nicht zu leugnen , daß der Zustand vielmehr den Anschein einer Gehirnaffektion als eines Typhus hat . “ „ Es ist eine alte Erfahrung , “ fügte Heim hinzu , „ daß solche Kranke auch oft , nachdem das Fieber aufgehört , noch phantasieren , doch ist dies meist nur bei bejahrten Leuten der Fall und dauert nicht so lange fort wie bei Ernestinen . Mir wollte das ewige Wiederkehren ein- und derselben Idee gleich nicht gefallen — es hatte von Anbeginn an das Gepräge einer Monomanie . Sie sprach ja fast nie von etwas anderem als von ihrem Tode und von ihrer Furcht vor einer entsetzlichen Fortdauer nach demselben . Mir scheint , sie hat in letzter Zeit zu viel über dergleichen gegrü ­ belt und es ist ihr zur fixen Idee geworden . — Wenn nicht bald Zeichen von Bewußtsein wiederkehren , so ist anzunehmen , daß sie — “ „ Irrsinnig sei ! “ ergänzte Johannes . „ O — irrsinnig ! “ Er vergrub das Gesicht in beide Hände und weinte , wie er seit seiner Kindheit nicht mehr geweint . Moritz schüttelte ihn kräftig bei den Schultern : „ Johannes , “ sagte er , „ sei stark . Seit Jahren stehst Du vor uns als das Bild edelster Männlichkeit , als unerschütterlich gleichmäßiger Charakter in Freud und Leid . An Dir haben wir uns Alle aufgerichtet , Dein Beispiel hat uns Alle gelehrt , was ächte Manneswürde ist , und nun willst Du Dich niederwerfen lassen von dem Schmerz um ein Weib ? Nein , wahrlich , das ist sie nicht wert . Zehn dieser Törinnen wiegen ja nicht die Träne eines solchen Mannes auf ! “ „ Redet nicht zu mir , laßt mich — ich bitte Euch — überlaßt mich mir selbst , “ rief Johannes . „ Es ist besser , wir gehen , “ sagte Heim . „ Er wird sich schon wieder finden . “ „ Lebwohl , Johannes ! “ Moritz reichte ihm die Hand : „ Und höre , mach jetzt hell in Ernestinens Zimmer . Sprich zu ihr , rufe sie an . Es ist nicht gut , sie so hindämmern zu lassen . Man muß in solchen Fällen das Bewußtsein zu wecken suchen , nicht es noch mehr einschläfern durch übertriebene Schonung . Ein Rekonvaleszent , den man nicht aus dem Bette treibt , wird selten von selbst aufstehen , weil er zu schwach ist , sich aufzuraffen ; ebenso ist es mit solch einem kranken Kopfe . Man muß der Seele auch auf die Beine helfen , namentlich bei Weibern , die sich immer gern gehen lassen ! “ „ Moritz hat Recht , “ meinte Heim . „ Das ist auch meine Ansicht . Es ist heute der neunte Tag , daß das Fieber wegblieb , da kann man schon etwas riskieren ! Lebwohl , Johannes . Heute Abend komm ’ ich wieder ! “ Die Herren winkten Hilsborn , sie zu begleiten , und gingen . Johannes faltete die Hände zu einem Stoßgebet so bang und inbrünstig , wie nur je eines aus Menschenbrust emporstieg : „ Herr , mein Gott , der Du in mein Herz siehst und siehst , was ich gewollt und gefühlt , ist es möglich , daß Du so schwer mit mir ins Gericht gehst ? Sie , die ich retten wollte , sollte ich verderben , die ich befreien wollte von einem Irrwahn , sollte ich in Irrsinn stürzen ? An ihr , die ich vor Mord zu schützen gedacht — sollte ich Schlimmeres als Mord verüben ? Kann ich ’ s denn denken , tragen , ohne selbst den Verstand zu verlieren ? Mein Liebstes , die Hoffnung meines Lebens hätte ich zerstört ! Das herrliche Gebild , an das ich die vollendende Hand legen wollte , hätte ich zertrümmert ? Und dennoch und dennoch hab ’ ich das Beste gewollt und eine Pflicht zu erfüllen geglaubt ! Gott , Gott — Hab ’ ich hierin geirrt , hab ’ ich gefehlt — so strafe mich , mich , den Schuldigen , aber nicht sie und nicht durch mich ! Jede Buße , die schwerste , ich will sie tragen , aber nur dies nicht . Allmächtiger — nur dies Eine nicht ! “ — Er trat in das Krankenzimmer und betrachtete Ernestine , die in einer Art Halbschlaf dalag und undeutliche , abgebrochene Worte murmelte . Sollte er sie wecken , sie aus dieser scheinbaren Ruhe aufrütteln ? Nein , er brachte es nicht über das Herz . Er schob die Vorhänge zurück , das volle Licht der Sonne fiel auf das geisterhafte Gesicht . Sie machte eine Bewegung , als schmerzten sie die Augen und drehte sich zur Seite . Die Willmers , die strickend am Bette saß , winkte ihm ab . Johannes ließ die Gardinen wieder zufallen . Da wurde die Tür jäh aufgerissen und Gretchen stürzte herein mit fliegender Brust , in fassungslosem Schrecken , — in Verzweiflung , Hilsborn , ihr nacheilend , vergebens bemüht , sie zurückzuhalten . „ Laßt mich , “ wehklagte das Mädchen , „ gibt es noch auf Erden einen Trost , eine Verzeihung für mich ? Das ist meines Vaters Werk — und ich habe geschworen , Alles gut zu machen , was er verbrach . Wie mach ’ ich das gut , was er hier getan ? Womit ersetz ’ ich diesen herrlichen Geist , den er hier zerstört ? “ Und sie warf sich fast sinnlos über Ernestinen hin und schüttelte sie : „ Ernestine , wache auf , Du darfst nicht wahnsinnig werden ! Ernestine , höre uns — Ernestine , Ernestine ! “ schrie sie ihr mit einem Tone ins Ohr , wie der war , den sie beim Abschied von ihrem Vater ausgestoßen . Und Ernestine schrack zusammen unter diesem Schrei , daß sie zitterte . Sie fuhr in die Höhe und starrte die fremde schwarzgekleidete Gestalt mit einem seltsamen Ausdruck an . Sie schloß mehrmals wieder die Augen , als könne sie die Lider noch nicht so lange offen halten , als habe sie noch nicht ausgeschlafen , dann fragte sie : „ Wer ist das ? “ Johannes und Hilsborn hatten in atemloser Spannung dagestanden . Jetzt drückten sie einander mit einem Blick die Hände , den kein Mensch beschreiben kann und Johannes gab der Willmers ein Zeichen . „ Es ist Ihre Pflegerin , Fräulein Ernestine ! “ erklärte die Frau . „ So ! “ sagte Ernestine langsam . Sie schloß wieder die Augen , aber sie blieb aufrecht sitzen . Hilsborn trat zum Fenster und ließ ein klein wenig mehr Licht herein . Sie rieb sich die Augen , dann sah sie sich wieder um . Gretchen war auf die Knie niedergesunken und wagte sich nicht zu rühren . Johannes hatte sich hinter den Bettschirm zurückgezogen . „ Wie viel Uhr ist es ? “ fragte Ernestine . „ Halb zwölf , “ sagte Gretchen . Wieder dauerte es ein Weilchen . Hilsborn zog die Gardinen immer weiter auseinander . Da näherte sich die Staatsrätin ahnungslos von außen der halb geöffneten Tür , zum Glück sah es Johannes und winkte ihr ab . Sie zog sich eiligst zurück , die Tür knarrte ein wenig . „ Wer wollte herein ? “ fragte Ernestine . „ Das Mädchen ! “ erwiderte die Willmers mit Geistesgegenwart . Eine lange Pause trat ein , man konnte das Pochen der drei zwischen Furcht und Hoffnung schwebenden Herzen hören . „ Willmers , “ sagte Ernestine . „ Gnädiges Fräulein ? “ „ Hat mir ’ s nur geträumt , — oder hab ’ ich das Buch wirklich verbrannt ? “ „ Was für eins , liebes Fräulein ? “ „ Die Märchen — die alten Märchen ! Ach , ich habe sie verbrannt — wie schade . “ „ Das ist ja wiederzubekommen , lassen Sie sich das nicht leid tun , “ meinte die Willmers , die sich plötzlich erinnerte , daß sie am Tage von Ernestinens Erkrankung Feuer im Kamine gesehen . „ O nein , dieses Buch nicht — dieses nicht ! “ sagte Ernestine schmerzlich . Sie schwieg wieder einige Minuten lang . „ Willmers ! “ „ Fräulein ? “ „ Ich meine , ich sei vorhin von einem furchtbaren Schrei aufgewacht . Ich bin so erschrocken , daß ich am ganzen Leibe zitterte . Da kann man sehen , wie lebhaft man träumen kann ! “ „ Bei uns hat Niemand geschrieen , “ sagte die Willmers . „ Wo ist denn der Oheim ? “ „ Der ist in Amerika . “ — „ Ist er fort — und mich hat er hier gelassen ? “ „ Sie waren ja krank . “ „ Wie lange bin ich denn schon zu Bette ? “ „ O , ein paar Wochen ! “ „ Ach , — wer hat mich behandelt ? “ „ Herr Geheimrat Heim und Herr Professor Möllner . “ „ So — Möllner ! “ Sie versank in tiefes Schweigen und aus dem Schweigen in einen unruhigen Halbschlaf , aber sie lächelte im Traume . Hilsborn und Johannes gingen auf den Zehen hinaus . Draußen fiel dieser keines Wortes mächtig Hilsborn in die Arme . „ Was glaubst Du ? “ fragte er endlich . „ Ich halte sie für gerettet ! “ meinte Hilsborn . „ Ich auch ! “ sprach Johannes und wischte sich den Angstschweiß von der Stirn . Gretchen schlüpfte zu ihnen heraus : „ Ach , Ihr solltet nur sehen , wie sie daliegt , so freundlich , wie noch nie , sie spricht auch nicht im Schlafe wie sonst . “ „ Gretchen , “ sagte Johannes , „ das danken wir Ihnen , Gott segne Sie dafür ! “ Gretchen blickte still zu Hilsborn auf , dieser konnte nicht wiederstehen , er zog sie an seine Brust und Johannes lächelte zum ersten Male : „ Das hab ’ ich kommen sehen ! Wäre ich nur auch soweit ! “ „ Ei nun , “ sagte Gretchen schüchtern : „ Ein Wesen wie Ernestine , das will wohl schwerer verdient sein , als solch armes Ding wie ich ! Das sauer Erworbene freut Einen dann auch um so mehr . “ Die Staatsrätin unterbrach das Gespräch . Sie sah entzückten Auges den Hoffnungsstrahl auf ihres Sohnes Gesicht und dankte Gott dafür . Über eine halbe Stunde saßen sie beisammen im Nebenzimmer , bis sie Ernestinen erwachen hörten . Johannes winkte die Willmers zu sich an die Tür und flüsterte ihr zu : „ Bereiten Sie Ernestinen langsam auf unseren Anblick vor . “ „ Willmers ! “ rief Ernestine . „ Fräulein , da bin ich ! “ „ Mir ist recht wohl — so ausgeruht ! Ich war gewiß sehr krank , denn ich bin noch verworren in meinem Kopfe und kann mich schwer besinnen . Sagen Sie , liebe Willmers , nicht wahr , ich bin ganz verarmt ? “ „ Ganz verarmt ist Niemand , teures Fräulein , der so reich an Herz und Geist ist wie Sie . “ „ Bitte , weichen Sie mir nicht aus . Ich weiß es ja wieder genau . Mein Oheim hat mich betrogen — und Möllner ! — Ach ja , das war an dem Abend , wo er mir sagte , daß ich sterben müsse . Freilich , freilich ! Und dann fiel der Totenschädel auf mich herab — mein armer Kopf , “ sie griff sich nach der Narbe , die ihr von dem Sturz als Kind geblieben war : „ Gerade hierher . Das tat so wehe . Aber ich fühlte es nicht in meiner Angst und las in dem Buche über die Herzkrankheiten . Und dann kam mir der Einfall — der entsetzliche — von der ewigen Nacht und dem ewigen Schweigen . Dann — ja , dann verlor ich das Bewußtsein . O , Willmers , bitte , machen Sie hell , daß ich das Licht sehe — so lange ich irgend kann . “ Die Willmers öffnete die Gardinen beider Fenster . In grellen Strahlen leuchtete die Herbstsonne herein . Ernestine breitete ihr die Arme entgegen : „ O , du mächtiges Gestirn , wie lange werde ich Dir noch in das flammende Auge blicken ? Wie bald küßt dein warmer Strahl die Blumen auf meinem Grabe wach ? Die Seligen sollen Gottes Angesicht schauen ? Gottes Angesicht ist die Welt , diese schöne , lachende Welt mit ihren Sonnenaugen , und selig ist , wer Gott darin erkennt ! — Ach Willmers — leben dürfen — schon das ist Seligkeit ! Das fühlt nur der , welcher einmal in sein offenes Grab geblickt wie ich . Und nie wäre ich dieser Seligkeit vielleicht so wert gewesen als jetzt — wo es zu spät ist ! “ Sie legte die Stirn in die über dem Knie gekreuzten Arme und weinte heiße Tränen . „ Wenn ich hoffen dürfte , ich ginge ein , an ein liebendes , verzeihendes Vaterherz zu ewiger Ruhe und wunschlosem Frieden , dann wollte ich ja gerne sterben . Ach , ich sehne mich nach dem Herzen des Allvaters , dessen Nähe Alle empfinden , auf den Alle hoffen , aber — ich würde ihm nicht nahen dürfen — ich würde ewig ausgestoßen sein . “ „ Liebes Fräulein , “ tröstete die Willmers , „ Sie sind noch krank , drum geben Sie sich solch trüben Gedanken hin . Wenn Sie doch einmal mit Professor Möllner über das Alles sprechen wollten , der könnte Ihnen besser antworten , als ich einfältige , alte Frau . “ „ Wann kommt Möllner wieder ? “ „ Er ist hier mit seiner Frau Mama . Die Herrschaften sind ganz herausgezogen , um Sie besser pflegen zu können — und die Frau Mutter haben es sich nicht nehmen lassen , den Herrn Sohn so viel als möglich zu unterstützen . Ach mein Himmel , wie haben sich die guten Leute um Sie geängstigt ! Der Herr Professor sind nicht von Ihrem Bette gewichen und sehen ganz übel aus von dem vielen Wachen . “ Ernestine blickte in tiefer Bewegung vor sich nieder . „ Darf ich ihn nicht hereinlassen , den guten Herrn ? “ fragte die Willmers . „ Bitten Sie ihn zu kommen ! “ Die Willmers brauchte ihn nicht erst zu holen — er stand schon unter der Tür . „ Ernestine , “ sagte er und gab sich alle Mühe , gefaßt zu scheinen , „ Ernestine , wie ist Dir ? “ „ Gut , mein Freund ! “ lächelte sie und streckte die Hand nach ihm aus . — „ Johannes , was hast Du für mich getan ? Wie und womit soll eine Sterbende Dir solche Opfer lohnen ? “ „ Ernestine , “ rief Johannes und zog ihre Hand an seine Lippen : „ Du bist in einem Irrtum , in den ich Dich gestürzt und Gott hat mich für meine Unvorsichtigkeit furchtbar gestraft . Alles , was ich Dir über Deinen körperlichen Zustand sagte , beruht auf falschen Voraussetzungen . Was ich für Symptome eines chronischen Leidens hielt , war nichts weiter als das Herannahen dieser schweren akuten Krankheit . Zwei Ärzte , Heim und Moritz Kern , erklärten Deine Organe für vollkommen gesund und Du bist jetzt außer aller Gefahr . O , Ernestine , Du ahnst nicht , was ich gelitten . Ich sah Dich ringen in Todesangst , alle Deine Phantasien zeugten von der Furcht , die Dich peitschte — ich trug die Erlösung auf meinen Lippen — und Du konntest mir Dein Ohr nicht leihen ; — ich bot Dir den Trunk , der Dich vor dem Verschmachten retten sollte und Du konntest die Lippen nicht öffnen , ihn zu empfangen ! O , es war zuviel , zuviel ! “ „ So muß ich noch nicht sterben ? “ fragte Ernestine aufatmend , wie nach einem schweren Traum . „ Bei meiner Ehre , Ernestine , Du bist gerettet . “ Sie konnte nicht sprechen . Sie sah nur mit einem unbeschreiblichen Blick zu dem blauen Himmel auf , der durch das Fenster hereinschaute . Dann drückte sie Möllners Hand an ihre Brust , lange , stumm , bis ein paar große Tränen aus ihren Augen fielen . Da trat die Staatsrätin ein : „ Darf ich auch kommen ? “ fragte sie . „ Darf ich mir auch einem freundlichen Gruß holen ? “ Ernestine zog die alte Frau zu sich hin , schlang den Arm um sie und flüsterte : „ Sie haben mir viel zu vergeben ! — Aber Sie taten es , ehe ich Sie darum bitten konnte . Ich fühle mich Ihnen gegenüber so klein , wie nie in meinem Leben , und ich will die Scham nicht verbergen , die mich ergreift bei dieser Erkenntnis — es ist Ihre einzige Entschädigung für alle Opfer ! “ „ O , wie geläutert ist sie aus diesem Feuer hervorgegangen ! “ sagte die Staatsrätin zu Johannes , der wie gebannt auf das schöne bleiche Gesicht niedersah , welches zum ersten Male wieder von einem geistigen Ausdruck verklärt ward . „ Ich danke Euch , meine Freunde , und Ihnen , treue Willmers . Jeder Atemzug des neugeschenkten Lebens soll Dank gegen Euch sein “ — sie sah fast schüchtern empor : „ Und gegen Gott ! Denn ich habe es gefühlt in den Schrecken jener furchtbaren Nacht , seine Hand hat mich niedergeschmettert — und seine Hand richtet mich wieder auf . O ja , er ist ein barmherziger Gott ! “ „ Ernestine , “ rief Johannes , „ so wäre ein Segen aus meiner Warnung hervorgegangen , von dem ich nicht zu träumen gewagt hätte ? Du hättest in der Furcht den Glauben wiedergefunden ? “ „ Ja , mein Freund . Du hattest Recht , als Du sagtest : Die Furcht gebiert sich stets ihren Gott — Du hattest Recht wie in Allem , — auch ich bin nur ein Weib ! “ Sie ließ das Haupt zur Seite sinken — ihre Kräfte waren schon wieder erschöpft . Johannes und seine Mutter sahen sich bedeutsam an , Freude lag auf ihren Zügen . Es war , als seien sie selbst mit Ernestinen neugeboren . Die wohltätige Abspannung , in die Ernestine seit dieser Unterredung verfiel , hielt sie den ganzen Tag in einem festen Schlummer . Als gegen Abend Heim noch einmal kam , ging er nicht zu ihr hinein , weil er sagte , eine bessere Arznei gäbe es nicht für die Genesende als den Schlaf , man solle sie nicht wecken . Bei Anbruch der Nacht öffnete sie die Augen und gewahrte sogleich Johannes . „ Du bist noch bei mir , mein Freund ? “ fragte sie . „ Ich bin immer bei Dir , Ernestine — ich werde Dich nie verlassen ! “ sagte er mit voller Innigkeit . Sie schloß die Lider und schwieg . Ihr Atem ging rascher . Er sah , daß dies Wort sie erregte , und gelobte sich , als gewissenhafter Mann , von nun an jede Äußerung zu unterdrücken , welche ihre so notwendige Ruhe stören könnte . Er begab sich leise hinaus , damit sie sich wieder unbefangen fühlte . Es gelang der Willmers , ihr etwas Nahrung aufzudringen und , ohne ein Wort weiter zu reden , entschlummerte sie . Johannes , der wie immer die Nacht im Lehnstuhl zubrachte , ward von der ungewohnten Ruhe und Stille endlich auch eingeschläfert und als er erwachte , war es heller Tag und Ernestine lag noch , wie sie zuletzt in die Kissen zurückgesunken war . In tiefen Atemzügen hob sich ihre Brust . — Die tiefinnere Erquickung dieses Schlummers hauchte einen Anflug von Lebensfarbe auf ihre bleichen Wangen . „ Wenn es so fortgeht , wird sie sich rasch erholen , “ sagte Johannes , als er zu seiner Mutter kam , um zum ersten Male seit langer Zeit mit ihr zu frühstücken . „ Gott sei Dank ! Seit ich sie gestern sprechen hörte , sage ich es aus vollster Seele , denn nun ist sie mir erst teuer geworden . Ich sehe ein , daß Du dies seltsame Wesen doch besser kanntest als ich . Wo ist denn Gretchen und Hilsborn ? Warum kommen sie nicht zum Frühstück ? “ „ Ach sie streifen schon wieder durch den Garten . Die Glücklichen ! “ „ Nun , so Gott will , feiern wir bald eine Doppelhochzeit , wie N * * noch keine sah . “ „ Ach , Mutter — wer so kühn träumen dürfte ! “ rief Johannes . „ Warum denn nicht ? Sicher , mein Sohn ! Sie wird genesen . Sie ist eine zähe Natur . In vierzehn Tagen sind Deine Ferien um , dann nehmen wir sie mit hinein in die Stadt . Und wenn die Aussteuer fertig ist , die ich ihr machen lassen werde , was wäre dann noch für ein Hindernis ? “ „ Mutter , Du sprichst es aus : Sie ist eine zähe Natur — nicht nur körperlich , sondern auch geistig . Bevor ich sie nicht als verlobte Braut in den Armen halte , glaube ich nicht , daß sie mein ist ! “ „ Ah , Moritz und Angelika ! “ rief die Staatsrätin dem eben eintretenden Paare entgegen . Angelika fiel der Mutter um den Hals und küßte den Bruder . Sie war womöglich noch runder als zuvor und Frau Berks Behauptung , sie könne im nächsten Winter nicht zu lebenden Bildern verwendet werden , rechtfertigte sich glänzend . „ Na , “ lachte Moritz , „ haben Dir gestern einen unnützen Schrecken gemacht ! Weiß schon Alles durch Heim . Deine Spröde ist zur Besinnung gekommen . Gratuliere ! Wenn sie nur auch von ihren sonstigen Narrheiten kuriert ist , dann mag ’ s ins Himmelsnamen bald losgehen mit dem Heiraten . Du wirst doch erst genießbar , wenn Du sie endlich hast . “ Angelika hielt ihm mit ihrer kleinen , dicken Hand den Mund zu : „ Du unnützer Spötter , willst Du wohl den armen Johannes in Ruhe lassen ? “ Moritz drückte einen Kuß in die warme , weiche Fessel , die seine Zunge hemmte , und befreite sich davon . „ Der < < arme > > Johannes ? Warum denn ? Jetzt hat er sie doch sicher . Sie ist ja nun bettelarm — wo will sie denn hin , was will sie anfangen ? Die wird schon zu Kreuze kriechen und Gott danken , daß sie gleich eine so annehmbare Versorgung findet . Denn dumm ist die nicht , das kann Ihr Keiner nachsagen , “ meinte Moritz . Johannes und seine Mutter sahen ernst vor sich hin . „ Ich begreife überhaupt nicht , daß sie sich so lange wehrte ! Du bist denn doch ein Mann , wie er im Buche steht ! Mir bist Du zu sentimental — aber das ist ja eben , was die Weiber lieben , und wenn ich ein Weib wäre — ich nähme Dich vom Fleck weg . “ „ Du bist sehr gütig , Moritz , ich aber nähme Dich nicht , “ sagte Johannes heiter , „ darauf kannst Du Dich verlassen . “ „ Ach , hört auf ! Ihr könnt nichts tun als Euch zanken und necken , wenn Ihr beisammen seid , “ schält Angelika lustig . „ Ihr seid ja alle Beide gut und brav , Jeder in seiner Art — und ich habe Euch alle Beide lieb . Was wollt Ihr denn mehr ? “ „ Das ist richtig , “ bestätigte Moritz , die kleine Kugelgestalt umschlingend . „ Wenn nur Du uns lieb hast ! — Ich für mein Teil verlange nicht mehr . Aber der ungetreue Herr Bruder da wird nicht damit zufrieden sein . “ „ Süße Schwester , “ sagte Johannes , sie innig betrachtend , „ Du weißt doch , was Du mir bist ! “ Da erschien die Willmers : „ Herr Professor , das Fräulein ist erwacht und fragt nach ihrer hübschen Pflegerin , wie sie sagt . Soll ich Fräulein Gretchen holen ? “ „ Ja , “ sagte Johannes , „ aber Ernestine muß erst darauf vorbereitet werden , wer Gretchen ist . — Nicht wahr . Ihr entschuldigt mich ? “ „ Ja , ja — geh nur um Gotteswillen , versäume keine Minute ! “ rief ihm Moritz nach . Johannes trat bei Ernestinen ein . Sie saß aufrecht im Bette und sah über alles Erwarten frisch und erholt aus . „ Johannes ! “ sagte sie , „ Guten Morgen ! Ach — es ist wieder Morgen geworden nach all den langen , bangen Nächten , Morgen im wahren Sinne des Wortes ! “ „ Teure , liebe Ernestine . Hast Du gut geschlafen ? “ „ Ach , so gut , wie ich nur einmal schlief seit Jahren : In jener Nacht — unter Deinem Dache ! “ „ O , da sollst Du noch oft schlafen , Ernestine , und bald , recht bald ! “ rief Johannes erfreut . „ O nein , glaubst Du , ich habe es deshalb gesagt ? “ stammelte Ernestine verlegen und beschämt . „ Deshalb , weshalb ? “ fragte Johannes verwundert . „ Daß ich — eine Einladung herausfordern wollte , “ erwiderte sie in höchster Verwirrung . „ Das würde ich von Dir nie geglaubt haben — denn Du gönnst keinem Menschen den Triumph , Dir etwas Gutes zu tun ! “ sagte Johannes nicht ohne Bitterkeit . Doch gleich bezwang er sich wieder und ging zu etwas Anderem über : „ Du hast das Mädchen zu sehen gewünscht , das gestern hier war . Ich muß Dir aber zuvor sagen , wer es ist . — Hast Du noch irgend einen Groll gegen — oder eine Anhänglichkeit für Deinen Oheim ? “ Ernestine schüttelte ruhig das Haupt : „ Er ist tot für mich ! “ Ich habe Dir , ihn betreffend , etwas sehr Erschütterndes mitzuteilen , und weiß kaum , ob ich es sagen kann . “ „ Was sollte mich noch erschüttern nach all ’ den Schrecknissen , die mir meine eigene Phantasie vorgezaubert hat ? “ fragte Ernestine kalt . „ Nun denn , das Mädchen , welches Dich mit rührender Treue seit vier Wochen pflegen half , ist Leutholds Tochter — und ist eine Waise ! “ „ Mein Gott ! “ sagte Ernestine : „ Das arme Kind ! Ist Leuthold tot ? “ „ Ja , er hat sich selbst gestraft für seine Sünden . Ihm ist wohl . “ Ernestine blickte Johannes klar an : „ Ich kann ihn nicht beweinen . Er hat mir zu viel Böses getan , mein Vertrauen zu schmählich getäuscht . Aber seine Tochter will ich es nicht entgelten lassen , das beklagenswerte , schuldlose Kind . O , bitte , laß sie kommen , es ist das einzige Wesen auf der Welt , an das mich noch ein Band der Verwandtschaft knüpft ! “ Johannes trat an das Fenster und winkte Gretchen herauf , die mit Hilsborn gegen das Haus zuschritt . Sie eilte so schnell als möglich herbei , und eine Minute später sank sie vor Ernestinens Bett auf die Knie . Ernestine wollte sie zu sich emporziehen , doch sie wehrte es : „ Nein , laß mich zu Deinen Füßen liegen , so nur darf die Tochter des Verbrechers Dir nahen , die vergehen möchte vor Deinem Angesicht ! “ „ Gretchen — arme , schuldlose Waise , “ rief Ernestine , „ komm an mein Herz ! “ Sie betrachtete Gretchen mit Rührung : „ Wahrlich , wahrlich , wenn etwas sein Vergehen mildert , so war es seine Liebe zu solch süßem Kind . Um dieses einzigen menschlichen Gefühls verzeih ’ ich ihm . Wäre ich noch reich , ich würde als Schwester mit Dir teilen ! Hätte ich noch etwas zu geben , Du solltest es haben — so aber bleibt mir nichts für Dich als mein heißes Mitleid ! “ Noch ein Augenblick , und die beiden schönen Mädchen hielten sich einander schwesterlich umschlungen . — Fünftes Kapitel Umkehr . Ganz neue Gefühle von Liebe und Wohlwollen durchdrangen mit der wiedererwachenden Lebenskraft Ernestinens Brust , echt menschliche Empfindungen , wie sie früher neben ihrem rastlosen Geiste nicht Platz fanden . In wenig Tagen gestaltete sich das innigste Verhältnis zwischen ihr und Gretchen . Es lag eine Einfalt in Ernestinens ganzem Wesen , die Niemand in ihr gesucht . Es war , als lerne sie erst wieder das Leben kennen , als sei ihr Alles ganz neu , als habe sie in der langen Bewußtlosigkeit wirklich einen Teil ihres Bewußtseins eingebüßt und sei wieder zum Kind geworden , das sich mit seinem unerfahrenen Sinn an Allem erfreut , was ihm vor Augen kommt . Sie erfreute sich an dem hellen Herbsthimmel , als habe sie ihn noch nie gesehen , sie konnte eine Blume , die man ihr auf das Bett legte , lange sinnend betrachten . Sie blätterte mit Gretchen begierig in den schönen Albums , die ihr Johannes verschaffte . Eine ihr ganz fremde Welt des Genusses eröffnete sich ihr mit diesen Sammlungen von kleinen und großen Kunstwerken ; denn die Kunst hatte sie bisher nur dem Namen nach gekannt und daher auch von ihrer Bedeutung keine Ahnung gehabt . Ihr Oheim hatte ja ihrer Phantasie jede Nahrung versagt , um sie durch nichts von ihren trockenen Studien abzulenken . Jetzt badete sich ihre müde Seele in den Fluten der Poesie , die Johannes mit