und sagen Sie ihr : daß es sich mit Bruno bessert ; sie hat sich schon ein paar Mal nach ihm erkundigt . Oswald trat in den Saal . Man fing eben wieder einen Tanz an , den letzten vor der großen Pause , in welcher in den Sälen oben gespeist werden sollte . Er blieb in der Nähe der Thür auf dem Tritt des niedrigen Divans , der sich um den ganzen Saal herumzog , stehen . Die Paare der Tanzenden wechselten ; bald kamen diese , bald jene in seine Nähe . Einmal stand Emilie von Breesen , die mit ihrem Bräutigam tanzte , dicht vor ihm . Sie that , als ob sie ihn nicht bemerkte ; sie lachte und scherzte , vielleicht etwas zu laut - von Cloten dagegen machte von dem Vorrecht der Leute in seiner Situation , die gleichgültigsten Dinge im Flüsterton mit obligatem bedeutungsvollen Lächeln in die Ohren zu raunen , den ausgedehntesten Gebrauch . Oswald hatte von der plötzlichen Verlobung dieser Beiden gehört ; er wußte wohl am besten , wie dieselbe zu Stande gekommen war . Er erinnerte sich , wie wegwerfend Emilie an dem Abend in Barnewitz sich über Cloten geäußert hatte . Jetzt war sie seine Braut . - Es wird eine unglückliche Ehe werden , dachte Oswald , und er mußte sich sagen , daß er nicht den kleinsten Theil der Schuld an diesem Unglück trage . Ein paar Augenblicke später kam Helene in seine Nähe . Sie tanzte mit von Sylow . Oswald hatte sie schon längere Zeit beobachtet und bemerkt , daß sie schweigend und kalt , wie eine Marmorstatue neben ihrem Tänzer stand , der die Hoffnungslosigkeit seiner Bemühungen , eine Conversation zu Stande zu bringen , eingesehen zu haben und den Kronleuchtern eine specielle Aufmerksamkeit zu widmen schien . Sobald sie Oswald erblickte , flog ein Strahl des Lebens über die schönen ernsten Züge . Sie winkte ihm mit den Augen zu sich heran . Wie geht es Bruno ? Danke ! besser ; er wollte schlafen . Bleiben Sie hier ? Nein ! ich werde sofort wieder hinaufgehen . Grüßen Sie Bruno - und hier ! nehmen Sie ihm diese Rosenknospe mit . Helene nahm eine Rosenknospe aus dem Bouquet , welches sie in der Hand trug , und gab sie Oswald , der sie mit einer Verbeugung entgegennahm . Er bemerkte , daß von Sylow ' s Aufmerksamkeit sich plötzlich von den Kronleuchtern abgewandt hatte , und daß die Augen des jungen Edelmannes mit einem Ausdruck , der ihm durchaus nicht gefiel , auf ihm hafteten . Im nächsten Moment stand ein anderes Paar auf der Stelle . Hast Du Deinen alten Anbeter nicht gesehen , Emilie ? sagte Cloten . Wen ? Dort drüben , den Doctor Stein . Er stand vorhin dicht hinter uns . Ach da ! - meinen alten Anbeter ! Du bist wohl toll , Arthur ! Nun , nun ! sei nur nicht bös ! ich glaube ja kein Wort von der ganzen Geschichte . Aber um Himmelswillen , sieh doch nur ! Er spricht jetzt mit Helene Grenwitz ; sie giebt ihm eine Rose . Nein , da hört doch aber Alles auf ! wahrhaftig , Alles ! Ich sagte Dir ja , daß die Beiden vollkommen einig seien . Er sticht Euch Alle aus . Wahrhaftig - es ist stark ! aber ich habe dafür gesorgt , daß die Geschichte unter die Leute kommt . Was hast Du gethan ? Nun , ich habe weiter erzählt , was Du mir vorhin unter dem Siegel der Verschwiegenheit mittheiltest . Der ganze Saal weiß es schon . Aber das hatte ich Dir nicht erlaubt . Ich glaubte in Deinem Sinne zu handeln . Herr Stein wird es bereuen , wenn er sich nicht schleunigst mit seiner Rosenknospe entfernt . Was hast Du vor ? O , wir wollen nur dem Burschen seinen Standpunkt klar machen . Es wird eine gottvolle Geschichte , wahrhaftig ! Ich erzähle sie Dir nachher . Der glückliche Bräutigam führte seine Braut , da der Tanz zu Ende war , nach ihrem Platz zurück und wandte sich zu von Sylow , der auf ihn zukam . Hast Du gesehen , Cloten ? Na ob ! Es ist ein wahrer Scandal . Ich bedaure nur den armen Felix . Das müssen wir ihm doch erzählen . Weißt Du nicht , wo er ist ? Er sagte vorhin , das Tanzen langweile ihn ; er wollte zu den Spielern gehen . Barnewitz hat , glaube ich , eine Bank aufgelegt . Wir können auch hin ; es wird nicht mehr getanzt vor Tische . Es ist gerade noch Zeit , ein paar Louis zu gewinnen . Kommst Du mit ? Natürlich . Emilie von Breesen hatte die Unterredung der Beiden aus der Ferne beobachtet . Sie sah , wie sie lachend , Arm in Arm , den Saal verließen . Auch Oswald sah sie nicht mehr . Eine entsetzliche Angst ergriff sie . Sie hatte in ihrer eifersüchtigen Wuth zuerst Oswald ' s Namen mit dem Helenen ' s in Verbindung gebracht ; sie hatte , sich an Oswald zu rächen , schon vor einigen Tagen Felix die Entdeckung , die sie gemacht zu haben glaubte , mitgetheilt . Sie hatte heute Abend wieder davon angefangen , um den geistlosen Neckereien Clotens ein Ende zu machen . Jetzt erst merkte sie , daß sie zu weit gegangen sei und daß sie vielleicht Oswald , den sie trotz alledem noch mit der ganzen Kraft ihres leidenschaftlichen Herzens liebte , einer großen Gefahr ausgesetzt habe . Sie hätte ihn vielleicht in der Raserei ihrer Eifersucht mit ihren eigenen Händen tödten können - aber ihn den brutalen Mißhandlungen Clotens und der Anderen aussetzen - der Gedanke war ihr fürchterlich . Sie blickte wie hülfesuchend im Saale umher . Ihr Bruder kam in ihre Nähe . Sie rief ihn . Was willst Du , Kleine ? Hast Du den Doctor Stein schon gesehen ? Ja , weshalb ? Du wolltest ihn ja während der Jagdzeit auf ein paar Tage zu uns einladen . Es wäre doch unartig , wenn wir uns jetzt gar nicht um ihn kümmerten . Emilie war sehr roth geworden , als sie das sagte ; ihre ganze Geistesgegenwart schien sie verlassen zu haben . Ihn zu uns einladen ? rief Adolf von Breesen , nun , das fehlte wahrhaftig noch ! damit die albernen Klatschereien , die Lisbeth über Dich und ihn aufgebracht hat , doch ja unsterblich werden - ihn zu uns einladen ? lieber wollte ich - Ich bitte Dich , Adolf ! sei still , der halbe Saal kann ja hören , was Du sagst . Kleine ! sagte der junge Mann in leisem , aber bestimmten Ton . Das gefällt mir nicht . Du weißt , ich habe Dich lieb , wie ein Bruder nur seine Schwester lieben kann ; aber gerade deshalb muß ich dafür sorgen , daß Du Dich in keine solche Thorheiten tiefer einläßt . Und ich werde dafür sorgen , verlaß Dich d ' rauf ! Damit wandte er ihr den Rücken und ging den Anderen nach zum Saal hinaus . Emilie hatte Mühe , ihre Thränen zurückzuhalten . Ihre Angst wuchs mit jeder Secunde . Es mußte Rath geschafft werden - so oder so . Sie ging auf Helene zu , die nicht weit von ihr mit andern Damen auf dem Divan saß und sagte : Auf ein Wort , Helene ! Was ist ' s ? sagte Helene , aufstehend . Komm ein wenig weiter hierher . - Helene , Du hast den Doctor Stein lieb , nicht wahr ? Wie kommst Du darauf ? erwiederte Helene und die Gluth schoß ihr in die bleichen Wangen . Gleichviel , ich habe ihn auch lieb ; ich habe ihn sehr lieb , wenn Du willst - und deshalb bitte ich Dich , sage ihm - Du kannst es , ich kann es nicht , sonst würde ich es selber thun - er solle sich aus der Gesellschaft entfernen . Cloten und mein Bruder und die Anderen sind sehr aufgebracht über ihn . Ich fürchte , sie führen etwas gegen ihn im Schilde . Bitte , bitte , Helene , sage ihm : er solle fortgehen - gleich - ich wäre außer mir , wenn ihm auch nur die geringste Beleidigung von meinem Bruder oder von Cloten zugefügt würde . Aber wo ist er ? sagte Helene , welche die von Emilie ausgesprochenen Befürchtungen , freilich nicht ganz aus denselben Gründen , nur zu wahrscheinlich fand . Ich glaube , er ist schon wieder nach oben gegangen . Wenn Du es nicht gewiß weißt , verlasse Dich nicht darauf . Frage doch den Bedienten da ! Haben Sie Herrn Doctor Stein nicht gesehen ? Er ist drüben , gnädiges Fräulein , in den Spielzimmern . O , mein Gott , was sollen wir thun ? sagte Emilie . Baron Oldenburg ! rief Helene ; wollen Sie die Güte haben , einen Augenblick hierher zu kommen ? Mit Vergnügen , mein Fräulein , sagte der Baron , der , die Hände auf dem Rücken , ein Gemälde an der Wand betrachtete . Was hast Du vor , Helene ? Laß mich nur ! Wollen Sie mir einen Gefallen thun , Herr Baron . Mais sans doute ! Suchen Sie den Doctor Stein auf ; er ist drüben in den Spielzimmern , und sagen Sie ihm : ich ließe ihn bitten , sogleich zu Bruno zurückkehren . Merken Sie wohl , Herr Baron : sogleich ! Es bedurfte nicht Oldenburg ' s Scharfblick , um zu sehen , daß dieser Auftrag , den ein Diener eben so gut hätte ausführen können , von tieferer Bedeutung war . Helene hatte die größte Mühe gehabt , die Worte in einem einigermaßen unbefangenen Tone hervorzubringen , und Emilien ' s mit dem Ausdruck der gespanntesten Erwartung auf ihn gerichtetes , von der innern Erregung blasses Gesicht , war ein sehr deutlicher Commentar zu Helenens Worten . Ist das Alles , mein Fräulein ? Ja . Ich gehe , Ihren Auftrag sofort und pünktlich auszurichten ! sagte der Baron , sich verbeugend und mit , selbst für ihn ungewöhnlich langen Schritten den Saal verlassend . Unterdessen hatte Oswald , nachdem Helene mit ihm gesprochen , sich zwecklos in den Zimmern umhergetrieben . Es war seine Absicht gewesen , sogleich hinauf zu gehen ; der Gedanke , Bruno , wenn er wirklich , wie er hoffte , eingeschlafen sein sollte , nur zu stören ; vielleicht der unbestimmte Wunsch , Helenen noch einmal zu sehen , und jene dunkle dämonische Macht , die den Menschen , unbekümmert um sein Wohl oder Wehe , seinem Schicksal entgegentreibt , ließen ihn nicht dazu kommen . Ohne kaum zu wissen , wie er dorthin gerathen war , fand er sich plötzlich in einem Zimmer auf der andern Seite des Flurs , wo sich eine Menge Herren um einen großen Tisch drängten . Einige saßen , die Meisten standen . Herr von Barnewitz saß in der Mitte und hielt Bank . Er mußte viel Glück gehabt haben . Große Haufen von Gold- und Silberstücken und Kassenscheinen lagen vor ihm und vermehrten sich mit jedem Augenblick . Felix saß in seiner Nähe . Er pointirte sehr eifrig , aber , wie es schien , nicht besonders glücklich . Sein Gesicht war stark geröthet , seine Augen mit Blut unterlaufen , die Adern auf seiner Stirn geschwollen . Er hörte wenig auf die Herren , die hinter ihm standen und von denen einige ihn noch aufzumuntern , andere zurückhalten zu wollen schienen . Oswald kam ihm zufällig gerade gegenüber zu stehen ; Felix bemerkte ihn erst nach einiger Zeit ; man hätte sehen können , daß von dem Augenblicke an seine Unruhe noch größer wurde ; er trank ein Glas auf das andere aus der neben ihm stehenden Weinflasche , und verdoppelte und verdreifachte seine Einsätze , ohne einen andern Erfolg , als daß er doppelt und dreifach so viel und so schnell verlor , als vorher . Eben war wieder eine Rolle Goldstücke zu den übrigen , die vor Barnewitz aufgehäuft waren , gewandert ; Felix griff in die Brieftasche , die vor ihm lag , und holte eine Kassenanweisung heraus . Sie werden doch nicht das Ganze auf einmal setzen wollen , Grenwitz ? sagte von Grieben , seine lange Gestalt zu ihm niederbeugend . Sie sind wohl toll , Grenwitz ? sagte Cloten , der mit Sylow soeben herantrat . Ach was ! sagte Felix , das Andere hält nur auf . Faites votre jeu , Messieurs ! rief Barnewitz , ein neues Spiel Karten zur Hand nehmend . Haben Sie gesetzt , Grenwitz ? Ja wohl ! Coeurdame für mich . Damen immer für mich . Danke , Grenwitz , kommen Sie bald wieder so . Felix schien für den Augenblick diesem Wunsche nicht entsprechen zu können . Sein wirrer Blick irrte über den Kreis derer , die den Tisch umstanden und blieb auf Oswald haften . Sie da ! rief er plötzlich überlaut ; holen Sie mir doch einmal ein Glas Wein . Oswald wurde erst , als die Augen Aller sich auf ihn wandten , inne , daß diese groben Worte an ihn gerichtet waren . Der Mensch scheint nicht hören zu können , rief Felix . Sie sollen mir ein Glas Wein holen , verstanden ! Ich glaube , ein Glas Wasser würde Ihnen dienlicher sein , sagte Oswald , ohne seine Stellung zu verändern , mit ruhiger Stimme . Es war so still in dem Zimmer geworden , daß man eine Nadel hätte fallen hören können . Wie gefällt Ihnen das , meine Herren ? sagte Felix , um sich blickend ; mein Onkel hält sich eine allerliebste Sorte Diener , meinen Sie nicht ? Zeigen Sie ihm doch , wer Herr im Hause ist , sagte von Sylow . Oder lassen Sie ihn eine Stunde nachsitzen , meinte von Grieben . Oder geben Sie ihm die Ruthe , mit der er seine Buben züchtigt , sagte von Cloten . Oder strafen Sie ihn mit der Verachtung , die er verdient , rief von Breesen . Oswald wandte seine Augen von Einem zum Andern , wie ein Löwe , der nicht weiß , ob er sich auf die Hunde , die ihn umheulen , stürzen soll oder nicht . Seine Gestalt war hoch aufgerichtet . Vielleicht zitterte die Hand , die er auf den Tisch gelegt hatte , etwas ; aber sicher nicht aus Feigheit . Werden Sie gehen , oder nicht ? rief Felix aufspringend und dicht vor Oswald tretend . Treiben Sie die Unverschämtheit nicht zu weit , sagte Oswald , die Rosenknospe , die er für Bruno von Helene erhalten hatte , in das Knopfloch steckend ; ich müßte sonst an Ihnen ein Exempel für die übrigen Bursche statuiren . Felix faßte nach Oswald ' s Brust . Oswald packte ihn mit starken Armen , riß ihn in die Höhe und schmetterte ihn zu Boden , daß die Gläser und das Geld auf dem Tische erklirrten . Wer hat Lust , der Zweite zu sein ? rief er mit Donnerstimme ; kommt heran , Ihr feigen Wölfe , die Ihr nur in Rudeln jagt ! Seine Augen blitzten vor Kampfeslust ; seine Brust wogte ; seine Hände ballten sich krampfhaft ; er achtete in diesem Moment sein Leben keine Nadel werth . Das sahen Alle , und Keiner wagte , seine Herausforderung anzunehmen . Felix hatte sich wieder aufgerafft und war in die Arme der ihm zunächst Stehenden zurückgetaumelt . Er war betäubt von dem schweren Fall ; Blut strömte ihm aus Nase und Mund . Ein drohendes Murren lief durch die Schaar . Man hörte einzelne Stimmen : sollen wir das dulden ? - schlagt ihn nieder ! - er darf nicht lebend vom Platz ! Sie drängten an ihn heran ; ein wüstes Schreien und Toben brach aus dem Haufen ; Oswalds Blicke suchten den heraus , welcher zunächst an die Reihe kommen sollte . Da stand plötzlich Oldenburg neben ihm . Wie , meine Herren ? rief er , sich zu seiner ganzen stattlichen Höhe emporrichtend , zwanzig gegen Einen ? Der Kampf ist doch ein wenig zu ungleich . Wollen Sie sich nicht lieber noch ein paar Bediente zur Hülfe rufen ? Dies Wort wirkte wie ein Zauber . Es stellte für Jeden die schimpfliche Scene in das rechte Licht . Die Verständigeren wußten dem Baron Dank , daß er ihnen eine Schande erspart hatte , die der nächste Augenblick über sie gebracht haben würde . Nur Einige schienen seine Dazwischenkunft übel zu empfinden . Die Sache geht Sie nichts an , Baron , rief Grieben trotzig . Erlauben Sie , Herr von Grieben , erwiederte Oldenburg , die Sache geht mich aus zwei Gründen etwas an . Einmal , weil ich es für die Pflicht eines jeden Mannes halte , darauf zu sehen , daß es bei solchen Affairen anständig und ehrlich zugeht , und zweitens , weil ich die Ehre habe , Herrn Doctor Stein meinen Freund zu nennen . Wenn Sie , oder irgend einer der Herren mich für das , was ich hier gesagt habe , zur Rechenschaft ziehen zu müssen glauben , so stehe ich gern zu Diensten . Vorläufig aber verstatten Sie mir , daß die Angelegenheit meines Freundes , des Herrn Doctor Stein , wie es sich unter Männern ziemt , zu Ende geführt wird . Ich werde in wenigen Augenblicken wieder unter Ihnen sein , Ihre Aufträge entgegenzunehmen . Wollen Sie mir Ihren Arm geben , Herr Doctor ? Der Baron nahm Oswald ' s Arm in den seinen und führte ihn durch die Schaar der jungen Edelleute , die bereitwilligst Platz gab , hindurch zum Saale hinaus . Draußen angelangt , sagte er : Gehen Sie nur auf Ihr Zimmer . Ich folge Ihnen in wenigen Minuten . Es versteht sich von selbst , daß Sie der Beleidigte sind . Ja . So werde ich Felix von Grenwitz in Ihrem Namen auf Pistolen fordern . Ihn und wer sonst noch Lust hat einen Gang mit mir zu machen . Wir wollen uns vorläufig mit Grenwitz begnügen . An den Andern ist Ihnen ja auch wohl so viel nicht gelegen . Wann ? Sobald wie möglich natürlich ; morgen früh meinetwegen . Bon . Zehn Schritt Distance etwa ? Oder fünf . Zehn reicht aus . Das Uebrige überlassen Sie mir . Also à revoir in Ihrem Zimmer . Der Baron kehrte auf den Schauplatz der letzten Scene zurück , wo natürlich die Sache von zwanzig Zeugen zugleich besprochen wurde , die bei Oldenburgs Eintreten verstummten . Oldenburg entledigte sich seines Auftrages an von Grieben , der es übernommen hatte , Felix zu secundiren . Es wurde ein Rencontre auf die fünfte Stunde des folgenden Tages ( im Fall Felix sich bis dahin noch nicht erholt haben sollte , auf die zehnte ) verabredet ; das Rendezvous : ein kleines Wäldchen auf dem Gute Herrn von Cloten ' s. Dann folgten die Herren in wenig festlicher Stimmung der schon zweimal an sie ergangenen Aufforderung , sich in den Ballsaal zu verfügen , um die Damen zur Abendtafel hinauf zu begleiten . Felix war schon vorher von Einigen auf sein Zimmer geführt worden , da er zu berauscht und von seinem Falle noch zu betäubt war , um weiter an der Gesellschaft Theil nehmen zu können . Oldenburg begab sich zu Oswald zurück . Als er ihn nicht in seinem Zimmer fand , und ihn bei Bruno vermuthete , aus dessen Zimmer das Licht durch die halb geöffnete Thür schimmerte , ging er leise dorthin und sah Oswald über des Knaben Bett gebeugt . Wie steht es ? fragte er . Ich fürchte , schlecht , sagte Oswald , emporblickend ; sein Schlaf ist sehr unruhig und der Puls fliegt . Lassen Sie mich sehen , sagte Oldenburg , ich verstehe mich auf dergleichen . Er ist in der That sehr krank , sagte er nach einer kleinen Pause . Wie lange währt denn dies schon und wie hat es angefangen ? Oswald gab ihm mit fliegenden Worten eine Schilderung von Bruno ' s Krankheit . Und der Schmerz hatte vor einer Stunde völlig nachgelassen ? fragte Oldenburg . Ja , fast gänzlich - Dann machen Sie sich auf das Schlimmste gefaßt . Ich vermuthe , es war von Anfang zweifellos eine Entzündung und jetzt ist der Brand hinzugetreten . Einer von uns muß nach dem Doctor . - Er sah nach der Uhr . Es ist zehn ; ich wollte vor Tisch wieder nach Hause reiten . Mein Almansor steht in diesem Augenblick gesattelt vor der Thür . Reiten Sie nach der Stadt . Ich bin hier vielleicht jetzt nützlicher als Sie . Sie haben hellen Mondschein . Der Weg ist gut . Nach B. ist eine halbe Meile . In zehn Minuten spätestens müssen Sie dort sein . Ziehen Sie Ihren Frack aus und einen Ueberrock an . So ! Peitsche und Sporen brauchen Sie nicht . Almansor ist noch ganz frisch . Schonen Sie ihn nicht . Der Baron hatte Oswald den Rock anziehen helfen , ihm den Hut auf den Kopf gesetzt . Oswald ließ Alles mit sich geschehen . Er fand sich erst auf Almansors Rücken wieder , als ihm der Nachtwind um die Ohren pfiff , und Bäume und Häuser , Hecken und Felder und Gärten rechts und links im Mondschein gespensterhaft an ihm vorüberflogen . Und jetzt war er auf der weiten Haide , die sich hinter dem Dorfe bis nach Faschwitz erstreckt . Er sah den Mondschein unheimlich glitzern in dem schwarzen Wasser der tiefen Torfgräben ; er hörte von Zeit zu Zeit den heisern Schrei eines Sumpfvogels , den er aus seinem Neste aufgeschreckt hatte ; sonst nichts , nichts als den dumpfen Donner von Almansors flüchtigen Hufen und den Nachtwind , der seufzend und klagend über die Haide strich . Und jetzt , als er mitten auf der Haide war - ist das nicht ein anderer Hufschlag außer dem Almansors , oder ist es nur das Echo ? Es kommt näher und immer näher ; Almansor spitzt die Ohren und greift aus , schneller und immer schneller , als flöhe er vor dem Tod . Und doch kommt es näher und immer näher . Oswald blickt sich um und ein Grausen packt ihn , als er jetzt dicht hinter sich eine lange schwarze Gestalt auf einem schwarzen Pferde bemerkt , dessen Hufe den Boden nicht zu berühren scheinen . Noch eine Secunde und der schwarze Reiter ist an seiner Seite , die Pferde jagen Kopf an Kopf und schnauben sich an aus weit geöffneten Nüstern . Was beliebt ? reif Oswald , sein Grausen bemeisternd . Nicht viel ! erwiederte der schwarze Reiter mit einer tiefen Stimme . Wollte nur vermelden , daß meine gnädige Frau seit vorgestern zurück ; ich dachte , der junge Herr wüßten ' s vielleicht nicht . Nichts für ungut , junger Herr ! gute Nacht und gute Verrichtung ! Der Reiter warf sein Roß herum ; Almansor stürmte weiter ; im nächsten Augenblick schon war Oswald wieder allein . War dies die Ausgeburt seines überreizten Hirns ? war ' s Wirklichkeit ? war es ein Phantom ? war es der alte Baumann auf dem Brownlock gewesen ? Oswald hätte es nicht zu sagen gewußt . Und wieder flogen Bäume und Häuser , Hecken und Gärten rechts und links gespensterhaft im Mondschein an ihm vorüber . Ein Hund fuhr heulend nach Almansors Hufen . Im nächsten Augenblick schon war Alles verschwunden und unübersehbare Kornfelder wogten und zischelten auf beiden Seiten der Landstraße . Dann schimmerten Lichter herüber , näher und näher . Eine helle Glocke schlug einen Schlag an ; schon ein viertel auf elf ! und wieder Häuser rechts und links , Bäume und Hecken und Gärten . Dann ein dunkles Thor , und dann den Hufschlag Almansors auf dem Straßenpflaster . Wo wohnt der Doctor Braun ? Die Straße zu Ende ; das letzte Haus links . Vor dem bezeichneten Hause hielt ein Wagen . Aus der offenen Hausthür und den offenen Fenstern in den Parterrezimmern schimmerte Licht . Ist der Doctor zu Hause ? Hier ! sagte Doctor Braun am Fenster erscheinend . Von wo her ? Von Grenwitz . Ich bin ' s. Eilen Sie ; Bruno liegt auf den Tod . Wollte eben hinaus , rief Doctor Braun , schon in der Thür . Setzen Sie sich zu mir . Ich will selber fahren . Karl kann Ihr Pferd langsam zurückreiten . Sitzen Sie ? ja ; dann fort . Der Wagen donnerte durch die dunklen Straßen , durch das enge Thor , hinaus in die stille Mondnacht , die über Feldern und Gärten , und Wäldern und Wiesen so duftig und träumerisch lag , denselben Weg , den Oswald vor wenigen Minuten gekommen war . Die kräftigen Pferde des Doctors griffen mächtig aus , schon waren wieder auf der Haide . Es war nicht viel gesprochen worden von beiden Seiten . Oswald hatte von Bruno ' s Krankheit , wie es der Laie pflegt , Bericht erstattet , auf Nebendingen verweilend , und das Wichtigste auslassend . Doctor Braun hatte einige kurze Fragen gethan . Dann hatten sie eine Zeit lang geschwiegen . Sie müssen sich auf das Schlimmste gefaßt machen ! hub Doctor Braun an . Es ist , nach dem , was Sie mir gesagt haben , sehr wahrscheinlich , daß wir Bruno nicht mehr am Leben finden . Oswald antwortete nicht . Ein Stöhnen brach aus seiner Brust , wie eines Gefolterten , wenn die Schrauben noch um eine Windung angezogen werden . Der Doctor hieb auf die Pferde , die nun im Galopp weiter stürmten . Ein paar Minuten später hielt der Wagen vor dem Portal . Das ganze Schloß schimmerte von Licht . Aus dem Speisesaale rauschte die Musik . Die Diener liefen geschäftig ab und zu . Als sie in Bruno ' s Zimmer traten , erhob sich der Baron von dem Bett , über das er gebeugt stand . Gott sei Dank , daß Sie kommen ! sagte er ; ich habe schon an vielen Krankenlagern gewacht ; so lang aber ist mir keine Stunde geworden ! Er trocknete sich seine Stirn ; sein ernstes Gesicht war bleich ; er schien auf ' s Tiefste ergriffen . Doctor Braun untersuchte den Kranken , dann blieb er neben dem Bett stehen , ohne die Andern anzublicken . Ist keine Hoffnung ? Keine . Da richtete sich Bruno halb auf : Bist Du ' s Mutter ? kommst mich einzulullen ? wie geht doch noch die alte Weise ? Und in wunderbar süßen Tönen , leise , ganz leise , wie die Klänge einer Aeolsharfe , begann er ein schwedisches Lied zu singen , wie es ihm wohl seine Mutter vor langen Jahren gesungen haben mochte . Er lehnte sich wieder in das Kissen zurück . Durch die tiefe Stille im Zimmer tönte nur noch das Schluchzen Oswald ' s ; auch die Augen der beiden andern Männer standen voll Thränen . Bist Du es , Oswald ? fragte Bruno , weshalb weinst Du ? guten Abend , Herr Doctor ; wie kommen Sie hier her ? es geht wohl zu Ende mit mir ? Wo ist Baron Oldenburg ? Geben Sie mir die Hand . Sie sind sehr gut gegen mich gewesen . Doctor , muß ich sterben so frisch und jung ? sagen Sie es mir , ich bin kein Feigling , ich habe es schon seit gestern gewußt ; muß ich sterben ? - dann , Oswald , eine Bitte : ich will es Dir in ' s Ohr sagen . Oswald beugte sich über ihn . Er erhob sich und ging nach der Thür . Oldenburg war ihm gefolgt . Ich weiß , was er will ! sagte er ; er hat in seinen Phantasien schon hundertmal nach ihr verlangt ; ich will sie rufen . Es ist ja eines Sterbenden letzte Bitte . Er entfernte sich , Oswald trat wieder an das Bett . Kommt sie ? Ja . Lege mir das Kopfkissen etwas höher , Oswald , und stelle die Lampe dahin , daß der Schein über mich weg gerade auf sie fällt . Danke , so ist es recht . Sie kommt nicht - doch ! war das nicht ihre Stimme ? schraube die Lampe tiefer , Oswald - es wird so hell im Zimmer . Helene ! Ein seliges Lächeln flog über sein Gesicht . Helene ! wie bleich Du bist ! und doch wie schön ! gieb mir die Rose von Deinem Busen ! o , weine nicht ! Laß mich Deine Hand küssen , Helene ! Helene neigte sich zu ihm und küßte ihn auf den Mund . Bruno schlang seine Arme um ihren Hals . Ich liebe Dich , Helene ! Seine Arme glitten auf die Decke zurück . Doctor Braun zog Helene sanft in die Höhe . Er beugte sich über das Bett und lauschte einen Augenblick . Indem er sich wieder aufrichtete , strich er mit der Hand leise über die Augen des Todten . Einundsechzigstes Capitel Es war drei Tage nach den Ereignissen dieser Nacht . In der Frühe des Morgens hatte es geregnet ; jetzt in den Vormittagsstunden blickte die Sonne auf Augenblicke aus den schweren Wolken , die sich lang und langsam vor einem feuchten Westwinde nach Osten ihr entgegenwälzten . Auf dem Kirchhofe zu Faschwitz gingen in der Lindenallee , die von dem einen Ende bis zum andern führt , und die Gräber der Adeligen von denen der gewöhnlichen Sterblichen trennt , zwei Personen in ernsten Gesprächen auf und ab . Vor der einen