, die Erscheinung zu untersuchen , und fand , daß der Glanz von der metallenen Klappe meiner Flöte herrührte , die seit Monaten ungebraucht in jener Ecke lehnte gleich einem vergessenen Wanderstabe . Ein einziger Sonnenstrahl traf das Stückchen Metall durch die schmale Ritze , welche zwischen den verschlossenen Fenstervorhängen offengelassen war ; allein woher , da das Fenster nach Westen ging und um diese Zeit dort keine Sonne stand ? Es zeigte sich , daß der Strahl von der goldenen Spitze eines Blitzableiters zurückgeworfen war , die auf einem ziemlich entfernten Hausdache in der Sonne funkelte , und so seinen Weg gerade durch die Vorhangspalte fand . Indessen hob ich die Flöte empor und beschaute sie . Die brauchst du auch nicht mehr ! dachte ich , wenn du sie verkaufst , so kannst du wieder einmal essen ! Diese Erleuchtung kam wie vom Himmel , gleich dem Sonnenstrahl . Ich kleidete mich an , trank ein großes Glas Wasser , an welchem ich keinen Mangel litt , und begann die Flöte auseinanderzunehmen und die Stücke vom Staube sorgfältig zu reinigen . Dann rieb ich sie mit einem Restchen Firnis und wollenen Läppchen tüchtig ab , salbte sie auch inwendig mit weißem Mohnöl , in Ermangelung von Mandelöl , das man sonst nimmt , damit das Instrument auch tönte , wenn es etwa geprüft wurde . Dann suchte ich das alte Flötenkästchen hervor und legte die Querpfeife so feierlich hinein , als ob ihr die wunderbarsten Kräfte inwohnten , und nun machte ich mich ohne längeres Säumen , und so rasch mich die matten Beine trugen , auf den Weg , einen Käufer für die alte Jugendfreundin zu suchen . Es dauerte nicht lange , so stieß ich in einer Seitengasse auf den kleinen dunklen Laden eines Trödlers , hinter dessen Fenster ich neben etwas altem Porzellangeschirr eine Klarinette stehen sah ; an dem andern Fenster hingen ein paar vergilbte Kupferstiche , in einem Rähmchen das verblichene Miniaturbildnis einer Militärperson in verschollener Uniform sowie eine Taschenuhr , auf deren Zifferblatt eine Schäferszene gemalt war . Hier ging ich hinein und fand inmitten seines Trödels ein seltsames ältliches Männchen , kurz und wohlbeleibt , in einen langen Hausrock gemummt und darüber noch eine weiße Frauenschürze vorgebunden . Auf dem rundlichen Kopfe trug er eine wunderliche Schirmmütze , die wie die Muschel des Papiernautilus gebaut war . Diese Figur stand eben über einen kleinen Kochherd gebückt und rührte in einem Topfe , als ich eintrat . Das Trödelmännchen sah auf und fragte mich nicht unfreundlich , was ich wünsche , worauf ich mit leiser Stimme sagte , ich hätte eine Flöte zu verkaufen . Neugierig öffnete er das Kästchen , gab es aber sogleich zurück und sagte : » Richten Sie einmal das Ding zusammen , so weiß ich ja nicht , was es ist ! « Als ich die drei Bestandteile gehörig zusammengesetzt hatte , nahm er das Instrument in die Hand und betrachtete es von allen Seiten , sah auch darüber weg , ob es nicht etwa krumm oder verzogen sei . » Warum wollen Sie ' s denn verkaufen ? « fragte er , und ich meinte , weil ich ' s nicht mehr haben wolle . » Aber tönt sie auch , die Flöt ' ? Dort hab ich schon lang ein Klarinett stehen , das keinen Laut von sich gibt , da bin ich mit angeschmiert worden . Blasen Sie mal ! « Ich blies eine Tonleiter , er wollte aber ein ganzes Stücklein hören ; ich fing also , obschon mir nicht musizierlich zu Mut war , mit schwachem Atem die Arie aus der Freischützoper an : Und ob die Wolke sie verhülle , Die Sonne bleibt am Himmelszelt . Es waltet dort ein heil ' ger Wille , Nicht blindem Zufall dient die Welt . Es war das erste Musikstück , das ich vor Jahren einst gelernt hatte und das mir daher jetzt am ehesten einfiel . Nicht nur aus Schwäche , sondern auch in einem wehmütigen Gefühle meiner Lage und der Erinnerung an jene sorglosen Zeiten fiel der Vortrag ein wenig tremulierend oder zitterhaft aus , und ich gelangte nur bis zum zehnten oder zwölften Takte . Allein das Männchen verlangte die Fortsetzung , und ich blies aus Furcht , der Handel könnte sich zerschlagen , in erbärmlicher Demütigung weiter , indessen der Trödler kein Auge von mir wandte . Ich kehrte mich ab und schaute mit bitter nassen Augen durch das Fenster . Da blickte gleich einem Sonnenaufgang das schönste Mädchengesicht herein , heiter wie der Frühlingstag , lachte holdselig und klopfte mit feinbeschuhter Hand an die Scheibe . Es war ein offenbar vornehmes Frauenzimmer , und der Trödelgreis beeilte sich eifrig , das Fenster so weit zu öffnen , als es wegen der hinter demselben befindlichen Trödelware anging . » Na , Mannerl , was haben ' s denn da für ein Konzert ? « sagte sie im vertraulichen Landesdialekt , den sie nur aus Freundlichkeit zu brauchen schien ; dann aber , eh das überraschte Männlein eine Antwort fand , fragte sie nach gewissen chinesischen Tassen , die er zu liefern versprochen habe . Ich hatte mich inzwischen auf eine Kiste gesetzt und schaute , ausruhend von dem mühseligen Spiele , das liebliche Frauenwesen an , das nach rasch beendigter Rücksprache noch einen unbefangenen Blick in den Raum warf und dessen Glanz auch über meine traurige Person hinlaufen ließ . » Schaffen ' s , daß ich die alten Tasserl bekomm , und jetzt können ' s mit der Musik fortfahren ! « rief sie noch und verschwand mit anmutigem Gruße vom Fenster . Der Alte war von der unverhofften Erscheinung ganz aufgeregt ; der Maienglanz dieses Gesichtes hatte ihn unzweifelhaft erwärmt und in die beste Stimmung versetzt . » Die Flöten geht ja ganz ordentlich « , sagte er zu mir ; » was wollen ' s denn dafür haben ? « Als ich nicht wußte , was ich fordern sollte , holte er einen und einen halben Gulden hervor , in zwei funkelneuen Stücken . » Sein ' s zufrieden damit ? « sagte er , » machen ' s kein ' Umständ , das ist ein schönes Geld ! « Ich war zufrieden und dankte sogar in der Eile aufrichtig nach Maßgabe meines Rettungsgefühles , was in seinem Verkehre nicht oft vorkommen mochte . Er klopfte mir gemütlich auf die Achsel und ließ sich zeigen , wie die Flöte auseinanderzunehmen und in das Futteral zu legen sei . Das Kästchen stellte er sodann geöffnet hinter das Fenster . Auf der Straße besah ich die beiden Münzen genauer , um mich nochmals zu versichern , daß ich wirklich die Macht in der Hand halte , den Hunger zu stillen . Der helle Silberglanz , der Glanz der vorhin gesehenen , noch nachwirkenden zwei Augen und der Sonnenstrahl , der am Morgen kurz nach dem Gebete mir die vergessene Flöte gezeigt hatte , schienen mir alle aus der nämlichen Quelle zu kommen und eine transzendente Wirkung zu sein . Mit dankbarer Rührung , aller Lebenssorge ledig , wartete ich die Mittagsstunde ab , überzeugt , daß der liebe Gott doch unmittelbar geholfen habe . Es wird deswegen ja doch mit rechten Dingen zugehen , dachte ich in meiner so hart angefochtenen Eigenliebe , und ich kann mir dies still bescheidene Wunder wohl gefallen lassen und darf Gott rechtmäßig danken . Schon der Symmetrie wegen fügte ich dem heutigen Morgengebetchen jetzt ein kurzes Dankgebet bei , ohne den großen Weltherrn mit vielen oder lauten Worten belästigen zu wollen . Nun aber säumte ich nicht länger , das gewohnte Speisehaus aufzusuchen , das ich seit einem Jahre nicht mehr betreten zu haben glaubte , so lang dünkten mich die drei Tage . Ich aß einen Teller kräftiger Suppe , ein Stück Ochsenfleisch mit gutem Gemüse und eine landesübliche Mehlspeise . Dazu ließ ich mir einen Krug Bier geben , das herrlich schäumte , und alles schmeckte mir so trefflich , wie wenn ich am feinsten Gastmahle gesessen hätte . Ein unverheirateter Arzt , der auch dort zu speisen pflegte , bemerkte freundlich , er habe vorhin geglaubt , ich sei krank , so übel sehe ich aus ; allein da ich so frischen Appetit habe , so scheine es doch nicht gefährlich zu sein . Ich entnahm hieraus , daß ich mich wenigstens einer guten Gesundheit erfreute , woran ich bisher nicht gedacht hatte , und hiefür war ich der Vorsehung auch dankbar ; denn einem kränklichen oder schwächlichen Gesellen hätte die Strapaze schlimmer ablaufen können . Nach Tisch begab ich mich in ein Kaffeehaus , um dort bei einer Tasse schwarzen Trankes auszuruhen und dabei die Zeitungen zu lesen und zu sehen , was in der Welt vorging . Denn auch darin war ich die drei Tage wie in der Wüste gewesen , daß ich mit niemand gesprochen und keinerlei Neuigkeit vernommen hatte . Ich fand auch allerlei Nachrichten und Weltbegebenheiten , die sich in der Zeit angesammelt ; über dem behaglichen Lesen kehrten aber zusehends meine Leibes- und Verstandeskräfte zurück , und als ich den Bericht las , wie in einer Stadtkirche das Volk zusammenlaufe , weil ein Marienbild dort die Augen bewegen solle , kam ich betroffen auf mein stilles Privatwunder zu denken und sagte mir nach einigem Besinnen , in ganz verändertem Seelentenor , als ich vor dem Essen gehabt : Bist du denn besser als diese Bildanbeter ? Da kann man wohl sagen , wenn der Teufel hungrig ist , so frißt er Fliegen , und der Heinrich Lee schnappt nach einem Wunder ! Und doch zögerte ich , mich der wohltuenden Empfindung einer unmittelbaren Vorsorge und Erhörung , eines persönlichen Zusammenhanges mit der Weltsicherheit zu entledigen . Schließlich , um dieses Vorteils nicht verlustig zu gehen und doch das Vernunftgesetz zu retten , erklärte ich mir den Vorgang so , daß die anererbte Gewohnheit des Gebetes an die Stelle einer energischen Zusammenfassung der Gedankenkräfte getreten sei , durch die damit verbundene Herzenserleichterung jene Kräfte frei und sie fähig gemacht habe , das einfache Rettungsmittel , das bereitlag , zu erkennen oder ein solches zu suchen ; daß aber eben dieser Prozeß göttlicher Natur sei und Gott in diesem Sinne ein für allemal die Appellation des Gebetes den Menschen delegiert habe , ohne im einzelnen Fall einzugreifen , auch ohne sich für den jedesmaligen unbedingten Erfolg zu verbürgen . Vielmehr habe er die Anordnung getroffen , daß , um den Mißbrauch seines Namens zu verhüten , Selbstvertrauen und Tatkraft , solange sie irgend ausreichen , Gebeteswert haben und vom Erfolge gesegnet sein sollen . Noch heute lache ich weder über die Geringfügigkeit jener Not noch über den vorübergehenden Wunderglauben , noch über die pedantische Abrechnung , die demselben folgte . Ich würde die Erfahrung , einmal im Leben den starken Hunger gespürt zu haben , das Wunder des lieblichen Sonnenblickes nach dem Gebete und die kritische Auflösung desselben nach erfolgter Leibesstärkung nicht hergeben ; denn Leiden , Irrtum und Widerstandskraft erhalten das Leben lebendig , wie mich dünkt . Fünftes Kapitel Die Geheimnisse der Arbeit Das Geldchen , das ich für die Flöte erhalten , reichte auch für einen zweiten Tag aus , da ich es klüglich eingeteilt hatte . Ich erwachte also diesmal ohne die Sorge , heute hungern zu müssen , und das war wiederum ein kleines , zum ersten Mal erlebtes Vergnügen , da diese Sorge mir früher unbekannt gewesen und ich erst jetzt den Unterschied empfand . Dies neue Gefühl , mich gegen den Untergang mangels Nahrung gesichert zu wissen , gefiel mir so gut , daß ich mich schnell nach weiteren Habseligkeiten umsah , die ich der Flöte nachsenden könne ; ich entdeckte aber durchaus nichts Entbehrliches mehr als den bescheidenen Bücherschatz , der sich über meinen wissenschaftlichen Grenzüberschreitungen aufgestapelt und verwunderlicherweise noch vollständig beisammen war . Ich öffnete einige Bände und las stehend Seite auf Seite , bis es eilf Uhr schlug und Mittag heranrückte . Da tat ich mit einem Seufzer das letzte Buch zu und sagte : » Fort damit ! Es ist jetzt nicht die Zeit solchen Überflusses , später wollen wir wieder Bücher sammeln ! « Ich holte rasch einen Mann , der den ganzen Pack mit einem Stricke zusammenband , auf den Rücken schwang und mir auf dem Wege zu einem Antiquarius damit folgte . In einer halben Stunde war ich aller Gelehrsamkeit entledigt und trug dafür die Mittel in der Tasche , das Leben während einiger Wochen zu fristen . Das dünkte mich schon eine unendliche Zeit ; allein auch sie ging vorüber , ohne daß meine Lage sich änderte . Ich mußte also auf eine neue Frist denken , um die Wendung zum Bessern und den Glückesanfang abzuwarten . Die einen Menschen verhalten sich unablässig höchst zweckmäßig , rührig und ausdauernd , ohne einen festen Grund unter den Füßen und ein deutliches Ziel vor Augen zu haben , während es andern unmöglich ist , ohne Grund und Ziel sich zweckmäßig und absichtlich zu verhalten , weil sie eben aus Zweckmäßigkeit nicht aus nichts etwas machen können und wollen . Diese halten es dann für die größte Zweckmäßigkeit , sich nicht am Nichtssagenden aufzureiben , sondern Wind und Wellen über sich ergehen zu lassen , jeden Augenblick bereit , das leitende Tau zu ergreifen , wenn sie nur erst sehen , daß es irgendwo befestigt ist . Sind sie dann am Lande , so wissen sie , daß sie wieder Meister sind , indessen jene immer auf ihren kleinen Balken und Brettchen herumschwimmen und aus lauter Ungeduld vom Ufer wegzappeln . Ich war nun allerdings keine große Figur in der Geisterwelt , um ein so vornehmes Mittel , wie die Geduld ist , gebrauchen zu dürfen ; allein ich hatte damals kein anderes zur Hand , und im Notfall bindet der Bauer den Schuh mit Seide . Das letzte , was ich außer meinen unverkäuflichen Bildern und Entwürfen besaß , waren die mit meinen Naturstudien angefüllten Mappen . Sie enthielten fast den ganzen Fleiß meiner Jugend und stellten ein kleines Vermögen dar , weil sie lauter reale Dinge aufwiesen . Ich nahm zwei der besseren Blätter , von ansehnlichem Format , welche ich schon im Freien als Ganzes abgeschlossen und in zufällig glücklicher Weise leicht gefärbt hatte . Dieselben wählte ich , um wegen der größeren Wirkung sicherzugehen , da ich keinen der oberen Kunsthändler , sondern das freundliche Trödelmännchen heimzusuchen gedachte und von vornherein nicht einen wirklichen Wert zu erhaschen hoffte . Vor seinem Geschäfts- und Wohnwinkel angekommen , sah ich erst durch das Fenster und bemerkte die alten Gegenstände dahinter , die Klarinette wie die Kupferstiche und Bildchen , dagegen nicht mehr das Flötenkästchen . Dadurch ermutigt , trat ich bei dem Alten ein , der mich sogleich erkannte und fragte , was ich Neues bringe . Er war günstig gelaunt und ließ mich wissen , daß er jene Flöte längst verkauft habe . Als ich die Blätter entrollt und auf seinem Tische so gut als möglich ausgebreitet , fragte er zuvörderst , gleich dem israelitischen Bild- und Kleiderhändler , ob ich sie selbst gemacht , und ich zögerte mit der Antwort ; denn noch war ich zu hochmütig für das Geständnis , daß die Not mich mit meiner eigenen Arbeit in seine Spelunke treibe . Er schmeichelte mir jedoch ohne Verzug die Wahrheit ab , deren ich mich nicht zu schämen brauche , vielmehr zu rühmen hätte ; denn die Sachen schienen ihm in der Tat nicht übel , und er wolle es damit wagen und ein Erkleckliches daranwenden . Er gab mir auch so viel dafür , daß ich ein paar Tage davon leben konnte , und mir schien das ein nicht zu verachtender Gewinn , obgleich ich seinerzeit lust- und fleißerfüllte Wochen über den Gebilden zugebracht hatte . Jetzt wog ich das winzige Sümmchen nicht gegen den Wert derselben , sondern gegen die Not des Augenblickes ab , und da erschien mir der ärmliche Handelsgreis mit seiner kleinen Kasse noch als ein schätzenswerter Gönner ; denn er hätte mich ja auch abweisen können . Und das wenige , was er mit gutem Willen und drolligen Gebärden gab , war so viel , als wenn reiche Bilderhändler größere Summen für eine unsichere Laune ihres zweifelnden Urteiles hingeben . Aber noch in meiner Anwesenheit befestigte der Kauz die unglücklichen Blätter an seinem Fenster , und ich machte , daß ich fortkam . Auf der Straße warf ich einen flüchtigen Blick auf das Fenster und sah die sonnigen Waldeinsamkeiten aus der Heimat wehmütig an diesem dunklen Pranger der Armut stehen . Nichtsdestoweniger ging ich in zwei Tagen abermals mit einem Blatte zu dem Manne , der mich munter und freundschaftlich empfing . Die zwei ersten Zeichnungen waren nicht mehr zu sehen ; das Männchen , oder Herr Joseph Schmalhöfer , wie er eigentlich laut seinem kleinen alten Ladenschilde hieß , wollte aber keineswegs sagen , wo sie geblieben seien , sondern verlangte zu sehen , was ich gebracht habe . Wir wurden bald des Handels einig ; ich machte zwar eine kleine Anstrengung , einen barmherzigern Kaufpreis zu erwischen , war aber bald froh , daß der Alte nur kauflustig blieb und mich aufmunterte , ihm ferner zu bringen , was ich fertigmachte , immer hübsch bescheiden und sparsam zu sein , wobei aus dem kleinen Anfang gewiß etwas Tüchtiges erwachsen würde . Er klopfte mir wieder vertraulich auf die Achsel und lud mich ein , nicht so trübselig und einsilbig dreinzuschauen . Der ganze Inhalt meiner Mappen wanderte nun nach und nach in die Hände des immer kaufbereiten Hökers . Er hing die Sachen nicht mehr ans Fenster , sondern legte sie sorgfältig zwischen zwei Pappdeckel , die er mit einem langen Lederriem zusammenschnallte . Ich bemerkte wohl , daß sich die Blätter , große und kleine , farbige wie Bleistiftzeichnungen , zuweilen längere Zeit ansammelten , bis der Behälter plötzlich wieder dünn und leer war ; allein niemals verriet er mit einem Worte , wohin meine Jugendschätze verschwanden . Sonst aber blieb sich der Alte immer gleich ; ich fand , solang ich ein Blatt zu verkaufen hatte , eine sichere Zuflucht bei ihm , und endlich war ich froh , auch ohne Handelsverkehr etwa ein Stündchen mit Geplauder bei ihm zu verbringen und seinem Treiben zuzusehen . Wollte ich dann weggehen , so forderte er mich auf , nicht ins Wirtshaus zu laufen und das Geldchen zu vertun , sondern an seinem Tische mitzuhalten , und erzwang es am Ende auch . Übrigens war der allein lebende alte Gnom ein guter Koch und hatte stets ein leckeres Gericht im Hafen auf dem Herde oder im Ofen seines düstern Gewölbes . Bald briet er eine Ente , bald eine Gans , bald schmorte er ein kräftiges Gemüse mit Schöpsenfleisch , oder er verwandelte billige Flußfische durch seine Kunst in treffliche Fastenspeise . Als er mich eines Tages zu seiner Mahlzeit eingefangen hatte , sperrte er plötzlich das Fenster auf , wegen der Wärme , wie er sagte , im Grunde aber , um meinen Bettelstolz zu zähmen und mich den Vorübergehenden zu zeigen . Das merkte ich an seinen schlauen Äuglein und scherzhaften Worten , womit er die Anzeichen von Verlegenheit und Unwillen bekriegte , die ich sehen ließ . Ich ging ihm auch nicht mehr in die Falle und betrachtete meine Bedürftigkeit als mein Eigentum , über das er auf diese Art nicht zu verfügen habe . Seltsamerweise fragte er mich nie , wie oder warum ich arm geworden sei , obgleich er mir Namen und Herkunft längst abgehört . Den Grund seines Verhaltens fand ich in der Vorsicht , jede Erörterung zu vermeiden , um nicht zu etwas menschlicheren Kaufsangeboten moralisch genötigt zu werden . Aus gleicher Ursache beurteilte er auch nie mehr , was ich ihm brachte , als gut oder zufriedenstellend , und mit immer gleicher Beharrlichkeit verschwieg er , wohin er die Sachen verkaufe . Ich fragte auch nicht mehr darnach . Wie ich nun gestimmt war , gab ich gern alles hin für das kärgliche Brot , das die Welt mir gewährte , und empfand dabei die Genugtuung , es verschwenderisch zu bezahlen . Das konnte ich mir um so eher einbilden , als das wenige , das ich erhielt , der erste Gewinn war , den ich eigener Arbeit verdankte ; denn nur der Gewinn aus Arbeit ist völlig vorwurfsfrei und dem Gewissen entsprechend , und alles , was man dafür einhandelt , hat man sozusagen selbst geschaffen und gezogen , Brot und Wein wie Kleid und Schmuck . So erhielt ich mich ungefähr ein halbes Jahr , so wenig mir der Alte für die mannigfaltigen Studienblätter und Skizzen gab ; denn sie wollten fast kein Ende nehmen , was freilich eines Tages dennoch geschah . Ich war aber nicht bereit , sofort wieder zu hungern . Daher löste ich meine großen gefärbten oder grauen Kartons von den Blendrahmen , zerschnitt jeden sorgfältig in eine Anzahl gleich großer Blätter , die ich in einen Umschlag aufeinanderlegte , und trug diese merkwürdigen , immer noch stattlichen Hefte eines nach dem andern zu dem Herren Joseph Schmalhöfer . Er beschaute sie mit großer Verwunderung ; sie sahen auch wunderbar genug aus . Die große kecke Zeichnung , die ohne Ende durch alle die Fragmente ging , die starken Federstriche und breiten Tuschen erschienen auf den kleineren Bruchstücken doppelt groß und gaben ihnen als Teilen eines unbekannten Ganzen einen geheimnisvollen fabelhaften Anstrich , so daß der Alte sich nicht zu helfen wußte und wiederholt fragte , ob das auch etwas Rechtes sei ? Ich machte ihm aber weis , das müßte so sein , die Blätter könnten zusammengesetzt werden und machten alsdann ein großes Bild ; sie hätten indessen auch einzeln für sich ihre Bedeutung , und es sei auf jedem etwas zu sehen , kurz , ich drehte ihm zum Spaß eine Nase und dachte mir dabei , wenn sie ihm auch auf dem Halse blieben , so sei das nur eine kleine Einbuße an dem Gewinne , den er von mir gezogen . Das Trödelgreischen rieb sich verlegen das Bein , welches mit einer juckenden Flechte behaftet war , ließ aber die sibyllinischen Bücher nicht fahren , sondern verkaufte sie eines Tages alle miteinander , ohne daß ich erfuhr , wohin sie gekommen . Als ich den Ertrag dieses letzten Verkaufes aufgebraucht hatte , war mein Latein für einmal wieder zu Ende . Versuchsweise ging ich zu dem Bild- und Kleiderhändler , um nach den zwei Ölbildern zu sehen . Sie hingen an der alten Stelle , und ich bot sie dem Manne zu Eigentum an auch für den bescheidensten Preis , den er ansetzen würde . Er war jedoch nicht geneigt , irgend etwas Bares dafür auszulegen , und ermunterte mich zur Geduld , wobei ich ja ein besseres Geschäft machen werde . Ich war das auch zufrieden und hatte somit immer noch eine kleine Hoffnung in der Welt hängen und einen schwebenden Handel . Von da ging ich weiter und kehrte bei meinem Schmalhöfer an , ihm einen guten Tag zu wünschen . Er blickte mir sofort auf die leeren Hände ; ich sagte jedoch , ich hätte nichts mehr zu veräußern . » Nur munter , Freundchen ! « rief er und nahm mich bei der Hand ; » wir wollen sogleich eine Arbeit beginnen , die sich sehen lassen wird ! letzt sind wir gerade auf dem rechten Punkt , da darf nicht gefeiert werden ! « Und er führte und schob mich in ein noch dunkleres Verlies , das hinter dem Laden lag und sein Licht nur durch eine schmale Schießscharte empfing , die in der feuchten schimmligen Mauer sich auftat . Nachdem ich mich einigermaßen an die Dunkelheit gewöhnt , erblickte ich das Gewölbe angefüllt mit einer Unzahl hölzerner Stäbe und Stangen , ganz neu , rund und glatt gehobelt , von allen Größen , lastweise an den Wänden stehend . Auf einer uralten Feueresse , dem Denkmal irgendeines Laboranten , der vielleicht vor hundert Jahren hier sein Wesen getrieben , stand ein Eimer voll weißer Leimfarbe inmitten mehrerer Töpfe mit anderen Farben , jeder mit einem mäßigen Streicherpinsel versehen . » In vierzehn Tagen « , lispelte und schrie der Alte abwechselnd , » wird die Braut des Thronfolgers in unsere Residenz einziehen ! Die ganze Stadt wird geschmückt und verziert werden , Tausende und Abertausende von Fenstern , Türen und Gucklöchern werden mit Fahnen in unsern und den Landesfarben der Braut besteckt ; Fahnen von jeder Größe werden die nächsten zwei Wochen die gesuchteste Ware sein ! Schon ein paarmal hab ich die Unternehmung bestanden und ein gut Stück Geld verdient . Wer der erste , Schnellste und Billigste ist , hat den Zulauf . Drum frisch dran hin , keine Zeit ist zu verlieren ! Habe mich schon vorgesehen und Stöcke machen lassen , weitere Lieferungen sind bestellt , das Zuschneiden des Tuches und das Nähen wird ebenfalls beginnen . Ihr aber , Freundchen , seid wie vom Himmel ausersehen , die Stangen anzustreichen ! Bst ! nicht gemuckst ! Hier für diese großen gebe ich einen Kreuzer das Stück , für diese kleineren einen halben ; von diesen ganz kleinen aber , welche für die Mauslöcher und Blinzelfensterchen der armen Reichsleute und Untertanen bestimmt sind , müssen vier Stück auf den Kreuzer gehen ! Jetzt aber merkt auf , wie das zu machen ist , alles will gelernt sein ! « Er hatte schon mehrere Stänglein halb und ganz vorgearbeitet ; nachdem der Stecken mit der weißen Grundfarbe bestrichen , welche für beide Königreiche dieselbe war , wurde er mit einer Spirallinie von der anderen Farbe umwunden . Der Alte legte eine der grundierten Stangen in die Schießscharte , hielt sie in der linken Hand waagrecht , und indem er , den Pinsel eintauchend , mich aufmerksam machte , wie dieser weder zu voll noch zu leer sein dürfe , damit eine sichere und saubere Linie in einem Zuge entstände , begann er die Stange langsam zu drehen und von oben an die himmelblaue Spirale zu ziehen , womöglich ohne zu zittern oder eine unvollkommene Stelle nachholen zu müssen . Er zitterte aber doch , auch geriet ihm der weiße Zwischenraum und die Breite der blauen Linie nicht gleichmäßig , so daß er das mißslungene Werk wegwarf und rief : » Item ! auf diese Art wird ' s gemacht ! Eure Sache ist es nun , das Ding besser anzugreifen ; denn wozu seid Ihr jung ? « Ohne mich einen Augenblick zu besinnen , ergriff ich einen Stab , legte ihn auf und versuchte neugierig die seltsame Arbeit , und bald ging sie gut vonstatten . Eifrig fuhr ich fort , bis um die Mittagszeit ; als ich da aus dem Finsterloche hervortrat , fand ich den Alten zwischen drei oder vier Nähterinnen hausend , denen er das Fahnenzeug zumaß und hundert Lehren erteilte , wie sie zwar nicht liederlich , doch auch nicht zu gut nähen sollten , sondern so , daß die Arbeit rüstig vorrücke und die Fahnen dennoch zusammenhielten , wenn sie im Winde flatterten , ohne daß sie hinwiederum eine Ewigkeit zu dauern brauchten . Die Weiber lachten , und ich lachte auch , als ich hindurchging und das Männchen mir nachrief , in einer Stunde unfehlbar wieder dazusein . Das geschah , und ich brachte die folgenden Tage bis ans Ende mit der neuen Beschäftigung zu . Draußen glänzte anhaltend der lieblichste Spätsommer ; Sonnenschein lag auf der Stadt und dem ganzen Lande , und das Volk trieb sich bewegter als sonst im Freien herum . Der Laden des Meister Joseph war fortwährend angefüllt mit Leuten , welche Fahnen holten oder bestellten , mit zuschneidenden und nähenden Mädchen , mit Tischlern , die frische Stangen brachten ; der Alte regierte und lärmte in bester Laune dazwischen herum , nahm Geld ein , zählte Fahnen , und ab und zu kam er in das Finsterloch herein , wo ich mutterseelenallein in dem blassen Lichtstrahl der Mauerritze stand , den weißen Stab drehte und die ewige Spirale zog . Er klopfte mir dann etwa sachte auf die Schulter und flüsterte mir ins Ohr : » So recht , mein Sohn ! Dies ist die wahre Lebenslinie ; wenn du die recht akkurat und rasch ziehen lernst , so hast du vieles erreicht ! « In der Tat fand ich in dieser einfachen Beschäftigung allmählich einen solchen Reiz , daß mir die in dem Loch zugebrachten Tage wie Stunden vergingen . Es war die unterste Ordnung von Arbeit , wo dieselbe ohne Nachdenken und Berufsehre und ohne jeglichen andern Anspruch als denjenigen auf augenblickliche Lebensfristung vor sich geht ; wo der auf der Straße daherziehende Wanderer die Schaufel ergreift , sich in die Reihe stellt und an selbiger Straße mitschaufelt , solang es ihm gefällt und das Bedürfnis ihn treibt . Unablässig zog ich das gewundene Band , rasch und doch vorsichtig , ohne einen Klecks zu machen , einen Stab ausschießen zu müssen oder einen Augenblick durch Unschlüssigkeit oder Träumerei zu verlieren , und während sich die bemalten Stäbe unaufhörlich häuften und weggingen , während ebenso beständig neue ankamen , wußte ich doch jeden Augenblick , was ich geleistet , und jeder Stecken hatte seinen bestimmten Wert . Ich brachte es so weit , daß der ganz verblüffte Joseph mir schon am dritten Abend nicht weniger als zwei Kronentaler als Tagelohn auszahlen mußte , mehr , als er mir für die beste Zeichnung gegeben hatte . Erst sperrte er sich dagegen und schrie , er habe sich verrechnet , es sei nicht die Meinung gewesen , daß ich so viel an dem Zeug verdienen solle ! Ich dagegen verstand keinen Spaß und beharrte auf der Abrede mit der Behauptung , die erworbene Fertigkeit ginge ihn nichts an und er