . Indessen hatte der Bericht des Lord Devenant doch zur Folge gehabt , daß mir nach seiner Abberufung der Befehl ward , das Schloß aus der Ferne streng zu beobachten , besonders die Verbindung , die es mit der Umgegend unterhielte , und genau den Augenblick wahrzunehmen , wo die Lady mit Tode abgehen würde , wonach der König , dem die Besitzungen als Lehnsherrn zufallen , berechtigt wäre , sogleich davon Besitz zu nehmen , und dies , unter Vorzeigung der mir dazu behändigten Vollmacht , augenblicklich ins Werk zu setzen , um wo möglich zu entdecken , ob der Argwohn , den die Bestimmung des Schlosses erregt , wirklich begründet sei . - Wir dürfen nicht läugnen , Sir , sprach Richmond , daß , wenn wir auch nicht alles Unglück haben verhüten können , wir doch einer glücklichen Kombination von Zufälligkeiten unsere gemeinschaftliche Wirksamkeit verdanken . Es ist mir nicht vergönnt , die Verhältnisse der Dame , zu deren Rettung ich dem ehrwürdigen Herrn hier meine Hülfe lieh , ganz klar zu übersehn , und der Grund , warum man sie hierher führte , bleibt mir deshalb gleichfalls dunkel . Jedenfalls jedoch haben wir ihre Entführung verhindert , welche , zur Nachtzeit und bei so heftigem Sturme unternommen , entweder das Interesse zeigt , das man an ihren Besitz knüpfte , oder bei der Gefahr , der man sie rücksichtslos aussetzt , auch die empörende Absicht verrathen kann , sie lieber aufzuopfern , als in ihre früheren Verhältnisse zurückkehren zu sehn . - Und glaubt Ihr , Mylord , fragte der Oberst , daß man die Nähe ihrer Freunde ahnete , daß Eure Absicht , sie hier aufzusuchen , errathen war ? Ich darf daran nicht zweifeln , erwiederte Richmond ; langsamer , als ich gewünscht , ist unsere Reise von London hierher vor sich gegangen ; sie mehr zu beeilen , wäre mit Gefahr für das Alter und die Gesundheit des ehrwürdigen Herrn verbunden gewesen , dem ich wiederum eben so wenig voraneilen durfte , da ich seiner vollständigen Kenntniß des Schicksals der Lady in jedem Augenblick bedürfen konnte und auch zweifeln mußte , ob die junge , oft schon bitter getäuschte Dame mir ohne den Schutz ihres anerkannten Freundes folgen würde . Meinen Entschluß , über Dunferling zu gehen , wo , wie ich aus Lanci ' s Erzählung wußte , die einzige bewaffnete Macht vorhanden war , die wir zu Hülfe rufen konnten , wenn der Weg heimlicher Unterhandlung , die uns von einem wohlmeinenden Unbekannten empfohlen ward , nicht zum Zwecke führen sollte , muß ich jetzt als ein großes Glück ansehn , obwol er durch die nothwendige Verzögerung , die er mit sich führte , unser Zusammentreffen mit dem Pater Johannes herbei führte , welchem unsere Absicht zu verbergen , ich gleich für eine Unmöglichkeit hielt und daher den Entschluß faßte , durch eine schnelle Ausführung , wo möglich , seinen Einwirkungen zuvor zu kommen und die Hilfe eines Ehrenmannes in Anspruch zu nehmen ; welches Vorhaben dann durch die Ehre meiner Bekanntschaft mit Euch so sehr begünstigt ward . Der Oberst verneigte sich . Richmond fuhr fort : Lanci vorläufig blos durch meinen persönlichen Beistand zu unterstützen , trieb mich die Ahnung einer nahen Gefahr . Wenige Stunden nach Ankunft des Pater Johann , und nachdem ich ihn über mein Verbleiben getäuscht hatte , eilte ich ohne alle Begleitung fort , dem Master Brixton die Bitte zurücklassend , ferneren Bescheid abzuwarten , und hoffend , durch die Gegenwart desselben und meiner Leute den Pater Johann über meine Entfernung zu täuschen . Auch war damals meine Absicht , den Anspruch an Eure Hilfe nur für Deckung unserer Flucht geltend zu machen , welche ich , ungewiß über die Mittel , die dem Pater Johann zu Gebote standen , um des Fräuleins willen keiner Gefahr aussetzen durfte . Da der Weg jedem Kinde bekannt ist und bei Erreichung der ersten Anhöhe nach Lanci ' s Beschreibung leicht zu finden war , und endlich auch zu Anfang des Waldes ein glückliches Zusammentreffen mit einem Jägerburschen mich begünstigte , so erreichte ich die Wohnung des alten Wildmeisters , wohin mich Lanci verwiesen , von wo aus er selbst alles Weitere zu unternehmen dachte , und wo sich die bequemsten Verstecke vorfanden . Ueberdies war es mir klar geworden , welch unbedingtes Vertrauen in den Alten gesetzt werden konnte . Da ich erst am Abend meine Wanderung angetreten hatte , so war es bereits Nacht , als wir die Wohnung des Wildmeisters erreichten , und als mich Lanci empfangen und mit dem Alten bekannt gemacht hatte , hörte ich den wenige Tage vorher erfolgten Tod des alten Kastellans , an den wir von unserem unbekannten Freunde hauptsächlich empfohlen waren , und durch dessen Mitwirkung mir die Sache allein ausführbar schien . Von diesem Augenblick an gab ich die Hoffnung einer heimlichen Entführung auf und war entschlossen , mich am andern Tage in Begleitung Brixtons , den ich erwarten durfte , und dessen Gegenwart jeden Argwohn fern halten mußte , nach dem Schlosse zu begeben , Einlaß zu begehren und das widerrechtlich gefangen gehaltene Fräulein zurück zu fordern . Als ich jedoch meine Absicht mittheilte , mußte ich entschiedenen Widerspruch erleiden . Lanci warf sich mir fast zu Füßen und berief sich auf seine bestimmten , dem zuwiderlaufenden Befehle , mit einer seltsamen Mischung kindischer Furcht vor dem Zorn desjenigen , der ihn ausgesendet , und einer großen Festigkeit , die sein Alter zu überschreiten schien , in Verschweigung des Namens , den ich ihm nochmals abforderte . Der alte Wildmeister , dessen schweigsame Würde mich sehr anzog , schlug sich endlich , von mir zur Erklärung aufgefordert , auf Lanci ' s Seite ; er sagte , mit dem Finger auf den Brief zeigend , den Lanci an den alten Kastellan überbringen sollte : Lanci nennt zwar auch mir nicht den Namen dessen , der ihn gesendet ; aber ich kenne die Handschrift , und der dies schrieb , wußte Zeitlebens mehr , als andere Menschenkinder , und man hat gut gethan , sich genau nach seinen Vorschriften zu richten . So willigte ich endlich ein , den Besuch des Wildmeisters auf dem Schlosse , wobei er Lanci mitzunehmen versprach , abzuwarten , da dem Fräulein eine Andeutung der Versuche , die zu ihrer Rettung gemacht wurden , zu wünschen war , auch mit Margariths Hilfe sich vielleicht ein Mittel erdenken ließ , die Flucht heimlich einzuleiten , wogegen ich nichts einzuwenden hatte , da Master Brixton dies stets vorzuziehen schien . Wir alle kürzten die Zeit der Nachtruhe ab , und der Wildmeister entfernte sich , beladen mit dem Wildvorrath für das Schloß , worunter er Lanci als Träger zu verbergen hoffte . Der tödtlichen Spannung , worein Unthätigkeit vor einer wichtigen Katastrophe den Geist versetzt , zu entgehn , verließ ich die Wohnung bald nach meinem Wirthe und suchte das Schloß auf , das so wunderbar verborgen , und gleichwohl eine so kühne und sichere Position gefaßt hält . Vergeblich suchte ich von Außen eine Möglichkeit zu erspähen , die unserm Unternehmen günstig werden könnte . Der Sturm hatte vom Morgen an mit wüthender Heftigkeit getobt , die kleinen , elenden Hütten , welche zerstreut hinter den Dünen am Strande lagen , gewährten ein trostloses Bild von Armuth und Elend , und während ich an ihnen hinstrich , sah ich , wie die Fischer aus der See zurückkehrten , und als ich mich unter sie mischte , hörte ich , daß der Sturm zu heftig sei , um sich hinaus zu wagen . Um so mehr fiel es mir auf , daß nach Verlauf von etwa einer Stunde einer der Schiffer ein Boot losmachte und trotz des zunehmenden Sturmes in See ging . Ich redete den Trupp der zurückbleibenden Schiffer an , die ihn mit Theilnahme auf der See verfolgten , und seine Gefahr oder seine Geschicklichkeit mit einzelnen Ausrufungen begleiteten , und fragte sie nach der Ursache dieses Wagnisses . Meine ganze Gegenwart schien unangenehm oder verdächtig . Sie wichen meinen Fragen aus , und nur als ich endlich das Unternehmen als thöricht tadelte , fuhr mich ein alter Fischer ziemlich unsanft an , indem er ausrief : Er muß wohl fort , der arme Junge , es ist Befehl gekommen , den Küstenschiffer mit seinem Fahrzeug zu holen . Vom Schlosse ? fragte ich plötzlich von der Wahrheit ergriffen ; also ist Pater Johannes schon zurück ? Ja , sagte ein Anderer , gewiß , denn wer sollte sonst ein solch Wagstück befehlen , wem sonst würde der Küstenschiffer gehorchen ? Ich war von dem Augenblick an überzeugt , daß man die Lady zur See entführen wollte , und eben diese Ueberzeugung , daß unsere Hilfe , wenn nicht gleich , dann vergebens kommen würde , trieb mich vom Ufer zurück , nach der Wohnung des Wildmeisters , den ich nun in der größten Unruhe erwartete . Muthlos sah ich ihn endlich nahen . Nach dem , was er auf dem Schlosse erlebt und erfahren , hielt er Alles für verloren , da Lanci entdeckt und gefangen war , die Lady am Morgen im Wahnsinne ihren Wächtern entsprungen , und eben die Treppe , auf der sie ihren Gemahl vor Jahren todt gefunden , und auf der sie ihn beständig in ihrem Wahnsinn suchte , hinabgestürzt war und mit gebrochenem Genick ihren Tod gefunden hatte , wodurch , seines Erachtens , die ganze Herrschaft an Pater Johann überging und keine Gnade mehr zu hoffen schien . Von Euch , Herr Oberst , unterrichtet über Eure Vollmachten in Bezug auf diesen Tod , brauche ich Euch nicht zu sagen , daß dies mir jetzt gerade die größte Hoffnung für uns alle gab . Doch überzeugt , wie sehr im Interesse des Pater Johann es sein würde , die Nachricht zu verheimlichen , beschwor ich den alten Wildmeister , sich nach Dunferling zu begeben , Euch die wichtige Nachricht von diesem Tode mitzutheilen und Euch um schnelle Hilfe zu bitten . Ich selbst aber kehrte nach der Küste zurück , Alles anzuwenden entschlossen , um eine Entführung der Lady , wenn man sie noch beabsichtigen sollte , zu verhindern . Hierzu blieb mir allerdings kein anderes Mittel , als meine Pistolen und mein Degen ; denn da ich Eure Ankunft für wichtiger hielt , als die des Master Brixton und meiner Leute , so sollte der Wildmeister erst auf der Rückkehr nach dem Städtchen gehn , um ihre Ankunft zu veranlassen . Ich hielt mich jedoch am Strande verborgen , um den Verdacht der Schiffer nicht aufs Neue zu reizen , und sah bald das Küstenboot vor Anker liegen , das zu einer längeren Fahrt gerüstet zu werden schien . - Die Unterredung der beiden Männer ward hier durch eine Meldung unterbrochen , die ein Unter-Lieutenant der Milizen dem Obersten machen wollte . Der Oberst beurlaubte sich von Lord Richmond und unterredete sich eine Zeitlang mit dem Offizier , dann verabschiedete er ihn und kehrte wieder ins Zimmer zurück . Das Richteramt , Mylord , ist vollstreckt ohne menschliche Zuthat . Eine furchtbare und erschütternde Fügung hat das , was Pater Johannes zum Untergang der unglücklichen jungen Dame bestimmte , zu seinem eigenen herbei führen lassen . Wie , Sir ! rief Richmond aufspringend , wie meint Ihr dies ? Der anbrechende Tag , erwiederte der Oberst , hat die zerschellten Leichname des Pater Johann und des Küstenschiffers an den Strand getrieben , während das Wrack des Schiffes auf der hohen See seinem Untergange entgegen treibt . Es entstand eine augenblickliche Pause unter den beiden Männern , die dem Gefühl der Ehrfurcht Raum gab , welches den Menschen ergreift vor dem mächtigen Einschreiten einer göttlichen Gerechtigkeit , das die Kombinationen des Menschengeistes überbietet und seine Absichten durchschneidet . Es ist ein gerecht Gericht gehalten , Sir , hob Richmond nach einer kleinen Pause an . Der böse Mensch übersieht in dem hochmüthigen Dünkel , womit er die Mittel zu seinen Zwecken herbeiführt , daß er selbst die Gewalt entwickelt , die in zerstörender Gegenwirkung sich auf ihn wälzen wird , daß der Keim des Untergangs nothwendig dem Unrecht inne wohnt und dieselben Mittel , die ihm dienen sollten , ihn zerstören werden . Ich habe Befehl gegeben , ihre Körper zu beerdigen , begann endlich der Oberst und beurlaube mich , meinen Bericht nach Hofe zu machen , da mir nähere Befehle über mein ferneres Verhalten fehlen . Bei dem Tode der beiden hauptsächlich Betheiligten , versetzte Richmond , ist allerdings zu erwarten , daß man eine stille Beilegung der hier vorgefundenen Anzeigen über die Bestimmung des Schlosses vorziehen wird . Ich muß Euch noch außerdem bitten , alle Andeutungen über die Anwesenheit und Verhältnisse der Lady Melville und unserer Gegenwart aus Euerm Berichte weg zu lassen , da dies aufs Neue Verfolgungen veranlassen könnte , denen wir das Fräulein zu entziehen trachten müssen . Ich willige um so eher in Euern Wunsch , erwiederte der Oberst , als ich dies als eine Privatsache ansehen muß , die zu meinen Dienstpflichten in keiner Beziehung steht . Master Brixton hatte eine kurze Ruhe gefunden , und erblickte bei seinem Erwachen seinen jungen Freund , der bereit war , ihm die tröstlichen Nachrichten zu wiederholen , welche Margarith von Zeit zu Zeit aus dem Krankenzimmer herüber brachte . Der Morgen war indessen vollends angebrochen , und die Männer hielten eine Berathung über ihre nächsten Schritte . Eine sichere und jede Bequemlichkeit darbietende Zuflucht gewährte ihnen das Schloß , und dies war das augenblicklich nöthigste Bedürfniß für Lady Maria . Ein kurzer Aufenthalt schien selbst dem Master Brixton nöthig , da seine Gesundheit offenbar gelitten hatte , und so entschlossen sie sich , den Obersten Crawford , den sie offenbar vorläufig als ihren Wirth ansehen mußten , um diese Bewilligung zu bitten . Dagegen suchte Brixton es zu verhindern , daß Richmond Nachrichten an seine Familie sende , oder suchte doch sie zu verzögern , indem er ihn bat , den Ausspruch Electas abzuwarten , wann ihre Abreise möglich sein werde . Richmond willigte um so lieber ein , als er eine Art Scheu fühlte , sich über das Fräulein gegen seine Familie zu äußern . Oberst Crawford kehrte unterdeß zu ihnen zurück , und nachdem er ihren Wunsch auf das Zuvorkommendste bewilligt , folgten ihm die Herren , um das Schloß in Augenschein zu nehmen , und für sich und ihre Leute die Zimmer zu wählen . In diese zogen sie sich dann zu einiger Ruhe zurück , während Oberst Crawford in aller Stille die Ueberreste der Herzogin in den schon seit lange bereit stehenden Sarg legen und in das Erbbegräbniß neben ihrem Gemahle beisetzen ließ , und damit das dritte Begräbniß seit seinem kurzen Aufenthalt besorgte . Den Frauen des Schlosses machte er jeder einzeln in ihrem Zimmer einen Besuch , und forderte sie auf , ihm ihre Verhältnisse zur Welt und zur verstorbenen Herzogin zu entdecken . Er bekam hier genug Veranlassung , sich zu überzeugen , daß die meist aus Frankreich stammenden Frauen , welche hier der Herzogin eine Beschäftigung für ihre bösen Launen gewährt hatten , bis auf zwei , die in fanatischer Stupidität von jeder Mittheilung sich abwendeten , ohne alle Empfindung für das Ableben ihrer Patronin waren , und daß die Furcht vor der Strafe , die ihrer Korporation harre , ihr einziges Gefühl blieb . Der Oberst verhieß ihnen Fürsprache und empfahl ihnen ein ruhiges Verhalten in ihren Zimmern . Eben so versammelte er die Dienerschaft der Herzogin , und nachdem er sie von der Straffälligkeit ihres bisherigen Lebens unterrichtet hatte und von den Verhältnissen , in denen er vorläufig zu ihnen stehe , schickte er sie an ihre Plätze zur Obwaltung des Hauses , ließ dann mit militärischer Strenge von seinen Milizen die äußeren Posten besetzen und Keinem den Ausgang gestatten . Zur Versorgung der zahlreichen Bewohner war ein bedeutender Vorrath aller Bedürfnisse vorhanden , und die reichgefüllten , nach der See hin gelegenen Gewölbe bestätigten vollkommen den Verdacht , dessen Oberst Crawford , in Bezug auf die Kontrebandirer , bereits erwähnt hatte . In dem Krankenzimmer der Lady Maria ging das Geschäft der Pflege und Heilung seinen stillen geräuschlosen Gang . Electas Geschicklichkeit und Sorgfalt zeigte sich so vollkommen ausreichend , daß der herbeigerufene Arzt nur täglich den Puls zu fühlen übrig behielt , wonach er stets Gefahrlosigkeit und baldige Genesung prophezeihete , und endlich wohlbeschenkt das Schloß verließ . Es war ein höchst ergreifender Anblick , als Electa endlich den ehrwürdigen Brixton an das Bett seines geliebten Zöglings führte . Maria wollte seine Hand küssen ; er legte sie segnend auf ihr Haupt . Aber was er ihr sagen wollte , konnte seine bewegte Stimme nicht hervorbringen . Still setzte er sich ihr gegenüber , blickte sie an und fühlte die Thränen nicht , die über sein ehrwürdiges Gesicht flossen . Mein Wohlthäter ! mein Vater ! mein Erretter ! rief das erschütterte Mädchen ; welchen Gefahren , welchen Beschwerden habt Ihr Euch ausgesetzt , mich zu retten . O Ihr , mein einziger Schutz auf dieser Erde ! Beruhigt Euch , Lady Maria , erwiederte sanft der ehrwürdige Geistliche , Ihr dürft Euch nicht Euern Gefühlen überlassen ; Eure Genesung ist zu wichtig . Aber Ihr werdet es bald erkennen , daß Euch noch viele Freunde geblieben sind . Ach , Sir ! seufzte Maria , wißt Ihr denn alle , die der unerbittliche Tod von meiner Seite nahm ? Könnt Ihr sagen , daß mir außer Euch noch irgendwer geblieben ist , da der Einzige , den ich zu meinem Unglück vergeblich zu erreichen strebte , sich mir gegen meine Hoffnung entzieht ? Vertraut mir , theure Lady , sprach Brixton dringend , vertraut mir jetzt Euer Schicksal an , da ich unfehlbar klarer darin sehe , als Ihr selbst . Ihr seid für den Augenblick in sicherem Schutze , und nichts als Eurer Genesung bedarf es , um Euch würdigen und beglückenden Verhältnissen zurück zu geben . Maria ' s Auge hatte erwartungsvoll auf Brixton geruht ; es senkte sich jetzt von einer unbestimmten Ahnung erfaßt zur Erde , und die dringenden Worte verstummten in einer süßen Ruhe , die der Hoffnung verwandt war . Brixton behielt Zeit , sie unterdeß zu betrachten und mit Schmerz zu bemerken , wie die überstandenen Leiden und die sie beherrschende Erschöpfung diesen schönen jugendlichen Zügen eingeprägt waren . Er gedachte derer , die dies Kind mit so grenzenlosen Hoffnungen erzogen hatten , und ihren jetzigen Zustand weder ahnen , noch verhindern konnten ; er erinnerte sich , wen er eigentlich vor sich sah , zu welchen Ansprüchen er selbst sie hatte entwickeln helfen , und daß von allen diesen Ansprüchen in ihm jetzt nichts übrig geblieben war , als das Verlangen , ihr ein unbemerktes Loos zu sichern , keinem früher genährten Wunsche , nur dem des Herzens entsprechend . Dann fühlte er mit einer wahrhaft demüthigen Beruhigung , daß es das erreichte Ziel