im Aufwallen seines Zorns , die , jede Mitwissenschaft laugnende Else , aus dem Dienste gejagt hatte . Der arme Kleine fand in Fiorilla ' s Sorgfalt Elsens Pflege in doppeltem Maaße wieder , und Diether , - sah er die Liebe der Pflegerin zu dem Knaben - bedauerte nur eins so sehr , daß ihm der Zufall Wallradens holdes Töchterlein geraubt , und ihm kein Mittel zu Gebote stehe , etwas Gewisses von dem Schicksale der kleinen hübschen Agnes zu erfahren . Über das Geschick ihrer sogenannten Mutter kam er dafür binnen einigen Tagen in ' s Klare . Eine Mönchsgestalt , vom Fieber geschüttelt , und von Blässe entstellt , trat eines Morgens , - der zweite nach jenem Verhöre auf dem Römer , - auf einen Stab gestützt , vor den Altbürger . Dem Leidenden eine milde Gabe zu reichen , war Diether ' s erster Gedanke , - aber wie erstaunte er , da der Mönch nicht allein jede Gabe verschmähte , sondern ihn selbst mit einer unerwarteten Kunde beschenkte : mit der Botschaft von Wallradens Aufenthalt , von ihrer vereitelten Flucht , von ihrer Rückkehr in die traurige Haft , - von der Gefahr in welcher sie schwebe , von ihrem einzig auf den Vater gesetzten Vertrauen . - Diether , - obwohl in Zorn glühendob Wallradens Vergehen , fühlte doch sein Vaterherz beben bei dem Berichte ihrer Leiden . Allein , so schnell auch sein Entschluß gefaßt war , Alles aufzubieten , um sein Kind zu retten , so schnell gesellte sich diesem Vornehmen auch der Verdacht bei . Mißtrauisch maß er den Mönch von Kopf bis zum Fuß , verwickelte er ihn in verfängliche Fragen , und ließ ihm nicht undeutlich merken , daß er versucht sey , ihn für ein Werkzeug jener Räuber zu halten , und die ganze Botschaft für eine Schlinge , welche seiner Habe , - wo nicht gar seinem Leben - gelegt sey , wie jene Ladung zum Sprünglinsteine gewesen . - In dem matten Auge des Mönchs blitzte eine Flamme ritterlichen Unmuths auf , und seine Lippe warf sich auf , um kühn und trotzig den schnöden Verdacht von sich zu wälzen . Doch bezwang er sich , und erwiederte , so ruhig als die erregte innere Bewegung ihm verstattete , daß er sich willig als Bürge und Geißel darstelle für jedes von ihm gesprochne Wort , daß übrigens das heftige Fieber , das ihn auf einem unfern gelegenen Dorfe ergriffen , und ihn abgehalten , am verwichnen Tage bereits in Frankfurt zu seyn , schon der beste Bürge für sein Verweilen in jeder beliebigen Haft sey , und daß er fürchte , es werde - sollte ihm Hülfe und milde Sorgfalt noch ferner entstehen - mit seinem Leben bald zu Ende seyn . Der eisige Frost , welcher des Gequälten Glieder durcheinanderschüttelte , und ihn beinahe zu Boden warf , machte Diether ' s natürliche Barmherzigkeit rege . Er ließ den todtkranken Mönch auf einer Tragbahre in das Kloster des Ordens bringen , zu welchem der Unglückliche , seiner Kutte nach , zu gehören schien , und empfahl ihn der angelegentlichen Fürsorge des Paters Reinhold , Margarethens Beichtvaters . Er selbst jedoch eilte auf den Römer , um die erhaltne Botschaft dem Rathe zu verkünden . Seine Freunde in demselben staunten ; seine Feinde schüttelten ungläubig die Köpfe , und behaupteten , der Schöff täusche Meister und Rath mit unhaltbaren Gerüchten , und halte muthwilliger Weise die Stadt sammt ihrer bewaffneten Gewalt in Athem . Hätte er einen andern als Räuber genannt , - riefen sie , - dann wäre ein Schein von Glaubwürdigkeit vorhanden ; aber gerade diesen Bechtram von Vilbel zu nennen , diesen alten wackern Kämpen , der so lange der Stadt treu gedient , der sich in der letzten Frist nur , gewisser Ansprüche wegen , mit der Reichsstadt veruneinigt hat ! Und diese Ansprüche , sind sie nicht geschlichtet ? Dieser Span , - ist er nicht in Minne beigelegt worden ? Hat nicht vor drei Tagen erst Bechtram Friede mit uns gemacht , sonder Gefährde , in Treu und Glauben , und in Gegenwart der verehrlichsten Zeugen , der ritterlichen Herrn vom deutschen Orden ? Ein Mährchen also der ganze Bericht ; der Schöff , entweder selbst getäuscht , oder im Begriffe uns zu täuschen , und die Klage ohne Grund ! - Diether ' s , wie des Mönchs Wahrhaftigkeit wurde jedoch um ein Gutes verbürgt und vergewissert , da der jüngste Bürgermeister mit einem Gesichte voll Zorn und Wildheit in die Versammlung trat , den Wirth vom Einhorn auf seinen Fersen . » Gott verdamme doch alle Verräther und Meineidige ! « begann er heftig , wie man es an ihm gewohnt war , bei wichtigem Anlaß : » Vernehmt doch , ihr liebe Herren und Freunde , welche Mähr unser guter Bürger und Wirth zum Einhorn Euch zu bringen hat . « Der Wirth erzählte also nach vorhergegangener Aufforderung , daß schon seit manchem Jahre der Kaufdiener Conrad Schwarz , gemeinhin , seines Vaterlandes und seiner Mundart halber , der Schwabe oder das Schwäbeln genannt , und zu Diensten des weltberühmten Hauses Ulrich Arzt in Augsburg stehend , auf seinen Meßzügen und Reisen in ' s Brabant sich in der Herberge zum Einhorn eingefunden habe , und stets als ein ehrlicher Geselle und guter Zahler von dannen gefahren sey . Ein solches sey ebenfalls vor dreien Tagen geschehen , an dem Tage selbst , da Bechtram von Vilbel und des Raths Freunde und Abgesandte im Deutschherrenhause ihren Frieden gemacht . Nun habe aber Er , der Wirth zum Einhorn , heute Morgen durch einen Landmann vom Maingehöft einen Zettel erhalten , den ein reisiger Knecht demselben zur Bestellung übergeben ; einen Zettel , von dem Schwaben selbst geschrieben , worinnen er berichtet , der Herr von Vilbel habe ihn am bewußten Sühntage , im Heimreiten begriffen , von der Straße aufgefangen , nach Neufalkenstein geschleppt , und ihn genöthigt , diesen Brief zu schreiben , damit der Wirth zum Einhorn zweihundert Mark Silbers als Lösegeld für den Gefangenen nach Neufalkenstein trage . Er , der Wirth , begehre nun zwar nicht , das Verlangte zu thun , sintemalen ihm bang geworden um sein Geld und seinen eignen Leib ; er habe jedoch nicht verfehlen wollen , denen gestrengen Herren solches zu berichten , damit sie in ihrer Weisheit das Nöthige beschließen möchten , ob vielleicht der ehrliche Kaufdiener aus seiner Angst erlöset werden könnte . - Diese Erzählung , unterstützt durch den vorgewiesenen Zettel , weckte den Unwillen der ganzen Versammlung , und Diether ' s Angabe fand nun unbedingten Glauben . Der Schultheiß und Diether ' s Feinde , die so sehr auf Bechtram ' s Redlichkeit gepocht hatten , traten nun auf die Seite derjenigen , die seinen Treubruch schmähten , und vollwichtige Rache für den auf dem Gebiete der Stadt verübten Frevel forderten , und für den höhnenden Meineid , den der alte Buschklepper am Tage selbst der Friedensstiftung in frechem Muthe begangen . Die Furcht vor der Wuth des Raubritters und seiner Diebsgesellen in der Wetterau wich nun zurück , indem man die der freien Stadt wiederfahrene Beleidigung fest in ' s Auge faßte , und eine Stimme nur war ' s , die aus jedem Munde die Befreiung der Bürgerin Frankfurts und des fremden Gastes forderte . Als aber die Mittel dazu zur Sprache kamen , da waren wieder die Zungen uneins geworden . Die Kühnsten riethen zu einem Auszug , wie er im Jahre 1404 gegen Rückingen , das Schloß des Hans von Rudenscheim , des Marktschiffschinders , statt gehabt hatte . Die Vorsichtigern verwarfen die offne Gewalt , die alle Genossen des Räubers gegen die von Streitern ziemlich entblößte Stadt anhetzen würde , und sprachen von List und besonnener Klugheit . Die Feigen schlugen vor , die Hülfe eines benachbarten Fürsten anzurufen ; ein Vorschlag , der den Vaterlandsfreunden , welche jede fremde Einmischung in die Händel der Stadt haßten , vollkommen widerlich war ; aber demungeachtet einen Streit entspann , welcher die Berathung der Versammelten in eine wilde Gährung verwandelte , aus welcher sich Diether , um mit seinem Gram und seinen Entwürfen allein zu seyn , rettete . Aber auch dieses Alleinseyn , dieser Strom von Gedanken , den er einsam an sich vorbeirauschen ließ , führte sein Herz nicht zur Ruhe , und er suchte sein Haus auf , um Zerstreuung in der Gesellschaft seines Bruders , seines Knaben zu finden . Wie vom Blitze gerührt , stand er jedoch da , als ihm sein Knecht Eitel berichtete , Dagobert sey angelangt , als Vollbrecht , der Knecht des Junkherrn , ihm den Reverenz machend , vorüberging , und Dagobert selbst ihm auf der Stiege entgegen kam . - Des Vaters Verwirrung war gränzenlos , und Schreck und Beschämung knickten seine Knie ein , daß er das Geländer der Stiege erfassen mußte , um nicht zurückzusinken . Dagobert ersah diese plötzliche Schwäche , und reichte ihm schnell die helfende Hand , an welcher er den Vater zu seinem Schlafgemach geleitete . Schwer athmend ließ sich der Schöffe in den Sorgenstuhl nieder , und erst , nachdem er einige Zeit lang den Blick auf den Boden , alsdann auf das mildfreundliche Antlitz des gegenüber sitzenden Sohns geheftet hatte ; wagte er die Anrede : » Du hier , Dagobert ? Und Wallrade ? ... « - » Mein Bemühen war vergeblich ; « entgegnete der Sohn bedauernd : » Eben so leicht hätte ich den großen Kaiser Karl finden mögen , der seit sechshundert Jahren im Brunnen der Beste zu Nürnberg sitzen soll . Dafür , - hab ' ich vernommen - habt Ihr selbst gelegnere Kunde erhalten , wozu ich Euch und mir von Herzen Glück wünsche , Herr Vater . « - » Dir ? « fragte Diether mit spöttelnd ungläubiger Miene . - » Weiß es der Himmel , auch mir ; « versetzte Dagobert : » Ich habe zwar nicht viel Ursach , Wallraden Gutes zu wünschen , aber mehr denn sie , lieb ' ich meinen guten Leumund , und bin herzlich froh , daß endlich die Stadt erfahren wird , - und auch Ihr beineben , Herr Vater , - daß ich Wallraden nicht hab ' stehlen lassen . « - Diese Worte , obgleich mit mildem Ernst , weit von jeder Anmahnung an grollenden Spott gesprochen , trieben dem Alten die Röthe der Schaam auf die gefurchte Wange . » Das eigne Gewissen ist des Menschen fürnehmster Richter ; « sprach er stockend , und Dagobert entgegnete gelassen : » Das ist ' s , Herr Diether . Mein Gewissen ist jedoch heil , wie ein frisches Auge : darum bin ich auch hier , wo der Teufel recht geschäftig gewesen ist , mich anzuschwärzen vor aller Welt . Ein biedrer Mensch weicht dem Satan nicht aus , sondern nimmt ihn bei den Hörnern und wirft ihn aus dem Wege . « - » Du sprichst kühn ! « meinte Diether , der ihm forschend in ' s Auge sah . - » Ich vertraue auf den Himmel ; « antwortete Dagobert muthvoll : » ich bin dem lieben Gott von Herzen treu und hold , und er wird ' s mir nicht minder seyn ; darum fürchte ich auch nicht den Schultheiß , nicht den Oberstrichter , nicht des Prälaten , der hier in ' s Nest gezogen ist , Verläumdungen ; auch die heilige Acht nicht , die mich einer Ladung vor ihren Stuhl gewürdigt hat . « - Diether ' s Wange sank von hoher Röthe in die Blässe des Todes herab : » Unglücklicher ; « murmelte er : » Du frevelst . Fürchte jenen Stuhl , vor welchem der Sünde die letzte Larve entfällt , und die Wahrheit sich aufthut in finstrer Nacht . « » Ich scheue die Wahrheit nicht ; « entgegnete Dagobert fest : » ich wünsche sie , mein Vater . Wollte Gott , die unbekannten Herren ergründeten sie beim fröhlichen Sonnenlicht ; aber auch um Mitternacht stehe ich ihrer Ladung , und morgen soll der Frohne nicht umsonst meiner warten . « - » Du wolltest ernstlich ... « - » Soll ich mich verfehmen lassen , mein Vater , um unter dem Messer irgend einer Blindschleiche der Acht zu fallen , sonder Gehör und Vertheidigung ? Oder wäre das ernste Gericht im Grunde nur ein Fastnachtsschwank , den man nur aufführt , sobald sich Zuschauer eingefunden haben ; und unterläßt , sobald kein Mensch seine Ohren dazu leihen will , trotz Heroldsruf und Pfeifenklang ? Ich halte mehr von dem finstern Richterstuhle und will ihm meine Reverenz nicht versagen , damit ich vernehme , wessen man mich eigentlich beschuldigt hat , und mich rein wasche von der aufgelogenen Sünde . « - » Eine trotzige Zuversicht ! « schaltete Diether warnend ein . « - » O , daß Ihr sie nicht theilen mögt , Vater ; « sagte hierauf der Jüngling , und ergriff wehmüthig Diether ' s widerstrebende Hand : » o , daß Ihr der Erste seyd , der den Stein auf mich geworfen , und der Letzte , der ein offnes Ohr für meine Schuldlosigkeit haben wird ! Ich kenne mich selbst kaum mehr , seitdem ich geahnt , seitdem ich vernommen , was in Euerm Herzen vorgegangen , wie sich dasselbe so ganz von mir gewendet . Ich bin irre an mir geworden , ich habe meiner Gedanken innerste Kammer durchsucht , und nicht eine Spur von Gottlosigkeit darin gefunden . Und Ihr - der Gerechte - zweifelt an meiner Seele , - Ihr verdammt mich , während ich rein bin , wie ein hülfloses Kind ! Doch habe ich gegen Euch keine Waffen . Im Gegentheile ; ich wähle Euch zu meinem Beistande vor dem Stuhle zu Sachsenhausen , und gewiß schlagt Ihr mir ' s nicht ab , mich dahin zu begleiten , wo die Wahrheit sich aufthut in finstrer Nacht . « - Diether schrack sichtlich zusammen , und die Vorwürfe seines Gewissens pochten so heftig an sein Herz , daß er kaum eine ängstliche Weigerung hervorbringen konnte . Dagobert sah verdüstert vor sich hin , seufzte , und sagte : » Ihr verstoßt mich ganz , mein Vater . So muß ich denn allein den dunkeln Weg machen . In Gottesnamen ; aber mich betrübt ' s , daß Ihr mir verweigert , warum Wallrade an meiner Statt sicher nicht vergebens gebeten haben würde . « - » Nichts von Wallraden ! « rief Diether ängstlich und unwillig : » Ich bin nicht ungerecht in der Liebe , die ich meinen Kindern schenke . Ich liebte Wallraden , da ich sie fleckenlos glaubte ; aber nun , ... selbst gegen den ihr gehässigen Bruder vertheidige ich sie nicht . « - » Ich hasse ja Wallraden nicht ; « sprach Dagobert ruhig ; » doch ihrem Haß vermag ich nicht verschwenderische Liebe entgegen zu setzen , und darf Euch mit dem heiligsten Eide versichern , daß diese Schwester , Eure Tochter niemals würdig war , unsern Namen zu führen . Wollt Ihr Beweise ... ? « - » Schweig ! « unterbrach ihn Diether heftig : » aus Deinem Munde will ich nicht wieder hören , was ich schon weiß . Welch ein Sieg für Dich und Margarethen ! « - Dagobert zuckte schweigend die Achseln . - Diether fuhr aber entrüstet fort : » Schlange nennst Du Wallraden ; sag ' an , gelehrter Sohn : welch Urtheil fällst Du über Margarethen ? Schenkst Du ihr einen Heiligenschein , oder mußt Du beschämt bekennen , daß sie schlimmer fehlte , als Wallrade ? « - Dagobert schwieg nicht lange . » Dies Bekenntniß vermag ich nicht zu leisten , « sagte er : » daß jedoch Frau Margarethe fehlte , Eurer unwürdig handelte , will ich nicht läugnen . Leider darf ich ' s nicht . « - Triumphirend sah Diether zu ihm empor und rief : » Dank Dir , mein Gott , daß des Sünders Mund so eben die eigne Schuld bekennt in der fremden . « - » Ich begreife kaum mit Sinn und Ohr , was Euer Mund spricht , « erwiederte Dagobert ; » doch schwör ich ' s Euch , daß meine Lippen manches enthüllen könnten , was ich verschweige , weil Frau Margarethe Eure Hausfrau , meine zweite Mutter ist . Die Zeit ersetze das , was ich versäume . « - » Recht ; doppelzüngiger Mensch ; « rief Diether gereizt : » Hülle Dich nur ein in räthselhafte Reden . Deine Vergehen blicken überall hervor , und das strafende Gericht wird nicht ausbleiben . Die Ehre Deines Vaters hast Du mißhandelt ; Deine eigne Ehre in den Staub getreten ; Dein Leben verwirkt durch Deine Buhlerei mit der Jüdin , von welcher die ganze Stadt weiß . « - » Vater ! « rief Dagobert mit flammenden Augen und eilenden Worten : » Beschützt habe ich Eure Ehre , und nie besudelt die meinige . Vater , wer an die reine Sitte der Unglücklichen tastet , der ich Beschützer ward , weil sie keinen Freund auf der weiten Erde hat , - wer Ben David ' s Tochter schmäht , blos deßhalb weil sie eine Jüdin und mir lieb ist , - gegen den zieht mein Zorn zu Felde , und wäre ich gleich sein Sohn . Buhlerei , sagt Ihr ? Die Farbe des reinen Himmels reicht nicht an Esther ' s Unbescholtenheit ; eine Schurkerei habe ich noch nie gedacht . Aber unter meinem Schilde ruht die Taube sicher ; ich verrathe ihre Zuflucht den Feinden nicht , und würde jetzt schon der Holzstoß für mich angezündet . « » Prahlender Wüstling ! « zürnte Diether : » Tritt immer auf in Deiner wahren Gestalt ; fliehe aber die Stätte wo ein Freistuhl Westphalens steht . Häufe nicht noch den Jammer auf mein Haupt , Dich an einem Stadtthore von den heimlichen Rächern aufgehängt zu erblicken . « - » Der Herr wurde unschuldig gerichtet ; « erwiederte Dagobert mit völliger Seelenruhe : » beneidenswerth wäre ich , ein schwacher Sohn des Staubes , träfe mich ein gleiches Loos . Lebt wohl indessen , Vater . Ich scheide . Lieblich war mir dies Haus , da ich noch eine fröhliche Jugend darin herumtrug , von Stiege zu Stiege , von Speicher zu Flur , von Gemach zu Gemach , und mich überall in die Arme eines guten Vaters , in den Schooß einer treuen Mutter legen konnte . Aber , nun die getreue Mutter zum Himmel gezogen ist , und das Vaterherz ein doppelt Erz angethan hat , sind mir erst diese Wände eng geworden , und niedrig wie Särge diese Gemächer . Ich will Euch , Herr Vater , wie den wälschen Ohm mit meinem Anblick verschonen , und fürder allein für mich meine Straße ziehen . Behüt ' Euch Gott , und lebet wohl . « - Auf der Schwelle stieß Dagobert , in dessen Augen der Thränen Gewalt drückte und preßte , auf den kleinen Hans , den Fiorilla an der Hand führte . Fiorilla begrüßte den Jüngling mit jener Fremdartigkeit , die vor den Zeugen die nähere Bekanntschaft zu verbergen strebt ; der kleine Hans jedoch jubelte laut auf und kletterte an Dagobert empor . Dieser wurde roth vor Überraschung , und setzte den Knaben stumm wieder nieder , ohne seine Liebkosungen , wie wohl vordem , zu erwiedern . Hans machte ihm kindliche Vorwürfe wegen dieses Kaltsinns . - » Die gute Mutter ist fortgegangen , « klagte er , » und Else ist fortgegangen , und der Mann dort macht ein finster Gesicht . Was soll ich denn anfangen , Dagobert , wenn auch Du nichts mehr von mir wissen willst ? « Gerührt blickte Dagobert auf den Knaben herab , betrachtete ihn aufmerksam , nickte dann mit dem Kopfe und sprach : » Wahrlich , Du armes Kind , ... Du bist übel daran , ... übler als Du weißt und verdienst . « - - Hier wendete er sich rasch zu Diether , aber der schon zum Reden geöffnete Mund verstummte vor dem stieren Blick , mit welchem der Vater seine Söhne beobachtete . » Überlasse Alles dem Herrn ! « flüsterte der Jüngling in sich hinein und bückte sich wieder zu dem Knaben herab : » Gutes Kind ! « sagte er halblaut zu demselben : » Vaterloser Knabe ! fasse Muth und stärke Dich zu jedem Unglück . Bist Du einst Allen fremd geworden und ich lebe noch , so komm zu mir ; ich will Dir Vater seyn ! « - » Ach ja ; « wiederholte der Knabe , seinen Lockenkopf vertraulich auf Dagobert ' s Schulter lehnend : » Du mein Vater . « - » Ich , mein Sohn ; ja ! beim ewigen Gott ! ich .... « stammelte Dagobert unter Thränen , umarmte das Kind , legte es in Fiorillens Arm und entfloh dann aus dem Gemach . Fiorilla brachte den sehnsuchtsvoll nach dem Scheidenden blickenden Knaben auf Diether ' s Schooß . Der zornige Mann stieß ihn aber von sich , und rief : » So geh ' doch hin zu Deinem Vater , junger Kuckuck , und verwünscht sey die Stunde , in der mich mein leichtgläubig Herz abermals betrog ! « - Zweites Kapitel . Schauet doch , und sehet , ob irgend ein Schmerz sey , wie mein Schmerz , der mich getroffen hat ! Denn der Herr hat mich voll Jammer gemacht am Tage seines grimmigen Zorns ! Jeremias . Es geschah , daß an dem Abend desselben Tags , an welchem Dagobert nach Hause kehrte , ein böses Stücklein in der Stadt verübt wurde . Es war in der Neustadt ein Haus belegen , das man » Zum heißen Stein « nannte , und worin schon mancher seine Hölle auf Erden gefunden hatte . Man pflog nämlich daselbst des Spiels mit Würfeln und Brett , und es ging scharf dabei her , mit Geld und Gut und fahrender Habe . Zu verschiedenen Malen war schon der Reiche als ein Bettler aus diesem Hause getreten ; seltner jedoch der Habenichts als ein vermöglicher Mann , weil der Zufall nicht immer allein waltete in diesen Spielen , sondern auch gar oft und häufig die geschickte Hand und der falsche Würfel . Es hatte sich schon häufig , - namentlich während der Messen zugetragen , daß trügliche Spieler aus dem Fenster waren geworfen , oder dem Arm des Gerichts übergeben worden , das ihnen nachher zum Lohn für ihre Frevel die Augen hatte ausstechen , sie selbst aber in den Main werfen lassen . Diese schreckliche Strafe hatte indessen die Frevler nicht ausgerottet , sondern nur ihre Behutsamkeit und Vorsicht vermehrt , indem es doch immer für Abenteurer aus der Fremde eine gar zu lockende Gelegenheit blieb , um leichtsinnige Bürgersöhne , oder übermüthige Prahlhänse von Junkern , oder unerfahrne Kaufleute und Diener zu rupfen , und um ihr blankes Geld zu bringen . Wurde hin und wieder ein solcher Spielgauner ertappt , so wußte er schon recht gut , welch ein Schicksal seiner harrte , und er wehrte sich daher , oft von Spießgesellen unterstützt , seiner Haut dergestalt , daß die Rauferei nicht immer zum Vortheil der Rechthaber ausfiel . Der heiße Stein wurde dann oft ein blutiger , und nur die öffentliche Gewalt vermochte in der wüsten Spielherberge Ruhe und Friede herzustellen . Ein ähnlicher Handel fiel auch an dem benannten Abende vor , denn ein wälscher Gaudieb , der sich über die Messe zu Frankfurt verweilt hatte , war dem Verbot des Raths zum Trotze , welcher selbst die Würfel an den heißen Stein lieferte , mit eignen aus Wälschland gebrachten Würfeln daselbst aufgetreten . Wie denn das Neue immer dem Gewohnten vorgezogen wird , so waren die Spielgäste , junge Brauseköpfe aus reichen Bürgergeschlechtern , mit dem Willen des Fremden einverstanden , und zwangen den Spielwirth , die ausländischen Würfel auflegen zu lassen . - Und also ging dann das Rumoren und Geklapper los , und der Italiäner gewann und gewann , und sein Beutel wurde immer straffer , während die Geldtaschen der Mitspieler sich leerten bis auf den Grund . Aber nicht minder die Geduld der Verlierenden versiegte , und da des Fremdlings Gewinn immer mehr und mehr anschwoll , so ergriff einer von den heftigsten Spielern im Zorn die Würfel , die ihm so eben die letzten Goldkronen gekostet hatten , und warf sie mit dem Rufe : » Ei so sey doch Du verdammt , sammt Deinem Spielzeuge , vermaledeiter Schelm ! « dergestalt auf den Boden , daß einer derselben zersprang , und es sich ergab , daß er mit Blei gefüttert gewesen , und immer die Sechsen , wenn die geschickte Hand des Wälschen die Knochen regierte , oben liegen mußten . Darob ergrimmten denn die Herren sammt und sonders , und derselbe , der zur Entdeckung Anlaß gegeben , nahm sich auch des Rächeramts an , und ging dem Gauner mit dem Degen zu Leibe . Allein derselbe war ein Raufhahn nebenbei , und wehrte sich mit dem langen wälschen Rappiere dermaßen , daß , obgleich die Andern dazwischen sprangen , und der Wirth nach Hülfe lief , der Angreifer durchbohrt auf dem Estrich lag , ehe noch die Klingen dreimal gekreuzt worden waren . Der Schreck , den der Fall des Fechters einflößte , half dem Spitzbuben zur Flucht , und die herbeikommende Nachtwache fand weder Mörder , noch Zeugen mehr im Hause , sondern einzig und allein den todten Mann , den man für des Oberstrichters Sohn , einen leidenschaftlichen , ausschweifenden Menschen , erkannte . Sprach nun gleich die ganze Stadt , es sey an dem Wüstling gar nicht viel verloren , so redete das Vaterherz doch anders , und der Oberstrichter , der von vielen Kindern diesen Einzigen groß gezogen hatte , überließ sich der stummen Verzweiflung , da ihm die abgerissne letzte Blüthe seines Stammes heimgetragen wurde . Die Morgenröthe fand ihn neben dem starren Sohne sitzend , und dessen Hand in der seinigen haltend , und brütend über dem Verhängniß . Da nun die Sonne heraufstieg , und das Trauerhaus eben so gut mit Gold bekleidete , wie das Haus der Freude , - da nun der gebeugte Vater sich erinnerte , daß sein Schmerz , obgleich der eines Gewaltigen , im weiten Kreise der Welt nur ein schwacher Punkt sey , unbeachtet von Allen denen , welchen des Mörders Klinge nicht gleich ihm in ' s Innerste des Herzens gedrungen war , da legte sich die Verzweiflung zur Ruhe , und ein milder Schmerz trat an dessen Stelle ; nicht der nach Rache dürstende Jammer , sondern der versöhnliche weinende Gram . Zitternd blickte der alte Mann in sein Leben zurück , und suchte nach einer Wurzel dieses Verderbens , das sein ganzes Geschlecht dahingerafft , denn der Mensch greift zum Aberglauben , um den leitenden Faden zu finden , den ihm sein unbewaffnetes Auge nicht zeigt im Leben . Er gedachte seines strengen Amts , der vielen Schuldigen , die seine Thürme verschlungen hatten ; ... der wenigen Unschuldigen , die wieder daraus hervorgegangen waren . Er gedachte jener Vielen , die noch unter der Hand des Henkers ihre Unschuld betheuert hatten , und quälende Zweifel , ob er auch immer recht gerichtet , stiegen in ihm auf . Plötzlich erinnerte er sich der Juden , die , allen Zeugnissen zu Folge , schuldlos und unverdient , - höchstens nur einer leichten Büßung würdig , im Kerker schmachteten , und an diese Gestalten des Elends reihte sich eine andre , aus ferner Vergangenheit , ... die blinde Mutter , die des Oberstrichters Vater in die Flammen geworfen hatte , und bis an seinen Tod nicht wegbringen konnte von seinem Kopfkissen , wie er oft dem Sohne mit bitterlicher Reue geklagt . - » Wer weiß , « seufzte der betrübte Richter , .. » wer weiß , ob nicht von jener unbesonnen gräulichen That das Unheil ausgebrütet wurde , das mich und die Meinen schon betraf ? Wer weiß , welch gräßliches Verhängniß meiner noch im schwachen Alter wartet , wenn ich nicht vergüte , was in meiner Macht steht ? « - Diesen trübsinnigen Gedanken nachhängend , kämpfte der Oberstrichter lange mit dem wilden Vorurtheile ; riß sich alsdann männlich empor , und begab sich mit einer Hast , als möchte es im nächsten Augenblicke schon zu spät seyn , zum Thurme , in welchem Ben David und sein Vater schmachteten . Der Wächter zog achselzuckend ein langes Gesicht , da der ehrsame Herr nach dem alten Jochai fragte . » Mit ihm wird ' s wohl am längsten gedauert haben , « brummte der rohe Mensch : » seit gestern Abend hat ' s ihn angefallen , wie ein tödtlich Gebreste , und mein Schwager , der Scherer am Liebfrauenberge , der den Alten gesehen , meint , es gehe mit der Judenseele zu Ende . « - Der Oberstrichter entsetzte sich , ohne jedoch ein Wort des Mitleids vor den Ohren des Kerkermeisters zu wagen . » Hat man denn dem alten Manne keine Hülfe gereicht ? « fragte er schier gleichgültig . - » I wozu , ehrbarer Herr ? « fragte der Wächter entgegen : » Das Gesindel bedarf keiner Arznei . Der Teufel hilft seinen Jungen ohnehin , wenn sie nicht sterben sollen , und er holt sie auch in seinen Pfuhl , wenn ' s an der Zeit ist . Dann hilft kein Sträuben , und der alte Schelm von hundert Jahren fährt auch gerade zu in die Flammen ; so hat der hochwürdige Pater Reinhold gesagt , der erst vor Kurzem hinwegging .