den Geistlichen im Auge behielt . Die Kirche der Deutschen , Santa Maria dellé anime , mit ihrem Priesterhause , das nach altchristlicher Sitte eine Herberge für fremde deutsche Geistliche bietet - liegt unmittelbar neben der Kirche Maria della pace . Hyazinth pflegte häufig die letztere zu besuchen und Lelio hatte schon öfter den jungen Abbate bemerkt , der mit der Andacht eines heiligen Aloysius betete ; hatte ihn auch sogleich erkannt , als Florentin am Grabmal der Cäcilia Metella sagte , das sei Orests Bruder . Nun fand er diesen Bruder eben hier vor dem allerheiligsten Sakrament , wahrscheinlich in Gebeten für Orest begriffen und schmerzlich bewegt durch diese Begegnung . Sollte er vielleicht das Werkzeug Gottes zu Judiths Bekehrung , zu Orests Rettung sein ? Lelio war so ergriffen durch Judiths Entschluß , von einem katholischen Geistlichen sich unterrichten und taufen zu lassen , daß er fortan alles hoffte von der Barmherzigkeit Gottes , und als Hyazinth aufstand , um die Kirche zu verlassen , ihm folgte und demütig sagte : » Signor Abbate , ich möchte die Ehre haben mit Ihnen zu sprechen , weil Sie ein Bruder des Grafen Orest sind , der vor einer halben Stunde hier war . Ich spiele die Orgel hier an der Kirche und wohne ganz in der Nähe bei meinen Eltern . « » Können Sie nicht zu mir kommen ? « fragte Hyazinth befremdet . » Sehr gern ! « entgegnete Lelio unbefangen ; » nur muß ich Sie allein und , wo möglich , ganz unbemerkt sprechen , denn es betrifft die Bekehrung der Dame , welche Graf Orest so eben begleitete . « » Ich folge Ihnen , Signor ! « sagte Hyazinth äußerst überrascht durch diese unerwartete Nachricht ; und bald befanden sich beide in Lelio ' s stillem Zimmer , wo dieser Hyazinth in Kenntnis von seinem Verhältnis zu Judith und von allem setzte , was er über sie und Orest als Augenzeuge wußte . » Heute nun , « so schloß er seinen Bericht , » hat sie mir erklärt , daß sie sich mit dem Geist des Christentums bekannt machen wolle . Das ist ihre Art sich auszudrücken . In unserer Sprache heißt es : sie will sich in der Lehre der Kirche gründlich unterrichten lassen - und das heißt so viel , als sich bekehren . « » Doch nicht ganz , Signor , « entgegnete Hyazinth ; » Stolz und Ehrgeiz sind von je her ein paar gefährliche Feinde der christlichen Lehre von der Demut gewesen und das scheinen ja Grundzüge ihres Charakters zu sein . Sie verlangt mehr eine belehrende und anregende Unterhaltung für ihren Verstand , als daß sie sich nach der Offenbarung einer Wahrheit sehnte , von der sie im innersten Wesen zugleich erleuchtet und ergriffen genug würde , um sich mit all ' ihren hochfliegenden Plänen ihr zu opfern . « » Man kann das nicht ersehen , was man nicht kennt , Signor Abbate , und sie steht ja außerhalb der Gnaden des Christentums , kennt also nur ein natürliches Licht , natürliche Gaben , natürliche Empfindungen . Wer kann sagen , welche Wünsche nach himmlischen Dingen in ihr erwachen werden , wenn sich die himmlische Licht- und Gnadenwelt vor ihr auftut . Ich meine , Signor Abbate , Sie sollten zu ihr gehen , und ihr sagen , Sie wären der Geistliche , den sie begehrt habe und Sie wären mit mir befreundet . Ich weiß wohl , daß ich dieser Ehre nicht wert bin , aber ich weiß auch , daß Sie um des bitteren Leidens willen , welches der göttliche Erlöser für mich geduldet hat , mir befreundet sind . « » Wird sie nicht mißtrauisch werden , wenn sie meinen Namen erfährt . « » Den darf sie vor der Hand nicht wissen ! Sie brauchen ja nur , wenn sie fragen sollte , Ihren Taufnamen zu nennen . « » Und wenn ich meinen Bruder dort träfe ! « » In den Morgenstunden treffen Sie ihn nie . Dann ist sie immer allein , mit musikalischen Studien und mit Lektüre beschäftigt . « » Was in aller Welt kann aber meines Bruders Absicht sein , da es unmöglich ist , seine Ehe für ungiltig zu erklären ! « » Judith selbst scheint es nicht zu wissen . Sie macht sich nur ihrerseits bereit , damit sie keine Verzögerung in die Angelegenheit bringt , sobald diese eine günstige Wendung nimmt . « » Entsetzlich ! « rief Hyazinth , » mit einer solchen Kaltblütigkeit ein heiliges Verhältnis zu zerreißen . « » Sie wähnt das Glück des Grafen Orestes zu begründen . « » Ja , sie ! aber er ! aber er ! Ach , ich fürchte fast , er wird noch schwerer zu bekehren sein , als sie . Ihr ist die Gnadenwelt verschlossen gewesen ; aber er gehörte derselben an und verläßt sie ! und verachtet sie ! sein Zustand ist viel gefährlicher . « » Allerdings ! « entgegnete Lelio ; » allein uns stehen augenblicklich keine Wege zu Gebot , auf denen wir an seine Seele heran kommen könnten , während sie bei Judith geebnet sind . Ist das nicht eine höhere Fügung , daß sie katholischen Unterricht begehrt ? « » Ich muß mich besinnen , was ich zu tun habe , « sagte Hyazinth . » Ich muß beten , um den Willen Gottes zu erkennen . Ich muß mich mit so vollkommener Hingebung als Werkzeug ihm anbieten , daß meine Armseligkeit seine großen , liebevollen Absichten nicht vereitelt . Neun Tage muß ich Zeit haben , Signor , schließen Sie sich meiner Novene an . « » Mit Freuden ! « rief Lelio . » Neun Tage hindurch werde ich die seligste Jungfrau Maria mit dem Gebet der Verbannten im Tal der Tränen , mit dem Salve Regina anrufen , damit auf ihre Fürbitte Judith ' s Verbannung aufhöre . Glauben Sie mir , Signor Abbate , wenn sie zuweilen mit ihrem tief melancholischen Ausdruck in schweigendes Sinnen sich verliert , so fallen mir die Töchter Israels ein , die ihre Harfen an die Weidenzweige gehängt haben , trauernd an Babylons Flüssen sitzen und weinen , wenn sie Sions gedenken . Nur ist bei ihr der israelitische Typus gänzlich in der Frivolität moderner Allerweltsbildung untergegangen und das Sion , nach welchem sie weint , liegt nicht in ihrer Vergangenheit , wohl aber in ihrer Zukunft . « » Hat sie denn keine Zuneigung für meinen Bruder ? Erwiderte sie seine Leidenschaft nicht ? Wäre das der Fall , so müßte sie sich ja beglückt und befriedigt fühlen durch die ungeheueren Opfer , die er ihr bringt . Hat sie aber keine Neigung für ihn und handelt sie nur aus Stolz und Ehrgeiz , so werden diese Disteln und Dornen das Wort von der Wahrheit in ihrer Brust ersticken . « » Signor Abbate , ein Frauenherz ist für unsereinen unergründlich ! Sie wissen besser Bescheid in der menschlichen Seele , als ich , und werden leichter erkennen , wie es mit Judith beschaffen ist . Ich glaube , daß sie gerührt ist durch die Anhänglichkeit , welche Graf Orest seit Jahren für sie hat ; aber ich glaube auch , daß sie weniger davon gerührt sein würde , wenn er nicht reich und nicht Graf wäre . Der Flitter der Bühnenwelt ist ihr unerträglich , aber der Glanz im Privatleben scheint ihr unerläßlich . Ihr muß ein Licht aufgehen , in welchem Glanz und Flitter ersterben und , so Gott will ! werden Sie es ihr bringen . « » In neun Tagen geb ' ich Ihnen Antwort , « sagte Hyazinth . » Beten Sie einstweilen , daß das geschehe , wodurch Gott am meisten verherrlicht werde , und daß er sich ein passendes Werkzeug dazu erlese . Ich fühle mich dieser Aufgabe , an welcher für Zeit und Ewigkeit so ungeheuer viel hängt , nicht gewachsen . « Sie trennten sich . Lelio frohlockte bei sich selbst : Und er wird es doch sein ! gerade er ! die Demut ist ein David , welcher den Goliath des Stolzes besiegt . Als Judith ihn nach einigen Tagen fragte , ob er noch keinen Geistlichen gefunden habe , sagte er ernst : » Signora , es ist nichts Geringes , was Sie wünschen und solche Wünsche sind nicht auf der Stelle zu erfüllen . Ich suche und bete . « » Lelio ! Sie sind mein wahrer Freund ! « rief sie . » Wäre nur erst alles vorüber ! Graf Orest ist sehr verstimmt ; er sagt nichts , allein ich fürchte , er kämpft mit großen Schwierigkeiten . Fiorino ist von einer unerträglichen Bitterkeit . Ich möchte ihm täglich , ja stündlich den Laufpaß geben und ich täte es , wenn ich nicht fürchtete , daß er sich dann bei Graf Orest einnisten würde , was mir nicht lieb wäre , und wenn ich nicht wüßte , daß sich ja in einigen Wochen oder Monaten seine Stellung bei mir von selbst auflöst . O wär ' es so weit ! wär ' ich doch getauft , mit Graf Orest vermählt und fort von hier - weit fort , damit die Judith vergessen werde . « » Geduld ! Geduld ! « entgegnete Lelio ; » es wird sich schon alles entwirren und lichten , wenn man sich nur den himmlischen Führungen überläßt . Suchen Sie nur Graf Orest recht sanft zu stimmen . « » Ach , Lelio ! « erwiderte sie , » das geht über meine Kräfte . Er ist , wie die guten englischen Wettrenner , die , je näher dem Ziel , desto rascher laufen , bis sie ohne Atem und Besinnung anlangen und selbst von ihrem Reiter nicht mehr gezügelt werden können . « » Diese Eigenschaft ist besser für ein Rennpferd als für einen Menschen , « bemerkte Lelio trocken . » Freilich wohl ! der arme Orest ist überreizt durch den Druck seiner Verhältnisse , für die er kein Gegengewicht hat . « » Und an der Seite eines solchen Mannes rechnen Sie auf Glück , Signora ? « » Warum nicht , Lelio ? sobald der Druck aufhört , findet er von selbst sein Gleichgewicht . « » Teure Signora , « sagte Lelio und schüttelte sanft den Kopf , » der Druck , der auf dem Menschen - auf jedem Menschen - lastet , hat die Bestimmung , ihn höher zu heben , als er ohne denselben steigen würde . Sehen Sie den Vogel an : auf der Erde sind ihm seine Flügel lästig und hindern ihn , seine Füße zu brauchen . Aber seine Last gibt ihm Schwung und er fliegt hoch zum Himmel hinauf . Sehen Sie die Quelle an , wie sie sich bequemen muß , ihr natürliches Bett zu verlassen und in die Tiefe hinabgedrückt zu werden . Aber als ein schöner , kräftiger Wasserstrahl steigt sie im Springbrunnen auf , ein kristallner Baum mit perlenden Zweigen ; der Druck erhebt und verschönert sie . Das soll auch seine Folge in den menschlichen Charakteren sein . Gerade der Druck soll unseren Willen im Gleichgewicht mit unserer Bestimmung erhalten . Spüren wir keine Last , so gleitet das Leben behaglich dahin und versumpft in den Niederungen der Irdischkeit , wo die edle geistige Natur der Seele zu kurz kommt . Gönnen Sie dem Grafen Orest ein wenig Druck . « » Seit Ihrer Bekehrung , Lelio , haben Sie eine ganz idealische Auffassung des Lebens bekommen , die mir sehr gefällt , die ich sogar recht gut verstehe und die ich doch nicht zu der meinen machen möchte . Ist das nicht ein wunderlicher Widerspruch ? « » Er ist leider ein sehr gewöhnlicher , Signora ! die sinnlich stolze Natur hängt an ihrem egoistischen Wohlbehagen und bekämpft die höhere Erkenntnis des Geistes ! « » O wie wahr ! « rief Judith ; » o wie haben Sie Recht ! Aber , Lelio , was ist es denn , das die sinnlich stolze Natur in der Menschenbrust besiegt ? « » Signora ! das ist das Geheimnis des Kreuzes . « » Werd ' ich es je erkennen , Lelio ? « fragte sie mit ihrem schwermütigen Ausdruck . » Ja ! « sagte Lelio zuversichtlich ; » durch das Auge der Welt . « Der Weg zu beiden Schicksalen In der großartigen Wohnung , welche Judith in einem der prächtigsten Paläste auf dem Corso genommen , hatte sie sich ein Zimmer mit der freundlichen Behaglichkeit eingerichtet , welche den römischen Palästen nicht eigen ist . Sie machen den Eindruck von Wohnungen für ernste , edle , hochherzige Geschlechter , deren Leben in großen Gedanken und wichtigen Taten verläuft , die zur Erholung wohl prächtige und feierliche Feste und einen Luxus im großen Stil , Hallen mit Marmorsäulen , Säle voll Freskobilder , Sammlungen von Gemälden , Statuen und Vasen kennen , aber keine Ahnung haben von der luxuriösen Eleganz , welche so übertrieben und so kleinlich in der Mode der Gegenwart zum Vorschein kommt . Die meisten Menschen fühlen sich sehr unbehaglich in einem solchen Palast , wo ein Saal zuweilen größer ist , als eine ganze modische Wohnung in Paris oder als ein ganzes elegantes Haus im Westende Londons . Judith hatte sich , um diesem Unbehagen zu entfliehen , ein Zimmer nach elegantem Komfort einrichten lassen . Schwere Vorhänge verhüllten die Türen , ein weicher Teppich bedeckte den Fußboden ; ein Marmorkamin erfüllte seinen Zweck und gab Feuer - keinen Rauch ; ein Pianino und anderes modisches Mobiliar füllte den Raum . Dies Zimmer hatte Judith für ihre Einsiedelei erklärt . Niemand durfte es betreten außer Madame Miranes , und diese tat es nicht , weil sie auf alle Launen ihrer Tochter bereitwillig einging - überdas in ihrem eigenen Zimmer denselben Komfort hatte . Es war ein seltsamer Kontrast zu diesem Zimmer und zu Judith selbst , daß sie zuweilen arme Leute , die sich mit Bittschriften an sie gewendet hatten , gerade hier empfing . Sie war sehr wohltätig , ja mehr als das ! sie war teilnehmend für fremde Not . Weil sie in Gold schwamm , beklagte sie die tausend Entbehrungen der Armen . Sie machte es nicht wie so viele , welche ihre Gedanken von den Dürftigen abwenden , um nur ja nicht im Vollgenuß des Wohlbehagens durch ein trübes Bild gestört zu werden . Eines Morgens hatte Judith eine arme Witwe , die traurige Mutter von vier kleinen Kindern , erfreut und getröstet entlassen . Die Frau ging die Nebentreppe hinunter , welche zu diesem Teil der Gemächer führte und stieß am Fuß derselben auf einen Geistlichen , der zu ihr sagte : » Ich finde keinen Diener , um mich zu melden . Wie komme ich zu der Signora , die hier im ersten Stock wohnt ? oder ist es noch zu früh ? « » Zu früh für Diener und Gesellschaft ; aber nicht zu früh , wenn Sie ein Anliegen bei der Signora haben . Nur hier hinauf , Signor Abbate ! da finden Sie eine Tür ; da klopfen Sie an - und die seligste Jungfrau Maria verhelfe Ihnen zu Ihrem Anliegen , wie sie mir zu dem meinen bei der edlen Seele verholfen hat , « entgegnete die Frau und trocknete die Tränen ihrer kummervollen Augen . Das ist eine gute Vorbedeutung ! dachte Hyazinth und folgte der Weisung . Judiths Kammerfrau öffnete die Tür , an die er klopfte , nahm ohne weiteres an , daß jemand , der so früh und in so demütiger Haltung auf diesem Wege vorgelassen zu werden wünsche , ein Bittender sein müsse , führte ihn durch ihr Zimmer , machte eine zweite Türe auf , teilte einen Vorhang von dunkelrotem Damast und hieß ihn eintreten . Judith saß am Kaminfeuer auf einer niedrigen Causeuse . Neben ihr auf einem Tisch von florentinischer Mosaik stand ein wunderschöner Kasten von Schildkrot mit Silberfäden eingelegt und mit weißem Atlas gefüttert , worin sich eine Menge Schmucksachen befanden , welche sie musterte . Sie trug eine weite Jacke von violettem Sammt mit Zobel besetzt , in die sie sich hüllte , denn es war ein kalter Wintertag . Ein starker Arom von allerlei Wohlgerüchen erfüllte dies Zimmer mit einem Duft , welchen die kaum bemerken , die an ihn gewöhnt sind , und welcher anderen oft unerträglich erscheint . War es der Arom , oder eine gewisse orientalische Pracht des ganzen Bildes , oder Judith selbst und das , was er von ihr wußte - und hoffte : genug , Hyazinth dachte unwillkürlich an Maria Magdalena vor ihrer Bekehrung . Er blieb ruhig an der Türe stehen , als Judith sich von der Causeuse erhob und auch ganz ruhig sagte : » Was wünschen Sie , Signor ? « » Für mich - nichts ! « entgegnete er , » aber .... « - » Ich verstehe ! « unterbrach sie ihn freundlich ; » für irgend ein Werk der Barmherzigkeit ! « und sie schloß ein Schränkchen auf . » Aber ich bitte für Gott um Ihre Seele , Signora , « sagte Hyazinth . » Ah , Sie sind von Lelio zu mir gewiesen ! « rief Judith und wendete sich rasch ihm zu . » Sein Sie willkommen ! .... Sind wir uns schon irgendwo begegnet ? « setzte sie hinzu , als sie ihn ins Auge faßte . » Das kann wohl sein , « entgegnete Hyazinth gelassen . » Ich war neulich in der Kirche Maria della pace , als Sie dort mit Lelio die Sibyllen bewunderten . « » Aber Sie sind kein Römer ? « fragte sie wieder , als müsse sie eine Erinnerung verfolgen . » Das beweist meine Aussprache zur Genüge , « sagte Hyazinth lächelnd . » Indessen ist die Veranlassung , die mich hierher führt , zu wichtig , als daß sich die Signora bei meiner armseligen Persönlichkeit aufhalten dürften - vorausgesetzt immer , daß Lelio recht hatte . « » Was sagte Ihnen Lelio , Signor ? « » Sie wünschten die katholische Kirche kennen zu lernen und getauft zu werden . « » Hauptsächlich aber wünsche ich Gräfin ... « - Sie stockte , deutete Hyazinth an , Platz zu nehmen , setzte sich wieder auf ihre Causeuse und nahm einen großen grünen Tafftfächer mit Stäben von Sandelholz zur Hand , mit dem sie spielte und den sie zuweilen als Schirm gegen die Flamme vor das Gesicht hielt . Sie fühlte sich verlegen und suchte nach Worten . Als sie aber schwieg , sagte Hyazinth nach einer Weile sanft und ruhig : » Sie wünschen Gräfin Windeck zu werden . Lelio hat mich auch davon in Kenntnis gesetzt . Erlauben Sie mir aber zu fragen : weshalb wünschen Sie es ? « » Um glücklich zu werden . « » Sie wissen also , daß Sie in dieser Verbindung Ihr Glück finden werden ? « » Ich hoffe es . « » Und worauf gründen Sie diese Hoffnung ? « » Auf die Liebe des Mannes , mit dem ich mich zu verbinden denke . « » O Arme ! « sagte Hyazinth mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes und des innigsten Mitleides . » Er ist geprüft und bewährt , Signor ! es ist eine jahrelange Neigung - oder Leidenschaft ! es ist kein verfliegender Rausch . Mein Leben war von der Art , daß ich den Unterschied wohl kennen gelernt habe und daß nichts mir wünschenswert erscheint , als der Besitz eines treuen Herzen . « » O Arme ! « wiederholte Hyazinth . « » Nicht doch , Signor ! « sagte Judith bewegt ; » ich bin ja reich . Ich habe ja alles , was Tausende umsonst ersehnen und was sie beneiden : Naturgaben und Vorzüge glänzender Art. Ich werde bewundert , angebetet ; wo ich erscheine , erwarten mich Triumphe und Feste ; ich versetze große Massen in einen Taumel von Wonne und Entzücken , weil ich die Kunst verstehe , die Saite in der Menschenbrust anzuschlagen , die am stärksten vibriert : die Leidenschaft . Ich herrsche über diese Massen ; ich stimme sie auf meinen Ton . Das ist ein großer Genuß . Das ist die Art , wie das Weib am feinsten seine Herrschaft üben kann und herrschen - ist nun einmal eine Wonne ! Ich habe auch Gold und bin durch mein Vermögen vollkommen unabhängig . Sie sehen also , daß ich reich bin . Nur macht dieser Reichtum mein Herz nicht glücklich . Das hab ich erkannt in den sieben Jahren meines Kunstlebens und deshalb will ich all ' die schimmernde Herrlichkeit verlassen und da mein Glück suchen , wo das Menschenherz es findet - in der Liebe . « » O Arme ! « wiederholte Hyazinth . » Schweigen Sie , Signor , mit Ihrem entsetzlichen : o Arme ! « rief Judith heftig . » Wenn Sie das sagen mit diesem Blick und diesem Ton : so verwandeln Sie mir die Marmorwände in Tonscherben und Sammt und Seide in Spinnweben - und diese Juwelen in Kieselsteine - und meine Kleider in Lumpen - und meine Hoffnung auf Glück in Fiebertraum - und mich selbst in eine Bettlerin . « » O Arme ! « sagte Hyazinth . - - - » Wer ist denn in Ihren Augen reich , Signor ? « fragte Judith nach einer Pause des Nachdenkens mit Fassung . » Wer Gott besitzt . « » Dann haben Sie ganz Recht , mich arm zu nennen , denn Gott gehört weder zu meinem Reichtum , noch zählt er mit in meinem Glück . « » Aber Sie glauben an ihn ? an einen persönlichen , außerweltlichen Gott ? « Ich habe einmal gehört , sagte Judith sinnend , » ein gewisser Fixstern sei so weit von unserem Planeten entfernt , daß sein Licht drei Millionen Jahre brauche , bis es zu uns komme . Da die Astronomie das berechnet hat , so nehm ' ich es als eine ausgemachte Wahrheit an - und glaube es . Allein dieser Fixstern mit seinem drei Millionen Jahre alten Licht ist mir so fern , so fremd , so unerreichbar , daß er mich , wie man zu sagen pflegt , nicht warm noch kalt macht . Ich habe nichts mit ihm zu schaffen noch zu teilen , er hat auf mein Dasein keinen Einfluß , ich denke nie an ihn . Und so ungefähr geht es mir auch mit Gott . Es gibt ja eine Gotteskunde , wie es eine Sternkunde gibt . Ich nehme an , daß auch sie die Wahrheit lehrt und glaube an einen Gott , der außerhalb seiner Schöpfung steht und von ihr unabhängig ist . Aber ich bin so wenig mit ihm in Verbindung , wie mit jenem Fixstern , und die ganze Welt rollt zwischen ihm und mir auf und ab . Versuche ich es , an ihn zu denken , so erlahmt der Geist oder irrt in der Zersplitterung der Gedanken umher . Ich finde keine Leiter , die mich zu ihm führte , keinen Faden , der mich an ihn fesselte . Jeder Aufschwung dazu macht mich mutloser , weil ich auf dem nämlichen Punkt mich immer wiederfinde , und da in meiner Familie von dem religiösen Leben , wie es bei den altgläubigen Israeliten existieren soll , nie eine Spur war , so hab ' ich auch nie ein Beispiel vor Augen gehabt , daß es anderen anders gehen könne , als mir . « » Aber Sie sahen Christen , Signora ; und Sie sollten bei denen nie etwas anderes wahrgenommen haben ? « » Signor ! « sagte Judith und schlug ihre Augen fest und klar zu ihm auf ; » Sie merken gewiß , daß ich mich bemühe , aufrichtig Ihre Fragen zu beantworten . Vergeben Sie mir also , wenn ich etwas sage , das Sie verletzen könnte . Ja , ich habe Christen gesehen , habe immer unter ihnen gelebt und verkehrt . Aber Sie wissen , in dem Weltverkehr und in dem gesellschaftlichen Treiben sucht man Unterhaltung , Zerstreuung , eitle Freuden , auch schlimmeres noch ; und was man sucht , findet man . In Ball- und Opernsäle verirrt sich das Glaubensleben nicht hinein , oder - sollte es ausnahmsweise geschehen , so trägt doch jedermann viel zu wohlerzogen die Toilette der großen Welt , um ahnen zu lassen , was in seiner Seele vorgeht . Und so kenne ich denn unter den Christen nur zwei Menschen , in deren Leben Gott wirklich mitzählt - und es sind die beiden einzigen Männer , vor denen ich Achtung habe . « » Ohne Zweifel ist der eine von ihnen - Graf Windeck und Sie setzen deshalb ein so großes Vertrauen in ihn ? « fragte Hyazinth . » Nein , Signor ! « entgegnete Judith gelassen . » Graf Windeck nimmt , vermöge seiner treuen Liebe für mich , einen ganz besonderen Platz ein . Der eine jener Männer ist unser Freund Lelio , der mir von dem Augenblick seiner Bekehrung an so lieb und achtungswert geworden ist , wie ich früher nie geahnt habe , daß er mir sein könne . Der ander ist Ihnen unbekannt und ist auch gänzlich aus meinem äußeren Leben verschwunden . Aber zuweilen , wenn ich recht menschenmüde bin , denke ich an ihn , und das erfrischt meine Seele . Er war der schlichteste , einfachste Mensch von der Welt , kindlich unter seinen grauen Haaren . Ernest hieß er und Maler war er . Ich habe ihn hier im Kapuzinerhabit von fern gesehen . Auf diese beiden Menschen beschränkt sich meine Kenntnis von den Christen , die Ihnen bei Ihrer Frage im Sinn lagen . « » Und haben Sie nie gewünscht , im Denken und Sein diesen Männern ähnlich zu werden ? « » Ganz außerordentlich , « entgegnete Judith mit feinem Lächeln , » wenn es möglich wäre es zu werden , ohne meine Eigentümlichkeit aufzugeben . « » Über den Punkt seien Sie außer Sorge , Signora ! « sagte Hyazinth lächelnd . » Niemand liebt die Mannigfaltigkeit mehr , als der liebe Gott ! das beweist seine Schöpfung im allgemeinen wie im einzelnen - und jede Eigentümlichkeit , das größte Genie , wie die beschränkteste Intelligenz - die begeisterte , wie die nüchterne Seele - das volle schwunghafte , wie das mäßig begabte Herz : alle ohne Ausnahme gelangen zu der ihnen möglichen Stufe der Vollkommenheit nur dadurch , daß sie Gott zum Mittelpunkt ihres Lebens machen . « » Gelangen viele zu der Stufe von Vollkommenheit , die ihnen erreichbar war ? « » Das kann allein der allwissende Gott entscheiden . Wir wissen nur , daß die Mittel dazu einem jeden zu Gebot stehen . « » Es werden aber große Opfer verlangt , um sie zu erreichen ; und an der Eigentümlichkeit wird so viel geschliffen und gemodelt , daß wenig davon übrig bleiben mag . « » Signora , ich sehe da in Ihrem Schmuckkasten einige wunderschöne Smaragden . Ehe sie geschliffen waren , mögen sie noch einmal so groß gewesen sein , als sie jetzt sind , und dennoch sind sie jetzt ungleich schöner und kostbarer als zuvor , denn das Licht spiegelt sich in all ihren Facetten und lockt den glühenden Glanz ihrer Farbe funkelnd hervor . So soll von der Eigentümlichkeit des Menschen , von seinem Charakter , seinem geistigen Wesen , welche ihm sein besonderes Gepräge geben , nur das verschwinden , was dessen Schönheit beeinträchtigt und was das Licht hindert , den spielenden Farbenzauber erstrahlen zu lassen . « Judith hatte die Smaragdnadel in ihre Hand gelegt , betrachtete sie nachdenkend und fragte : » Aber was ist das für ein Licht , welches dem geistigen Sein des Menschen seine Schönheit gibt ? « » Das ist der menschgewordene Gott , Christus , der Erlöser der Welt . Auf jeder Facette unseres Wesens sollen wir sein Abbild tragen : dann sind wir schön ! Da wir aber statt dessen unser eigenes Bild oder die Abbilde der Welt tragen , welche durch die Sünde verzerrt und entstellt sind , so muß das erst abgeschliffen werden , bevor die Spiegelung eintreten kann . « » Die Sünde ! « rief Judith im Ton des Vorwurfes ; » aber es begehen doch nicht alle Menschen Sünden , welche den Charakter entstellen und das Herz verderben . « » Ich weiß nicht , welchen Sünden Sie das Privileg erteilen , Signora , den Charakter zu verderben . « » Nun , zum Beispiel dem Geiz , der Heuchelei , der Lüge . « » Nicht wahr , Signora , « fragte Hyazinth mit sanftem Lächeln , » Sie sind großmütig ? und Sie sind des Komödienspiels so überdrüssig , daß Sie die Komödie der Welt im Fach der Heuchelei und Lüge nicht mitspielen mögen ? « » Sie können Recht haben , Signor . « » So macht es der Mensch : diejenigen Fehler und Leidenschaften , die er nicht hat oder die seinen guten Eigenschaften entgegengesetzt sind - nur die nennt er Sünde . Was er aber bei sich selbst findet .... « - » Nennt er Schwäche , traurige Schwäche , die seiner irdischen Natur anklebt , « unterbrach Judith ihn ruhig . » Und was nennen Sie denn Sünde , Signor ? « » Ich bin nur das Organ der lehrenden Kirche und sie spricht : Die Sünde ist eine Übertretung des göttlichen Gesetzes . Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde mit einer liebenden Seele , welcher die Liebe zu ihrem Urbild innewohnt ; aber nicht als Zwang , nur als Neigung , denn die Liebe hat nur dann Wert