» und den Sohn Diona ' s - die Sie feig verleugnet haben - zum ersten Edelmann des mächtigen Englands machen könnten , würden Sie den Knaben doch nicht erhalten , so lange es von mir abhängt . Seine Spur will ich Ihren Augen verwischen und nie soll er den Namen seines Vaters hören , sondern ein Grieche werden mit jeder Faser seines Lebens , der nur Haß athmet gegen das falsche Land seines Erzeugers ! « Der ganze Trotz und Hochmuth des Briten schwoll empor bei dieser Antwort . » So habe , was Du willst und beklage Dich nicht über Dein Geschick . Der Kapudan hat bereits darüber bestimmt und mit dem nächsten Schiffe gehst Du auf die Galeeren nach Creta . Ich aber schwöre Dir , Wahnsinniger , daß ich nicht ruhen und rasten will , bis ich mein Kind gewonnen , und Edward Maubridge wird dies Land nicht verlassen , bevor er seinen Zweck erreicht hat , so wahr er ein Brite ist ! « Caraiskakis lächelte verächtlich , - so schieden sie . Die Vorgänge des Tages hatten anders auch über das Geschick des Griechen entschieden . Es war am Abend gegen die zehnte Stunde , als von Tophana her ein Boot an die Seite der Fregatte Taïf schoß und ein Mann in der Kleidung eines türkischen Offiziers auf den Anruf der Wache » Befehl des Großadmirals « antwortete und an der Schiffswand emporstieg . Auf dem Deck fragte er nach dem Capitain und händigte diesem eine versiegelte Depesche ein . Es war die Ordre des neuen Kapudan Riza-Pascha , den bei Sinope gefangenen Griechen dem Ueberbringer Angesichts des Schreibens zu überliefern . Baron Oelsner hatte die erste Gelegenheit benutzt , den Verbündeten zu retten . Caraiskakis wurde sofort aus dem Raum geholt und dem Boten übergeben , indem seine bisherigen Wächter und er selbst nicht anders glaubten , als daß er in ein anderes Gefängniß am Lande gebracht oder verhört werden solle . Von seinen Fesseln befreit , statt deren ihm die Hände auf dem Rücken zusammengebunden wurden , stieg Gregor in das Boot , der Offizier setzte sich neben ihn und die schwarze Wand der Fregatte war bald hinter ihnen im Dunkel verschwunden . Nach einigen Minuten , während das Boot im Schatten der asiatischen Ufer hinlief und die zwei Ruderer scharf zu arbeiten hatten , um es bei dem heftigen Winde und den hochgehenden Wellen im Strom zu halten , schnitt der Offizier die Stricke von den Armen des Gefangenen und sagte auf griechisch zu ihm : » Ich bin ein Bote des Signor Oelsner und habe Ihnen mitzutheilen , daß Sie frei sind . Die Ordre zu Ihrer Ueberführung nach der Stadt war eine der ersten , die der neue Großadmiral unterzeichnete , und sobald der Signor Baron sie in Händen hatte , war es ein Leichtes , Sie zu befreien . Ich begrüße in Ihnen meinen Landsmann , denn diese Kleidung ist natürlich nur angenommen , um den türkischen Capitain zu täuschen . Der Baron hat in dieser Nacht wichtige und viele Geschäfte und er hat mir daher aufgetragen , Sie in ein sicheres Versteck im Fanarioten-Quartier zu bringen . « Caraiskakis dankte dem Landsmann , der sich Geurgios nannte , und hörte von diesem die wichtigen Neuigkeiten des Tages . Sie waren jetzt dem Sommerpalaste von Beschiktasch gegenüber gekommen und wandten sich nun quer über den Meerosstrom nach dem Grabmal Hayraddins und der Moschee von Auni-Effendi , um auf der europäischen Seite des Bosporus die Fahrt nach dem goldenen Horn fortzusetzen , als aus dem Schatten des Ufers von Tschiragan ein großer schwarzer Kaïk , von sechs weißgekleideten Ruderern getrieben , hervorschoß . Geurgios gebot sofort den Seinen , zu halten , um den fremden Kahn vorbeifahren zu lassen und flüsterte dem Griechen zu : » Die Eunuchen des Harems - bei Ihrem Leben , keinen Laut , Freund , was Sie auch sehen mögen ! « Zu seiner Verwunderung jedoch kam der Kahn , statt weiter hinaus in den Bosporus zu fahren , gerade auf sie zu und hielt in kurzer Entfernung von ihrem Bord . Im Hintertheil des fremden Kaïks stand ein bewaffneter Eunuch . » Eure Loosung ? « fragte der Schwarze . Der Grieche zauderte einen Augenblick , dann , glaubend , daß der Frager wissen wolle , ob er einen Ungläubigen vor sich habe , antwortete er rasch mit den Worten des türkischen Gebets : » Allah la illaha illallah . « Sogleich gab der Schwarze ein Zeichen und das dunkle Fahrzeug schoß an die Seite ihres Kahns . Schon glaubten die Griechen sich verloren , denn die berüchtigten Haremswächter machen wenig Umstände mit den zufälligen Zeugen ihres geheimnißvollen Treibens , und die Hand des Geurgios faßte nach den Terzerolen in seiner Brusttasche , - aber zu ihrer Verwunderung begrüßte sie der Offizier der Eunuchen mit einem kurzen » Khosch dscheldin ! - Nehmt ! « - zwei der bewaffneten Ruderer hoben vom Boden des Kaïk einen großen ungestalteten Gegenstand , gleich einem Sack , und warfen ihn achtlos in den Nachen der Griechen , daß dieser von dem Stoß schwankte und umzuschlagen drohte ; im nächsten Augenblick schoß das Haremsboot vorwärts an ihnen vorüber , wandte und kehrte zu dem Ufer zurück . Die beiden Griechen und auch die Ruderer , - die mit den Geheimnissen Stambuls sehr wohl vertraut schienen , - athmeten frei auf , als sie auf so schnelle Weise der Gefahr wieder entgangen waren , und die Ruder senkten sich mit doppelter Eile in die dunklen Wogen , daß der leichte Kahn gleich einem Pfeil dahin flog und bald in die ruhigeren Gewässer des Horns einbog . Noch hatte keiner der Männer die seltsame Last , die ihnen so unverhofft geworden war , zu untersuchen sich Zeit genommen , und nur die convulsivischen Bewegungen der Hülle und ein leises unterdrücktes Aechzen und Stöhnen bewies ihnen , daß ein lebendes Wesen darin verborgen war . Erst als sie die zweite Brücke passirt hatten und am Ufer des Fanarioten-Quartiers hinfuhren , deutete Geurgios auf den Sack und fragte : » Was machen wir damit ? werfen wir die Last in das Horn ? Hier sind wir sicher vor Spähern . « Aber Gregor faßte abwehrend seinen Arm . » Um der Heiligen willen , laßt uns nicht unmenschlicher handeln , als diese Moslems . Es scheint ein Weib in dem Sack zu sein und wir wollen die Unglückliche retten . « » Bah , irgend eine alte Hexe , die im Harem gekeift und sich unnütz gemacht hat ! Aber wie Ihr wollt - bei Sanct Demeter , Ihr mögt das Geschenk der schwarzen Burschen dafür zu eigen nehmen und Euch mit der Last beladen . « - Unweit der Kirche von St. Basil , zwischen dem Balat-Kapussi ( Palastthor ) und dem Haivan-Seraï-Kapussi - dem Thor der Menagerie , - von dem benachbarten Amphitheater so genannt , wo die Kämpfe der wilden Thiere stattzufinden pflegten , - und berühmt als die Stelle , wo im letzten Heldenkampfe gegen die Osmanlis und Genuesen Daralla und der Großherzog Notaris fochten , - landete das Boot unter einem überhängenden Kaïkschuppen , und Geurgios geleitete den Befreiten durch den Ausgang , der am Ende desselben hinauf in ein ziemlich großes griechisches Haus führte , wohin die beiden Ruderer auf seinen Befehl das geheimnißvolle Bündel ihnen nachtrugen . Man schien sie erwartet zu haben , denn auf der Veranda waren , trotz des stürmischen kalten Wetters , mehrere Männer versammelt , und in dem oberen wohlerleuchteten Gemach , wohin man Caraiskakis führte , brannten wärmende Kohlenpfannen und ein Tisch war mit dem lieblichen Brussawein und dem feurigen schwarzen Rebensaft vom Olymp , den man selbst in Constantinopel nur selten echt bekommt , nebst Speisen und Erfrischungen besetzt . Hierhin , in einen Winkel des Gemaches , legten die Bootsleute auch ihre Last , über die Geurgios gegen die Augen der Neugierigen seinen Mantel gebreitet hatte , worauf ihnen derselbe bei der eigenen Gefahr ihres Lebens anbefahl , auch gegen die Hausbewohner das strengste Schweigen über die Art und Weise zu beobachten , wie jene ihnen aufgebürdet worden . Dann , als sie allein waren , machte er mit Gregors Hilfe sich daran , den Sack mit einem Dolch aufzuschneiden . Der Anblick , der sich ihnen zeigte , war überraschend . Ein junges bildschönes Mädchen , die in reiche türkische Pracht gehüllten Glieder mit einem kostbaren Shwal zu einem Klumpen zusammengeschnürt , lag vor ihnen . Der Mund war ihr durch einen Knebel geschlossen , und die Unglückliche offenbar von der lang andauernden Todesangst in Ohnmacht gefallen . Während Geurgios die Knoten des Shwals löste , befreite sie Gregor von dem Knebel und rieb ihr , nachdem man sie auf ein Ruhebett gestreckt , Stirn und Schläfe mit Wein . Endlich schlug die Schöne die Augen auf , tiefe Seufzer hoben ihren Busen und ihr Blick fuhr wirr und ängstlich umher über die fremden Männer und die unbekannte Umgebung . Dann schrie sie laut auf und warf sich auf die Kniee . » Mordet mich nicht , « rief sie ; - » für was habe ich meinen Glauben abgeschworen und Alles hingegeben , was meiner Jugend theuer war , wenn ich so jung schon geopfert werden soll ? Was hab ' ich gethan - bin ich nicht die gehorsame Tänzerin des Padischah , die Gefährtin seiner Freuden ? hab ' ich nicht treu der Sultana gedient , meiner Herrin ? O , habt Erbarmen , laßt mich leben - es ist so süß und schön , zu leben im Glanz der Herrlichkeit , die ich nie gekannt ! « Die schöne Nausika - denn sie war es , die durch den Sultan als Sühne für die geopferte Mariam aus dem Harem verbannt und von dem Kislar-Aga für seinen Gönner Chosrew bestimmt , durch eine zufällige Verwechselung und den Irrthum seiner Untergebenen in die Hände der Griechen gekommen war , - sah in der reichen Tracht der Odaliske und in der Blässe der Todesfurcht , die ihre Wangen bedeckte und das große blaue Auge aus dem Antlitz zu drängen schien , kaum weniger reizend und verlockend aus , wie damals , als wir im kurzen Gazegewand der Tänzerin ihr vor dem Sultan begegneten . Die weichen feinen Hände mit den hennahgefärbten Nägeln über der wogenden halbentfesselten Brust gekreuzt , lag sie vor den beiden Männern , und flehte für ein Leben , das stürmisch dein Genuß in jeder Fiber entgegenklopfte . Erst als Gregor ihr wiederholt betheuert hatte , daß sie Nichts mehr zu fürchten habe , daß sie gerettet sei vor der schrecklichen Execution des Harems , - daß aber Verborgenheit und Geheimniß das Werk der Rettung vollenden und sichern müsse , gewann sie Glauben daran , umfaßte seine Kniee und beschwor ihn , sie nicht zu verlassen , indem sie versprach , jedem seiner Winke Folge zu leisten . Eine kurze Berathung zwischen Caraiskakis und seinem Wirth führte den Beschluß herbei , die Odaliske auch ferner vor den Augen der Hausbewohner verborgen zu halten , und sie zu dem Zweck in dem Zimmer , in dem man sich befand , zu lassen , bis es gelungen sei , ihr weniger auffällige Kleidung zu verschaffen , um sie an einen noch verborgeneren Ort zu bringen . Geurgios erklärte dem Landsmann , daß , da besonders auf seinen Wunsch die Fremde gerettet worden , er auch die Pflicht übernehmen möge , für sie zu sorgen , und gern war Caraiskakis dazu bereit , denn das Mädchen hatte schnell einen so wunderbaren Eindruck auf sein bisher nur von andern Gefühlen entflammtes Herz gemacht , daß er sich jeder Gefahr für sie unterzogen hätte . Er beschloß , den Baron von Oelsner für seinen Schützling zu interessiren , und als er jetzt auf die Aufforderung seines Wirthes diesem folgte , nachdem er einige Erfrischungen genommen , versprach er dem Mädchen , so bald wie möglich wiederzukommen und schloß sie sorgfältig ein . Geurgios , ein Mann von einigen vierzig Jahren , führte den neuen Bekannten in den unteren Raum des Hauses , wo mehrere Griechen versammelt waren und geschäftig ab- und zugingen . Geurgios schien ihr Haupt , denn ihm wurden alsbald verschiedene Berichte erstattet und Botschaften mitgetheilt . Er machte Caraiskakis mit den Anwesenden bekannt , die er ihm Alle als gute Patrioten und treue Anhänger des russischen Czaren und Mitglieder der Hetärie bezeichnete , und Gregor fand bald , daß die Stimmung dieser Männer , von denen er Einzelne schon früher beim Baron Oelsner flüchtig gesehen zu haben sich erinnerte , eben so aufgeregt und energisch für den allgemeinen griechischen Traum , die Wiederherstellung des byzantinischen Reichs , schwärmte , wie die der Griechen auf den Inseln und dem anatolischen Festlande . Zugleich bemerkte er auch , daß sie sämtlich nur untergeordnete Werkzeuge höherer Leitung und für die Erregung der Massen thätig waren , denn Alle wußten zwar , daß in den nächsten Tagen Etwas von Bedeutung geschehen solle , ohne doch zu erfahren , wo und was . Bei dem Feuer und der lebhaften Phantasie des griechischen Characters wogte das Geschwätz darüber hin und her . Nur Geurgios wußte offenbar mehr und nachdem er verschiedene Mittheilungen angehört , nahm er Einzelne bei Seite , sprach mit ihnen eifrig und sandte sie mit Aufträgen fort , so daß bald nur noch drei oder vier Männer zurückgeblieben waren . Ihnen befahl er , auf ' s Neue einen Kaïk zur Fahrt bereit zu machen , und wandte sich dann an Gregor . » Ich habe Sie mit diesen Männern näher bekannt gemacht , was der Signor Baron früher versäumt zu haben scheint , damit wenn sich irgend eine Gefahr ereignet , Sie Hilfe und Beistand haben . Die Leute , die Sie hier gesehen , haben die meisten Anhänger in der Fanarioten-Stadt und sind in diesem Augenblick bereits bemüht , das Volk für den morgenden Tag vorzubereiten . So viel ich selbst weiß , wird eine Demonstration zur Unterstützung unserer Freunde im Divan stattfinden . Signor Oelsner hat mich wissen lassen , daß ich ihn in Tophana treffen soll , und ich gehe sogleich dahin . Sie werden besser thun , hier zu bleiben , bis ich Ihnen weitere Nachrichten bringe ; das Haus ist zu Ihrer Disposition , - die Frauen sind in ihren Schlafgemächern und wissen , daß sie dieselben nicht zu verlassen haben . Zwei meiner Leute bleiben hier zurück und werden für Ihre Sicherheit sorgen . Am besten wird es sein , Sie ziehen sich in Ihr Zimmer zurück , das Sie freilich noch einige Stunden mit unserer unwillkommenen Gesellschaft werden theilen müssen , da ich dieselbe der Schwatzhaftigkeit der Weiber nicht anvertrauen mag und erst geeignete Kleider mitbringen werde , um sie fortzuschaffen . Gegen Morgen bin ich zurück . « Damit verließ ihn der Fanariot und bald darauf kehrten zwei der Männer zurück und schlugen ihr Lager auf dem Boden des Zimmers auf . Caraiskakis beschloß , sich nach dem seinen zu begeben , theils um seinen seltsamen Besuch zu beruhigen , theils um selbst einen Ort der Ruhe und Erholung zu suchen . Er fand die Odaliske wach und ganz verändert . Der Schreck und die Furcht waren von ihrem Antlitz verschwunden , und mit dem Gefühl der Sicherheit hatte sich auch Leichtsinn und Gefallsucht wieder eingestellt , denn das Leben des Harems hatte bereits unwiederbringlich die Seele des einst so einfachen und armen Mädchens umstrickt . Sie hatte die Zeit der Abwesenheit der Männer benutzt , um ihren Putz möglichst vortheilhaft wieder herzustellen und ihre Haare zu ordnen . Als Caraiskakis eintrat , saß sie in türkischer Manier auf den Kissen des Divans und naschte von den Erfrischungen . Der Grieche setzte sich neben sie und begann ein Gespräch mit ihr . Die Naivetät dieser Hingebung , die kein Gefühl der Zurückhaltung und Schaam kannte , ohne doch niedrig und gemein zu sein , überraschte ihn . Nausika zählte jetzt achtzehn Jahre , ein Alter , in dem bei den Frauen des Orients die üppigste Blüthe der Reize eingetreten ist , denn später werden sie häufig zu voll und ungeschickt . Ihre Augen und Lippen strahlten Koketterie und Genuß , der Busen athmete üppige Sinnlichkeit . Aus dem armen griechischen Mädchen hatten zwei Jahre türkischer Erziehung die vollkommenste eitle Odaliske gemacht , die sich bemühte , jede Erinnerung ihrer Vergangenheit zu unterdrücken . Vergeblich fragte sie daher Caraiskakis , durch die ersten flehenden Worte des Mädchens , die sie bei ihrem Erwachen aus der Ohnmacht an die Männer gerichtet , aufmerksam gemacht , nach dieser Vergangenheit ; - die Eitelkeit des Mädchens ließ sie sich für eine Georgierin ausgeben , und da sie sich von Anfang an nur der türkischen Sprache bedient und mit Nichts verrathen hatte , daß sie das griechische Gespräch der Männer wohl verstanden , war es ihr leicht , ihren neuen Beschützer zu täuschen , indem sie ihm andeutete , daß sie zwar als Christin geboren , jedoch schon vor vielen Jahren als Sclavin nach Stambul gekommen sei und den Islam habe annehmen müssen . Ueber die Ursache , die sie so plötzlich aus der Gunst des Großherrn und in die Gefahr des Säckens gebracht hatte , erzählte sie der Wahrheit gemäß , daß ihr dieselbe ganz unbekannt sei . Für die Fragen , welche der Grieche gethan , richtete die Odaliske hundert andere an ihn . Sie hatte genug von dem Leben des Harems gesehen , um zu wissen , daß sie keine Aussicht habe , je wieder das Serail zu betreten , und die Todesfurcht , die sie ausgestanden , ließ auch einen solchen Wunsch gar nicht aufkommen . Dagegen ging all ' ihr Sehnen und Denken bereits auf die Mittel , sich auf andere Weise ein Leben voll jener Genüsse , die sie kennen gelernt , mit möglichster Freiheit verbunden , zu verschaffen , und als Caraiskakis ihr die Versicherung gab , daß er sie von Constantinopel wegführen und für sie sorgen werde , schloß sie scharfsinnig , daß es ihm auch an den Mitteln dazu nicht fehlen könne , und setzte alle Künste der üppigen Koketterie in Bewegung , sein Herz zu erobern und seine Sinne zu bestricken . Ihre Hand schenkte ihm den feurigen Wein des Olymp in den Becher , ihr reizender Mund plauderte ihm von jenen seltsamen lüsternen Geheimnissen des Harems , die das Blut wallen machen . Dem Manne , der , eben dem scheußlichen Aufenthalt eines türkischen Schiffsgefängnisses entronnen , noch die schweren Fesseln an seinen Gliedern zu fühlen glaubte , der wochenlang Nichts als die gröbste ekle Kost , ihm mit Verwünschungen gereicht , genossen , nur das finstre Antlitz fanatischer Moslems gesehen , - däuchte es wie ein Traut , jetzt hier im wohlgewärmten , mit Teppichen belegten Zimmer zu sitzen und die Blicke in die glänzenden Augen der schönen Odaliske zu tauchen , - so schön , - so schön , wie er noch nimmer ein Weib gesehen ! von ihrer weichen Hand berührt zu werden , den feurigen Wein aus demselben Becher zu schlürfen , den noch eben die purpurnen Lippen berührt hatten . Der finstre , ruhige Mann , der Patriot , dessen Herz nur dem Unglück des Vaterlandes schlug , der so viel für sein Idol schon gelitten , - wo blieb der Gedanke , der allein bis jetzt sein Herz gefüllt , - wo die Erinnerung an Kampf und Sieg vor dem vernichtenden , verzehrenden Hauch der Leidenschaft , die sein Inneres so plötzlich , so gewaltig erfaßt ? Wo blieb die catonische Tugend vor dem Sirocco des aufgeregten Bluts , das , so lange Jahre unterdrückt , jetzt die Bande sprengte und tyrannisch durch seine Adern tobte . Er erhob sich , - er wollte das Gemach verlassen , um bei den beiden Fanarioten sein Lager zu suchen , - aber er bedachte , daß dies ihre Aufmerksamkeit und ihren Verdacht erregen müsse . Die Odaliske flog nach der Thür und schob den Riegel vor , sie flehte ihn an , sie in dieser Nacht der Gefahr und Angst nicht zu verlassen , und Gregor Caraiskakis , der starre , tugendhafte Patriot , lauschte den Worten des schönen Weibes und blieb . Mit koketter Geschäftigkeit bereitete ihm das Mädchen an einem Ende des Divans das Lager und führte ihn dahin . Dann häufte sie für das ihre die Kissen und Polster auf der entgegengesetzten Seite . Die beiden Kerzen auf dem Tische löschte ihr Hauch - bald hörte der Grieche nur noch die schweren wogenden Athemzüge seiner Gefährtin . So verging eine Zeit , - trotz der körperlichen Erschlaffung vermochte auch er nicht die Ruhe zu finden . Ein tiefer , sehnsüchtiger , leidenschaftlicher Hauch schwellte seine Brust und drang über seine Lippen . Da faßte eine weiche sammetne Hand die fieberglühende seine , ein üppig runder Arm umschlang ihn , und der süße Athem eines heißen Mundes flüsterte dicht an dem seinen : » Warum verschmäht mein Herr und Retter seine Sclavin ? Soll das Herz allein ihm gehören und nicht der Leib ? Möge mein Gebieter seine Dienerin nicht verachten ! « Und die buhlerischen Künste des Harems umstrickten ihn , die heißen glühenden Lippen sogen auf den seinen , electrische Funken der Lust sendend durch die entflammende Berührung in seinen Körper , weiche üppige Formen drängten und schmiegten sich an ihn - Vaterland - Freiheit - Alles war vergessen in dem entzückenden Rausch . Der Todfeind der Moslems ruhte wonnetrunken an dem Busen der verbannten Odaliske des Großherrn , - der Gerettete und Befreite schwelgte in den wollüstigen Reizen der Tochter des Mannes , welcher kaum zwei Monden vorher für ihn , für seine Freiheit und seine Zukunft das Haupt dem Yatagan des türkischen Henkers geboten hatte , - Gregor Caraiskakis im Arm , am Busen von Nausika , der Tochter des Janos ! Auch der Zweite der tapfern , der edlen Brüder , die den Heldenkampf begonnen , war der Versuchung erlegen , der Eine im Harem zu Skadar , der Andere im Fanariotenhause zu Stambul . Was will alle Kraft der erhabensten Empfindungen , alle Begeisterung der Tugend und Ehre gegen die Katarakten des erregten Bluts und den Samum der Leidenschaft ! Das Seraskiat , von dem Thurme überragt , auf dessen Höhe die Feuerwache von Constantinopel ist ( Dschandchin Koskj ) , liegt in der Nähe der Suleimania und des alten Serails ; unfern davon , tiefer in die Stadt hinein , der Moschee des Fürsten Schekzade gegenüber , der Platz , auf dem die alte Janitscharen-Kaserne stand , deren Hof einst die Stätte des blutigen Gemetzels ihrer Vernichtung war . Der frühere Wohnsitz des Janitscharen-Aga ' s ist jetzt der Palast des Seraskiers oder Kriegsministers , Mehemed Ali ' s , des Schwagers des Großherrn , während Reschid Pascha , der Minister des Auswärtigen , im Palast der Pforte residirt . In einem streng nach türkischer Sitte eingerichteten großen Gemache des Seraskiats waren an diesem Abend die Mitglieder der Kriegspartei im Ministerrath und seine Vertrautesten um Mehemed Ali zu einer ernsten Berathung versammelt : Arif-Hikmet-Bey , der Scheik ul Islam des Reichs , Mahmud-Pascha , der bereits abgesetzte Großadmiral , Mehemed Ruschdi , Chaireddin-Pascha und Safeli-Pascha , der neue Finanzminister . Auf einem Ehrenplatz des Divans saß mitten zwischen den Moslems ein Mann in europäischer Kleidung von mittleren Jahren , dessen langgestrecktes schmales Gesicht , röthlich blondes Haar und wasserblaues , kaltes und beobachtendes Auge den Briten verrieth . Es war Master Alison , der orientalische Secretair der britischen Gesandtschaft in Constantinopel , die rechte Hand des Viscount de Redcliffe , und durch seine Gewandtheit und Kenntniß der orientalischen Verhältnisse zur Zeit eine der einflußreichsten Personen in Constantinopel . Jeder , der mit den Geheimnissen der türkischen Diplomatie einigermaßen bekannt war , wußte sehr wohl , daß bis jetzt sämtliche Antworten und Noten der Pforte aus der Feder Master Alison ' s gekommen waren . Die Berathung war ziemlich stürmisch und die Stimmung noch erbitterter , als der britische Secretair , durch seine Dragomans , - diese unübertrefflichen politischen Spione und Agenten bei der Pforte , - auf ' s Genaueste unterrichtet , ihnen mittheilte , daß der Großherr bereits die Fermans unterzeichnet habe , welche auch Ruschdi-Pascha sofort vom Kommando der Garden und Hayreddin vom Amt des Polizeiministers enthoben und Letzteren als Inspektor der Armee nach Asien sandten . Der Seraskier sah sehr wohl ein , daß der nächste Schlag gegen ihn selbst gerichtet sein und daß sein Todfeind Halil damit nicht säumen werde . Von ihm , oder vielmehr durch ihn von der Sultana Adilé , war daher auch der erste Gedanke des bewaffneten Widerstandes und einer gewaltsamen Demonstration angeregt worden , bei deren Berathung sich Master Alison jedoch jeder Einmischung enthielt , indem er erklärte , daß seine diplomatische Stellung ihm die Billigung einer Auflehnung gegen den Willen des Großherrn verbieten müsse , während er auf der anderen Seite geschickt durch ein hingeworfenes Wort den Gang der Beschlüsse zu leiten verstand . Nur als der wilde Mehemed , von seiner Erbitterung hingerissen , von dem geistlichen Vorstande des Reichs verlangte , daß , wenn der Großsultan Abdul-Medjid bei seiner Neigung zu ihren Gegnern verharren sollte , er ab- und Abdul-Azig , sein Bruder , an seine Stelle gesetzt werden müsse , erklärte der Brite sehr energisch , daß die verbündeten Mächte , denen der schwankende leitbare Charakter des regierenden Padischah ' s sehr passend war , die Ausführung eines solchen Planes nicht dulden und die Flotten sofort einschreiten würden . Eben so sprach er sich gegen eine Militair-Revolution aus , die Ruschdi-Pascha vorschlug , indem er sich der Garden versichert erklärte . Die Zeit war vorbei , in denen die Janitscharen die Söhne Ottoman ' s nach Willkür auf den Thron setzten und die Mauern des Serails die Zeugen blutiger Thaten waren . Vor den Augen Europa ' s durften die beiden Mächte Handlungen nicht dulden , die so offen ihre Phrasen von der Vertheidigung des Sultans Lügen gestraft hätten . Zu einer Revolte in Constantinopel gehörte jetzt das Fiat von London und Paris ; das Programm wurde geliefert ! An eine Palast-Revolution war bei der Stellung der Parteien nicht mehr zu denken , es blieb also nur noch das Volk , - dessen Demonstration um so bedeutsamer sein mußte . Außerdem hat das Volk einen breiten Rücken und man konnte der Gerechtigkeit gegen dasselbe später freien Lauf lassen , ohne sich selbst zu schwächen , ja im geeigneten Augenblick gegen den erregten Sturm wieder auftreten und das Verdienst gewinnen , den Thron gerettet zu haben . Man beschloß demnach , an das Volk zu appelliren und die Meute in Bereitschaft zu halten . Das Volk wird vom Fanatismus regiert , und der Scheik ul Islam erhielt daher den Auftrag , seine Armee , - die Ulema ' s und Softa ' s , die schon am 10. September von der Kriegspartei zu jener Demonstration benutzt worden , welche die ersten Schiffe der Flotte in den Bosporus rief , - wieder in Bewegung zu setzen . Während man noch über die Art und die Zeit des Aufruhrs stritt , erschien einer der vertrauten Tschokodars des Seraskiers , um zu melden , daß ein Grieche dringend Hayreddin-Pascha zu sprechen wünsche . Der Polizeiminister verließ das Gemach und ließ den Mann in eines der nächstliegenden bringen , da ein mit verschiedenen Merkmalen bezeichnetes Goldstück , welches der Grieche der Botschaft beigefügt , ihm zeigte , daß der Fremde einer seiner Spione in der Hauptstadt war . Wenn Gregor Caraiskakis den Mann gesehen , der jetzt mit dem Polizeiminister sprach , würde er sicher , trotz der kurzen Berührung , eine jener Personen erkannt haben , die er nach seiner Ankunft im Fanariotenhause gefunden . Es ist traurig , aber eine Thatsache , daß , während auf der einen Seite unter den Griechen die todesmuthigste Aufopferung und Hingebung an ihre National-und Glaubensinteressen herrschte , auf der andern auch die nichtswürdigste Feilheit und Gesinnungslosigkeit sich kundgab und schmählicher Verrath in jeder Weise geübt wurde . Nur in dieser Entartung des Volkes , der kriechenden Demuth und Feigheit der Masse ist die Ursache zu suchen , daß die türkische , Herrschaft so drückend seit Jahrhunderten auf diesem Lande lasten konnte . Der Polizeiminister hatte seine zuverlässigsten Spione unter der griechischen Bevölkerung und war von den Vorgängen und Bewegungen unter derselben stets auf ' s Beste unterrichtet . Die Kunde , die er so eben empfing , überraschte ihn jedoch , da sie ganz unerwartet kam und die Verschworenen der Friedenspartei rasch und vorsichtig zu Werke gegangen waren . Die Nachrichten waren freilich nur unvollständig , da Baron Oelsner , als der Letter der Demonstration , die Unzuverlässigkeit der Griechen zu gut kannte , um seine Pläne vor der Zeit zu enthüllen , doch waren sie immer genügend , um ihre Bedeutung und die drohende Gefahr ermessen zu lassen . Der Pascha sandte den Griechen zurück , um nach weiterer Kunde zu spähen , und ertheilte dem Khawaß-Aga , der ihn zum Seraskiat begleitet hatte , einen Befehl , ehe er auf ' s Neue zu der Berathung der Minister zurückkehrte . » Mashallah , « sagte er , seinen Bart streichend , » ich habe wichtige Neuigkeiten für das Ohr meiner Freunde . Diese Teufel von Anhängern der Moskows sind nicht müßig und wollen uns zuvorkommen . Die Griechen im Fanarioten-Quartier und in Demetri werden auf morgen zusammenberufen und sollen sich auf dem Okmeidan versammeln . Haiwan der , es sind Thiere , aber ihre Zahl ist groß . Wir wissen nicht , was sie vorhaben . « Die Nachricht war von Wichtigkeit und rief eine neue Besprechung hervor . Dem Scharfsinn des Briten und der bedächtigen Schlauheit der Orientalen konnte es nicht verborgen bleiben , daß diese Bewegung der griechischen Bevölkerung gemacht und bestimmt war , die Maßregeln der Friedenspartei zu