die wol auch ihren Stolz haben könnten . Er erzählte von einer Schwester , die ihm gestorben wäre , gar jung und sehr unglücklich , unglücklich , nachdem sie ein paar kurze Jahre überglücklich gewesen wäre . Durch die Liebe glücklich ! sagte er ; denn nicht Gold , nicht Edelstein können ein Weib wahrhaft glücklich machen , sondern nur das Gefühl , geliebt zu werden , und darin wären sie Alle gleich , die Vornehmen und Geringen , die Reichen wie die Armen . Melanie blickte gerührt und sich getroffen fühlend nieder , während sich Jeannette , um ihren Drang , über diese verliebte Salbung laut zu kichern , zu unterdrücken , auf die Lippen biß und immer so that , als wollte sie sagen : Das dumme Ding ist verrückt ! Franchette , sagte er , fuhr Fränzchen fort , du mußt die Welt nehmen wie einen Spiegel , in dem du dich selber betrachtest . Meine Spiegelrahmen machen mich nicht eitel , sondern sagen mir täglich : Sei aufmerksam auf dich selbst ! Wo du irgend etwas erfährst und erlebst , was nicht so beschaffen ist , dir sogleich dein Bild und nur dich , nur dich in voller Reinheit wiederzugeben , da zieh dich zurück , denn es ist Gefahr da . Und wo du etwas erlebst und erfährst und du siehst dich zwar im Geiste leidlich dabei , bist aber nicht so gestaltet , wie du dich sonst lieb hast , gewohnt bist , so fliehe wiederum , denn dann hast du dich zwar nicht schon ganz verloren , aber du bist in Gefahr , es doch für immer zu thun oder eine Gestalt anzunehmen , die nicht mehr deine eigne ist . Himmel ! rief Melanie . Das ist ja ein Pfaff , ein förmlicher Jesuit , der dich katholisch machen will und statt in die Ehe , in ein Kloster praktizirt ! Mir recht ! sagte Fränzchen träumerisch . Aber ich denke Nein ! Er sprach wenig Gutes von Denen , die Alles von der Demuth verlangen ! Er will den Menschen doch recht stolz . Man soll sich nur vor Denen beugen , sagte er noch an dem Abend , die man nachzuahmen wünscht . Wir könnten uns Gott nicht anders vorstellen , als wie einen hochvollendeten , nachahmungswerthen Menschen und deshalb wäre die christliche Religion die beste , weil sie gelehrt hätte , der vollkommenste Mensch wäre Gott . Fränzchen ! Fränzchen ! sagte Melanie . Das klingt nun wieder gar wie Ketzerei . Nimm dich doch ja in Acht ! Der Teufel nimmt allerlei Gestalten an und in diese französische Maske bist du schon so verliebt , daß ich für meine Falbalas fürchte . Mit der Putzmacherei wird es wol aus sein , Fränzchen ! Er wird sich etabliren , dich heirathen und deine Freundin Melanie , die keinen so schönen Franzosen findet , wird nichts zu thun haben , als sich auf ein hübsches Hochzeitgeschenk zu besinnen . Behüte ! antwortete Fränzchen , erglühend und schamgefärbt . Wie könnt ' ich daran denken ? Er hat sie ja noch nicht ein einz ' ges mal geküßt ! fiel Jeannette ein . Das wird schon noch kommen , meinte Melanie . Wenn die Welt dir jetzt ein Spiegel sein soll , der dir immer sagt , wie weit du bei gewissen Veranlassungen gehen kannst , so erleb ' ich , daß du in seinen Augen dich ganz rein und unschuldig erblickst , je näher er dir gekommen ist und jemehr er dich geküßt hat . Er hat gewiß schwarze Augen ? Wie Kirschen ! sagte Fränzchen verschämt niederblickend . Da sieh Einer ! rief Melanie , während Jeannette übermäßig lachte und doch eigentlich von einem gewissen Neide berührt wurde ; wie Kirschen ! Man sieht , daß Ihr schon im Obstgarten bei den Früchten seid ! Da werdet Ihr bald an dem Beete stehen , wo die verbotenen wachsen ! Fränzchen ! Fränzchen ! Dein moralischer Franzos gefällt mir . Kann man ihn nicht einmal hierher bestellen , um uns einen Spiegelrahmen zu machen ? Versteht sich , nicht von der Sorte , wie deine Augenspiegel sein sollen ! Wir haschen ihn dir nicht weg ! Einen ordentlichen Rahmen ? Was ? Fränzchen schien über die Gefahr , ihren neuen Freund zu verlieren , ganz beruhigt und hielt sich bei den Worten des Fräuleins nur an die Möglichkeit , ihm einen Verdienst zuzuweisen . Ich will es ihm sagen , antwortete sie , wenn ich ihn wiedersehe . Siehst du ihn denn nicht täglich ? fragte Melanie . Sie hat ihn seit vorgestern nicht gesehen , die Ärmste ! berichtete Jeannette . O Das ist garstig , sagte Melanie , er vernachlässigt dich schon , nachdem er mit dir eben erst philosophirt hat ? Das darf man nicht , oder man ist kalt oder kokett . Auch die Männer sind kokett , Fränzchen ... Fränzchen schüttelte den Kopf und sagte : Hab ' ich denn Ansprüche auf diesen ? Jeannette malt Alles anders aus , als es ist . Er wohnt im Hause , kommt oft zu Märtens und ist freundlich gegen mich . Das ist Alles ... Wenn ein Mann mit einem Mädchen so philosophisch gesprochen hat , wie dieser Franzos mit dir vorgestern , sagte Melanie , so ist man ein ganz abscheulicher Mensch , wenn man am folgenden Tag sich nicht wieder sehen läßt . Philosophiren , meine liebe Franziska , ist bei allen Männern das erste Capitel der Liebe .. Er konnte nicht kommen , entschuldigte ihn Fränzchen , die in den Verhältnissen ihres Freundes doch schon bewanderter war , als sie sich den Schein zu geben wagte ; ein vornehmer Herr , den er sehr verehrt , war gestern Abend angekommen . Er kennt ihn von Paris und ist die Nacht wol bei ihm geblieben , da er viel mit ihm zu sprechen hätte . Ein vornehmer Herr ? Ein vornehmer Herr ! bestätigte Franziska mit der größten Zuversichtlichkeit . Melanie lachte laut auf . Fränzchen ! rief sie , was bist du für ein armer Tropf ! Gesteh ' es nur , du bist mit dem philosophischen Spiegelrahmenmacher viel weiter , als du sagen willst und der Bösewicht , der des Nachts nicht nach Hause kommt , macht dir Windbeuteleien vor . Sag ' ihm in meinem Namen : Mein lieber Herr ... Wie heißt Er ? Louis ! Louis ? Also schon beim Vornamen ? Fränzchen ! Du bist ein rechter Duckmäuser ! Eine Putzmacherin ! Wie kann man auch glauben , daß eine Putzmacherin mit einem Franzosen nicht weiter kommen wird als bis zum ersten Capitel der Liebe , bis zur Philosophie ! Er heißt Louis Armand , sagte Fränzchen , geängstigt über die Art , wie ihr diese beiden Mädchen zusetzten . Also sag ' ihm nur ! fuhr Melanie fort , die diesen Namen doch schon einmal von Bartusch gehört , aber vergessen hatte ; Monsieur Armand , Das sind Flausen ! Wer ist Ihr Freund ? Ihr vornehmer Freund ? Vertheidigen Sie sich , mein Herr ! Sie bleiben des Nachts aus ! Daran ist eine Nebenbuhlerin , Ihre Untreue , Ihr Wankelmuth Schuld ! Schämen Sie sich ! Er hat ihn mir schon genannt , den Freund ! sagte Fränzchen kopfschüttelnd . Es ist Jemand , den er in Paris kennen gelernt hat und noch in einer andern Stadt , die ich nicht behalten habe . Diesem zu Gefallen ist er nach Deutschland gegangen . Ich wollt ' ihn nicht gern nennen , weil ich dabei an meine Cousinen denken muß , aber es ist Niemand anders als der junge Prinz Hohenberg . Nun werden Sie nicht sagen , daß es Flausen waren ! Denn nach dem Prinzen Egon könnt ' ich mich bei meinen Cousinen leicht erkundigen und Armand wußte ja auch Alles , was ich mit diesen schon vorgehabt hatte ! Kaum hatte Fränzchen den Namen des Prinzen Egon ausgesprochen , als Melanie blutroth wurde und von Jeannetten , die ihre rasch aufgeschossene Neigung kannte , scharf fixirt , aufsprang . Das Kleid , an dem Fränzchen arbeitete , hatte halb auch auf ihrem Schooße gelegen . Sie streifte es rasch von sich , ungeduldig und überrascht den Namen : Prinz Egon ! wiederholend . Der Prinz ist gestern Abend spät von einer Reise zurückgekehrt ? sagte sie . Armand erwartete ihn mit Ungeduld schon seit einigen Tagen , antwortete Fränzchen . Er war in Hohenberg , auf dem Schlosse seines Vaters und hat auch mit Eurem Onkel , dem Förster Heunisch , gesprochen ? O Das wäre ein Glück für den Onkel , fiel Fränzchen lebhaft ein . So wird er in seinem Amte bleiben ! Da er nicht verheirathet ist , der gute Onkel , so hat er mir versprochen , mich zu seiner Erbin zu machen . Doch mag er noch lange leben ! Zu jeder Weihnacht schickt er mir einen Dukaten . Wußte Armand nicht , ob der Prinz in Hohenberg war ? wiederholte Melanie mit großer Dringlichkeit . Davon hat er nichts gesagt , erwiderte Fränzchen . Wo sollt ' er aber anders gewesen sein ? Ich denk ' es mir so . Er ist vor vierzehn Tagen hier von Paris angekommen , hat sich ganz still in einem Gasthofe eingemiethet ... Armand suchte einen Meister seines Gewerbes auf , bei dem er zwei Zimmer miethete , eins zum Wohnen , eins für seine Muster und Proben ... Aber warum wohnt er nicht bei dem Prinzen in seinem großen und prächtigen Palais ? fragte Melanie . Das hab ' ich im Scherz ihn auch gefragt . Aber ganz ernst gab er mir die Antwort : Der Prinz ist mein Gönner ! Vielleicht sind wir sogar Freunde ! Aber es ist besser , daß Jeder in seiner Sphäre bleibt . Die Fürsten wohnen in Palästen und die Tischler in Werkstätten ! Und doch blieb er die Nacht dort ? Vielleicht , weil der Prinz spät ankam . Er wird schon wieder in die Wallstraße No. 14 eine Treppe hoch zurückkommen . Melanie machte jetzt ihrem Besuche im Garderobezimmer ein Ende . Fränzchen , sagte sie zum Abschied , dein Franzos ist ein Phrasenmacher ! Die philosophischen Schwätzer wollen Alles , nur keine ordentliche , gerichtlich bescheinigte , priesterlich eingesegnete Heirath . Sei auf deiner Hut ! Wenn er wieder einen Rosenstrauß aus seinem Hute zieht und nicht wenigstens von Liebe spricht - falls du so großmüthig sein willst , ihm das Heirathen zu schenken - so sag ' ihm nur , solche verblümte Magister hätten wir in Deutschland genug und überhaupt bei einer Putzmacherin müsse man sich mit Winkelzügen in Acht nehmen . Die wüßten sehr bald , was echt und was Flitter ist ! Den Besatz da , Kindchen , setz mir etwas höher ! Wenigstens drei Finger breit ! Verstehst du ? Und nun Adieu und vertragt Euch besser ! Damit ließ Melanie die beiden Arbeiterinnen allein . Fränzchen wird Jeannetten wahrscheinlich den Vorwurf der Indiscretion machen und diese wahrscheinlich einen neuen Beweis ihrer Plauderhaftigkeit dadurch geben , daß sie ihr über den Prinzen Egon und seine hohenberger Abenteuer mancherlei zuflüstern wird , was sie besser thäte , im Interesse ihrer von Sehnsucht und Zärtlichkeit für Dankmar gefolterten Herrin zu verschweigen . Melanie , haltlos , schwankend , aufgelöst , ging in die vorderen Zimmer zurück . Auf allen Uhren des Hauses sah sie , daß es gegen Eins war . Noch immer kein Lebenszeichen von Dem , was in diesen Tagen sie so gewaltig erregt hatte ! Sie litt furchtbar . Sie hatte sich längst darauf gefaßt gemacht , daß irgend eine Verwechselung stattgefunden und dennoch kamen immer wieder neue Anzeichen zum Vorschein , daß jener junge Mann , der sich für den Bruder des Malers Wildungen ausgab , nur Prinz Egon war . Und wenn er es nicht war , so stand er in nächster Beziehung zum Prinzen ! Mit Aufopferung jeder Rücksicht hatte sie ihnen Beiden einen Dienst geleistet , für den sie Anerkennung , Dankbarkeit , Enthusiasmus wenigstens , wenn nicht Liebe verlangen durfte ! Hatte ihre übermüthige Laune auch vielleicht nur die Gelegenheit benutzen wollen , einem eingebildeten lächerlichen alten Herrn einen muthwilligen Streich zu spielen , so war doch das Mitergebniß desselben eine große Gefälligkeit für den Prinzen gewesen . Und von alledem schien nun nichts gewesen zu sein , nichts bot sich zur Wiederanknüpfung dar als höchstens eben die ihr sonderbar klingende Mittheilung , die ihr durch einen Diener vom Parterre herauf gemacht wurde , der Herr Justizrath ließe ihr sagen , sie möchte diesen Abend ihre Gegenwart an Niemanden vergeben als an ihn , sie möchte mit ihm zur Geheimräthin von Harder fahren , die sie kennen zu lernen wünsche ... Im Begriff zur Mutter zu gehen und ihr diese Auffoderung des Vaters mitzutheilen , hörte sie in dem Zimmer derselben laut und angelegentlich sprechen . Die Mutter hatte Besuch . Es war die Stimme eines älteren Herrn , die sie kannte , aber nirgend hinzubringen wußte . Fremden Menschen , die mit ihrer gegenwärtigen Erregung in keiner Verbindung standen , jetzt zu begegnen , war ihr unmöglich . Sie warf sich ungeduldig auf ein Canapé des Nebenzimmers sprang nach einem kurzen Augenblick der Ruhe wieder auf , sah in den Spiegel , sah zum Fenster hinaus , horchte wieder an der Thür , ergriff ein in der Nähe liegendes Buch , las eine Viertelseite , warf es wieder weg und verging fast in der Pein der Ungeduld . Endlich glaubte sie die Stimme des Sprechers zu erkennen . Sie war zu fest , zu feierlich , als daß ihr nicht zuletzt einfallen sollte , wer es war . Sie glaubte sich nicht zu täuschen , wenn sie annahm , daß diese Stimme dem Propste Gelbsattel gehörte . Und obgleich es ihr Religionslehrer und Beichtiger war , so würde sie sich doch nicht entschlossen haben , in ' s Zimmer der Mutter einzutreten , wenn nicht plötzlich die Namen Hohenberg , Fürstin Amanda , Plessener Pfarrei an ihr Ohr gedrungen wären . Jetzt öffnete sie rasch und trat ein . Propst Gelbsattel hatte schon den Hut in der Hand und wollte sich eben von der Mutter , die eine eifrige Besucherin seiner Predigten war , empfehlen . Seiner Absicht , den Justizrath zu sprechen , kam die Meldung entgegen , daß dieser ihn unten bereits erwarte .... Propst Gelbsattel war eine hohe stattliche Figur , wohlgenährt und vom Lampenlicht der Studien seit Jahren schon nicht mehr angedämmert . Er hätte äußerlich durch seine imponirende Würde wol gut zu den Worten Veranlassung geben können : Auf diesen Fels will ich meine Kirche bauen ! Schon längst hatte sich bei ihm die Gottesgelahrtheit mit dem Studium der Welt so verbunden , daß er mehr einem Hofmanne als einem Geistlichen geglichen hätte , wenn nicht sein noch immer schwarzes glänzendes Haar in einen Scheitel gekämmt gewesen wäre , dessen beide gleiche Seiten , ziemlich lang über ' s Ohr gestrichen , gar heilig niederflossen . Dieses einzige Merkmal schlichter Sitte erinnerte an die fromme Bestimmung seines Berufes . Sonst war er von gewandten , wenngleich immer würdigen Weltformen , scherzte mit Grazie , ohne ausgelassen zu werden , sprach über alle Vorkommnisse des Lebens , ohne den Schein übergroßer Vertraulichkeit anzunehmen . Seine Reden hielten Viele für mustergültig . Sie waren nach einem immer gleichen Schema gearbeitet und rafften Mancherlei in die Betrachtung der Kanzel , was weniger mit dem Christenthume , als mit einer allgemeinen Lebensphilosophie überhaupt zusammenhing . Er galt für biblisch , ohne daß er sich im Orthodoxen zu weit erging . Ein leiser Anflug von Pietismus fehlte nicht , ohne daß er darum die Vernunft herabsetzte . Er hatte so seine eigene Art , allen Parteien zu gefallen . Die Vornehmen und Reichen strömten auch seinen Vorträgen , die er wohlweislich nur alle vierzehn Tage hielt , in großer Hingebung zu . Obgleich er bei der ersten alten Pfarrkirche der Stadt angestellt und überhaupt der erste Geistliche der Commune war , so kam doch regelmäßig auch der Hof zu ihm und gab den Ton an , sich allgemein durch Propst Gelbsattel das christliche Gewissen wecken und rühren zu lassen . Aber nicht nur auf der Kanzel war seine Wirksamkeit eine bedeutende , nicht nur durch seine Seelsorge für die vornehme weibliche Jugend und die Beichtbeflissenen behauptete er einen großen Einfluß in der Gesellschaft , sondern ebensosehr auch durch seine rege Antheilnahme an fast jeder Frage , die , in welchem Gebiete es auch sei , das allgemeine Interesse der Residenz in Anspruch nahm . Die Stadt selbst bediente sich seiner zum Entwurfe von Addressen ; denn man bewunderte die Geschliffenheit und lapidare Wucht seines Stils . Der Hof unternahm nie etwas , was artistisch oder irgendwie geistig in ' s öffentliche Leben treten sollte , ohne Gelbsattel zu Rathe gezogen zu haben . Orden schmückten seine Brust , wie einen Minister . In der Verwaltung der Schule und des Kirchenwesens hatte er Sitz und Stimme . Seine Gutachten entschieden über das Schicksal mancher erledigten Professur und ihre neue Besetzung . Ein gelehrtes Werk behauptete er schon lange unter der Feder zu haben , das ihm auch nach einem veröffentlichten Probestück den Eintritt in die Akademie des Landes , die sogenannte » Societät der höheren Wissenschaften « gesichert hatte . Aber nicht nur das Wissenschaftliche und Künstlerische hatte sich diesen hervorragenden Mann zu einer entscheidenden Instanz gewählt , sondern auch in Communalangelegenheiten aller Art war er heimisch , ja bis zur gelegentlichen Begutachtung von Brunnen- und Kanalanlagen . Die Residenz war seine Vaterstadt . Er hatte ihre Alterthümer durchforscht . Er war wirklich im Stande , über die frühere Geschichte derselben kundigst zu sprechen und kannte alle kleinen Heimlichkeiten des Stadtlebens , um auf diesem Gebiete immer etwas Schlagendes , Sach- und Fachgemäßes beizubringen . Kurz man mag den vielen Gegnern , die ein so hochgestellter Herr , namentlich auf seinem kirchlichen Gebiete und neuerdings durch die ihm viel zu üppig auf sein Gebiet eingreifende » innere Mission « finden mußte , auch in vieler Hinsicht Recht geben , darin würde man ungerecht sein , wollte man die gewaltige Rührsamkeit und praktische Umsicht dieses stolzen Kirchenlichtes irgend verkennen . Um Gelbsattel recht schlagend zu bezeichnen , könnte man sagen , der Propst war auf dem Gebiete der Kirche , was der Heidekrüger Justus auf dem der Politik war .. Der große Mann ! Als Gelbsattel sein wildes Beichtkind , Melanie , begrüßt hatte , war er außerordentlich freundlich und drohte ihr recht schelmisch mit dem Zeigefinger , daß sie so selten die Johanniskirche besuchte ... Und noch am letzten Sonntage , sagte er , hab ' ich über die Vergänglichkeit alles Eiteln gesprochen , mein schönes Kind ! Ich war leider , sagte Melanie , an diesem Tage von der Vergänglichkeit meiner Schönheit in einem Orte tief überzeugt , den ich Sie eben habe nennen hören , Herr Propst , in Hohenberg . Kennen Sie Hohenberg ? Denke dir , sagte die Mutter , die Frage unterbrechend .. Guido Stromer ! Er macht wirklich wahr , was er beim Abschied äußerte ... Was ist mit ihm ? Er will in die Stadt versetzt sein . Und Fräulein Melanie , sagte der Propst , ist gewiß das hüpfende Irrlicht , das ihn hierher verlockte . Kann ich zugeben , daß er mir eine so brave Beichtbefohlne raubt und mir wie ein Wolf in meinen Schafstall bricht ? Ein so reicher Hirt ! sagte Melanie . Geben Sie ihm getrost ein Paar von Ihren doch verlorenen Seelen ab ! Ich versichre Ihnen : Er predigt nicht so gut , als er spricht ! Wirklich , gibt es nicht irgendwo eine offne Nachmittagspredigerstelle ? Ich will mich , weil ich Guido Stromer lieb habe , mitten unter die alten Spittelfrauen setzen , die wahrscheinlich doch allein seine Gemeinde bilden werden ? Weil Sie ihn lieb haben ? rief der Propst mit seiner sonoren Stimme . Da werd ' ich eifersüchtig ! Wie ? Meine vernunftklare , durchsichtige , krystallne Melanie will zu einem Pietisten der alten Schule ? Nein , meine kleine Sünderin ! Diese Methode , Sie zu bessern , hat sich überlebt . Pietist ? erwiderte Melanie . Guido Stromer Pietist ? Herr Propst , ich glaube , Sie irren sich ! Der Plessner Pfarrer ist nichts weniger als Pietist . Aha ! antwortete schmunzelnd der freundliche Herr , dessen Falten immer glätter wurden ; vor Ihnen schwankte der starre Dogmatiker ! Haben Sie dochwol nicht unter vier Augen einen Tartüffe , einen » innern Missionär « , in ihm erkannt ? Ich berufe mich auf das Zeugniß meiner Mutter , sagte Melanie . Stromer hatte vor uns Allen kein Hehl , daß über ihn eine ebensolche Revolution gekommen wäre wie über die Staaten . Er hat jetzt entdeckt , daß im Regenbogen wirklich sieben Farben blinken ! Ja sogar die Kunst ließ er gelten und meinte , die griechischen Götter wären zu früh von der Erde verschwunden . Wenigstens vermuth ' ich , daß Das seine Gedanken waren , als er von der Leda hörte oder , wie Se . Excellenz , Herr von Harder , die Dame nannte , von der Lady , und so lange schwieg und grübelte ... Gelbsattel lachte über die Kunstkenntniß des genannten Hofmanns und äußerte dann : Haben Sie Kunstgeschichte mit dem Stromer getrieben ? Machen Sie denn Alles verwirrt ? Die Maler und die Seelenhirten ? Nein , nein , diesen vertrockneten alten Pietisten , der mit der Fürstin Amanda von Morgens bis Abends gebetet hat und sich recht in dem Extreme der Momiers oder wie wir diese Form der Gläubigkeit unter dem Namen der Mucker erlebten , gefiel , diesen sollen Sie mir nicht auf Bilder bringen , die man vom Kunstverein aus Rücksichten ankaufen oder empfehlen muß , schon um die neue , vielgestaltige Melusine in jeder Form ihrer Zaubereien zu haben . Nein , nein , der bleibt in Hohenberg und sorgt dort ein wenig besser für die Schulen , als er bisher gethan hat . Er schreibt von Zerstreuung , unglücklicher Zerrissenheit und Zweifelsucht . Er soll Seidenzüchter werden , wie andre Pfarrer thun ! Brav Maulbeerbäume anpflanzen , Seidenwürmer hegen und Cokons gewinnen ! Die Regierung zahlt ja dafür nicht nur die höchsten Preise , sondern theilt auch Denen , die sich in der Seidenzucht auszeichnen , Medaillen aus ! Ich kann ihm nicht anders schreiben , als : Guido Stromer ! Hübsch Seidenwürmer ziehen ! Doch ich eile zum Justizrath , mit dem ich dringende Geschäfte habe . Und wenn ich nächstens von der Kanzel spreche , hoffe ich Fräulein Melanie mir vis à vis zu sehen . Ich werde über jenen Spruch reden , über den wir uns einmal erzürnt haben , wissen Sie wol noch , Fräulein ? Vor wieviel Jahren war Das ? Erzürnt ? fiel die Mutter ein , die aufgestanden war , um dem Propste das Geleite zu geben ... Lassen Sie sich ' s nur von ihr erzählen ! Dem holden Mädchen ! Sie weiß es schon ! Sie wird ganz roth ! Ganz roth ! Adieu meine Damen ! Ha , ha ! Auf Wiedersehen ! Damit küßte der Propst der Mutter die Hand . Die Tochter litt diese Huldigung nicht , sondern kehrte ihm schmollend den Rücken . Als Gelbsattel hinunter stieg zum Vater , fragte die Mutter , was Das für ein Streit gewesen wäre ? Ach ! sagte sie , ich bin wenig in der Laune , an diese alten Thorheiten zu denken . Ich sollte im Confirmationsunterrichte einmal den Spruch hersagen : Wenn dich die bösen Buben locken , so folge ihnen nicht ! Alle schnatterten , obgleich sie im Geheimen kicherten , den Spruch nach , nur ich weigerte mich und war durch nichts dahin zu bringen , ihn zu wiederholen . Ich glaube gar , ich ging soweit , ihn für einen dummen Spruch zu erklären , da anständigen Mädchen niemals einfallen würde , bösen Buben nachzugehen , wenn diese auch noch soviel lockten ! Darüber gab es denn viel Gelächter von den Mädchen und soviel Zorn von Seiten des Propstes , daß wir hart aneinander geriethen und ich meinen Shawl und Hut nahm und davon lief . Hackert , der mich abholen sollte , wartete schon und wie ich vor Ärger weinte , meinte der in seiner trockenen Art : Es wäre für junge Mädchen doch der beste Spruch in der ganzen Bibel , nur müßten die Pfaffen gleich aufrichtig erklären , daß unter den bösen Buben Leutnants und Referendare zu verstehen wären ! Ich bin damals mit Hackert , der mich in die Stunden bringen sollte , zweimal lieber in ' s Feld hinausgegangen , nur um nicht wieder in die Lage zu kommen , den garstigen Spruch herzusagen . Die Mutter gedachte gerührt , aber auch erschreckt der alten Zeiten ! ... Melanie aber hörte mit Verzweiflung , daß es nun voll ein Uhr schlug ! Neuntes Capitel Ein lutherischer Papst Ehe Propst Gelbsattel mit dem Justizrathe zusammentraf , war dieser schon seit einer halben Stunde sehr mismuthig nach Hause gekommen . Unterwegs hatte mancher den sonst immer freundlichen Justizrath Franz Schlurck gegrüßt , er hatte heute nur kurz und flüchtig erwidert . Die Art , wie ihm ein wildfremder Mann , der sogar von ihm etwas zu wünschen und zu ersuchen hatte , im Hohenberg ' schen Palais begegnet war , lag ganz außerhalb des Kreises der Erfahrungen , die er täglich machte . Er hatte durch die glatte Art , wie sich Menschen , die etwas begehren , gefügig zeigen und von selbst Das aufdrängen , was eine Bestechung sein soll und nur als ein Geschenk geboten und genommen wird , sich eine so heitere , sorglose Auffassung seiner Praxis angewöhnt , daß ihm heute zum ersten male , als ihm das fürchterliche Wort : Schurke ! zugedonnert wurde , das schöne Rosenlicht , das ihn immer umfloß , in Nacht verwandelt erschien . Er tappte auf der Straße hin wie im Finstern . Zwar hatte er noch Geistesgegenwart genug , dem berühmten Arzte , Sanitätsrath Drommeldey , der ihm begegnete und ihm zurief : Ei , ei , Justizrath , was machen Sie , Sie werden alt ! zu antworten : Alt ? Nimmermehr ! Das Altwerden ist eine dumme Angewöhnung ! Und der Arzt , der wie alle Söhne Äskulap ' s mehr das Geistreiche , Witzige , Abgerissene , als das Systematische , Schulgerechte liebte , hatte ihn veranlaßt , diese paradoxe Äußerung rasch , da er zu Egon mußte , den er für sehr bedenklich erklärte , zu beweisen , aber an Das , was er sagte , glaubte er heute selbst nicht . Er hatte gesagt : Nie werd ' ich alt , Drommeldey ! Das Altwerden ist eine dumme Angewöhnung ! Nichts Anderes ! Wir kommen der lahmen und hinfälligwerdenden Natur ja immer auf halbem Wege entgegen ! Nehmen Sie schon in der Jugend ! Der Knabe quält sich förmlich ab , ein Jüngling zu werden ! Er raucht Cigarren , daß ihm grün und gelb vor den Augen wird ! Er bindet sich Cravatten um den Hals und kräht Alt wie ein Hahn , während er noch den reinsten Kanarienvogelsopran in der Kehle hat ! Ist er dann mit Ach und Krach ein Jüngling geworden , so quält er sich schon wieder ein Mann zu sein ! Er will heirathen , solid werden , spricht vom Glück der Ehe und sieht Kinder an der Mutterbrust neben sich und schaukelt schon welche auf den Knieen . Gut ! Dann wird er ein Mann ! Nun will er gravitätisch erscheinen und spricht von seiner Würde . Bequemlichkeit wird die Belohnung seiner Anstrengungen , Brot zu verdienen . Auf den Bällen tanzt er nicht mehr . Mit den gesundesten Schenkeln gebehrdet er sich wie ein Casinogast und spielt Whist . Setzt er sich ans Klavier , so konnt ' er sonst ganz leidlich singen . Er kann es auch noch ; aber aus Bequemlichkeit hebt er nicht mehr die volle Brust , sondern stöhnt und ächzt und läßt die Flügel hängen . So geht Das fort , bis dann natürlich das Alter wirklich da ist und die Natur frohlockt , ihren Sieg über den Geist davongetragen zu haben . Nein , nein , Doktor , sagen Sie ' s allen Ihren Patienten ! Das Alter ist nichts als eine dumme Angewöhnung . Das war so flüchtig und schalkhaft von ihm hingesprochen worden und der Arzt hatte darüber gelacht und sich ' s als Anekdote gemerkt - er heilte viele seiner Patienten mit Anekdoten - aber Schlurck hielt heute seiner eigenen Laune nicht Stand . Er knickte und sank recht erschöpft in seinem kleinen dunklen Arbeitszimmer in einem grünsaffianen Lehnsessel zusammen . Das empörende Wort des Fremden hatte ihn zusammengerüttelt , wie er sich selbst sagte , gleich einem alten Sack Nüsse . Das rasselte ohne Halt hin und her . Das lärmte wol und war eine Art Widerstand , aber schlaff ! schlaff ! sagte er sich . Ich konnte ihm nicht an die Kehle fahren , denn ich war ein Esel gewesen mit meinem : Jährlich ? Warum ließ ich nicht Bartusch etwas abmachen , wozu mir im Grunde das Geschick fehlt ! Und wenn ich auch nicht das wahnsinnige : Jährlich ? geflüstert hätte , besäß ' ich denn die Kraft , ihm den Schurken zurückzuschleudern ? Nein ! Der Witz macht schwach , nur Pedanten haben Kraft . Bartusch hatte seinem Principal eine Menge von Papieren vorzulegen , die er ohne langes Besinnen und Prüfen unterschrieb . Er bereitete jenen dann auf den Empfang Ackermann ' s vor und erzählte zu Bartusch ' s großem Erstaunen in der Hauptsache Das , was er im