alter Holländer die erwünschte Auskunft gab . Unter den Negern dieser Gegend herrscht noch die bis zum vierzehnten Jahrhundert auch in Europa übliche Sitte der Gottesurteile , und zwar durch Anwendung des Hexentrankes . Er wird aus bestimmten , wahrscheinlich in jedem Lande anders gebräuchlichen Bestandteilen zusammengebraut und dem Verdächtigen eingeflößt . Erkrankt oder stirbt der Mann , so ist seine Schuld bewiesen , konnte dagegen , vielleicht vorbereitet , sein Magen dem Angriff widerstehen , so wird er in feierlichem Zuge durch die Stadt geführt und mit allen Ehren freigesprochen . Er ist unschuldig , - Gott selbst hat gerichtet . Nachdem der Kongo vermessen worden war , ging die Gazelle nach Kapstadt . Auf dem Wege bot sich den jetzt schon verwöhnten Seeleuten ein wunderbares Schauspiel . Sie sahen eines Nachts um das Schiff herum das sogenannte Meeresleuchten , das von winzig kleinen , spindelförmigen Tierchen erzeugt wird , die sich zu Millionen an einer Stelle versammeln und das Wasser gleichsam zum Glühen bringen . Der Zug schwamm vorüber , und von Bord wurde mit dem Schleppnetz eine Menge dieser kleinen Tierchen heraufgeholt , ohne jedoch den eigentlichen Wunsch des Zoologen zu erfüllen ; denn außerhalb ihres Elementes leuchten sie nicht mehr . Am 26. September lief die Korvette in die Tafelbai ein , benannt nach dem 1100 Meter hohen Tafelberg , zu dem noch im Westen der Löwenkopf und im Osten der Teufelspik hinzukommen . Kapstadt selbst machte auf Robert keinen andern Eindruck als andere Hafenstädte auch , es herrschte das gleiche Getriebe wie überall , und das Durcheinander von Weißen und Farbigen war ihm ja nichts Neues mehr . Aber schon nach wenigen Tagen begann die Fahrt nach der Kergueleninsel im südlichen Eismeer , die für die Gazelle weniger angenehm und ruhig , wenn auch sonst glücklich verlief . Stürme , hoher Seegang , Nebel und Regenwetter wechselten miteinander ab , doch am 26. Oktober erreichte das Schiff wohlbehalten die Insel und lief in die Bucht von Betsy-Corn ein , dem geschütztesten Ankerplatz , um dort die Astronomen zu landen und sie , so gut es ging , unterzubringen . Auf Kerguelen wollte der Kapitän etwa vierzehn Tage bleiben , Robert fand daher Gelegenheit , die Insel nach allen Seiten zu durchstreifen , obgleich er nirgends einen besonders schönen Punkt entdecken konnte . James Cook , der bekannte Weltumsegler , nannte Kerguelen einfach das Desolationsland , das Verzweiflungsland , und wirklich schien es den Leuten von der Gazelle , als habe er damit das richtige getroffen . Kein Tier außer den Wasservögeln , kein Baum , keine Blume , nur ein riesiges Gewächs , eine Art Kreuzblume , der Kerguelenkohl , der als Gemüse zubereitet wirklich gut schmeckte und dessen Saft Doktor Naumann ein erprobtes Mittel gegen den Skorbut nannte . Vom Land aus sah Robert wieder Walfische speien , ebenso entdeckte er auch Robben und alle Arten von Seevögeln , jedoch keinerlei jagdbares Wild . Am 12. November begann die Gazelle ihre Forschungsreise nach der Westküste der Insel , und von dort wurde unter persönlicher Führung des Kapitäns eine Expedition in das Innere unternommen . Alles nur Stein und Fels , sonst nichts . Wohl nie vorher hatte ein . Mensch dieses Land betreten , und nur ein Wissenschaftler könnte daran jemals etwas Interessantes finden . Freiwillig würde sich dort nie jemand niederlassen . Im Osten der Insel wurde ein schmaler Fluß von Basaltblöcken von dreißig Meter Höhe förmlich eingekeilt ; es schien unmöglich , auf den einzelnen losgerissenen Felsstücken , über die er seinen Weg nahm , in das Innere dieser nach oben hin ganz verdeckten und verengten Höhle einzudringen , dennoch aber versuchte es Robert , der hier überhaupt bei jedem Schritt an die Eiswüste des Nordpols erinnert wurde , immer wieder . Er war der einzige , der es nicht aufgab , den gefährlichen Weg auf überhängenden Klippen , einzelnen Vorsprüngen und vom Wasser überspülten Steinen doch zu erzwingen . Sollte er denn zum zweitenmal den Lauf eines Gebirgsflusses in rätselhafter Weise aus den Augen verlieren , sollte er wieder , wie damals in Norwegen , das Land verlassen , ohne sein Geheimnis erforscht zu haben ? Er schüttelte den Kopf , als ihn die andern aufforderten , doch davon abzulassen . Es bestand ja keine Gefahr , er wollte es versuchen , - also vorwärts , und noch dazu am liebsten ganz allein . Robert watete oder sprang , dann kroch er auf allen vieren , balancierte an schaurigen Abgründen vorbei oder schwang sich über eine breite Kluft . Aber was war das ? - Er hatte es im stillen erwartet und doch packte es ihn überraschend . Das Wasser versiegte unter seinen Füßen , immer weniger sickerte über die Felsen , bis es plötzlich ganz aufhörte , gerade wie damals am Nordkap . Wo war der Fluß geblieben ? Er sah zurück . Aus einer schmalen Spalte drang Wasser hervor , von rechts und links liefen kleine Adern bis zur Mitte , aber hier oben war alles trocken . Roberts Herz pochte laut . » In Norwegen lag der See tief unten , und oben rauschte der Wasserfall « , dachte er , » hier verhält es sich umgekehrt . Ich muß hinauf . « Er sah an dem schneebedeckten Gipfel empor . Bis nach oben war es noch weit , sicherlich ein stundenlanger , beschwerlicher Weg , aber was schadete das ? Dort oben mußte der See sein ! Ein See , hunderte von Metern über dem Meeresspiegel , - und er sollte Kerguelen verlassen , ohne ihn gesehen zu haben ? Nein ! Proviant hatte er noch genügend in seinen Taschen , der Tag war noch lang und das Wetter frostklar , also vorwärts ! Seine ganze alte Entdeckerlust war mit einemmal wieder erwacht . Der Weg bergauf war steil und mühsam , aber doch nicht so beschwerlich wie das Waten durch das Flußbett . Robert wählte für den Aufstieg die Außenseite des Felsens , wo ganze Strecken ohne große Anstrengung überschritten werden konnten , wenn auch wieder andere mit ihren scharfen Zacken die Kleider zerrissen und die Haut abschürften , so daß er bald an einigen Stellen blutete . Robert achtete nicht darauf . Immer näher kam er einem Kranz von einzelnen , eigenartig geformten Felsblöcken , die wie Riesennadeln zum Himmel emporstarrten . Sie sahen aus , als ob von ihnen hier oben ein Schatz behütet werde , sie schienen , eng gedrängt und oft merkwürdig geformt , den Eintritt in ein Heiligtum zu verwehren , das noch nie der Fuß eines Menschen berührt hatte , das hoch über der Erde versteckt lag und nur der Sonne als Spiegel diente . Robert suchte lange nach einem Zugang . Endlich . Hier hingen zwei Blöcke schräg gegeneinander . Mit weiten , faltigen Mänteln und riesigen , von Haubenbändern umgebenen Köpfen sahen sie aus wie plaudernde , uralte Frauen , die sich von der Vergangenheit erzählen . Die eine trug unter dem Mantel eine Krücke , und die andere hielt einen Korb . - Robert bewunderte das seltsame Naturspiel . Wie von Künstlerhand grob gemeißelt , in riesenhaften Formen , erschienen ihm die Gestalten . » Laßt mich hindurch , ihr beiden « , lachte er . » So alte Großmütterchen können ja den Enkeln nichts abschlagen . « Und auf Händen und Füßen kriechend gelangte er , Korb und Krücke streifend , auf die andere Seite . Hier aber wäre er fast in die Tiefe gestürzt . Nur durch einen schmalen Felsvorsprung vom Abgrund getrennt , sah er unter sich , von den Felsen rings umgeben , einen See , dessen Spiegel keine Welle kräuselte . Weiße Kronen von Schnee lagen auf allen Ecken und Vorsprüngen , in jedem geschützten Winkel , im Inneren jeder Spalte , das Wasser aber war blau und rein wie Samt . Am Himmel erschien in diesem Augenblick die Sonne . Wie Millionen funkelnder Diamanten glänzte es da unten , wie eine zweite goldene , leuchtende Kugel spiegelte sich das Tagesgestirn auf dem Wasser . Robert sah nichts als den Himmel und den See mit seinem Steinkranz . Darüber hinwegzublicken war ganz unmöglich . Lange blieb er in der kleinen , abgeschlossenen Welt da oben , wo seine Füße kaum stehen konnten und wo es so still und so feierlich wie in einer Kirche war . Er bedauerte beinahe die andern , denen der Weg zu weit und zu mühevoll gewesen war , um ihn freiwillig zu unternehmen . Als er , rückwärts kriechend , mit äußerster Vorsicht und nur um wenige Meter am Abgrund vorbei , wieder aus dem geheimnisvollen Zauberkreis des Felsengürtels hinausgelangte , bot sich ihm nach allen Seiten eine herrliche Aussicht . Die Felsen ringsherum glitzerten und funkelten in der Sonne durch die verschiedenen Gesteinsarten und bildeten die merkwürdigsten Formen , am seltsamsten aber kam es ihm vor , so von oben herab wie ein Kinderspielzeug auf dem Wasser die Gazelle liegen zu sehen , deren Masten ihm sonst , wenn er an Deck stand , so schwindelnd hoch vorkamen . Als er von seinem gefahrvollen Ausflug wieder unten anlangte , hatte er so viel Schönes gesehen , daß ihn seine geschundenen Knie und blutenden Hände nur sehr wenig kümmerten . Doktor Naumann lächelte , als er ihn sah . » Nun , junger Freund , einige Kobolde und Gnomen kennengelernt ? « scherzte er . » Nur Nixen , Herr Doktor , - da oben ist ein See . « » Donnerwetter , dann müssen wir ja hinauf , - ich fürchte nur , daß es einen starken Schneefall gibt . Auch das Crosbiegebirge werden wir aus diesem Grunde nicht erforschen können . « Und so kam es . Die Besteigung dieses bedeutenderen Höhenzuges mußte unterbleiben , wenn sich die Entdecker vor der Gefahr des Eingeschneitwerdens schützen wollten . Man hatte auch jetzt von der Insel genug gesehen , um mit Sicherheit behaupten zu können , daß hier keine Ansiedlung möglich sei . Wenn im Hochsommer schon ein solches Klima herrschte , - wie sollte es dann im Winter werden ? Die Wissenschaftler und Photographen bezogen wieder ihre Kabinen auf der Gazelle , die Anker wurden gelichtet und fort ging es , tausend Meilen weit über den Ozean , nach der Tropeninsel Mauritius . Auf dieser Fahrt hatte die Korvette mehrere Stürme zu bestehen , doch wurde das Ziel schließlich ohne ernsthaften Schaden erreicht . Hier war man wieder mitten in den Tropen . Überall grünte und blühte es , und die Luft war sommerlich warm , eine idyllische kleine Welt , die nur monatlich einmal von einem Dampfer besucht wird . Die Tiefenlotungen waren unterwegs fortgesetzt worden , Kohlen und Lebensmittel eingenommen , die Briefe zur Post gegeben und der ausgebrannte , völlig mit Wald überwachsene Krater im Innern der Insel von Robert und mehreren anderen einer Besichtigung unterzogen , dann dampfte die Gazelle wieder weiter , mit Kurs auf Australien . Hier kam Robert nicht von Bord , da nur die Haifischbai und der Dampiersarchipel ausgelotet werden sollten . Interessanter waren dagegen die Sunda-Inseln , und zwar vor allem Timor , das schon ein mehr asiatisches Gepräge trägt . Es wurden nun nacheinander in viermonatlicher , beschwerlicher Fahrt auf lauter Nebenrouten und bisher wenig befahrenen Schifffahrtswegen die Melanesischen Inseln genauer durchforscht , wobei man weniger auf Naturgeheimnisse und Naturschönheiten ausging , sondern hauptsächlich neue Verkehrswege und günstige Ankerplätze ausfindig machen wollte oder Tiefenlotungen vornahm . Gelandet wurde zuerst auf Neuguinea und den drei kleinen Anachoreteninseln , wo Roberts altes Interesse an der Reise wieder auflebte , als man mit den Eingeborenen in Berührung kam . Wie die Schwarzen Afrikas trugen sie als einziges Kleidungsstück einen Lendenschurz , sie besaßen jedoch wohleingerichtete Kokospflanzungen und Kanus mit Segel und Masten , im übrigen zeigten sie sich , nachdem die erste Scheu überwunden war , als harmlose , friedliche Menschen , die mit der Mannschaft der Gazelle einen lebhaften Tauschhandel anfingen und gern die Produkte ihrer Heimat gegen Messer , Scheren , Knöpfe und Nadeln an die Deutschen abließen . An der Südküste von Neu-Hannover wohnte ein ganz anderer Menschenschlag . Diese Wilden liefen vollständig unbekleidet herum , es waren schwarzbraune , gut gewachsene Gestalten mit rot oder gelb gefärbtem kurzem Haar , geschlitzten Ohrläppchen , Muscheln in den Ohren und am Hals und bunten Armbändern . Als sich die Korvette der Küste näherte , stürzten sich sämtliche Männer in die Kanus , um das fremde Wunderding aus nächster Nähe zu sehen , während am Ufer die Frauen schreiend , hüpfend und sich wie toll gebärdend zurückblieben . Aber schon sehr bald konnten auch sie ihre Neugier nicht mehr bezähmen , - sie sprangen ohne weiteres ins Wasser und schwammen den Booten nach , waren aber ebensowenig wie die Männer zu einem Besuch an Bord zu bewegen . An der entgegengesetzten Seite derselben Insel kam es mit den Eingeborenen sogar zu einem ernstlichen , wenn auch nur kurzen Streit . Hier sollte ein Fluß ausgelotet werden , und da die Korvette selbst einen zu großen Tiefgang hatte , mußte die Dampfpinasse die Mündung hinauffahren und dabei auch mehrere von den Wissenschaftlern am Ufer absetzen , um die Pflanzen- und Tierwelt der Insel zu erkunden . Als aber ein kleines Boot , das den Verkehr mit dem Schiff aufrecht erhielt , zufällig einige Minuten lang unbewacht blieb , wurde es von den Eingeborenen gänzlich geplündert ; als die Matrosen zurückkehrten , waren Lebensmittel und Ausrüstungsgegenstände verschwunden , ohne daß sich einer der Wilden gezeigt hätte . Am folgenden Tage , als die Besatzung im Flußwasser ihre Wollkleidung gründlich gereinigt und zum Trocknen zwischen den Bäumen aufgehängt hatte , kamen die Eingeborenen , jetzt schon dreister geworden , in hellen Haufen heran und vertrieben durch einen Hagel von Steinen die friedlich beschäftigten Matrosen , wobei sogar zwei ernstlich verwundet wurden . Von der Dampfpinasse antwortete sofort das kleine Bootsgeschütz , und daraufhin zogen sich die Wilden , offenbar sehr eingeschüchtert , zurück . Am andern Tage jedoch zeigte der ohrenzerreißende Lärm ihrer Kriegsinstrumente , daß sich die verschiedenen Stämme sammelten und offenbar Feindseligkeiten planten . Kapitän von Schleinitz beschloß , dem zuvorzukommen . Er selbst stellte sich an die Spitze von vierzig Mann , die alle ausreichend bewaffnet waren , und dann wurde der Zug nach den nächsten Dörfern unternommen . Natürlich befand sich unter der kleinen Schar auch Robert , der diesmal jedoch seine Erfinderfreude teuer bezahlen mußte . Um an das Dorf heranzukommen , mußte zuerst das hohe , von Gestrüpp und Schlingpflanzen bedeckte Ufer erklettert werden , die Matrosen sahen sich gezwungen , ihre Waffen und Patronen während des beschwerlichen Marsches über den Köpfen zu tragen , und als endlich die jenseitige Anhöhe erreicht war , da starrte das gestern gewaschene Zeug von Schlamm und Schmutz , es war vollkommen durchnäßt und erschwerte sehr unangenehm den Marsch in das Innere der Insel . Aber die Blaujacken verloren ihren Mut nicht . Ein Lied verkürzte die Zeit und half über alle Belästigungen hinweg . Zugleich mit dem vor einer Anhöhe gelegenen Dorf , das von aller Schönheit tropischen Pflanzenwuchses umgeben war , sahen die Deutschen einen Haufen von etwa zweihundert Wilden , die alle mit Speeren , Keulen und Schleudern bewaffnet waren , sich aber sehr zurückhielten und sogar bei Annäherung der geschlossen marschierenden kleinen Schar langsam zurückwichen . Nur vier alte Männer , jedenfalls Häuptlinge , blieben vor dem Dorfe auf einigen Steinen sitzen und erwarteten die Fremden . Herr von Schleinitz , der selbstverständlich die Angelegenheit so rasch und einfach wie möglich zu beenden wünschte , ließ an eine lange Stange ein weißes Tuch binden und ging dann , nur von einem Matrosen als Adjutanten begleitet , zum Dorf hinab . Schon von weitem versuchte er den Eingeborenen begreiflich zu machen , daß er sprechen , unterhandeln , aber nicht kämpfen wolle . Die Wilden mußten offenbar verstehen , was das weiße Tuch bedeuten sollte , sie banden schleunigst ein junges Huhn an einen Stock und trugen diese sonderbare Fahne dem deutschen Kapitän entgegen . Damit war auch von ihrer Seite die Zusammenkunft als friedlich anerkannt worden . Herr von Schleinitz nahm höflich dankend , aber durchaus ernst und hoheitsvoll das Geschenk in Empfang und vergalt es sofort durch Überreichen eines Stückes Uniformtuch , das schon zu diesem Zweck von Bord her mitgebracht worden war . Dann aber , nachdem die Insulaner ihr Entzücken in kindischer Weise zu erkennen gegeben hatten , bedeutete ihnen der Kapitän mit Hilfe der Gebärdensprache , daß er bestohlen worden sei und die Rückgabe des geraubten Gutes unbedingt verlange . Er fragte , ob die Häuptlinge von diesem Diebstahl Kenntnis erhalten hätten . Die Antwort war natürlich ein Nein . Herr von Schleinitz zuckte die Achseln . Dann nahm er die Pistole und schoß vor den Augen der vier Häuptlinge einen jungen Baum durch den Stamm , so daß weißer Saft aus dem Einschußloch hervorquoll ; hierauf deutete er mit der Rechten auf die in einiger Entfernung stehenden Soldaten , als wolle er sagen : » Die dort verstehen alle das Gleiche und werden euch empfindlich bestrafen , wenn ihr nicht das gestohlene Gut sofort herausgebt . « Die Wilden sahen in großer Angst auf den getroffenen Baum . Sie berieten leise untereinander , gaben offenbar heimliche Befehle in das Dorf hinauf und bemühten sich , eine freundliche Miene zur Schau zu tragen . Nach kurzer Zeit näherte sich ein junger Bursche , der die gestohlenen Dinge im Korb am Arm trug und dem Kapitän zu Füßen legte , worauf er sich mit Hasensprüngen wieder entfernte , offenbar sehr froh , der Gefahr so glücklich entronnen zu sein . Das laute Gelächter der Seeleute folgte ihm nach . Herr von Schleinitz hatte inzwischen den Korb durchsucht und wandte sich jetzt achselzuckend an die Wilden . » Das ist noch längst nicht alles « , sagten seine Gebärden , » es fehlen verschiedene Instrumente und andere Kleinigkeiten . Wir wollen eure Hütten in Brand stecken , um euch zu bestrafen . « Das wirkte . Die Häuptlinge baten , das geraubte Gut den Weißen wieder zuschicken zu dürfen ; sie wollten selbst im Dorf eine Haussuchung vornehmen und ihr Möglichstes tun , um alles Verlorene herbeizuschaffen . Man möchte nur ihre Wohnungen verschonen . Herr von Schleinitz erklärte sich mit diesem Angebot durchaus einverstanden , und die Seeleute konnten den Rückmarsch antreten , ohne von ihren Waffen Gebrauch gemacht zu haben , was allerdings einigen unter ihnen gar nicht recht war , da doch im Lazarett der Korvette die beiden verwundeten Kameraden noch immer in ihren Verbänden lagen und einer sogar eine tüchtige Stirnwunde davongetragen hatte . Wie maßvoll und gerecht jedoch der Kapitän vorgegangen war , mußten auch die Kampflustigen anerkennen . Wozu wäre es gut gewesen , den hilflosen , schlecht bewaffneten Wilden , die doch als harmlose Naturkinder kaum einen Begriff von Recht und Unrecht haben konnten , - hier wegen einiger Vergrößerungsgläser , Schleppnetze und Lotungsapparate eine blutige Lehre zu geben ? Die armen , ahnungslosen Wilden wären dadurch nicht belehrt , sondern nur gekränkt worden ; für die Weißen aber wäre es nicht gerade rühmlich gewesen , ihre zehnfache Überlegenheit an primitiven Eingeborenen erprobt zu haben ! Als die Soldaten an das Ufer zurückkamen , fanden sie sämtliche gestohlenen Gegenstände schon vor . Jedenfalls hatten die Insulaner , um sich keiner Gefahr auszusetzen , auf Nebenwegen irgendeinen schnellfüßigen Burschen entsandt und auf diese Weise keinen als den Schuldigen gekennzeichnet . Von Bord der Korvette war beobachtet worden , wie mehrere Schwarze aus dem Gebüsch hervorkrochen , schleunigst die Sachen in das Gras legten und wieder verschwanden . Das Ansehen des Deutschen Reiches war also gewahrt worden , man hatte den Diebstahl gerügt und Rückerstattung des Geraubten erlangt , - Herr von Schleinitz hatte durchaus vorbildlich gehandelt . Nachdem diese Angelegenheit erledigt war , nahm die Korvette zunächst Kurs auf Neu-Irland und die umliegenden Inseln , wobei jedoch zu Roberts großer Enttäuschung eine Berührung mit den Eingeborenen gänzlich oder doch soweit wie möglich vermieden wurde . Es lebten nämlich auf diesen Inseln damals noch Menschenfresser , daher hielt sich Herr von Schleinitz einem Zusammenstoß mit diesen Stämmen möglichst fern . Die Reise der Gazelle diente ja allein wissenschaftlichen Zwecken , so schien es das Klügste , derartigen unangenehmen Zwischenfällen schon von vornherein aus dem Wege zu gehen . Für Robert war diese Maßnahme um so betrüblicher , als er sehr viel Reizvolles darin fand , mit Wilden in Berührung zu kommen und in die Geheimnisse ihrer Sitten und Lebensgewohnheiten einzudringen . Er mußte hier so ziemlich auf alles Erhoffte verzichten , da von seiten der Gelehrten nur Vermessungen und Beobachtungen angestellt wurden , ohne jedoch dabei die Menschen einzubeziehen . Einige Stämme , zum Beispiel beim Passieren der Byronstraße , zeigten sich herausfordernd und feindselig , während andere durchaus friedlich waren , sogar eigene Landwirtschaft betrieben und den Weißen mit harmloser Vertraulichkeit entgegenkamen . Besonders auf den Salomo-Inseln wurden Fleisch , frische Früchte und Gemüse von den Bewohnern in Kanus an Bord gebracht , wofür dann Kleidungsstücke und sonstige Kleinigkeiten als Zahlungsmittel dienten . Auf Neu-Britannien hatte die Gazelle eine eigentümliche Mission zu erfüllen . Vor langen Jahren waren auf dieser Insel gegen die Handelsniederlassungen der hamburgischen Firma Godeffroy die gröbsten Gewalttätigkeiten verübt worden , und man wollte jetzt die Wilden vor etwaigen Wiederholungen warnen . Da inzwischen einige Jahre vergangen waren und im übrigen niemand an Bord die Sprache der Eingeborenen verstand , begnügte sich Herr von Schleinitz damit , an eben der Stelle , wo damals Mord und Brandstiftung stattgefunden hatten , auch jetzt wieder einen Haufen brennbarer Gegenstände anzünden und einige Salven abfeuern zu lassen . Als die Wilden sahen , welche Verheerungen unter Bäumen und Sträuchern die Kanonenkugeln anrichteten , erschraken sie so sehr , daß ihnen die eiligste Flucht als bestes Schutzmittel erschien . Sie verschwanden wie in den Boden hinein . Von hier aus fuhr die Gazelle nach den Auckland-Inseln , wo jede Spur einer Bevölkerung fehlte . Die Forschungen der Wissenschaftler konnten zwar ohne Störung betrieben werden , doch ergaben sie keine besonders lohnende Ausbeute . Die Gazelle hat aber in bezug auf Hafenplätze und Tiefenlotungen gerade hier das Wesentlichste für die Schiffahrt geleistet , andererseits erfüllte sie ihre Mission als Repräsentant des Deutschen Reiches bei vielen Fürsten der wenig bekannten , bisher immer übersehenen kleinen Inselreiche des Stillen Ozeans . In Levuka , der Hauptstadt der Insel Viti-Levu , der größten Fidschi-Insel , verkehrten die Offiziere der Korvette in äußerst freundschaftlicher Weise mit dem regierenden Landesherrn , König Thakembau , der sich durchaus als denkender und gebildeter Mann erwies und der auch seinerseits mehrere Male als Gast an Bord der Korvette empfangen wurde . Beim Abschied blieb er bis zum Augenblick des Ankerlichtens und konnte sich erst trennen , als die Maschine in Tätigkeit trat . Von den Fidschi-Inseln ging die Korvette nach den Tonga-Inseln , auf denen hellfarbige und kulturell auf einer höheren Stufe stehende Menschen leben . Wie ganz Australien , leidet auch diese Inselgruppe an Wassermangel ; es gibt nur wenige Tiergattungen , aber einen verhältnismäßig ausgedehnten Pflanzenwuchs . Dagegen haben aber die Bewohner schon feste Häuser , sie arbeiten und sind kulturell die höchststehenden unter allen Völkern auf den Inseln des Stillen Ozeans . Auch hier sah Robert einen farbigen Fürsten , den siebzigjährigen König Georg . Der alte Herr empfing äußerst höflich die Vertreter des Deutschen Reiches , dankte für den Besuch und lud seine Gäste zur Tafel , wobei ein Missionar als Dolmetscher diente . Am Nachmittag machte er an Bord der Korvette einen offiziellen Gegenbesuch , der von Seiten der Mannschaft mit einer Ehrensalve von einundzwanzig Kanonenschüssen begrüßt wurde , worauf sogleich an Land die beiden einzigen vorhandenen Geschütze den Salut erwiderten . Zu Ehren des Fürsten hielt man an Bord eine Parade ab und gab ein Essen , bei dem Herr von Schleinitz ein Hoch auf König Georg ausbrachte . Die Rede des Fürsten , bescheiden und dankbar , aber doch seine Würde als Landesherr vollständig wahrend , zeigte einen denkenden , für das Wohl seiner Untertanen eifrig besorgten Monarchen , der seiner Freude Ausdruck gab , mit Deutschland die besten Beziehungen angeknüpft zu haben und auch weiter noch knüpfen zu können , indem er den deutschen Auswanderern allen nur möglichen Schutz gewähre und sie den Eingeborenen des Landes in jeder Beziehung gleichstelle . Auf ihre Fragen erfuhren die Offiziere , daß die Deutschen auf den Tongainseln vor allem mit Kobra handeln , den zerschnittenen Kernen der Kokosnuß , die dort in großen Wäldern wächst und den bedeutendsten Ausfuhrartikel darstellt . Es lagen auch gleichzeitig mit der Gazelle noch sieben europäische Schiffe im Hafen , die gerade eine Ladung Kobra übernahmen . Von hier ging die Korvette nach den Samoa-Inseln und war nun wieder ganz vom Zauber der Tropenwelt umgeben . Am 24. Dezember warf die Gazelle im Hafen von Apia auf Upolu Anker , und die Mannschaft erhielt Erlaubnis , an Land zu gehen und dort den Weihnachtsabend zu verbringen . Das war eine eigenartige Feier . Die Matrosen konnten sich nicht entschließen , in den Wirtschaften zu sitzen , zu trinken und zu tanzen wie sonst , wenn sie nach langer Fahrt zum erstenmal wieder Land betraten . Sie alle waren ja einmal Kinder gewesen , die am Weihnachtsabend um den Tannenbaum standen und mit glücklichen Augen den Glanz seiner Kerzen sahen , sie alle hatten ja daheim ihre Lieben und wußten , daß deren Gedanken jetzt bei ihnen waren , - kein einziger war ausgelassen oder beging irgendwelche kleinen Tollheiten , die sonst zum Leben eines Matrosen an Land nun einmal gehören . Auch Robert war sehr ernst gestimmt . Er sah die Farbenpracht tropischer Wälder mit ihren bunten Blüten , aber er dachte an die heimatlichen Tannen . Er glaubte den Harzgeruch zu spüren , sah die kleinen , bescheidenen Lichter und die vergoldeten Früchte und erkannte das niedere Zimmer im Elternhause , - und auch die Gesichter der beiden lieben alten Leute wurden vor seinen Augen lebendig ; die Mutter , die vielleicht jetzt weinend an ihren einzigen Sohn dachte , der Vater , den er nun nicht mehr wiedersehen würde . Es beengte ihm die Brust , - er mußte etwas sagen . » Jungens « , sagte er , » wollen wir uns einen Christbaum machen ? « Mehrere Stimmen antworteten zugleich , und alle waren einverstanden . » Daran dachte ich längst ! « rief Gerber . » Die Fremde ist doch immer die Fremde , - man wird ganz weinerlich , wenn einen so die Erinnerungen an die alte Heimat überfallen . « » Aber einen Tannenbaum gibt ' s in ganz Apia nicht ! « meinte ein anderer . » Was schadet das ? Grün ist Grün , und Lichter hat man ja auch hier . « Und so kam es . Die Matrosen besorgten sich ein stattliches , mit Blüten und Früchten bedecktes Brotfruchtbäumchen , das mit seinen Wurzeln aus dem Boden gehoben und in einen großen Kübel gestellt wurde . Dann ging es an den Baumschmuck . Jeder einzelne der ganzen Schar brachte seine Lichter in Gedanken an die lieben Angehörigen daheim in Deutschland , jeder erzählte von den Weihnachtsabenden früherer Jahre und wie die Kinderzeit so schön gewesen sei und so glücklich - - » An Land möchte man nicht leben « , sagte Gerber , » wahrhaftig , ich hielte es nicht aus ohne die See , aber es ist doch eigenartig , so Jahr für Jahr über die Meere zu fahren und nur selten für wenige Tage unter Menschen ein Mensch zu sein . Wenn ich jetzt nach Hause komme , finde ich lauter fremde Gesichter , - meine alte Mutter starb , seit wir von Kiel fortgingen , und zwei Schwestern haben geheiratet , - es ist alles anders geworden . « Robert legte ihm die Hand auf die Schulter . » Keine trüben Erinnerungen , Gerber « , sagte er ermunternd . » Wir wollen singen , das macht das Herz frei . Kinder noch einmal , wir sind ja doch jetzt auf der Heimreise , also warum denn erst traurig werden ? « Die Bowle , wunderbar nach tropischen Früchten duftend , wurde gebracht , und unter dem eigenartigen Weihnachtsbaum entfaltete sich ein buntes Bild . Die Matrosen , saßen und lagen um den Tisch , Zigarrenrauch erfüllte den Raum , und zwischen den Lichtern blühte es und trug reife Früchte am eigenen Stamm . Die Gesichter der Eingeborenen sahen von draußen herein , horchten mit Erstaunen den Klängen der deutschen Sprache und summten im Takt die Melodie , ohne den Wortlaut zu ahnen : » O du fröhliche , O du selige , Gnadenbringende Weihnachtszeit « Es war ein schöner und froher Weihnachtsabend , den die Matrosen von der Gazelle im fernen Apia verlebten . Erst gegen Morgen kehrten die jungen Leute zum Schiff zurück , singend , fröhlich und bepackt mit allen möglichen guten Dingen , um an Bord die Armen von der schwarzen Liste , die Wache gehalten hatten , jetzt nachträglich noch zu bewirten . Sie erschienen wie die leibhaftigen guten Geister des Weihnachtsabends und brachten die Festfreude auch zu den armen Missetätern , die einmal auf das frischgescheuerte Deck gespuckt , in der Nähe des Großmastes laut gelacht oder vielleicht sogar eine Stenge ungeschmiert gelassen hatten , wofür ihnen dann die Strafwache unweigerlich zugefallen war . Am folgenden Tage ging es an eine Besichtigung der Umgebung . Soviel tropische Schönheit wie hier hatte Robert kaum an irgendeinem anderen Ort der Welt gesehen . Die ganze kleine Insel glich einem Garten , in dem die einzelnen Ansiedlungen zerstreut unter den Bäumen dalagen . Deutsche Handelshäuser haben für die Bedeutung der Insel sehr viel getan . Sie betrieben den Ankauf der einheimischen Erzeugnisse und beschäftigten durch Pflanzungen von Kaffee , Mais , Baumwolle und Kokosnüssen viele Hunderte von Arbeitern . Robert