Schrecken auf ihre Kinder , und um sich her . Was ist das ? Redet , redet ! Was bedeutet das ? rief sie , während sie sich zur Tochter wendete . Frage nicht , o , frage nicht ! rief diese . Indessen die Lebhaftigkeit der Mutter überhörte es , und sich gebieterisch zu ihrem Sohne wendend , sprach sie : Kennst Du dieses Mädchen ? Rede , rede , Gerhard ! Was ist Dir dieses Mädchen ? Aber kein Ton von des Grafen Lippen gab ihr Antwort . Wie von einem Banne befangen , hingen seine Augen an Seba ' s starrem , bleichem Antlitze , an ihrem zuckenden Munde . Er hätte fliehen mögen , aber er konnte die Stelle nicht verlassen ; er hätte sprechen mögen , aber Seba ' s brennendes Auge schloß ihm den Mund und noch immer wartete die Gräfin auf eine Antwort . Da richtete Seba sich empor wie Einer , der mit Aufbietung aller seiner Kraft gewaltsam seine Fesseln sprengt , und schön wie eine Judith in ihrem wilden Zorn , flammend in ihrem Rachegefühl , rief sie : Was ich ihm war ? - Sie lachte , daß es den Andern Mark und Bein durchschauerte - was ich ihm war ? - Ein Zeitvertreib für eine müßige Stunde , ein billiger Triumph noch im Moment des Scheidens , weiter nichts , weiter nichts ! - Gewettet hatte er beim Wein in seiner Cameraden lustiger Gesellschaft , daß er mich besitzen würde , und - hier vor seiner Mutter , hier vor seiner Schwester , vor Dir , Angelika , will ich es bekennen - meine Liebe hat ihm das Gewinnen leicht gemacht , denn .... sie hielt inne , der Athem versagte ihr , die verhaltenen Thränen drohten sie zu ersticken , und plötzlich in ein Weinen ausbrechend , das aus den Tiefen ihres gequälten Herzens kam , fügte sie hinzu - denn ich habe den Elenden geliebt mit aller Inbrunst eines reinen Herzens , mehr als mich selbst , mehr als Vater und Mutter , mehr als Alles auf der Welt ! Sie hatte ihre Kraft erschöpft , sie mußte sich niedersetzen , und den Kopf auf ihre Arme legend , die sie auf dem Tische ausgebreitet , weinte sie mit verborgenem Gesichte . Auch die Gräfin hatte sich setzen müssen ; nur Gerhard stand wie ein Gerichteter zwischen den drei Frauen da . Plötzlich erhob sich die Baronin , ging mit raschem Schritte zu ihrem Bruder , und seine Hand ergreifend , während sie ihn zu Seba hinzuziehen suchte , rief sie : O , vergüte ! Vergüte , mein Bruder ! Sühne , was Du an ihrem edeln Herzen gesündigt hast ! Laß sie die Deinige werden , sie , die ich wie eine Schwester liebe ! Aber der Graf wehrte seiner Schwester , und fast tonlos , so daß nur das Schweigen der Frauen seine Worte hörbar machte , sprach er : Und wenn ich es wollte - es kann nicht sein ! Da hob Seba den Kopf in die Höhe , und ihn mit kaltem Auge messend , sagte sie , während , den Andern zum Erstaunen , ihren Zügen und ihrer Stimme die Ruhe wiederkehrte : Und wenn Du es wolltest und wenn Du es dürftest - Du vermöchtest es nicht ! Denn wie könntest Du mir die vertrauensvolle Liebe wiedergeben , die ich einst für Dich gehegt habe ? Wie könnten Dein Rang und Dein Name mich damit versöhnen , Dein Weib , das Weib - eines Ehrlosen zu werden , den ich verachte , wie ich ihn einst geliebt ! Seba ! flehte Angelika , flehte die Gräfin . Halte ein ! rief der Graf , indem er zusammenbrechend sich zu den Füßen seiner Mutter warf , die sich unwillkürlich von ihm wendete . Seba regte sich nicht . Mit eisigem Blicke sah sie auf den Grafen hin , die Stille war entsetzlich , sie konnten einander athmen hören . Mit einem Male stand sie auf , sah um sich her und schien etwas zu suchen . Die Baronin erhob sich ebenfalls ; sie errieth , was jene vorhatte , und nahm ihre Hand , um sie zurückzuhalten . Ich will fort , sagte Seba matt ; meines Bleibens ist hier nicht . - Sie ging nach ihrem Hut und Shawl . Du darfst , Du kannst nicht gehen ! versicherte Angelika , die sich selber kaum aufrecht zu erhalten wußte . Sorge nicht , ich habe ertragen gelernt ! gab Seba ihr zur Antwort . Sie setzte achtlos den Hut auf , nahm den Shawl um ihre Schultern und wollte sich entfernen . Da warf Angelika sich vor ihr nieder , und die Hände flehend zu ihr erhoben , bat sie : Denke meiner nicht mit Haß ! Deiner ? Deiner ? Wie könnte ich ? versetzte Seba , indem sie Jene in ihre Arme schloß , und noch standen sie , ihre heißen Thränen mit einander mischend , Brust an Brust gelehnt , als die Gräfin zu ihnen herantrat . Seien Sie barmherzig , bat sie , vergeben Sie , und Gott wird auch Ihnen seine Vergebung angedeihen lassen ! Seba schüttelte schweigend das Haupt . Ich habe mich vor mir selbst gedemüthigt bis zur Zerknirschung , und mich in mir selbst erhoben , sagte sie ; ich habe durch Liebe zu sühnen gesucht , was ich aus blinder Leidenschaft gesündigt ; ich bedarf keiner anderen Vergebung ! Ich habe mir selbst verziehen ! - Mag er , wenn er es kann , das Gleiche thun ! Und ohne den Grafen weiter eines Blickes zu würdigen , verließ sie das Zimmer und das Haus . Sechszehntes Capitel Es war eine traurige Reise , welche die beiden Frauen zurückzulegen hatten . Graf Gerhard , der , von der Hochzeit eines Cameraden kommend , zufällig mit seiner Mutter in dem Gasthofe zusammengetroffen war , hatte die Stadt noch in der nämlichen Stunde verlassen ; die Abreise der Frauen hatte wegen der Erschöpfung der Baronin bis zum Nachmittage hinausgeschoben werden müssen . Die Gräfin war tief erschüttert , Angelika völlig herzzerrissen und fassungslos . Sie hatte der Mutter mit einem Eide geloben müssen , daß kein Wort über diesen furchtbaren Vorgang jemals von ihren Lippen kommen solle , und die Gräfin hatte , von ihrem Sohne ein gewandeltes Leben fordernd , ihm das gleiche unverbrüchliche Schweigen zugesagt . Der Gedanke , daß ihres Sohnes Ehre der Welt gegenüber also nicht angetastet werden würde , das war der Trost , an dem sie sich emporrichtete , wenn das vernichtende Urtheil , welches Seba über ihn gesprochen , in seiner unerbittlichen Strenge in dem Herzen der Gräfin nachklang . Der Caplan , dem es nicht hatte verborgen bleiben können , daß Seba die Baronin nach dem Gasthofe begleitet und daß sie dort mit dem Grafen Gerhard zusammengetroffen war , hatte keine Mühe , sich das Geschehene zu deuten , und die Stimmung der beiden Frauen , deren Begleiter er war , zu erklären . Er richtete keine Frage an Angelika , aber er verstand es , weßhalb sie mehr als je zuvor von der Sorge um die Erziehung und Charakterbildung ihres Sohnes hingenommen schien , und er suchte sie bei diesen Gedanken festzuhalten . Da man um der Baronin willen immer erst spät am Morgen aufbrechen konnte , war es schon gegen Abend , als man auf der Herrschaft anlangte , und Angelika ' s Traurigkeit ward mit der Ankunft auf ihrem eigenen Grund und Boden nicht vermindert . Der Anblick des Pfarrhauses , des Amthofes , des frischen Grabes auf dem katholischen Kirchhofe riefen ihr keine tröstlichen Erinnerungen und Vorstellungen in das Gedächtniß . Als sie an der schönen , neuen Kirche vorüberfuhren , wagte sie nicht , die Mutter auf dieselbe aufmerksam zu machen , und die Gräfin äußerte sich nicht darüber . Es wurde der armen Angelika immer banger um das Herz . Mit Einem Male rief sie : Um Gottes willen , was ist das ? Man sah zum Wagen hinaus ; das ganze Gehöft , welches , zwischen Rothenfeld und Richten gelegen , aus zwei kleinen Wohnhäusern und einer Gruppe von Ställen und Scheunen bestanden hatte , war in einen Trümmerhaufen verwandelt . Die nackten Schornsteine sahen gespenstisch und geschwärzt aus dem sie umgebenden Schutthaufen hervor , die dicken , schweren Rauchsäulen qualmten mit ihrem erstickenden Geruche zu dem blauen , leuchtenden Himmel hinauf . Einer der Wirthschafter , welcher bei dem Auseinanderlegen und Löschen der noch brennenden und schwelenden Balken die Aufsicht führte , kam auf einen Anruf an den Wagen heran . Er meldete , daß das Feuer mitten in der Nacht in beiden Scheunen fast gleichzeitig ausgebrochen und , wie es sich herausgestellt , wahrscheinlich von dem stumpfsinnigen Sohne des Hirten , den man gestern mit einer Prügelstrafe zum Abschiede aus der Haft entlassen hatte , angelegt worden sei . Die Bewohner der beiden Häuser hatten nur ihr Leben retten können ; die ganze Heuernte war verbrannt , der Verlust , selbst die Baulichkeiten abgerechnet , sehr empfindlich . Man hatte nun abermals ein neues Verbrechen gegen das Eigenthum des Gutsherrn zu bestrafen . Und ich bin so schwach ! seufzte Angelika . Sie fühlte , daß ihr mehr zu tragen auferlegt war , als ihre Kräfte ihr gestatteten . Man mochte es machen , wie man wollte , die Gräfin erfuhr schon jetzt von den auf den Gütern obwaltenden Verhältnissen mehr , als ihre Tochter wünschte . Sie versuchte Angelika damit zu beruhigen , daß solche Ereignisse ja öfter vorkämen , daß man vor dergleichen Böswilligkeiten nirgends sicher sei , und die Baronin gab sich diesem Troste , so gut sie konnte , hin . Als man vor dem Schlosse vorfuhr , waren seine Bewohner heruntergekommen , die heimkehrende Herrin und deren Mutter zu begrüßen ; aber man fand sich allseitig nicht wohl aussehen . Der Freiherr und der Graf , welche die Nacht hindurch von dem Brande wach erhalten worden waren und beide in den Jahren standen , in denen Anstrengungen , Schrecken und Sorgen sich nicht so leicht als in der Jugend überwinden lassen , sahen ermüdet aus . Den Grafen betrübte dazu die Hinfälligkeit seiner Tochter ; der Freiherr bemühte sich , seiner Schwiegermutter die frühere , freie Herzlichkeit zu zeigen ; indeß er war verdüsterten Sinnes , er mußte sich zur heiteren Rücksichtnahme für seine Gäste zwingen , und der Gräfin Herz war , ebenfalls beschwert , nicht dazu angethan , ihm seine Aufgabe zu erleichtern . Nur die Herzogin besaß sich ganz und gar und kam durch ihre kluge Haltung Allen wesentlich zu Hülfe . Sie hatte sich völlig matronenhaft gekleidet , und Angelika konnte nicht umhin , so genau sie die Herzogin kannte , sie doch mit Verwunderung zu beobachten und zu betrachten . Ihre Stirn war ernst geworden , ihr Blick hatte den schmelzenden Ausdruck verloren , ihr Mund sein anmuthiges Lächeln . Jeder , der die Herzogin jetzt zum ersten Male sah , mußte sich sagen , diese Frau habe ein schweres Schicksal mit Ergebung getragen und überwunden . Bescheiden jede Rücksichtnahme für sich zurückweisend , wußte sie alle ihre Sorgfalt als auf die Baronin gerichtet darzustellen , und wie bei jeder solchen Täuschung , wie bei jeder solchen heuchlerischen Schaustellung zwang grade die Dreistigkeit derselben diejenige zum Schweigen , welche sich von ihr beleidigt und abgestoßen fühlen mußte . Angelika konnte ihren Eltern nicht sagen , daß die Herzogin sie unglücklich gemacht , daß sie ihr ihres Gatten Liebe entzogen , ihre Ehe zerstört , ihren Seelenfrieden vernichtet habe ; denn wie bei dem ersten Besuche , welchen Graf Berka und seine Frau der Tochter abgestattet , hatte diese die Ehre ihres Mannes und ihres Hauses vor den Eltern zu vertreten , und es wollte sie bedünken , als sähen ihre Eltern schärfer , als sie wünschte , als wären sie über gewisse Dinge und Verhältnisse besser unterrichtet , als ihr lieb war . In Erinnerung an die frühere Anwesenheit des gräflichen Ehepaares , bei welcher man das erste Frühstück auf der nach dem Parke gelegenen Terrasse eingenommen hatte , damit die Leute aus den Dörfern die Eltern ihrer Herrschaft sehen könnten , hatte man auch jetzt an dem Tage nach der Rückkehr der Baronin , der ein Sonntag war , am Nachmittage den Park geöffnet und ein Vesperbrod im Freien aufgetragen . Ganz wie damals war die Mahlzeit an dem oberen Ende der Terrasse vor dem chinesischen Häuschen hergerichtet . Wie damals standen die Diener in ihrer Gala-Livree bereit , es zu präsentiren ; die Baronin ging nur nicht mehr so freundlich plaudernd und so schön an dem Arme der Gräfin einher , der Graf und der Freiherr trugen nicht mehr die stattlichen Röcke aus farbigem Sammt , auch sie hatten allmählich die goldbesetzten dreieckigen Hüte und die wohlfrisirten Perrücken abgelegt . Aber die runde , breitkrämpige Kopfbedeckung , die weiten , schmucklosen Tuchröcke , die breitklappigen Westen , die dicken Halstücher machten immer noch einen fremden Eindruck an ihnen , und sie schienen den Degen an ihrer Seite doch immer noch zu vermissen . Ausgestreckt auf ihrem Ruhebette , in ihren weißen Kleidern , mit dem weißen Schleier über dem blonden Haare , sah die Baronin einer Nonne gleich . Sie war nicht mehr die hohe , gebietende Gestalt , deren Schleppkleid einst so prächtig ihren gemessenen Bewegungen gefolgt war ; sie und die Gräfin hatten nicht mehr die kleinen Federhütchen auf , und es war auch Niemand aus den Dörfern gekommen , sich an der Schönheit und Stattlichkeit der Herrschaften zu erfreuen . Die Leute waren nicht begierig , dem Freiherrn unter die Augen zu treten , und noch weniger begierig , ihn zu sehen . Die Gartenarbeiter , welche im Vorübergehen verstohlen nach den Herrschaften hinaufsahen , meinten , daß die Diener sich jetzt besser als die Herren ausnähmen . Die Zeiten hatten sich eben geändert , und die Menschen mit ihnen . Die Gräfin saß mit ihrem Sonnenschirme an der Seite ihrer Tochter und hielt ihr das zu grelle Licht ab ; die Herzogin , mit einer Filetarbeit beschäftigt , leistete ihnen Gesellschaft . Den Enkelsohn an der Hand haltend , spazierte der Graf mit seinem Schwiegersohne umher ; aber es waren nicht die sie zunächst umgebenden Dinge , nicht die leuchtende Pracht des Abends , nicht die Schönheit des Parkes , welche sie beschäftigten . Der Krieg hatte die Grenzen Frankreichs lange schon überschritten , große Ereignisse , große Gefahren standen an dem Horizonte , die Welt ging unverkennbar einer Neugestaltung mit raschem Schritte entgegen , und es fragte sich , ob man darauf hoffen dürfe , sich in ihr zu behaupten , wenn man ihr Schranken zu setzen versuchte , oder ob man sich ihr fügen müsse , um nicht in ihr unterzugehen . Des Grafen und des Freiherrn Meinungen waren sehr verschieden ; sie verständigten sich nicht wie sonst , und weil sie entschlossen waren , das kaum hergestellte gute Einvernehmen zwischen sich aufrecht zu erhalten , sprach keiner von ihnen seine letzte Ueberzeugung aus . Man gab von beiden Seiten mit vorsichtiger Zurückhaltung nach , man überwand sich , man schwieg , man beobachtete einander , man suchte zu errathen , was der Andere meinte , sich ihm gefällig zu zeigen , ohne der eigenen Ansicht etwas zu vergeben . Ein solcher Verkehr ist aber eine schwere Arbeit und kein Genuß , und die Männer wendeten sich bald wieder der Gesellschaft der Frauen zu , in welcher die Unterhaltungsgabe der Herzogin die Fremden zu fesseln und von allem Störenden mit kluger Berechnung abzulenken wußte . Inzwischen sann der Freiherr über die Weise nach , in der er der Flies ' schen Familie seine Erkenntlichkeit für die der Baronin geleisteten großen Dienste bezeigen möchte , und bei dem Wohlstande jenes gastlichen Hauses war das keine leichte Sache . Man konnte nicht daran denken , Herrn Flies eine Entschädigung für die gehabten Kosten anzubieten ; eines jener Geschenke von Werthgegenständen , denen man den Charakter eines Andenkens verleiht , war in diesem Falle auch nicht angebracht , denn die Frau und die Tochter des Juweliers hatten unter seinen Vorräthen nur zu wählen , und weil der Freiherr glaubte , daß er sowohl den Wünschen seiner Frau als dem Gefühle ihrer Pflegerin gleichzeitig am besten begegnen könne , wenn er sich zu einer jener Liebesgaben erbötig zeigte , die man sonst nur mit seines Gleichen austauscht , that er der Baronin den Vorschlag , Seba mit der Copie ihres bald nach ihrer Verheirathung in der Residenz gemalten Miniatur-Bildes zu beschenken . Man hatte diese Copie damals gleich nach der Vollendung des Originals nehmen lassen , um sie der Gräfin zum Weihnachtsfeste zu bescheren . Das Familienzerwürfniß hatte diese Absicht vereitelt ; jetzt mochte man auf eben diese Gabe für die Gräfin aus begreiflichem Grunde nicht zurückkommen , und einfach in einen emaillirten Goldreif als Medaillon gefaßt , schien das Portrait vor allem Andern geeignet , den Dank des Freiherrn und die Freundschaft der Baronin am edelsten und ehrenvollsten auszusprechen . Indeß wider sein Erwarten fand der Freiherr bei Angelika nicht gleich die freudige Zustimmung , auf welche er gerechnet hatte . Sie war verlegen , ihre Blicke richteten sich nach ihrer Mutter , als sei sie unsicher , ob diese eine solche Liebesgabe billigen würde ; aber grade dieses Letztere bestimmte den Freiherrn , seinen Vorschlag geltend zu machen , und Angelika zeigte sich dann auch schnell und völlig mit der Absicht einverstanden . Der Freiherr selber schrieb den Brief , denn er selbst wollte der Geber des Angedenkens sein und in einer über jedes Abwägen hinausgehenden Weise sich mit der Flies ' schen Familie abgefunden haben ; aber er ermächtigte Angelika , ihren Dank hinzuzufügen . Das bedingte sowohl , was sie schreiben , als die Art , in welcher sie schreiben konnte , sie mußte sich an Allgemeines halten . Nur am Ende ihres Briefes wiederholte sie den von ihrem Gatten gebrauchten Ausdruck , daß es ihr eine große Freude sein würde , den ihr so theuer gewordenen Freunden jemals dienstlich sein zu können ; und sie fügte dieser Versicherung den für Seba völlig verständlichen Nachsatz hinzu : » Glaube mir , daß der Gedanke an Dich und an unser letztes Beisammensein mich nie verlassen , daß mein Herz für Dich beten wird wie für mich selbst , und daß Du mir die höchste Liebe erweisen würdest , wenn Du es mir sagen wolltest , ob ich irgend etwas für Dich , für Dein Glück und für den Frieden Deiner Zukunft thun kann ! « Der Freiherr sah es , wie Angelika eine Locke ihres Haares abschnitt und in die Rückseite des Medaillons einlegte . Er las die von ihr geschriebenen Zeilen , ohne eine Bemerkung darüber zu machen . Die Ausdrucksweise jener Zeit war eine conventionell gesteigerte , man bediente sich großer Worte für die lebhaften Empfindungen , die man geflissentlich in sich nährte , und daß es an Gefühlsergüssen zwischen der Baronin und Seba nicht gefehlt haben würde , darauf war der Freiherr gefaßt gewesen . Es gefiel ihm freilich nicht besonders , daß seine Frau das Judenmädchen mit Du ansprach , er tadelte es auch gegen seine sonstige Weise im Beisein der Gräfin , und diese gab ihm Recht . Sie äußerte sich überhaupt nicht beifällig über Seba ; Angelika wagte es nicht , sie zu vertheidigen , man konnte es jedoch in ihren Mienen lesen , daß diese abfälligen Urtheile sie betrübten . Im Uebrigen gingen die Tage im Schlosse ruhig hin . Nach der Ermüdung durch die Reise mußte man der Baronin Zeit zur Erholung gönnen , durfte man nicht daran denken , Gesellschaft zu sehen ; und da der Besuch der Eltern ohnehin nicht eben lange währen sollte , wünschten sie , sich der Tochter ohne Störung zu widmen . Alles was man unternahm , wurde mit Rücksicht auf die Kranke gethan . Man konnte sich nicht darüber täuschen , daß für sie keine Herstellung zu hoffen sei und daß nur Schonung und Ruhe ihr Dasein noch zu fristen vermöchten . Jedes Gespräch , das sie erregen konnte , wurde vermieden , sie selber schien vor allen Erörterungen über ihr Leben , über den Freiherrn , über die Herzogin , über die Plane , welche sie für die Erziehung ihres Sohnes hegte , Scheu zu tragen . Auf die mißbilligende Bemerkung ihres Vaters , daß man im Schlosse fast nur noch Franzosen im Dienste habe , entgegnete sie , die Noth dieser geflüchteten Leute und die Rücksicht auf die Fürbitte der Herzogin hätten sie dazu gebracht , sich ihrer zu bedienen . Und , fügte sie mit einer gewissen Ueberwindung hinzu , wenngleich ich selbst für Renatus die alten , uns angestammten deutschen Diener lieber gehabt hätte , so ist es doch andererseits viel werth , daß er jetzt nur Personen um sich findet , die ihn in seinen religiösen Begriffen nicht verwirren . Kinder haben des völligen Einklanges in ihrer Umgebung sicherlich am nöthigsten . Die Eltern ließen diese Unterhaltung fallen ; aber es gab der Gegenstände in Schloß Richten gar zu viele , die man nicht berühren mochte . Der Graf , der schon aus der Ferne von den schwankenden Vermögensverhältnissen seines Schwiegersohnes Kunde gehabt hatte , überzeugte sich , daß der Schade tiefer gehe , als er geglaubt , und versuchte , da er viel praktische Umsicht besaß , dem Freiherrn unter der Hand zu rathen , wie man mit dem Verkaufe eines Theiles der Güter den andern sichern und dauernd erhalten möge . Der Freiherr wies jedoch jede Mittheilung und jeden Rath zurück . Man war und blieb also beisammen , ohne mit einander zu leben . Man hätte einander lieben mögen , brachte es aber nicht weiter , als bis zu einer gegenseitigen nachsichtigen und mitleidigen Duldsamkeit . Wie die Eltern auch an der hinsiechenden Tochter hingen , wie schwer die Trennung ihnen werden mußte , sie sprachen nicht davon , ihren Besuch über die festgesetzte Zeit zu verlängern , und weder der Freiherr noch Angelika vermochten sie dazu aufzufordern , denn die Einweihung der Kirche stand nahe bevor , es gab für diese noch mancherlei zu ordnen , und man durfte nicht wünschen , den Grafen und seine Gattin zu Zeugen derselben zu haben . Der zweite Besuch , welchen ihre Eltern der Baronin in Richten machten , war dem ersten in vieler Beziehung ähnlich , und Angelika erfuhr an sich selber , wie wundersam oftmals in unserem Leben entfernte Zeitpunkte einander gleichen , wie sich zu wiederholen scheint , was wir erleben , während wir selbst uns gewandelt finden und Alles um uns her gewandelt ist . Weil man sich vor dem Scheiden gefürchtet hatte , fühlte man sich leichter , als es überstanden war , und wie nach der ersten Abreise ihrer Eltern wurden auch dieses Mal der Freiherr und Angelika durch eine äußerliche Thätigkeit in Anspruch genommen . Siebzehntes Capitel Die Beschwerden , welche der Caplan bei seinem Bischofe , und die Meldung , welche der Pastor bei der Regierung gemacht hatte , hatten ihre Früchte getragen . Mit dem Bischof durfte man sich leicht zu verständigen hoffen , denn die Entfernung des Pastors war bei dem Freiherrn , selbst wenn er genöthigt sein sollte , ihn zu pensioniren , eine beschlossene Sache , und die Errichtung eines Pfarramtes in Rothenfeld , für welches natürlich der Caplan ins Auge gefaßt war , stimmte den Bischof für alle Maßnahmen des Freiherrn im Voraus günstig . Einmal von seinen drückenden Verlegenheiten befreit , bewegte dieser Letztere sich in seiner alten Weise , und da er , was er unternahm , vollständig zu thun , was er besaß , vollkommen zu besitzen liebte , wollte er , nun der Bau beendigt war , die Kirche auch mit einem vollständigen Personal versehen . Der ansehnliche Vorrath von Kirchengeräthschaften , den man in der alten Capelle im Schlosse seit zwei Jahrhunderten gesammelt und der mit den neuerworbenen Stücken schon einen hübschen Kirchenschatz begründete , sollte seinen Sacristan bekommen , man mußte einen Glöckner haben , der den Kirchendiener machte , und vor Allem wünschte der Freiherr , der ein großer Freund des Kirchengesanges war , die Einweihung der Kirche nicht ohne einen solchen zu vollziehen . Von diesem Verlangen bis zu dem Gedanken , sich dauernd ein Quartett von Knabenstimmen für die Kirche zu sichern , war es für den Freiherrn nicht weit . Angelika erhob ihre wirthschaftlichen Bedenken dagegen , indeß der Freiherr wußte sie über dieselben zu beruhigen und fand den Weg , sie für seine Wünsche zu gewinnen . Er meinte , da man nur eine kleine katholische Gemeinde für die Kirche habe , müsse man eine wohlthätige Stiftung mit der Kirche in Verbindung setzen , und dies sei ohne große Opfer auszuführen . Wenn man einen jungen Geistlichen zum Sacristan ernenne , der des Orgelspieles mächtig und im Stande sei , einigen Knaben außer dem Unterrichte der Musik den gewöhnlichen Schulunterricht zu ertheilen , so könnte man neben der Kirche eine kleine katholische Schule errichten und sich , wenn man die heranwachsenden Knaben immer zu den Lebensberufen anleitete , für welche sie Anlage oder Neigung bethätigen , allmählich eine Anzahl wohlerzogener katholischer Handwerker oder Beamten heranbilden , die zugleich den Stock für die Ausbreitung der Kirche innerhalb der Herrschaft abgeben würden . Vier Knaben aus armen und wohlgesitteten Familien zu erziehen , war sicherlich ein gutes Werk , und eine solche kleine Colonie auf den Gütern zu erhalten , keine Aufgabe , welche irgendwie die Kräfte des Gutes überschritt . Für ein solches wohlthätiges Unternehmen durfte man natürlich sicher sein , die Zustimmung der Baronin schnell zu erlangen , und der Bischof , dem so unerwartet die Möglichkeit geboten wurde , einen jungen Geistlichen anzustellen , ein paar Leute als Glöckner und Kirchendiener zu versorgen und einigen strenggläubigen Familien durch Unterbringung ihrer Söhne seine Zufriedenheit auszudrücken , stimmte dem ganzen Vorhaben mit großer Anerkennung bei . Aber auch den Wünschen des Caplans kam die Absicht des Freiherrn entgegen . In der entsagenden und begeisterten Liebe seiner Jugend hatte er sich von der Welt zurückgezogen und auf eine weitgreifende Thätigkeit innerhalb der Kirche , ja , selbst auf das Walten in einer Gemeinde verzichtet , um dem Andenken einer Geschiedenen zu leben , um ihrem Bruder nahe zu sein und sich selber aufzuerbauen . Indeß eine Jugendliebe wirft nur bleiche Strahlen auf das spätere Leben , und wenn der Caplan sich auch sagen durfte , daß er Angelika der Kirche gewonnen habe , war doch grade mit den fortschreitenden Jahren oft der schmerzliche Gedanke über ihn gekommen , daß er das reiche Maß seiner Kräfte nicht genug gebraucht , daß er nicht genug gewirkt für die Verbreitung und den Ruhm der Kirche , der er angehörte ; und eben die letzten traurigen Ereignisse in Rothenfeld hatten ihm wie eine Mahnung gedäucht , die ihm noch vergönnten Lebenstage eifriger zu benutzen . Es schien ihm ein Wink des Himmels , ein sichtbares Eingreifen des Höchsten zu sein , daß Gott der neugegründeten Kirche , wie in den ersten Tagen des Christenthums , gleich ihren Blutzeugen zugesellt , und die Vorstellung , daß dies Alles habe geschehen müssen , um ihm eine Mahnung und ein Sporn zu sein , ward immer mächtiger in ihm . Er hatte mit ruhiger Erhebung einst der Grundsteinlegung zu der Kirche beigewohnt , ihren sehr verzögerten Bau gelassen fortschreiten sehen ; nun zählte er die Tage , welche bis zu ihrer Einweihung vergehen mußten . Seit seinen jungen Jahren hatte er die Kanzel nicht betreten , nicht unter der erhabenen Wölbung eines Gotteshauses gepredigt , nicht vor dem Altare einer Kirche die Messe celebrirt . Viele Hoffnungen waren ihm verloren gegangen , auf Manches hatte er verzichten lernen . Er begann zu fühlen , daß er älter werde , weil der Kreis seiner Wünsche , Plane und Erwartungen sich verengte . Neues Streben und damit neue Hoffnung in sich aufnehmen , heißt aber , sich eine neue Jugend schaffen , und wie sollte man diesem Reize widerstehen , auf diese Möglichkeit verzichten , so lange man noch die Kraft dazu empfindet ? Es war die Sehnsucht nach verlängertem Leben , ohne welche der Mensch dem Tode noch früher verfallen würde , es war das halb unbewußte Verlangen nach Lebenslust , die in dem einst so entsagungsfähigen Manne noch im hohen Mannesalter den Ehrgeiz weckten . Er und der Freiherr theilten jetzt den Verdruß , den sie Seitens der protestantischen Kirche zu tragen hatten , und fanden sich in der Thätigkeit für die Einweihung der Kirche mit Genugthuung zusammen . Man hatte schon lange eines der zum Amte gehörenden , aber außerhalb des Amthofes und sehr nahe bei der Kirche gelegenen Gebäude zur Kirchenwohnung ersehen . Bisher hatten die Wirthschafter sie inne gehabt ; nun , da man dem künftigen Amtmanne überhaupt kein so breites Leben wie den Steinerts einzuräumen dachte , sollten die Wirthschafter im Amthause ihr Unterkommen finden und der Sacristan mit den vier Knaben , welche der Freiherr zu Assistenten bei dem Gottesdienste zu haben wünschte , ihre Wohnung bei der Kirche erhalten . Es war dabei auf einen verheiratheten Glöckner abgesehen , der die Beköstigung des Sacristans und seiner Schüler übernehmen könne . Eine Zeit lang hatte der Freiherr , von der Herzogin beeinflußt , wohl die Absicht gehegt , auch den Caplan nach Rothenfeld übersiedeln zu lassen ; aber er hatte dessen Anwesenheit , während jener mit der Baronin in der Stadt gewesen war , doch mehr vermißt , als er erwartet haben mochte , und grade der Hinblick auf Angelika machte es ihm wünschenswerth , den ihr so werthen Mann in ihrer Nähe und auch in der Nähe des Knaben zu lassen , dem die Aufsicht und der Unterricht des Caplans mit jedem Tage nöthiger werden mußten .