zu folgen ; man fragte der Stunde ihrer Abfabrt nach ; es schien ein Festzug . Eine Karosse mit rothem Himmel - ein Vorrecht der Familien höchsten Ranges - hinter der anderen rollte auf dem großen Wege nach dem Schlosse . Der Prinz von Courtenaye bat beim Könige zur Zeit der Audienz-Stunde für die Marschallin von Crecy um Gehör . Der Prinz , der , gerade im Dienste , sich diesem Auftrage unterzog , hatte einigen Blicken Ludwigs zu begegnen , die ihn unruhig machten . Der König fragte nach dem Inhalte des Audienz-Zimmers - wie man dies zu nennen pflegte . Herr von Courtenay nannte die ersten Namen des Landes . » O , « sagte der König , mit einem stolzen Lächeln - » der ganze Zirkel ! - Sie sehen , « fuhr er fort , sich zu einem Geistlichen wendend , der im Hintergrunde stand , » man hat uns einen Platz in der letzten Scene des Trauerspieles zugedacht . « - Dieser Geistliche war Fenelon , der Erzbischof von Cambray . - » Mein Herr , « sagte der König darauf zum Prinzen - » die Versammlung ist uns genehm ; wir werden sie später empfangen . « Herr von Courtenaye wußte jetzt gewiß , daß der König in Zorn war . Als er , ganz bleich vor Schrecken , in das Audienz-Zimmer trat , erschien am anderen Ende die Marschallin mit eben so verändertem Gesichte . Sie hatte Madame de Maintenon ihre Aufwartung machen wollen , welche sie von fern in einem Damenkreise auf der großen Terrasse lustwandeln sah ; der meldende Lakay brachte aber die Antwort zurück : die Frau Marquise wären beschäftigt und könnten die Frau Marschallin nicht empfangen . Die Marschallin traute ihren Sinnen nicht ; die anwesenden Damen , die sie wie ein Hofstaat begleiteten , wurden außerordentlich verlegen ; und als sie das Audienz-Zimmer erreichte , war von dem früheren Gefolge Niemand an ihrer Seite . Welche qualvolle Stunde folgte jetzt ! Den Fremden schien der Abend heran zu nahen , die Einheimischen starben vor Neugierde und Ungeduld ; immer mehr wuchs der Kreis , die Feinde der Marschallin rückten an . Sie wußte genau , daß sie herbei gerufen waren ; selbst Souvré war so überrascht , daß ihm das Nachdenken darüber seinen gewöhnlichen Witz kostete . - Da öffneten sich die Thüren ; die dienstthuenden Cavaliere schritten voran , dann kamen die Prinzen des Hauses ; Alle stellten sich an der Thür auf . Man sah in dem Saale zunächst den König daher kommen , langsamen Schrittes , mit der imponirenden Würde , die von einer ihm , im hohen Mannesalter , noch treu bleibenden Schönheit gehoben ward . Die daraus hervorgehende , vollständige Anmuth der Bewegungen machte ihn zu dem Vorbilde , welches er für ganz Europa war . Etwas hinter ihm , an seiner linken Seite ging Fenelon , der Erzbischof von Cambray ; Ludwig sprach zu ihm mit dem Wohlwollen und der feinen Hochachtung , die Alle , die es erfuhren , berauschte . Die Marschallin fühlte , daß ihre Knie bei Fenelon ' s Anblicke schnell zusammen schlugen ; heftig richtete sie sich nur noch gerader in die Höhe ; Souvré schien ihr Platz machen zu wollen - er zog sich noch weiter zurück . Athemlos harrten die Anwesenden , bis der König die Schwelle überschritten ; in demselben Augenblicke setzte er einen kleinen Hut auf , den er unter dem Arme trug , nahm ihn nach einigen Sekunden ab , grüßte die Versammlung und setzte ihn dann wieder auf . » Die Gemeldeten haben den Vorrang ! « rief der Prinz von Courtenaye . Das war der entscheidende Moment ! Aus der Masse lösten sich die Bezeichneten und naheten , in einen Kreis sich stellend . Rechts , dem Könige zunächst , hatte die Marschallin mit dem kühnsten Muth ihren Platz eingenommen . Ludwig grüßte noch ein Mal , indem er den Hut einen Augenblick abnahm , dann redete er den Grafen Villeroi an und schien Heiterkeit und Wohlwollen zu athmen , wenn auch nie die imponirende Wichtigkeit des Königs dabei zu vergessen war . Wer hätte ihn aber nicht lieben müssen , als er sich der alten achtzigjährigen Herzogin von Gêvres nahete , die , an einen goldenen , mit Juwelen verzierten Krückenstock gelehnt , herbei gekommen war , dem Könige für eine ihrem Enkel erwiesene Gnade zu danken . Mit dem Hut in der hocherhobenen Hand stand der König vor der alten munteren Frau , die ihr dankbares Herz mit der größten Lebhaftigkeit vor ihm ausströmen ließ . Er schalt sie dagegen mit einer hinreißenden Güte , daß sie gekommen war , und rief mit lauter Stimme : » Ein Tabouret ! ein Tabouret ! « und als es herbeiflog , rief er noch ein Mal : » Mein Bruder - ein Tabouret ! « Monsieur verstand dies augenblicklich und legte herbeieilend die Fingerspitzen daran , während der König der alten , in Wonne strahlenden Matrone den Arm gab und sie niedersitzen ließ ; dann begrüßte er den harrenden Kreis weiter . Aber trotz dieser weichmüthigen Scene ließ sich Niemand über die Stimmung des Königs täuschen . Er hatte einen kleinen , rothen Fleck unter dem rechten Auge , und Jeder wußte , daß er über etwas in Zorn gewesen . Schon bezeichnete man den Gegenstand desselben ; denn der König war an der Marschallin von Crecy vorübergegangen , ohne sie zu begrüßen . Die Audienz , welcher der übrige Hof bloß als Zuschauer beiwohnte , war bis auf die Marschallin und Souvré , die der König nicht angeredet hatte , vorüber . Der König richtete sich stolz empor und rief : » Meine Prinzen , ich glaube , Sie haben Ihre Bekannten in diesem Kreise . « Das war ein Zeichen , daß der König fertig war . Der Prinz von Courtenaye durfte in diesem Augenblick , im Falle der König Jemanden übersehen hatte , die Personen bezeichnen . Er trat vor und nannte die Marschallin und Souvré ; der König neigte kaum merklich das Haupt , und die Marschallin trat vor , allein noch von ihrem Zorne Kraft erhaltend . » Madame , « begann der König , den Hut gleichgültig abnehmend und die Hand damit niederhängen lassend , welches ein niederer Grad von Attention war - » wir bedauern um so mehr , Sie erst so spät zu begrüßen , da wir Ihnen eine Mittheilung machen können , die für Sie allerdings von großer Wichtigkeit ist . Wir haben auf die Bitte Ihres Sohnes , durch den Herrn Erzbischof von Cambray vermittelt , den jungen Mann begnadigt , der , unter dem Namen Chevalier Ste . Roche , ein beklagenswerthes Opfer der Verirrung ward , die , wie ich denke , Andere mehr , als er selbst verschuldet . « » Sire , « sprach die Marschallin mit gehobener Stimme - » ich harrte hier mit derselben Bitte um Gnade ! Nicht Rache an dem Uebelthäter kann das berühmte , erlöschende Geschlecht der Crecy-Chabanne retten ; - wir suchten nicht Sühne durch Blut ! « » Das ist uns lieb zu hören ! « erwiederte der König , mit unerschütterlicher Kälte ; - » wir werden es , Madame , unserer Frau Schwägerin melden lassen . Sie hat uns diesen Morgen ersucht , die Frau Marschallin ihres Dienstes als Oberhofmeisterin entheben zu dürfen . « » Sire , « rief die Marschallin - » ist Unglück , wie es unser Haus verfolgt , ein Grund , uns zu entehren ? « » Madame , « sagte der König - » vergessen Sie Ihre Stellung nicht ! Unglück fand in uns Schutz und Hülfe ; wir beweisen es , indem wir den jungen Mann begnadigen , der durch unerhörte Vergehungen um Alles betrogen ward , was wir an irdischem Besitze zu schätzen haben : um rechtmäßige Ansprüche an einen vornehmen Namen und den damit verknüpften Besitz großer Reichthümer ! « » Mit Schmerz sehe ich , « entgegnete die Marschallin , noch immer ungebeugt - » daß meine Feinde Zeit hatten , mich zu verdächtigen ! Ich darf es sagen , Euer Majestät sind falsch berichtet ! « Der rothe Fleck auf Ludwigs Wange begann zu leuchten , das strahlende Auge des Königs durchbohrte die Marschallin . » Falsch berichtet ? « rief er ; - » hüten Sie sich , Madame , und wissen Sie , daß Ihr eigner Sohn und der Erzbischof von Cambray unsere Berichterstatter waren ! « Die Marschallin wankte zurück . - » So wahr ich König von Frankreich und Nachfolger des heiligen Ludwigs bin - wäre der unglückliche Jüngling nicht so öffentlich eines Mordes bezüchtigt gewesen , ich würde hier ganz anderes Recht geschafft haben ! - Und Sie , Madame , die Sie fortan außer Zweifel sein werden , daß wir unterrichtet sind , wie Sie bis dahin uns zu täuschen wagten - Sie , denke ich , werden dem Minister der Polizei bis heute Abend anzeigen , welches Kloster , zwanzig Meilen von Paris entfernt , Sie zu Ihrem Aufenthalte gewählt haben . « Die Marschallin wankte hin und her ; sie wollte noch reden . Der König setzte den Hut auf und wendete sich ab ; in demselben Momente war die Marschallin , von den Hofleuten verdeckt , zurückgedrängt ; sie schritt steif und fest durch alle Säle , stieg in den Wagen mit rothsammetenem Himmel und sagte kaum hörbar : » Nach Moncay ! « » Nun , Herr von Courtenaye , « rief der König dem Prinzen zu ; - » was giebt es noch ? « Der Prinz hatte kein Wort gesagt . » Ah ' , ich verstehe , « sagte der König - » der Marquis de Souvré ! Sagt ihm , die Luft am Hofe passe nicht mehr für ihn . Wir glauben , er wird sich in England besser befinden ; wenigstens wird seine Korrespondenz mit Wilhelm von Oranien dann geringere Schwierigkeit haben ! Sein Name fällt unangenehm in unser Ohr ! « Souvré , der von Niemandem geliebt und geachtet war , selbst in dem Sinne , wie es bei Hofe gilt , wartete nicht , bis man ihn aus dem Salon stoßen würde . Er hatte schon lange das Versprechen , in England Schutz zu finden , wenn seine Spionerien entdeckt würden ; er eilte nach dem Hotel Crecy , wo er wohnte , um seine Reise sogleich anzutreten . Die Polizei empfing ihn , seine Papiere waren in ihren Händen . Nach einem kurzen Prozesse beschloß er sein Leben in der Festung Rochefort . Der Erzbischof von Cambray eilte nach Beendigung der Audienz durch die Gemächer des Königs nach einer offenen Gallerie , die in den Garten von Versailles führte . Bald sah er den Gegenstand , den er suchte . Auf zwei Diener gestützt , versuchte Leonin , Graf von Crecy-Chabanne , ihm entgegen zu eilen . Der großmüthige Fenelon beschleunigte seine Schritte und hielt , die Seelenqual des Unglücklichen abzukürzen , mit freudigem Antlitz ein Pergament hoch in die Luft . » Begnadigt ! begnadigt ! « - rief er - » schließen Sie jetzt Ihren Frieden mit Gott ; Ihr König verzeiht Ihnen ! « Leonin stieß einen ächzenden Seufzer aus ; Fenelon schloß ihn an seine Brust . - Wenige Tage später erschien um Mitternacht vor den Thoren der Bastille ein verschlossener Reisewagen , mit einer kleinen Eskorte Bewaffneter in einfacher grauer Reisetracht . Nach Abgebung der Parole fuhr der Wagen in den innern Hof . Ein Herr , in seinen Mantel gehüllt , stieg aus und ward nach Reginald ' s Zimmer geführt . » Mein Herr , « sprach er , sich vor Reginald verneigend - » ich bin beauftragt , Sie laut Befehl des Königs hier wegzuführen ! « » Wegzuführen ? « rief Reginald ; - » ist mein Prozeß entschieden ? « Reginald war fünfundzwanzig Jahr ; er hatte ein Jahr hinter den Mauern der Bastille geschmachtet . Luft ! Luft ! - eine Wiese - ein Baum - eine Blume nur ! seufzte seine schmachtende Seele . Jetzt sollte er fort - diese Mauern verlassen - aber zu welchem Zwecke ? Sollte sein Todesurtheil vollstreckt werden ? Sollte eine neue Festung ihn umschließen ? Fenelon hatte seinen Schüler in dieser schweren Zeit nicht verlassen ; er hatte das Gefühl der Unschuld in ihm verstärkt , da er das Gefühl des Unglücks nicht aus seiner Seele nehmen konnte . Er stellte ihn klar zum Leben , in der geheimen Hoffnung , ihn für dasselbe wieder zu gewinnen . Von der Jugend unterstützt , konnte er in freier Thätigkeit , im Fleiße , in nützlicher Bestrebung , nach und nach das Leben sich ihm erhalten denken . » Ihr Prozeß ist entschieden , « erwiederte der Herr - » und ich bin Ihnen hoffentlich keine feindliche Erscheinung . « Reginald erkannte Herrn von Mauville . » O , nein ! « rief er lebhaft - » Sie waren vom ersten Augenblick an mein guter Engel ! « - » So folgen Sie mir auch jetzt voll Vertrauen ! « - In kurzer Zeit war Reginald zur Abreise gerüstet ; Beide bestiegen den Wagen . Die Thore von Paris lagen weit hinter ihnen , als der Morgen anbrach . Da erblickte Reginald bei den ersten Strahlen der Morgensonne die lang ersehnte Natur . Der Eindruck war überwältigend ! Mit trunkenen Blicken sog er einige Minuten die Gegenstände ein ; dann wendete er sich zu Herrn von Mauville , der mit antheilvollem Ausdrucke der Züge den schönen blassen Jüngling betrachtete . Den liebevollen , väterlichen Blick erkennend , warf Reginald sich laut weinend an seine Brust . Fremde Arme umschlangen den Jüngling ! Er hatte von allen reichen Liebesbanden , die ihn seit seiner frühesten Jugend umgaben , Nichts behalten , als seinen Richter , der ein Mensch war ! In einer Hafenstadt machten die Reisenden Abends Halt . Reginald schlief einen langen , erquickenden Schlaf . Am anderen Morgen fand er Herrn von Mauville in besonders feierlicher Stimmung . » Bis hierher , « sprach dieser , » habe ich mich verpflichtet , Sie zu begleiten , theurer junger Mann ! Man hat mich durch das Vertrauen geehrt , mit dem man mir die Vollziehung dieser Maaßregel überließ . Der König hat Sie begnadigt ! Sie sind frei ! Der Erzbischof von Cambray hat mir diesen Brief für Sie mitgegeben ; er wünscht , daß Sie von Ihrem Vaterlande , bis auf die Erinnerung , Abschied nehmen mögen ! Er fordert Sie auf , keine Verbindung mit demselben zu unterhalten , selbst der brieflichen Mittheilungen zu entbehren . Nur so , glaubt er , kann es Ihnen gelingen , ein neues Leben zu beginnen . Ihr Vater - « » Mein Vater ? « rief Reginald , und eine glühende Wallung zeigte sich auf seiner Stirn . » Mein Vater wird den Wunsch meiner gänzlichen Vernichtung , der Beraubung aller Bande , die dem Menschen heilig und theuer sind , und ihn an sein Vaterland knüpfen , unterstützen ! Er hat von mir Nichts mehr zu fürchten ! Da ich es aufgeben mußte , für meine heilige Mutter Gerechtigkeit zu fordern , so hört für mich jeder Anspruch an ihn auf ! « Wehmüthig blickte Herr von Mauville den Jüngling an . Er wußte ihm wenig zu sagen und fürchtete sein zürnendes Gefühl durch Widerspruch noch heftiger zu erregen . » Der Graf Crecy war es , « fuhr er sanft fort - » der , durch die Vermittelung des Erzbischofs von Cambray , dem Könige das ganze Geheimniß Ihrer Geburt , Ihres traurigen Geschickes entdeckt ; - und so dürfen Sie sagen , ist Ihrer Mutter Recht geschehen ! « Reginald ' s erglühtes Auge ruhte einen Augenblick voll Befriedigung auf Herrn von Mauville . » So mag ihm Gott verzeihen , wie ich ihm verzeihe ! « rief er plötzlich tief bewegt . » Darum sollte ich Sie bitten ! « sagte Herr von Mauville ; - » der unglückliche Vater fühlte keinen Muth , dem tief beleidigten Sohne selbst zu nahen . « Reginald verhüllte sein Gesicht mit beiden Händen ; Fennimor ' s Sohn weinte über den unglücklichen Vater . » Sagen Sie meinem Vater - sagen Sie ihm « - » Daß Sie ihm verziehen haben ! « ergänzte Herr von Mauville die schluchzend herausgestoßenen Worte des Erschütterten . » O , welch ' ein Wort gegen einen Vater ! « seufzte Reginald . » Sagen Sie ihm , daß ich gedenken wolle , er habe einst meine Mutter geliebt ; - daß ich ewig gedenken will , wie er mich mit Sorgfalt erziehen ließ und wie viel Liebe er mir bewiesen . Aber wenn ich voll Schmerz zugleich behalten muß , wie er den Lockungen der vornehmen Welt mit ihren empörenden Anforderungen und erlogenen Rechten erlag , so sagen Sie ihm , daß ich ihr einen tiefen , unversöhnlichen Haß geschworen ; daß ich seine unnatürliche , entmenschte Familie hasse , und daß es mein Stolz sein soll , sie zu verläugnen und mich nicht mehr zu ihr zu zählen ! « » Ich darf Sie nicht fragen , wohin Sie zu gehen gedenken , « entgegnete Herr von Mauville ; - » meine Bestimmungen lauten , dies nicht wissen zu wollen . Aber ich bin ein alter Mann ; Sie sollen ihr Vaterland nicht verlassen , ohne den Segen eines Herzens , das Sie lieb gewonnen hat , wie einen Sohn . « Reginald stürzte an seine Brust ; Herr von Mauville segnete ihn in tiefer Rührung mit einer erschütternden Fülle hochherziger Worte . Dann entriß er sich plötzlich seiner Umarmung und enteilte dem schmerzlich bewegten Jünglinge . Lange blieb Reginald regungslos auf seinem Platze . Wir können sagen , er erlebte einen großen Entwickelungs-Moment . Von allen Seiten nahete sich das Vorbereitete und ward zum Bewußtsein , das schnell die neue Form des Daseins bildete , und sie mit dem Inhalt einer ernsten , männlichen Erkenntniß erfüllte . Aber dessen ungeachtet seufzte das junge Herz : » Du bist allein ! « Als der Abend sank , redete ihn in schüchternen Lauten eine bekannte Stimme an ; erschrocken fast sprang der Einsame auf . Es war sein treuer Kammerdiener , der sich ihm zu Füßen stürzte : » Nehmen Sie mich mit , gnädiger Herr ! Verstoßen Sie mich nicht , sonst bricht mir das Herz ! « » Wie , « rief Reginald ; - » Du willst den Verstoßenen - den Verbannten begleiten ? « - » Ja , Herr , bis in den Tod ! Laßt mich nicht zurück , ich überlebe es nicht ! « - » So komm mit ! « rief Reginald , und ein warmes Gefühl durchströmte sein Herz . Er war nicht mehr allein ! Die Reise war von dem sorgsamen Diener mit einer Umsicht vorbereitet , die seine Instruktionen verrieth . Als Reginald in den Wagen stieg , überreichte ihm der Kammerdiener ein Portefeuille ; es enthielt ein bedeutendes Vermögen in Wechseln und Gold . Auf dem Umschlage standen die Worte : Das Vermögen von Fennimor Lester , verehelichten Gräfin Crecy-Chabanne . Schaudernd verschloß Reginald die verspätete Urkunde der Gerechtigkeit . - » Hörtest Du nie von Emmy Gray ? « fragte Reginald später . » Es sei die letzte Frage über die Vergangenheit ; aber ich muß sie beantwortet haben , ehe ich das Land verlasse . « - » Sie lebt - aber sie hat der Welt unerlöschlichen Haß geschworen ; auch Euch wollte sie nicht wiedersehen ! Der Herr Graf von Crecy lassen für sie sorgen , wie für eine Prinzeß . « - Reginald änderte jetzt seinen Namen und blieb von da an verschwunden . Alle Bemühungen , ihn aufzufinden , scheiterten , wie wir es bereits wissen . * * * Wir wollen zu einer anderen Zeit dem Eindrucke nachfragen , den die Erzählung des Marquis d ' Anville auf seine Zuhörer machte ; näher liegt uns das junge Fräulein , das wir , von dem Arzte zu Madame St. Albans Hilfe herbeigerufen , in dem Vorflure des kleinen Thurmes verließen , der in die Zimmer der Mistreß Gray führte . Trotz dem , daß der Arzt sie berufen , schienen dennoch über ihren Eintritt Schwierigkeiten obzuwalten ; denn Elmerice hatte hinreichend Zeit , das ergreifende Schauspiel eines mit heftigen Ausbrüchen wild über die Erde dahin ziehenden Gewitters zu beobachten , und erst , als eine gleichmäßig graue Wolkenlage einen frühen Abend herbeiführte , und der niederfallende feine und warme Regen die erschreckte und zerrissene Vegetation zu heilen schien , trat Asta zu der Harrenden und flüsterte ihr zu : » Bald ! bald ! « Elmerice fühlte ihr Herz aufwallen ; sie trat der Eingangsthüre näher und athmete bedürftig den Duft , der aus tausend kleinen , erquickten Kelchen balsamisch zu ihr aufstieg . Ihre Augen wurden naß , trotz dem , daß sie sich innerlich über eine Empfindung schalt , die ihr durch Nichts motivirt schien . Sie ward ungeduldig und wünschte um so lebhafter , in den bangen Zauberkreis eingeführt zu sein , den sie bald zu überwinden dachte durch Dienste , die sie leisten wollte . Auch sollte ihr Wunsch jetzt erfüllt werden . Asta war zurück geschlichen , mit ihr erschien der alte Arzt und führte sie stumm und leise durch die breite Flügelthüre , die sich geräuschlos in den Angeln drehte . Obwol ein hoher , lang ausgestellter Schirm die Uebersicht des Zimmers hinderte , sah Elmerice doch an der weit ausgebreiteten Decke , daß sie in ein ungewöhnlich großes Zimmer trat . Der hohe Schirm bildete , wenige Fuß von der Wand abgestellt , einen verdeckten Gang , und als sie ihn , hinter dem Arzte hergehend , zurückgelegt , sah sie sich vor dem Bette der Madame St. Albans , die , auf Kissen gestützt , leise stöhnend darin ausruhte . » Ach , Kind , Kind , ich habe es nicht gewollt , daß man Dich rief ! « schluchzte Madame St. Albans leise . » Du armes Kind , wärest Du doch bei Deiner Gräfin geblieben ! Was kommt nun Alles über Dich ! Zwei Leichen wird es in kurzer Zeit geben ; denn weder sie , noch ich , Keine von uns Beiden übersteht die Leiden ! « » Darum gerade ist es gut , daß ein Gesunder bei Euch ist , « erwiederte Elmerice freundlich , - » Ihr sollt bald erfahren , was gute Pflege thut . « » Ach , « sagte Madame St. Albans , fast verdrießlich , - » seid nicht so höflich mitten in dem Elende ! Das kann Euch nicht von Herzen gehen ; und ich habe nie den Leuten getraut , die so sehr höflich waren . « Grämlich lehnte sie sich in die Kissen zurück , als wolle sie Ruhe haben . Elmerice wendete sich ab , wenig ermuthigt durch diesen Empfang , und sah in das Antlitz des alten Arztes , der , wie es schien , kaum ein lautes Gelächter bezwang . » Da habt Ihr ' s ! « sagte er , sie gegen eins der hohen Fenster führend , das mit dem Bette der Erzürnten in einer Reihe lag und eins der vier großen , breiten Fenster war , die diese Seite des Riesengemaches einnahmen . » Aber , « fuhr er fort , - » daran müßt Ihr Euch gewöhnen ; ich habe lange gezaudert , ehe ich Euch zu diesen verrückten Weibern herbeschied ; denn die Albans ist eine so kleine , jämmerliche Seele , die sich Wunder wie klug deucht , wenn sie Anderen nichts Gutes zutraut . Ich sage , solche sogenannte stille Leute , die immer thun , als wollten sie mit keinerlei Art von Verdienst in die Schranken treten , das sind innerlich die Tollsten , die sehen auf Alles mit Verachtung , was sie nicht verstehen ; ihr Hochmuth macht sie bösartig . « » Obwol ich Madame St. Albans bloß für launisch und nicht für bösartig halte , « sagte Elmerice - » habe ich doch von ihrer Weise schon manche Erfahrung gemacht , die mir jetzt zu Hilfe kommen wird . « » Nur nicht zu gut , mein Kind ! Schreit sie ein Paar Mal tüchtig an , das hilft mehr , als nachgeben . Bleibt Ihr immer sanft und freundlich , das versteht so ein Gemüth nicht . Weil sie selbst schreien und heulen würde , wenn man sie behandelte , wie sie Anderen thut , so hält sie Jeden , der es hinnimmt , für seiner Schuld überführt oder für falsch . « » Und doch , « lächelte Elmerice , belustigt von dem alten , klugen Manne , - » doch muß ich schon bei meiner Weise bleiben ; es ist nicht so wichtig , daß sie mich versteht ; aber ich würde mich selbst nicht verstehen , wenn ich ihr eben so erwiedern wollte , wie wir es ja an ihr nicht billigen . Ich werde weniger dadurch verletzt , wenn ich nicht darauf eingehe , und muß es leiden , wenn sie mich deshalb falsch schilt . « » Ja , ja , « sagte der Alte , sie wohlgefällig anblickend , - » es giebt auch solche Weiberherzen ! Ich kann sie wohl leiden , wenn ich dagegen den Anderen gern etwas auf den Leib hetze . Nun , mein Kind , ich werde zusehen , wie sie ' s machen , und komme schon zu Hilfe . - Jetzt will ich Euch sagen , daß Keine von den Beiden sterben wird , wenn sie im Bette bleiben ; aber sehet , sie sind so krumm gezogen , so voll Gliederschmerzen , daß , wenn sie da nicht bleiben , ich für Nichts einstehen kann ; denn alle Augenblicke wird es entzündlich , und die Alte liegt immer im Fieber . Das hält Einer in den Siebzigern auch nicht lange aus , wenn er gleich solchen Riesenkörper hat , wie sie . Bedurfte nun die Alte Etwas , was Asta nicht zu besorgen verstand , dann stand die Albans auf und that es ; und da blieb die Geschichte , wie sie war , und Beide kommen mir von Kräften und können daran sterben . « » Und hofft Ihr denn , lieber Herr , « rief hier Elmerice , angenehm überrascht , » daß Mistreß Gray sich von mir wird pflegen lassen ? « - » Davon kann vorerst bei Tage nicht die Rede sein ; denn sicher litte sie es nicht . Aber sehet , in dem großen Himmelbette , da wird sie Euch nicht so bald entdecken , und nun ist Euer Geschäft , wenn ich nun doch einmal über Euch bestimmen soll , der Asta beizustehen , damit die Frau dort zu Bette bleiben kann , wenn es heißt , Umschläge kochen , Suppe oder Thee brauen , Wäsche wärmen , und was sonst noch vorfällt am Krankenbette . Asta ist klug genug , es der Alten beizubringen ; aber vorher will doch immer noch eine andere Hand dabei sein . - Und dann , mein Kind , des Nachts , da werdet Ihr zuweilen die Aeuglein aufhalten müssen ; da tritt bei der Alten das Fieber ein , dann will sie aus dem Bette und redet Manches , worauf Ihr Nichts geben müßt ; doch in dem Falle wird sie nicht merken , daß Ihr eine Fremde seid , und Ihr werdet sie beruhigen und im Bette festhalten können ; denn sie ist schwach wie ein Kind . Der Frau aber da deutet an , ihre unnütze Geschäftigkeit wäre verboten ; und weil Ihr entschlossen seid , von ihr zu leiden , so duldet ihren Widerspruch , aber haltet sie im Bett ; ich werde dem Allen den gehörigea Nachdruck geben . - Und so segne Euch Gott , mein Kind ! « fuhr er fort , und strich plötzlich mit der Freiheit eines alten Mannes ihr die Locken von der Stirn , und betrachtete sie zurückgebogen einen Augenblick mit seinen forschenden , runden Augen . Dann schüttelte er den Kopf und trat wieder an das Bett der Madame St. Albans . » Frau , « sprach er - » betragt Euch jetzt vernünftig ; ich habe Euch hier nicht das arme Fräulein hergeholt , daß Ihr an ihr Eure Launen und Tücken auslaßt . Was sie Euch sagt , müßt Ihr thun ; denn das ist mein Wille , sonst könnt Ihr ins Gras beißen , und Herr Albans heirathet eine Andere . Na , das dachte ich wohl , nun geht das Weinen an ; auf dem Punkte sind wir sehr empfindlich ! Nun , ich sage Euch ja , thut , was ich von Euch fordere , und Ihr sollt tanzend und springend zum Herrn Gemahl zurückkommen ! « Ohne die schluchzende Entgegnung der Beleidigten abzuwarten , kehrte er sich um , und Elmerice , die noch immer an dem Fenster lehnte , sah mit Herzklopfen , wie er die Vorhänge des Bettes zurückschlug , in welchem die geheimnißvolle Alte ruhte . » Schickt die Ellen nach Haus , Doktor ! « sagte eine rauhe , heisere Stimme ; - » ich höre sie schon wieder schluchzen ; ich will das lästige Weib nicht mehr um mich haben . « » Zum nach Hause schicken gehören Zwei : Einer , der schickt , und Einer , der geht ; zum Gehen aber gehören Beine , und die hat Ellen jetzt nicht ; denn sie liegt lang aus , und hat das Gliederreißen , wie Ihr . « » Daß Gott erbarm ' ! Warum kam sie denn her , wenn sie nicht besser war , als ich selbst ? « » Seid