verdrängen suchten . Nach und nach erkannte ich beinahe alle meine Bekannten unter ihnen ; nur nach dir sah ich mich vergebens um . Des schalen Spiels mit so vielen leeren Köpfen endlich überdrüssig , machte ich mich von ihnen los , durchstöberte , dich aufsuchend , alle Gänge und Lauben des Lusthains , und glaubte endlich deinen Kopf aus einem dunkeln Busch hervorragen zu sehen ; wie ich aber hinzuflog , war es Arasambes , der mich in diesem Hinterhalte belauert zu haben schien , und mir über die Gefälligkeit , womit ich seine Nebenbuhler anhöre , die bittersten Vorwürfe machte . Unwillig wandt ' ich mich von ihm weg , und sah mich auf einmal in meine Gärten zu Aegina versetzt , in einen deiner ehmaligen Lieblingsplätze , wo die Nymphe von Skopas am Abhang eines mit Epheu und wilden Reben bewachs ' nen Felsen den kleinen Silberbach aus ihrer Urne gießt , der sich durch das benachbarte Myrtenwäldchen nach dem Tempel der Grazien hinschlängelt . Hier werd ' ich ihn unfehlbar finden , dacht ' ich , und wie ich mich umsehe , erblick ' ich - den kleinen Gott der Liebe , schlummernd auf die Moosbank hingegossen , über welche ( wenn du dich noch erinnerst ) der hohe Busch mit den glühenden Essigrosen herabnickt . Sein goldner Bogen und etliche Pfeile lagen neben ihm . Ein nie gefühlter Schauer fuhr bei seinem Anblick durch mein ganzes Wesen ; ich kannte mich selbst nicht mehr ; es war mir als ob eine unsichtbare Hand alle Bilder der Vergangenheit aus meiner Seele wegwische und ich erst jetzt zu leben anfange . Meine Augen unverwandt auf den schönen Schläfer geheftet , flog ich leise und schüchtern näher hinzu , um den süßen Athem seiner Purpurlippen einzusaugen , in Gefühlen zerschmelzend , die mir zu neu waren , als daß ich sie dir beschreiben könnte . Möcht ' er doch , dacht ' ich , wie Endymion auf der Stirn des Latmos , 148 nie erwachen , damit ich ihn ewig ungestört anschauen könnte ; aber indem ich es dachte , wacht ' er auf . Ich fuhr zurück , aber mich zu entfernen war mir unmöglich . Unbeweglich blieb ich , wie eine in Elektron eingeschloss ' ne Mücke , ihm gegen über in der Luft hangen . » Welch ein schöner Vogel ! - rief er , mit einem schalkhaft lächelnden Blick einen Pfeil auf seinen Bogen legend - der soll mir nicht entgehen ! « Indem er nach mir zielte , gab mir die Angst plötzlich die Bewegung wieder . Ich sank zu seinen Füßen und flehte ihm so rührend meiner zu schonen , daß er den Bogen von sich warf , und mich mit Blicken voll Zärtlichkeit betrachtete . Außer mir vor Entzücken flatterte ich mit ausgebreiteten Flügeln an seinem schönen Busen hinauf . Plötzlich verwandelte er sich in einen wunderschönen Jüngling , und ich selbst glaubte unter den Liebkosungen , womit er mich überhäufte , meine vorige Gestalt wieder zu erhalten . Aber der Grausame trieb nur sein Spiel mit mir . Wie ein Aal glitschte er aus meinen um ihn geschlungenen Armen , setzte sich in seiner ersten Amorsgestalt auf meinen Schooß , und begann die goldnen Schwingfedern eine nach der andern aus meinen Flügeln zu ziehen . Ich ließ es geschehen , weil ich sah , daß es ihm Vergnügen machte ; denn was hätte ich nicht für ihn gethan und gelitten ? Aber sobald er die letzte ausgerupft hatte , spannte der Schalk seine Flügel aus , und flog lachend mit seiner Beute davon . Von unaussprechlichem Schmerz erdrückt , wollt ' ich ihm nacheilen , aber fort waren meine Schwingen , ich sank zu Boden , und - erwachte , mit schrecklichem Herzklopfen , an dem ängstlichen Schrei womit ich dem Fliehenden nachgerufen hatte . Was sagst du zu diesem Traum , Aristipp ? Ist er nicht seltsam ? Und wie komme ich zu einem solchen Traume ? Bin ich abergläubig , wenn ich ihn für etwas mehr als ein bloßes Spiel der Phantasie halte ? Ist es Ahnung oder Warnung von meinem guten Genius ? Wenn das , was der Flügelkopf , der mir in diesem Traume mein Ich gestohlen hat , für den Sohn Cytherens fühlte , Liebe ist , so hab ' ich nie geliebt ; und wahrlich , nachdem ich mich meiner selbst wieder bemächtigt habe , wünsch ' ich wachend nie etwas Aehnliches zu erfahren . Aber bin ich nicht eine Thörin , daß ich mich von einem Traum beunruhigen lasse ? - Seitdem wir uns zum erstenmale zu Korinth sahen , sind bereits über zwanzig Jahre verflossen - ich habe während dieser Zeit die auserlesensten Jünglinge und Männer Griechenlands gekannt , habe mit dir , habe mit dem schönen Arasambes gelebt , und mich immer von dieser heillosen Leidenschaft frei erhalten ; und sollte noch einen Zweifel in mich selbst setzen ? Sollte mich fähig wähnen , dem Alter der Weisheit so nahe , noch zum gemeinen Weibe herabzusinken ? - Nein , Aristipp ! Ich kann und will nicht glauben , was uns die Dichter überreden wollen , daß eine Phädra , eine Smyrna149 , eine Helena150 , im Zorn der Göttin , wider ihren Willen mit einer unwiderstehlichen Leidenschaft gestraft worden sey ! - Aber freilich , wenn so weise Männer wie Sokrates und Xenophon auf die Seite der Dichter treten , und von der Liebe als einer Leidenschaft reden , über welche die Vernunft keine Gewalt hat , und von welcher man eben so unversehens wie von einem Fieber überfallen werden kann , das könnte doch wohl einen Weiberkopf , der nie auf große Weisheit Anspruch gemacht hat , ein wenig aus der Fassung bringen ? Ich weiß nicht , ob dir Xenophons Cyropädie bereits zu Gesichte gekommen , da es noch nicht lange ist , daß Abschriften davon bei den Bibliopolen zu haben sind . Auf alle Fälle schicke ich dir hier ein Exemplar , das ich von dem besten Schönschreiber in Korinth für dich habe abschreiben lassen ; denn ich kann das Vergnügen , so mir dieses in seiner Art einzige Dichterwerk gemacht hat , nicht bald genug mit dir theilen . Unglücklicherweise wirst du einen gewissen Araspes 151 darin finden , der über die Macht der Liebe eben so profane Gedanken hegte wie wir , aber seinen Uebermuth durch eine schreckliche Erfahrung büßen mußte . Ich gestehe dir , nicht ohne Schamröthe , daß mir beim Lesen dieser Geschichte das Herz ein wenig pochte , und bald darauf kam mir der verhaßte Traum ! Ich bitte dich , Freund Aristipp , beruhige mich wenn du kannst ; oder ist dir irgend ein Moly gegen den Zauber der Liebe bekannt , auf dessen Tugend man sich verlassen kann , so sage mir wo es zu finden ist , und ich gehe selbst es zu suchen , wenn ich es auch aus dem Schnee des Kaukasus hervorscharren müßte . 50. Aristipp an Lais . Dein Traum , schöne Freundin , und noch mehr deine Angst vor dem Gedanken , daß er in Erfüllung gehen könnte , hat mich nicht wenig belustiget . Wir wollen nichts verschwören , Laiska ! Die Dichter sind die glaubwürdigsten aller Menschen , denn sie sagen uns ja nichts als was ihnen die Musen eingeben , - die alles wissen was war , was ist , und was seyn wird . Was den schönen Smyrnen , Phädren , Helenen u.s.w. begegnet ist , warum sollt ' es der schönen Lais nicht eben so wohl begegnen können ? Welche Sterbliche hat Aphroditens Eifersucht mehr gereizt , Amors Allmacht länger und verwegener getrotzt , als die schöne Lais ? - Auf alle Fälle ist es glücklich für dich , daß du , der Ungnade ungeachtet , worein du bei den Göttern von Paphos gefallen bist , noch einen Freund unter den Unsterblichen hast , der dir diesen warnenden Traum zuschickte . Man hat zwar Beispiele , daß Träume ( sogar eben so sinnreiche und vielbedeutende wie der deinige ) ganz und gar nichts bedeutet haben . Aber freilich , daß dir das alles im Lande der Flügelköpfe begegnete , ist allerdings ein bedenklicher Umstand ; und wenn du nicht ( wie es scheint ) kurz zuvor , ehe dir dieser Traum in der ambrosischen Nacht zugeschickt wurde , die Geschichte des Araspes und der schönen Panthea gelesen hättest , würde ich selbst vielleicht zweifelhaft seyn , was ich aus ihm machen sollte . Aber ernsthaft von einer so ernsthaften Sache zu reden , sollte denn das Beispiel eines Araspes , der ( wie du mir zuversichtlich glauben kannst ) außer der Einbildungskraft des Dichters der Cyropädie nirgends existirt hat , von so schwerem Gewichte seyn , daß es eine so weise , ihrer selbst so mächtige und durch eine Erfahrenheit von zwanzig Jahren zum ruhigsten Selbstvertrauen so sehr berechtigte Frau , wie meine Freundin Lais ist , furchtsam machen müßte ? Nein , bei Artemis und Pallas Athene ! das ist es nicht ; ob ich ihm gleich das Verdienst , leichte , unerfahrne , jugendlich übermüthige Flügelköpfe vor Schaden zu warnen , nicht absprechen will . An solche , wahrlich nicht an unsers gleichen , dachte Xenophon , da er diese schöne Sokratische Episode in sein treffliches Buch einwebte . Der Kern , der diese Frucht hervorgebracht , ist vermuthlich eine Erinnerung aus seiner bei dem Attischen Weisen zugebrachten Jugend ; denn die Moral , die er dem Cyrus in den Mund legt , ist die nämliche , womit Sokrates einst ihm selbst eine heilsame Furcht einzujagen suchte , da er sich gewundert hatte , wie jener einen bloßen Kuß , den der junge Kritobulus dem schönen Knaben des Alcibiades gegeben hatte , für eine so gefährliche Sache halten könne , daß nichts Tollkühnes sey , was sich nach einer so vermessenen That nicht von ihm erwarten lasse . Kurz , Xenophons Araspes und Panthea ist weder mehr noch weniger , als der Inhalt des bei jener Gelegenheit zwischen ihm und Sokrates vorgefallnen Gesprächs , zu einer vollständigen Geschichte ausgebildet . Diese schöne Dichtung ist geschrieben dich zu ergötzen , nicht zu ängstigen ; und ich weiß dir keinen bessern Rath , als sie so oft wieder zu lesen , bis du über deine unnöthige Furcht selber lachen mußt . Wahr ist es allerdings , daß allzu große Zuversichtlichkeit verwegen macht ; aber , wenn Verwegenheit uns oft in Gefahr stürzt , so hilft sie uns noch öfter aus Gefahren heraus . Der Muthige trotzt der Gefahr und entgeht ihr ; der Feige verliert mit der Kraft des Widerstehens zugleich die Kraft zu fliehen , und gegen Einen , der durch zu viel Muth umkommt , gehen zwanzig Furchtsame zu Grunde . Indessen weil auch dem Muthigen Vorsicht geziemt , laß uns annehmen , dein Traum sey das Werk eines warnenden Dämons : wovor warnt er die Träumerin ? Vor einem verkappten Amor , der seiner Psyche die goldnen Schwingfedern ausrupft , um lachend mit seinem Raube davon zu fliegen . Wohl ! du hättest also keine Entschuldigung gegen dich selbst , wenn dir jemals so etwas begegnete ; du bist gewarnt ! Zwar , wofern die Liebe eine so gewaltsame und unbezwingbare Leidenschaft wäre , wie Xenophons Cyrus behauptet , was sollte die Warnung ? Es hieße , dem Unglücklichen , der von der Gewalt des Stroms in eine Untiefe hinabgezogen wird , zurufen : nimm dich vor dem Strudel in Acht ! Aber zum guten Glücke bestürmt uns der furchtbare Tyrann der Götter und der Menschen Eros nicht sogleich mit seiner ganzen Jünglingsstärke : er ist erst liebkosendes Kind und spielender Knabe ; und so lange er dieß ist , gibt es ein Mittel ihm zu entgehen . Es ist eben nicht das ehrenvollste ; aber es ist sicher , unfehlbar , und überdieß wie Xenophons Cyrus sagt , das einzige . Also , liebe Laiska , sobald dir ein Adonis vor die Augen kommt , von dem du dich , wie in deinem Traume , mit einem nie zuvor gekannten Zauber angezogen fühlst , so schließe die Augen , und eile , eile was du kannst - zu deinen Freunden nach Cyrene . Vermöchten wir gleich nicht , dir alles zu ersetzen , was du zu Korinth und Aegina zurücklassen würdest , so könntest du doch schwerlich den allmählich herannahenden Abend deines schönen und glücklichen Lebens in besserer Gesellschaft zubringen , als in dem häuslichen Cirkel deiner Freunde Kleonidas und Aristipp , wo du deine Musarion , von kleinen ungefährlichen Amorinen umgeben , wieder finden , und dir aus der Schwester unsers Kleonidas eine neue Freundin machen würdest . Dein Herz wird dir bei ihrem ersten Anblick sagen , sie sey werth es zu seyn , und daß sie sich beeifert deinen Aristipp glücklich zu machen , wird ein Verdienst mehr in deinen Augen seyn . Ich gestehe dir , Laiska , ich bin in diesen meinen Traum verliebt , und wenn der deinige eine so schöne Frucht hervorbrächte , würde ich glauben , daß er dir unmittelbar von der holden Grazie Pasithea selber zugeschickt worden sey . 51. Antipater an Aristipp . Nach einem vierjährigen Aufenthalt habe ich mich endlich nicht ohne ein seltsames Gemisch sehr ungleichartiger Gefühle von der herrlichen Athenä , vermuthlich auf immer , losgerissen , um nun auch von den vorzüglichsten Städten der Pelopsinsel und Siciliens so viel Kundschaft durch mich selbst einzuziehen , als zu meinem dir bekannten Zweck nöthig ist , und als die mancherlei Verbindungen mir verschaffen können , zu welchen ich im Mittelpunkt der ganzen Hellas so viele Gelegenheit fand . Aber wo werde ich eine Stadt sehen , die jenem Lieblingssitze Minervens den Vorzug streitig machen könnte ? Ich habe Bürger aus beinahe allen Griechischen Städten kennen gelernt , und keinen gefunden , der ihr die seinige ohne Schamröthe oder aus einem andern Grunde vorzuziehen vermocht hätte , als dem Zauber , der uns an den Ort fesselt , wo wir das goldne Alter des Menschenlebens zugebracht haben . Was muß Athen für den seyn , der das Glück hatte , in ihrem Schooß aufzublühen ? Wie natürlich kommen mir alle jene weltgepriesenen Thaten vor , die jemals für eine solche Stadt von ihren Söhnen gethan wurden ? - und wenn ich bedenke , was sie erst seyn könnte , wenn sie den Gesetzen und der Verfassung ihres eben so klugen als weisen Solons treu geblieben wäre ! - Was sie jetzt noch werden könnte , wenn sie anstatt ihrer stürmischen Volksherrschaft sich eine wohlgeordnete Aristokratie gefallen lassen , und statt der gefährlichen Eitelkeit , auf ihre eigenen und der ganzen Hellas Kosten nach einer Obergewalt , die ihr nie gutwillig zugestanden wird , zu streben , sich an dem hohen Vorzug begnügen wollte , das zu seyn wozu ihr Name selbst sie bestimmt , der Hauptsitz aller Künste des Friedens und der Musen , das Muster der schönsten Ausbildung , die Besitzerin der weisesten Gesetze , der mildesten Regierung , der menschlichsten Sitten , des feinsten Sinnes für alles Schöne und Große , der vollkommensten und zierlichsten Sprache , und der angenehmsten Art des Daseyns zu genießen , kurz , durch Vereinigung alles dessen , was des Menschen Leben veredelt und verschönert , die erste Stadt der Welt zu seyn : wer würde dann nicht das Glück in Athen zu leben allem andern vorziehen , und die Nothwendigkeit , sie zu verlassen , für das größte aller Uebel halten ? - Platon und Isokrates haben wahrlich keine Schuld , wenn Athen nicht dieses Urbild einer vollkommenen und glücklichen Republik ist - Aber die Sterblichen scheinen weder aufgelegt noch geneigt zu seyn , den Idealen ihrer Weisen Wirklichkeit zu geben , und unter allen Erdebewohnern die Athener vielleicht am wenigsten . Indessen , wie sie sind , habe ich ihnen und ihrer Stadt viel zu danken ; und dieses Gefühl war es auch , was alle übrigen verdrängte und verschlang , als ich von einer Anhöhe auf dem Wege nach Eleusis den letzten Blick auf den hellbesonnten Tempel der Athene Polias heftete . Zu Korinth bin ich von deinem Freunde Learch auf die verbindlichste Art genöthiget worden , meine Wohnung in seinem gastfreundlichen Hause zu nehmen . Ich gedenke ungefähr einen Monat hier zu verweilen , und dann die übrigen Städte dieses schönen Hauptstückes von Griechenland , das an Merkwürdigkeiten aller Art so reich ist , der Reihe nach zu besuchen . Die schöne Lais hat seit einiger Zeit ihre vormalige Lebensweise gänzlich abgeändert . Ihr Haus ist nur noch etlichen ältern Freunden , und keinem Fremden , der nicht von einem derselben bei ihr eingeführt wird , offen . Sie erscheint gar nicht mehr öffentlich , gibt keine großen Gastmahle mehr , und zu den kleinen Symposien , woran sie einst so viel Belieben fand , werden selten mehr als zwei oder drei von ihren vertrautern Bekannten eingeladen . Learch scheint dermalen in vorzüglicher Gunst bei ihr zu stehen , und mit ihm und - meinem Freunde Diogenes habe ich schon einigemal den Abend bei ihr zugebracht . Man spricht viel zu Korinth von diesem so raschen und sonderbaren Sprung von der höchsten Pracht und Ueppigkeit einer Asiatischen Satrapin zu einer beinahe misanthropischen Eingezogenheit , und jedermann sucht sich das Wunder auf seine eigene Weise zu erklären . Die meisten halten es für eine traurige Folge des übermäßigen Aufwandes , den sie mehrere Jahre lang zu Korinth und Aegina gemacht : nach andern soll ein gewisser komischer Dichterling , Epikrates von Ambracien , Schuld daran seyn . Dieser , sagt man , hatte sich lange Zeit alle nur ersinnliche Mühe gegeben , sich in ihre Gunst einzuschmeicheln , und fiel ihr zuletzt mit seiner Zudringlichkeit so überlästig , daß sie sich , gegen ihre Gewohnheit , die Freiheit nahm , ihn mit Verachtung abzuweisen ; was vermuthlich nicht geschehen wäre , wenn sie die mindeste Ahnung gehabt hätte , wie weit eine verboste poetische Wespe die Rache zu treiben fähig ist . Der wüthende Komiker rächte sich an ihr152 durch eine sogenannte Anti-Lais , die an Bosheit und Bitterkeit selbst die berüchtigten Jamben des Archilochus übertrifft , und wirklich in ihrer Art für ein Meisterstück gelten kann . Indessen hat Lais gleichwohl alle Ursache , eben so gleichgültig bei diesem Schmähgedichte zu seyn , als es Sokrates bei den Aristophanischen Wolken war : denn das schändliche Zerrbild , das der beleidigte Witzling von ihr aufgestellt hat , sieht ihr nicht ähnlicher , als der After-Sokrates des Attischen Satyrs dem Sohne des Sophroniskus . Auch habe ich sie selbst darüber ganz unbefangen scherzen gehört , und in Korinth wenigstens ist niemand , der , wenn er gleich die Verse mit Vergnügen las , von dem Verfasser nicht mit der größten Verachtung spräche . Ich müßte mich sehr irren , oder die wahre Ursache der Veränderung , die den Korinthiern so seltsam vorkommt , liegt viel tiefer als sie sich einbilden . Lais ist noch nicht vierzig Jahre alt ; ihre Schönheit ist von der dauerhaftesten Art , und was sie vom Glanz der ersten Jugendblüthe verloren haben kann , wird durch die Kunst des Putztisches so leicht ersetzt , daß ihr niemand , der sie zum erstenmale sieht , über fünfundzwanzig geben wird . Eben so leicht würde es ihr seyn , die Erschöpfung ihrer Casse zu ersetzen , wofern diese der Grund ihrer veränderten Lebensart wäre ; denn es hinge noch bloß von ihr ab , so viele freigebige Anbeter zu haben als sie wollte . Ich kenne sie vielleicht noch nicht genug , daß ich mir anmaßen dürfte , sie errathen zu haben : aber alles was mir , seitdem ich sie zu Aegina täglich zu sehen Gelegenheit hatte , eine ziemlich ruhige Beobachtung von ihrem Innern verrathen hat , überzeugt mich , daß sie mit sich selbst unzufrieden ist , und wider Willen gewahr wird , sie habe die Glückseligkeit auf dem unrechten Wege gesucht , aber von dem einzigen , worauf die Natur selbst ihr Geschlecht leitet , sich schon zu weit entfernt , als daß sie nur daran denken könnte , ihn noch einzuschlagen . Ich bin gewiß , eine innerliche Stimme , die sich weder durch Vernünftelei noch Zerstreuung beschwichtigen lassen will , nöthigt sie , das Loos Musarions und Kleonens beneidenswerth zu finden , wiewohl ihr Stolz ihr nie erlauben wird es zu gestehen . Aber daß es Augenblicke gibt , worin sie es sich selbst gestehen muß , und daß diese Augenblicke immer häufiger kommen , das ist es vermuthlich , was sie mit sich selbst in Zwietracht setzt , und ihr zu einer Quelle peinlicher Empfindungen wird , welche sie wechselsweise bald unter einer reizend muthwilligen , bald witzelnden , bald philosophirenden Laune zu verbergen sucht , aber durch die Anstrengung , die es sie zuweilen kostet , nur zu sichtbar macht . Uebrigens scheint mir auch ohnedieß nichts natürlicher , als daß sie ihrer bisherigen Lebensart endlich überdrüssig werden mußte . Hat sie nicht von allem , was man auf dem Wege , den sie einschlug , genießen kann , das Höchste bis zur Uebersättigung genossen ? Was bleibt ihr übrig ? Die Anbetung der Männer und der Haß der Weiber kann ihr kein Vergnügen mehr machen . Die Täuschungen , wodurch die Eitelkeit , Unschuld , oder Schwäche eines schönen Weibes sich selbst über das , was die Männer Liebe nennen , verblenden kann , hat vermuthlich bei ihr nie stattgefunden ; und das Spiel , das sie so lange mit ihnen getrieben hat , macht ihr so wenig Kurzweile mehr , als die ewigen Feste und lärmenden Lustbarkeiten , wo die Freude eben darum immer auszubleiben pflegt , weil sie so laut und gebieterisch herbeigerufen wird . Ihr prächtiges Haus , ihr zauberischer Landsitz zu Aegina , die Juwelen und Kostbarkeiten aller Art , womit Arasambes sie überhäufte , ihre Gemälde und Statuen , die Umgebung von einer ganzen Schaar auserlesener talentvoller Mädchen , die sich in die Wette beeifern ihr Vergnügen zu machen , das alles besitzt sie schon zu lange , als daß es noch einigen Reiz für sie haben könnte . Die arme Frau hat alles , das Einzige ausgenommen was sie glücklich hätte machen können ; und dieß Einzige ist nicht mehr in ihrer Gewalt , und ist es vielleicht nie gewesen ! Bei allem dem , solltest du wohl glauben daß sie mir in diesem Zustand von Verstimmung , oder vielmehr in dieser Abstimmung aller Saiten der Laute , die einst so bezaubernde Harmonien von sich gab , in einem gewissen Sinne gefährlicher ist , als vor drei Jahren , da sie noch Vergnügen daran fand , auf ihrem prunkenden Siegeswagen über die Köpfe und Herzen aller Männer wegzurasseln ? Ich kann es mir selbst nicht erklären ; aber ich halt ' es für unmöglich , daß sie in der ersten Blume der Jugend so liebreizend gewesen seyn könne als jetzt ; und ( aufrichtig zu reden ) wofern sie etwa in den nächsten zwanzig Tagen , die ich hier noch zuzubringen habe , in die Laune käme meine Weisheit wieder auf die Probe zu stellen - ich weiß nicht - aber wenigstens hab ' ich mich selbst schon mehr als einmal über dem heimlichen Vorsatz ertappt , ihr das Vergnügen des Sieges nicht sehr theuer zu verkaufen . Learch trägt mir auf , ihn in deinem Andenken zu erhalten , und gedenkt es selbst zu thun , sobald er dir etwas Interessantes zu schreiben haben werde . Die große Kunde , die er von der innern Verfassung der Griechischen Staaten , von ihrer ältern und neuern Geschichte , ihrer Stärke und Schwäche , und dem verschiedenen Interesse , worauf ihre dermaligen Verbindungen und Mißhelligkeiten beruhen , besonders die genaue Kenntniß , die er von seiner eigenen Vaterstadt besitzt , macht den Aufenthalt bei ihm um so lehrreicher für mich , da er ein Vergnügen daran findet , mir so viel davon mitzutheilen als ich zu meinem Zwecke nöthig habe . Er lebt , wie du weißt , seiner Abstammung , seiner persönlichen Vorzüge , und seines Reichthums wegen , zu Korinth in großem Ansehen ; aber er liebt die Ruhe , die Künste und den angenehmen Lebensgenuß , wozu ihn sein großes Vermögen berechtigt , zu sehr , um eine bedeutende Rolle unter den Griechen spielen zu wollen ; zumal in dem gegenwärtigen Zeitpunkt , wo man zu Erhaltung des zweideutigen Friedens , womit der Spartaner Antalcidas die alte Zwietracht der Söhne Deukalions einzuschläfern gesucht hat , durch die möglichste politische Unthätigkeit noch am meisten beitragen kann . Learch besitzt die reichste und auserlesenste Sammlung von Gemälden , die ich noch gesehen habe . Er hat , beinahe von den Windeln der Kunst an , von jedem Meister wenigstens Ein Stück aufzuweisen ; und von Parrhasius , Zeuxis , Pauson und Euxenidas mehr als man ( wie ich von vielgewanderten Personen gehört habe ) bei irgend einem Privatmann antrifft . Er ist sehr stolz auf die beiden trefflichen Stücke von unserm Kleonidas ; diese und ein Urtheil des Paris von Timanth , und die berühmte kleine Leda des Parrhasius ( die er durch einen glücklichen Zufall in seine Gewalt bekommen hat ) , sind die einzigen , die in einem zierlich gearbeiteten Schranke verwahrt stehen , und den Liebhabern erst , wenn sie sich an allem Uebrigen satt gesehen haben , aufgeschlossen werden . Wenn es nicht gar zu unartig wäre , auf einen Mann , der mir unverdienter Weise so viel Gutes erzeigt , neidisch zu seyn , so hätte ich vermuthlich Ursache genug dazu ; denn es ist mehr als wahrscheinlich , daß mein edler Wirth bei der schönen Lais dermalen den Platz einnimmt , den er durch die geduldigste Beharrlichkeit mehr als zu wohl verdient hat . Er bringt beinahe alle Abende bei ihr zu , und man kann das Glück , die dritte oder vierte Person an ihrer kleinen Tafel zu seyn , nur durch ihn erlangen . Ich werde also wohl meine Weisheit unversucht von Korinth nach Argos tragen müssen . Learch hat sich erboten , deine Briefe an mich zu befördern , wenn du Zeit und Neigung haben solltest , mir zu schreiben . Ich grüße Kleonen , Musarion und Kleonidas und bitte sie , meiner eingedenk zu bleiben . 52. Aristipp an Antipater . Die Gefühle womit du von Athen Abschied nahmst , lieber Antipater , haben mich sehr lebhaft erinnert , wie mir selbst vor einigen Jahren in ebendemselben Falle zu Muthe war , und schwerlich wird jemand , der einen langen Aufenthalt in dieser von so vielen Seiten anziehenden und an sich fesselnden Stadt gehörig zu benutzen fähig war , sich mit andern Gefühlen auf immer von ihr losreißen können . Auch die politischen Betrachtungen , die du mir bei dieser Gelegenheit mittheilst , stimmen sehr mit meiner ehmaligen Meinung überein . Aber ich habe seitdem gefunden , daß wir uns fast immer irren , wenn wir meinen , die Dinge in der Welt würden , wofern sie anders gegangen wären , besser gegangen , oder das Gute , das uns recht ist , würde auch ohne das damit verbundene Schlimme , das uns nicht recht ist , erfolgt seyn . Ich zweifle z.B. nicht , daß Athen bei der Solonischen Verfassung - wenn sie unverändert beibehalten worden wäre , und nichts von außen ihr Emporkommen verhindert hätte - eine wohlhabende , blühende , auf lange Zeit glückliche Stadt geworden wäre : aber was sie jetzt ist , was wir am meisten an ihr bewundern , was sie zur einzigen in ihrer Art und zur wahren Hauptstadt der Welt macht , hat sie durch zwei Männer von sehr ähnlichem Schlage , durch Pisistratus und Perikles erhalten , und diese hätten in der Solonischen Aristo-Demokratie nimmermehr das Ansehen , die Gewalt und die Mittel erlangen können , ohne welche das , was sie zu Verherrlichung und Verschönerung Athens gethan haben , nicht zu Stande gebracht werden konnte . Nur auf den Flügeln einer sehr großen Popularität konnte sich Pisistratus zur Alleinherrschaft emporschwingen , und trotz alles Widerstands der übrigen Aristokraten bis an seinen Tod darin erhalten ; und nur in einer Stadt , wo die höchste Gewalt in den Händen der Volksgemeine lag , konnte Perikles durch seine demagogischen Künste und Talente , indem er sich für einen bloßen Diener des Volks gab , zwanzig Jahre lang ruhiger und unbeschränkter regieren als Pisistratus . Es bedarf , um sich hiervon zu überzeugen , nur einen Blick auf das , was Athen vor der sogenannten Tyrannie des letztern war , und was es hundertundzwanzig Jahre später durch Perikles ward . Als die eigentliche Staatsverwaltung noch größtentheils in den Händen der alten Geschlechter lag , konnten sogar die Megarer den Athenern die Spitze bieten ; konnten ihnen den Besitz der kleinen , beinahe an das Attische Ufer anstoßenden Insel Salamin nicht nur viele Jahre lang streitig machen , sondern sie sogar zu der schmählichen Maßregel treiben , daß sie die Todesstrafe darauf setzten , wenn sich jemand wieder unterstehen würde , den Athenern die Wiedereroberung von Salamin anzurathen . Als hingegen Perikles in dem rein demokratischen Athen alles vermochte , wuchs diese Republik zusehends zu einer Macht heran , die der ganzen Hellas und den Persischen Monarchen selbst furchtbar ward ; und Alcibiades durfte ihnen sogar die Eroberung von Sicilien anrathen , ohne daß sie eine so mißliche Unternehmung über ihre Kräfte hielten . Erst durch Perikles ward Athen der Sitz der Künste und der Philosophie , und um es werden zu können , mußten Umstände sich vereinigen , die nur unter diesen Bedingungen zusammentreffen konnten , mußten eine Menge seltner Menschen , die nur unter diesen Umständen entstehen konnten , das Ihrige dazu beitragen ; - wie du dich leicht überzeugen wirst , wenn du die Geschichte der letzten