Herbstestag ist heute . Hoch in der Luft , über die Berge hin , zieht der Wind und mitunter ist es , als kläng ' er bis ins Tal hernieder . Aber wir hören nur den Streit hoch oben , die Luft unten steht unbewegt . Die Vögel singen nicht mehr oder sind schon fort , nur noch das Sonnenlicht hüpft in den Zweigen . Die Tannenäpfel fallen nieder auf den Kiesweg des Parks , aber nicht losgelöst von der Schüttelhand des Windes , nur losgelöst von Alter und eigner Schwere . Die Quellen rauschen , die Sommerfäden ziehen , Bilder kommen und gehen . Dem Ohre klingt es wie leise Musik . Von wannen kommt sie ? Ist es die Luft , die klingt , oder ist es das eigene Herz ? 5. Der Rosengarten . Der Baasee 5. Der Rosengarten . Der Baasee Und wo der Rosengarten war , Da soll der Liliengarten werden . Uhland Das Brunnental ist still und windgeschützt , aber in seinem Rücken liegt eine stillere Stelle – der Friedhof . Es ist ein kleiner , von einer niedrigen Steinmauer eingefaßter , mitten im Wald gelegener Begräbnisort , so recht ein Platz , wo – jeder eitle Kummer , Dir wie ein Traum zerfließt , Und dich der letzte Schlummer Im Bienenton begrüßt , – ein Platz , der uns mit dem Gedanken des Scheidens versöhnt und uns im Tiefsten empfinden läßt : Die Ruh ' ist wohl das beste Von all dem Glück der Welt . Die Tür , einladend , steht immer offen , die Waldblumen blühen draußen und drinnen , und die Buchen legen von außen her ihre grüne Hand auf die Gräber , als wollten sie den Schlummer derer , die drunten ruhn , noch ruhiger machen . Es ist dies die Begräbnisstätte nicht für Freienwalde selbst , sondern für die , die als Gäste kamen , um Genesung zu suchen und sie schließlich an dieser Stelle zu finden . Dieser Friedhof heißt der Rosengarten . Er heißt so , nicht aus Laune oder Einfall , vielmehr führte der ganze Fleck Landes diesen Namen , lange bevor der erste Gast in diesen Garten einzog . Es hat das folgenden Zusammenhang . Die weiten Waldreviere , die Freienwalde nach Westen hin umgeben und alle Talschluchten mit Laubholz füllen , waren in alten Zeiten schon mit weiß und rot und gelb blühenden Wildrosen dicht überwuchert , und wer um die Johanniszeit durch diese Schluchten hinschritt , dem war es , als flögen bunte Schmetterlinge vor ihm her . Die Stelle aber , wo die Rosensträucher am dichtesten standen und einen kleinen Wald im Walde bildeten , diese Stelle lag im Rücken des Brunnentals und hieß der » Rosengarten « . Die Sträucher verschwanden allmählich , das erste Grab erhob sich , andere folgten , die Steinmauer wurde gezogen , – aber der Name blieb , und von den Gestorbenen heißt es sinnig und ungezwungen : » Sie schlafen im Rosengarten . « Weiter in den Wald hinein , etwa eine halbe Meile im Rücken des Rosengartens , liegt der Baasee , der Liebling und der Stolz der Freienwalder . Sie überschätzen ihn offenbar , vielleicht weil er das landschaftlich einzig in Betracht kommende Wasserstück ihrer schönen aber etwas monotonen Landschaft ist , vielleicht auch weil er Versteckens spielt und nach Art vielumworbener Schönen sich dem Werber entzieht . Auch wir suchten ihn , ohne ihn finden zu können , und ermattet warfen wir uns nieder ins Moos und schlossen die Augen . Als wir wieder aufblickten , wurden wir waldeinwärts , aber dicht hinter uns , zweier Mädchengestalten gewahr , die tief in Farnkraut standen und nur mit Kopf und Brust über das grüne Blattwerk hinwegragten . Ein Bild wie aus den fleurs animées ! Wir schwankten noch , ob wir sie nach dem Wege fragen sollten , als sie von selbst schon , barfuß und hochgeschürzt , aus dem grünen Gestrüpp heraustraten und uns zuriefen : » Der See liegt da hinauf ! « Dabei machten sie eine Handbewegung nach rechts und zeigten auf die Schlucht , durch die wir , auf unsern Irrfahrten , eben herabgestiegen waren . Beide Mädchen waren noch jung , die jüngere , hübschere , noch ein halbes Kind , und nachdem wir Begrüßungsworte mit ihnen gewechselt und uns an dem bescheiden-kecken Ton beider gefreut hatten , wurden wir einig , daß sie uns bis zum Baasee hin als Führer begleiten sollten . Es ist immer schwer , mit jungen Dirnen in ein ein fach Gespräch zu kommen und den klaren , sprudelnden Ton zu treffen , in dem ihrer Seele wohl wird , wie der Forelle im Quellwasser ; aber es ist doppelt schwer mitten im Wald , über dem die Mittagsschwüle brütet und in dem nichts vernehmbar ist als der Specht im Tann und dann und wann das Rufen des Pfingstvogels . Zu der Scheu der Geister kommt eine Scheu der Natur . Wir versuchten ein Geplauder , aber es scheiterte . Die Einsamkeit , die sonst so nahe führt , hier zog sie eine Schranke . Und so gaben wir ' s auf , und beide Mädchen , fortan unbelästigt durch unsere Fragen , schritten vor uns her , die Schlucht hinauf . Zu beiden Seiten stand der Wald und schloß sich über dem Hohlweg , der tief und vom Regen ausgewaschen war . Die Wandungen rechts und links zeigten allerlei Wurzelgeflecht , das phantastisch aus der roten Erde hervorsah . Keines der beiden Mädchen blickte sich um , keine sprach mit der andern , aber beide hatten einen elastischen Gang und wie bei guten Schlägern nicht die Bewegung des Armes , sondern die Biegung des Gelenks entscheidet , so bewegten sich auf dem Bilde vor uns nur Hüfte und Nacken , während der Unterkörper , trotz rüstigen Schreitens , in statuarischer Ruhe zu verharren schien . Die ältere wollte gefallen , die jüngere dalberte nur , und während jene mit einem gewissen koketten Ernst ihre Schritte tat , kicherte die andere und errötete über Ohr und Hals . Nun kletterten sie die Wandung des Hohlweges hinauf und liefen waldeinwärts . Als wir sie wiederfanden , stand die jüngere auf einem steilabfallenden Bergeck und hielt sich mit der linken Hand an einem Wachholderbusch , während sie mit der rechten in die Tiefe zeigte . Unten lag der Baasee , das ersehnte Ziel unserer Wanderung . Wir traten heran und hielten Umschau . Aber das Bild des Mädchens war schöner als der See ; die Staffage ging über die Landschaft . Was den Baasee zu keiner tieferen Wirkung kommen läßt , ist wohl das , daß er jener Mischgattung von Seen angehört , die zu finster sind , um zu erheitern , und doch wieder zu heiter , um den vollen Eindruck des Schauerlichen zu machen . Viel freilich hängt dabei von der Beleuchtung und noch mehr vielleicht von der Jahreszeit ab . Wir sahen ihn bei Sonnenschein . Ein Boot mit zwei Jägerburschen fuhr über den See ; der eine ruderte , während der andere von Zeit zu Zeit Hornsignale in den Wald blies . Ungleich schöner muß es an dieser Stelle sein , wenn das Laub hin ist und statt der grünen Kronen die grauverzweigten Buchen ihr Bild in den See werfen . Am schönsten aber in Sturm- und Winternächten , wenn der Mond grell-eisig am Himmel steht und statt des Jagdhorns des Jägerburschen , das eben verklingt , das Hallo des wilden Jägers über Wald und See zieht . 6. Hans Sachs von Freienwalde 6. Hans Sachs von Freienwalde Ich habe schon wieder auf Lieder gedacht , Ich fühle so frisch mich , so jung . Chamisso Die Straßen in Freienwalde sind Hügelstraßen und führen bergauf und bergab . Die belebteste derselben , die Berliner Straße , haben wir eben ihrer ganzen Länge nach passiert und noch immer nicht gefunden , was wir suchen . Aber das muß es sein – es ist das letzte Haus . Ein Berg und eine Kirche bilden den Hintergrund , nach der Straße zu stehen drei Linden und inmitten dieser Landschaftsrequisiten erhebt sich ein alter Fachwerkbau , an dem ein erkerartig vorspringendes Fenster und zwei Rosenbäume so ziemlich das Beste sind . Die Rosenbäume fassen das Fenster ein , aber sie müssen den schmalen Raum mit zwei Aushängebrettern teilen , auf denen wir im Lapidarstil lesen : » Schirme repariert ; Drechslerarbeit in Holz und Horn . « Dazu eine große , in Holz geschnittene Tabakspfeife , die als Ornament deutungsreich über dem Ganzen schwebt . Das ist allerdings , was wir suchen . Hier wohnt Karl Weise , Poet und Drechslermeister von Freienwalde , Drechselt Pfeifen in guter Ruh Und macht auch wohl ' nen Vers dazu . Das Ganze hat das Anheimelnde einer Poetenwohnung alten Stils und wir treten guten Mutes ein . Eine Türklingel – nicht eine von den geräuschvollen , die , einmal in Bewegung gesetzt , wie ein bellender Dorfspitz gar kein Ende finden können , sondern eine von den leisen , wohlerzogenen – kündigt unser Eintreten an und eh wir uns noch in dem Halbdunkel , für das die draußenstehenden drei Linden ausgiebig sorgen , zurechtgefunden haben , erscheint aus der Werkstatt her , wo wir eben noch das Schnurren des Rades hörten , ein stattlicher Mann , hemdsärmlig , in Arbeitskostüm , und sieht uns freundlich fragend an . Er ist brünett , groß , breitschultrig , in seiner ganzen Erscheinung von südslawischem Typus , und nach Teint , Haltung und Schnurrbart viel eher ein Seressanerhauptmann , als ein Drechslermeister oder Poet . Nichtsdestoweniger ist er beides und in dem friedliebendsten Dialekt der Welt , im reinen Hallensisch , erkundigt er sich nach unsrem Begehr . Wir reichen ihm die Hand , sagen ihm , daß wir als gelegentlich ebenfalls Versbeflissene gekommen wären , » um das Handwerk zu grüßen « und daß wir vorhätten , wenn irgend möglich , den Abend mit ihm draußen zu verplaudern . Unser Poet schlägt ein , die eben untergehende Sonne mahnt ohnehin an Feierabend , und sich auf Minuten bei uns entschuldigend , führt er uns zunächst in das nebenan gelegene Zimmer , das mit seinen geschmückten Wänden die Honneurs des Hauses macht . Wir benutzen diese Pause , uns in dem Putz- und Empfangszimmer neugierig umzusehen , und sind überrascht von der Sinnigkeit der Anordnung . Wenn das ganze Haus ein Poetenhaus ist , so ist dies das Poetenstübchen . Blumen und Bilder wechseln untereinander ab ; Geranium und Primel blicken schüchtern zu einer gipsernen Flora auf , Efeutöpfe spannen ihren grünen Bogen über Schrank und Spiegel und zwischen allermodernste Farbendrucke drängen sich , in breiten Ebenholzrahmen , ein paar altfranzösische Stiche : » Vue des Environs de Saverne ; dedié a Madame la Marquise de Vilette , Dame de Ferney-Voltaire . « Das scheint nicht zueinander zu passen , aber es paßt alles sehr gut . Was unsere modernen Zimmereinrichtungen so langweilig macht , das ist das Schablonenhafte und das Beziehungslose . Hier hat alles eine Beziehung , eine Geschichte , wäre diese Beziehung oft auch keine andere , als innerhalb der Kleinwelt eine mühevolle Eroberungsgeschichte . Unser Poet hat sich inzwischen reisefertig gemacht und bietet uns freundlich seine Führerdienste an . Wer wäre dazu geeigneter , als er , der nicht nur alle Wege und Stege der Umgegend kennt , sondern auch die schönsten Punkte in Berg und Tal besungen hat ; die vorgeschrittene Stunde aber macht es uns wünschenswert auf entferntere Touren zu verzichten , und unsere Wünsche bescheidentlich in ein » je näher , je besser « kleidend , schreiten wir dem unmittelbar vor der Stadt gelegenen Schloßgartenberg zu , dessen bauliche Anlagen ( Schloß , Pavillon usw. ) wir schon in einem früheren Kapitel kennenlernten . Aber heute lassen wir Schloß und Pavillon am Abhange des Berges liegen und steigen höher hinauf , wo schmale , durchs Parkholz geschlagene Wege in endlosen Windungen die obere Hälfte des Hügels umziehen . Kein besserer Plauderweg denkbar , als solch ein Schlängelweg . Die gerade Linie , die den Raum mißt , hat auch etwas von einem Zeitmesser , und die siebenmal auf- und abgeschrittene Avenue wirkt unwillkürlich wie ein siebenmal gerückter Zeiger ; aber der Schlängelweg entzieht sich einer derartigen Zeitkontrolle und die Frage nach dem » zuviel « wird rein praktisch durch den ermüdeten oder nicht ermüdeten Fuß entschieden . Die Füße aber ermüden schwer bei guter Unterhaltung und solcher erfreuen wir uns an der Seite unseres Führers und Genossen . Von Zeit zu Zeit , wo eine Lichtung im Park einen Blick ins Freie gestattet , stockt das Gespräch , aber es ist nur ein lässiges Fallenlassen des Fadens , – er ruht nur , er ist nicht abgeschnitten . Ungesucht nimmt sich das Gespräch an selber Stelle wieder auf und in den Hintergrund der stillen Abendlandschaft stellt sich immer klarer das Bild unseres Freundes , wie sein eigenes Wort es vor uns entrollt . Er beginnt mit Schilderungen aus seiner Heimat , seiner Kindheit . Am Giebichenstein spielt er umher ; er singt und klettert unter Fels und Trümmern , und tut unbewußt seinen ersten Trunk aus Romantik und Märchenwelt . Er singt » des Knaben Berglied « , er hat eine klare Kinderstimme ; aber was frommt » armer Leute Kind « Lied und Gesang , wenn beide nicht zu erwerben verstehen ? Und so finden wir unsern jungen Freund in den dunkeln Straßen Halles wieder , – er trägt den Kurrendemantel und singt ums Brot . Sei ' s drum , es haben es bessere vor ihm getan . Aber Frau Musika führt einen knappen Haushalt und andere freie Künste müssen helfen . Zunächst die Dichtkunst . Zunftmäßig tritt er bei ihr ein ; Friederike Schmidt , eine blinde Dichterin seiner Vaterstadt , diktiert ihm ihre Lieder , und gelehrig wie er ist , lernt er der Frau Meisterin die paar Hantierungen ab , die ihre Kunst ausmachen und versucht sich selbst alsbald in seinen ersten Versen . Glückliche Jahre waren es , diese Lehrjahre bei der freien Zunft , aber wirkliche Lehrjahre sollten folgen , die Drechslerkunst löste die Reimkunst ab , und an die Stelle der blinden » Frau Meisterin « trat ein Meister , der scharf nach dem Rechten sah . Wer indessen , der gesunden und vor allem poetischen Geistes ist , trüge nicht verhältnismäßig leicht diese Tage des Lernens und der Laune , diese Tage voll Zwang und Druck und Enge ? Man sieht ein Ende ab . In weiter , aber doch immer kleiner und kürzer werdender Ferne , jetzt drei Jahre , nun zwei , jetzt nur noch eins , steht es wie ein Lichtschein und wächst und nimmt Gestalt an und endlich erkennbar geworden , sehen wir , wie die Gestalt nach außen zeigt , jenseit des Gittertores , in ein weites Land der Freiheit hinein . Das sind die Wanderjahre , die den Lehrjahren folgen , – ein Wechsel , den das Leben jedem beschert , er sei hoch oder niedrig geboren , sei » Bursch « oder Handwerksbursch . Diese Zeit der Freiheit kam endlich auch unserm Poeten , – er wanderte . Er wanderte mit Lust , und seine Lieder selbst haben uns ein paar Klänge davon aufbewahrt . Er zog weit umher , arm , glücklich , liederfroh , bis er plötzlich , wie mancher vor ihm , eine Leere und eine Sehnsucht in seinem Herzen wach werden und wachsen fühlte , die ihn nun wieder heimwärts trieb . Er sang : Wir sind nicht bloß zum Wandern ( Wie ' s immer auch gefällt ) , Wir sind zu manchem andern Und bessrem in der Welt . Und mit dieser Betrachtung kehrte er in seine Vaterstadt heim . Diese nahm ihn wieder auf , und wenn sein Wanderleben lyrisch-poetisch gewesen war , so genoß er jetzt des zweifelhaften Vorzugs , sich sein Daheimleben dramatisch gestalten zu sehen . An Effektszenen kein Mangel . Die Personen , die bei diesem Drama mitwirkten , leben zu großem Teile noch , und so sind uns an dieser Stelle nur Andeutungen gestattet . Verlobungen aus Träumerei und romantischem Ehrbegriff , Trauungen auf dem Totenbette , rätselhafte Wiedergenesungen , Entsagungen aus phantastischer Opferfreudigkeit und Trennungen aus Liebe , dabei Armut in Reichtum und Reichtum in Armut , so jagen sich die wunderlichsten Szenen und Gegensätze , bis wir , nach einem Leben , das » den Roman auf seinem eigenen Felde schlägt « , unsern Freund in die einfachsten Verhältnisse zurückkehren und an der Seite der schlichtesten , aber besten Frau endlich Ruhe finden sehen . Diese Ruhe indessen entbehrte der Sorge nicht . Schwere Zeiten kamen und in diesen stillen und doch schweren Zeiten begann die Saite wieder zu klingen , die in den Jahren sich drängender Erlebnisse geschwiegen hatte . An der Drehbank , unter dem Surren des Rades , fielen mit den phantastisch gekräuselten Flocken auch wieder die ersten Lieder ab . Sie fanden freundliche Hörer , bald auch Leser , und jenen ersten Liedern sind seitdem andere gefolgt . Wir wenden uns hier von unserm plaudernden Freunde , nach dessen Mitteilungen wir diese Skizze zu zeichnen versuchten , ab und statt dessen seinen Liedern zu . In seiner ersten Sammlung , die den fast allzu poetischen Titel » Blumen der Wälder « führt , erblicken wir ihn nicht auf seinem eigentlichsten Gebiet , überhaupt aber mit einer Aufgabe beschäftigt , die schwerlich jemals von einem Dichter gelöst worden ist . Es handelt sich in diesen Liedern um eine Verherrlichung der Freienwalder Natur , und die ursprüngliche Absicht des Dichters scheint auf nichts Geringeres ausgegangen zu sein , als in einem wahrhaft beängstigenden Drange nach Vollständigkeit jeder Kuppe , jedem landschaftlichen Punkt einen poetischen Zettel umzuhängen . Das glückt aber nie . Eine solche Aufgabe ist unpoetisch in sich , und in derselben Weise , wie es unmöglich ist , auf sämtliche Schiffe der englischen Flotte , oder auf sämtliche Regimenter der preußischen Armee einen Sonettenzyklus zu machen , so verbietet es sich auch , die weitausgespannte Freienwalder Landschaft Nummer für Nummer zu besingen . Der Verfasser scheint dies schließlich auch selber empfunden und den zweiten , bereits angekündigten Band , der weitere zwanzig Lieder bringen sollte , glücklich unterschlagen zu haben . Was diesen » Blumen der Wälder « indessen einen Wert verleiht , das ist ein zufälliger , in gar keiner Beziehung zu dem übrigen Inhalt stehender Anhängsel , worin der Dichter unserm Altmeister Friedrich Rückert seine Huldigung darbringt . Dies Lied nennt sich » Meister Rückert und sein Lehrjunge « und ist ein sehr glücklicher Griff . Es ist frisch , natürlich , originell . Der geschilderte Hergang aber ist der folgende : Unser Freienwalder Freund hat vor , dem alten Rückert zu seinem siebzigsten Geburtstage in Versen zu gratulieren . Er schickt Frau und Kinder möglichst früh zu Bett und setzt sich bei der sprichwörtlich gewordenen » Poetenlampe « nieder , um Gedanken und Reime zu Papier zu bringen . Aber auch Poetenlampen verzehren Öl und die wackere Hausfrau stellt endlich von ihrem Bett aus ziemlich einschneidende Betrachtungen über diesen Gegenstand an . Endlich , auf der Höhe des Konflikts , tritt unser Dichter aus der Wolke des Geheimnisses heraus und erklärt , um was es sich handle . Nun wendet sich das Blatt . » Mit Vater Rückert ist das was andres « ; über unsere Poetenfrau kommt ein wahrer Opfermut , und siehe da » Als durch ' s Immergrün umschmückte Niedre Werkstattfensterlein Goldner Frühstrahl mich erquickte , Schloß ihr Kranz mein Liedchen ein ; Schüchtern wag ' ich ' s darzubringen , – Vieler Lied wird heut ' dir klingen Sinn ' ger alle wohl wie mein ' s , Inn ' ger aber doch wohl kein ' s. « Dies Lied weckte unserm Poeten viel Freude , aber was wichtiger ist , es stellte ihn und sein Talent an den rechten Fleck . Er selbst schon , in dunkler Ahnung davon , hatte diesem Liede das Motto gegeben : » Geh vom Häuslichen aus und verbreite dich , so gut du kannst , über die Welt . « Wie diese Worte Motto seines Liedes gewesen waren , so wurden sie nun der Leitstern für sein poetisches Schaffen überhaupt . Das Haus und sein persönliches Erlebnis innerhalb desselben , vor allem seine blonde Frau , in ihrer Schlichtheit und Tüchtigkeit , wurden der Mittelpunkt seiner Dichtung und mit innigem Gefühl konnte er von jener singen : Als Bestes wardst du mir gegeben , Du , die nicht meine Lieder lies ' t Und dennoch Stoff aus ihrem Leben In jedes meiner Lieder gießt . Ein neuer Geist kam in seine Produktion , das Gezwungene fiel fort , das Natürliche trat an die Stelle , und ein Jahr später konnte er der Welt seine erste wirkliche Dichtung bieten . Sie führt den Titel die » Braut des Handwerkers « und ist ein anmutiges Idyll , das uns , in fünf Kapiteln , vom Morgen bis zum Abend des Hochzeitstages geleitet . Alles , was uns ein Menschenherz lieb und wert machen kann , das klingt hier zusammen : Genügsamkeit , kindlich-einfacher Sinn , Liebe , Pietät und Gottvertrauen . Die ersten Gesänge , vielleicht die gelungeneren , zeigen uns die Braut , wie sie das » eingebrachte Gespinnst « vor dem Bräutigam ausbreitet , darunter auch ein Leinenstück , bei dessen Anblick ihr unwillkürlich die Tränen aus den Augen brechen . Es erinnert sie an ihre Kinderjahre , an den Tag , wo nach Feuersbrunst und Not und Krankheit die fleißige Hand ihrer Mutter das Garn zu diesem Stück zu spinnen begann . Sie entsinnt sich auch der Worte , die damals die Mutter zu ihr sprach und sie wiederholt sie jetzt : Setz auf den Herrn dein ganzes Hoffen , Laß nie von ihm bei andrer Spott ; Je mehr das Unglück dich betroffen , Je inn ' ger schließe dich an Gott ; Laß Fleiß durch deine Tage blühen Und heiter lächeln wird ihr Glanz , Hoff ' und vertrau , auf Schweiß und Mühen Legt endlich Gott den Segenskranz . Es wird das Häuschen neu erstehen , Wir werden es nach Gottes Rat Im Schmuck der Reben wiedersehen , – Aus Tränen sprießt die Freudensaat . Und nun , mein Kind , frisch angefangen , Bring Arbeit mir ans Lager her , Beim Schaffen haben Gram und Bangen Auf unser Herz die Macht nicht mehr . Mit diesen Worten , die sich mehr denn einmal auch an unsrem Freunde selber bewährt haben , nehmen wir Abschied von ihm . Not und Sorge sind ihm reich aufgebürdet worden , und er liebt es wohl , nicht ohne einen leisen Anflug von Bitterkeit , sein Leben mit dem des Gellertschen Esels zu vergleichen , den alle drei Brüder benutzen und futtern sollten ; » sie benutzten ihn auch alle drei , aber keiner futterte ihn « . Indessen sei es drum . Eben der Segen der Arbeit , von dem jene Strophen sprechen , hat auch ihm über vieles hinweggeholfen ; Humor und Dichtkunst haben ein weiteres getan und werden es ferner tun . Vor allem aber möge ihm in Leben und Dichten der glücklich bescheidne Sinn verbleiben , der ihn an die Spitze seiner ersten Liedersammlung die Worte stellen ließ : Wenn du auch nur Kleines leistest , Wird dir ' s doch zum Ruhm gereichen , Wenn du nur dich nicht erdreistest , Es dem Großen zu vergleichen . Der Schloßberg bei Freienwalde und die Uchtenhagens Der Schloßberg bei Freienwalde und die Uchtenhagens » Und irr ' ich nicht , so zieht ein Feuerstrudel Auf seinen Pfaden hinterdrein . « Ich sehe nichts als einen schwarzen Pudel . Goethe Ein Kind aus schwarzer Menge blickt , Es lächelt sterbensweh und nickt Und macht im Saal die Runde . E. Mörike Die Hügel sind Freienwaldes Schönheit und sein Schatz . Wer , der je in der märkischen Schweiz war , hätte nicht vom Ruinen- und Kapellenberg , von der Königshöhe und dem Monte Caprino gehört ; heute jedoch , an allen diesen Punkten schöner Aussicht vorübergehend , machen wir dem entfernter gelegenen , halb verwilderten Schloßberg unseren Besuch , auf dem laut Sage die alte Burg der Uchtenhagens stand . Vorher , einleitend , ein Wort über den Ursprung dieses Geschlechts . * Die Uchtenhagens saßen hier , um Freienwalde herum , drei vielleicht auch vier Jahrhunderte lang , und emsiger , neuerer Forschung ist es gelungen , die Schicksale derselben , die lange Zeit hindurch nur unklar dämmerten , wieder klar und deutlich an das Licht der Geschichte zu ziehen . Aber die historische Forschung , soviel ihr gelang , vermochte doch nicht bis auf die Anfänge des Geschlechtes zurückzugehen . Diese Anfänge sind in Dämmerung geblieben und wir scheiden deshalb alles , was wir von den Uchtenhagens zu sagen haben werden , in eine sagenhafte und eine historische Zeit . Die historische Zeit , auf die wir weiterhin eingehender zurückzukommen gedenken , beginnt mit dem Ausgange des vierzehnten Jahrhunderts , zu welcher Epoche sich die Familie bereits in Freienwalde vorfindet . Aber nur die Sage beantwortet uns die Frage : Wie kamen die Uchtenhagens nach Freienwalde hin ? Und dieser Sage wenden wir uns zuvörderst zu . Henning von Jagow » klein an Gestalt , aber hoch an Gemüt « , nachdem er sich , verdient oder unverdient , die Ungnade des Markgrafen zugezogen hatte , war aus dem Lande verbannt worden . Ein Preis stand auf seinen Kopf . Jagow indessen , unwillig das Land zu verlassen , daran er hing , zog sich bis an die Oder in die Sumpf- und Waldreviere zurück , die damals die Ostgrenze des markgräflichen Besitzes bildeten , also aller Wahrscheinlichkeit nach in die Berge und Brüche der Freienwalder Gegend . Hier lebte er mit anderen Verbannten und Ausgestoßenen das Leben des Geächteten , ungekannt , namenlos , aber sicher im Schutz der Wälder . Es war ein Leben voll Kampf und Gefahr , voll Freiheit und Übermut , ähnlich dem , das uns alte Balladen und Volksgesänge als das Leben Robin Hoods , dieses unerreichten Vorbilds poetischen Wald- und Räuberlebens , geschildert haben ; aber unser Jagow trug doch schwer daran , denn es zog ihn unter die Menschen und in die Nähe des Markgrafen zurück und seine Seele trachtete mehr und mehr nach einer Gelegenheit , sich die Gunst seines Herrn , den er liebte , neu zu erwerben . Und diese Gelegenheit bot sich endlich . Es kam zu einem Kriege mit den Pommern , und um Freienwalde herum stießen die Heere des Pommernherzogs und des Markgrafen aufeinander . Man focht Mann gegen Mann ( collato pede , wie der Chronist erzählt ) , und der Sieg neigte sich schon den Pommern zu , als Jagow aus der Waldestiefe mit seinen Geächteten hervorbrach . Er faßte den Feind im Rücken , und nach tapferer Gegenwehr wandten sich die Pommern zur Flucht , der Oder zu , die jedoch nur von wenigen erreicht wurde . Die Mehrzahl färbte den Boden mit ihrem Blut . Und die Stelle , wo das Blut floß , heißt bis diesen Tag das » rote Land « . Jagow aber , vor den Markgrafen geführt , wurde mit dem Lande belehnt , auf dem er so glück lich gekämpft hatte , und empfing , auf daß sein Name nicht fürder mehr an alte Zeit und alten Groll erinnere , den Namen Uchtenhagen , weil er » uht dem Hagen « d.h. aus dem Walde , zu seiner , des Markgrafen Rettung hereingekommen war . So weit die Sage , von der ich annehmen möchte , daß sie der Klasse der bloß aus dem Namen hergeleiteten Zurechtmachungen , also jenen nachträglichen Erfindungen angehört , an denen das siebzehnte und noch mehr das achtzehnte Jahrhundert auf dem Gebiete der Adelsgeschichte so fruchtbar waren . Aber das mangelnde historische Fundament soll uns nicht undankbar machen gegen die Sage selbst , die , sie sei jung oder alt , verwirrend oder die rechten Wege führend , um ihrer selbst willen ihre Berechtigung hat . Wir überlassen uns deshalb , ehe wir in das Gebiet der Geschichte eintreten , auch im weiteren noch ihrer Führung und erfahren von ihr mit der ihr eigenen Bestimmtheit , daß es der Schloßberg war , auf dem sich die erste und älteste Burg der Uchtenhagen erhob . Und diesem Schloßberg , ohne längeres Verweilen , gilt jetzt unser Besuch . * Wir haben Freienwalde mit der Nachmittagspost erreicht und einem jener Cicerones , die den Posthof zu umstehen pflegen , vertraulich mitgeteilt , daß wir noch vor Sonnenuntergang oder doch vor dem Hereinbrechen vollständiger Dunkelheit den Schloßberg zu sehen wünschten , zu Fuß , wenn möglich , zu Wagen , wenn nötig . Da in den Cicerones von Freienwalde gemeinhin mehrere Ämter kumulieren , mindestens aber die Metiers des Führers und des Fuhrmanns zusammentreffen , so ist die Antwort selbstverständlich und nach einer halben Stunde rollt ein Einspänner vor , der nicht voll bis in die Zeit der Uchtenhagens zurückreicht , aber doch beinah . Der Hintersitz ist leer ; auf dem Vordersitz befindet sich der Führer selbst , nunmehr als Kutscher , und knipst mit der Peitsche , um sich in seinem neuen Amte zu beglaubigen . Er trägt einen hellgrauen Flauschrock , dazu eine schwarze Tuchmütze , deren Schirm halb über sein Gesicht fällt . Was auf den ersten Blick überrascht , ist , daß er nicht raucht . Aber freilich jene sonderbare Klasse von Personen , der er zugehört und von der jedes Dorf oder jedes Ackerstädtchen wenigstens ein Exemplar aufzuweisen hat , raucht nie . Es sind dies die Träger der Volkspoesie , die Sagenhüter , die Märchenerzähler des Nordens . Sie sind gutgeartet , redselig und schweigsam zugleich , lieben die