richtig auf der Polizei , so ist ' s. - Ich hab ' s ! ich hab ' s ! - Gott sei gedankt ! Die Frau Herzogin sagte nämlich , es sei ihr ein kleines Gerücht zu Ohren gekommen , von einer Liaison , welche der Baron Brand auf der Polizeidirektion angeknüpft . - Jetzt erinnere ich mich ganz genau ; wie kann man so vergeßlich sein ! - Fräulein Auguste ist eine liebenswürdige junge Dame . - Darf man gratuliren ? « » Ach , bleiben Sie mir mit so etwas vom Leibe ! « rief fast entrüstet Herr von Brand . » Das ist mein ewiges Unglück , ja das jedes Junggesellen , sowie er ein Haus betritt , wo heirathsfähige Mädchen sind . - Ist ' s nicht wahr , Herr Arthur ? Ihnen wird ' s auch so gehen ? - Und von Ihnen gar nicht zu reden , bester Herr von Dankwart ! Denken Sie nur an sich selber ; wie oft sagt man Ihnen eine Brautschaft nach ! « » Ja , ja , das ist wahr , « entgegnete dieser einigermaßen geschmeichelt . - » Also diese Sache ist wieder leeres Geklatsch ? « » Vollkommen grundlos . - Ich bitte , das der Frau Herzogin in meinem Namen zu sagen . « » Werde nicht ermangeln , « antwortete Herr von Dankwart ; » es hat Allerhöchstdieselben wirklich interessirt . - Werde nicht ermangeln . « - Damit schloß er sein Taschenbuch , ohne sich weiter zu erinnern , daß er eigentlich etwas Anderes habe suchen wollen , ja , er erhob sich aus seinem Fauteuil , nachdem er einen Blick auf die Standuhr über dem Kamin geworfen , schaute einen Augenblick mit recht nichtssagender Miene an den Wänden umher , wobei er jetzt mit dem Kopfe nickte , dann denselben auf die Seite neigte , die Augen halb schloß , wieder öffnete , und sich darauf vernehmen ließ : » Ganz gut ! - ganz gut ! - superb ! - In der That fast vortrefflich ! Werde Ihren Namen bestens behalten und der Frau Herzogin melden , daß Sie es verdienen , wenn man etwas für Ihr Renommée thut . « - Damit streckte er seine beiden Hände aus , als wollte er sie Jemand darreichen , besann sich aber glücklicherweise noch , daß es nur ein Künstler sei , der vor ihm stehe , weßhalb er die linke wieder sinken ließ , mit der rechten dagegen den Hut ergriff und darauf mit einer steifen Kopfverneigung durch die Zimmer zur Thüre hinaus tänzelte . » Vergessen Sie mir den Herrn Beil nicht , « sagte lächelnd der Baron zu Arthur . Er hatte den seltsamen Blick wohl verstanden , mit dem der Künstler dem Allerhöchsten Geschäftsmann achselzuckend nachgeblickt . - » Durch solche Herren , « setzte er flüsternd hinzu , » wird die Kunst oft bei den Großen der Erde protegirt und gepflegt . « - Damit drückte er dem Maler herzlich die Hand und folgte dem vorangegangenen Gefährten , der auf den ersten Stufen der Treppe schon wieder ein Pferdegespräch begann und dieses fortsetzte , bis er an seinem Coupé angekommen war , worauf er zum Wagenbau überging und hierüber manch ' Schönes und Lehrreiches zum Besten gab . Sobald der Baron von Brand die Thüre hinter sich zugezogen , kam Herr Beil aus dem Nebenzimmer hervor , sah seinen Freund mit einem launigen Blicke an , worauf Beide in ein lautes Gelächter ausbrachen . » Eigentlich ist das nicht zum Lachen , « sagte Arthur nach einer kleinen Pause , indem er abermals seine Kohle ergriff ; » das kommt her , bringt uns um die besten Morgenstunden , sieht unsere Sachen gar nicht an , und geht dann später in seine vornehmen Cirkel , um über uns und unsere Leistungen ein Urtheil zu fällen . - Hole sie Alle mit einander der Teufel ! - Es ist doch weiß Gott traurig , daß wir Künstler nicht einmal unsere Freiheit haben , daß wir mehr oder minder von ihnen abhängen - ihre Sklaven sind . - - Doch warum fährt der Wagen drunten nicht weg , « fuhr er fort , nachdem er einige Striche auf der Leinwand gethan . - » Höre ich nicht meinen Namen rufen ! - Die doppelten Fenster dämpfen allen Schall ; seien Sie doch so gut , lieber Beil , und schauen ein wenig nach . - Ja , ja , man ruft mich . « Und es war in der That so . Kaum hatte Herr Beil den Kopf in ' s Freie hinausgestreckt , so zog er ihn hastig wieder zurück und sprach lachend : » Da unten beugt sich der Herr von Dankwart oder wie er heißt , zum Halsverdrehen aus seinem Coupé heraus und ruft nach Ihnen . « » Er soll rufen ! « entgegnete Arthur unmuthig . » Hat mich hier fast eine Stunde mit seinen nichtssagenden Reden aufgehalten , und jetzt soll ich noch da hinunter und demüthig an ihn hintreten - was befehlen Euer Gnaden ? « » Aber er hat mich gesehen , « versetzte begütigend Herr Beil , der noch immer am geöffneten Fenster stand ; » er hat sich an mich gewandt , als er zum letzten Mal Ihren Namen rief . « » Aber was mag er wollen ? « » Vielleicht ist ihm jetzt endlich eingefallen , nach was er in seiner Schreibtafel gesucht , und das er , als er es gefunden , wieder vergessen . « » Meinetwegen ; er soll zum Teufel gehen ! Ich steige nicht die Treppen hinunter . « » Thun Sie es doch , « bat Herr Beil . » Bedenken Sie , daß Sie einmal Künstler sind , und wenn Sie auch nicht nöthig haben , für Geld zu arbeiten , so arbeiten Sie doch für Beifall . Und der kann Ihnen ja nicht zu Theil werden , wenn man Ihnen keine Bestellungen gibt . Auch hat er schon eine ziemliche Zeit gewartet und nach Ihnen gerufen . « » Ja , Sie haben Recht , « entgegnete Arthur ärgerlich . » Ich sehe ein , ich muß mich wohl draußen im Regen an den Wagen hinstellen und freundlich meinen Kopf neigen . - Wer will gegen den Strom schwimmen , ohne am Ende unterzugehen ? Ja , ich fühle meine Fesseln , ich fühle es , daß ich so gut wie jeder Andere ein Sklave der Verhältnisse bin . « Nach diesen Worten schritt der Maler die Treppen hinab , ohne sich jedoch gerade sehr zu beeilen , und trat an den Wagen , aus welchem heraus Herr von Dankwart mit seinen kleinen Armen gegen ihn gestikulirte , während er ihm zurief : » Verzeihen Sie meine Vergeßlichkeit ; aber , du lieber Gott ! wenn man den Kopf so voll hat wie ich , so kann einem das schon arriviren . Dieser köstliche Baron mit seiner Brautschaft ist schuld daran , daß ich ganz und gar meinen Auftrag vergessen . Sehen Sie , hier steht es deutlich geschrieben . « Damit nahm er sein Taschenbuch vom Schooße , wo er es hingelegt , um es Arthur zu zeigen , der sich aber stumm und abwehrend verbeugte . » Die Frau Herzogin haben nämlich erfahren , « fuhr der kleine Mann fort , » daß Sie ein paar vorzügliche Porträts gearbeitet ; eins haben wir sogar gesehen : den jungen Grafen Fohrbach , - außerordentlich schön ! - Man hätte das bei uns zu Hause nicht besser gemacht . Ich versichere Sie , es ist ein liebenswürdiges Bild . « » Daran ist wohl nur die Persönlichkeit des Grafen schuld , gewiß nicht meine Kunst , « erwiderte Arthur mit sehr kühlem Tone . » Sie sind zu bescheiden , mein lieber junger Freund , « sagte Herr von Dankwart , wobei er den Versuch machte , den Künstler auf die Schultern zu pätscheln . Da aber seine Aermchen zu kurz waren , auch Arthur etwas zurück wich , so blieb es einfach bei dem Versuche . - » Es handelt sich nämlich , « fuhr er dann fort , » um das Porträt Seiner Durchlaucht des Herzogs Alfred , des Sohnes der Frau Herzogin ; - ein recht angenehmes Aeußere . Seine Durchlaucht wünscht sich nämlich von Ihnen gemalt zu sehen , und wenn Sie geneigt wären , das Porträt sehr bald anzufangen - « Arthur verbeugte sich stumm . » So würde der Herr Herzog auf unser Zureden wohl die Gnade haben , Sie in nächster Zeit zu den vorbereitenden Sitzungen befehlen zu lassen . « » Ich hoffe nur , daß es mir möglich sein wird , « sagte Arthur , indem er sich aufrichtete , » meine Zeit mit den Befehlen Seiner Durchlaucht in Einklang zu bringen . Ich habe im Augenblicke sehr viel zu thun . « » Aber wenn der Herr Herzog es wünscht , mein Lieber ? « versetzte Herr von Dankwart mit einem einigermaßen verwunderten Tone , indem er den Zeigefinger leicht erhob und auf das » wünscht « einen starken Nachdruck legte . » Ja , wenn Seine Durchlaucht es wünscht ! « lachte Baron Brand ironisch aus der anderen Wagenecke . - » Coeur de rose ! Das will schon etwas heißen ! « » Ich erwarte also Ihre Befehle , « sprach Arthur mit ruhigem Tone und wollte in das Haus zurücktreten . Doch hielt ihn der kleine Geschäftsmann mit einer hastigen Handbewegung zurück . - » Halt ! halt ! « rief er ; » noch eins , mein lieber Herr Erichsen . Hätte ich doch bald wieder etwas vergessen ! Die Frau Herzogin , so sehr sie überzeugt ist von Ihrer großen Kunst , was die Aehnlichkeit anbelangt , wünschen doch - aber nehmen Sie mir es nicht übel - noch ein bekanntes Gesicht von Ihnen gezeichnet zu sehen , ehe Sie das Porträt Seiner Durchlaucht anfangen . Wissen Sie , mein Lieber , nur gezeichnet , oder ein kleines Aquarell , durchaus kein Oelbild . « » Ich verstehe , « erwiderte Arthur mit einer bewundernswerthen Ruhe ; » Ihre Hoheit wollen nur sehen , ob es mir auch leicht gelingt , Jemanden zu treffen . « » So ist ' s , so ist ' s , mein Freund ! Die Frau Herzogin wünscht es sehr ; und obgleich meine Zeit außerordentlich in Anspruch genommen ist , so biete ich mich doch zu dem Versuche an , und will für Sie zu Haus sein , wenn Sie es wünschen . « » Sie wollen für mich zu Haus sein ? « fragte lächelnd der Maler . » Gewiß , wenn es meine Zeit erlaubt . « » Um versuchsweise Ihr Porträt zu machen ? « » Ja , ja , mein Freund . - Halten Sie es für sehr schwierig ? « » Nein , gewiß nicht ! « lachte Arthur mit einem sehr bitteren Tone . » Ich könnte das sogar machen , ohne daß Sie mir eine Sitzung bewilligten , denn von den beiden Malen , wo ich die Ehre hatte Sie zu sehen , hat sich Ihr Bild unauslöschlich in mein Inneres geprägt . « » Coeur de rose ! - Nehmen Sie sich in Acht , Herr von Dankwart ; er macht eine Karrikatur von Ihnen . « » Das wäre unmöglich , « erwiderte ruhig der Maler . Für welches Wort ihn der kleine Mann einigermaßen mißtrauisch anblickte , worauf er sich in die Wagenkissen zurückwarf und ziemlich vornehm sagte : » Also es bleibt dabei , mein lieber Herr ! Zuerst eine kleine Skizze von mir und dann nach Befund das Porträt Seiner Durchlaucht . - Nach Hause , Josef ! « Die Pferde zogen an ; doch ehe der Wagen davon fuhr , beugte sich Herr von Brand noch einmal so weit er konnte vor , und lächelte dem Maler auf eine eigenthümliche Art zu . Der Abschied des Herrn von Dankwart bestand darin , daß er mit zwei Fingern zum Wagenschlag hinaus winkte . Arthur blieb trotz des strömenden Regens noch einen Augenblick an der Thüre stehen und sah dem Wagen nach , bis er um die Ecke verschwunden war . Dann schlug er eine laute Lache auf und sprach zu sich selbst : » Nun , heute habe ich gezeigt , daß ich bereitwillig den linken Backen hinhalte , wenn man mich auf den rechten geschlagen . - Sogar Onkel Tom müßte mit mir zufrieden sein . « Oben in seinem Atelier angekommen , zog er seinen leichten Morgenrock aus ( es war dies ein kostbares Gewand , aus einem seinen Shawl gemacht ) , der jetzt von dem Regen draußen ganz durchnäßt war . Er warf ihn verächtlich in eine Ecke und nahm sich alsdann eine frische Cigarre , die er ruhig anzündete . » Sie sind ärgerlich ? « sagte freundlich Herr Beil ; » haben auch alle Ursache dazu . Es ist das von diesen vornehmen Herren eine eigene Art , mit renommirten Künstlern umzugehen . « Der Maler betrachtete , ohne augenblicklich eine Antwort zu geben , die holden Züge , die ihm von der Leinwand auf der Staffelei entgegen lachten . Nach einer längeren Pause sagte er erst : » Ah ! da kann von vornehmen Herren eigentlich gar nicht die Rede sein ! Der Herr von Brand hat allerdings eine anständige Tournure ; mit wirklich vornehmen Herren ist es angenehm umzugehen . - Aber der Andere ! - Wissen Sie , lieber Herr Beil , solches Volk , das sich aus dem Staube und dem Dreck herauf geschmeichelt , das , wenn es auch jetzt einen seinen Frack und gute Handschuhe trägt , doch die freche Bedientenseele nie verleugnen kann , das es wagt , im ekelhaftesten Hochmuth auf uns herum zu tappen , weil es begnadigt ist , sich als moralischer Spucknapf seines Herrn gebrauchen zu lassen , - das sind ja oft leider die Geschöpfe , an die wir arme Künstler gewiesen sind , das sind die Zwischenträger zwischen der reinen heiligen Kunst und den Großen der Erde , denen persönlich zu nahen so Wenige von uns gewürdigt werden . - Was ich vorhin von der Sklaverei sagte , ist ganz richtig : all ' diese armen Maler und Bildhauer , die mit Herrn von Dankwart und ähnlichem Gelichter zu thun haben , sind arme unglückliche Sklaven , welche die Arbeit ihrer Tage , die Träume ihrer Nächte für ein elendes Honorar verkaufen . Und da das Bild bezahlt ist , soll der Künstler zufrieden sein ; jene hohen Herrschaften aber fühlen nicht , daß ihm , so nothwendig er auch die paar Thaler gebrauchen kann , doch ein freundliches anerkennendes Wort ein schönerer Lohn wäre und ihn anspornen müßte zu noch besseren Werken . - Nein , sie fühlen das nicht , sonst würden sie nicht solche Dankwarte schicken und uns die Schmach anthun , daß wir aus solchem Munde vernehmen müssen : Seine Hoheit sind mit Ihnen zufrieden , Seine Hoheit haben Ihr Bild für etwas Vortreffliches erklärt . « - Damit schwieg er und wischte auf der Leinwand herum . » Doch , Gott sei Dank ! « fuhr er nach einer Pause fort , » es hat mich ordentlich beruhigt , daß ich mich gegen Sie ein wenig aussprechen konnte . Ich versichere Sie , mich hatte da unten eine unbeschreibliche Wuth erfaßt : Herr von Dankwart schwang da eine artige Geißel gegen mich armen Künstlersklaven ; er verlangte nämlich , ich solle zeigen , ob ich auch in der That etwas verstände , und als Probe soll ich sein Gesicht abconterfeien . « » Brrr ! « machte Herr Beil , der unterdessen den nassen Morgenrock Arthurs aus der Ecke des Zimmers hervorgeholt . - » Und für alles das haben Sie Ihr allerliebstes Kleid hier total verdorben ? « » Das geht zum Uebrigen in den Kauf , wenn man eine vornehme Kundschaft hat , « entgegnete lachend der Maler . » Aber wissen Sie , was mich im Umgange mit solchen Menschen , wie der Herr von Dankwart ist , am meisten ärgert ? - Das sind die Anreden , mit denen sie uns begnadigen : Mein lieber Herr ! Mein Freund ! und dergleichen . Ich weiß nicht , ob Sie mich verstehen , aber das kann mich zur Wuth bringen ; es soll das herablassend sein , freundlich und gnädig . - Mein lieber Freund ! - Es ist aber wie das Du , mit dem ich meinen Bedienten anrede . Und wehe diesem , wenn er sich unterstände , ebenso zu antworten ! und wehe uns , wenn wir auf eine solche Anrede ebenfalls antworten würden : Mein lieber Freund ! - Diese Dankwarte müssen sich absolut etwas Apartes gegen uns heraus nehmen . Würden sie einfach unsern Namen nennen , so ständen wir ihnen ja gleich , indem wir auch den ihren aussprechen ; aber nein ! Da reichen sie ihre Hand tief hinab in den Staub und sagen , indem sie weit - weit über uns hinweg sehen : mein lieber Freund ! « Vierundfünfzigstes Kapitel . Am Neujahrstage . Wie immer , so lange wir nach unserem christlichen Kalender rechnen , war das alte Jahr acht Tage , nachdem die Weihnachtsbäume gebrannt , zu Ende gegangen . - Es ist das für die Menschen eine angenehme Periode : viel Festtage , Geschenke , Lust und Freude aller Art , namentlich in der Sylvesternacht , wo Jeder so viel als möglich sich bemüht , vom alten Jahre fröhlich Abschied zu nehmen und das neue jubelnd zu empfangen . Trotz den erneuerten Verordnungen einer hochpreislichen Polizei hatte es auch dieses Mal wieder an allen Ecken der Stadt geknallt , ja selbst in der Nähe der Polizeidirektion , wo sich einige Mordschläge mit unerhörtem Spektakel entladen , so daß der Präsident erschrocken aus seinem Bette aufgefahren war und sogleich nach seiner Nase gegriffen hatte , weniger , um sich zu überzeugen , ob sie ihm nicht weggeschossen worden , als vielmehr , um , während er diese treue Freundin sanft befühlte , mit sich zu Rathe zu gehen , wie dem heillosen Unfuge ein- für allemal gründlich zu steuern wäre . Nach der geräuschvollen Sylvesternacht folgte nun ein heiterer Neujahrstag , heiter insofern , und auch freundlich und gefällig , als er in starkem Froste und blauem Himmel erschien , die nasse Erde trocknete und sich auf diese Art der vielen lackirten Stiefel und Stiefelchen , auch schwarzer Fräcke und weißer Strümpfe erbarmte , die namentlich am heutigen Vormittag in der Stadt umherschwärmten . Das lief und rannte , behend und eilfertig , durch einander mit vergnügten Gesichtern , bald hier einem Freunde zurufend , dort einem Bekannten winkend , jetzt plötzlich stehen bleibend , um mit herabgerissenem Hute einen Vorgesetzten zu grüßen , dann wieder davon springend , um in irgend ein ansehnliches Haus zu verschwinden , wo die schwarzen Fräcke und weißen Handschuhe in langer Reihe auf einander folgten . Auch vielerlei ward von den Gratulanten in der Hand und unter dem Arme getragen , als : zierliche Paketchen von weißem Papier mit rothen und blauen Schnüren , Düten mit Zuckerwerk , Blumenbouquets ; und alles das wurde sorgfältig gehütet , daß man es nicht in dem Menschengewühl zerdrückte oder zerstieß , und damit es wohlbehalten an den Ort seiner Bestimmung gelange . Dort angekommen , blinzelte man an dem Hause in die Höhe , nöthigte die schüchternen Hemdkragen ein Weniges aus dem schwarzen Halstuche heraus , besah die Handschuhe und schlüpfte dann in den Hausflur . Dazwischen rollten Wagen in großer Anzahl durch die Hauptstraßen der Stadt , die Pferde mit den besten Geschirren bedeckt , die Kutscher en grand tenue , die Lakaien hinten auf , ordentlich triefend von Wichtigkeit . Wenn man zufällig in die Gegend kam , wo sich die Ministerien befanden , so war man ordentlich betäubt von all ' dem Gerassel , von dem Rufen der Bedienten , von dem Zuschlagen der Wagenthüren . Am allergrößten war das Gedränge der Equipagen an den Einfahrten des königlichen Residenzschlosses , und obgleich die allerhöchsten und höchsten Herrschaften die förmliche Gratulationscour abgesagt hatten , so entleerte doch ein Wagen nach dem andern seinen Inhalt in reichgestickter Uniform mit Hut und Degen an der großen Freitreppe , die vermittelst des Marmorvestibuls zu einem Vorzimmer führte , wo ein großes Buch aufgeschlagen lag , in welchem alle ihre Namen und Titel einschrieben . Der gewöhnliche Rapport war natürlicherweise heute ebenfalls in großer Uniform erschienen , wo Jeder , der das Glück hatte , vor Seine Majestät zu gelangen , durch ein unbeschreibliches Achselzucken , durch eine außergewöhnliche Neigung des Kopfes , ja durch ein paar sanft gelispelte Worte kund und zu wissen that , wie doppelt glücklich er sich schätze , am heutigen Tage , wo alle Gratulationen verboten seien , dieselben doch wenigstens pantomimisch anbringen zu können . Die Rapporte dauerten übrigens am Neujahrstage nie lange , und sobald sie beendigt , beeilte sich Jeder aus dem Schlosse und aus der engen Uniform zu kommen , um zu Hause im Kreise der Seinigen frei und behaglich aufzuathmen . Das Gefolge frühstückte alsdann allein , natürlicherweise , weil es die höchsten Herrschaften ebenso machten , und weil man sich doch ein wenig vorbereiten mußte auf das große Hofdiner des heutigen Tages , bei dem ein paar kleine Toaste fielen , und wo man doch seinem Nachbar und seiner Nachbarin etwas Angenehmes sagen mußte . Wie überhaupt an Sonn- und Feiertagen , so besonders am Neujahrstage , namentlich wenn das Wetter so schön wie heute war , lag das Schloß ziemlich öde und leer . Die Herrschaften waren alsdann spazieren gefahren , das große und kleine Gefolge befand sich zu Hause , von den Kammerdienern und Lakaien hatte sich hinweg gestohlen , wer dies nur mit seiner Dienstpflicht zu vereinbaren wußte , so daß sich oft im Vorzimmer , wo zu anderer Zeit drei , vier an den Wänden zusammen standen , oder in den Ecken mit einander flüsterten , sich jetzt höchstens eine einzelne Livrée zeigte , aus der ein melancholisches Gesicht verdrießlich auf den mit Menschen bedeckten Kastellplatz blickte . Ueber allen Gängen und Treppen lag eine tiefe Stille ; nur zuweilen hörte man in der Ferne eine Thür öffnen , einen Lakaien niesen oder draußen eine Schildwache husten . Wahrhaft traurig und schwermüthig war an solchen Tagen , wo auf Häusern und Straßen ein heller Sonnenschein glänzte , das Zimmer der Adjutanten . Es lag gegen die Nordseite und ging , wie wir bereits wissen , auf einen kleinen finsteren Hof hinaus , eigentlich auf einen von drei Gebäuden gebildeten Winkel , durch den man nicht reiten und nicht fahren durfte , durch den nur sehr wenige Menschen gingen , und den , namentlich an Wintertagen , beständig kalte und frostige Schatten ausfüllten . Die vorderen und Hauptgebäude ließen dorthin kein Licht , und das Einzige , was man von diesem sah , waren die hoch oben auf einer vergoldeten Windfahne recht wie zum Hohne glänzenden und blitzenden Sonnenstrahlen . Es wird den geneigten Leser einigermaßen befremden , daß , so oft wir ihn in dieses Adjutantenzimmer führen , jedesmal Graf Fohrbach den Dienst hatte ; doch erstens traf dieser ihn sehr häufig , alle vier bis fünf Tage einmal , und zweitens ist es angenehmer , sich diesen wichtigen Räumen nur dann zu nahen , wenn man einen Bekannten dort zu finden weiß . Der Graf hatte also , wie bemerkt , den Dienst , und saß in einer der tiefen Fensternischen auf einem kleinen Lehnstuhle , von dem schweren dunklen Vorhange nach außen zu fast verdeckt und ganz wie auf der Lauer . Er betrachtete nämlich angelegentlich aus seinem Verstecke hervor einige Fenster des zweiten Stocks , die in den vorhin erwähnten Hof hinaus gingen , und da diese Fenster sich fast in derselben Flucht mit denen des Adjutantenzimmers befanden , so hatte er trotz verschiedener Grade Kälte eine Fensterscheibe geöffnet und seinen Kopf hinausgestreckt , um besser nach dem bezeichneten Orte sehen zu können . Da war aber vorderhand nichts zu bemerken : Alles war gleich öde und still , nirgends eine menschliche Seele zu sehen , und wenn man nicht an den Fenstern , die hier hinaus gingen , da irgend einen farbigen Vorhang , dort die grünen Blätter einiger Blumen bemerkt hätte , so wäre dieser Hof wahrhaft trostlos gewesen . Auch dort , wohin der Graf Fohrbach blickte , ließen sich hinter einem Doppelfenster Blätter und Blüthen sehen . Zuweilen schien es dem Grafen auch , als komme aus dem Innern des Zimmers eine weiße Hand und mache sich dort irgend etwas zu schaffen . Sowie er aber in diesem Falle in größter Geschwindigkeit sein ungeheures Theaterglas ergriff und hinauf sah , so ließ er es doch seufzend wieder herab sinken , denn entweder hatte er sich geirrt oder war die Hand droben zurückgezogen worden . Wenn er alsdann eine Zeit lang vergebens hinauf geschaut , so schloß er wohl auf Augenblicke die Fensterscheibe , nahm ziemlich verdrießlich ein Buch , das vor ihm lag , und sah hinein , ohne jedoch auch nur eine einzige Zeile zu lesen . Das war Alles heute Nachmittag entsetzlich langweilig , und die Uhr , die er zu Rathe zog , sagte ihm , es sei erst Zwei . - Also noch volle vier Stunden bis zur Tafel ! Graf Fohrbach hatte abermals die Glasscheibe neben sich geöffnet , das Theaterglas ergriffen und vergebens nach den bewußten Fenstern hinauf geblickt und wollte sich eben wieder zurückziehen , als er von dem Hofe herauf , und zwar dicht unter seinem Fenster , von einem lauten und kräftigen Lachen begrüßt wurde . Aergerlich wandte er den Kopf abwärts ; - wer konnte es wagen , ihn auf so auffallende Art hier in der Ausübung des königlichen Dienstes zu stören ? - Doch hatte er nicht sogleich den , der vor dem Fenster stand , erkannt , als er , selbst lustig lachend , hinabrief : » He , Major , wo kommst du her ? - Hast du am Ende die vortreffliche Idee , mir an diesem wunderbaren Feiertag-Nachmittag etwas Gesellschaft zu leisten , so vergelte es dir Gott , und ich will zu allen Gegendiensten bereit stehen . « » Eigentlich war das nicht meine Absicht , « entgegnete der Andere ; » ich wollte bei dem schönen kalten Wetter eine Promenade machen . Doch wenn es dich besonders freut , so halte ich gerne eine halbe Stunde bei dir an . « Damit ging er dem Eingange zu , verschwand dort , stieg die paar Stufen bis in ' s Erdgeschoß hinauf und trat gleich darauf in das Zimmer . Graf Fohrbach hatte unterdessen einen Fauteuil an die andere Seite des Fensters gerückt , auf welchem sich der Major niederließ , die Beine über einander schlug und seinen Freund lächelnd anschaute . » Es scheint mir , du bist heute guter Laune , Major , « sagte der Graf ; » und es ist gut ; du kannst mich dann ein wenig aufheitern . « » Also bist du verdrießlich ? « » Gott verzeih ' dir diese Frage ! Man sieht , daß du schon lange am Sonntag keinen Dienst gethan hast und nicht mehr weißt , wie unbeschreiblich leer und öde es hier ist ; kein Rappport , keine Audienz für den Herrn , selten ein Besuch für uns , und da draußen Alles bis zum Erschrecken verlassen . Diese Seite des Schlosses ist wie verwünscht : es zeigt sich nicht einmal ein miserabler Fußgänger . « » Dafür aber hast du Muße , die gründlichsten Fensterbeobachtungen zu machen , « erwiderte pfiffig lächelnd der Major . » Und das thust du auch , wie ich sehe , vermittelst dieses unfehlbaren Glases und einer geöffneten Fensterscheibe , bei dieser Kälte den ungeheuersten Schnupfen riskirend . « » O , was die offene Scheibe anbelangt , « versetzte der Adjutant , indem er sie jetzt erst wieder fest zuzog , » so bist du im Irrthum : ich blickte nur nach dir . « » Nach mir ? « fragte der Major . » Und ich mußte dich erst mit einem wahrhaft homerischen Gelächter aus deinen Träumereien aufwecken ! - Nein , nein , lieber Freund ! gib der Wahrheit die Ehre : du hast da oben hinauf geschmachtet ? - Und ich halte das auch verzeihlich und begreiflich . « » Und wenn dem wirklich so wäre , « entgegnete zerstreut der Graf und schraubte sein Glas langsam ein , » so hast du eigentlich Recht , mich darüber auszulachen , denn die Fenster da oben sind den ganzen Tag verschlossen , obendrein dicht mit Blumen besetzt ; da dringt kein Blick hinein . Und wie das Zimmer so auch die Bewohnerin ; das ist nach Goethe wie ein eherner Thurm , zu dem die Besatzung Flügel haben müßte . « » Ja , ja , « erwiderte der Major , und recitirte darauf mit Pathos : » Schön wie der Mond , der einsam wallt , So schön bist du , doch auch so kalt , wie ein anderer Dichter sagt , der übrigens noch kein Goethe geworden ist . « » Es ist eigentlich Unrecht , « fuhr der diensttuende Adjutant mit einem komischen Ernste fort , » mit einer so wunderbaren Figur , einem solch ' schönen Kopfe und so viel Verstand an den Hof zu kommen , ohne ein Herz mitzubringen . « » Laß das gut sein , « versetzte der Andere bedächtig , indem er seinen schwarzen Schnurrbart strich , » da ist ein Herz , und ich wette , ein sehr gutes und edles . Aber es hat sich