konntest ; ich sah sogar , daß du sie mit Geschick und Takt thatest ; während du herrschtest , konntest du dir noch Herzen erobern . In der Ruhe , mit welcher du die Nachricht hinnahmst , daß du plötzlich reich geworden , erkannte ich ein Gemüt , das frei von allem Laster , – Geldsucht hatte keine Macht über dich . In der entschlossenen Bereitwilligkeit , mit welcher du deinen Reichtum in vier Teile teiltest , nur den einen Teil für dich behaltend und die drei anderen den Forderungen einer ganz abstrakten Gerechtigkeit überlassend , erkannte ich eine Seele , in welcher die Flamme der Dankbarkeit und des Opfermuts loderte . In der Lenksamkeit , mit welcher du auf meinen Wunsch ein Studium aufgabst , welches dich interessierte und ein anderes aufnahmst , nur weil es mich interessierte ; in dem unermüdlichen Fleiße , mit welchem du bis jetzt darin beharrt – in der festen , unerschütterlichen Energie und stets gleichmäßigen Laune , mit welcher du die Schwierigkeiten dieses Studiums überwandest – in dem allen erkannte ich die Vollkommenheit der Eigenschaften , welche ich suche . Jane , du bist sanftmütig , fleißig , selbstlos , treu , beständig und mutig ; sehr liebreich und sehr heldenmütig : höre auf , dir selbst zu mißtrauen – ich vertraue dir rückhaltlos . Als die Leiterin indischer Schulen , und die Helferin unter indischen Frauen , wird dein Beistand mir von unschätzbarem Werte sein . « Der eiserne Panzer , in den ich mich gehüllt , zog sich noch fester um mich zusammen ; die Überzeugung kam mit langsamen , sicheren Schritten daher . Ich mochte meine Augen verschließen wie ich wollte – diese seine letzten Worte reichten hin , um meinen Weg , welcher bis zu diesem Augenblick voller Hindernisse erschienen , verhältnismäßig frei zu machen . Meine Aufgabe , welche mich so unbestimmt gedünkt , so hoffnungslos verwirrt , hatte unter seiner Hand , während er gesprochen , eine bestimmte Gestalt angenommen . Er wartete auf eine Antwort , Ich bat um eine Viertelstunde der Überlegung , bevor ich von neuem zu sprechen wagte . » Gern , « entgegnete er , und nachdem er sich erhoben , ging er eine kurze Strecke die Schlucht hinauf , warf sich dort auf ein schwellendes Lager von Heidekraut und lag unbeweglich still . » Ich bin gezwungen einzugestehen , daß ich thun und vollbringen kann , was er von mir verlangt , « überlegte ich – » das heißt , wenn ich überhaupt am Leben bleibe . Aber ich fühle , daß dies unter einer indischen Sonne nicht lange der Fall sein würde . – Was dann ? Das kümmert ihn kaum ! Wenn die Zeit zum sterben für mich gekommen sein würde , gäbe er mich dem Gotte , der mich ihm gegeben , in aller Ruhe und Heiligkeit zurück . Das wäre eine sehr einfache Sache . Wenn ich England verließe , so würde ich nur ein teures , aber unendlich ödes , einsames Land verlassen – denn Mr. Rochester ist nicht darin , – und selbst wenn er da wäre , was wäre das mir ? Welche Bedeutung könnte das jemals noch für mich haben ? Meine Aufgabe ist es jetzt , ohne ihn zu leben . Nichts Dümmeres , nichts Schwächeres , Nutzloseres , als sich so von einem Tage zum andern zu schleppen ; gerade , als erwartete ich noch irgend eine unmögliche Veränderung der Verhältnisse , welche mich wieder mit ihm vereinigen könnte . Natürlich muß ich ein anderes Interesse im Leben suchen als Ersatz für das verlorene , wie St. John einst sagte , und ist die Aufgabe , welche er mir jetzt bietet , nicht in Wahrheit die ruhmreichste , welche ein Gott stellen und ein Mensch vollbringen kann ? Ist sie mit ihren edlen Sorgen und erhabenen Erfolgen nicht am besten geeignet die Leere auszufüllen , welche zerstörte Hoffnung und tote Liebe zurückgelassen ? Ich glaube , ich kann nur mit » Ja « antworten – und doch erfaßt mich ein Schauder . Denn ach ! wenn ich mit St. John gehe , so gebe ich mehr als die Hälfte meines Ichs dahin ; wenn ich nach Indien gehe , gehe ich einem frühzeitigen Tode entgegen . Und wie wird die Zeit , welche zwischen meinem Abschied von England und meinem Grabe in Indien liegt , verfließen ? O ! ich weiß es nur zu wohl ! Auch das liegt klar vor meinem Blicke ! Wenn ich mich anstrenge , bis meine Glieder schmerzen und meine Nerven reißen , werde ich St. Johns äußerste Erwartungen bis ins kleinste Detail hinein erfüllen . Wenn ich mit ihm gehe – wenn ich das Opfer bringe , das er verlangt , so bringe ich es ganz und gar ; dann lege ich alles auf den Altar – Herz , Lebenskraft , dann ist das Opfer vollständig . Er würde mich niemals lieben ; aber er sollte zufrieden mit mir sein . Ich würde ihm Kraft und Energie zeigen , Hilfsquellen , deren Dasein er nicht geahnt . Ja ! ich kann ebenso angestrengt arbeiten wie er , und mit ebenso großer Bereitwilligkeit . Einwilligung in seine Bitte wäre also möglich – ja . Aber da ist ein Punkt – ein furchtbarer Punkt . Und dieser ist – daß er verlangt , ich solle seine Gattin werden ; und er hat doch nicht mehr das Gefühl eines Gatten für mich als jener düstere , riesige Felsen , über welchen der Strom in den Abgrund hinabstürzt . Er schätzt mich wie ein Soldat eine gute Waffe wert hält – und das ist alles ! Nicht mit ihm verheiratet , würde das mich niemals bekümmern ; aber kann ich ihn seine Berechnungen zu Ende führen – ruhig seine Pläne ins Werk setzen lassen , und dann durch die Trauungsceremonie mit ihm gehen ? Kann ich den bräutlichen Ring von ihm entgegennehmen , alle Formen der Liebe ertragen , welche er ohne Zweifel ebenfalls gewissenhaft beobachten würde – und doch wissen , daß der Geist ihm fern ? Kann ich das Bewußtsein ertragen , daß jede Liebkosung , welche er mir zu teil werden läßt , ein Opfer ist , welches er seinen Grundsätzen bringt ? Nein ! Ein solches Martyrertum wäre ungeheuerlich ! Niemals werde ich es auf mich nehmen . Als seine Schwester könnte ich ihn begleiten – nicht als seine Gattin . Und das will ich ihm sagen . « Ich sah nach dem Hügel hin ; dort lag er regungslos wie eine gestürzte Säule . Sein Antlitz war mir zugewandt . Scharf und wachsam ruhten seine Blicke auf mir . Er sprang empor und näherte sich mir . » Ich bin bereit nach Indien zu gehen – wenn ich frei dorthin gehen kann . « » Deine Antwort bedarf eines Kommentars ; sie ist nicht klar . « » Bis jetzt sind Sie mein Adoptivbruder gewesen – ich Ihre adoptierte Schwester . Fahren wir fort , nur das zu sein . Es ist besser , wenn wir einander nicht heiraten . « Er schüttelte den Kopf . » In diesem Falle würde Adoptivgeschwisterschaft den Zweck nicht erfüllen . Wärst du meine wirkliche Schwester , so läge die Sache anders : ich würde dich mit hinausnehmen und kein Weib suchen . Wie die Dinge aber liegen , so muß unsere Verbindung entweder durch die Heirat geheiligt und besiegelt werden , oder sie darf überhaupt nicht bestehen . Praktische Einwürfe stellen sich jedem andern Plan entgegen . Siehst du das nicht ein , Jane ? Denk nur einen Augenblick nach – deine Vernunft wird dich leiten . « Ich dachte nach . Aber dennoch sagte mir meine Vernunft nichts als das eine Faktum , daß wir einander nicht liebten , wie Mann und Weib sich lieben sollen . Und deshalb bedeutete sie mir , daß wir nicht heiraten sollten ! Das sagte ich ihm . » St. John , « entgegnete ich , » ich liebe Sie wie meinen Bruder – Sie mich wie Ihre Schwester . Fahren wir so fort . « » Das können wir nicht – wir können es nicht , « antwortete er scharf und kurz entschlossen , » es ginge nicht . Du hast gesagt , daß du mit mir nach Indien gehen willst ; vergiß es nicht – du hast es gesagt . « » Bedingungsweise . « » Gut – gut . Gegen die Hauptsache – die Abreise von England mit mir , das Zusammenwirken mit mir in meiner künftigen Arbeit – hast du nichts einzuwenden . Du hast schon so gut wie deine Hand an die Pflugschar gelegt ; du bist zu beständig und ausdauernd , um sie wieder zurückzuziehen . Du hast nur ein Ziel ins Auge zu fassen – und das ist , wie die Arbeit , welche du unternommen , am besten zu Ende zu führen ist . Vereinfache deine vielfach komplizierten Interessen , Gefühle , Gedanken , Wünsche , Zwecke ; verschmelze all deine Bedenken in den einen Vorsatz , – jenen , mit Erfolg , mit Kraft die Mission deines mächtigen Herrn zu erfüllen . Um das thun zu können , mußt du einen Beistand , einen Mithelfer , einen Gatten haben – nicht einen Bruder , denn dies ist ein zu loses Band . Auch ich brauche keine Schwester : eine Schwester könnte mir jeden Tag genommen werden . Ich brauche eine Gattin – das ist die einzige Gehilfin , die ich im Leben kräftig genug beeinflussen und bis zum Tode absolut an mich fesseln kann . « Ein Schaudern erfaßte mich während er sprach ; bis ins Mark hinein fühlte ich seinen Einfluß – ich spürte die Macht , welche er über mich besaß . » Suchen Sie sie nicht in mir , St. John ! Suchen Sie ein Weib , das Ihrer würdiger ist als ich . « » Würdiger meines Zweckes , willst du sagen – würdiger meines Berufs . Ich wiederhole dir noch einmal , daß es nicht das unbedeutende Individuum ist – nicht der Mann mit den selbstsüchtigen Sinnen und Wünschen eines Mannes , für den ich eine Gefährtin suche – nein , ich suche sie für den Missionär . « » Und ich bin bereit , dem Missionär meine Kraft zu geben – denn das ist alles , was er wünscht – nicht aber mich selbst ; das hieße ja doch nur dem Kern die Schale und die Hülse hinzufügen . Für diese hat er keine Verwendung – und deshalb will ich sie behalten . « » Das kannst du nicht – das darfst du nicht ! Glaubst du , daß Gott sich mit einem halben Opfer zufrieden giebt ? Es ist die Sache Gottes , welche ich vertrete , in seine Armee reihe ich dich ein . Um seinetwillen darf ich einen halben Eid der Treue nicht annehmen – er muß ganz sein ! « » O ! ich bin bereit , Gott mein Herz zu geben – denn Sie brauchen es nicht ! « Ich kann nicht darauf schwören , mein lieber Leser , daß in dem Ton , mit welchem ich die letzten Worte sprach , und in der Empfindung , welche ihn begleitete , nicht ein wenig unterdrückter Sarkasmus lag . Bis jetzt hatte ich St. John im stillen gefürchtet , weil ich ihn nicht verstanden hatte . Er hatte mich in Schrecken gehalten , weil ich über ihn im Zweifel war . Bis jetzt war ich nicht im stande gewesen zu sagen , wieviel an ihm heilig , wieviel menschlich gewesen ; aber diese Konferenz führte zur Offenbarung , die Analyse seines Wesens vollzog sich vor meinen Augen . Ich sah seine Schwächen , ich verstand sie . Ich begriff , daß ich hier auf dem Lager von Heidekraut mit jener schönen Männergestalt vor mir , zu den Füßen eines Menschen lag , welcher irrte , wie ich irrte . Der Schleier fiel von seiner Härte und seinem Despotismus . Und als ich diese Eigenschaften in ihm entdeckt hatte , sah ich seine Unvollkommenheit und faßte Mut . Ich stand meinesgleichen gegenüber – einem Menschen , mit dem ich disputieren konnte – dem ich widerstehen konnte , wenn ich es für gut und notwendig hielt . Als ich die letzten Worte gesprochen , schwieg er ; ich wagte einen Blick auf sein Antlitz zu werfen . Sein Auge , das auf mich gerichtet , drückte zugleich ernstes Erstaunen und scharfe Neugierde aus . Es schien zu sagen : » Ist sie sarkastisch ? Und sarkastisch mir gegenüber ? « » Was bedeutet dies ? « Und nach einer Weile fuhr er fort : » Laß uns nicht vergessen , daß dies eine ernste Angelegenheit ist , eine Sache , von welcher wir nicht ungestraft leichtsinnig sprechen dürfen . Ich hoffe , Jane , daß es dein Ernst ist , wenn du sagst , daß du Gott dein Herz geben willst , – das ist alles , was ich verlange . Wenn du dein Herz erst von allem Irdischen losgemacht und es deinem Schöpfer gegeben hast , so wird die Ausbreitung des Reiches dieses deines Schöpfers deine höchste Wonne , dein einziges Bestreben sein , und du wirst zu jeder Stunde bereit sein alles zu thun , was jenen Zweck fördert . Du würdest sehen , welche mächtige Triebkraft dein und mein Streben durch unsere geistige und leibliche Vereinigung in der Ehe erhalten würde – diese einzige Vereinigung , welche den Schicksalen und Bestrebungen menschlicher Geschöpfe den Charakter dauernder Übereinstimmung verleiht – ; und , indem ich über alle anderen kleinen Kapricen – alle trivialen Schwierigleiten und Zartheiten der Empfindungen – alle Skrupel über den Grad , die Art , die Macht oder Zärtlichkeit rein persönlicher Neigung fortgehe – du wirst dich beeilen , diese Verbindung auf der Stelle zu schließen ! « » Werde ich ? « sagte ich kurz , und ich blickte auf seine Züge , die so schön in ihrer Harmonie , aber seltsam furchteinflößcnd in ihrer stillen Strenge waren , auf seine Stirn , die herrschsüchtig und mächtig , aber nicht offen war ; auf seine Augen , die hell und glänzend und tief und durchdringend , aber niemals sanft blickten ; auf seine schlanke , imposante Gestalt – und dann stellte ich mich mir selbst im Geiste als sein Weib vor , O ! das wäre unmöglich ! Als seine Helferin , sein Kamerad , meinetwegen ! In diesen Eigenschaften würde ich Meere mit ihm durchkreuzen ; in diesem Amt würde ich in asiatischen Wüsten unter einer tropischen Sonne mit ihm arbeiten und streben , seinen Mut , seine Hingebung , seine Kraft bewundern und anspornen ; mich ruhig seiner Herrschaft unterwerfen ; ruhig und unbewegt über seinen unausrottbaren Ehrgeiz lächeln ; den Christen von dem Menschen zu scheiden wissen , den einen im höchsten Grade achten und dem andern von ganzem Herzen vergeben . Ohne Zweifel würde ich oft und schwer leiden , wenn ich ihm nur in dieser Eigenschaft beigegeben wäre ; mein Körper würde unter einem qualvoll drückenden Joche leiden , aber mein Herz , meine Seele , mein Ich würden frei sein ! Ich könnte dann noch immer zu meinem ungestörten Selbst zurückkehren , ich hätte noch mein ungefesseltes Empfinden für die Augenblicke trauriger Einsamkeit . Es würde in meiner Seele Zufluchtsorte geben , die nur mir gehörten , in welche er niemals eindringen könnte ; Gefühle könnten dort frisch und ungestört keimen und wachsen , welche seine Strenge nicht zu versengen , sein gemessener Kriegerschritt nicht zu zertreten vermöchte – aber als sein Weib , stets ihm zur Seite , stets unterdrückt und stets beschränkt – gezwungen , das Feuer meiner Natur , meines Temperaments unaufhörlich zu bewachen , es zu zwingen , daß es sich in meinem Innern selbst verzehre , und niemals einen Schrei ausstoßen , wenn auch die eingeschlossene Flamme ein Lebenswerkzeug nach dem andern verzehrte – nein ! das würde unerträglich sein ! » St. John ! « schrie ich auf , als ich in meinem Sinnen bis hierher gekommen war . » Nun ? « fragte er eisigkalt . » Ich wiederhole es noch einmal , ich willige ein als Ihre Gefährtin , Ihre Hilfsmissionärin mit Ihnen zu gehen – aber nicht als Ihre Gattin . Ich kann Sie nicht heiraten – ich kann nicht ein Teil von Ihnen werden . « » Du mußt ein Teil von mir werden , « entgegnete er entschlossen , » oder der ganze Handel ist ungültig . Wie könnte ich , ein Mann , der noch nicht dreißig Jahre alt ist , ein Mädchen von neunzehn Jahren mit mir nach Indien nehmen , wenn es nicht meine Gattin ist ? Wie könnten wir für immer beisammen sein – zuweilen in abgelegenen Einöden , zuweilen unter wilden Stämmen – und nicht verheiratet ? « » Sehr wohl , « entgegnete ich kurz . » Sehr wohl unter solchen Umständen ; gerade so gut , als ob ich Ihre wirkliche Schwester oder ein Mann und Geistlicher wäre wie Sie selbst . « » Man weiß , daß du nicht meine Schwester bist ; ich kann dich nirgend als solche hinführen ; es hieße beleidigendes Mißtrauen an unser beider Fersen heften , wenn ich es versuchte . Und überdies – wenn du auch den starken Verstand eines Mannes hast , so hast du doch das Herz eines Weibes , – und – und es ginge nicht . « » Es würde gehen , « versicherte ich ziemlich verächtlich , » es würde ausgezeichnet gehen . Ich habe das Herz einer Frau – aber nicht , wenn Sie im Spiele sind ; für Sie hege ich nur die beständige Freundschaft eines Gefährten , die Offenherzigkeit , die Treue , die brüderliche Empfindung eines Kriegskameraden ; die Achtung und die Unterwürfigkeit eines Neubekehrten für seinen Oberpriester . Nichts mehr ! Fürchten Sie also nichts ! « » Das ist ' s , was ich brauche , « sagte er mit sich selbst sprechend , » das ist gerade , was ich brauche ! Und es sind Hindernisse im Wege ! – sie müssen niedergehauen werden . Jane , du würdest es nicht bereuen , wenn du mich heiratetest ; davon kannst du überzeugt sein . Wir müssen uns heiraten . Ich wiederhole es , es giebt keinen anderen Ausweg ; und nach der Heirat würde ohne Zweifel soviel Liebe entstehen , um die Verbindung in deinen Augen erträglich zu machen . « » Ich verabscheue Ihre Idee von der Liebe , « konnte ich nicht unterlassen zu sagen als ich mich erhob und nun mit dem Rücken an den Felsen gelehnt vor ihm stand , » ich verachte das unechte Gefühl , welches Sie mir bieten ! Ja , St. John ! Und ich verachte Sie , weil Sie es bieten ! « Er blickte mich scharf an und kniff seine schön geformten Lippen fest zusammen . Ob er empört oder überrascht oder sonst irgend etwas war , wäre schwer zu sagen ; er hatte seine Gesichtszüge vollständig in der Gewalt . » Ich erwartete kaum , diesen Ausdruck von dir zu hören , « sagte er . » Ich glaube , ich habe nichts gethan ober gesagt , was Verachtung verdiente . « Sein sanfter Ton rührte mich ; seine ruhige , erhabene Miene überwältigte mich . » Vergeben Sie mir die Worte , St. John ; aber es ist Ihre eigene Schuld , daß ich mich hinreißen ließ , so unüberlegt zu sprechen . Sie haben einen Gegenstand zur Sprache gebracht , über den wir unseren verschiedenen Naturen nach ganz verschieden denken , – einen Gegenstand , den wir beide niemals diskutieren sollten . Der bloße Name der Liebe wird schon zum Zankapfel zwischen uns – was würden wir thun , wo die Wirklichkeit notwendig wäre ? Wie würde uns ums Herz sein ? Mein teurer Vetter , geben Sie Ihren Heiratsplan auf – vergessen Sie ihn ! « » Nein , « entgegnete er , » es ist ein lange gehegter Plan , und der einzige , der mir mein großes Ziel sichern kann , aber für den Augenblick will ich nicht weiter in dich dringen . Morgen reise ich nach Cambridge , Ich habe dort viele Freunde , denen ich Lebewohl sagen möchte . Ungefähr vierzehn Tage werde ich vom Hause abwesend sein – überlege dir meinen Vorschlag während dieses Zeitraums ; und vergiß nicht , wenn du ihn zurückweisest , so verleugnest du nicht mich , sondern Gott . Ich bin nur das Werkzeug , durch welches er dir eine edle Lebenslaufbahn eröffnet ; aber nur als meine Gattin kannst du ihn betreten . Weigerst du dich , mein Weib zu werden , so beschränkst du dich selbst für alle Zeit auf einen Pfad voll selbstsüchtiger Bequemlichkeit und öder Dunkelheit . Zittere ! denn in solchem Falle zählst du zu denen , die den Glauben verleugnet haben und schlimmer sind als die Ungläubigen . « Jetzt war er zu Ende . Als er sich von mir abwandte , blickte er noch einmal zu den Bergen hinauf , auf den Fluß hinab . Aber jetzt hielt er jede Empfindung fest in seinem Herzen verschlossen : ich ward nicht mehr gewürdigt , sie in Worte gekleidet zu hören . Als ich an seiner Seite heimwärts ging , las ich in seiner steinernen Ruhe , seinem eisigen Schweigen alles , was er gegen mich empfand : die Enttäuschung einer harten , despotischen Natur , welche auf Widerstand gestoßen ist , wo sie Unterwerfung erwartete – die Mißbilligung einer kalten , unbeugsamen Vernunft , welche in einem Anderen Gefühle und Anschauungen entdeckt hat , mit denen sie nicht fähig ist zu sympathisieren . Kurzum , als Mann hatte er gewünscht , mich zum Gehorsam zu zwingen ; und nur als eifriger Christ ertrug er meinen Eigensinn so geduldig und gab mir eine so lange Zeit zum Nachdenken und zur Reue . Als er an diesem Abend vor dem Schlafengehen seine Schwestern geküßt hatte , hielt er es für angemessen , sogar den Händedruck mit mir zu vergessen und verließ schweigend das Zimmer . Ich , die , wenn auch keine Liebe , so doch innige Freundschaft für ihn hegte , fühlte mich durch diese Unterlassung verletzt , so tief verletzt , daß mir die Thränen aus den Augen stürzten . » Jane , ich sehe , daß du dich mit St. John während eures Spazierganges auf dem Moor gezankt hast , « sagte Diana . » Geh ihm nach , er weilt jetzt noch im Korridor und wartet auf dich – er will sich wieder mit dir versöhnen . « Unter solchen Umständen besitze ich nur wenig Stolz ; ich möchte immer viel lieber glücklich und zufrieden als würdevoll sein . Und deshalb lief ich ihm nach – er stand am Fuß der Treppe zum oberen Stockwerk . » Gute Nacht , St , John , « sagte ich . » Gute Nacht , Jane , « entgegnete er ruhig . » Geben Sie mir die Hand , « fügte ich hinzu . Welch einen kalten , leichten Druck fühlte ich auf meinen Fingern ! Er war tief verletzt durch das , was an diesem Tage vorgefallen war ; Thränen rührten ihn nicht ; Herzlichkeit erwärmte ihn nicht . Von ihm war keine glückliche Versöhnung zu erzielen – kein ermunterndes Lächeln , kein großmütiges Wort – aber der Christ war noch immer ruhig und geduldig ; und als ich ihn fragte , ob er mir vergeben habe , sagte er , daß es nicht seine Gewohnheit sei , die Erinnerung an eine Kränkung zu bewahren , daß er nichts zu vergeben habe , da er gar nicht beleidigt sei . Und mit dieser Antwort ging er von mir . Es wäre mir lieber gewesen , wenn er mich mit den Fäusten zu Boden geschlagen hätte . Fünfzehntes Kapitel . Am folgenden Tage reiste er jedoch nicht nach Cambridge ab , trotzdem er es gesagt . Er schob die Abreise noch eine ganze Woche auf , und während dieser Zeit ließ er es mich empfinden , welche schwere Strafe ein guter , jedoch strenger , ein gewissenhafter , jedoch unbeugsamer Mann einem Wesen auferlegen kann , das ihn beleidigt hat . Ohne irgend einen Akt von offener Feindseligkeit , ohne ein Wort des Vorwurfs gelang es ihm , mir fortwährend die Überzeugung beizubringen , daß ich seine Gunst vollständig verloren hatte . Nicht daß St. John den Geist unchristlicher Rachsucht gehegt hätte – nicht daß er mir auch nur ein Haar auf meinem Haupte gekrümmt hatte , selbst wenn es in seiner Macht gelegen ! Sowohl durch Grundsatz wie durch Natur war er erhaben über jede gemeine Befriedigung seines Rachegefühls ; er hatte mir verziehen , weil ich gesagt , ich verachte ihn und seine Liebe , aber die Worte hatte er nicht vergessen ; und er würde sie auch nicht vergessen , so lange er und ich lebten . Wenn er sich zu mir wandte , sah ich an seinem Blick , daß sie stets zwischen ihm und mir in der Luft geschrieben standen ; wenn ich sprach , so schlugen sie in meiner Stimme an sein Ohr , und ihr Echo klang aus jeder Antwort , die er mir gab . Er stand durchaus nicht von jeder Unterhaltung mit mir ab ; er rief mich sogar wie gewöhnlich jeden Morgen an sein Pult , um mit ihm zu arbeiten , aber ich fürchte , daß der böse Mensch in ihm ein Vergnügen darin fand zu zeigen , mit welcher Geschicklichkeit es ihm gelang – während er augenscheinlich ganz so handelte und sprach wie gewöhnlich – aus jedem Wort und jeder That den Geist des Interesses und des Beifalls zu entfernen , welcher früher seiner Sprache und seinem ganzen Wesen einen gewissen herben Reiz verliehen hatte – ein Vergnügen , an welchem der reine Christ in ihm keinem Anteil hatte . Für mich war er in Wirklichkeit nicht mehr Fleisch und Blut , sondern Marmor ; sein Auge war ein kalter , klarer , blauer Edelstein ; seine Zunge ein sprechendes Instrument – sonst nichts . Alles dies war Qual für mich – raffinierte , langsame Qual . Ein langsames Feuer der Empörung , ein immerwährend zitternder Kummer , der mich quälte und beugte , ward dadurch unterhalten . Ich fühlte , wie dieser gute Mensch – so rein wie die klarste Quelle – mich binnen kurzem töten würde , wenn ich seine Frau wäre , ohne meinen Adern einen einzigen Tropfen Blutes zu entziehen , ohne auf seinem eigenen krystallhellen Gewissen auch nur den leichtesten Hauch eines Verbrechens zu fühlen . Besonders empfand ich dies , wenn ich einen Versuch machte , ihn zu besänftigen . Mein Mitleid stieß auf kein Mitleid . Ihm verursachte unsere Entfremdung keine Qual ; er empfand kein Verlangen nach Versöhnung ; und obgleich meine schnellfließenden Thränen mehr als einmal auf das Buch fielen , über welches wir beide zusammen gebeugt waren , so machten sie nicht mehr Eindruck auf ihn , als wäre sein Herz in der That ein Gegenstand aus Metall oder Stein . Seinen Schwestern gegenüber war er indessen herzlicher als gewöhnlich ; gerade als fürchtete er , daß bloße Kälte mich noch nicht hinlänglich überzeugen könnte , wie vollständig ich in den Bann gethan , wollte er noch die Macht des Kontrastes hinzufügen . Und dies that er , ich bin fest davon überzeugt , nicht aus Bosheit , sondern aus Grundsatz . Am Abend vor seiner Abreise sah ich ihn zufällig gegen Sonnenuntergang im Garten auf- und abgehen . Als ich ihn erblickte , dachte ich wieder daran , daß dieser Mann , entfremdet wie er mir jetzt war , einst mein Leben gerettet hatte und daß wir nahe Verwandte seien . Das bewog mich , einen letzten Versuch zur Wiedererlangung seiner Freundschaft zu machen . Ich ging hinaus und näherte mich ihm , als er an die kleine Pforte gelehnt dastand . Sofort begann ich , von dem zu reden , was mir am Herzen lag . » St. John , ich bin unglücklich , weil Sie mir noch immer zürnen . Lassen Sie uns wieder Freunde sein . « » Ich hoffe , daß wir Freunde sind , « lautete die gelassene Antwort , während er den Blick auf den aufgehenden Mond gerichtet hatte , den er schon betrachtete , als ich mich ihm näherte . » Nein , St. John , wir sind nicht mehr Freunde wie früher . Sie wissen das gar wohl . « » Sind wir es nicht ? Das wäre Unrecht . Ich meinerseits wünsche Ihnen nichts Böses , sondern nur Gutes . « » Ich glaube Ihnen , St , John , denn ich bin fest überzeugt , daß Sie nicht fähig wären , irgend jemand Böses zu wünschen . Da ich aber Ihre Verwandte bin , möchte ich ein wenig mehr Liebe wünschen , als jene Art allgemeiner Philanthropie , die Sie auch auf ganz fremde Menschen ausdehnen . « » Natürlich , « sagte er . » Der Wunsch ist durchaus billig , und ich bin weit entfernt davon , Sie als eine Fremde zu betrachten . « Dies sprach er in sehr kühlem , ruhigem Ton , und das war kränkend und demütigend genug . Hätte ich den Ratschlägen meines Stolzes und meiner Wut Gehör gegeben , so würde ich ihn augenblicklich verlassen haben . Aber es war etwas in mir , das stärker war als diese Gefühle . Ich hatte eine tiefe Verehrung für die Grundsätze und die Begabung meines Vetters . Seine Freundschaft war von großem Werte für mich ; sie zu verlieren wäre eine harte Prüfung gewesen . Deshalb gab ich den Versuch , sie wieder zu erobern nicht so schnell auf . » Wollen wir uns denn in