Flämmchen ist , wie ich höre , gestorben , damit ist mein Leben eigentlich auch hinweggetan , ich bilde mir nicht mehr ein , mit dem Teufel Bekanntschaft gehabt zu haben , oder vom Grabe etwas Besondres zu wissen , bin nur noch ein altes , müdes Bettelweib . Bringen Sie mich in einem Spitale oder sonstwo unter , und lassen Sie mir notdürftige Kost reichen , ich bin dann schon zufrieden und werde nie mehr Böses tun . « » Alles soll dir vergeben sein , und wir werden für dich sorgen , wie du wünschest « , sagte Wilhelmi , » wenn du mir auf meine Fragen die Wahrheit bekennst . « » Was Sie wollen ! « rief die Alte und legte bekräftigend ihre Hand auf die Brust . » Nun denn , was ist in der Nacht , worin der Ball bei Flämmchen war , vorgefallen ? « » O Elend ! Elend ! Muß ich darüber beichten ? - Und gerade die Niederkunft war es , welche mein zartes , heftiges Kind so angriff , daß sie seitdem den Keim des Todes in sich trug . Freilich taten die Not und der Mangel , in dem wir umherziehn mußten , als uns die hartherzigen Verwandten aus dem Hause gestoßen hatten , auch das ihrige . Wir besaßen zuletzt nur noch die Fetzen , welche unsre Blöße verhüllten , alles andre mußten wir auf unsern Wandrungen losschlagen , um den Bissen für unsern Mund zu haben . Aber den eigentlichen Stoß hatte ihr leichter , feiner Leib doch nur von der Geburt empfangen , und ich war die Anstifterin von allem und habe mein Kind schlachten helfen ! « Sie krümmte sich , von der furchtbarsten Pein gefaßt , konvulsivisch auf dem Lager . Wilhelmi ließ diesen Anstoß vorübergehn , und redete ihr dann zu , sich durch ein offnes Geständnis zu erleichtern . » Ja so , von der Nacht wollen Sie wissen . Nun , ich bin in Ihrer Hand . Der Herr war in die fremde vornehme Dame verliebt , und das Flämmchen in den Herrn . Sie lachte , schäkerte und tanzte , aber ich wußte wohl , daß es nur ihr blutendes Herz war , welches in diesen Scherzen abstarb . Ich war ergrimmt auf den Herrn , und ein Kind brauchten wir , um die Erbschaft uns zu erhalten , die , wehe mir Unglückseligen ! doch nachmals verlorenging , da das Flämmchen zu spät guter Hoffnung ward . In jener Nacht ging alles über- und untereinander . Der Ball und der Wein , den ich genossen , und meine eignen Einbildungen hatten mich ganz verrückt gemacht , so daß ich einen Plan ausbrütete , verwunderlich wie die Nacht . Der Zufall half denn auch . Die fremde Dame wollte der Ruhe genießen und bat um ein andres Zimmer , was entfernter vom Tanzsale läge , worin die Musik noch immer fortlärmte . Als das besorgt und sie umquartiert war , kam mir der alberne Kurator in den Weg , und in der Frechheit meines Hohns band ich ihm auf , die Dame verlange noch nach dem Herrn . Diese Botschaft hat er auch treulich ausgerichtet . Unterdessen wartete das Flämmchen , welches ganz in meinen Stricken und Fesseln gebunden war , zitternd vor Angst , Scham und Sehnsucht schon an der Stelle der Dame . Er kam zum Flämmchen , nicht zu der Dame ; Rausch und Lust haben die Sache vollendet und ihn die Verwechselung nicht merken lassen . « Ein tiefer Atemzug , ein Ruf der Wonne ließ sich draußen vernehmen . Wilhelmi eilte vor die Türe und fand seinen Freund auf den Knien liegen , die Arme betend emporgehoben , die von den seligsten Tränen überströmenden Augen gen Himmel gerichtet . Bewegt von der freudigsten Rührung beugte sich der alte Getreue nieder , und drückte schweigend einen Kuß auf Hermanns Stirn . Dann riß er ihn stürmisch an sein Herz , und die Zähren der Freunde mischten sich . » Wo ist Cornelie , daß ich vor ihr niedersinke , sie im Staube verehre und anbete ? « fragte Hermann leise . Wilhelmi führte ihn zu ihr . Als sie die beiden eintreten sah , in deren Gesichtern der Himmel spielte , trat sie , erschreckt von der Ahnung eines überschwenglichen Glücks , einen Schritt zurück . Hermann fiel vor ihr nieder , umfaßte ihre Füße und küßte sie inbrünstig . » Was soll das ! « rief sie erstaunt . » Er ist hergestellt ! « jauchzte Wilhelmi . » Gott ! Gott ! « jubelte Cornelie mit brechender Stimme . » Hergestellt ! « wiederholte Wilhelmi . » Durch dich , du heiliges Kind . Aus den Händen der Unschuld hat er die Entlastung seiner Seele empfangen . « » Durch mich ? Ich weiß ja von nichts « , sagte Cornelie , und ihre Hand streichelte wie trunken das Haar des Geliebten . » Nein , du weißt von nichts , mußt auch von nichts wissen « , erwiderte Wilhelmi . » Die ewige Gnade erwählte das reine Gefäß , und dieses vollbrachte in Einfalt und Liebe das Werk der Entsühnung . « Und nun erst hält sich der Herausgeber befugt , die Papiere der Brieftasche einzuschalten . Aus ihnen wird erhellen , welche Last auf der Brust unsres Freundes drückte , aus welchen Nächten er zum Lichte wieder emporgeführt wurde . Vierzehntes Kapitel Inhalt der Brieftasche I. Graf Heinrich an Hermann , den Vater Hamburg , den 10. April 1795 Hermann , noch klingt und zittert unser Abschied in allen Fibern meiner Seele nach ! Als ich die Räder Deines Wagens rollen hörte , barg ich mein feuchtes Antlitz im Tuche , warf mich über den Tisch , und fraß meinen Schmerz hinunter . - Nun bist Du fort , ich suche Dich überall , und umarme nur ein ödes Luftbild . Du fehlst mir überall ; » das würde ich ihm sagen , diese Empfindung in seinen Busen ausschütten ! « spreche ich hundertmal des Tages vor mich hin , ach , Du weißt es nicht , Du Kalter , welches Gefühl für Dich in diesen Adern siedet ! Nur die Freundschaft konnte mein Herz ganz ausfüllen , ich zweifle , ob es die Liebe je wird vermögend sein . Ach , daß Du mir fehlst ! Hamburg und Bremen , und Bremen und Hamburg ! wirst Du sagen . Fünfzehn Meilen , ist das eine Entfernung ? Wie bald können wir wieder zueinander kommen ! Und dennoch , wie fern liegt die Aussicht dazu ! Dieses Wiedersehn nach unsern glücklichen akademischen Jahren war das letzte Auflodern der Jugend , Dich werden Deine Verhältnisse , in denen Du schon so ziemlich eingesponnen bist , nach und nach immer mehr wie mit eisernen Zangen fassen , und ich muß ja nun auch wohl zu Hause hocken , wenn ich meinen Vater nicht ganz aufbringen , und ihn dazu treiben will , daß er mich auf den Pflichtteil setzt . Hier bleibe ich noch ein paar Wochen , um dem Meere nahe zu sein , welches mit wunderbarer Gewalt in mir Windstille und Sturmwogen schafft , und dieses eigensinnige , kranke Herz zum Genusse seiner selbst mächtig aufwühlt . Freilich , unter den Krämern wird mir nicht wohl . Gestern wollte mich einer auf ein Schiff mitnehmen , um mir eine Vorlesung über Befrachtung , Segel- und Steuermannskunde zu halten . Ach « , versetzte ich , » lassen Sie das ; mir wäre nötiger zu wissen , wie wir unsern Lebensnachen an Klippen und Untiefen vorbeibringen , welche Winde ihn weiterführen , vor welchen Strömungen wir ihn zu hüten haben ! « Hermann , unser Schwur , unser heiliger Schwur ! Daß sich keiner dem andern in der höchsten Not seiner Seele versagen soll , und gälte es das Opfer des eignen Lebens und Glücks . Wir haben es uns gelobt , als wir das Blut unsrer Adern zusammen in die silberne Schale rinnen ließen , und die Flut dann mischten zu dem Weine , den wir genossen , als Kelch eines weltlichen Abendmahls . So schließen die Wilden ihre Todesbrüderschaften , und wir haben ' s ihnen nachgemacht , und wollen immerhin gar gern außerhalb der sogenannten Kultur mit unsern Gefühlen stehn . Wie dürste ich , meinen Eid durch eine Tat für Dich auszulösen ! Ich habe Klopstock besucht , der sich ganz verjüngte , als ich ihm von unsrer Freundschaft erzählte . So meinte er , habe er nur seinen Schmidt , seinen Ebert , seinen Giseke geliebt , und sei diese Liebe , wie er geglaubt , aus der Welt verschwunden gewesen . Er sprach viel von seiner Jugend , von Halberstadt und Gleim , von Fanny und Meta , und sagte , er könne sich in die jetzige Welt nicht mehr recht finden . Die jungen Meister wähnten , die Kunst treiben zu können , während sie , die Alten , von der Kunst getrieben worden wären . Ich bat um seinen Segen , den er mir auch als Hoherpriester in Thuiskons Heiligtume feierlich-gerührt erteilte . Dieser schönen Stunde Anteil fliege Dir , mein Geliebter , auf den Schwingen Idunens zu ! Sei mein , wie ich bin Dein ewiger H. II. Derselbe an Denselben Hamburg , den 15. April 1795 Hermann , ich reise . Der Frühling will vor den Seestürmen , die von Cuxhaven herüberwehn , nicht zum Durchbruch kommen , ich gehe also , ihn an seiner Wiege , im Süden aufzusuchen . In Schwaben oder in der Pfalz will ich mich unter Mandelbäume und Kastanien lagern , alte Burgen erklimmen und mich in schönere Zeiten träumen . Und wenn ich erwache und sehe , daß das Geschlecht der Edleren von der Erde verschwunden ist , so soll mir die jüngste Blüte die ganze Weltgeschichte ersetzen . Zudem sei Dir vertraut , daß ich von hier fort muß . » Kein Mensch muß müssen « , sagt Lessing , aber ich muß doch fort . Die schöne Frau , mit der Du mich oft zusammen sahst , bezeigte sich gefälliger gegen mich , als ich anfangs selbst erwarten durfte , das hat nun Folgen gehabt , und so weiter . Die Tränen des armen Weibes fallen wie glühende Tropfen auf meine Seele , aber kann ich ihr helfen ? Was geschehen konnte , ist geschehen , und so muß denn dieses Kapitel meiner Lebensgeschichte vorderhand abgeschlossen sein . Ich sehe Dich saure Mienen machen , und höre Dich über Freigeisterei schelten , alter treuer Moralist . Höre mein Credo in betreff der Weiber . Sie sind so einseitig und eng , daß es eine Umkehrung aller Gesetze der Natur wäre , den Mann zum Sklaven einer einzigen Neigung machen zu wollen . Vielmehr hat sie , die ewigwahre , hier schon das richtige Verhältnis angedeutet , indem sie dem Weibe die Frucht gab , die ihr verbleibt , während der Mann von allen glücklichen Stunden nur ein bald erblassendes Andenken sich erhält . Bequemen wir uns , die wir Erde und Himmel mit unsrem Geiste umfassen , eine Zeitlang zu den Füßen einer Frau zu girren , so dächte ich , daß ihr das genügen könnte , und mehr begehren , heißt das Unmögliche verlangen . Daß ich verheiratet bin , daß ein Junge von mir bereits das Abc lernt , was ist ' s nun weiter ? Mein Vater wollte es gern , daß ich , fast noch Student , unterducken sollte , weil er davon , was weiß ich ? welche Mirakel der Besserung erwartete , und mir war es angenehm , daß ich , der ich in so vielem ihm hatte entgegen sein müssen , in diesem Punkte ihm einen Gefallen tun konnte . Hierauf traten wir vor den Altar , das kalte Fräulein Celeste sagte Ja , der warme Graf Heinrich sagte Ja , ein bezahlter Pfaffe sagte Amen , und ich war ein Ehemann worden . Wir haben einen Sohn gezeugt , pflichtmäßig , wie die Herrnhuter , und es müßte ganz verkehrt zugehn , wenn der Bube nicht ein Ausbund von Tugend und Ordnungsliebe wird , da bei seiner Erschaffung alles im regelrechtesten Gange verblieben ist . Und damit sollte das Leben eines Menschen beschlossen sein ? - Verdammt sollte er sein , den Feuerstrom seines Innern in rostigen Formen erstarren zu lassen ? Du wirst mich davon nicht überreden . Du nicht , keiner wird es . Du denkst es auch nicht . Um eines bitte ich Dich . Halte mich in dieser Materie für keinen Don Juan , der tierisch umherwütet . Immer ist mein Herz bei der Sache , nie wende ich Verführerkünste an , die ich hasse , wie den Abgrund der Hölle . Wir sind schwach , das ist das ganze Geheimnis . Das Himmelsfünkchen : Seele ist in einem Ballen Fleisch und Blut verpackt , haben wir das zu verantworten ? Der Gott , welcher uns so hinfällig schuf , wird mit unsrer Hinfälligkeit Mitleid haben , wird von tönernen Gefäßen nicht die Härte des Marmors erwarten . Auch die Lolo habe ich wahrhaft geliebt , und der unglückliche Ausgang wird eine Narbe in mir zurücklassen , die gewiß so bald noch nicht verharscht . Bleibe Du mir nur , der Du mir bist , dann steht alles gut . III. Derselbe an Denselben Heidelberg , den 1. Mai 1795 O Hermann , wie grünt und blüht es hier ! Diese Pracht ist nicht zu beschreiben , man muß in ihr mit allen Sinnen wühlen . Ich wohne dicht unter dem Schlosse . Nur wenige Schritte , und ich bin mitten unter dem Schnee der Mandelbäume , Kastanien und Apfelstämme . Siehst Du , wieviel besser die Erde auch hierin ist , als der Himmel ! Er sendet ihr kalte Flocken zu , und sie wirft ihm von ihrer Brust die warmen duftenden entgegen . Obgleich kein Liebhaber von Werther , da ich aller Sentimentalität abhold bin , und glaube , daß das Vaterland Männer nötig habe , nicht solche schwärmende Siechlinge , so kann ich doch hier nur seine Worte nachsprechen : » Man möchte zum Maikäfer werden , um in dem Meere von Wohlgerüchen herumschweben , und alle seine Nahrung darin finden zu können . « Deinem Briefe läßt sich leider anmerken , daß Du in der freien Reichsstadt Bremen stark eingepfercht bist . Was soll nur das Geschwätz von Graf und Bürger , und daß die Verhältnisse doch einmal zerstörend zwischen uns treten würden ? Wenn das geschieht , wenn in mir je eine Empfindung von den sogenannten Schranken des Standes Dir gegenüber entsteht , so möge mich der Donner des Allmächtigen im nämlichen Augenblicke vertilgen ! Herzbruder , wir haben einer des andern Blut getrunken , unsre Seelen sind nicht mehr zwei , es sind Saiten derselben Harfe , auf welcher die Akkorde des hohen Liedes von ewiger Freundschaft dröhnen . Säßest Du nur hier bei mir unter den Mandeln , und der Baum bewürfe uns beide mit Blüten , da würden Dir schon die Grillen vergehn . Von Klopstock habe ich ein paar Zeilen , die mich ganz glücklich machen . Da sie Dich mit angehen , so sende ich sie Dir , und Du magst sie behalten , so schwer es mir fällt , mich von diesen teuren Schriftzügen zu trennen . Aber was teilte ich nicht gern mit Dir ! Zwei Worte Dir ins Ohr , aber sprich davon nicht weiter : Ich liebe ! - Du lachst und rufst : Nichts Neues ! - Sachte , Kind , Kind , das ist etwas ganz andres . Lange behilft sich der Laie mit den äußern Bildern des Altarschreins und meint , die Schönheit an ihnen zu besitzen , und nun werden die Flügel aufgetan , und da sieht er erst , welche Herrlichkeit sich auf Erden begeben kann . Worte sind Worte , und Phrasen geben kein Gefühl von den Dingen . Also nichts dergleichen . Nur so viel sei Dir gesagt , daß hier ein Markstein meines Lebens gesetzt ist , und daß Dein Freund viel anders werden wird . Sah doch Petrus auch ein Tuch voll reiner und unreiner Tiere , und war eines so gut , als das andre . In dem Tuche sind wir nun auch aufbehalten , von einem Engel berührt und geheiligt . O pfui , das ist Gewäsche , nichtssagendes Gewäsche ! Kurz und trocken also referiere ich Dir , daß ich hier in einem Weinhügelwinkel am Neckar , hart an der Grenze von Schwaben sitze , und einem Mägdlein helfe Blumen pflanzen und junge Schoten lesen . Gott gebe der Seligkeit Bestand , lasse mich die übrige Welt vergessen und von ihr vergessen sein ! Sie ist die Tochter eines Landpredigers , der mich unter seinen Obstbäumen empfing , wie ein Patriarch des alten Bundes . Ich entdeckte das Kleinod auf einer meiner Streifereien den Fluß hinaufwärts . Auf ihren Wangen blüht die Unschuld , und süße Unschuld blüht ihr im Herzen , und um sie weht guter Friede und aller holdseligen Dinge die Fülle . Nun habe ich doch einmal einen Busen , der ganz erfüllt ist von mir , und nichts fassen und halten will außer mir . Den ersten Mai habe ich diesen Brief begonnen , nun so erhalte ich Deinen vom zehnten Juli , der mich über mein Schweigen ausschilt , und da sehe ich mit Erschrecken nach , und finde meine paar Sätze , die ich diese Monate her auf das Papier gestrudelt , noch unabgesendet vor . So mögen sie Dir denn zukommen , als ein Beweis , daß es Deinem Freunde wohlgeht , denn , wenn man nicht schreibt , und nichts zu schreiben hat , so ist man glücklich . Denke Dir eine Knospe , frisch und herb aus dem Grün der umhüllenden Blätter brechend , und die ganze Pracht der Blüte im jungen Rot andeutend , und Du hast das Bild von Babetten , weißt , wodurch sie mich so unwiderstehlich fesselt . Fern von städtischer Weichlichkeit ist sie aufgewachsen , kräftig unter den Nußbäumen und Weinranken . Ach , wie wohl tut es , nach so manchem Mischgebräu , was wir haben verschlucken müssen , unsern Gaumen einmal an dem kühlen , klaren Trunke der Quelle laben zu dürfen ! Ich lebe hier unter dem Namen eines Herrn von Müller , der Alte sieht unserm Umgange nach , ich bin mit ihr vom Morgen bis zum Abend , und der Tag ist um , ehe wir uns dessen versehen haben . Deinen Namen muß sie mir hundertmal des Tages nennen , ich empfange ihn von ihren Lippen wie ein heiliges Geschenk des Himmels . Unser ganzes Verhältnis habe ich ihr erzählt , sie liebt Dich , ohne Dich gesehen zu haben , und wenn sie mich küßt , so spricht sie : » Dieser da ist für Dich , und der für Deinen Freund , da Ihr ein Herz und eine Seele seid , so darfst Du nicht eifersüchtig werden . « - Neulich sagte sie mir mit ihrer himmlischen Naivetät : » Du bist ein Edelmann und wirst mich armes Schwabenmädel nur verführen ; wenn das ist , so möchte ich Deinen Freund am liebsten heiraten , bitte , rede mir beizeiten das Wort bei ihm ! « IV. Derselbe an Denselben * den 4. September 1795 Was daraus werden soll ? fragst Du , und hast den Arsenal der Pflichtenlehre geplündert , mich hier in meinem Versteck mit allerhand Tugendermahnungen zu beschießen . Freund , wenn ich in ihren Armen ruhe , möchte ich die ganze Welt beglücken , ich bin so froh , wie Jupiter , wenn er von Liebe geschmeichelt . Regen und Sonnenschein den harrenden Geschlechtern der Menschen sendet . Ich könnte dann alles tun , opfern , hingeben , ein weinendes Auge zu trocknen , einer guten Seele eine freudige Minute zu schaffen . Ist das nun Laster ? Sind wir nicht schon unglücklich genug durch unsre Verhältnisse , ist dem wundgedrückten Sklaven auch das versagt , auf eine kurze Stunde die Kette zu lockern , die sein Fleisch schmerzlich preßt ? Hat mich mein Geschick gefragt , ob ich dieses reizende Mädchen lieben wolle ? Sind wir dafür verantwortlich , was ein geheimnisvoller Zug in uns ohne unser Zutun schafft ? Da ich ihre Augen sah , mußte ich in sie mit den Pfeilen meiner Blicke eindringen , da ihre Lippen mir winkten , wie konnten die meinigen widerstehen ? Da an ihrem Busen die süßeste Ruhestätte mir bereitet ward , hätte ich ein Tier sein müssen , mich nicht dort zu betten . Ich wälze abenteuerliche Plane um . Meine Frau macht sich nichts aus mir , mein Vater hat mich nie geliebt , was bin ich ihnen also ? Mein Dasein ist ihnen völlig unnütz , und ich bedarf wieder der Flittern des Standes nicht . Wenn ich mich mit der , die meine Seele liebt , verberge , weit , weit hinter großen Strömen und undurchdringlichen Wildnissen , und löschte aus im Angedenken der Menschen , außer in Deinem , in dem unterzugehen , für mich der moralische Tod wäre , härter als der physische . V. Derselbe an Denselben * den 8. September 1795 Daß mich meine Narrheit zwingt , alles Dir zu vertraun , obgleich ich weiß , daß Du schmälst ; aber ich besitze und genieße etwas nur , wenn ich es mit Dir teile . Ich merke es Deinen Briefen an , besonders dem letzten , daß Du mit mir zürnest , Du sprichst keine Vorwürfe mehr aus , aber alle Zeilen sind ein Vorwurf . Da wäre es nun an der Zeit , sich auch zurückzuziehn , bis der böse Freund dem andern seine Wonne mit gutem Herzen gönnte . Aber ich kann das nicht , zu meinem Glück oder Unglück ist mir die überströmende Seele gegeben , die nur in schrankenlosem Vertrauen , in unendlicher Hingebung sich befriedigt fühlt . Ich lebe jetzt mit Babetten auf diesem alten Bergschlosse , tief im wildesten Gebirg . Der Vater , nachdem er unsre Liebe lange toleriert , wollte auf einmal den Strengen spielen , untersagte mir das Haus , sperrte mein Mädchen ein . Gegen Zwang hat sich seit Adams Zeit noch immer die freie Liebe empört ; in einer Nacht , welcher Venus den funkelndsten Schein spendete , folgte mir die Getreue , die Holdselige . Nun führen wir , von Waldkronen umrauscht , zwischen Trümmern und Klippen hausend , ein Leben wie die Ritter und ihre Trauten in den alten Märchen . Es ist , außer einem alten Pachter mit seiner tauben Magd und einem halb blödsinnigen Knechte keine Menschenseele in diesem Steinklumpen , auch wohnen auf eine Stunde Weges hin keine Leute . Diese Einsamkeit hat etwas Großes , wundersam Süßes . Wenn die Sonne den Wald in einen grüngoldnen Zauberpalast verwandelt , oder der Sturm , wie der Atem des Geistes , durch die Zweige der Buchen geht , und ich mein Mädchen in den Arm fasse , da dünkt ' s uns oft , wir seien dieser Zeit entrückt , und lebten in den Tagen der Fabel . Die Liebe lebt ihre eigne Geschichte , und braucht der Außendinge nicht . Babette besorgt die Küche , ich spalte ihr das Holz , oder suche mit der Jagdflinte ihr einen Braten zu erlegen , und wenn ein Gericht wohl geraten ist , oder mein Weidwerk gute Beute gab , so sind das große Ereignisse , an welchen wir lange nachzuzehren haben . Sie hat mir eines nicht versagen dürfen , was ich Dir zitternd , leise und scheu , wie ein Kind , das vor der Mutter sich fürchtet , vertraue . Wenn Dunkel sich über Berge und Täler goß , und auch die Abendlampe erlosch , dann ruhe ich selig und froh an ihrer Seite . Wehe Dir , wenn Du etwas Übles davon denkst ! Nein , heilig und unsträflich teilen wir das liebliche Lager , und tiefe Ehrfurcht vor der Unschuld liegt zwischen uns , wie ein geschliffnes Schwert . Es war nur so eine Laune und Grille von mir ; zu proben , ob man nicht lieben kann , wie die Engel sich lieben . Und siehe da , die Probe ist gelungen . Ach , wie süß sie zitterte , da ich zum ersten Male von meiner erstürmten Befugnis Gebrauch machte , und wie ruhig sie nun mir am Busen entschläft ! VI. Derselbe an Denselben * den 20. Oktober 1795 Lieber , man ist oft nicht in der Stimmung , andern zu antworten . Nimm es mir also nicht übel , wenn ich auf Deine Fragen nichts erwidre , als die Bitte , mir mit guter Art meinen Taufschein zu verschaffen , dessen ich zur Ausführung eines notwendigen Vorhabens bedarf . Ich habe Babetten meinen Stand und Namen entdecken müssen , Du kannst mir also das Verlangte nur unter meiner wahren Adresse hieher senden . Der alte Kaplan ist mir ergeben , er wird reinen Mund halten , wenn Du den Schein unter dem Siegel der Verschwiegenheit von ihm forderst . Ich mag nicht an ihn schreiben , denn aus allerhand Anzeigen schließe ich , daß mein Vater und meine Frau mir auf der Spur sind , und ein Brief von mir könnte leicht durch eine schadenfrohe Zufälligkeit ihnen bekannt werden . VII. Babette an Hermann * den 24. Oktober 1795 Ein unglückliches Mädchen , elender als Worte es zu nennen vermögen , beschwört Sie bei der Pflicht der Wahrheit , und Sie erinnernd an die letzte Stunde , welche alles uns vorhält , Gutes und Schlimmes , ihr zu sagen , ob ein Edelmann , namens von Müller , der auch Graf * heißen soll , bereits vermählt , und Vater eines Sohns sei ? VIII. Graf Heinrich an Hermann * den 6. November 1795 Es bedarf keiner Antwort auf die Zeilen Babettens , welche Du mir überschicktest . Sie weiß alles , und wir mögen uns nur die Haare ausraufen , mit den Nägeln unser Antlitz zerfleischen , und dem Kitzel unsres Vaters , der warmen Stunde unsrer Mutter fluchen , welche ein Tier mehr : Mensch genannt , in die Marterkammer , Leben , trieben . November sollte das ganze Jahr hindurch sein , so schwarz , stürmisch und regnerisch , wie dieser ! Der Mai ist eine Lüge , und jeder Sonnenblick ist eine ! Da sitzen wir nun ; Babette in ihrer Stube , die sie vor mir verschlossen hält , und ich in meiner , und der Vater geht unter dem Burgwalle auf und nieder , und zerstampft das Gras mit seinem Stocke . Unsinn der Welt , Chaos , weites , wüstes Narrenhaus ! Die Natur erbaut auf Gefühlen den ganzen großen Tempel des Seins , und wenn wir ihnen folgen , lohnt sie uns mit Verzweiflung ab . Ich will versuchen , Dir zu erzählen , wenn meine von Weinen geschwollnen Augen , meine zitternden Finger mir erlauben , den Brief zu Ende zu bringen . Der Zustand Babettens war unzweideutig geworden , ich entschloß mich , in ferne Länder mit ihr zu fliehn , dort mich mit ihr zu verbinden , und für meine deutschen Verhältnisse fortan tot zu sein . Was an diesem Vorsatze unerlaubt war , erschien mir leicht und verzeihlich gegen die Sünde , das Mädchen meines Herzens dem Jammer preiszugeben . Ich sprach mit ihr davon , arglos willigte sie in alles , schöpfte auch keinen Verdacht , als ich ihr meinen Grafenstand entdeckte , ließ meine Vorwände gelten . Den Taufschein erbat ich mir von Dir , damit kein Priester der Trauung Hindernisse in den Weg legen könnte . Da muß mein böser Stern unsern Freund Miller in die Nähe des Neckars führen . Du weißt , wie er mich mit seiner Freundschaft verfolgte , wie mir seine übertriebne Empfindsamkeit zuwider war . Er hört durch Zufall von mir , und beim wildesten Wetter steht er auf einmal in meiner Burgzelle vor mir . Ich empfange ihn kalt , verlegen , er macht mir Vorwürfe , aber bleibt , ich rede von einer Reise , die ich sogleich in einem Geschäfte anstellen müsse , er erbietet sich , mich einige Meilen zu begleiten . Ehe ich noch einen Entschluß fassen , ein unglückliches Zusammentreffen verhindern kann , hat er Babetten gesehen , gesprochen , und mich in ihrer Gegenwart nach meiner Frau , meinem Kinde befragt . Wenn auch alle Güter , alle Zauber des Lebens sich vereinigten , mich so hoch zu heben , als ich jetzt tief gestürzt bin , den Blick , das Antlitz Babettens werde ich nicht vergessen , womit sie diese Entdeckung anhörte . Die Stunde wird wie ein schwarzer Schatten über meinem Dasein lasten bleiben , und stiegen die Engel mit Schalen voll himmlischer Fluten herunter , meine Seele rein zu waschen . Es war nicht Zorn , nicht Schreck , nicht Bestürzung , was in ihrem Gesichte sich malte , es war , ach , wer kann , wer mag das Furchtbare schildern , wenn treue heiße Liebe auf einen Ruck sich in ihr Gegenteil umsetzt ? Die Donner des Schicksals waren durch den Unberufnen nur beschleunigt , abzuwenden wären sie dennoch nicht gewesen . Nach einem grauenvollen Tage , den ich vergeblich flehend vor Babettens verschloßner Türe zernichtet zubrachte , drang durch Sturm und Regen ihr Vater hieher , der uns durch seine Späher endlich doch ausgekundschaftet hatte . Briefe von den sogenannten Meinigen hatten sich in seine Pfarrwohnung verirrt , und waren von dem argwöhnischen Alten erbrochen worden . Er kannte also alle meine Verhältnisse . Anfangs wollte Babette auch ihn nicht einlassen , die Gewalt der väterlichen Autorität siegte aber endlich , und es gab eine erschütternde Szene .