sie tout-à-fait in einer schwarzen Parure , mit Astrachanmuff und dito Pelzbesatz . Und so haben wir denn jetzt eine schwarze Weiße Frau . Das ist das vorläufig letzte Stadium , wenigstens in Bayreuth . Wie es in Berlin steht , muß erst das nächste Auftreten entscheiden . « » Und wie deuten Sie sich das alles , ist es ein wirklicher Spuk oder Täuschung und Betrug ? « » Tausendkünstler und Gespenstergeschichten-Erzähler , meine Gnädigste , haben Erlaubnis , jede Aufklärung zu verweigern . Aber ich gebe sie dennoch . Den Mondschein und das wehende Handtuch außer Spiel gelassen , mögen Sie sicher sein , daß es von vier Fällen dreimal ein verdrießlicher Kastellan und das vierte Mal ein hübsches kleines Hoffräulein ist , ein junges Blut ... « In diesem Augenblicke wurde Justizrat Turgany gemeldet . » Sehr willkommen ! « sagte Drosselstein , und der Angemeldete trat ein . Dreizehntes Kapitel Der Plan auf Frankfurt » Wie stehen Sie zu der Weißen Frau ? « rief Renate dem eintretenden Justizrat entgegen , der seinerseits , ohne sich verwirren zu lassen , unter leichtem Gruß gegen die Fragestellerin antwortete : » Gut , meine schöne Freundin . Ich stehe zu allen Frauen gut . « » Auch zu den Weißen ? « » Auch zu den Weißen « , wiederholte Turgany . » Ganz besonders aber zu der Bayreutherin , die letzten Sommer wieder viel von sich reden machte . Natürlich in den Zeitungen . Ich halte sie für die patriotischste Frau des Landes , seit sie den großen Empereur zweimal aus ihrem Schlosse hinausgespukt hat . Ce maudit château waren seine höchsteigenen Worte . Aber vertagen wir das . Ich möchte zunächst bitten , mich mit den beiden Herren ad latus Fräulein Renatens bekannt zu machen . « Drosselstein stellte Grell und Hirschfeldt vor , die alsbald nach einer kurzen , in Sprüngen geführten Unterhaltung überrascht waren , den Justizrat in alle Geheimnisse der letzten Kastaliasitzung eingeweiht zu finden . Als sie dieser Überraschung Ausdruck gaben , sagte Turgany : » Sie vergessen , meine Herren , daß ein Jurist verpflichtet ist , Aug und Ohr überall zu haben , zumal in Zeiten wie die jetzigen . Ich habe mich eben zu Ihrer Verwunderung über Calcar und die Seydlitzsporen verbreitet , aber was würden Sie sagen , wenn ich Ihnen auch von den andern , historisch beglaubigteren Sporen erzählen wollte , die seitens des Generals O ' Donnell in der Kathedrale zu Tarragona aufgehängt wurden . « In solchen Andeutungen ging es weiter . Alle waren neugierig geworden , bis sich zuletzt das Rätsel löste . Himmerlich , ein jüngerer Studiengenosse Othegravens , stand in Korrespondenz mit diesem und ermangelte nie , über die literarischen Wochenvorgänge zu berichten . Von Othegraven kam es dann an Turgany . Dieser hatte Platz genommen , und während er noch , unter fortgesetzten Aperçus , in denen er exzellierte , seine Tasse ausnippte , sagte Drosselstein : » Und nun , Turgany , was verschafft uns die Freude , Sie hier zu sehen ? Ich bin Erfahrungsmann genug , um Ihnen irgend etwas wie Geschäfte von der Stirn zu lesen . Auch ist mir Ihr Sprühfeuer verdächtig . Ich fürchte , die Douche kommt nach . Was ist es ? Etwas Juristisches ? « » Nicht doch « , entgegnete Turgany . » Höher hinaus . Politisch-militärisch . « » Das wäre « , sagte Drosselstein , und Berndt und Bamme horchten auf , ohne zunächst an einen rechten Ernst zu glauben . Der Justizrat aber wiederholte : » Politisch-militärisch . Lassen Sie mich gleich in medias res gehen . Ich darf es doch ? Wir sind unter uns ? « Drosselstein nickte . » Nun denn « , begann Turgany , » was mir zu sagen obliegt , ist kurz das : Wir haben seit drei Tagen den französischen General Girard in unserer Stadt , von der Armee des Vizekönigs , mit ihm zwei schwache Regimenter , keine zweitausend Mann . « » Kriegskasse ? « fragte Bamme . » Nein , aber fünfzig Kanonen , bronzene Acht- und Zwölfpfünder . Und auch das ist nicht zu verachten . Die Tage sind vor der Tür , wo wir sie werden brauchen können , brauchen in der richtigen Direktion , das heißt mit Front gegen Westen . Der Aufruf verschweigt es , aber man muß zwischen den Zeilen lesen . « Berndt und Bamme wechselten Blicke des Einverständnisses ; Turgany fuhr fort : » Also zweitausend Mann und fünfzig Kanonen . Es fragt sich , ob die Mittel da sind , einen Überfall gegen diese feindlichen Streitkräfte zu wagen . Auf die Frankfurter Bürgerschaft , oder doch auf einen starken Bruchteil derselben , ist mit Sicherheit zu rechnen . Und im Namen dieser Bürgerschaft bin ich hier . Othegraven , der an der Spitze steht , ist entschlossen , mit zwölf Mann alten Soldaten , die sich freiwillig gemeldet haben , den General Girard gefangenzunehmen . Zugleich Stab und Adjutantur des Generals . Was die Besatzung angeht , so befindet sie sich in der Dammvorstadt , an der andern Seite der Oder . Alles liegt also daran , die Verbindung zwischen hüben und drüben zu stören . Das Aufeisen des Flusses hat zu beiden Seiten der Brücke bereits begonnen ; diese selbst wird geopfert werden , wenn es die Umstände fordern . Hier haben Sie , was unsererseits geboten werden kann . « Der Justizrat schwieg einen Augenblick . Dann fuhr er fort : » Lassen Sie mich noch ein paar Worte hinzusetzen . Ihre Landsturmkräfte , soweit ich eingeweiht bin , reichen mutmaßlich für das Unternehmen aus , sie werden aber sicher ausreichen , wenn die Russen , die nur drei Meilen von Frankfurt stehen , ihre Mitwirkung zusagen . Diese Mitwirkung würde sich auf einen bloßen Scheinangriff gegen die Dammvorstadt zu beschränken haben und nur den Zweck verfolgen , die jenseits liegenden zweitausend Mann von einem Übergangsversuche auf das diesseitige Flußufer abzuhalten . Ich war angewiesen , alles dies , behufs weiterer Veranlassung , zur Kenntnis unseres nächsten Nachbars , des Herrn Grafen Drosselstein , zu bringen ; ein glücklicher Zufall aber hat es gefügt , daß ich dem Herrn General selbst « ( und hierbei verneigte sich Turgany gegen Bamme ) » ein Bild der Sachlage geben konnte . « Alles war sehr ernst geworden , und weder die klappernden Rouleauxringe noch Wangeline selbst konnten länger als Ursache des Fröstelns gelten , das plötzlich über alle hinlief . Es war vielmehr das Bewußtsein , sich auf einen Schlag vor eine Entscheidung gestellt zu sehen ; jeder erschrak , und selbst in Berndt und Bamme befehdete sich das Gefühl einer schweren und gefahrvollen Verantwortung mit ihrer Freude darüber , daß nun endlich die Stunde gekommen sei . Nach einer Weile sagte Bamme : » Hirschfeldt , Sie haben mehr Krieg gesehen als ich , was antworten wir ? « Hirschfeldt zuckte leise die Achseln und begleitete dies Achselzucken mit einer Handbewegung , die so gut Zustimmung wie Ablehnung ausdrücken konnte . Der alte General gewann dabei seine gute Laune wieder und sagte : » Soweit bin ich gerade auch : halber Weg zwischen ja und nein . Ihre spanische Kriegsführung , soviel ich davon weiß ( leider wenig genug ) , ist eine lange Kette von Beschleichungen und Überrumpelungen gewesen . Ich wette , daß Sie dergleichen zu Dutzenden hinter sich haben . Sie müssen also davon wissen . Was halten Sie von Überfallen einer feindlichen Stadt ? Denn als solche , verzeihen Sie , Justizrat , müssen wir Ihr loyales Frankfurt um seiner feindlichen Besatzung willen vorläufig ansehen . « » Was ich zu sagen habe « , nahm jetzt Hirschfeldt das Wort , » ist kurz das . Alles hängt , die russische Mitwirkung als sicher angenommen , von der Beschaffenheit eben dieser feindlichen Besatzung ab ; ist es eine gute Truppe , so geht es schlecht , ist es eine schlechte Truppe , so geht es gut . « » Dann wird es gut gehen « , warf jetzt Vitzewitz dazwischen . » Und unter allen Umständen , wir dürfen diesen Vogel nicht wieder aus den Händen lassen , auch nicht auf die Gefahr hin , daß er uns kratzt und beißt . Aber er wird es nicht . Diese Regimenter sind Rudera , wie die hundert Mann , die wir in Guse hatten . Ein Hurra , und sie werfen die Gewehre weg . Also mit gutem Mute vorwärts . Oder sollen wir uns niedriger veranschlagen als die zwanzig Kosaken samt ihrem Tettenborn ! Ich für meine Person akzeptiere den Plan und antworte mit einem bedingungslosen : Ja . « Alles stimmte bei ; selbst Renate wurde für einen Augenblick von dem kriegerischen Geiste ihres Hauses erfaßt . » Ja , ja « , klangen die Stimmen durcheinander . Endlich legte sich die Aufregung , und nachdem Drosselstein sein Versprechen wiederholt und seinen Besuch im russischen Hauptquartier auf den andern Vormittag festgesetzt hatte , erklärten sich Berndt und Bamme bereit , unmittelbar nach Rückkehr des Grafen eine Frankfurter Rekognoszierungsfahrt antreten zu wollen . Bei Gelegenheit dieser Fahrt sollten dann mit Othegraven alle weiteren Verabredungen zu prompter gemeinschaftlicher Aktion , an der übrigens Turgany persönlich nicht teilnehmen zu wollen erklärte , getroffen werden . Die Stimmung zu scherzhaftem Geplauder ließ sich nicht wiederfinden , und so wurde denn zu verhältnismäßig früher Stunde aufgebrochen . Erst fuhr der Schlitten vor ; zehn Minuten später hoben sich auch die Reiter in ihre Sättel . Der Tauwind , der während der Nachmittagsstunden geweht , hatte nachgelassen , und es zog eine scharfe Luft von Osten her ; der Himmel klärte sich wieder , und die Sterne traten immer blitzender hervor . Bamme ritt zwischen Berndt und Tubal . Es ging im Schritt , und der Shetländer hatte Mühe , sich mit den beiden andern Reitern en ligne zu halten . Ein jeder hing seinen Betrachtungen nach ; endlich sagte Bamme : » Wer ist dieser Othegraven ? « » Ein Konrektor « , antwortete Berndt . » Etwas steif und pedantisch , aber energisch und mutig von Natur . Und hätt er diesen Mut nicht , so würd er ihn aus seiner Begeisterung schöpfen . Ein Mann von Ehre . « » Sonderbar « , sagte Bamme . » Zu meiner Zeit waren die Konrektors anders . Wir hingen ihnen einen Papierzopf an oder bemalten ihnen den Rücken , und ich entsinne mich nicht , daß es von irgendeinem geheißen hätte : er sei ein Mann von Ehre . « Der Alte schwieg , schien aber seinen Gedanken weitergesponnen zu haben , als er nach einer Weile fortfuhr : » Ihre Schwester , die Gräfin , liebte von solchen Dingen zu sprechen und sah dann immer verdrießlich aus , weil sie nicht recht wußte , ob sie weinen oder lachen sollte . Das ist der Wind , der von Westen her weht . Es war französisch , das war das Gute daran , aber das Aufkommen der Roture störte sie wieder . Ich für mein Teil habe nichts gegen die Roture . Kann mir nicht helfen , mir bedeutet der Mensch die Hauptsache , und ist dieser ganz allgemeine homo , von dem ich als guter Lateiner wohl sprechen darf , wirklich um einen Kopf gewachsen , seitdem sie drüben den armen König um ebensoviel kürzer gemacht haben , so scheint mir die Sache nicht zu teuer bezahlt . Le jeu vaut la chandelle . Auch eine Guser Reminiszenz . Ach , Vitzewitz , das Dümmste sind doch die Vorurteile . Wie gefiel Ihnen Drosselstein , als er heute wieder das ostpreußische Register zog ? « » Und noch dazu an falscher Stelle « , lachte Berndt . » Ich habe zufällig in Erfahrung gebracht , von wem der Aufruf geschrieben wurde . Staatsrat Hippel . Ostpreußisches pur sang . Aber ich wollte Drosselstein die Beschämung ersparen . In unseren Schwächen sind wir am empfindlichsten , Sie , ich , jeder . Seien wir froh , daß wir ihn haben ; er ist doch der Sanspareil unseres Kreises und von Kopf zu Fuß ein Edelmann . Die meisten heißen bloß so ; er aber hat den Vorzug , einer zu sein . « Bamme stimmte bei ; damit brachen sie das Gespräch ab und setzten ihre Pferde in Trab . In Hohen-Vietz angekommen , hatten alle das Bedürfnis nach Ruhe und zogen sich zurück , unter den ersten Hirschfeldt und Tubal , die dasselbe Zimmer innehatten . Sie plauderten noch eine kleine Weile , dann wurde Hirschfeldt still . Er schlief . Nur Tubal wachte noch . Allerlei Gedanken gingen ihm durch den Kopf , deren er nicht Herr werden konnte . » Bin ich verlobt ? « fragte er sich , als er endlich das Licht gelöscht hatte . » Ich glaube ja ... Da müßt ich ja glücklich sein ! Und bin ich es ? O gewiß , ich bin es , ich bin glücklich ... Aber nicht glücklich genug ; ich würde sonst jubeln und nichts hören und sehen als sie . Und seh ich sie ? Sonderbar , ich habe kein deutliches Bild von ihr . Kaum ein Bild überhaupt ... Und doch lieb ich sie . Wer liebte sie nicht ! sagte die Tante ... Ach , Glück , Glück . Hab ich dich ? Und ich frage noch ... Undankbarer , der ich bin ! « So sann er weiter . Immer schattenhafter zogen die Bilder an ihm vorüber , bis auch er entschlief . Vierzehntes Kapitel Eingeschlossen Der nächste Tag , ein Sonnabend , war ein Tag der Vorbereitungen . Bamme saß über Plänen und Karten , während Berndt in aller Frühe aufgebrochen war , um die ferner stehenden Truppenteile heranzubeordern . Gleich nach drei Uhr war er von diesem Ausfluge zurück . Als er wenige Minuten später in das Parterrezimmer des alten Generals eintrat , fand er diesen in eifrigem Gespräche mit Drosselstein , der eben über seine Sendung ins russische Hauptquartier rapportierte . Tschernitscheff war ihm nicht nur mit ausgesuchter Artigkeit entgegengekommen , sondern hatte sich auch dahin geäußert , daß er auf Vorschläge wie diese , mit andern Worten auf Kooperation , recht eigentlich gerechnet habe . Nur diese verspreche bei dem kleinen Kriege , der voraussichtlich in den nächsten Wochen bevorstände , die gewünschten Erfolge . Der Überfall Frankfurts , wenn nur von allen Seiten rechtzeitig eingegriffen würde , böte geringere Schwierigkeiten , als es auf den ersten Blick erscheinen möchte . Die französischen Truppen seien decouragiert , unter allen Umständen aber erheische die Parkierung eines so bedeutenden Geschützmaterials einen raschen Versuch . Er proponiere deshalb die Nacht von Montag auf Dienstag und werde seinerseits im Laufe des voraufgehenden Tages bis in die Kunersdorfer Gegend rücken , um von dort aus zu näher festzusetzender Stunde die Dammvorstadt angreifen zu lassen , und zwar mit zweitausend Mann Elitetruppen . Seines Eifers dürfe man sich versichert halten ; er werde persönlich zugegen sein und den Angriff leiten . So Drosselsteins Bericht , dem Berndt und Bamme mit wachsendem Interesse gefolgt waren . Beide glaubten in dem guten Ausgange dieser Mission das Unterpfand weiteren Gelingens erblicken zu dürfen und setzten die schon vorher geplante » Rekognoszierung gegen Frankfurt « auf den nächsten Vormittag fest . Zugleich dankten sie dem Grafen für den diplomatischen Takt , mit dem er die Verhandlungen geführt habe , woran sich dann die Bitte reihte , wenigstens bis zu Tische bleiben zu wollen . Drosselstein indessen lehnte , Geschäfte vorschützend , ab und empfahl sich , nachdem er noch einmal gebeten hatte , die Nacht von Montag auf Dienstag , » schon um den guten Willen Tschernitscheffs nicht zu verwirren « , zu Ausführung des Unternehmens im Auge behalten zu wollen . Gegen Abend kam Seidentopf , und Jeetze wartete , daß der Kartentisch befohlen werden würde . Die Tarockpartie fiel aber aus , ein Zeichen , daß die Generalspflichten schwer auf Bamme zu lasten begannen . Er selber scherzte darüber und suchte sich durch Selbstpersiflierung , die dann wieder mit Übermütigkeit wechselte , die Last etwas leichter zu machen ; aber er kam nicht weit damit , und nur als Berndt von der Heiligkeit des Sonntags zu sprechen und , zu Seidentopf gewandt , ein Mal über das andere ein Bedauern auszudrücken begann , daß er , um der Frankfurter Rekognoszierungsfahrt willen , die Kirche , die Predigt und die Verlesung des Aufrufs versäumen müsse , regte sich der alte Widerspruchsgeist in ihm , und er fuhr mit einem in höchster Stimmlage gesprochenen » Ich für mein Teil versäume nicht viel « scharf und trocken dazwischen . Einige Minuten später zogen sich alle zurück , nachdem man noch übereingekommen war , sich am andern Morgen eine halbe Stunde früher als gewöhnlich am Frühstückstische zu treffen . Und nun war dieser andere Morgen da , und die Glocken des Hohen-Vietzer Turmes klangen durch die winterklare Luft . In dem Herrenhause war alles Leben und Bewegung ; die einen rüsteten sich zum Gange in die Kirche , die andern zu der Frankfurter Fahrt . Es fehlten nur noch zehn Minuten an zehn ; Krist fuhr vor ( wieder die Ponies ) , und erst Berndt und Bamme , dann Hirschfeldt und Grell bestiegen das offene Gefährt . Nur Lewin und Tubal blieben zurück , vielleicht weil die Sitzplätze des Wagens nicht recht ausreichten , vielleicht auch , um an einem so wichtigen Tage wie der heutige den herrschaftlichen Chorstuhl nicht unbesetzt erscheinen zu lassen . Und jetzt begannen die Glocken zum dritten Mal zu läuten , und während mit den Abfahrenden noch Grüße gewechselt wurden , boten die beiden zurückbleibenden Freunde den schon zum Kirchgange bereitstehenden Damen ihren Arm und schritten mit ihnen erst durch die verödeten Gänge des Parkes , dann durch die Lindenallee bis zur Kirche hinauf . Die kleine Seitenpforte war verschlossen , so daß sie heute den Haupteingang benutzen und durch den Turm , wo die Bahre und die gesprungene Türkenglocke stand , in die Kirche eintreten mußten . Diese war schon gefüllt , da jeder in Erfahrung gebracht hatte , daß ein Wort über Krieg und Frieden von der Kanzel gesprochen werden sollte . Nur der Majorsstuhl dicht vor dem Altar war leer wie immer . Renate und die Schorlemmer gingen das Mittelschiff hinauf , Lewin und Tubal folgten . Als sie bis in die Mitte waren , bogen sie nach rechts hin in einen Quergang ein , der erst zu einem schmalen Treppchen und mit Hülfe desselben zu dem herrschaftlichen Chore hinaufführte . Hier nahmen sie Platz auf alten hochlehnigen Lederstühlen und stimmten in das Lied ein , das eben gesungen wurde . Lewin saß am meisten zurück , Tubal unmittelbar hinter Renate und der Schorlemmer , so daß er zwischen ihnen hindurch den Blick auf das große Denkmal und ein paar der vordersten Bankreihen frei hatte . Auf der zweitvordersten Bank saß Schulze Kniehase samt Frau und Tochter . Marie hatte sich mit Renaten leise begrüßt , aber seitdem von ihrem Gesangbuche nicht mehr aufgeblickt . Es war ein schöner Tag ; alles sah hell aus , und dieser Eindruck wuchs noch , als die lichte Gestalt unseres Seidentopf auf der Kanzel erschien . Der Gesang schwieg , und nur die Orgeltöne klangen noch leise nach , während alles sich neigte , um , dem Vorgange des Geistlichen folgend , ein stilles Gebet zu sprechen . Nun aber ging es wieder wie Leben durch die Versammlung , aller Köpfe richteten sich auf , und Seidentopf , mit der Rechten sein langes weißes Haar zurückstreichend , begann : » Andächtige Gemeinde ! Der Tag , den wir ersehnt haben , ist gekommen . Vor Wochen und Monaten schon , als Gott auf den russischen Schlachtfeldern sein Zeichen gab , als edle und tapfere Heerführer , den Schein des Ungehorsams nicht fürchtend , im wahrhaften Sinn und Geist unseres Königs zu handeln und den ersten entscheidenden Schritt zur Abwerfung eines uns unerträglich gewordenen Joches zu tun wagten , schon damals wußten wir , daß dieser ersehnte Tag kommen werde . Aber er war noch nicht da . Nun ist er angebrochen . Der Übergang von der Knechtschaft in die Freiheit bereitet sich vor . Der König hat geredet , das ungeduldig erwartete Wort , es ist gesprochen worden . Jeder unter euch kennt es , aber von dieser Stelle aus sei es noch einmal verkündet . « Und nun entfaltete unser Freund das den Aufruf abschriftlich enthaltende Blatt und las mit lauter und eindringlicher Stimme . Die Wärme seines Vortrags lieh auch den einfachsten Sätzen Bedeutung und Leben , und eine Wirkung gab sich zu erkennen , wie sie bei dem Einzellesen daheim niemand an sich erfahren hatte . Besonders waren es die Worte , die von der Vaterlandsliebe und der in Zeiten der Gefahr immer am lebhaftesten bewährten Anhänglichkeit an den König sprachen , denen die Versammlung mit sichtlicher Bewegung folgte . Und nun fuhr Seidentopf fort : » So , meine Freunde , hat der König gesprochen . Gesprochen wie noch nie zuvor , weil er noch nie zuvor in gleich hohem Maße das für einen König erhebendste und beglückendste Gefühl haben durfte , das Gefühl einer reinen und vollkommenen Übereinstimmung mit seines Volkes Wunsch . Ein heiliger Krieg ist es , der beginnt , ein Krieg voll Hoffnung auf innerliche Befreiung , und so will ich denn sprechen über die Worte des Propheten Jeremias im achtzehnten Kapitel : Und plötzlich rede ich gegen ein Volk und Königreich , daß ich es ausrotte , zerbreche und verderbe ; wo sich es aber bekehret von seiner Bosheit , dawider ich rede , so soll mich auch reuen das Unglück , das ich ihm gedachte zu tun . Ja , meine Freunde , Gott war auch wider uns , daß er uns ausrotte , zerbreche und verderbe um unserer Schuld und Sünde willen , denn diese Schuld war groß . « Und nun begann er , rückwärts blickend , seiner Gemeinde das Bild unserer Schuld zu malen . Unter eines großen Königs Regiment hätten wir rasch den Gipfel des Ruhmes erklommen , eines Ruhmes , der uns hochfahrend , sorglos und bequem gemacht habe . Unredlicher Gewinn habe zum Überfluß unser Gebiet vergrößert , bis die Hälfte unseres Landes aus fremdem Volk bestanden habe , derart , daß wir kaum noch gewußt hätten , ob wir Deutsche seien oder nicht . Und während von andern Völkern um hohe Güter des Lebens gekämpft worden sei , hätten wir selbstgerecht und selbstsüchtig seitab gestanden und des Glaubens gelebt , daß wir durch bloße Ruhe mächtiger und furchtbarer werden würden . So sei der trotzig-übermütigen Klugheit unserer staatlichen Jugend eine verzagte Klugheit auf dem Fuße gefolgt , und mit dem Hinschwinden unseres Ruhmes sei zuletzt auch unsere Ehre mehr und mehr ein Schattenbild geworden . Eine Flut von Eitelkeit und Verschwendung habe die mühsamen Werke besserer Jahre zerstört , bis es endlich über uns hereingebrochen sei und der Herr , um mit den Worten des Propheten zu sprechen , » wider uns geredet habe « , als gegen ein Volk , das er ausrotten , zerbrechen und verderben wolle . Ein zermalmendes Kriegsunglück , das noch in unser aller Gedächtnis sei , habe uns schließlich von unserer falschen Höhe in den Abgrund geworfen . Hier machte Seidentopf eine Pause . Dann aber , sich vorbeugend , fuhr er mit gehobener Stimme fort : » Ein zermalmendes Kriegsunglück , sagte ich . Aber schlimmer als dieser Krieg war der Frieden , der folgte . Ich rede nicht von der äußerlichen Not , die er mit sich führte , ich rede von der traurigen Gewöhnung , die er schuf , das Unwürdige zu dulden . Eine Gewöhnung , die so weit ging , daß in vielen Gemütern ( nicht in den euern , meine Freunde ) der Wunsch und die Hoffnung auf einen bessern und würdigeren Zustand verlorenging . In vielen war nur noch der Gedanke lebendig , wie man sich dem fremden Joch am bequemsten fügen könne . Andere aber , die noch die Hoffnung auf eine bessere Zeit nicht aufgeben wollten , worin gefielen sie sich , in was suchten sie die Rettung ? In Lug und Trug . Ihr Tun wurde Heuchelei , und um die drohendste Gefahr zu vermeiden , zeigten sie Freundschaft und baten um solche , wo sie doch nur verachten und verabscheuen konnten . Jene Schamlosigkeit war da , die um des Lebens willen jeden edleren Zweck des Lebens hintenansetzt oder vergißt . So war unser Zustand , meine Geliebten , und wir selber waren nach den Worten der Schrift wie die Heiden in der Wüste . Das waren die zurückliegenden Tage unserer Gefangenschaft ; aber danken wir dem Herrn : ein neuer Tag ist da . « Und nun begann er seiner Gemeinde zu zeigen , was dieser » neue Tag « erheische und bedeute : Rückkehr zur Wahrheit , Rückkehr zu dem Mute , den die Wahrheit gibt . Er führte dies aus und nannte » die Wehrhaftigkeit des Volkes « , wie sie durch den heute verlesenen Aufruf proklamiert worden sei , eine Morgengabe , eine Gewähr besserer Zeiten . Im Gegensatz zu Jahrzehnten , wo der Übermut des Soldaten den Mut für etwas ihm ausschließlich Zuständiges gehalten habe , sei der Mut jetzt eine Pflicht jedes einzelnen geworden . Und diesen Mut würden auch sie zu betätigen haben , jede Stunde könne sie rufen , und käme sie , so sollten sie sich derselben würdig zeigen . Andächtig war die Gemeinde gefolgt . Auch Lewin hatte diesmal nicht Zeit gefunden , nach dem Rotkehlchen auszuschauen , und nur Tubals Aufmerksamkeit war bald abgeirrt und hatte zwischen dem großen Grabdenkmal und dem silbernen Altarkruzifix einen mechanischen Pendelgang gemacht , den die wunderlichsten Fragen begleitet hatten . » Wieviel hat das Grabdenkmal gekostet ? Wovon sind die Messingleuchter so blank ? Welcher Vitzewitz hat das Kruzifix gestiftet ? « und dann waren neue Fragen gekommen , um schließlich den ersten wieder Platz zu machen . Und woher das alles ? Hatten die Seidentopfschen Worte doch eines tieferen Tones entbehrt ? O nein . Aber auf ihrem unausgesetzten Gange zwischen dem Grabdenkmal und dem Kruzifix waren seine Blicke Marie begegnet . Das war es . Ihr Mund zuckte von Zeit zu Zeit , und ihre großen dunkeln Augen erschienen wie geschlossen , so tief lagen sie unter dem Schatten ihrer Wimpern . Er sah das blasse feingeschnittene Profil , und sah es , bis er nur noch sah und nichts mehr hörte als die vorwurfsvolle Stimme in seinem Innern , die leise seine Blicke begleitete . Die Predigt hatte mittlerweile geschlossen , nur das Gebet war noch zu sprechen , und alles sah erwartungsvoll zu der Kanzel auf , auch Marie . Sie fühlte wohl , daß Blicke von dem Chorstuhl her sie trafen , aber sie hatte die Kraft , dieser Blicke nicht zu achten oder doch in ihrer Seele sich ihrer zu erwehren , denn sie war reinen Gemüts und ohne Schein und Falsch . Seidentopf aber betete : » Barmherziger Gott und Herr . Du hast Großes an uns getan , daß du uns berufst , um ein freies und würdiges Dasein zu kämpfen . Steh uns bei . Der Sieg kommt von dir , und mit Vertrauen ist es , daß wir Heil und Segen für unser Tun von dir erflehen . Schütze den König , verleihe Weisheit und Kraft den Heerführern , Mut denen , die die Waffen tragen , treue Ausdauer aber allen , auch uns . Und wie das Glück des Krieges auch wechseln möge , eines gib uns als seine letzte Segnung , gib uns Freiheit und Frieden . « Nun fiel wieder die Orgel ein , der letzte Vers wurde gesungen , und langsam erhoben sich die Hohen-Vietzer und verließen die Kirche . Marie blieb zurück , um Renaten und die Schorlemmer zu begrüßen ; dann schritten sie gemeinschaftlich den Mittelgang hinunter . Tubal und Lewin folgten . Als alle den spitzbogigen Mauereinschnitt erreicht hatten , der von der Seite her in den Turm führte , bemerkte Marie , daß sie das Gesangbuch sehr wahrscheinlich auf ihrem Sitzplatze habe liegenlassen . Sie wollte umkehren , aber Tubal litt es nicht und schritt den Mittelgang wieder hinauf , um das vermißte Buch zu holen . Marie sah ihm nach und wartete , während die andern durch das Außenportal ins Freie traten . Das Buch war nicht da . Tubal , nachdem er erst auf der Bank und dann am Fußboden hin und her gesucht hatte , richtete sich endlich wieder auf und machte mit beiden Armen ein Zeichen , das die Vergeblichkeit seiner Bemühungen ausdrücken sollte . Marie rief ihm zu : » Da muß ich selber kommen « , und ging nun ebenfalls das Kirchenschiff hinauf . Aber in diesem Augenblicke hatte sich das Buch auch schon auf einem schmalen Brett unter der pultartigen Schrägung gefunden , und Tubal hielt es triumphierend in die Höhe und ihr entgegen . Sie nahm es dankend aus seiner Hand , wandte sich dann und schritt eilig wieder dem Ausgange zu ; ehe sie diesen jedoch erreicht hatte , hörte sie , daß von außen her zugeschlossen wurde . Der alte Kubalke , von seinem Orgelchor herabkommend , hatte nicht bemerkt , daß noch wer in der Kirche war . Marie fuhr zusammen , faßte sich indessen rasch und sagte : » Wir sind eingeschlossen , bitte , pochen Sie schnell an die Tür . « Auch Tubal war erschrocken , aber anders als seine Gefährtin . Er fühlte sich wie von einem elektrischen Schlage getroffen . » Wozu pochen , Marie « , sagte er , » der Alte würde uns doch nicht hören . Und so wären wir denn Gefangene . « »