und es wurde mir von Dir gegeben : ich that eine Frage , und erwartete , daß John ' s Frau mir antworten würde , und Deine Stimme tönte in mein Ohr . " " Weil ich anstatt Mariens mit dem Teller hereingekommen war . " " Und eben diese Stunde , wo ich mit Dir rede , hat etwas Zauberhaftes an sich . Wer kann sich denken , welches düstere , traurige und hoffnungslose Leben ich seit Monaten führte ? Nichts that , Nichts erwartete , Tag und Nacht verwechselte und nur die Empfindung der Kälte hatte , wenn ich das Feuer ausgehen ließ , des Hungers , wenn ich zu essen vergaß , und dann zu Zeiten ein wahnsinniges Verlangen , meine Johanna wiederzusehen . Ja , sie wieder zu haben , verlangte mich weit mehr , als nach meinem verlornen Gesicht . Wie kann es sein , daß Johanna bei mir ist und sagt , daß sie mich liebt ? Wird sie nicht eben so plötzlich wieder fort sein , als sie kam ? Morgen , fürchte ich , werde ich sie nicht mehr finden . " Eine gewöhnliche praktische Antwort aus der Reihe seiner verstörten Gedanken war bei seinem Gemüthszustande gewiß das Beste und Beruhigendste . Ich fuhr mit meinem Finger über seine Augenbrauen , bemerkte , daß sie versengt waren und sagte , ich wolle etwas anwenden , wonach sie wieder eben so stark und schwarz werden würden , als immer . " Wozu nützt es , mir auf irgend eine Art einen Dienst zu erweisen , wohlthätiger Geist , wenn Du mich in irgend einem unheilvollen Augenblick verlassen - gleich einem Schatten dahinschwinden willst , ohne daß ich weiß , wohin Du gehst oder wo Du weilst , und für mich später immer unerreichbar bleibst . " " Haben Sie einen Taschenkamm bei sich , mein Herr ? ” " Wozu , Johanna ? " " Nur um diese struppige schwarze Mähne auszukämmen . Ich finde Sie in der That fürchterlich , wenn ich Sie in der Nähe ansehe : Sie sagen , ich sei eine Fee ; aber ich bin gewiß , Sie gleichen mehr einem Kobold . ” " Bin ich denn so garstig , Johanna ? ” " Sehr garstig , Herr ; Sie wissen wohl , Sie waren es immer . " " Hm ! die Bosheit hast Du nicht verlernt , wo Du Dich auch aufgehalten . " " Ich bin bei guten Leuten gewesen , viel besser , als Sie : hundertmal besser , bei Leuten , die Gedanken und Ansichten hegten , die Ihnen im Leben nicht eingefallen : viel verfeinerter und erhabener . " " Bei wem , zum Henker , bist Du denn gewesen ? " " Wenn Sie sich so drehen , werde ich Ihnen das Haar aus dem Kopfe reißen , und dann werden Sie doch aufhören , an meiner wirklichen Gegenwart zu zweifeln . " " Bei wem bist Du gewesen , Johanna ? " " Sie sollen es nicht von mir herausbringen , Herr ; Sie müssen bis morgen warten : daß ich meine Geschichte nur halb erzähle , möge für Sie eine Art von Unterpfand sein , daß ich an Ihrem Frühstücktische erscheinen werde , um sie zu beenden . Beiläufig gesagt , darf ich dann nicht wieder nur mit einem Glase Wasser an Ihrem Kamin erscheinen : ich muß wenigstens ein Ei bringen , um Nichts von gesottenem Schinken zu sagen . " " Du spottendes Wechselkind - von einer Fee geboren und menschlich erzogen ! Du bringst Gefühle in mir hervor , die ich seit einem Jahre nicht empfunden . Wenn Saul Dich als seinen David gehabt hätte , so hätte der böse Geist ohne die Hülfe der Harfe verbannt werden können . " “ So Herr , nun sind Sie aufgeputzt und sehen anständig aus , und nun will ich Sie verlassen : ich bin in den letzten drei Tagen weit gereist und glaube , ich bin ermüdet . Gute Nacht ! ” “ Noch ein Wort , Johanna : waren nur Damen in dem Hause , wo du gewesen ? ” Ich lachte und entfloh , und lachte noch , als ich die Treppe hinaufeilte . “ Ein guter Einfall ! " dachte ich freudig . Ich sehe , ich habe das Mittel gefunden , ihn auf einige Zeit von seiner Schwermuth abzubringen . Sehr früh am nächsten Morgen hörte ich ihn schon im Hause sich regen und von einem Zimmer zum andern gehen . Sobald Maria herunterkam , hörte ich die Frage : " Ist Miß Eyre hier ? Welches Zimmer hast Du ihr angewiesen ? War es auch nicht feucht ? Ist sie schon auf ? Geh und frage sie , ob sie etwas bedarf , und wann sie herunterkommen will . " Ich ging hinunter , sobald ich glaubte , es sei die Aussicht da , Frühstück zu bekommen . Indem ich sehr leise ins Zimmer trat , konnte ich ihn betrachten , ehe er meine Gegenwart bemerkte . Es war in der That traurig , diesen kräftigen Geist der körperlichen Schwäche unterliegen zu sehen . Er saß still in seinem Stuhle , schien aber keine Ruhe zu haben und war offenbar in lebhafter Erwartung . Die Linien seiner jetzt gewohnten Traurigkeit bezeichneten seine starken Züge . Sein Gesicht erinnerte an eine erloschene Lampe , welche wartete , bis man sie wieder anzünden werde — und ach ! er selbst konnte jetzt nicht den Glanz des belebten Ausdrucks anzünden : er mußte diesen Dienst von einem Andern erwarten ! Ich hatte heiter und sorglos sein wollen . aber die Kraftlosigkeit des starken Mannes rührte tief mein Herz . Dennoch redete ich ihn so lebhaft an , als ich konnte . " Es ist ein heiterer sonniger Morgen , mein Herr , sagte ich . “ Der Regen ist vorüber , die Sonne scheint müde und Sie sollen bald einen Spaziergang machen . ” Ich hatte die Glut angefacht : seine Züge strahlten . “ O , bist Du wirklich da , meine Himmelslerche ; komm zu mir . Du bist nicht fort : nicht verschwunden ? Ich hörte vor einer Stunde eine Deiner Art hoch über dem Walde singen : aber ihr Lied hatte keine Musik für mich , eben so wenig , wie die aufgehende Sonne Strahlen hatte . Alle Melodie auf Erden liegt für mein Ohr in der Zunge meiner Johanna — es ist mir lieb , daß sie keine schweigsame ist - und aller Sonnenschein , den ich fühlen kann , liegt in ihrer Gegenwart . ” Das Wasser trat mir in die Augen , als ich dieses Geständniß seiner Abhängigkeit hörte : gerade als wenn ein auf eine Stange gefesselter königlicher Adler genöthigt wäre , einen Sperling zu bitten , sein Versorger zu sein . Aber ich wollte mich nicht den Thränen hingeben : ich trocknete die salzigen Tropfen und beschäftigte mich mit der Bereitung des Frühstücks . Der größte Theil des Morgens wurde in der freien Luft zugebracht . Ich führte ihn aus dem nassen und wilden Walde auf heitere Felder : ich beschrieb ihm , wie glänzend grün sie wären ; wie erfrischt die Blumen und Hecken aussähen : wie schimmernd blau der Himmel wäre . Ich suchte einen Sitz für ihn an einer verborgenen und lieblichen Stelle auf einem trockenen Baumstamm . Auch weigerte ich mich nicht , mich vor ihm , als er saß , auf sein Knie setzen zu lassen , warum sollte ich es auch , da wir Beide glücklicher waren , wenn wir einander nahe , als getrennt waren ? Pilot lag neben uns ; Alles war ruhig . Plötzlich brach er aus , während er mich in seine Armen drückte : " O ! wie grausam war es , mich zu verlassen O Johanna , was fühlte ich , als ich entdeckte , da Du von Thornfield entflohen seiest und ich Dich nirgends finden konnte ; als ich Dein Zimmer durchsuchte und fand , daß Sie kein Geld mitgenommen , und Nichts , was Dir als solches dienen konnte ! Das Perlenhalsband , welches ich dir gegeben , lag unberührt in seinem kleinen Kästchen ; Deine Koffer hattest Du verschlossen zurückgelassen , wie sie zu der beabsichtigten Reise nach der Hochzeit gepackt waren . Was kann mein Liebling anfangen , fragte ich , da er von Allem verlassen und ohne Geld ist ? Und was thatest Du ? Laß mich jetzt hören . ” So aufgefordert , begann ich die Erzählungen meiner Erfahrungen des letzten Jahres . Ich milderte meinen Bericht über die drei Tage des Umherwanderns und Hungerns sehr , weil ich ihm nur unnöthigen Schmerz verursacht hätte , wenn ich ihm Alles erzählt , und schon das Wenige , was ich sagte , verwundete sein treues Herz tiefer , als ich es wünschte . Ich hätte ihn nicht so verlassen sollen , sagte er , ohne Mittel zum Fortkommen zu haben : ich hätte ihm meine Absicht sagen sollen . Ich hätte ihm vertrauen sollen : er würde mich nimmermehr gezwungen haben , seine Maitresse zu werden . So heftig er auch in seiner Verzweiflung geschienen , habe er mich doch in Wahrheit zu innig und zärtlich geliebt , um mein Tyrann zu werden : er hätte mir sein halbes Vermögen gegeben , ohne auch nur einen Kuß dafür zu verlangen , lieber , als daß ich mich freundlos in die weite Welt gestürzt hätte . Er sei gewiß , ich habe viel mehr gelitten , als ich ihm bekennen wolle . “ Nun gut , ” antwortete ich , “ welches auch mein Leiden sein mochte , es war wenigstens sehr kurz . ” Hierauf erzählte ich ihm , wie ich in Moor-House aufgenommen worden , wie ich die Stelle als Schullehrerin erhalten u. s. w. Die Erbschaft und die Entdeckung meiner Verwandten folgte in gehöriger Ordnung . Natürlich kam der Name meines Vetters Saint John Rivers häufig in meiner Erzählung vor . Als ich zu Ende war , wurde dieser Name sogleich aufgegriffen . " Dieser Saint John ist also Dein Vetter ? ” " Du hast oft von ihm gesprochen : gefiel er Dir denn ? " “ Er ist ein sehr guter Mann , Herr ; er mußte mir wohl gefallen . ” “ Ein guter Mann ? Meinst Du damit einen respectablen , achtungswerthen Mann von funfzig Jahren , oder was meinst Du ? ” “ Saint John ist erst neunundzwanzig , Herr . ” " Also noch jung . Ist er ein Mann von kleiner Statur , phlegmatisch und gewöhnlich ? Ein Mann , dessen Güte mehr in seiner Reinheit vom Laster , als in seiner Geneigtheit zur Tugend besteht ? ” “ Er ist unermüdlich thätig . Große und erhabene Thaten sind es , die er zu vollführen wünscht . ” " Aber sein Geist ist wahrscheinlich unbedeutend ? Er meint es gut , aber Du zuckst die Achseln , wenn er spricht ? ” “ Er spricht wenig , Herr , aber was er spricht , ist stets richtig . Sein Geist gehört der höchsten Classe an , denke ich : er ist nur wenig äußerer Eindrücke fähig , aber kräftig . ” " Ist er ein talentvoller Mann ? " " Sehr talentvoll . ” " Ein vollkommen unterrichteter Mann ? " " Saint John ist ein begabter und tiefer Gelehrter . ” " Ich meine , Du sagtest , sein Benehmen sei nicht nach Deinem Geschmack zudringlich — und predigend ? ” " Ich erwähnte sein Benehmen nicht ; aber wenn ich auch einen sehr schlechten Geschmack hätte , müßte es mir doch gefallen , denn es ist gebildet , ruhig und vornehm . ” “ Sein Aeußeres - ich vergaß , welche Beschreibung Du nur von seinem Aeußeren machtest — ein unbeholfener Landpfarrer , halb erwürgt von seinem weißen Halstuch und schwerfällig in seinen dickbesohlten Stiefeln gehend , nicht wahr ? ” “ Saint John ist immer wohlgekleidet . Er ist ein schöner Mann : groß und blond , mit blauen Augen und einem griechischen Profil . ” “ Zum Henker mit ihm , " sagte er bei sich selber . “ Gefiel er Dir , Johanna ? ” fügte er laut hinzu . " Ja , Herr Rochester , er gefiel mir , aber Sie haben schon einmal gefragt . ” Ich bemerkte die Gedankenrichtung meines Geliebten . Eifersucht hatte sich seiner bemächtigt und quälte ihn ; aber die Qual war heilsam , denn sie gab ihm Ruhe vor dem nagenden Zahne der Schwermuth . Ich wollte daher den Schlangenbiß nicht sogleich heilen . " Vielleicht sitzen Sie nicht gern länger auf meinem Knie , Miß Eyre ? " war die nächste , etwas unerwartete Bemerkung . " Warum nicht , Herr Rochester ? ” " Die Schilderung , die Sie eben entworfen , bildet einen etwas zu starken Contrast . Ihre Worte haben sehr hübsch einen anmuthigen Apollo geschildert : er ist Ihrer Einbildungskraft gegenwärtig - groß , blond , blauäugig und mit griechischem Profil . Ihre Augen ruhen auf einem Vulkan — einem wahren Grobschmied , braun , breitschulterig und blind und verstümmelt dazu . ” " Ich dachte noch nie vorher daran ; aber Sie gleichen in der That dem Vulkan , mein Herr . " " Gut — Sie können mich verlassen , Fräulein ; aber ehe Sie gehen - und er hielt mich fester als je — werden Sie so gut sein , mir eine oder zwei Fragen zu beantworten . " Er schwieg . " Welche Fragen , Herr Rochester ? " Hierauf erfolgte sein Gegenverhör . " Saint John machte Sie zur Schullehrerin in Morton , ehe er wußte , daß Sie seine Cousine waren ? ” " Ja . " " Sie sahen ihn oft ? Er besuchte die Schule zuweilen ? " " Täglich . " " Er billigte Ihre Methode , Johanna ? -- Ich weiß , daß sie gut sein mußte , denn Sie sind ein talentvolles Geschöpf . " " Er billigte sie — ja . " " Er entdeckte Vieles in Ihnen , was er nicht zu finden erwartet ? Einige von Ihren Talenten sind nicht gewöhnlich . " " Ich weiß Nichts davon . " " Sie bewohnten ein kleines Haus neben der Schule , sagen Sie : besuchte er Sie jemals dort ? ” " Zuweilen . " " Im Abend ? " " Ein oder zweimal ? " Hier trat eine Pause ein . " Wie lange hielten Sie sich bei ihm und seinen Schwestern auf , nachdem die Verwandtschaft entdeckt war ? " " Fünf Monate . " " Brachte Rivers viel Zeit bei den Damen seiner Familie zu ? " " Ja , das Sprachzimmer war zugleich sein und unser Studirzimmer : er saß am Fenster und wir am Tische . " “ Studirte er viel ? ” “ Sehr viel . " “ Was ? ” " Die hindostanische Sprache . " " Und was thaten Sie indessen ? ” " Ich lernte Anfangs die deutsche Sprache . " " Unterrichtete er Sie darin ? " " Er verstand nicht Deutsch . " " Unterrichtete er Sie denn in Nichts ? " " Ein wenig in der hindostanischen Sprache . " " Rivers unterrichtete Sie in der hindostanischen Sprache ? " " Ja , mein Herr " " Und seine Schwestern auch ? " " Nein . " " Nur Sie ? " " Nur mich . " " Wünschten Sie diese Sprache zu lernen ? " Nein . " " Er wünschte Sie also darin zu unterrichten ? " Eine zweite Pause . " Warum wünschte er es ? Was sollte Ihnen das Hindostanische nützen ? " " Er wollte , daß ich mit ihm nach Indien gehen sollte . ” " Ah ! da haben wir die Wurzel von der Sache . Er wollte , Sie sollten ihn heirathen ? ” " Er forderte mich auf , ihn zu heirathen . " " Das ist eine Erdichtung - eine unverschämte Erfindung , mich zu ärgern . " " Ich bitte um Verzeihung , es ist die buchstäbliche Wahrheit : er machte mir mehr als einmal den Antrag und war in dieser Hinsicht so dringend , wie Sie es nur je sein konnten . " “ Miß Eyre , ich wiederhole es , Sie können mich verlassen . Wie oft soll ich dasselbe wiederholen ? Warum bleiben Sie so beharrlich auf meinem Knie sitzen , da ich Ihnen doch schon gesagt habe , daß Sie es verlassen können ? ” " Weil es mir hier bequem ist . ” " Nein , Johanna , es ist Dir nicht bequem hier , weil Dein Herz nicht bei mir ist , sondern bei diesem Vetter — diesem Saint John . O ! bis zu diesem Augenblick glaubte ich , meine kleine Johanna wäre ganz mein ! Ich glaubte , sie liebte mich noch , selbst als sie mich verließ : das war ein Atom von Süßigkeit in meinem bittern Kelch . So lange wir auch getrennt gewesen , so heiße Thränen ich auch über unsere Trennung geweint , dachte ich doch nie , daß Sie , während ich Sie betrauerte , einen Andern lieben ! Aber der Kummer ist unnütz ! Verlassen Sie mich , Johanna : gehen Sie und heirathen Rivers . " " Schütteln Sie mich ab - stoßen Sie mich fort , denn ich will Sie nicht mit freiem Willen verlassen . ” " Johanna , ich liebe immer den Ton Deiner Stimme , er erneuert meine Hoffnung und klingt so wahr . Wenn ich ihn höre , versetzt er mich ein Jahr zurück . Ich vergesse , das Du ein neues Band geschlossen . Aber ich bin kein Thor — geh — “ " Wohin soll ich gehen , Herr ? ” " Ihren eigenen Weg - mit dem Gemahl , den Sie gewählt . ” " Wer ist das ? ” " Sie wissen es ja - dieser Saint John Rivers . ” " Er ist nicht mein Gatte und wird es auch nie werden . Er liebt mich nicht , und ich liebe ihn nicht . Er liebt , so sehr er lieben kann , und das ist nicht , wie Sie lieben , eine schöne junge Dame , Namens Rosamunde . Er wollte mich nur heirathen , weil er glaubte , ich würde zu der Gattin eines Missionairs passen , was sie nicht würde gethan haben . Er ist gut und groß , aber streng und kalt wie ein Eisberg für mich . Er ist nicht wie Sie , Herr ; ich bin nicht glücklich an seiner Seite oder in seiner Nähe . Er hat keine Nachsicht mit mir - keine Zärtlichkeit für mich . Er sieht nichts Anziehendes in mir , als einige nützliche geistige Fähigkeiten . Muß ich Sie also verlassen , Herr , um mit ihm zu gehen ? ” Ich empfand einen unwillkürlichen Schauder und hing mich instinktmäßig fester an meinen blinden aber geliebten Herrn . Er lächelte . " Wie , Johanna ! ist dies wahr ? Steht die Sache wirklich so zwischen dir und Rivers ? “ “ Vollkommen , Herr . u Sie dürfen nicht eifersüchtig sein ! Ich wollte Sie nur ein wenig reizen , um Sie weniger traurig zu machen : ich dachte , der Zorn würde besser sein , als der Kummer . Aber wenn Sie wünschen , daß ich Sie liebe , und wenn Sie nur sehen könnten , wie sehr ich Sie liebe , so würden Sie stolz und zufrieden sein . Mein ganzes Herz gehört Ihnen , Herr , und bei Ihnen würde es bleiben , auch wenn das Schicksal mich auf immer aus Ihrer Nähe verbannte . " Als er mich küßte , wurde sein Gesicht wieder von schmerzlichen Gedanken verdunkelt . " Mein verblendetes Gesicht ! mein verkrüppelter Arm ! " murmelte er traurig . Ich liebkoste ihn , um ihn zu beruhigen . Ich wußte , woran er dachte , und wünschte für ihn zu reden , doch ich wagte es nicht . Als er sein Gesicht auf eine Minute abwendete , sah ich eine Thräne unter dem geschlossenen Augenlid hervordringen und über seine männliche Wange niederrollen . Mein Herz schwoll . " Ich bin nicht besser , als der alte vom Blitz getroffene Kastanienbaum im Garten zu Thornfield , " sagte er endlich . " Und welches Recht würde dieser Stumpf haben , eine blühende Waldwinde zu bitten , seinen Verfall mit ihrer Frische zu bekleiden ? ” " Sie sind kein Stumpf , Herr , — kein vom Blitz getroffener Baum : Sie sind grün und prächtig . Pflanzen werden um Ihre Wurzeln aufwachsen , Sie mögen sie nun wollen oder nicht , weil Sie an ihrem milden Schatten Gefallen finden : und indem sie wachsen , werden sie sich zu Ihnen neigen und sich um Sie winden , weil ihre Kraft ihnen eine sichere Stütze gewährt . " Er lächelte wieder : ich hatte ihm Trost gewährt . “ Du redest von Freunden , Johanna ? ” fragte er . “ Ja , von Freunden , " antwortete ich zaudernd , denn ich wußte , daß ich mehr meinte , als Freunde , doch vermochte ich kein anderes Wort anzuwenden . Es kam mir zur Hülfe . ” “ Ach , Johanna , aber ich bedarf ein Weib . ” " Wirklich , Herr ? ” “ Ja ; ist Dir das neu ? ” “ Gewiß , denn Sie sagten vorher nichts davon . ” “ Ist es eine unwillkommene Nachricht ? ” " Das hängt von Umständen ab , Herr — von Ihrer Wahl . ” " Welche Wahl würdest Du für mich treffen , Johanna . Ich will es auf Deine Entscheidung ankommen lassen . ” " So wählen Sie die , welche Sie am meisten liebt . " " Ich will wenigstens die wählen , die ich am meisten liebe . Johanna , willst Du mich heirathen ? ” " Ja , Herr . " " Einen armen blinden Mann , den Du bei der Hand umherführen mußt ? ” " Ja , Herr . " " Einen verkrüppelten Mann , der zwanzig Jahre älter ist , als Du , und dessen Wärterin Du sein mußt ? " " Ja , Herr . " " Ist es Dein Ernst , Johanna ? ” " Mein voller Ernst , Herr . " “ O ! mein Liebling ! Gott segne und belohne Dich ! " " Herr Rochester , wenn ich je eine gute Handlung im Leben that - wenn ich je einen guten Gedanken dachte - wenn ich je ein aufrichtiges und tadelloses Gebet verrichtete - — wenn ich je einen gerechten Wunsch hegte - so bin ich jetzt belohnt . Ihre Gattin zu werden , heißt für mich so glücklich sein , als ich es auf Erden nur sein kann . " " Weil Du Vergnügen an einem Opfer empfindest ? " “ Opfer ! was opfere ich denn auf ? Hunger für Speise , Erwartung für Zufriedenheit . Das Vorrecht zu haben , meine Arme um das zu schlingen , was ich schätze - meine Lippen auf das zu drücken , was ich liebe — auf dem zu ruhen , dem ich vertraue : heißt das ein Opfer bringen ? Wenn das ißt , so finde ich gewiß Vergnügen am Opfer . ” “ Und meine Schwächen zu nagen ; meine Mängel zu übersehen . " “ Welche Nichts für mich sind , Herr . Ich liebe Sie jetzt mehr , da ich Ihnen wahrhaft nützlich bin , als in Ihrem Zustande stolzer Unabhängigkeit , wo Sie jede andere Rolle als die des Gebers und Beschützers verachteten . ” “ Bisher habe ich es gehaßt , mir helfen und mich führen zu lassen . Jetzt fühle ich , daß ich es nicht mehr hassen werde . ” Ich legte meine Hand nicht gern in die eines Dieners , aber es ist angenehm , sie von Johanna ' s kleinen Fingern umschlossen zu fühlen . Ich zog die äußerste Einsamkeit der beständigen Gegenwart der Diener vor : aber Johanna ' s beständige Wartung wird eine ununterbrochene Freude sein . Johanna ist mir angemessen : bin ich ihr auch angemessen ? ” " Bis zur feinsten Fiber meiner Natur , Herr . “ " Da die Sache so steht , so haben wir auf Nichts in der Welt zu warten : wir müssen augenblicklich getraut werden . " Lebhaftigkeit zeigte sich in seinem Ausdruck und in seinen Worten : sein früherer Ungestüm war zurückgekehrt . " Wir müssen ohne Aufschub ein Fleisch werden , Johanna : wir haben nur um die Dispensation nachzusuchen und dann verheirathen wir uns " " Herr Rochester , ich habe eben entdeckt , daß die Sonne schon weit von ihrem Höhenpunkte niedergesunken ist , und Pilot hat schon den Rückweg angetreten , um zu seinem Mittagsessen zu gehen . Lassen Sie mich nach Ihrer Uhr sehen . " " Befestige Sie an Deinem Gürtel , Hannchen , und behalte sie von jetzt an : ich bedarf ihrer nicht . " " Es ist beinahe vier Uhr Nachmittags , Herr . Empfinden Sie keinen Hunger ? " " Der dritte Tag von heute an muß unser Hochzeitstag sein , Johanna . Denke jetzt nicht an schöne Kleider und Zuweilen : das Alles ist keinen Strohhalm werth . ” " Die Sonne hat alle Regentropfen aufgetrocknet . Der Wind hat sich gelegt und es ist sehr warm . " " Denke nur , Johanna , ich habe Dein kleines Perlenhalsband in diesem Augenblick um meinen braunen Hals unter meinem Halstuch ! Ich habe es immer getragen seit dem Tag , wo ich meinen einzigen Schatz verlor , als Andenken an Dich . ” “ Wir wollen durch den Wald heimgehen : das wird der schattige Weg sein . ” Er setzte seine eigenen Gedanken fort , ohne auf mich zu achten . “ Johanna , ich denke , Du hältst mich für einen Kerl ohne Religion : aber mein Herz schwillt gerade jetzt von Dankbarkeit für den gütigen Gott . Er steht nicht wie Menschen sehen , sondern viel klarer : urtheilt nicht wie Menschen urtheilen , sondern viel weiser . Ich hatte Unrecht : ich wollte meine unschuldige Blume beflecken - ihre Reinheit mit Schuld belasten : der Allmächtige entriß sie mir . In meiner halsstarrigen Widersetzlichkeit verfluchte ich fast die Fügung : anstatt mich dem Beschlusse zu beugen , trotzte ich ihm . Die göttliche Gerechtigkeit verfolgte ihren Weg ; das Mißgeschick drängte sich dicht um mich : ich war genöthigt , durch das Thal der Schatten des Todes zu gehen . Seine Züchtigungen sind mächtig , und eine traf und demüthigte mich auf immer . Du weißt , ich war stolz auf meine Stärke : aber was ist sie jetzt , wenn ich sie fremder Leitung überlassen muß , wie das Kind seine Schwäche ? In der letzten Zeit , Johanna , — erst in der letzten Zeit — begann ich die Hand Gottes in meinem Unglück zu sehen und anzuerkennen ; ich empfand Reue und hegte den Wunsch der Aussöhnung mit meinem Schöpfer . Ich fing zuweilen an zu beten : sehr kurze Gebete waren es , aber sehr aufrichtig . Erst vor einigen Tagen : — ja ich kann sie zählen , es sind vier — es war in der Nacht am letzten Montag — befiel mich eine seltsame Stimmung , wo der Wahnsinn durch Kummer ersetzt wurde . Ich hatte lange den Gedanken gehabt , wenn ich Dich nirgends finden könnte , müßtest Du todt sein . Spät an jenem Abend — vielleicht zwischen elf und zwölf Uhr — flehte ich , ehe ich mich zu meiner unerfreulichen Ruhe begab , inbrünstig zu Gott , wenn es ihm gut scheine , so möge er mich bald aus diesem Leben nehmen und in jene künftige Welt versehen , wo ich die einzige Hoffnung hegte , Johanna wiederzusehen . Ich war in meinem Zimmer und saß am Fenster , welches offen war : es beruhigte mich , die balsamische Nachtluft zu fühlen , obgleich ich keine Sterne sehen kennte , und nur die Gegenwart des Mondes wie einen undeutlichen leuchtenden Nebel wahrnahm . Ich sehnte mich nach Dir , Johanna ! ich sehnte mich nach Dir mit Seele und Fleisch ! Ich fragte Gott in Qual und Demut , ob ich noch nicht lange genug verlassen , trostlos und gequält gewesen und nicht bald wieder Segen und Frieden kosten dürfe . Ich gestand ein , daß ich Alles verdiene , was ich erduldet habe — ich schützte vor , daß ich kaum mehr erdulden könne ; und der Anfang und das Ende der Wünsche meines Herzens kam unwillkürlich von meinen Lippen in den Worten : Johanna ! Johanna ! Johanna ! " " Sprachen Sie diese Worte laut ? ” " Ich that es , Johanna . Wenn mich Jemand gehört hätte , würde er mich für verrückt gehalten haben , mit so wahnsinniger Kraft sprach ich sie aus . " " Und es war am letzten Montag Abend , nicht lange vor Mitternacht ? " “ Ja , aber die Zeit ist von keiner Bedeutung : was darauf folgte , ist das Seltsame . Du wirst mich für abergläubisch halten - einigen Aberglauben habe ich in meinem Blut und hatte ihn stets ; dennoch ist dies wahr- wahr wenigstens ist es , daß ich hörte , was ich jetzt erzähle . — Als ich Johanna ! Johanna ! Johanna ! rief , da antwortete mir eine Stimme - ich kann nicht sagen , woher sie kam , aber ich wußte , wessen Stimme es war : Ich komme : warten Sie