er die Mittel zu nehmen gedenke , um solchen Aufwand zu bestreiten . Listig lächelnd verriegelte er die Thür unsers schlechten Zimmers von innen , ergriff dann ein Messer und trennte die Näthe seiner in Lumpen verwandelten Kleider auf , und zu meinem Erstaunen wurden mehrere Goldstücke sichtbar . Als er sein Geschäft beendigt hatte , legte er das Geld vor mir auf den Tisch und sagte , indem eine Thräne in seinem kühnen Auge glänzte : Auch dieß verdanken wir der guten Frau , der Mutter meines Kindes . Du glaubst nicht , wie tief mich diese einfachen Worte erschütterten . Ich muß mir jetzt zwar sagen , daß die Unglückliche auch ohne mich vielleicht ein leichtsinniges Geschöpf geworden wäre ; aber läugnen kann ich mir nicht , daß ich sie auf die Bahn des Verderbens geführt habe , und die ich mit Hohn behandelte , als ich sie das letzte Mal sprach , reichte mir nun gleichsam aus ihrem nassen Grabe die Mittel zum Leben . Die Noth des Augenblickes besiegte jedes andere Gefühl ; das Gold gewährte uns nun Mittel um Frankreich zu erreichen , denn die schwachen Reste meiner Regimenter früher zu treffen , durfte ich nicht hoffen , da sich alle Ordnung aufgelöst hatte und Jeder fortzukommen suchte , wie er konnte . Jetzt , da wir uns wieder gekleidet hatten und bequemer reisten , erfuhr ich von meinem treuen Begleiter , daß er in Evremonts Regiment als Unteroffizier gedient habe , und daß er dessen Vorsorge die Mittel verdanke , die uns so wohl zu Statten kamen , weil er seiner Gattin dieß Geld als Erbschaft von einem hartherzigen Bruder verschafft habe . Der Graf hatte mit höchster Spannung die Erzählung seines Freundes gehört . Schon lange war es ihm gewiß , daß der Begleiter des Generals derselbe Unteroffizier sei , dessen Evremont in seinen Berichten aus Spanien gedachte . Jetzt aber , da sein Freund den Namen des betrauerten Sohnes aussprach , hielt er sich nicht mehr zurück und unterbrach die Erzählung mit dem heftigen Ausrufe : Um Gottes Willen , sage mir , was wußte Dein Begleiter von meinem Sohne ? Wenig , erwiederte der General ; sein ganzes Regiment war kurz vor dem Uebergange über die Beresina aus einander gesprengt worden , und der brave Soldat hatte seinen tapferen Obristen seitdem gänzlich aus den Augen verloren . Doch war er , so lange er etwas von ihm wußte , unerwartet glücklich ohne Wunden geblieben , trotz der Kühnheit , mit welcher er sich allen Gefahren aussetzte , und , was noch mehr sagen will , ohne erfrorne Glieder , und er ist wahrscheinlich in russische Gefangenschaft gerathen . Es lag ein Trost für den Grafen in diesen dürftigen Nachrichten und er hinderte den Fortgang der Erzählung nicht , die sein Freund wieder begann . Wir erreichten endlich Paris , sagte er mit einem tiefen Seufzer , und hier erwartete mich neuer Jammer . Ich betrat mein Haus und fand es verödet . Meine Gattin , die ich in der Hoffnung zurückgelassen hatte , mir zum zweiten Mal Vaterfreuden zu gewähren , war durch die Geburt einer todten Tochter so angegriffen worden , daß sie wenige Tage danach starb , und man schrieb dieß Unglück der immerwährenden Angst um mein Schicksal zu . Man brachte mir meinen Sohn , dessen lächelndes Gesicht einen seltsamen Gegensatz gegen die Trauerkleider bildete , in die man das kleine Geschöpf gehüllt hatte . Ich hob meinen kleinen Napoleon zu mir empor , und indem ich ihn küßte , wiederholte ich unwillkührlich die Worte des braven Soldaten und sagte : Ertrage auch das , mein Herz ; Du mein Sohn mußt künftig mein einziger Trost sein . Mein Begleiter stand neben mir , und seine eigenen Worte aus meinem Munde rührten ihn bis zu Thränen . Gab uns der Kaiser nicht Zeit , um uns zu erfreuen , so gewährte er uns auch keine , um verlorne Güter zu betrauern , und die Bildung des neuen Heeres , das dem Feinde entgegengestellt werden mußte , entriß auch mich meinem Kummer . Ich sorgte in Paris für meinen Sohn , und indem ich seine Erziehung nach bester Einsicht ordnete , gab ich ihm den Sohn des Unteroffiziers , des braven Bertrand , zum Gespielen und befahl , ganz dieselbe Sorgfalt der Pflege und Erziehung auf dessen Kind wie auf das meine zu wenden . Diese Anordnung fesselte die treue Seele noch inniger an mein Geschick und er ward mir ganz das , was der alte Dübois Dir ist , nur , möchte ich sagen , nach Art eines Soldaten , da im Gegentheile Dein alter Freund immer den würdigen Hofmann zu spielen sucht . Wir waren wieder über den Rhein gegangen , wir kämpften wieder , wenn auch blutige , doch glückliche Schlachten , und die stolze Hoffnung hatte uns nicht verlassen , unsere Macht in ihrer ganzen Ausdehnung wieder herzustellen . Da endeten endlich die unglücklichen Tage bei Leipzig diese ehrgeizigen Träume und der Kaiser mußte nach Frankreich zurück . Bei Hanau mußte noch ein Mal gekämpft werden , und unter den kleinen Abtheilungen , die von der Hauptarmee hinweggedrängt wurden , war auch ich mit einem Theile meines Corps . Der alte Bertrand wich nicht von meiner Seite ; er hatte in kleinen Gefechten mehrmals mein Leben gerettet , und wenn ich ihn ermahnte , sich nicht so tollkühn in alle Gefahren zu stürzen , so sah er mich mit glänzenden Augen an und sagte : Was habe ich zu fürchten ? Sie haben mein Kind gerettet , Sie erziehen meinen Knaben , wie Ihren Sohn ; Napoleon und Eugen , unter diesen mit Ruhm bedeckten Namen werden künftig unsere Kinder fechten . Alles dieß danke ich Ihnen und Ihnen gehört bis zum letzten Tropfen mein Blut . Ich stand oft beschämt vor diesem braven Soldaten ; er hielt meine Handlungen für den Ausfluß hochherziger Menschenliebe , er ahnete nicht , welches Band mich früher an seine Gattin gefesselt hatte , und ich fühlte mich gegen ihn einer fortwährenden Falschheit schuldig . Mein kleines Corps war nach und nach zusammengeschmolzen , wir hatten mehrere Gefechte bestanden , Viele waren geblieben und Viele hatten mich verlassen , um , wie sie vermochten , über den Rhein zurückzukehren ; und so geschwächt wurden wir gestern von Preußen angegriffen , an einer Stelle , wo die Wege in zwei verschiedene Bergschluchten führten . Ein Theil meiner kleinen Macht wurde von mir hinweggedrängt , und ich wurde mit den Wenigen , die mich umringten , heftig von den Feinden bedrängt . Der brave Bertrand sah unsere Kameraden fallen , er sah mein Blut fließen und kämpfte mit einer Erbitterung , die ihn nicht mehr auf die Stimme der Vernunft hören ließ . Ein junger Offizier forderte uns auf uns zu ergeben ; statt der Antwort führte Bertrand , der sich zwischen uns geworfen hatte , einen wüthenden Streich auf die Brust des jungen Mannes , und dieser - ich weiß , es war Gegenwehr , ich weiß , er konnte nicht anders , aber es ist entsetzlich - er hieb meinen alten Freund nieder , so nahe vor mir , daß das treue Blut auf meine Kleider spritzte und sich mit dem meinigen vermischte , das so heftig aus meinen Wunden floß , daß mir die Kräfte entschwanden . Der brave Bertrand starb sogleich . Die Wunde , die sein Leben endigte , war mit jugendlich kräftiger Hand zu tief geschlagen , als daß er lange daran hätte leiden können ; ein halb lächelnder zärtlich stolzer Blick traf mich noch und schien zu sagen : Siehst Du , daß ich nicht prahle , all mein Blut habe ich für Dich vergossen . Mir wurde es dunkel vor den Augen , und nur wie im Traume bemerkte ich , daß ein Eisen über mir funkelte , und wie aus der Ferne hörte ich , daß eine rauhe Stimme rief : So fahre auch Du zur Hölle ! Zurück Wertheim ! rief der junge Offizier , der meinen Freund getödtet hatte , sie sehen , er kann sich nicht vertheidigen , und sein Schwert schlug die Waffe , die über meinem Haupte blinkte , zurück . Dieß alles war die Sache weniger Augenblicke . Ergeben Sie sich mir , sagte der junge Mann darauf zu mir ; Sie sehen , Sie können nicht mehr fechten . Ich reichte ihm meine Waffen und sank ermattet zu Boden . Als ich wieder zu mir kam , fand ich mich unter den Händen eines Mannes , dessen Gesicht mich an ferne Zeiten erinnerte . Seine Hand war sanfter , als seine rauhe Zunge , denn indeß er mit schonender Sorgfalt meine Wunden verband , verletzte seine kreischende Stimme mein Ohr mit barbarischem Französisch , und doch begreife ich nicht das wunderbare Gefühl ; ich fühlte mich so schwach durch Trauer , Schmerz und Blutverlust , ich kam mir so verloren vor , und diese rauhen Töne berührten verletzend und tröstend mein Ohr . Es stieg in meiner Seele bei ihrem Klange das Bild Deiner Bäume , Deines Hauses auf , und Dein edles Antlitz blickte mich tröstend an durch die dunkle Verwirrung meiner Gedanken hindurch . Der General schwieg und heftete den traurigen Blick auf eine stark mit Blut befleckte Uniform , die über der Lehne eines Stuhles hing . Endlich sagte er seufzend : Das Uebrige weißt Du ; ich bin nun hier , und finde Liebe und Beistand bei Dir . Trost wird vielleicht die Zukunft gewähren . Der Graf war selbst zu bewegt , als daß er es hätte versuchen sollen , die Gefühle seines Freundes durch die gewöhnlichen Trostgründe zu bekämpfen , und vielleicht trug seine wahre Theilnahme mehr dazu bei , dessen Gemüth wieder zu erheben , als es Worte vermocht hätten . Da die Wunde des Generals nicht gefährlich war und nur der starke Blutverlust seine große Entkräftung veranlaßt hatte , so hatte er sich nach einigen Tagen in so weit erholt , daß er sein Lager verlassen durfte , und der Graf beredete ihn , wenigstens einige Stunden des Tages in der Gesellschaft der Frauen zu verleben . Seitdem so viele ernste Sorgen den Grafen beunruhigten , war die Furcht in seiner Seele schwächer geworden , daß sein Freund seine Gemahlin wieder erkennen möchte , und seit ihr Gemahl alle ihre Schmerzen kannte , hatte sich die scharfe Reizbarkeit der Gräfin verloren , und da sie wenigstens den Sohn wieder gewonnen hatte , so erbebte sie nicht mehr vor dem Klange der französischen Sprache . Viel leichter als früher konnte also der General Clairmont ein Mitglied des Kreises werden , der sich täglich im Saale um die Gräfin versammelte , und ob gleich durch die letzten Ereignisse seines Lebens seine Stimmung ernster geworden war , als sie es ehedem zu sein pflegte , so ließ sich nicht verkennen , welche Gewalt auf ihn , wie auf alle Franzosen , der Umgang mit Frauen ausübte . Es währte nicht lange , so wachte ein schwaches Verlangen wieder in ihm auf , witzig , heiter , geistreich in diesem liebenswürdigen Kreise zu erscheinen , und da von Seiten der Frauen Alles versucht wurde , um seinen Kummer zu zerstreuen , so kehrte nach und nach Gesundheit , und mit ihr größere Ruhe des Gemüths in die Seele des Generals zurück , wodurch die Heilung seiner Wunden sichtlich erleichtert wurde . Durch die Bemühung den Freund zu erheitern wurde der Graf und seine Familie mehr von dem eigenen Kummer abgezogen , und Emilie machte sich oft ernsthafte Vorwürfe darüber , wenn sie auf die Bitte des Generals sang , daß die Musik die gewohnte Macht auf ihre Seele ausübte und die Sorge auf kurze Zeit aus ihrem Herzen verdrängte . Adele , die nie den Muth gehabt hatte , an Evremonts Rückkehr zu zweifeln , und der die dürftigen Nachrichten , die der General geben konnte , eine Bestätigung ihrer Hoffnung waren , tadelte die liebende , zärtliche Emilie ernstlich über solche Selbstanklagen und behauptete , daß ihre Liebe für Evremont weit erfreulicher sein würde , wenn sie sich durch dieselbe bestimmen ließe , auf ihre Schönheit und Gesundheit zu achten , und alle vom Himmel verliehenen Fähigkeiten auszubilden , damit , wenn er nach unendlichen Mühseligkeiten endlich zurückkehrte , sie ihm jugendlich froh , mit ihrem schönen Kinde an der Hand , entgegen eilen könnte , und ihn durch neu erworbene Kenntnisse und durch erhöhte Ausbildung früherer Fähigkeiten auf ' s Angenehmste zu überraschen vermöchte . Die Gräfin war wenigstens zum Theil derselben Meinung und sagte oft : Ich fühle , daß wir besser thun würden , uns für Evremont zu erhalten , als daß wir uns aus Gram um ihn zerstören , der ihm nicht helfen kann , und der ihm , wenn wir daran untergehen , bei seiner Wiederkehr neuen Jammer bereitet . Aber ich bin zu schwach geworden , ich kann nicht mehr ausüben , was ich als vernünftig erkenne , meine Seele hat die Jugendkraft verloren . Der General Clairmont konnte oft lange den kleinen Adalbert auf den Knieen schaukeln und ihm von seinem braven Vater erzählen . Das früh entwickelte Kind ergötzte ihn durch unschuldige Fragen , die mehr Geist verriethen , als sonst bei Kindern von so zartem Alter gewöhnlich ist . Ob wohl mein Napoleon auch so klug sein wird ! rief dann der General . Mir schien es immer , als ob der kleine Eugen des armen Bertrand mehr Geist verriethe , als mein eigener Sohn . Tage und Wochen waren entschwunden , und der General , dessen Wunden beinahe geheilt waren , fühlte sich täglich einheimischer in der Familie seines Freundes . Ja , er würde heiter geworden sein , wenn Frankreichs Geschick nicht den Frieden seiner Seele getrübt hätte ; aber Frankreich war in Gefahr , seinen Ruhm verdunkelt zu sehen , den Ruhm , wofür das Blut so vieler Tausende geflossen war . Bei dem Gedanken daran kehrte ein finsterer Mißmuth in sein Herz zurück , und als mit dem Beginne des neuen Jahres die Verbündeten über den Rhein schritten und den Krieg auf Frankreichs Boden führten , da gränzte seine Stimmung an Verzweiflung , und ob er gleich hoffte , daß jeder Franzose fühlen würde wie er , und daß jeder Bewohner des schönen Landes den geliebten Boden bis auf den letzten Blutstropfen vertheidigen würde , so machte ihn doch seine eigene Ohnmacht trostlos , und er fand es schmachvoll , aus der Ferne zusehen zu müssen und nicht um die theuersten Güter mitkämpfen zu dürfen . Dabei bildete er sich ein , die Freude über die für Frankreich unglücklichen Ereignisse auf der Stirn des Grafen zu lesen , und so zog er sich heimlich grollend zurück und war beinah immer in seinen Zimmern allein . Da auf diese Weise der Zweck , weßhalb man zerstreuende Unterhaltungen veranlaßt hatte , nicht mehr erfüllt wurde , so behauptete die herzzernagende Sorge wieder ihr Recht und schien jede Hoffnung erdrücken zu wollen . So ängstlich preßte sie Aller Herzen zusammen , so trübe und schwer lastete sie auf jedem Sinn , und das Jahr achtzehnhundert und vierzehn begann sehr düster für die trauernde Familie . XII Es war ein heiterer Wintertag in der ersten Hälfte des Januars . Die Familie des Grafen war ohne den General , der in seinem Zimmer einsam mit dem Schicksale grollte , im Saale beim Frühstück versammelt . Der Graf sprach von den Fortschritten der Verbündeten in Frankreich und las einen Brief seines Vetters , des Grafen Robert , vor , den dieser Gelegenheit gefunden hatte dem Oheim zu senden , und aus dem sich ergab , daß die Stimmung in Frankreich gar nicht so allgemein für den Kaiser wäre , wie es der Gereral auf ' s Hitzigste zu versichern pflegte . Diese friedliche Unterhaltung wurde unterbrochen , indem Jemand mit Heftigkeit die nach dem Vorzimmer führende Thür aufriß . Die Schwäche des Alters hatte den Haushofmeister vermocht , darauf Verzicht zu leisten , seine Herrschaft beim Frühstück zu bedienen , denn er mußte länger ruhen , als es sich mit diesem Geschäft vereinigen ließ . Nichts konnte ihn aber dahin bringen , daß er nicht die wenigen Ueberreste seiner silberweißen Haare jeden Abend in Papilloten gelegt , und am andern Morgen gehörig frisirt und gepudert hätte , um alsdann im stattlichsten Anzuge gegen Mittag vor der Gräfin zu erscheinen , ihre Befehle zu vernehmen . Wie sehr mußten also alle Anwesenden erstaunen , als sie Dübois erblickten , der mit einem ihm fremden Ungestüm die Thüre aufriß und dessen Anblick bewies , daß er das Werk , sein würdiges Haupt mit einer anständigen Frisur zu schmücken , erst halb vollendet habe , denn nur die rechte Seite war in gewohnter Ordnung ; über dem linken Ohre aber flatterten noch die Papilloten , die seine wenigen Haare gefesselt hielten . Auch trug er noch seinen Morgenrock und erschien in gelben Pantoffeln . Das Ungewöhnliche dieses Anblicks wurde noch durch die unnatürlich funkelnden Augen des Greises und die tiefe Röthe seiner Wangen erhöht . Erschrocken waren alle Anwesenden aufgestanden , und der Graf trat dem alten Manne besorgt entgegen , der nicht sprechen konnte und um dessen Lippen ein ängstigendes Lächeln schwebte . Endlich keuchte er mühsam hervor : Nachrichten , Nachrichten von unserm Grafen ! Wo ? durch Wen ? tönte es von allen Lippen , und Alle umringten den Greis , der auf die Thür deutete . Der Graf stürmte nach dem Vorzimmer und führte gleich darauf einen jungen Husarenoffizier in russischer Uniform in den Saal . Lebt er ? Ist er gesund ? Nicht verstümmelt ? Haben Sie ihn gesehen ? so tönten die Fragen , ihn betäubend , rund um den jungen Mann . Ich habe , sagte er endlich , für Sie , Herr Graf , Briefe von Herrn Evremont . Vom Grafen Evremont , verbesserte Dübois laut , der sich etwas erholt hatte , aber noch nicht so sehr , daß er das Unschickliche seiner Kleidung hätte bemerken können . So lebt mein Sohn ! sagte die Gräfin mit bebender Stimme und drängte sich zu dem jungen Krieger . O ! sprechen Sie , wo lebt mein Sohn , und ist er gesund ? Werden wir ihn mit reiner Freude in unsere Arme schließen ? Der junge Mann , den , wie es schien , die vornehme Umgebung und alle die Anzeichen des Reichthums , die er vielleicht mit Evremont in seinen jetzigen Verhältnissen niemals in Verbindung gedacht hatte , etwas in Verwirrung setzten , sagte : Wenn es derselbe ist , von dem ich Ihnen Briefe bringe , der lebt , und ich habe ihn gesund bei meinen Eltern verlassen . Er ging hierauf nach dem Vorzimmer zurück und brachte ein versiegeltes Paket , das er dem Grafen reichte . Alle drängten sich hinzu , auch Dübois ; Alle erkannten sogleich die Züge der geliebten Hand . Ein allgemeiner Ausruf der Freude entschwebte allen Lippen . Der Graf hielt seine Thränen nicht zurück und sagte : Sie sind uns ein Bote des Himmels , Sie bringen nach jahrelangen Leiden Trost und Ruhe meiner kummervollen Familie . Die Gräfin faßte mit ihren bebenden Händen die Hand des jungen Mannes und sagte fast schluchzend : Im Hause Ihrer Eltern lebt mein Sohn ? O ! wenn Sie nach überstandenen Gefahren zu Ihrer Familie zurückkehren , dann wird Ihre Mutter fühlen , welchen Trost Sie mir heute gebracht haben . Emilie hob ihr schönes Kind empor und sagte , indem sie die Thränen ungehindert fließen ließ , die wie Perlen über die in erhöhter Farbe brennenden Wangen flossen : Sieh , Adalbert , dieser Herr bringt Nachricht von Deinem Vater . Der Kleine mißverstand die Mutter , und indem er die zarten kleinen Arme um den Nacken des jungen Mannes schlang und mit den rothen Lippen , wie mit frischen Rosen , die gebräunten Wangen des fremden Kriegers berührte , fragte er : Bringst Du meinen Vater mit ? Vom Gefühle der Rührung überwältigt , zog der junge Mann das Kind von den Armen der Mutter , und dessen schöne Augen küssend , sagte er : Wie sprechend sieht er seinem Vater ähnlich ! Das Kind , das die Frage , die es eben gethan , schon wieder vergessen hatte , spielte ruhig an der Brust des Fremden mit den sich vielfach kreuzenden Schnüren an dessen Uniform , die seine ganze Aufmerksamkeit erregte . Der Sturm des Entzückens legte sich endlich . Der übermäßig quellende Strom der Freude floß sanfter , und Dübois bemerkte mit Entsetzen , wie sehr er durch seine unanständige Kleidung die gewohnte Ehrerbietung gegen die gräfliche Familie verletzt habe . Er entfloh beschämt , um seinen Anzug eilig zu vollenden . Der fremde Offizier machte endlich eine Bewegung sich zu entfernen , doch die ganze Familie bestürmte ihn mit Bitten diesen Tag zu bleiben . Er gestand , daß er zwei Nächte gereist sei , um seinem Freunde Evremont Wort halten zu können und dessen Briefe selbst zu überreichen , daß er aber nun einiger Ruhe bedürfe und dann schleunig aufbrechen müsse , um zur bestimmten Zeit bei dem General einzutreffen , der ihn nach Petersburg gesendet habe und zu welchem er nun zurückkehre . Der Graf berechnete die Zeit , und versprach für Courierpferde zu sorgen und eine ziemliche Strecke ihn durch eigene Pferde zu befördern , und so ließ es sich machen , daß der junge Mann bis zum andern Morgen bleiben konnte . Dübois , der nun völlig gekleidet und gehörig gepudert wieder eingetreten war , übernahm mit großer Freude den Auftrag , für die Bequemlichkeit des Fremden zu sorgen , und es versteht sich , daß er diese Pflicht auf ' s Beste erfüllte . Als der junge Offizier sich entfernt hatte , um einige Ruhe zu genießen , ergriff ein Jeder die für ihn bestimmten Briefe , um nur Einiges flüchtig zu lesen , und sich vorläufig von Evremonts Wohl und der Fortdauer seiner Liebe zu überzeugen . Der Graf besonders konnte das an ihn gerichtete Schreiben nicht so bald beendigen , da es den ganzen Lauf der Begebenheiten enthielt , die den Schreiber seit der Schlacht bei Borodino betroffen hatten . Man beschloß also , dieß alles in seinem ganzen Umfange gemeinschaftlich nach der Abreise des Fremden zu lesen , um gegen den , der so hoch beglückende Nachrichten gebracht hatte , die Erfüllung der Gastfreundschaft nicht zu versäumen . Auf seine Erkundigungen erfuhr der Graf , daß sein Gast in einen sanften , tiefen Schlaf versunken war . Er befahl ihn nicht zu stören , da der junge Krieger dieser Erholung vor Allem zu bedürfen schien , und begab sich zu dem General Clairmont , um ihm die Freude mitzutheilen , die so eben die Familie beglückte . Gott sei gelobt , daß er lebt ! rief der General , den eigenen Trübsinn bei dieser Nachricht vergessend . Ich gestehe Dir , fuhr er fort , ich habe oft im Stillen gefürchtet , wir würden nie wieder von ihm hören , und mochte nur meine Furcht nicht zeigen , um Euch nicht die Hoffnung zu nehmen , die Ihr , wie es mir schien , aller Wahrscheinlichkeit zuwider hegtet . Willst Du nun nicht wieder Theil an der Gesellschaft nehmen ? fragte der Graf ; willst Du nicht den jungen Mann selbst über Evremont sprechen ? Nein ! rief der General verdrüßlich nach kurzem Schweigen . Ich will den Russen nicht sehen . Nun eilen sie alle nach Frankreich , und meinen dort leicht Lorbeeren zu gewinnen und unsern Ruhm zu verdunkeln ; ich mag solchen anmaßenden Menschen gar nicht sprechen . Morgen , wenn er abgereist ist , dann theile mir aus Evremonts Briefen alles mit , was nicht allein für die Familie gehört , und Du wirst sehen , daß ich mich Euers Glückes freuen kann ; aber heute erlaube mir allein zu bleiben . Der Graf , der die Freiheit seiner Gäste nicht zu beschränken wünschte , fügte sich in den Willen seines Freundes , und als er diesen nach einiger Zeit verließ und in den Saal zurückkehrte , fand er die Gesellschaft dort versammelt und den fremden Krieger durch den kurzen Schlaf gestärkt , von den Frauen umringt , die alle verlangten , er solle von Evremont erzählen , und ihn deßhalb mit tausend Fragen bestürmten . Der junge Mann wußte eigentlich nichts weiter zu sagen , als daß er als Courier nach Petersburg gesendet worden , und da ihm die Zeit bestimmt sei , in welcher er wieder bei seinem General eintreffen müsse , und man ihn in Petersburg sehr schnell wieder abgefertigt , so habe er durch angestrengte Eile es so einrichten können , daß ihm Zeit geblieben sei , einen kurzen Besuch auf zwei Tage bei seinen Eltern zu machen , deren Güter in unbedeutender Entfernung von der Straße lägen , die er habe verfolgen müssen . Hier habe er Evremont als Hausgenossen gefunden , indem ihn sein Vater als Kriegsgefangenen bei sich aufgenommen habe . Den Abend vor seiner Abreise habe ihn der liebenswürdige , von der ganzen Familie geliebte junge Mann dringend gebeten , ein Paket an den Grafen Hohenthal zu besorgen , und da er sich überzeugt habe , daß sein Weg ihn nahe bei dessen Schlosse vorbeiführen müsse , so habe er sich entschlossen , das Paket , an dessen Beförderung dem Hausgenossen seiner Eltern so viel zu liegen schien , selbst zu besorgen , obgleich ihm dieser nicht gesagt , daß er der Sohn des Hauses sei . Die Frauen waren über diese Zurückhaltung Evremonts sehr erstaunt . Den Grafen , der das an ihn gerichtete Schreiben flüchtig durchgesehen hatte , schien sie weniger zu befremden ; er sagte nur lächelnd : Die Umstände , unter welchen mein Sohn das Haus Ihres würdigen Vaters betrat , würden vielleicht Zweifel an seiner Wahrheitsliebe erregt haben , wenn er sich Obrist und den Sohn eines Grafen hätte nennen wollen . Ich habe sein Schreiben noch nicht ganz gelesen , aber ich glaube nach dem , was ich schon daraus ersehen habe , daß wir nie im Stande sein werden , die ganze Schuld der Dankbarkeit gegen Ihre Familie abzutragen . Der junge Mann schwieg etwas verwirrt ; er mochte es nicht sagen , daß ihm während des kurzen Aufenthalts im Hause seiner Eltern Evremonts Dasein völlig unbedeutend vorgekommen war , daß er kaum ein Wort mit ihm gewechselt habe und nur beim Abschiede erst aufmerksam auf ihn geworden sei , als dieser ihn so dringend gebeten , ein großes Paket Briefe an einen deutschen Grafen zu besorgen , und daß Neugierde mehr als Theilnahme ihn bestimmt habe , selbst der Ueberbringer zu sein , indem er zu erfahren gehofft habe , in welchem Zusammenhange Evremont mit diesem Grafen stehe , ohne daß er irgend erwartet habe , ihn als Sohn des Gräflichen Hauses bei dieser Gelegenheit kennen zu lernen . Der Tag verschwand , den man dem Gaste so angenehm als möglich zu machen strebte , und am folgenden Morgen führten ihn des Grafen schnellste Pferde seiner Bestimmung entgegen . Der General , der den Fremden hatte abreisen sehen , erschien nun sogleich und erinnerte den Grafen an sein gestriges Versprechen , ihm alles über Evremont mitzutheilen , was die Theilnahme des Freundes erregen könne . Der Graf , der die Blätter schon durchgesehen hatte , war bereit sie vorzulesen , da sie Evremont , wie er oft that , in französischer Sprache geschrieben hatte . Evremont beschrieb seinen Eltern den Einzug der Franzosen in Moskau , wie sie in ihren Erwartungen sich getäuscht gesehen hätten , als sie die beinah gänzlich von den Einwohnern verlassene Stadt betraten , den furchtbaren Brand und den noch furchtbarern Rückzug . Mein Regiment , fuhr er in seinem Berichte fort , war gänzlich auseinander gesprengt und vernichtet , ehe wir die Beresina erreichten . Der Mangel , die Kälte rafften Tausende hin , und die Ueberlebenden dachten nur daran weiter rückwärts zu kommen , ohne mehr dem Befehle ihrer Officiere zu gehorchen . Der alte Bertrand , der Schwager des jungen Lorenz , hatte sich treu mit einem kleinen Haufen an mich angeschlossen ; er glaubte mir Dank schuldig zu sein für manche kleine Dienste , die ich ihm geleistet , um mein hartes Verfahren gegen seine Gattin in Spanien wieder gut zu machen . Diese , die uns als Marketenderin folgte , gewährte mir nun viele Erleichterung durch die wenn auch geringen Vorräthe , die sie für ihren Mann und ihr Kind zu bergen gewußt hatte , und die die Familie bereitwillig mit mir theilte . Aber auch diese kleine Milderung der Beschwerden sollte bald für mich aufhören . Wir wurden eines Abends in der Dunkelheit von Kosacken überfallen und da wir , vor Kälte erstarrt , nicht fechten konnten , so suchte Jeder den Feinden , wie er vermochte , zu entkommen . Ich irrte die Nacht auf einer unermeßlichen Ebene umher ; ein scharfer Wind hob den Schnee vom Boden auf und wirbelte ihn in der Luft umher , vom Himmel senkten sich gleiche Massen nieder , die sich mit den vom Boden emporgewirbelten vereinigten . Bei jedem mühsamen Schritt sanken die Füße bis an die Kniee in den Schnee , der den Boden Ellenhoch bedeckte , so daß es schien , als ob alle Lebendigen von der Erde verschwunden und ich einsam den furchtbar aufgeregten Elementen Preis gegeben sei , denn der Wind wurde immer kälter und schneidender , und die dünne Uniform konnte mich gegen dieß Ungemach nicht schützen . Alle meine Besitzthümer wie meine Dienerschaft waren zerstreut , verloren , und ich hatte vor wenigen Tagen auf einer eiligen Flucht vor den Feinden selbst den Mantel zurücklassen müssen , den ich in einer rauchenden Hütte abgelegt hatte , die mir ein augenblickliches Obdach gewährte , um ihn